Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Monat: März 2019 Seite 1 von 2

Das Zweite Reich 1871 – 1918

Titelbild: Dieses Wandgemälde von Carl Steffeck von 1884 zeigt den französischen Generaladjutanten Reille bei der Überbringung der Kapitulation von Napoleon III bei der Schlacht von Sedan am 2. September 1870


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Nachdem Österreich-Ungarn durch den Krieg von 1866 und die Niederlage von Königgrätz an den Rand innerdeutscher Politik gedrängt worden war, übernahm Preußen die Führung der deutschen Staaten, die noch immer mehr als ein Dutzend zählten. Auf der Karte waren die Änderungen geringfügig; die Geografie des “Deutschen Bundes” wurde durch das Verschwinden Österreichs unglücklicher Verbündeter kaum verändert. Wichtigere Änderungen traten im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der deutschen Staaten auf, insbesondere im kritischen Bereich der Zollunion. Trotz fortschreitender Industrialisierung, in der direkte Steuern immer wichtiger wurden, waren Zölle nach wie vor ein großer Teil der staatlichen Einkommen.

Linguistische Karte um 1870
Linguistische Karte um 1870 mit den Grenzflüssen des “Liedes der Deutschen” von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, geschrieben am 26. August 1841

Der Deutsche Zollverein war im 19. Jahrhundert stetig gewachsen, ausgehend von seinen profanen Ursprüngen als Gemeinsamer Preußischer Zolltarif von 1828; später umfasste er die süddeutschen Königreiche Bayern und Württemberg und das Großherzogtum Baden und nachdem Österreich 1867 aus dem Bild gefallen war, trat der Großteil des Restes der deutsche Staaten bei; die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Mecklenburg und das Königreich Hannover. Im Jahr 1869 waren die geografischen Grenzen von Zollverein und Deutschem Bund nahezu identisch. Durch ein kleines Update der politischen Struktur wurde der Deutsche Bund in “Norddeutscher Bund” umbenannt; der einzig bedeutsame Unterschied war die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer im Alter von über einundzwanzig Jahren.

Erstaunlicherweise deckten die ersten Wahlergebnisse unter den neuen Bedingungen eine seltene Fehleinschätzung Otto von Bismarcks auf: Er war davon ausgegangen, dass der Sieg über Österreich am meisten seinen konservativen parlamentarischen Verbündeten zugutekommen würde, aber im  Fall der Fälle ging die Mehrheit der Sitze an seine Gegner, die Liberalen, und einige sogar an seine Todfeinde, an die Sozialdemokraten und an das katholische Zentrum. Aufgrund dieser überraschenden Pflichtvergessenheit der deutschen Wähler wurden Bismarcks weitere Pläne nun mit einigen parlamentarischen Hemmnissen konfrontiert, aber der Eiserne Kanzler erwies sich als Meister darin, solch triviale Herausforderungen zu umgehen.

Seine Überlegungen im Hinblick auf eine mögliche deutsche Einigung gingen von der Ansicht aus, dass, durch die Leidenschaften eines Krieges, die Deutschen wiederum – wie 1866 – politische Hürden überwinden könnten. Falls die südlichen Staaten, insbesondere die ausgesprochen unabhängigen Königreiche Bayern und Württemberg, zögerten, seiner Führung zu folgen, könnten der Eifer eines erneuten Krieges den Ausschlag der Waage bewirken.

Ein geeigneter Gegner und Buhmann wurde leicht identifiziert in der Person von Napoleon III., Kaiser von Frankreich.

Seit 1815 hatten keine offenen Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Preußen stattgefunden hatten, aber Bismarck – aufgrund der Erfahrungen, die er in den 1850er Jahren als preußischer Botschafter in Paris gemacht hatte – hatte  klare Ideen, welche Knöpfe zu drücken waren, um Frankreich in patriotischer Kriegsbereitschaft zu entflammen.

Napoleon III., Neffe und Nachfolger des großen Korsen, der sich 1852 zum Kaiser von Frankreich ausgerufen hatte, brauchte dringend frischen militärischen – oder auch jeden anderen Ruhm. Sein Eingreifen in Mexiko zur Unterstützung von Kaiser Maximilian hatte in einer kompletten Katastrophe geendet [1861-1867] und der Glanz der französischen Waffen  war dringend restaurierungsbedürftig. Er hatte die Entstehung Preußens als neue deutsche Zentralmacht mit Abneigung betrachtet; nicht so sehr wegen seiner Prinzipien – solche hatte er nicht – sondern weil er den Erwerb des Herzogtums Luxemburg für Frankreich gerne als Preis für seine Neutralität im Prusso-Österreichischen Krieg von 1866 gesehen hätte. Er war wütend, als Bismarck nach dem Sieg erklärte, dass, da Luxemburg nicht zu Preußen gehöre, man es nicht an Frankreich abtreten könne.

Bismarck konferierte mit Graf Helmuth von Moltke, dem Chef des preußischen Generalstabs, über die Chancen eines Preußisch-Französischen Krieges. Moltke schätzte, dass ein Erfolg wahrscheinlich sei, und Bismarck begann nach einer günstigen Gelegenheit zum Krieg, nach einem Casus Belli, zu suchen. Er musste nicht lange warten.

Otto von Bismarck, Kriegsminster von Roon und Chef des Generalstabs Graf Helmuth von Moltke (der Ältere)
Otto von Bismarck, Kriegsminster Albrecht von Roon und Chef des Generalstabs Graf Helmuth von Moltke (der Ältere)

Im Jahr 1869 war der spanische Thron wieder einmal heftig umstritten und nach langer Diskussion beschloss der spanische Kronrat, die Krone einem Vetter Wilhelms, dem Prinzen  Leopold von Hohenzollern anzubieten, aus der schwäbischen, katholischen Seitenlinie der Hohenzollern. Als die Nachricht über das spanische Angebot und die Akzeptanz des Prinzen Paris erreichte, interpretierten sowohl Kaiser Napoleon als auch seine loyalen Untertanen die Botschaft aus Madrid als Beweis für eine erneute Verschwörung Deutschlands, Frankreich zu umzingeln. Wachsamkeit und natürlich die Ehre der französischen Nation geboten, sofort die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um das geplante Verbrechen im Keim zu ersticken.

Der französische Botschafter in Preußen, Vincent Benedetti, wurde also mit dringender Botschaft nach Bad Ems geschickt, wo Wilhelm zur Kur weilte. Benedettis Mission bestand darin, zwei Forderungen Napoleons zu überbringen. Erstens müsse Prinz Leopolds Zusage sofort widerrufen werden und zweitens müsse Wilhelm, in seiner Eigenschaft als Chef der Familie Hohenzollern, eine öffentliche Erklärung abgeben, dass auf keinen Fall ein Prinz des Hauses ein spanisches Angebot annehmen werde, sollte es erneuert werden.

Die Forderungen waren, um es gelinde auszudrücken, ziemlich starker Tobak, denn Napoleon III. hatte in dieser Sache weder Anlass noch Autorität. Wilhelm ließ bestellen, dass nichts den Kaiser von Frankreich daran hindere, das Thema mit Prinz Leopold selbst zu diskutieren – dieser sei ein erwachsener Mann, und er, Wilhelm, wäre nicht seine Mutter. In Bezug auf die zweite Forderung wies Wilhelm auf seinen Mangel an Autorität hin, für zukünftige Generationen von Hohenzollern Zusagen abgeben zu können. Benedetti kabelte nach Paris, berichtete Wilhelms Antworten, und es wurde ihm befohlen, um eine zweites Audienz zu bitten und Napoleons Anfragen zu wiederholen. Solch wiederholten Anfragen waren nicht gerade guter diplomatischer Stil. Wilhelms Sekretär Heinrich Abeken fasste das zweite Interview in einem Telegramm an Bismarck zusammen:

Seine Majestät, der König, hat mir geschrieben:

Graf Benedetti hat mich auf der Promenade abgefangen und von mir in einer sehr inopportunen Manier gefordert, dass ich ihn ermächtigen sollte, sofort zu telegrafieren, dass ich mich auf ewig gebunden hätte, nie wieder meine Zustimmung zu geben, falls die Hohenzollern ihre Kandidatur erneuerten.

Ich habe diese Forderung etwas streng abgelehnt, da es weder richtig noch möglich ist, Verpflichtungen solcher Art [für immer und ewig] einzugehen. Natürlich erzählte ich ihm, dass ich noch keine Nachrichten erhalten hatte und da er über Paris und Madrid besser informiert wäre als ich, müsse ihm klar sein, dass meine Regierung in diesem Falle nicht betroffen war.

[Auf Anraten eines seiner Minister] entschied sich der König – angesichts der oben genannten Forderungen – Graf Benedetti nicht mehr zu empfangen, aber er ließ ihn von einem Adjutanten ausrichten, dass Seine Majestät mittlerweile von Leopold eine Bestätigung seines Thronverzichts erhalten habe, was Benedetti bereits aus Paris wisse, und er dem Botschafter daher nichts weiter zu sagen hätte.

Seine Majestät legt Ihrer Exzellenz (dem Adressaten) nahe, dass Benedettis neue Forderungen und ihre Ablehnung sowohl an unsere Botschafter als auch an die Presse kommuniziert werden sollten. [29]

Bismarck redigierte den Text ein wenig und leitete ihn an das französische Pressebüro HAVAS weiter:

Nachdem die Nachricht vom Verzicht des Fürsten von Hohenzollern dem Kaiser von der Königlich Spanischen Regierung mitgeteilt worden war, stellte die französische Regierung, durch den französische Botschafter in Ems, eine weitere Forderung an Seine Majestät den König; dass er den Botschafter ermächtigen sollte, nach Paris zu senden, dass Seine Majestät der König sich zu jeder Zeit verpflichte, nie wieder seine Zustimmung zu erteilen, sollten die Hohenzollern ihre Kandidatur wiederaufgreifen.

 Seine Majestät der König lehnte es daraufhin ab, den Botschafter erneut zu empfangen, und ließ ihm vom diensthabenden Adjutanten ausrichten, dass Seine Majestät keine weitere Mitteilung mehr an den Botschafter zu richten habe. [30]

Bismarcks Entwurf der Emser Depesche
Bismarcks Entwurf der Emser Depesche

Dadurch bekam die Botschaft einen neuen Twist:

Er (Bismarck) schnitt Wilhelms versöhnliche Phrasen aus und betonte die eigentliche Frage. Die Franzosen hatten Forderungen unter Androhung von Krieg gestellt und Wilhelm hatte sie abgelehnt. Dies war keine Fälschung; es war die klare Wiedergabe der Fakten. Sicherlich erweckte die Bearbeitung des Telegramms, das am Abend desselben Tages (13. Juli) an die Medien und die ausländischen Botschaften veröffentlicht wurde, den Eindruck, dass Benedetti etwas zu fordernd war und der König äußerst abrupt. Sie sollte den Franzosen den Eindruck vermitteln,  König Wilhelm I. habe Graf Benedetti beleidigt – andersherum interpretierten die Deutschen das modifizierte Telegramm so, dass der Graf ihren König beleidigt habe. …

Die französische Übersetzung der Agentur Havas änderte die Forderung des Botschafters („il a exigé“ – ‘er hat gefordert’) in eine Frage um. Das deutsche “Adjutant”, was auf einen hochrangigen Mitarbeiter des Königs  (Aide-de-camp) verweist, wurde nicht übersetzt, sondern auf Französisch belassen, wo es nur einen Unteroffizier (Adjudant) bedeutet – was darauf hindeuten sollte, dass der König den Botschafter absichtlich beleidigt hatte, indem er einen Soldaten mit niedrigem Rang auswählte, um ihm die Nachricht zu übermitteln. Dies war die Version die die meisten Zeitungen am folgenden Tag, der auch noch zufällig der 14. Juli (Feiertag der Erstürmung der Bastille) war, veröffentlichten, und damit die Franzosen glauben ließen, dass der König ihren Botschafter absichtlich beleidigt hatte noch bevor der Botschafter seine Geschichte erzählen konnte. …

Die falsche Einschätzung Frankreichs in Bezug auf seine eigene Position in der Sache entflammte die Dinge weit über das Notwendige heraus und Frankreich begann zu mobilisieren. Nach weiteren unsachgemäßen Übersetzungen und Fehlinterpretationen des Telegramms in der Presse, verlangten aufgeregte Massen in Paris den Krieg, genau wie Bismarck es erwartet hatte. Die Emser Depesche hatte nun auch in Deutschland die nationalen Gefühle aufgeputscht. Es ging jetzt nicht mehr nur um Preußen alleine; aller süddeutsche Partikularismus wurde verworfen.

Benedetti, der Beauftragte des französischen Außenministers Herzog Antoine Alfred Agénors de Gramont  für dessen sinnlose Forderungen (die Hohenzollern-Sigmaringer hatten die Kandidatur von Prinz Leopold schon am 11. Juli 1870 mit Wilhelms „voller und uneingeschränkte Zustimmung“  zurückgezogen), wurde zu einem unsichtbaren Nebendarsteller; seine eigenen Schreiben an Paris spielten keine Rolle mehr. Mit überwältigender Mehrheit stimmten Parlament und Regierung für Kriegskredite und Frankreich erklärte Preußen den Krieg am 19. Juli 1870. [31]

Genau das hatte Bismarck erwartet. In einer Reihe von geheimen Verträgen mit den süd- und mitteldeutschen Staaten seit 1866 hatte er den Grundstein für den nun eingetretenen Fall gelegt – Krieg mit Frankreich. Für den Fall, dass Frankreich Preußen den Krieg erklärte, hatten die übrigen deutschen Staaten Preußen militärische Unterstützung zugesagt. Zwei weitere Vereinbarungen, die Bismarck mit Russland und Österreich sub-rosa verhandelt hatte, sicherten deren Neutralität bei den Ereignissen, die sich nun entfalteten. Napoleon konnte keinen einzigen Verbündeten finden und die deutschen Länder, die er ursprünglich für sich hatte gewinnen wollen, marschierten nun an der Seite von Preußen, um den dritten Bonaparte zu besiegen, so wie sie den ersten besiegt hatten.

Zum ersten Mal seit der Niederlage der Türken in Wien im 17. Jahrhundert erschien eine gemeinsame deutsche Armee auf dem Feld. Der Feldzug von 1870 wurde daraufhin zur Apotheose moderner militärischer Planung, weil er weitgehend so lief wie geplant. Zum ersten Mal in einem bedeutenden europäischen Krieg wurden die Eisenbahnlinien zum Hauptmittel des Truppentransports und Koordination der Zugbewegungen der entscheidende Faktor für die richtige Anlieferung und den späteren Einsatz der Kräfte. Die Eröffnungsgefechte an den Grenzen wurden größtenteils gewonnen, so wie Moltke es erwartet hatte, und gefolgt von einem groß angelegten Stoß nach Lothringen. Die Hauptachse des Angriffs zielte auf die Maas, von deren Überquerung die Franzosen den Feind um jeden Preis abhalten mussten, denn sie war die letzte natürliche Verteidigungslinie auf dem Weg nach Paris.

Schlacht bei Sedan, 1. und 2. September 1870
Schlacht bei Sedan, 1. und 2. September 1870

Napoleon III. war selbst nach Sedan gereist, wo die französischen Truppen konzentriert waren. Moltkes Plan war es, durch die gleichzeitige Vorwärtsbewegung zweier Zangen nördlich und südlich ihrer Defensivposition die französische Armee einzuschließen und den Fluss zu verwenden, um ihren eventuellen Rückzug zu blockieren. Die Operation war erfolgreich und am 2. September 1870 mussten sich Napoleon III und die französische Armee ergeben. Zahlenmäßig wurde die Schlacht von Sedan zum größten Sieg in modernen Zeiten, der in einer einzigen Begegnung erreicht wurde; über 100.000 französische Soldaten mussten in Gefangenschaft marschieren. Die Kapitulation des Kaisers besiegelte den endgültigen Erfolg, selbst wenn die deutschen Soldaten durch Aufräumarbeiten und die langwierige Belagerung von Paris noch ein paar Monate beschäftigt blieben.

Bismarck und Napoleon nach der Schlacht von Sedan
Bismarck und Napoleon nach der Schlacht von Sedan
Der Spiegelsaal von Versailles
Der Spiegelsaal von Versailles

Am 18. Januar 1871 versammelten sich die deutschen Fürsten im großen Spiegelsaal des Schlosses von Versailles und erklärten die Gründung eines neuen “Deutschen Reiches“. Sie wählten einstimmig Wilhelm I., König in Preußen, zur neuen Würde des „Deutschen Kaisers“ [nicht ‚Kaiser von Deutschland‘]. Da das neue Staatswesen technisch gesehen nur eine „ewige“ Föderation von souveränen Fürsten war, die in verschiedener Hinsicht unabhängig blieben – wie der Vertrag es bestimmte – war und wurde das Zweite Reich nie ein zentralisierter Staat wie Frankreich oder Russland.

Das berühmte Bild Anton von Werners - Kaiserproklamation am 18. Januar 1871
Das berühmte Bild Anton von Werners – Kaiserproklamation am 18. Januar 1871
Siegesparade durch Paris am 1. März 1871
Siegesparade durch Paris am 1. März 1871
Siegesfeier in Berlin
Siegesfeier in Berlin

Doch schon bald traten Mängel in Bismarcks großem Entwurf auf, der treffend als “Revolution von oben” bezeichnet wird. Die Vereinigung war nicht auf den Willen des deutschen Volkes zurückzuführen, sondern auf einen Bund von 36 deutschen Fürsten, die sich zwar einig waren, einen von ihnen zum Kaiser zu erheben, aber sonst in wenig anderem. Die deutsche Bourgeoisie hatte nicht erreichen können, was den Bürger der Vereinigten Staaten, Englands oder Frankreichs zugesichert worden war, nämlich politische Emanzipation: nicht aus Mangel an Versuchen, sondern durch die blutige Niederschlagung der Reformbewegung von 1848. Die Bemühungen der deutschen Bevölkerung waren zusammengebrochen in den Horrorbildern von Soldaten, die auf ihre eigenen Familien schossen und erstickt durch den Terror politischer Polizei. Diese schrecklichen Erfahrungen dürfen keinesfalls unterschätzt werden: zusammen mit den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, die noch tief im volkstümlichen Unterbewusstsein lebten, erklären sie vieles von der politischen Apathie, die vor 1871 in Deutschland herrschte. Für die Bourgeoisie verstärkte Bismarcks “Revolution von oben” nur das Gefühl, von politischen Entscheidungen ausgeschlossen zu sein. Peter Watson erklärt:

In einem echten Sinn und wie es Gordon Craig betont hat, haben die einfachen Menschen in Deutschland keine Rolle bei der Gründung des Reiches gespielt. “Der neue Staat war ein ‚Geschenk‘ an die Nation, zu der der Empfänger nicht befragt worden war.”  Seine Verfassung war nicht verdient oder erkämpft worden; sie war nur ein Vertrag zwischen den Fürsten der bestehenden deutschen Staaten, die ihre Kronen bis 1918 behielten.

Für unser modernes Denken hatte dies einige außergewöhnliche Konsequenzen. Ein Ergebnis war, dass das Reich ein Parlament ohne Macht, hatte, politische Parteien ohne Zugang zu Regierungsverantwortung und Wahlen, deren Ergebnis nicht die Zusammensetzung der Regierung bestimmte. Dies war alles ganz anders – und noch viel weiter rückwärtsgewandt – als was es unter den deutschen Konkurrenten im Westen gab. Die Angelegenheiten des Staates verblieben in den Händen des Landadels, obwohl Deutschland zu einer Industriemacht geworden war. Um so mehr und mehr Menschen zu den industriellen, wissenschaftlichen und intellektuellen Erfolgen Deutschlands beitrugen, desto mehr fiel es auf, dass das Land von einer sehr kleinen Gruppe traditioneller Figuren regiert wurde – ländliche Aristokraten und militärische Befehlshaber –  an deren Spitze der Kaiser selbst. Dieses Missverhältnis wurde für das politische Bewusstsein des “Deutschtums” im Vorfeld des Ersten Weltkrieges von grundlegender Bedeutung.

Es war einer der größten Anachronismen der Geschichte und hatte zwei Auswirkungen, die uns hier direkt beschäftigen. Die Mittelklasse, politisch ausgeschlossen und dennoch bestrebt, ein gewisses Maß an Gleichheit zu erreichen, griff auf Bildung und Kultur zurück, also Schlüsselbereiche, in denen Erfolge erzielt werden konnte – Gleichheit mit der Aristokratie und Überlegenheit im Vergleich zu vielen Ausländern in einer wettbewerbsfähigen, nationalistischen Welt. “Hochkultur” war daher im Kaiserreich immer wichtiger als anderswo und das ist ein Grund, warum … sie in der Zeit von 1871 bis 1933 so gut gedieh. Aber dies gab der deutschen Kultur einen eigentümlich schizoiden Ton: Freiheit, Gleichheit und persönliche Unterscheidungskraft verblieben tendenziell im “Inneren” Heiligtum” des Individuums, während die Gesellschaft oft als eine ” willkürliche, oberflächliche und häufig feindliche Welt dargestellt wurde.”

Wilhelm II

Der zweite Effekt, der sich mit dem ersten überschneidet, war ein Rückzug in den Nationalismus, jedoch  in einen klassenbasierten Nationalismus, der sich gegen die neu geschaffene industrielle Arbeiterklasse (und den erwachenden Sozialismus) richtete, gegen Juden und nichtdeutsche Minderheiten. “Nationalismus wurde als eine Möglichkeit sozialen Fortschritt mit utopischen Möglichkeiten gesehen.”

Vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Massengesellschaft betrachtete die gebildete Mittelschicht Kultur als ein Netz stabiler Werte, die ihr Leben verbesserten, sie vom “Pöbel” (Freuds Wort) abhoben und insbesondere ihre nationalistische Orientierung verstärkte. Das “Volk”, ein semi-mystisches, nostalgisches Ideal wie ganz normale Deutsche einmal gewesen wären – ein zufriedenes, talentiertes, unpolitisches, “reines” Volk – war zu einem populären Stereotyp in Deutschland geworden. [32]

Es ist wohl fast unnötig zu erwähnen, dass solche “zufriedenen, unpolitischen und reinen” Menschen” niemals außerhalb der Vorstellung von übereifrigen Geschichtsprofessoren und rassistischen Journalisten existierten. Aber der Stereotyp “Volk” funktionierte und führte zu einer Art gegen Sozialdemokratie und Katholiken gerichteten Nationalismus, der nicht wirklich gegen andere Nationen gerichtet war, sondern gegen den “inneren Feind” – Liberale, Demokraten, Sozialisten, Katholiken, Juden und so weiter – gegen deren “Internationalismus” die preußischen säkularen und protestantischen kirchlichen Behörden nie müde wurden zu warnen. Es war im Wesentlichen ein Nationalismus der oberen Gesellschaftsschichten, der versuchte, die Unterstützung der bürgerlichen Mittelschicht gegen die verschiedenen Feinde der “Kultur“zu schüren, erhalten und einzubinden. Dieser Nationalismus des Zweiten Reiches lief fast auf eine Negation der Auswirkungen der Industrialisierung hinaus, der Moderne, in gewisser Weise sogar der Aufklärung. Sein Charakter blieb mittelalterlich.

Berlin, Unter den Linden, ca. 1900

Der Kern dieses “inneren” Nationalismus formte in den Jahren nach der Reichsgründung des Nukleus der “Völkischen Bewegung“, der wir – und die Welt – mehr oder weniger den Ersten und Zweiten Weltkrieg verdanken. Sie absorbierte die “blutige Romantik” der napoleonischen Zeit [siehe dazu einen Artikel von Elke Schäfer] und wurde von der Elite später als nützliche Idioten wahrgenommen und benutzt. Nicht umsonst hatten die idealisierten Darstellungen der “Germania”, unten zwei von Philip Veit, immer Schwerter in der Hand.

Als zum Beispiel eine „Deutsche Arbeiterpartei“ in Böhmen (d. h. technisch gesehen Österreich) vor dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde, war es nicht das Ziel dieser Partei, die Sache der Arbeiterklasse voranzutreiben, wie man naiverweise annehmen könnte, sondern den Schutz und Vorrang der Interessen deutscher Arbeiter gegenüber tschechischen oder mährischen Arbeitern sicherzustellen. Das deutsche Volk blieb indes ein politisches Mündel der alten Eliten, die absolut nicht gewillt waren, die kostbare Autorität aufzugeben, die sie nach den Schocks der Revolutionen von 1789 und 1848 und der napoleonischen Kriege gerade mal so wiedergewonnen hatten. Die Verfassung, die der Adel nach seinen Bedürfnissen und Ängsten 1871 maßschneiderte, konnte man in ihrer offensichtlichen Furcht vor Demokratie und Liberalismus mit gutem Grund anachronistisch nennen.

Denn den “zufriedenen, unpolitischen und reinen” Deutschen, die das offizielle Kaiserreich beschwor, ging es nicht gut, falls sie nicht gerade als Adelige geboren waren. Die deutsche Industrialisierung ging über Leichen – Bismarcks spätere Sozialgesetzgebung entstand nicht aus seinem Herzblut für die Leiden der Arbeiterklasse, sondern waren seine minimalen Zugeständnisse, die sozialistische Revolution zu verhindern. Es gab inoffizielle Sklaverei – die Schwabenkinder – und die Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnisse in den Großstädten waren unbeschreiblich schlecht. Zwischen 1870 und 1919 wanderten alleine 3.279.021 Deutsche nach den USA aus.

Kinderarbeit
Kinderarbeit

Der verfassungsrechtliche Rahmen des Deutschen Reiches … unterschied sich in wichtigen Punkten stark von dem Großbritanniens oder Frankreich, deren unterschiedlich strukturierte, aber relativ flexible parlamentarische Demokratien ein besseres Potenzial boten, den sozialen und politischen Anforderungen gerecht zu werden, die sich aus dem raschen wirtschaftlichen Wandel ergeben.

In Deutschland wurde das Wachstum des parteipolitischen Pluralismus, der sich im Reichstag manifestierte, nicht in parlamentarische Demokratie übertragen. Mächtige Interessen – große Grundbesitzer, … das Offizierskorps der Armee, die obersten Ebene der Staatsbürokratie, selbst die meisten Reichstagsparteien setzten ihre Blockade fort.

Der Reichskanzler blieb ein Angestellter des Kaisers, der ihn jederzeit ernennen oder entlassen konnte, unabhängig von den Kräfteverhältnissen im Reichstag. Die Regierung selbst stand über dem Reichstag, unabhängig von der Parteipolitik – zumindest in der Theorie. Wichtige politische Bereiche, insbesondere die außenpolitischen und militärischen Angelegenheiten, lagen außerhalb parlamentarischer Kontrolle.

Die Macht wurde – angesichts des zunehmenden Drucks nach radikalen Veränderungen – von den bedrängten Kräften der alten Ordnung eifersüchtig bewacht. Einige von ihnen, die zunehmend Angst vor der Revolution hatten, waren sogar bereit, über Krieg nachzudenken – als eine Möglichkeit, an der Macht festzuhalten und die Bedrohung durch den Sozialismus abzuwehren. [33]

Diese Bereitschaft war jedoch nicht auf Deutschland beschränkt: die meisten reaktionäreren Monarchien des Kontinents, insbesondere Russland, aber auch Italien, Spanien und einige Balkanländer, fürchteten die Sozialisten viel mehr als die Armeen der anderen Fürsten, mit denen man sich immer arrangieren konnte. Die Gründung der Sozialistischen Internationale (SI) erwies sich als Schreckgespenst der Monarchien. Aber was auch immer die wirkliche Bedrohung durch den Sozialismus oder irgend einer anderen modernen Entwicklung bedeuten mochte, das Zweite Reich personifizierte in gewissen Hinsichten, vor allem in seinen inneren Beziehungen, einen deutlich vormodernen Charakter – als hätte sich seit 1806 nichts verändert. Man sieht es am deutlichsten in …

… der föderalen Struktur des Reiches, die den Rechten und Befindlichkeiten insbesondere der süddeutschen Bundesländer Rechnung zu tragen versuchte. Die Gründung einer badischen Gesandtschaft in Berlin und einer preußischen in Karlsruhe (der Hauptstadt von Baden) ist ein Hinweis auf den bemerkenswert “unfertigen” Charakter der Struktur des Reiches – es ist, als wäre die Entwicklung hin zu einer modernen, einheitlichen Verfassungsstruktur auf halbem Weg stehengeblieben.

Aber das föderale System des Kaiserreichs ging noch weiter: 1894 wurden auch in München und Stuttgart badische Gesandtschaften eröffnet und etwas später schlug Russland sogar vor, einen russischen Militärattaché in Bayern zu stationieren. Diese Botschaften waren nicht bloß Institutionen aus Höflichkeit, sondern repräsentierten einen wichtiger Bestandteil der politischen Struktur des Reiches, und sie waren ein Hinweis darauf, dass das kleinere Deutsche Reich (ohne Österreich), durch Krieg und Diplomatie geschmiedet, in vielerlei Hinsicht sogar nach seiner sogenannten Vereinigung mit außenpolitischen Methoden regiert wurde.

Deutsches Reich 1871 - 1918
Deutsches Reich 1871 – 1918

Ein verwandtes Problem, über das sich die badischen Gesandten häufig beschwerten, war der Fortbestand und das konstante Wachstum des Partikularismus, insbesondere in Bayern. Der aufmerksame badische Gesandte in München, Baron Ferdinand von Bodman, berichtete im Dezember 1895 aus der bayerischen Landeshauptstadt, dass “unter dem Einfluss des alles beherrschenden Hofes und der österreichisch-klerikalen (Katholischen) Partei, alle Maßnahmen … auf den Aufbau Bayerns als autarkem Staat … gerichtet sind.“ Vor allem in den beiden bayerischen Armeekorps, so Bodman, „werden das Reich und der Kaiser, sein Kopf, so weit wie möglich eliminiert.”

Graf Anton Monts, der preußische Gesandte in München, war überzeugt, dass “ein Prozess der Distanzierung von dem Reich stattfände”, so berichtete Bodman weiter. Ebenso beobachtete der kluge Arthur von Brauer, der  viele Jahre unter Bismarck gedient hatte, im Mai 1893, dass der bayerische Partikularismus enorme Fortschritte mache. Er schrieb an den Großherzog: ” … dass unter dem Einfluss der altbayerischen Partei die monströse Idee immer mehr an Boden gewinnt, dass Süddeutschland unter die besondere Hegemonie Bayerns gestellt werden sollte, so wie Norddeutschland unter die von Preußen. ” 1898 fühlte sich der Großherzog von Baden selbst gezwungen, die Reichsregierung vor einer Annäherung an die katholische Zentrumspartei zu warnen, da es das Ziel dieser Partei war “das heutige Reich zu zerstören, um eine neue Bundesverfassung mit einem katholischen Kopf an der Spitze zu schaffen.“

Ob sie nun auf einer nüchternen Einschätzung objektiver Umstände beruhten oder letztendlich nur in psychologischer Hinsicht erklärbar sind, sind solche Angstkomplexe doch von allergrößter Bedeutung für die Beurteilung der politischen Kultur des wilhelminischen Deutschland. [34]

Der Kaiser und seine Söhne

Diese Analyse von John Röhl identifiziert den einen psychologischen Faktor in der Politik des neuen Imperiums, aber es gab noch eine andere, unausgesprochene, psychologische Implikation. Das Reich, das Bismarck eine letztendlich “über eine stark fragmentierte Gesellschaft gelegte” Konstruktion genannt hatte, war eine Formel geboren aus der Notwendigkeit, der spezifischen deutschen Situation, vor allem ihrem politischen Partikularismus, Rechnung zu tragen; somit musste Nationalismus und Zusammenhalt von außen her beigebracht bzw. geschaffen werden, und zwar von oben nach unten statt von unten nach oben und durch die Menschen selber. Ausschlaggebend war für Bismarck jedoch, dass das Ergebnis akzeptabel für seinen König sein würde, anders als die Krone von 1849. Im Wesentlichen jedoch wurden einfach die neuen Kleider des Kaisers über das gleiche, alte und autoritäre preußische Regime gehängt.


Fußnoten: [29] [30] [31] Heinrich Abeken, Otto von Bismarck – Emser Depesche siehe Wikipedia

[32] Watson, Peter, The German Genius, Harper Collins 2010, ISBN 978-0-06-076022-9, S. 112 – 113

[33] [34] Röhl, John C.G., The Kaiser and his Court, Cambridge University Press, ISBN 0-521-56504-9, S. 112 – 113 und 153 – 154

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Der letzte Tag Europas

Illustration des Attentats von Sarajevo in der italienischen Zeitung "La Domenica del Corriere" am 12. Juli 1914
Illustration des Attentats von Sarajevo in der italienischen Zeitung “La Domenica del Corriere” am 12. Juli 1914

Selbst wenn man den Fall annimmt, dass sich sonst niemand einmischt: Was sollten wir davon profitieren? Nur ein weiteres Rudel von Dieben, Mördern und Schurken, und ein paar Pflaumenbäume.“ Erzherzog Franz Ferdinand über Krieg gegen Serbien

Dies ist die Geschichte eines österreichischen Prinzen, seiner böhmischen Frau, und eines bosnischen Jungen. Sie trafen sich nur einmal.

Der Prinz war Erzherzog Franz Ferdinand, der älteste Sohn von Franz Josephs Bruder Erzherzog Karl Ludwig – und somit Neffe des Kaisers. Einige Jahre nach dem Selbstmord des einzigen Sohnes des Kaisers, Kronprinz Rudolf, im Jahre 1889, wurde er zum Thronfolger der Habsburger in Österreich und Ungarn ernannt. Über seine Jugend wird wenig berichtet, außer einer etwas anfälligen Gesundheit. In seiner Kindheit verbrachte er viel Zeit am Hofe seines Onkels Erzherzog Friedrich und der Erzherzogin Isabella in Bratislava, deren Tochter – seine Cousine Erzherzogin Maria Christina – er eines Tages heiraten sollte. Aber dann stellte sich heraus, dass sein liebevolle Aufmerksamkeit stattdessen auf eine von Isabellas Hofdamen, die böhmische Gräfin Sophie Chotek, gerichtet war und das Fett lag im Feuer. Frau Chotek, aus einer alten aber verarmten böhmischen Familie, war nach dem Habsburger Familiengesetz keine akzeptable Partie, und der Kaiser untersagte die Ehe.

In dieser Hinsicht jedoch zeigte der junge Prinz große Beharrlichkeit – oder Sturköpfigkeit. Er sah sich nach Unterstützung für seine Brautwahl um und konnte unter anderem Zar Nikolaus II, Kaiser Wilhelm II,  und Papst Leo XIII mobilisieren, unter deren konzertierten Salven Franz Joseph schließlich seine Kapitulation erklärte. Er würde die Ehe unter den Bedingungen einer morganatischen Vereinigung gestatten, das heißt, weder die Ehefrau noch etwaige Kinder hätten Ansprüche auf habsburgische Titel, Privilegien oder Besitztümer und die Kinder wären von der königlichen und kaiserlichen Nachfolge ausgeschlossen. Der Erzherzog musste am 28. Juni 1900 einen öffentlichen Eid darauf ablegen und eine offizielle Verzichtsurkunde unterschreiben – genau vierzehn Jahre vor dem Tag von Sarajevo. Interessanterweise galt dieser Verzicht legal gesehen nur für die österreichischen Erblande – in Ungarn und Böhmen hätte Sophie Königin werden können – aber im Interesse der Einheit des Reiches verzichtete das Paar darauf am gleichen Tage.

Kaiser Franz Josef mit Kaiserin Elisabeth (Sisi) und ihren Kindern Kronprinz Rudolf, Erzherzogin Gisela und ihrem Mann Prinz Leopold von Bayern und ihren Enkeln
Kaiser Franz Josef mit Kaiserin Elisabeth (Sisi) und ihren Kindern Kronprinz Rudolf, Erzherzogin Gisela und ihrem Mann Prinz Leopold von Bayern und deren Enkeln

Das Debakel dieser Ehe war nicht der einzige Grund für die zunehmenden Spannungen zwischen Kaiser und Prinz. Der Kaiser war versöhnlich, der Prinz grob und er versuchte darüber hinaus „einen solchen Einfluss auf die Politik der Monarchie auszuüben, den der Kaiser nicht dulden konnte. Ihre häufigen scharfen Diskussionen führten zu gegenseitigen Gefühlen von Angst und Hass.“ Trotz seines offiziellen Status wurde der Prinz so weit wie möglich von den Geschäften der kaiserlichen Regierung ausgeschlossen und in seinen militärischen Funktionen, obwohl er in den Rang eines Feldmarschalls befördert worden war, nur mit dekorativen Aufgaben betraut.“ Sein Charakter, so schreibt Luigi Albertini

“… war komplex und voller Widersprüche. Er hasste Schmeichelei und pflegte von jedem zu sagen, der sich vor ihm krümmte: ‘Er ist nicht gut, er ist eine Kröte.’“ Andererseits, so schreibt Oberst Brosch (Leiter der Kanzlei und Sekretär von Franz Ferdinand), „konnte er niemals direkten Widerspruch ertragen, forderte aber dennoch immer die ungeschminkte Wahrheit und die Menschen um ihn herum hatten die schwierige Aufgabe, diese Wahrheit in einer für seinen Stolz akzeptablen und taktvollen Form zu präsentieren.“

Aber er hatte ein Verständnis für und auch ein Talent für Politik und verstand die große Herausforderung der Doppelmonarchie – die Frage der Nationalitäten. Wegen seiner schockierenden Angewohnheit, Menschen von niedrigeren Stand Fragen zu stellen und ihre Antworten zu überdenken, wusste er viel mehr als der Kaiser von der wahren Lage des Reiches; mehr als was Albertini als die “offizielle Meinung” bezeichnete.

Seine politischen Ansichten waren im Wesentlichen anti-ungarisch und diese gegenseitige Feindseligkeit prägte seine Meinung über die Behandlung der südlichen Slawen und seine Überzeugung, dass Österreich-Ungarn langfristig nur als dreifache Monarchie oder als ein Bundesstaat überleben könne, in dem sowohl Deutsche als auch Magyaren und Slawen ihre eigene Staatlichkeit besaßen. Seine Ablehnung des „Ausgleichs“, in dem die Magyaren die gesamte Nation als Geisel für ihre Extratouren genommen hatten, brachte ihn in scharfen Konflikt mit dem Kaiser, dem Gründer und Garanten dieses Systems. Der Prinz war und blieb ein ausgesprochener Gegner der Travestie des
ungarischen Parlaments, in dem “die acht Millionen Nicht-Magyaren (außer den Kroaten) durch 21 Abgeordnete und die achteinhalb Millionen Magyaren durch 392 Deputierte vertreten waren”.

Franz Josef und Franz Ferdinand bei Militärmanövern 1908
Franz Josef und Franz Ferdinand bei Militärmanövern 1908

Als potenzieller Reformer bekannt, war er der natürliche Gottseibeiuns des Panslawismus, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Monarchie sowohl von innen als auch von außen durchdrungen hatte und seine politische Emanation in dem kleinen Königreich Serbien hatte, das 1882 von Fürst Milan Obrenović proklamiert worden war, vier Jahre nachdem der Berliner Kongress 1878 das Ländchen zu einer neuen, unabhängigen Nation gemacht hatte.

Während der junge Staat schnell die Errungenschaften modernen Politik einführte – Parteien, Komitees und Zeitungen – versuchte König Milan es zuerst mit Autokratie. Dies erwies sich allerdings als erfolglos genug, dass er bereits 1889 formell abdanken musste – was ihn jedoch nicht daran hinderte, die Zügel während des Regentschaft seines Sohnes Alexandar – in einer burlesken Doppelregentschaft von 1897 bis 1900 – in der Hand zu behalten; einer Regentschaft, zu der die Königinmutter Nathalia ihre eigene korrupte Beteiligung hinzufügte. Als der ebenso autokratisch gesinnte Sohn die berüchtigte Kurtisane Draga Masin ehelichte (eine ehemalige Trauzeugin seiner Mutter), die zehn Jahre älter war als der Bräutigam,  reichte alleine die Nachricht ihres Engagements aus „um den Rücktritt des gesamten Kabinetts auszulösen“ – einschließlich des Innenministers Djordje Gencit, der seine eigenen, persönlichen und sehr intimen Erfahrungen mit der neuen Königin hatte.

Der alte König Milan war über die Familienpläne seines Sohnes entsetzt und zog sich ins Exil nach Österreich zurück, wo er 1901 starb. Der Sohn führte eine autokratische Herrschaft – er interpretierte und änderte, wenn er es für nötig hielt, die Verfassung seinen Launen gemäß, schloss kritische Zeitungen, ließ persönliche Feinde ins Gefängnis werfen und Schulen, Dörfer und, wie Christopher Clark feststellte, sogar Regimenter der Armee nach seiner Königin benennen. Das Gerücht, dass der König anstelle eines natürlichen Erbens – denn die Königin blieb kinderlos – plante, “den Bruder von Königin Draga, Nikodije Lunjevica, als Nachfolger des serbischen Throns zu benennen“, provozierte schließlich das Militär, das über Zahlungsrückstände klagte und aufgrund ausbleibender Beförderungen höchst unzufrieden war, Maßnahmen zu ergreifen – das königliche Paar folgte der auf dem Balkan weit verbreiteten Tradition, nur Freunde und Verwandte auf die fetten Posten zu befördern.

Dragutin Dimitriević, ein talentierter junger Leutnant der Armee, wurde zum Mittelpunkt einer militärischen Verschwörung, die sich im Sommer 1901 mit dem Ziel bildete, das königliche Paar zu ermorden. Die Fähigkeiten des jungen Offiziers wurden schon früh von der Militärführung anerkannt worden und schon eine Woche nach seinem Abschluss an der Militärakademie wurde er auf einen Posten im serbischen Generalstab befördert.

Professor Stanoje Stanojević, Dekan der Universität von Belgrad, enthüllte der Welt 1922 in einem Aufsatz über den Mord an dem Erzherzog die Verantwortung dieses Mannes und seiner Organisation, Ujedinjenje ili smrt! [Union oder Tod!], auch “Schwarze Hand” [Crna Ruka] genannt, für die Morde von Sarajevo, die bei den dem Attentat folgenden österreichischen Ermittlungen fälschlicherweise der Narodna Odbrana, einer Art serbischen Heimwehr, die in der Folge der österreichische Annexion von Bosnien-Herzegowina im Jahr 1908 entstanden war, zugeschrieben wurden. Beide Organisationen überschnitten sich jedoch. In seinem Essay gab Stanojević die folgende kurze Zusammenfassung der Aktivitäten dieses Offiziers, der später Chef des serbischen militärischen Geheimdienstes werden sollte:

Dimitriević um 1900

“Dimitriević, ein unruhiger Charakter voller Abenteuergeist, plante ständig Verschwörungen oder Attentate. Im Jahr 1903 war er einer der Hauptorganisatoren der Verschwörung gegen König Alexander und schon 1911 sandte er einen Agenten aus, um entweder den österreichischen Kaiser oder seinen Erben [Franz Ferdinand] zu ermorden. Im Februar 1914 verschwor er sich mit einem geheimen bulgarischen Revolutionskomitee, um den bulgarischen König Ferdinand zu ermorden.

Er übernahm und organisierte die Planung des Attentats gegen den österreichischen Erben im Jahre 1914. 1916 sandte er aus Korfu einen Agenten aus, um die Ermordung des griechischen Königs Konstantin zu betreiben, und im selben Jahr schien er Kontakt zum Feind gesucht und ein Attentat gegen den serbischen Thronfolger und Prinzregenten, Prinz Alexandar, geplant zu haben [der verdächtigt wurde im Geheimen mit Österreich über einen Waffenstillstand zu verhandeln]. Aus diesem Grund wurde er im Juni 1917 zum Tode verurteilt und an der Saloniki-Front erschossen.“

Dragutin Dimitriević (rechts) mit zwei Assistenten
Dragutin Dimitriević (rechts) mit zwei Assistenten

Luigi Albertini konnte sich nach dem Krieg mit einigen hochrangigen ehemaligen Mitgliedern der Schwarzen Hand unterhalten. Die Gesamtzahl der Mitglieder war stark übertrieben worden, wie ihm Oberst Cedomilj Popović, einer der Gründer der Organisation, mitteilte. Es waren wohl nicht mehr als 2500, aber…

„ … Union oder Tod fand breite Zustimmung und die Mitgliedschaft wäre viel höher gewesen, wenn die Türen für alle geöffnet worden wären. Diejenigen, welche zugelassen wurden, mussten positiv auf Loyalität getestet werden und praktische Dienste beisteuern können.“

Und die Ziele der Organisation? Cedomilj Popović erklärte:

„Union oder Tod hatte die Vereinigung aller südlichen Slawen der österreichisch-ungarischen Monarchie zu einer nationalen Einheit zum Ziel. Das Belgrader Zentralkomitee bestand neben den Mitgliedern des Königreichs Serbien aus Vertretern aller geplanten zukünftigen jugoslawischen Gebiete: einer für Bosnien-Herzegowina, Gaftnović, einer für Alt-Serbien und Mazedonien, einer für Montenegro und einer für Kroatien. einer für Slowenien und Sytmien, einer für die Woiwodina, einer für Dalmatien, welcher Oskar Tartaglia war. Wir wissen, dass Dragutin Dimitriević im Jahr 1917 mit den Worten starb: “Lang lebe Jugoslawien!”

Professor Stanojević war fasziniert von der Persönlichkeit seines Subjekts und beschreibt Dimitriević als geborenen Verschwörer, als eine Mischung aus Fouché und Kardinal Mazarin.

„Begabt und kultiviert, ehrenhaft, ein überzeugender Redner und aufrichtiger Patriot, persönlich mutig, voller Ehrgeiz, Energie und Arbeitsfähigkeit, übte Dragutin Dimitriević einen außergewöhnlichen Einfluss auf die Menschen in seiner Umgebung aus, insbesondere auf seine Mitarbeiter und auf seine jüngeren Offiziere, die ihm alle in Bezug auf Geistesqualitäten und Charakter unterlegen waren.

Er hatte Eigenschaften, die Männer in seinen Bann zogen. Seine Argumente waren immer klar und überzeugend. Er konnte die hartnäckigsten Probleme als Kleinigkeiten darstellen und die haarsträubendsten Unternehmungen als harmlos und einfach. Dabei war er in jeder Hinsicht ein bemerkenswerter Organisator. Er behielt alle Fäden in der Hand und selbst seine intimsten Freunde wussten nur, was ihre unmittelbaren Aufgaben betraf.

Gleichzeitig war er jedoch außerordentlich eingebildet und sehr geziert. Ehrgeizig wie er war, hatte er eine Vorliebe für heimliche Arbeit, aber es gefiel ihm, jeden wissen zu lassen, dass er geheime Arbeit verrichtete und alle Fäden in der Hand hielt. Er war nicht fähig, Mögliches von Unmöglichem zu unterscheiden, oder die Grenzen von Verantwortung und Macht wahrzunehmen. Er hatte keine klare Vorstellung vom normalen bürgerlichen und politischen Leben und seinen Anforderungen. Er sah nur seine eigenen Ziele und verfolgte sie rücksichtslos und ohne Skrupel. Er liebte Abenteuer und Gefahren, geheime Treffen und geheimnisvolle Aktivitäten. Wie weit sein privater Ehrgeiz reichte, ist schwer zu sagen. Seine politischen Ideen waren wenig ausgebildet und recht verwirrt, aber er war außerordentlich entschlossen, alles umzusetzen, worauf er sich konzentrierte. Dimitriević war überzeugt, dass seine eigenen Ideen in allen Belangen, Ereignissen und Umständen genau die richtigen waren. Er glaubte, dass seine Meinungen und Aktivitäten den Inbegriff des Patriotismus repräsentierten. Jeder, der nicht mit ihm einverstanden war, konnte in seinen Augen weder ehrenhaft, noch weise, noch ein Patriot sein. Zweifellos war er selbst all dies, aber es fiel ihm schwer, dies auch bei anderen anzuerkennen – abgesehen von denen, die seinen Befehlen gehorchten. Es war an ihm zu planen, zu organisieren und zu befehlen – andere hatten zu gehorchen und seine Befehle auszuführen, ohne zu fragen.”

Die Ursprünge von „Union oder Tod!“ gehen auf die schon erwähnte Verschwörung serbischer Offiziere zurück, die das königliche Paar und andere, die sie als Feinde des Volkes sahen, zu ermorden suchten. Der junge Leutnant – schon damals ein Anführer – legte den Termin für den ersten Versuch auf den Tag des Hofballs zum Geburtstag der Königin am 11. September 1901. Christopher Clark bemerkt dazu:

In einem Plan, der von den Seiten eines Ian-Fleming-Romans kopiert zu sein schien, wurden zwei Offiziere beauftragt, das Donaukraftwerk, welches Belgrad mit Strom belieferte, auszuschalten, während ein Dritter die kleinere Station, die den Ball mit Elektrizität versorgte, deaktivieren sollte. Sobald die Lichter ausgegangen waren, planten die vier am Ball anwesenden Attentäter, die Vorhänge anzuzünden, Feueralarm auszulösen und den König und seine Frau zu liquidieren, indem diese zur Einnahme von Gift gezwungen wurden (diese Methode wurde zur Umgehung des Problems einer möglichen Durchsuchung nach Schusswaffen gewählt). Das Gift wurde erfolgreich an einer Katze getestet, aber in jeder anderen Hinsicht wurde der Plan ein Misserfolg. Das Kraftwerk erwies sich als zu stark bewacht und die Königin hatte sich sowieso entschieden, nicht am Ball teilzunehmen. Unbeeindruckt von diesem und anderen gescheiterten Versuchen arbeiteten die Verschwörer in den nächsten zwei Jahren hart daran, den Umfang des Putsches zu erweitern. Über einhundert Offiziere wurden rekrutiert, darunter viele junge Soldaten.“

Es wurde schließlich entschieden, die Morde im königlichen Palast selbst zu versuchen, wo die Anwesenheit des Paares sicher war. Der König war sich wohl der Verschwörung bewusst, über die am 27. April 1903 sogar in der Londoner Times berichtet wurde. Er hatte die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und die Verschwörer brauchten viel Zeit und Mühe, um die aufeinanderfolgenden Schichten der königlichen Leibgarde zu umgehen oder zu durchdringen. Die Aktion selbst wurde durch ihre unerhörte Grausamkeit zu einer veritablen Legende. Am frühen Morgen des 11. Juni 1903 durchbrachen 28 Verschwörer – allesamt Offiziere der Armee – die Palasttüren und betraten den königlichen Schlafraum, dessen geschlossene Türen sie der Wirkung einer ganzen Schachtel Dynamit anvertrauten. Die gewaltige Explosion, die darauf folgte, schloss die Stromversorgung kurz und verzögerte dadurch den Fortschritt der Gruppe, die sich erst Kerzen besorgen mussten. Das königliche Paar – kaum bekleidet – versteckte sich in einem winzigen Dienstraum und es dauerte fast zwei Stunden, bis sie entdeckt wurden. Während der Durchsuchung des Schlosses ermordeten separate Todesschwadronen in der Stadt sowohl die beiden Brüder der Königin als auch den Premierminister und den Kriegsminister.

Eine zweite, genauere Durchsuchung der königlichen Wohnung entdeckte schließlich die Gesuchten und nachdem die Verschwörer ihre friedlichen Absichten dem König  gegenüber eidlich versichert hatten –
um sie aus ihrer Deckung herauszulocken – gaben die Intriganten eine Wolke von Pistolenschüssen auf das Königspaar ab.

„Es folgte eine Orgie der Gewalt. Die Leichen wurden mit Schwertern zerstochen, mit Bajonetten zerrissen, mit Äxten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zerstückelt – wie es aus dem Bericht des schwer traumatisierten italienischen Barbiers des Königs hervorgeht, dem später befohlen wurde, die Leichen einzusammeln und zur Beerdigung wieder anzuziehen. Die Leiche der Königin wurde über die Brüstung des Schlafzimmerbalkons gehoben und nackt und voller Blut in den darunterliegenden Garten geworfen. Es wurde berichtet, dass, als die Attentäter versuchten, dasselbe mit Alexandar zu tun, der eine seiner Hände um das Geländer geschlossen hatte, ein Offizier mit einem Säbel durch die Faust hackte, und der Körper inmitten eines Regens von abgetrennten Fingern auf die Erde fiel. Als sich die Attentäter danach im Garten versammelten, um zu rauchen und die Ergebnisse ihrer Anstrengungen zu begutachten, begann es zu regnen.“

Anschließend ersetzten die Verschwörer die Obrenović-Dynastie durch den derzeitigen Anführer des Karadjordjević-Clans, Petar, den sie aus seinem Schweizer Exil zurückgerufen hatten. Der Urgroßvater des neuen Königs war der „dunkelhäutige ehemalige Viehtreiber Black George“ (serbisch: „Kara Djordje“) Petrović gewesen, der „1804 einen Aufstand geführt hatte, der die Ottomanen einige Jahre lang aus Serbien vertrieben hatte, jedoch 1813 in österreichisches Exil geflüchtet war, als die Osmanen eine Gegenoffensive begannen.“ 1815 hatte ein weiterer Aufstand, angeführt von dem obengenannten Milos Obrenović, mehr Erfolg; Die Osmanen akzeptierten serbische Selbstverwaltung als eigenes Fürstentum unter türkischer Oberhoheit, und Milos’ erstes Ziel bestand darin, Black George nach seiner Rückkehr aus dem Exil zu töten, wonach die Familie Obrenović Serbien bis zu dem Massaker im Juni 1903 beherrschen konnte.

Der neue König Petar I. schien, überraschenderweise, aus seinen Studien über Politik und Geschichte die Pflichten eines konstitutionellen Monarchen, der “regierte, aber nicht bestimmte“, gelernt zu haben – er übersetzte John Stuart MillsDie Freiheit” ins Serbische – und schien auch tatsächlich einer zu werden – innerhalb der Grenzen, die die Verschwörer, die sich niemals auflösten, erlaubten. Aber diese hatten in der Zwischenzeit wohl ihre Ansichten und vielleicht auch ihre Methoden geändert – obwohl wir nicht sicher sein können, dass sie Attentate als politisches Mittel aufgegeben haben, angesichts dessen, was Stanojević über Dimitrievićs spätere Karriere oben gesagt hat – vom Königsmörder zum Panslawisten. Die Verschwörung blieb jedoch nach wie vor eine Macht außerhalb der Autorität von König, Parlament und der Zivilregierung, welche zwischen 1904 und 1918 hauptsächlich von Nicola Pasić, Vorsitzender der Radikalen Volkspartei, Premierminister und Außenminister, angeführt wurde. Die Verschwörer hatten die serbische Regierung bereits bei der Vorbereitung des Putsches infiltriert; folglich waren sie in der Lage, „sich die wünschenswertesten Militär- und Regierungsposten zu sichern“. Trotzdem standen sie einer gewissen Opposition gegenüber.

Innerhalb der Armee selbst entstand eine militärische Gegenverschwörung, die sich in der Festungsstadt Niš unter der Führung von Captain Milan Novaković konzentrierte, der in einem öffentlichen Manifest die Entlassung aus Armee und Dienst von achtundsechzig benannten Königsmördern forderte. Novaković wurde schnell verhaftet und trotz einer mutigen Verteidigung seiner Handlungen wurden er und seine Komplizen vor ein Militärgericht gestellt, schuldig gesprochen und zu langen Haftstrafen verurteilt. Als er zwei Jahre später das Gefängnis verließ, nahm Novaković seine Angriffe auf die Verschwörer erneut auf und wurde wiederum inhaftiert. Im September 1907 kamen er und ein männlicher Verwandter unter mysteriösen Umständen während eines angeblichen Fluchtversuchs ums Leben, ein Skandal, der große Empörung im Parlament und in der liberalen Presse auslöste. Die Frage der Beziehungen zwischen Armee und zivilen Behörden blieb daher auch nach dem Attentat von 1903 ungeklärt, ein Zustand, der die Reaktionen Serbiens auf die Ereignisse von 1914 prägen würde.

Die Radikale Volkspartei war ein spezifisch serbisches politisches Produkt, das den Liberalismus des späten 19. Jahrhunderts mit einem leidenschaftlichen Nationalismus verband, welcher die Einheit aller Serben oder vielleicht die aller Südslawen in einem Großserbien anstrebte, dessen zukünftige Grenzen jedoch von der Person abhingen, die man gerade fragte. Die grundlegende, halboffizielle Karte des serbischen Nationalismus, so erklärt Christopher Clark…

… war ein geheimes Memorandum, das der serbische Innenminister Ilija Garasanin 1844 für Prinz Alexandar Karadjordjević verfasst hatte. Nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1906 als „Nacertanije“ – aus dem alten serbischen Wort „ Entwurf“ – zeichnete Garasanins Vorschlag ein “Programm für die Nationale Außenpolitik Serbiens “.

Es ist schwierig, den Einfluss dieses Dokuments auf Generationen serbischer Politiker und Patrioten zu überschätzen. Mit der Zeit wurde es die Magna Charta des serbischen Nationalismus. Garasanin eröffnete sein Memorandum mit der Bemerkung, Serbien sei “klein, müsse aber nicht in diesem Zustand verbleiben”. Das erste Gebot der serbischen Politik müsse das “Prinzip der nationalen Einheit” sein. Damit meinte er die Vereinigung aller Serben innerhalb der Grenzen eines serbischen Staates: “Wo ein Serbe lebt, das ist Serbien.”

Die historische Vorlage für diese weitreichende Vision serbischer Staatlichkeit war das kolportierte mittelalterliche Reich von Stepan Dusan, ein riesiges Gebiet, das den größten Teil der heutigen Serbischen Republik sowie Bulgarien, die Gesamtheit des heutigen Albaniens, den größten Teil von Mazedonien als auch das gesamte Zentral- und Nordgriechenland umfasste, aber interessanterweise nicht Bosnien.

Eine französische Karte Groß-Serbiens
Eine französische Karte des geplanten Groß-Serbiens

Zar Dusans angebliches Großreich war am 28. Juni 1389 nach einer Niederlage gegen die Türken auf dem Kosovo-Feld [Schlacht auf dem Amselfeld] zusammengebrochen. Aber dieser Rückschlag, argumentierte Garasanin, hatte die Legitimität des serbischen Staates nicht untergraben. es hatte lediglich seine historische Existenz unterbrochen. Die „Wiederherstellung“ eines Großserbiens, das alle Serben vereinigte, war somit keine Neuerung, sondern Ausdruck eines uralten historischen Rechts.

„Sie können uns nicht vorwerfen, etwas Neues, Unbegründetes zu suchen, eine Revolution oder einen Umbruch zu planen, sondern jeder muss sich eingestehen, dass es [Großserbien] politisch notwendig ist; dass es in sehr alten Zeiten gegründet wurde und seine Wurzeln im ehemaligen politischen Bereich und dem nationales Leben der Serben hat.“

Garasanins Argument folgte somit jener dramatischen Verkürzung der historischen Zeitlinie, die typischerweise in Diskursen des integrativen Nationalismus beobachtet werden kann; darüber hinaus beruhte es auf der Fiktion, dass Zar Dusans weitreichendes, multiethnisches und zusammengestückeltes mittelalterliches Gemeinwesen mit der modernen Idee eines kulturell und sprachlich homogenen Nationalstaates in kongruente Übereinstimmung gebracht werden könne. Die serbischen Patrioten sahen hier keinen Widerspruch, da sie argumentierten, dass praktisch alle Einwohner dieses Landes im Wesentlichen Serben waren. Vuk Karadzić, der Architekt der modernen serbokroatischen Literatursprache und Autor des berühmten nationalistischen Traktats, “Srbi svi i svuda” (“Serben alle und überall”), veröffentlicht 1836, sprach von einer Nation von fünf Millionen Serben, die die “Serbische Sprache” benutzen und verstreut von Bosnien und Herzegowina bis zum Banat von Temesvar (Ostungarn, jetzt im Westen Rumäniens), der Backa (eine Region, die sich von Nordserbien nach Südungarn erstreckt), Kroatien, Dalmatien und der Adriaküste von Triest bis zum Norden Albaniens leben. Natürlich gab es einige in diesen Ländern, räumte Karadzić ein (er bezog sich insbesondere auf die Kroaten), “die es immer noch schwer haben, sich Serben zu nennen, aber es ist wahrscheinlich, dass sie sich allmählich daran gewöhnen werden.

Das offensichtliche Problem seiner abenteuerlichen Theorien bestand darin, Türken, Griechen und Österreicher davon zu überzeugen, die geschichtsträchtige Notwendigkeit eines Großserbiens „anzuerkennen“, damit sie diese von den Serben als zukünftige serbische Provinzen bezeichneten Gebiete evakuieren könnten, deren indigene Bevölkerung sich nach serbischer ethnischer Zugehörigkeit, Nationalität und Staatsbürgerschaft sehnte. Da viele der beabsichtigten Begünstigten sich noch nicht des Glücks bewusst waren, das diese Zukunft bringen würde, musste das Projekt der Befreiung heimlich verlaufen, und niemand war für diese Aufgabe besser geeignet als der Verschwörer und Königsmörder Dimitriević, der damals Dozent an der Serbische Militärakademie war.

Dies war jedoch noch nicht der ganze Umfang seiner Aktivitäten. Nach der österreichischen Annexion Bosnien-Herzegowinas, die zur Entstehung der Narodna Odbrana geführt hatte, war eine tiefe Trennung zwischen der offiziellen Regierung Serbiens, die innerhalb der Möglichkeiten allgemein anerkannter politischer Grenzen planen und handeln musste, und den nationalistischen Hitzköpfen entstanden, die keinerlei Einschränkungen akzeptierten wollten. Anfang des Jahres 1911 begann der politische Aktivist Bogdan Radenković, Kontakt zu nationalistischen Sympathisanten aus allen Gesellschaftsschichten aufzunehmen, und in Anwesenheit von Dimitriević bildeten vier seiner Offizierskollegen und ein Zivilist am 3. März in Belgrad die Geheimbruderschaft „Ujedinjenje ili smrt! “ (Union oder Tod!), die schließlich auch als die „Schwarze Hand“ [Crna Ruka] bekannt wurde. Im heutigen Sprachgebrauch war es eine terroristische Organisation, die Rituale der Freimaurer übernahm und diese mit dem Zellensystem der im Untergrund operierenden Kommunisten kombinierte. Wie alle solche Vereinigungen gedieh sie vor allem aus der Selbsterhöhung ihrer Gründer – der Überzeugung, dass sie die Geschichte verändern würden. In ihrem Fall waren sie, wie wir sehen werden, durchaus erfolgreich. Neulinge wurden bei Treffen mit ihren zukünftigen Brüdern in einem dunklen Raum verfrachtet und zu dem folgenden Eid veranlasst:

Ich [Name] schwöre, bei meinem Beitritt zur Organisation Union oder Tod, bei der Sonne, die mich wärmt, bei der Erde, die mich nährt, vor Gott, bei dem Blut meiner Vorfahren, meiner Ehre und meinem Leben, dass ich von diesem Moment an bis zu meinem Tod den Gesetzen dieser Organisation treu sein werde, und  immer bereit sein werde, jedes Opfer für sie zu bringen.

Ich schwöre vor Gott, bei meiner Ehre und meinem Leben, dass ich alle Aufträge und Befehle ohne Rückfrage ausführen werde.

Ich schwöre vor Gott, bei meiner Ehre und meinem Leben, dass ich alle Geheimnisse dieser Organisation mit in mein Grab nehmen werde. Mögen Gott und meine Kameraden in der Organisation meine Richter sein, falls ich, ob wissentlich oder nicht, diesen Eid verletzen sollte.“

Es war eine Show, aber beeindruckend, und dazu entworfen, die überwiegend jungen Mitglieder zu prägen, die sich für eine solche Welt geheimer Männerbindung interessierten – Christopher Clark erkannte eindeutig die stark homoerotischen Tendenzen der Bruderschaft:

Das Milieu, in dem Dimitriević diese Gaben [zur Vertrauensbildung und zur Durchsetzung seines Willens] einsetzte, war nachdrücklich männlich. Frauen waren in seinem erwachsenen Leben eine marginale Präsenz; er zeigte nie sexuelles Interesse an ihnen. Sein natürlicher Lebensraum und Schauplatz all seiner Intrigen war die raucherfüllte, nur für Männer bestimmte Welt der Belgrader Kaffeehäuser – ein Raum, der zugleich privat und öffentlich war und in dem Gespräche gesehen werden konnten, ohne notwendigerweise gehört zu werden. Das bekannteste erhaltene Foto von ihm zeigt den stämmigen, schnurrbärtigen Intriganten mit zwei Mitarbeitern in einer charakteristischen Pose der Verschwörung.

Angesichts der geheimnisvollen Herkunft und des Charakters der Organisation kann es nicht überraschen, dass Ujedinjenje ili smrt! die Zivilregierung so leicht, schnell und tief greifend unterwanderte, wie sie den militärischen Bereich untergraben hatte; ihre Mitglieder infiltrierten auch die verschiedenen halboffiziellen (Narodna Odbrana) und Geheimgesellschaften sowie die Grenzpolizei, Spionagedienste und Telegrafenbüros. Seltsamerweise hielten einige Parteipolitiker und Regierungsbeamte “Union oder Tod!” für ein innenpolitisches Revolutionskomitee, das sie im Verdacht hatten, nationale Subversion zu betreiben, um die zivile Regierung zu stürzen. “Dieses Missverständnis“, betont Christopher Clark, “hat seinen Weg in viele diplomatischen Aufzeichnungen gefunden” und “trug dazu bei, die österreichischen Behörden während der Krise vom Juli 1914 ziemlich zu verwirren.”

Nach den Balkankriegen von 1912/13 wurden die neu erworbenen Provinzen den Segnungen moderner serbischer Verwaltung angepasst. Der bedenkliche Sicherheitszustand verbot leider die Gewährung von Bürgerrechten und viele öffentliche türkische Gebäude – Schulen, Büros und natürlich Moscheen – mussten zerstört werden, auf dass sie nicht als Versteck für türkische Terroristen dienen könnten. Es wurde vermutet, dass letztere in einer solchen Menge existierten, dass sich die Einführung des Kriegsrechts und die häufige Hinrichtung von Verdächtigen nur als ein bedauerlicher, aber notwendiger Nebeneffekt auf dem Weg in eine bessere Zukunft erweisen werde. Kritische Stimmen tauchten zwar in internationalen Zeitungen auf, aber das serbische Außenministerium konnte sich glücklicherweise auf den britischen Botschafter Sir Dayrell Crackanthorpe verlassen, der aus eigenem Antrieb offensichtlich falsche Berichte seiner Untergebenen korrigierte, die sich anmaßten, kleine Fehler, die bei einer solch selbstlosen Aufgabe nicht vermieden werden konnten, zu kritisieren.

Es schien ein Zeichen für die Effizienz österreichischer und vielleicht auch deutscher Propagandaorgane zu sein, dass die serbischen Verwaltungsreformen in den neu befreiten Gebieten nicht den ungeteilten Beifall der internationalen Beobachter fanden; insbesondere britische Diplomaten schienen anfällig für Desinformationskampagnen zu sein. So berichtete der britische Vizekonsul Charles Greig aus Monastir an der Südgrenze, “dass die Moslems unter serbischer Herrschaft nichts erwarten dürfen als periodische Massaker, gnadenlose Ausbeutung und ihren endgültigen Ruin.” Sein Kollege in Skopje berichtete von “systematischer Einschüchterung, willkürlichen Inhaftierungen, Schlägen, Vergewaltigungen, Verbrennungen von Dörfern und Massaker durch Serben in den annektierten Gebieten.“ Weniger als zwei Wochen später warnte Herr Greig, dass sich die„ bulgarischen und vor allem die muslimischen Bevölkerungen in den Bezirken Perlepe, Krchevo und Krushevo in Gefahr der Vernichtung durch die sehr häufigen und barbarischen Massaker und Plünderungen, denen sie von serbischen Banden unterworfen werden, befanden“ und dass „Mord und Freveltaten anderer Art durch Banden von serbischen Comitaji (Terrorgruppen, auch Tchetniks genannt) und Personen, die mit ihnen im Bunde stehen“, geradezu eine Anarchie geschaffen hätten. Seine Exzellenz Dayrell Crackanthorpe war jedoch ein guter Freund der Serben und tat sein Bestes, um diese Berichte zu unterdrücken, von denen er glaubte, dass sie vollständig erfunden waren. Es handelte sich lediglich um das kumulative Gewicht aller dieser Berichte, die aus den angegliederten Gebieten kamen, kombiniert mit bestätigenden Berichten von rumänischen, schweizerischen und französischen Beamten, die das britische Außenministerium schließlich davon überzeugten, dass die Nachrichten von den Gräueltaten in Mazedonien nicht als österreichische Propaganda abgetan werden sollten.

Während “die serbische Regierung keinerlei Interesse zeigte, weitere Gewalttaten zu verhindern oder Ermittlungen in bereits geschehenen einzuleiten“, gab es durchaus Stimmen, die die wahre Ursachen der Schrecken in den kürzlich besetzten Gebieten an den Grenzen zu Griechenland und Bulgarien einem Verwaltungserlass zuschrieben, der die dortigen Militärbehörden – die diese Gebiete als ihren persönlichen Spielplatz betrachteten – der Zivilregierung unterstellte (als Folge der Balkankriege war Serbien von 18.650 auf 33.891 Quadratkilometer angewachsen und hatte über 1.500.000 Einwohner hinzugewonnen). Das Offizierskorps protestierte laut gegen diesen Plan des wieder einmal von Pasić geführten Kabinetts und am Horizont erschien das Gespenst einer Machtübernahme des Militärs. Der österreichische Botschafter in Belgrad berichtete am 8. Mai 1914 nach Wien:

Der Konflikt zwischen der Regierung und der Verschwörerpartei (Crna Ruka – Serbisch für “Schwarze Hand”) … hat sich in den letzten Wochen so verschärft, dass ein gewalttätiger Zusammenstoß der beiden Rivalen um die Macht nicht unmöglich erscheint. … Der König, der den Verschwörern seinen Thron verdankt, wagt es nicht, sich offen auf ihre Seite zu stellen, aber seine Sympathien gehören der Crna Ruka, wie auch die des Kronprinzen. … Da die Crna Ruka bei der Wahl ihrer Mittel wahrscheinlich nicht zu anspruchsvoll sein wird, um ihre Ziele zu erreichen, betrachte ich die Möglichkeit gewalttätiger Ausbrüche, sogar eines Sturzes der Regierung oder eines Staatsstreichs, als nicht völlig unvorstellbare Entwicklungen… außer die Regierung kapituliert wieder im letzten Moment gegenüber der Militärpartei, wie bisher.“

Angesichts zunehmender politischer Instabilität griffen Belgrads politische Sponsoren, Russland und Frankreich – letzteres hatte Serbien 1914 noch einen weiteren Kredit gewährt (in Höhe des doppelten Staatshaushalts von 1912) – auf den etwas ungewöhnlichen Schritt einer öffentlichen Bekanntmachung des russischen Botschafters Nicholas Hartwig zurück (in dem viele Leute den eigentlichen Herrscher des Landes erblickten). Er erklärte öffentlich, dass „die Balkanpolitik Russlands den Verbleib der Macht in den Händen Pasićs erfordere”, und Paris machte klar, dass keine andere Regierung als die gegenwärtige auf weitere Kredite hoffen könne. Dies waren klare Aussagen, aber niemand weiß, was geschehen wäre, hätte nicht der Ausbruch des Ersten Weltkriegs – nur wenige Wochen später – die Aufmerksamkeit der serbischen Armee von den innenpolitischen Streitigkeiten abgelenkt.

In der gegenüberliegenden Ecke des Kontinents hielt derweil die Verbesserung der englisch-deutschen Beziehungen weiter an. Winston Churchill meinte: „Der Frühling und Sommer 1914 waren in Europa von einer außergewöhnlichen Ruhe geprägt. … Die Flottenrivalität war im Moment keine Reibungsursache mehr, da es sicher war, dass wir in Bezug auf Schlachtschiffe nicht überholt werden konnten“, und ein britischer Wirtschaftsprofessor bezeugte, dass „Deutschland – seit 1911 – der beste Markt von allen [für britische Exporte]“ war. Dies sorgte in St. Petersburg für die Befürchtung, dass die Koalition für den Krieg gegen Deutschland – die das eigentliche Hindernis für St. Petersburgs Kriegsziel, die Kontrolle der Schwarzmeerengen Bosporus und Dardanellen, zu beseitigen hatte – möglicherweise in Kürze zerbräche. Sogar Paris schien ins Wanken zu geraten. Der frühere Premierminister Joseph Caillaux, der “im Verdacht stand, Deutschland gegenüber nachgiebig zu sein” und deshalb 1912 “aus dem Amt gejagt” wurde, trat im Dezember 1913 wieder als Finanzminister der französischen Regierung bei, und es wurde für möglich gehalten, dass er Premierminister einer Koalition von Radikalen und Sozialisten werden könnte, von denen viele glaubten, dass sie eine konstruktivere und friedlichere Politik gegenüber Deutschland wählen würden als den von Präsident Poincaré verkörperte Revanchismus. Der belgische Botschafter Guillaume berichtete Anfang 1914 nach Brüssel:

„Ich bin überzeugt, dass Europa von der Politik von Herrn Caillaux, den Radikalen und den Radikalsozialisten profitieren würde. Wie ich Ihnen schon gesagt habe, die Herren Poincaré, Delcassé, Millerand und ihre Freunde haben die derzeitige Politik des Nationalismus, Militarismus und Chauvinismus entwickelt und vorangetrieben. Ich sehe darin die größte Bedrohung für den heutigen Frieden Europas.“

Beginnend mit der jährlichen Generalstabskonferenz von 1911 überarbeiteten Frankreich und Russland ihre militärische Kooperation und Strategie. Präsident Poincarés Kriegsbereitschaft beendete Frankreichs frühere Zurückhaltung, in Balkanfragen Russland zu Hilfe zu kommen – was die Vorsicht Frankreichs während der bosnischen Annexionskrise erklärt hatte -, aber nicht nur er entwickelte nun eine eher militärische Orientierung: „Die pazifistische und anti-militärische Volksstimmung, die sich 1905 durchgesetzt hatte, war einer kriegerischeren Haltung gewichen“, und „im Herbst 1912 unterstützte Poincaré fest den Plan einer russischen bewaffneten Intervention auf dem Balkan.“ Aber dies würde notwendigerweise zum Krieg führen: Österreich müsste eine russische Mobilisierung mit seiner eigenen beantworten – kein Weg führte darum herum – die, unter den Bedingungen des Zweibunds, Deutschland ins Spiel bringen würde, was wiederum Frankreich und Großbritannien auf der Seite Russlands einbeziehen würde. Die Feindseligkeiten würden mit einem gleichzeitigen Angriff auf Deutschland von Frankreich und Russland beginnen. Christopher Clark bemerkte zur französisch-russischen Kriegsplanung:

Die Frage, wie schnell und wie viele Männer Russland im Falle der Fälle mobilisieren würde und in welche Richtung es sie einsetzen würde, dominierte die französisch-russischen Diskussionen zwischen den Mitarbeitern der Stäbe in den Sommern von 1912 und 1913. In den Gesprächen vom Juli 1912 forderte der französische Generalstabschef Joseph Joffre die Russen auf, ihre gesamten Eisenbahnlinien an die ostpreußische und galizische Grenze doppelgleisig auszubauen. Einige strategisch wichtige Linien sollten sogar viergleisig verstärkt werden, um einen schnelleren Transport großer Truppenzahlen zu ermöglichen.

Die französisch-russische Flottenkonvention vom Juli 1912, die eine engere Zusammenarbeit und Koordinierung der beiden Flotten vorsah, war eine weitere Frucht der Verhandlungen. Und die russischen Bemühungen verbesserten sich allmählich – während Zhilinsky 1912 versprochen hatte, Deutschland am Tag 15 nach Mobilmachungsbeginn mit 800.000 Mann anzugreifen, konnte er im folgenden Jahr zusagen, den Zeitplan durch die
Einführung einiger Verbesserungen um zwei weitere Tage verkürzen.

Die geografische Ausrichtung der russischen Mobilisierung war ein weiteres Problem. Die Protokolle der Gespräche dokumentieren die unermüdlichen Bemühungen der französischen Stabsoffiziere, die russische Offensive gegen Deutschland anstatt gegen Österreich als Hauptgegner zu lenken. Während die Franzosen bereit waren, die Legitimität eines Casus belli anzuerkennen, der aus dem Balkan entsprang [1], würde der gesamte militärische Zweck des Bündnisses aus französischer Sicht heraus ad absurdum geführt werden, wenn die Russen den Großteil ihrer militärischen Macht gegen das Habsburgerreich einsetzten und die Franzosen sich einem massiven deutschen Angriff im Westen alleine widersetzen müssten. Als dieses Problem auf der Tagung 1912 angesprochen wurde, gab [der russische Stabschef] Zhilinsky zu bedenken, dass die Russen auch anderen Bedrohungen ausgesetzt waren, über die sie nachdenken müssten [Schweden und die Türkei], … aber Joffre bestand darauf, dass die „Zerstörung der deutschen Streitkräfte“ („l’aneantissement des forces de l’Allemagne“) alle anderen Probleme lösen würde, mit denen das Bündnis konfrontiert sei. Es sei überaus wichtig, sich “um jeden Preis” auf dieses Ziel zu konzentrieren.

[1] Dies war sozusagen die Erbsünde dieser Änderungen der französisch-russischen Militärkonventionen – seit 1912 konnten also auch andere als strikt defensive Szenarien, d. h ein direkter Angriff Österreichs oder Deutschlands auf Russland, den Casus foederis einfordern und zum Krieg führen.

Der Frieden auf dem Kontinent ruhte jetzt auf den schlanken Schultern eines bosnischen Jungen namens Gavrilo Princip. Er wurde 1894 in einem bosnischen Dorf geboren und genoss „unregelmäßige Schulbildung an verschiedenen Orten“. Der etwas kränkliche Jugendliche – er sollte 1918 an Tuberkulose sterben – kam 1912 nach Belgrad, um sich für die letzte Klasse einer dortigen Oberschule zu melden, fühlte sich jedoch sofort veranlasst, die meiste Zeit in der serbischen nationalistischen Kaffeehausszene zu verbringen. Sein begeisterter pro-serbischer Idealismus hatte ihn dazu motiviert, den ganzen „The Mountain Wreath“ (Gorski vijenac), ein Epos über den sich aufopfernden serbischen Tyrannenmörder Milos Obilić, das 1847 von Petar II Petrović-Njegoš, Fürstbischof von Montenegro, komponiert und veröffentlicht wurde, auswendig zu lernen. Dass der entelechische Ausdruck des serbischen Nationalismus Tyrannenmord sei, akzeptierte der junge Patriot, der die serbische Geschichte als fortwährendes Unternehmen in Idealismus und Opferung sah, bereitwillig. In Wirklichkeit hatte sich der serbische Patriotismus in letzter Zeit mehr in Mord, Diebstahl und Vergewaltigung geäußert. Luigi Albertini erklärt dazu:

Um die Atmosphäre zu verstehen, in der diese junge Generation lebte, muss man die serbische Comitaji-Bewegung nach dem Zweiten Balkankrieg berücksichtigen. Von 1902 bis 1912 war diese Banden zehn Jahre lang das führende Element aller Turbulenzen auf dem Balkan.

Die ersten Comitaji waren bulgarisch-mazedonischen Ursprungs. 1902 bildeten sich in Mazedonien bewaffnete Banden, die von der bulgarischen Regierung subventioniert wurden, um Störungen zu verursachen, die die Aufmerksamkeit Europas auf den Balkan lenken und zu europäischen Interventionen führen sollten, welche die osmanische Herrschaft in Mazedonien beenden würden. Die Provinz sollte entweder autonom werden oder von Bulgarien annektiert werden.

Beunruhigt über die Ansprüche, die diese Banden in Mazedonien im Auftrag Bulgariens erhoben haben, rekrutierten serbische und griechische Revolutionäre, in Kontakt mit ihren jeweiligen Regierungen, ihre eigenen bewaffnete Banden im heimischen Serbien und Griechenland. In Serbien entstanden sie bereits 1905.

Diese Comitaji strömten nun nach Mazedonien, provozierten Unruhen, sprengten Brücken, griffen kleine Gendarmerien an, begingen Morde und griffen nicht nur türkische Behörden, sondern auch die Privateigentümer von Moslems an. Als türkische Truppen intervenierten, verschwanden sie über die Grenzen in ihren jeweiligen Staaten, von deren Regierungen sie Waffen und Geld erhielten. Während der Balkankriege waren die griechischen, bulgarischen und serbischen Comitaji schon im Vorfeld – zur Unterstützung ihrer jeweiligen Armeen – vorgegangen, hatten ohne Rücksicht auf die Regeln der Kriegsführung gekämpft und sich oft Brandstiftung und Massakern hingegeben.

Vojislav Tankosić

Eins dieser Bataillone von Comitaji-Kämpfern wurde von Major Vojislav Tankosić befehligt, der schon 1903 an der Verschwörung gegen das Königspaar Obrenović teilgenommen und die Ermordung der Brüder von Königin Draga befohlen hatte. Es bestand hauptsächlich aus jungen Serben, die, technisch gesehen, österreichisch-ungarische Untertanen waren. Nach dem Krieg konnte die serbische Regierung sie jedoch nicht loswerden. Sich in Belgrad versammelnd, verbrachten sie ihre Zeit in Cafés, prahlten mit ihren Erfolgen und entwarfen Pläne für neue Kriege und Verschwörungen. … Nach den serbischen Siegen über die Türkei und dann Bulgarien 1913 wurden Österreich und Ungarn das Ziel ihrer Pläne für Krieg und Terror.

Hier waren also junge Patrioten, falls man sie so nennen kann, von denen Dragutin Dimitriević, jetzt Oberst und unter dem Decknamen „Apis“ Chef des serbischen militärischen Nachrichtendienstes, guten Gebrauch machen konnte. Er befahl seinem Assistenten Tankosić, einige dieser jungen Männer für einen besonderen Auftrag auszuwählen. Der ehemalige Comitaji-Führer rekrutierte drei neunzehnjährige bosnische Jugendliche, Trifko Grabez, Nedeljko Cabrinović und Gavrilo Princip, die alle aus „armen Familien und unglücklichen Haushalten“ stammten. Cabrinović und Grabez hatten „in ihrer Jugend unter männlichen Autoritätspersonen, gegen die sie revoltierten, gelitten“, was eine interessante Parallele zu Hitlers Problemen mit seinem Vater zieht. Wie Christopher Clark bemerkt, waren diese jungen Männer die klassische Beute für Verschwörer:

Diese Jungen hatten kaum schlechte Gewohnheiten. Sie waren aus diesem düsteren, jugendlichen Stoff geschnitten, reich an Idealen, aber arm an Erfahrung, von dem moderne terroristische Bewegungen sich nähren. Alkohol war nicht nach ihrem Geschmack. Obwohl sie aus romantischer Neigung heterosexuell waren, suchten sie nicht nach der Gesellschaft junger Frauen. Sie lasen nationalistische Gedichte und irredentistische Zeitungen und Flugschriften. Diese Jungen hatten sich ausführlich mit dem Leid der serbischen Nation beschäftigt, für das sie jeden anderen als die Serben selbst verantwortlich machten, und jede Beleidigung und Erniedrigung auch des Kleinsten ihrer Landsleute wie ihre eigene empfunden.

Grabez, Cabrinovic, Princip
Grabez, Cabrinovic, Princip

Der Mann, an den Gavrilo Princip zur seiner patriotischen Anleitung herangetreten war, war – offenbar durch reinen Zufall – selbst ein alter Terrorist und ehemaliger Untergebener von Major Tankosić, Milan Ciganović, der durch seine Tarnung als Angestellter der Serbischen Staatseisenbahn für das Geheimdienst- und Terrorgeschäft ideal platziert war. Es scheint, dass Princip ihn direkt gefragt habe, ob er wisse, woher man Bomben bekomme. Ciganović wusste dies und informierte seinen alten Chef Tankosić über Princip und seine Bekannten. Bei dieser frühen Gelegenheit im Jahre 1912 lehnte Tankosić Princip zuerst als zu jung und zu gebrechlich ab, doch Anfang 1914 änderte er seine Meinung und informierte Dimitriević über Princip und seine Gefährten. Da die Jungspunde keinerlei Erfahrung mit Verschwörungen hatten, wurde Ciganović zu ihrem Aufpasser bestellt. Am 27. Mai versorgte er sie mit vier Revolvern und sechs 22-Pfund-Bomben (ca. 10 kg), die vom serbischen Staatsarsenal in Kragujevac zur Verfügung gestellt wurden, und brachte sie zum Waffentraining in den Belgrader Topcider Park. Darüber hinaus lieferte Ciganović 150 Dinar in bar, eine Karte von Bosnien, Cyanid-Ampullen – mit denen die Attentäter nach der Tat Selbstmord begehen sollten, um Ermittlungen zu vereiteln, und einen Brief an Major Rade Popović [2] von der Grenzpolizei, der ein Mitglied von Ujedinjenje ili smrt! sowie ein Ansprechpartner für die Narodna Odbrana war. Die Jungen wurden dann – Cabrinović von Mitgliedern der Untergrundeisenbahn, die von der Black Hand und dem Militär eingerichtet worden war, und Princip und Grabez  wohl von der Grenzpolizei selbst – nach Bosnien geschmuggelt, und zwar nach Tuzla, wo sie Cabrinović trafen. Während im weiteren Verlauf dieses Buches ein oder zwei Worte zum Thema des möglichen Vorauswissens der serbischen und russischen Regierungen über den Sarajevo-Plan angebracht sein werden, wurde den bosnischen Patrioten vor Ort das große Geheimnis umstandslos anvertraut. Ein Schullehrer der Schmuggler, die Princip und Grabez über die Grenze nach Tuzla gebracht hatten, mit dem Namen Cubrilović soll den Kerovićs [3], der Familie, denen er sie zur Übernachtung gebracht hatte, erzählt haben: „Wisst Ihr, wer diese Leute sind? Sie gehen nach Sarajevo, um Bomben zu werfen und den Erzherzog zu töten, der dahin kommen wird.“ Princip zeigte dann die Waffen seinen Gastgebern.

[2] Der Name Popović ist weit verbreitet und man darf Major Rade Popović, den Grenzschutzbeamten, nicht mit dem berühmteren Oberst Cedomilj Popović, einem Mitbegründer, Mitglied des Zentralkomitees und zukünftigem Sekretär der Schwarzen Hand verwechseln (siehe oben, interviewt von Albertini) oder mit dem jungen Cvijetko Popović, Mitglied der Zelle in Sarajevo.
[3] Die Kerovićs traf es danach hart. Die Österreicher verurteilten sie wegen der Unterstützung von Terroristen und Nedjo Kerović, der die Jungs auf seinem Viehwagen transportiert hatte, wurde zur Todesstrafe verurteilt, die schließlich in eine zwanzigjährige Haftstrafe umgewandelt wurde. Sein Vater Mitar wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Franz Ferdinand inspiziert Truppen am 27. Juni 1914, am Tag vor dem Attentat

Als die Jungen mit dem Zug aus Tuzla in Sarajevo ankamen, wurden sie von einer zweite Gruppe aus vier weiteren Agenten erwartet, die von Black Hand-Mitglied Danilo Ilić angeführt wurden. Ilić hatte die drei jungen Leute selbst rekrutiert: einen muslimischen Schreiner aus der Herzegowina, Muhamed Mehmetbasić, und zwei einheimische Schüler, Cvijetko Popović und den siebzehnjährigen Vaso Cubrilović, einen Bruder des oben erwähnten gesprächigen Schullehrers. Da letzterer Ilić vor diesem Tag noch nie getroffen hatte und dass die drei anderen aus Sarajevo Princip und die anderen erst nach dem Attentat treffen sollten, zeigt, dass die zweite Zelle von Anfang an als Ablenkung, als Cutout, konzipiert war. “Zu diesem Zweck“, wie Christopher Clark betont, “war Mehmedbasić eine inspirierte Entscheidung, denn er war ein williger, wenn auch inkompetenter Attentäter und somit eine nützliche Unterstützung für die Belgrader Zelle, aber kein Serbe. Als Black Hand-Mitglieder könne man Ilić und Princip (theoretisch) vertrauen, sich das Leben zu nehmen oder zumindest nach dem Ereignis stumm zu bleiben. Die drei Jungen aus Sarajevo könnten gar nichts aussagen, aus dem einfachen Grund, dass sie nichts über den größeren Hintergrund des Plans wussten. Es würde der Eindruck entstehen, dass dies ein rein lokales Unternehmen ohne Verbindung zu Belgrad war.“

Ankunft am Bahnhof

Während es kleine Details gibt, in denen die Berichte über das, was an diesem Morgen des 28. Juni 1914 in Sarajevo geschah, voneinander abweichen, sind die wichtigsten Umrisse klar. Eine Wagenkolonne aus vier Autos (einige Quellen sagen sechs) wartete auf die königlichen Besucher, die um 10 Uhr morgens am Bahnhof ankamen, um sie über den Appel-Kai, die Promenade, die entlang des Flusses Miljacka führt, zum Rathaus zu bringen, wo eine Begrüßungszeremonie stattfinden sollte.

Abfahrt nach der Begrüßung
Abfahrt nach der Begrüßung

Es war ein sonniger Tag, aber ein ominöses Datum. Am 28. Juni, dem St.-Veits-Tag in Österreich, Vidov Dan in Bosnien, vor 525 Jahren, 1389 n. Chr., hatten die osmanischen Türken die Truppen Zar Stepan Dusans fiktiven serbischen Großreiches bei der legendären Schlacht auf dem Kosovo-Feld besiegt. Folglich war dieser Tag zum serbischen Nationalfeiertag geworden – wichtiger denn je in diesem Jahr, denn die Feierlichkeiten von 1914 waren die ersten nach der “Befreiung” von Kosovo und Mazedonien im Vorjahr als Folge des Zweiten Balkankrieges.

Positiver schien, dass der 28. Juni auch der vierzehnte Hochzeitstag des Königspaares war, und ein willkommener Nebeneffekt eines Besuchs in der Provinz war, dass Sophie den Tag an der Seite ihres Mannes verbringen konnte, statt wie in Wien durch das habsburgische Hofprotokoll in den Hintergrund gedrängt zu werden.

Die sieben Verschwörer hatten sich strategisch entlang der Reiseroute der Ehrengäste positioniert, welche bei jedem Staatsbesuch dieselbe war. Offizielle Sicherheit war auffällig abwesend: „Das Spalier von Truppen, die normalerweise bei solchen Anlässen die Bordsteine ​​säumten, war nirgendwo zu sehen, sodass die Wagenkolonne an den dichten Menschenmengen nahezu ungeschützt vorbeifuhr. Sogar das besondere Sicherheitsdetail, die Leibwache, fehlte – ihr Chef war irrtümlich mit drei bosnischen Offizieren in ein Auto gestiegen und den Rest seiner Männer am Bahnhof zurückgelassen.“

Der Wagen
Der Wagen

Drei Brücken überspannen den Fluss Miljacka entlang des Appel-Kais, dem die Autokolonne folgen sollte. Bei der ersten Brücke, der Cumurija-Brücke, hatten sich Mehmedbasić, Cubrilović und Cabrinović am Ufer niedergelassen; gegenüber auf der Landseite warteten Cvijetko Popović und Danilo Ilić. Der Letztere schien, da unbewaffnet, die Rolle des Maitre d’honneurs zu spielen. An der zweiten Brücke, der Lateinerbrücke, wartete Gavrilo Princip – alleine; Trifko Grabez wurde an der dritten, der Kaiserbrücke, aufgestellt. Es schien, dass der erste Versuch an der Cumurija-Brücke stattfinden sollte, und Princip und Grabez fungierten als Reserve oder Backups, falls unerwartete Entwicklungen eintreten sollten.

Die Wagenkolonne rollte in Richtung der Cumurija-Brücke. Im ersten Auto befanden sich der Bürgermeister der Stadt, Fehim Effendi Curcić, und Dr. Edmund Gerde, der Polizeipräsident. In den Rücksitzen des zweiten Wagens fuhren die königlichen Gäste und auf dem Klappsitz saß General Oskar Potiorek, der Gouverneur von Bosnien. Auf dem Vordersitz saß neben dem Chauffeur Oberstleutnant Franz von Harrach, der Leibwächter und Besitzer des Autos. Es folgten Autos mit lokalen Polizeibeamten, niedrigeren Ehrenmitgliedern und Gefolgsleuten.

Die Kavalkade bewegte sich auf Mehmedbasić zu, der sich an der Stelle ihrer größten Annäherung von Furcht und Schrecken ergriffen fühlte, so wie vor fünf Monaten bei seinem eigenen abgebrochenen Attentatsversuch gegen Potiorek. Nächster war Cabrinović, der seine Bombe herausnahm und das Zündhütchen gegen den nächsten Laternenpfahl schlug. Die Kapsel zerbrach mit einem lauten Knacken, das Harrach und den Fahrer alarmierte. Sie drehten sich um und dachten vielleicht, dass ein Reifen explodiert wäre, doch als der Chauffeur einen dunklen Schatten in Richtung der Limousine fliegen sah, beschleunigte er sofort. Die Bombe fiel zu kurz – einige sagen, der Erzherzog selbst habe sie abgelenkt; andere behaupteten, sie sei einfach vom Heck des Autos abgeprallt. Sie fiel auf die Straße und explodierte unter dem folgenden Wagen, wobei einige Passagiere verletzt wurden. Erst später wurde festgestellt, dass der Detonator – bei der Explosion – eine kleine Wunde am Hals der Herzogin verursacht hatte. Als der Erzherzog das Wrack des dritten Wagens sah, befahl er, die Wagenkolonne anzuhalten, damit die Verletzten – darunter der damalige Stellvertreter von Potiorek, Oberst Merizzi – erste Hilfe erhalten und ins Krankenhaus gebracht werden konnten. Dann fuhr die Kavalkade zum Rathaus, wo eine abgekürzte Zeremonie abgehalten werden sollte, nach deren Abschluss in Abänderung des ursprünglichen Plans das Herzogspaar die Opfer im Krankenhaus besuchen wollte.

Zweiter Halt
Zweiter Halt

Cabrinović war inzwischen aus dem fast trockenen Flussbett gefischt worden, wohin er gesprungen war, um Zeit zu haben, das Cyanid zu schlucken. Das Gift funktionierte aber aus unerklärlichen Gründen nicht und nach einer Minute grober körperlicher Misshandlung wurde er zur nächsten Polizeiwache gebracht. Cubrilović beobachtete ihn wie gelähmt – wie Mehmedbasić – und Popović, von  Angst überkommen, versteckte seine Bombe im nächsten Gebäude. Nur Princip behielt die Fassung. Anfangs war er davon ausgegangen, dass die Explosion von Cabrinovićs Bombe Erfolg verkündete. Als er jedoch sah, dass Cabrinović verhaftet wurde und der königliche Wagen sich wieder in seine Richtung bewegte, dachte er daran zu schießen. Die Geschwindigkeit des Wagens verweigerte ihm jedoch einen klaren Schuss, dennoch blieb er ruhig genug, um eine neue Position auf dem Weg, den die Kavalkade bei ihrer Rückkehr benutzen musste, einzunehmen. Dort wartete er.

Inzwischen war die Prozession im Rathaus eingetroffen und der Bürgermeister hatte begonnen, seine vorbereiteten Zeilen zu Gehör zu bringen. Dazu gehörte die Behauptung, dass “die Seelen aller Bürger der Hauptstadt Sarajevo von Glück erfüllt sind, und sie mit größter Begeisterung den Besuch der berühmten Gäste begrüßen.“ Der Erzherzog schien nicht überzeugt – er hatte seit der Explosion kaum gesprochen, fragte jetzt aber dringend, ob Bomben tatsächlich ein Teil dieses herzlichen Willkommens waren. “Herr Bürgermeister, ich bin zu Besuch hier und werde mit Bomben beworfen. Es ist unerhört. Jetzt können Sie sprechen.“ Die weitere Ansprache des Bürgermeisters war barmherzig schnell vorbei und Franz Ferdinand fragte Gouverneur Potiorek, ob weitere Attentatsversuche zu erwarten seien. Der General glaubte das nicht, riet jedoch, den Rest des offiziellen Programms zu überspringen. Die Gruppe  sollte entweder direkt zurück nach Ilidze fahren, dem kleinen Urlaubsort, in dem das hohe  Paar die letzten drei Tage verbracht hatte, oder, am Herrenhaus des Gouverneurs vorbei, zum Bahnhof zurückkehren.

Richtungswechsel
Richtungswechsel

Luigi Albertinis Mitarbeiter und Amanuensis Luciano Magrini konnte sich anlässlich eines Besuchs in Serbien im Herbst 1937 persönlich mit zweien der Verschwörer, Vaso Cubrilović und Mohamed Mehmedbasić, unterhalten. Wir werden seinem Bericht folgen:

Der Erzherzog erhob Einspruch  – er müsse zuerst Oberst Merizzi im Garnisonskrankenhaus besuchen, obwohl seine Wunde schon als leichte Verletzung klassifiziert worden war. Potiorek schlug dann vor, dass sie auf dem Weg dahin die Stadt meiden und noch einmal den Appel-Kai benutzen sollten, wo – wie er sagte – sie niemand erwarten würde. Das war jedoch nicht richtig, da die Presse veröffentlicht hatte, dass die Kavalkade nach der Rückkehr aus dem Rathaus wieder den Appel-Kai bis zur Lateinerbrücke entlangfahren werde. Auf alle Fälle wurde sein Vorschlag befolgt.

Bei der Verhandlung erklärte Princip, dass, als er die Explosion von Cabrinovićs Bombe hörte, er sich mit der Menge im Rücken in diese Richtung bewegte und feststellte, dass der Autokorso zum Stillstand gekommen war. Er dachte zuerst, dass “alles vorüber” sei, d.h. der Versuch erfolgreich gewesen sei, und als Cabrinović von der Polizei weggebracht wurde, dachte er daran, ihn zu erschießen, um seine Aussage zu verhindern, und dann Selbstmord zu begehen. Er gab die Idee jedoch auf, als er feststellte, dass die Kavalkade sich wieder in Bewegung setzte. …

Die Autos nahmen wieder die Route über den Appel-Kai. Die Herzogin, die, dem ursprünglichen Plan zufolge vom Rathaus direkt zum Konak [dem Herrenhaus des Gouverneurs] hätte fahren sollen, entschloss sich, ihren Ehemann zu begleiten, und setzte sich wieder neben ihn, während Harrach auf dem Trittbrett auf der linken Seite des Autos Platz nahm, um den Erzherzog mit seinem Körper zu beschützen. Potiorek und der Polizeichef, die keinen zweiten Versuch erwarteten, erkannten jedoch nicht nur weder die Gefahr, den ersten Teil des Kais nochmals zu passieren, sondern ließen auch die notwendige Vorkehrung außer Acht, den Chauffeuren klare Anweisungen zu geben; vor allem dem Fahrer des Autos des Erzherzogs. Was dann geschah, war, dass das vordere Auto, in dem sich der Polizeichef befand, den Appel-Kai entlang fuhr, an der Lateiner Brücke jedoch rechts in die enge Franz-Josef-Straße einbog, und das Auto des Erzherzogs ihm natürlich folgte.”

In diesem Moment erwies sich die Verwirrung über den richtigen Weg als fatal. Harrachs schlanker Sportwagen hatte keinen Rückwärtsgang, was bedeutete, dass der Wagen zuerst angehalten, der Motor ausgekuppelt und das Fahrzeug langsam von Hand aus der Franz-Josef-Straße zum Appel-Kai zurückgeschoben werden musste. Diese Verzögerung von vielleicht zwanzig Sekunden gab Princip relativ viel Zeit, um seine Waffe zu ziehen und zu stabilisieren, während die Tatsache, dass die Autos mehr oder weniger standen, statt sich zu bewegen, das Zielen viel einfacher und genauer machte.

Princip war nicht mehr als ein paar Meter von seinem Ziel entfernt und feuerte aus nächster Nähe jeweils eine Kugel auf den Erzherzog und die Herzogin, während Harrach entsetzt aus der entgegengesetzten Seite des Wagens zuschaute. Der Graf berichtete später einem Biografen von Franz Ferdinand:

Während ich mit einer Hand mein Taschentuch herauszog, um das Blut von den Lippen des Erzherzogs zu wischen, rief Ihre Hoheit:„ Um Himmels willen! Was ist mit dir passiert?“ Dann sank sie mit ihrem Gesicht zwischen die Knie des Erzherzogs. Ich hatte keine Ahnung, dass sie getroffen worden war und dachte, dass sie aus Schock in Ohnmacht gefallen war. Dann sagte Seine Königliche Hoheit: „Soferl, Soferl! Stirb nicht! Lebe für meine Kinder!

Daraufhin ergriff ich den Erzherzog am Mantelkragen, um zu verhindern, dass sein Kopf nach vorne sank, und fragte ihn: “Hat Ihre Königliche Hoheit große Schmerzen?” Er erwiderte klar: “Es ist nichts.” Dann veränderte sich sein Ausdruck und er wiederholte sechs oder siebenmal: „Es ist nichts“; mehr und mehr das Bewusstsein verlierend und mit einer verblassenden Stimme. Dann folgte eine kurze Pause, gefolgt von einem krampfartigen Rasseln im Hals, verursacht durch den Blutverlust, der nach der Ankunft im Konak aufhörte. Die beiden bewusstlosen Personen wurden dann in den Konak getragen, wo bald der Tod einsetzte.“

Dieses berühmte Foto zeigt NICHT, wie oft behauptet, die Verhaftung Gavrilo Princips, sondern die irrtümliche Festnahme des unbeteiligten Ferdinand Behr
Dieses berühmte Foto zeigt NICHT, wie oft behauptet, die Verhaftung Gavrilo Princips, sondern die irrtümliche Festnahme des unbeteiligten Ferdinand Behr

Die Waffe und das Auto wurden sichergestellt und sind beide im Österreichischen Armeemuseum ausgestellt.

Eine zweite Welle dringender Telegramme wurde von der Poststation in Sarajevo in alle Welt gesandt. Nach dem ersten Versuch hatte der Erzherzog selbst ein Telegramm an seinen Onkel, den Kaiser, gesandt und das Wohlergehen des Paares berichtet, während die lokalen Reporter ihre Geschichten einreichten. Jetzt, kurz nach 11 Uhr Ortszeit, hatten sich die Nachrichten so dramatisch verändert, dass sich viele zunächst weigerten, sie zu glauben. Ein Moment war in der Geschichte eingefroren; in den Worten von Christopher Clark: „Die Sarajevo-Morde, wie der Mord an Präsident John F. Kennedy im Jahr 1963 in Dallas, waren ein Ereignis, dessen blendendes Licht die Menschen und Orte einen Augenblick gefangen nahm und sich in ihre Erinnerung brannte. Die Leute erinnerten sich genau, wo sie waren und mit wem sie zusammen waren, als die Nachricht sie erreichte.“

Was noch zu bestimmen war, waren die Auswirkungen des Ereignisses auf die Welt. Technisch gesehen war ein Prinz ermordet worden – schlimmeres war passiert in der Geschichte des Kontinents – aber es wurde schnell schmerzlich klar, dass auf den Straßen von Sarajevo ein ganzes Zeitalter zu Ende gegangen war – das Zeitalter des Liberalismus, der menschlichen Regierungsform, und des Glaubens an die mögliche, ja unmittelbar bevorstehende Verbesserung und Erhöhung des menschlichen Daseins durch technologischen und philosophischen Fortschritt. Es stellte sich heraus, dass das, was an der Kreuzung von Appel-Kai und Franz-Josef-Straße ermordet worden war, nichts weniger war als der Stolz und Optimismus des rationalen Zeitalters – die Grundlagen des “Proud Tower” – der von Irrationalismus, Nationalismus, Eitelkeit und Hass abgelöst wurde. Als die Konsequenzen von Sarajevo vorbei waren, einunddreißig bzw. sechsundsiebzig Jahre später, 1945 oder 1990 – je nach Ansicht – hatte Europa seine Macht über den Globus verloren. Sarajevo markierte den Anfang vom Ende.

Die polizeilichen Ermittlungen und der nachfolgende Prozess werden Gegenstand eines weiteren Beitrags sein, der den vorläufigen Titel ” À la recherche du temps perdu” trägt; Merci beaucoup – Marcel Proust. Eine kleine Vorschau:

Gavrilo Princip auf dem Weg ins Gericht
Gavrilo Princip auf dem Weg ins Gericht
Ein undatiertes Foto aus dem Gerichtssaal
Ein undatiertes Foto aus dem Gerichtssaal

Tolle Fotos in einem französischen Artikel: http://graphics.france24.com/assassination-sarajevo-1914-archduke-princip-photos/index.html

Genaue Timeline: https://www.welt.de/geschichte/article129560739/Das-Attentat-das-Europa-in-den-grossen-Krieg-trieb.html

Das Auto: https://www.welt.de/motor/gallery129531678/Das-Auto-in-dem-Franz-Ferdinand-starb.html

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Die Neue Ostpolitik ab 1969

Bundestagsdebatte mit Willy Brandt und Walter Scheel
Bundestagsdebatte mit Willy Brandt und Walter Scheel

Video (Deutsche Welle)

Video: Interview mit Egon Bahr

Website des Autors (Dokumente zur Deutschen Geschichte): Die Tutzinger Dokumente zur Ostpolitik und 20 Seiten Historische Einführung


Die Gebiete östlich von Oder und Neiße, als auch Schlesien und was später West– und Ostpreußen genannt wurde, waren im Verlauf der europäischen Geschichte immer umstritten. Dies lag zum Großteil an der Diskontinuität der Besitzverhältnisse und der Instabilität polnischer Herzogtümer, die eine Konsolidierung geregelter Suzeränität behinderten. Vor der Entwicklung der Nationalstaaten wurde das gesamte Gebiet mehr oder weniger als Teil des Reiches betrachtet, um das deutsche Könige, die Habsburgs und polnische Fürsten stritten.

Alles nicht so einfach ...-Maria Theresia und Friedrich der Große
Alles nicht so einfach … Maria Theresia und Friedrich der Große

Der Ausgang des Zweiten Weltkriegs schuf, durch die normative Kraft des Faktischen, neue geografische Realitäten. Die Kubakrise von 1962 hatte der Welt die Gefahren eines atomaren Konflikts klargemacht, der während des Kalten Krieges nur mühsam verhindert werden konnte. Eine Entschärfung dieses Konfliktpotentials musste erreicht werden, jedoch passte die Lagerbildung beiden Supermächten ganz gut ins Konzept – die Feindbilder waren klar.

Die Ostpolitik der BRD – als durch die Teilung am stärksten betroffenes Land – war, bis in die frühen 1960er Jahre, im Wesentlichen auf die ständige Wiederholung von Phrasen und gegenseitigen Schuldzuweisungen an UdSSR und “DDR” (wie die Springerpresse sie nannte) beschränkt und so überrascht es nicht, dass die wenigen diplomatischen Initiativen kaum Ergebnisse brachten. Alternativen, die konstruktiv im Rahmen des Ost-West-Konflikts auf Ausgleich mit der Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten zielten, wurden ab 1963 von Willy Brandt und Egon Bahr der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt.

Willy Brandt und Egon Bahr
Willy Brandt und Egon Bahr

Dieses als “Neue Ostpolitik” bezeichnete Konzept umschrieb eine Verständigungspolitik durch die Umsetzung des von Egon Bahr,
ostpolitischen Vordenkers der SPD und 1972 und 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben, entwickelten Prinzips des „Wandels durch Annäherung“ für den Umgang der Bundesrepublik mit der Deutschen Demokratischen Republik, der UdSSR und den osteuropäischen Nachbarstaaten.

Das Konzept wurde 1963 bei einer weltweit beachteten außenpolitischen Konferenz in der Evangelischen Akademie Tutzing vorgestellt.
Im Folgenden ein Abriss über die Entwicklung der neuen deutschen Ostpolitik: im deutschen Original (dieses einschließlich des Anhangs, Bibliografie und den Verzeichnissen – für diejenigen, die nachprüfen wollen) und in englischer Version.

Einführung in die Neue Ostpolitik
Einführung in die Neue Ostpolitik

Nach der Bundestagswahl 1969 wurde die Große Koalition aus CDU, CSU und SPD von der sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP abgelöst, und der neue Bundeskanzler Willy Brandt und Außenminister Walter Scheel begannen, die neuen Thesen umzusetzen. Die öffentliche Reaktion der Konservativen war, erwartungsgemäß, virulent negativ, obwohl, wie im Text beschrieben, auch die CDU längst die Zeichen der Zeit erkannt hatte.

Nach langen Diskussionen stimmten Bundestag und Bundesrat schließlich – hauptsächlich durch Stimmenthaltung der Union – den Ostverträgen zwischen 1970 und 1973 zu.

Unterzeichnung des Moskauer Vertrages 1970
Unterzeichnung des Moskauer Vertrages 1970

Aus den Verhandlungen erwuchs schließlich die KSZE, die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – ursprünglich ein Vorschlag des Warschauer Paktes – die grundlegende Bedeutung für die Entspannung und die weitere politische Entwicklung Europas bis zu den Ereignissen von 1989 bis 1991 bekommen sollte.

Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki mit Helmut Schmidt, Erich Honecker, Gerald Ford und Bruno Kreisky, August 1975.
Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki mit Helmut Schmidt, Erich Honecker, Gerald Ford und Bruno Kreisky, im August 1975

Website des Autors (Dokumente zur Deutschen Geschichte): Die Tutzinger Dokumente zur Ostpolitik und 20 Seiten Historische Einführung

(© John Vincent Palatine 2019)

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Armeereformen nach 1871

Attacke Preußischer Infanterie in der Schlacht von Hohenfriedberg 1745
Attacke Preußischer Infanterie in der Schlacht von Hohenfriedberg 1745

Video: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71


Nach der langanhaltenden Friedensperiode, die dem Berliner Kongress von 1878 folgte, brachten die ersten Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts neue bewaffnete Konflikte in die Schlagzeilen  –  den Russisch-Japanischen Krieg von 1905/06 und die Balkankriege 1912/13. Nicht zufällig startete die Konstruktion des neuen britischen Schlachtschiffes „Dreadnought“ im Jahr 1906 eine neue Runde maritimen Wettrüstens, denn durch ihr innovatives Design wurden alle älteren Schlachtschiffe mit einem Schlag zu Alteisen – alle Nationen fühlten sich befleißigt, alsbald Schiffe dieses neuen Typs anzuschaffen und die Zähler der Schlachtschiffe aller Nationen waren praktisch auf null zurückgestellt worden. An Land führten drei Veränderungen dazu, dass der größte Teil der Kriegskunst Napoleons und Wellingtons eingemottet werden musste: 1. die Erfindung des Generalstabs, 2. die numerische Vergrößerung der Armeen durch die Wehrpflicht und 3. die fortschreitende industrielle und technologische Entwicklung. Letztere fand hauptsächlich in der Geschütztechnik statt, in der das Hinterlader- bzw. Verschlussgewehr, das Maschinengewehr und die Panzerung durchdringende Hohlladung erfunden wurden. Inzwischen hatte die Eisenbahn die Mobilität der Truppen revolutioniert und der elektrische Telegraf brachte eine fast sofortige Kommunikationsform auf das Schlachtfeld.

Schlachten im 20. Jahrhundert
Schlachten im 20. Jahrhundert

Das schnelle Bevölkerungswachstum aufgrund verbesserter Landwirtschaft ermöglichte die Aufrechterhaltung größerer stehender Armeen mit günstiger zu produzierenden Massenwaffen. Wo früher Tausende gekämpft hatten, zogen nun Zehntausende oder Hunderttausende in die Schlacht. John Keegan (“The First World War”, Vintage Books 2000, ISBN 0-375-40052-4361) fasst die Veränderungen dieser Jahre zusammen:

Die internationale Politik, die damals ihre hauptsächliche Bedeutung in Europa hatte, war in der Tat in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts nicht von der Suche nach verlässlichen Mitteln zur Abwendung von Konflikten motiviert, sondern von dem uralten Streben nach eigener Sicherheit in militärischer Überlegenheit. Dies bedeutete, wie der Zar 1899 in der ersten Internationalen Abrüstungskonferenz in Den Haag so eloquent warnte, dass immer größere Armeen und Flotten eingesetzt werden würden, mehr und schwerere Geschütze erworben und stärkere und breitere Gürtel von Grenzbefestigungen erbaut werden würden.

Befestigung war jedoch bei den fortgeschrittenen Militärdenkern in Europa seit den Erfolgen schwerer Artillerie bei den jüngsten Angriffen auf Mauerwerk und Beton – wie in Port Arthur während des Russisch-Japanischen Krieges von 1905/06 – intellektuell aus der Mode. Kanonen hatten einen entscheidenden Vorteil gegenüber Panzerung erzielt.

Es wurde daher angenommen, dass der Vorteil von der statischen Verteidigung auf die mobile Offensive übergegangen war, die sich durch großangelegte Infanteriemanöver mit Unterstützung mobiler Feldwaffen und größtmöglicher Geschwindigkeit über das Schlachtfeld definierte. Es wurde jedoch immer noch angenommen, dass Kavallerie eine große Rolle spielen würde –  die in den europäischen Armeen reichlich vorhanden war: Die deutsche Armee fügte ihrem Bestand in den Jahren vor 1914 dreizehn Regimenter Jäger zu Pferde hinzu; auch die Franzosen, Österreicher und Russen dehnten ihre berittenen Kräfte aus.

Es waren die zahlreiche Infanteristen, die mit neuen Sturmgewehren ausgerüstet wurden, in kollektiven Taktiken trainiert wurden und vor allem zu akzeptieren lernten, dass die Verluste hoch sein würden bis eine Entscheidung fiel, auf die die Generäle zählten, um den Sieg zu erringen.

Die Bedeutung verbesserter Feldbefestigungen – die schnell aufgeworfenen Verschanzungen, die den Angreifern an den Flüssen Tugela und Modeer während des Burenkrieges, in der Mandschurei während des russisch-japanischen Krieges und an der Front von Chatalja während des Zweiten Balkankrieges so schwere Verluste zugefügt hatten – wurde bemerkt, aber als unerheblich abgetan. Angesichts einer gut geführten und motivierten Infanterie, glaubten europäische Militärtheoretiker, könne keine Linie aus improvisierten Gräben gegen sie gehalten werden.

Unter den großen industrialisierten Staaten Europas florierte daher in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts eine Industrie der Aufstellung, Ausbildung und Ausrüstung von Soldaten. Seit dem Triumph der Preußischen Armee aus Wehrpflichtigen und Reservisten über die Österreicher im Jahre 1866 und die Franzosen im Jahre 1870 hatten alle führenden europäischen Staaten die Notwendigkeit akzeptiert, ihre jungen Männer militärischer Ausbildung zu unterziehen und sie, sobald sie ausgebildet wurden, zu verpflichten, bis zu ihren mittleren Jahren als Reservisten zur Verfügung zu stehen. Nur Großbritannien, Insel und Seemacht, blieb die Ausnahme.

Das Ergebnis dieser Politik war die Schaffung enormer Armeen dienender und potenzieller Soldaten. In der deutschen Armee – Vorbild für alle anderen – verbrachte ein Wehrpflichtiger die ersten beiden Jahre seines vollen Erwachsenenalters in Uniform in der Grundausbildung – die einem Gefängnis, überwacht von allzeit präsenten Unteroffizieren, ziemlich nahe kam. In den ersten fünf Jahren nach seiner Entlassung musste er zu jährlichen Manövern in die Reserveeinheit seines Regiments zurückkehren. Dann wurde er bis zum Alter von neununddreißig Jahren zum Dienst in einer Einheit der Sekundärreserve oder Landwehr verpflichtet; danach, bis zum Alter von fünfundvierzig Jahren, in der Reserve der dritten Linie, dem Landsturm. Im Effekt bedeutete dies, in der europäischen Zivilgesellschaft eine zweite, normalerweise unsichtbare, millionenstarke Militärgesellschaft von Männern zu unterhalten, die ein Gewehr geschultert hatten, im Schritt marschiert waren, die verbale Peitsche der Anweisungen von Sergeanten gefühlt hatten und gelernt hatten, Befehlen zu gehorchen.

Die Zeiten, in denen Könige zu Pferde in den Krieg geritten waren und ihre Vasallen anführten, waren vorbei – der moderne Krieg wurde zu einem industriellen Massenprodukt. Die schiere Zahl der Kombattanten wuchs um das Zehnfache oder mehr.

Die Dimensionen der Militarisierung Europas im 19. Jahrhundert ist mit Mitteln, die seine psychologischen und technologischen Dimensionen sowie das schiere Ausmaß erfassen, schwer zu vermitteln. Der Umfang selbst ist kaum fassbar. Etwas von seiner Größe kann man vermitteln, indem man Friedrich Engels die militärische Organisation der unabhängigen norddeutschen Stadtstaaten, in denen er seine kaufmännische Lehre in den 1830er Jahren absolvierte, mit den Kräften vergleichen lässt, die dieselben deutschen Militärbezirke dem Kaiser des vereinten Deutschen Reiches am Vorabend des Ersten Weltkriegs zur Verfügung stellten.

Engels Zeugnis ist bedeutsam. Als ein Vater marxistischer Theorie kam er nie von der Ansicht ab, dass die Revolution nur dann Erfolg haben könnte, wenn es dem Proletariat gelänge, die Streitkräfte des Staates zu besiegen. Als junger Revolutionär setzte er daher seine Hoffnungen auf diesen Sieg des Proletariats in der Barrikadenschlacht; als alter und zunehmend entmutigter Ideologe versuchte er sich selbst davon zu überzeugen, dass das Proletariat – bis dahin Opfer der europäischen Wehrpflichtgesetze – sich selbst befreien werde, indem es die Armeen des Staates von innen her unterwandere.

Der Übergang von den Hoffnungen der Jugend zu den Zweifeln des Alters lässt sich am besten anhand der Veränderungen der Truppen der Hansestädte zu seinen eigenen Lebzeiten nachvollziehen.

Im August 1840 ritt er drei Stunden von seinem Büro aus, um die kombinierten Manöver der Armeen von Bremen, Hamburg, Lübeck und Oldenburg zu beobachten. Zusammen bildeten diese kräftemäßig ungefähr ein Regiment – sagen wir, großzügigerweise, 3000 Mann stark. In seinem Todesjahr 1895 stellten dieselben Städte den größten Teil der 17. und einen Teil der 19. Division der deutschen Armee, zusammen mit einem Kavallerie- und Artillerie-Regiment – also mindestens eine Vervierfachung der Kräfte. Diese Zahl berücksichtigt jedoch nur die aktiven Truppen, die gerade unter Waffen stehenden Wehrpflichtigen. Hinter diesen aktiven 17. und 19. Divisionen standen die 17. und 19. Reserve-Divisionen, zu denen die Hansestädte bei einer Mobilisierung ebenso viele Reservisten – ausgebildete ehemalige Wehrpflichtige – beisteuern würden. Und hinter diesen Reserveabteilungen stand die Landwehr von älteren Ex-Wehrpflichtigen, die 1914 wiederum die Hälfte einer weiteren Division bereitstellen würden. Zusammengenommen stellten diese Einheiten eine mindestens zehnfache Steigerung der militärischen Kräfte zwischen 1840 und 1895 dar und übertrafen das aktuelle Bevölkerungswachstum bei weitem.

Darüber hinaus sind diese Zahlen unter der Voraussetzung zu betrachten, dass Deutschland nur 55 % der jährlichen Altersklasse zum Wehrdienst einzog – hauptsächlich Bauernjungen, die weder von Sozialismus noch von Großstadtliberalismus geprägt waren – während Frankreich aufgrund seiner geringeren Bevölkerung und niedrigerer Geburtenrate fast 90 % seiner Jugend einberufen musste. Diese oben von John Keegan beschriebene Politik machte die Millionenarmeen von 1914 bis 1918 möglich, was wiederum die Entwicklung völlig neuer Versorgungssysteme und die Massenproduktion von Waffen und Munition erforderlich machte. Mehr als fünfunddreißig Millionen Männer mussten im Ersten Weltkrieg kämpfen, von denen etwa zehn Millionen von den neuesten Erzeugnissen der Kriegsgewinnler – Schneider-Creusot, Skoda, Krupp und  Enfield, der fruchtbaren europäischen Stahlindustrie –  getötet wurden.

Eine noch entscheidendere Metamorphose trat in der “Wissenschaft” des Krieges auf. Das Jahrhundert des wissenschaftlichen Fortschritts und der Industrialisierung brachte die Durchführung eines Krieges auf ein neues, effektiveres Niveau und die Visionen der alten Generäle wurden durch genaue Berechnungen ersetzt. Im frühen 19. Jahrhundert erfand Preußen den “Generalstab”, ein Konzept, das später von allen Staaten übernommen wurde. Diese Idee ermöglichte eine enorme Verbesserung der jahrhundertealten Bemühungen bei der Formulierung und Durchführung von Kriegsplänen, wie sie hier von John Keegan vorgestellt werden:

Armeen machen Pläne. Alexander der Große hatte einen Plan für die Invasion des Perserreiches – die Armee des Kaisers Darius zur Schlacht zu zwingen und ihn töten oder gefangenzunehmen. Hannibal hatte einen Plan für den Zweiten Punischen Krieg: um sich Roms Kontrolle des Mittelmeers zu entziehen, verlegte er die karthagische Armee über den kurzen Seeweg nach Spanien, überquerte die Alpen – jeder erinnert sich an die Geschichte mit den Elefanten – und stellte sich den Legionen in ihrer Heimat.

Philipp II. hatte einen Plan um 1588 den Krieg gegen England zu gewinnen: die Armada den Kanal hinaufsegeln lassen, die spanische Armee, die gerade gegen seine aufständischen niederländischen Untertanen kämpfte, einzuladen und in Kent zu landen. Marlboroughs Plan 1704 Holland zu retten, bestand darin, die französische Armee am Rhein entlang ziehen zu lassen und erst dann gegen sie zu kämpfen, als die Entfernung von ihren Stützpunkten ihre Niederlage möglich machte.

Napoleon machte fast in jedem Jahr seines strategischen Lebens
einen Plan: 1798 eröffnete er eine zweite Front gegen seine europäischen Feinde in Ägypten, 1800, um Österreich in Italien zu besiegen, 1806, für einen Überfall Russlands, 1808, um Spanien zu erobern, 1812, um Russland aus dem anhaltenden Krieg zu entfernen. Die Vereinigten Staaten hatten 1861 einen Plan, den Anaconda-Plan, der den rebellischen Süden durch Blockade der Küsten und die Blockade des Mississippi einschränken sollte. Napoleon III. hatte sogar einen Plan für seinen katastrophalen Krieg gegen Preußen im Jahr 1870: er plante nach Süddeutschland vorzudringen und die nicht-preußischen Königreiche gegen Berlin zu wenden.

Der Großteil vormoderner Kriegsplanung wurde auf Ad-hoc-Basis erstellt, wenn sich eine Gelegenheit bot oder eine Invasion abgewehrt werden musste. Kommandeure, die ihre Kampagnen gründlich geplant hatten, erwiesen sich daher häufig als Favoriten des Schlachtenglücks – Alexander, Caesar und Karl der Große sind Beispiele. Bis zu einem gewissen Grad konnte Erfolg geplant werden. Das Aufkommen der französischen “Bürgerarmee” nach der Revolution von 1789 und die daraus resultierenden Koalitionen und napoleonischen Kriege lösten jedoch nicht nur die Spaltung der Armeen in „Divisionen“ aus, um Bedrohungen an mehreren Fronten entgegenzuwirken oder Flankenmanöver durchzuführen, sondern stellten die Planung des Krieges auf wissenschaftliche Grundlagen – die sorgfältige Arbeit des zukünftigen Generalstabs, die in Keegans oft zitierten Worten die Kriegsplanung rationalisieren würde: „Kurz gesagt, Pläne, die nach Belieben entworfen worden waren, wurden in eine Schublade gesteckt und herausgezogen, falls die Eventualität zur Realität wurde.“ Der Generalstab wurde in Preußen erfunden und revolutionierte die Durchführung moderner Kriege. Max Boot („War Made New“, Gotham Books 2006, ISBN 1-592-40222-4) führt das Thema wie folgt ein:

Wie so viele militärische Renaissancen hatte der Aufstieg Preußens seinen Ursprung in einer Niederlage. Bei den Schlachten von Jena und Auerstaedt im Jahre 1806 zerschmetterte Napoleon die preußische Armee und zerstörte alle Mystik der Tage Friedrichs des Großen. Die französische Armee marschierte daraufhin in Berlin ein und verwandelte Preußen in einen Klientelstaat. Die Erinnerung an diese Demütigung wurde sieben Jahre später ausgelöscht, als Preußen 1813 im Verbund mit Österreich, Russland und Schweden Napoleon bei der epischen Schlacht der Nationen bei Leipzig besiegte.

Jena hatte einer ganzen Generation von Preußen die verrotteten Grundlagen des altpreußischen Staates gezeigt. In den Jahren nach 1806 wurden Reformen durchgeführt; darunter die Befreiung von Leibeigenschaft, die Emanzipation der Juden, die Stärkung der Regierungsbürokratie und die Schwächung der mittelalterlichen Handelszünfte. Diese Reformen wurden besonders im militärischen Bereich von Bedeutung.

Die Generalüberholung der Armee wurde von zwei Offizieren, General Gerhard von Scharnhorst und Graf August von Gneisenau, geleitet, die die Truppen Friedrichs des Großen, gebildet aus Aristokraten und Söldnern, durch eine Volksarmee nach französischem Vorbild ersetzen wollten. Sie stellten die Anwerbung von Ausländern ein und führten eine allgemeinen Wehrpflicht ein, der es den Reichen nicht erlaubte Ausnahmen zu kaufen.

Sie schufen auch eine Bürgermiliz namens Landwehr und beträchtliche Reservekräfte. Nach 1813 verpflichtete die Armee jährlich vierzigtausend Mann zu dreijährigem aktiven Dienst. Nach dem Ausscheiden verblieben die Männer weitere zwei Jahre in der Reserve und vierzehn Jahre in der Landwehr. Um 1850 hatte Berlin rund eine halbe Million ausgebildeter Soldaten zur Verfügung.

Und in zunehmendem Maße waren diese Soldaten nicht mehr die ignoranten Bauern der Vergangenheit. Unter der Leitung von Baron Wilhelm von Humboldt gründete Preußen ab 1809 das erste und beste öffentliche Bildungssysteme der Welt, welches Grundschulen für alle, Sekundarschulen für viele und eine Universitätsausbildung für die Elite umfasste. …

Für die Ausbildung des Korps der Unteroffiziere, Korporale und Sergeanten, die das Rückgrat der preußischen Armee bilden würden, wurden spezielle Schulen eingerichtet.

So wichtig die Reformen von Scharnhorst und Gneisenau für die Basis waren, so bedeutsam wurden sie auch für das Offizierskorps. Ihr Ziel – bei dem sie nur zum Teil erfolgreich waren – war es, den Würgegriff der Junker-Aristokratie („herzlose, hölzerne, halbgebildete Männer“, nannte sie ein Reformer) auf die Führungspositionen der Armee zu brechen. Verdienst, nicht Geburt, sollte das wichtigste Kriterium für die Auswahl der Offiziere werden – viele alte Kriegshelden wurden pensioniert und jeder Offizier, der fürderhin eine Beförderung beantragte, wurde dazu gezwungen, eine Prüfung zu bestehen. Militärische Akademien und Stabshochschulen wurden für die Ausbildung der Offiziere eingerichtet. Die erste war die Kriegsakademie, deren berühmtester früherer Leiter Carl von Clausewitz war, der Autor der klassischen Einführung in die Militärphilosophie „Vom Krieg“. Unter der Leitung von Clausewitz und seinen Kollegen wurde das Soldat sein zum Beruf und nicht zum Zeitvertreib für den Adel.


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Alliierte Kriegsfolklore

Moskauer Siegesfeier 1945

Obwohl seit dem Zweiten Weltkrieg fast siebzig Jahre vergangen sind, behalten Missverständnisse, Falschinformationen und Ungenauigkeiten – beabsichtigt oder nicht – weltweit eine seltsame Popularität. Norman Davies („No Simple Victory“, Penguin Books 2006 – ISBN 978-0-14-311409-3) hat über die vorsätzlichen Missverständnisse geschrieben, die die Folgen politischer Korrektheit und nationaler Mythenbildung sind – also von Propaganda. Er stellt fest:

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind über 60 Jahre vergangen. Und die meisten Leute gehen davon aus, dass die Grundzüge dieses schrecklichen Konflikts längst etabliert wären. Unzählige Bücher wurden zu diesem Thema veröffentlicht und Tausende von Filmen gezeigt, die jeden Aspekt militärischer Ereignisse und ziviler Opfer darstellen. Unzählige Memoiren von bedeutenden und weniger bedeuteten Teilnehmern wurden veröffentlicht. Hunderte von bedeutenden Monumenten und zahlreiche Museen wurden erbaut, um die Erinnerung an den Krieg lebendig zu halten. Man könnte meinen, es gäbe nichts Neues hinzuzufügen. Zumindest ist man versucht, so zu denken, bis man zu prüfen beginnt, was eigentlich gesagt wird und was nicht gesagt wird. [Hervorhebungen im Original]

Als Professor Davis die verschiedenen Galas, Feiern und Feierlichkeiten zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes im Jahr 2005 besuchte, hatte er Grund, sich über mysteriöse Vorkommnisse zu wundern:

… Das neue Denkmal der Vereinigten Staaten für den Zweiten Weltkrieg in Washington, DC, trug als Hauptinschrift: „Zweiter Weltkrieg 1941 – 1945“. Das Monument vergaß, den Besucher darüber informieren, dass die Vereinigten Staaten Verbündete hatten, und scheint zu dem Schluss zu kommen, dass die Vereinigten Staaten den Krieg alleine gekämpft und gewonnen haben, und das in fünf statt sieben Jahren …

… Die britischen Feiern vergaßen seltsamerweise, Delegationen aus den vielen anderen ehemaligen kolonialen Verbündeten Kanada, Südafrika, Indien, Neuseeland oder Australien einzuladen, die alle an Seite der Briten am Kriege teilgenommen hatten…

… Bei der russischen Feier auf dem Roten Platz in Moskau wurde unter anderem vergessen, zu erwähnen, dass die Sowjetunion in den sechs Jahren zwischen 1940 und 1945 die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen nicht nur einmal, sondern zweimal angegriffen, erobert und besetzt hatte, was jedes Mal mit der Verbannung und/oder Ermordung von Landbesitzern und Intelligentsia einherging. Niemand hielt es für nötig, daran zu erinnern, dass die 1939 mit Deutschland – dem Feind – verbündete Sowjetunion nur wenige Wochen später als Deutschland in Polen und Finnland einmarschiert war –  ebensolche Aggressionskriege wie sie den Nazi-Kriegsverbrechern in Nürnberg vorgeworfen wurden …

… und dass keine dieser Feierlichkeiten an die Leiden der jüdischen und nichtjüdischen Opfer der faschistischen, nationalsozialistischen und kommunistischen Regimes erinnerte, noch an das Schicksal der Millionen, die durch den Krieg zur Flucht gezwungen oder gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben wurden  –  über zehn Millionen Deutsche, fünf Millionen Ukrainer und ungefähr ebenso viele Polen, Weißrussen und kaukasische Minderheiten. Insbesondere die Sowjetunion …

… hatte in großem Stil nationale Gruppen umgesiedelt und dabei Millionen von Menschen entwurzelt. In der unmittelbaren Vorkriegszeit hatten sie rund 500.000 Polen gewaltsam aus den westlichen Bezirken entfernt und in geschlossene Bezirke an der chinesischen Grenze in Kasachstan umgesiedelt.

In den Jahren 1939 bis 1941 fanden massive Deportationen aus allen von der UdSSR annektierten Ländern statt; mit Beginn des „Großen Vaterländischen Krieges“ begannen die strategischen Deportationen mit der Anordnung, alle Finnen aus der Nähe von Leningrad zu entfernen. Später im Jahr 1941 wurde ein langjähriger Plan (der zuerst schon 1915 zu den Akten gelegt worden war) aktiviert, die gesamte Bevölkerung der Autonomen Deutschen Republik Wolga zu deportieren. Rund 2,5 Millionen Deutsche wurden entweder in die Arbeitslager oder nach Kasachstan geschickt, um sich den dorthin verbannten Polen anzuschließen. Innerhalb eines Jahrzehnts war über die Hälfte von ihnen tot. Besonders brutal war die Zwangsabschiebung und Neuansiedlung von sieben muslimischen Völkern in den Jahren 1943/44.

Norman Davies „No Simple Victory“, Penguin Books 2006 – ISBN 978-0-14-311409-3, pbk., Seite 178

In Anbetracht dieses Phänomens selektiver Gedächtnisse verspürte Professor Davies später die Notwendigkeit, gewisse Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, bevor er in seinen Vorträgen den Krieg besprach:

Als Auftakt zu verschiedenen Vorträgen und Vorträgen über den Zweiten Weltkrieg habe ich mich deshalb oft dazu entschieden, einige dieser Probleme anzusprechen, indem ich dem Publikum vier oder fünf einfache Fragen stellte:

  1. Können Sie die fünf größten Schlachten des Krieges in Europa aufzählen? Oder, noch besser, die zehn größten Schlachten?
  2. Können Sie die vier wichtigsten politischen Ideologien mit Namen benennen, die während des Krieges in Europa um die Vorherrschaft kämpften?
  3. Können Sie mir das größte Konzentrationslager nennen, das in den Jahren 1939 bis 1945 in Europa in Betrieb war?
  4. Können Sie mir die europäische Nationalität (oder ethnische Gruppe) nennen, die während des Krieges die meisten Zivilisten verloren hat?
  5. Können Sie mir das Schiff nennen, das bei der größten Seekatastrophe des Krieges mit Rekordverlusten an Menschen versenkt wurde?

Darauf folgte in der Regel eine tödliche Stille und dann großer Trubel mit wilden Vermutungen und Fragen. Den Trubel beendend, sage ich dann meinem Publikum: “Bis wir die richtigen Antworten auf so grundlegende Tatsachenfragen gefunden haben”, sage ich, “sind wir gar nicht in der Lage, weiterführende Fragen oder Probleme zu beurteilen.”

Dass  Nationen an den Chimären vergangener Verdienste festhalten und Versagen zu vergessen neigen, ist in deren Fehlbarkeit durchaus menschlich. In derselben Liga steht die ewige Unterschätzung des Menschen, wie viel Wissen erforderlich ist, um ein Thema beurteilen kann [siehe Dunning-Kruger-Effekt). Vielleicht schafft Unwissenheit Glücksgefühle, wie in Orwells 1984. Paul Fussell, Historiker und Veteran des Zweiten Weltkriegs, der 1945 in Frankreich verwundet wurde, fand zahlreiche Gründe, den polierten Plattitüden der Sieger zu misstrauen und beobachtete bei der Darstellung vieler Gegebenheiten absichtlicher Falschdarstellungen. Die Darstellung des Zweiten Weltkrieg in den amerikanischen Medien betrachtend, fühlte er sich gezwungen zu folgern, dass “der alliierte Kriegsanteil der Jahre 1939/45 von Sentimentalisten, verrückten Patrioten, Unwissenden und Blutdürstigen bis zur Unkenntlichkeit saniert und romantisiert wurde“.

Natürlich gewinnen solche Gruppen ihre redaktionelle Freiheit aus der Tatsache, dass ihre Seite den Krieg gewonnen hat und sich somit moralischen Zweideutigkeiten leicht entziehen kann. Alle sind sich einig, dass die industrielle Tötung von Juden oder Zigeunern mit Zyanid ein Verbrechen war, das in der Geschichte fast ohne Beispiel war. Dies gilt jedoch auch für andere Erfindungen des zwanzigsten Jahrhunderts: Städtevernichtungen mit konventionellen Sprengstoffen wie etwa in Dresden oder Tokio, oder mit Atombomben wie in Hiroshima und Nagasaki. Wäre der Krieg verloren gegangen, wer hätte die moralische Ordnungsmäßigkeit solcher Ereignisse erklären können oder wollen?

Daher hier die Antworten auf die oben gestellten Fragen:

Fünf Schlachten – Verluste: [1] Operation Typhoon, die Schlacht um Moskau 1941/1942 (1.582.000) [2] Fall Blau, die Schlacht um Stalingrad 1942-1943 (973.000) [3] die Belagerung von Leningrad 1941-1944 ( 900.000) (4) Operation Barbarossa, die Offensive Juni 1941 (657.000) [5] Operation Bagration, Sowjetische Offensive 1944 (450.000)

Ideologien: Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus, Liberale Demokratie

Größtes Konzentrationslager: Vorkuta, UdSSR

Verluste nach Nation bzw. Ethnizität: Siehe unteres Diagramm

Seekatastrophe: Deutsche Schiff „Wilhelm Gustloff“, torpediert durch Russisches U-Boot im März 1945, ca. 8000 Tote

[Quellen: Davies, Id., S.25 ff.; Diagramm S.366]

Um Diskussionen vorzubeugen: Dieser Post beschreibt lediglich die alliierte Rezeption der Weltkriegsgeschichte wie von Professor Davies erlebt – Diskussionen um die Zahlen usw. sind also irrelevant.


(© und Übersetzungen – John Vincent Palatine 2015 – 2019)

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Warum Revolutionen ihre Kinder fressen …

Lenin bei einer vorrevolutionären Rede auf dem Sverdlov-Platz in Moskau – Leon Trotzki (rechts in Uniform), der Held der nachfolgenden Revolution und Lew Kamenew, hinter ihm, wurden später zu Unpersonen erklärt und bis 1991 aus allen Versionen dieses Fotos wegretuschiert …

“Die Revolutionäre von heute sind die Konservativen von morgen.” © Gerald Dunkl (*1959), österreichischer Psychologe und Aphoristiker

Artikel mit Beispielen von "Unpersonen"
Artikel mit bekannten Beispielen von “Unpersonen”
Metamorphose einer Fotografie

“Mit allen Fasern revoluzzerte der Mensch M. in der Bewegung mit. Erst als er die neuen Fesseln verspürte, atmete er erleichtert auf.” © Martin Gerhard Reisenberg (*1949), Diplom-Bibliothekar und Autor

Französische Revolution
Die Ikone der modernen Revolution – die Französische Revolution von 1789 – endete in den Napoleonischen Kriegen

Politik – und daher auch die Geschichte – bedient sich notwendigerweise eines Bereichs sorgfältig gehegter und gepflegter, aber unangenehm ungenauer Schlagworte und Definitionen – nicht zuletzt deshalb, weil es sich viel zu häufig als notwendig erweist, sich von gestrigen Verpflichtungen, Verlautbarungen oder Bestimmungen zu distanzieren, die morgen – oder schon in der nächsten Minute – einer Korrektur oder Neuinterpretation bedürfen.

Schon über den wohlfeilen Begriff „Freiheit“ kann man – und sind – ebenso wohlfeile, lange Bücher geschrieben worden. Hier wollen wir kurz eine andere Begrifflichkeit ansprechen.

„Konservativ“ oder „Konservatismus“ ist einer der beliebtesten Schlagworte im politischen Vernakular – aber sehen wir uns doch die Etymologie, den inhärenten Relativismus und die tatsächlich rotative Konnotation des Begriffs etwas genauer an als die oberflächliche Verwendung im allgemeinen Sprachgebrauch.

Die Deutsche Revolution 1848-49
Die Deutsche Revolution 1848-49

Es leitet sich natürlich aus dem lateinischen “conservare” bzw. „preservare“ ab. “Servare” ist das Stammwort für “Servus”, den Diener, und bedeutet im Wesentlichen “dienen” oder “verwenden” auf transitive Weise – etwas, das wie im englischen Wort “serviceable” verwendet werden soll oder zu etwas dient. Das Präfix “con” hat die Grundbedeutung von “zusammen” (“zusammen mit”, genauer), und wir könnten es in diesem Kontext im Wesentlichen als “etwas, das (gut) dient” übersetzen, eine Idee, die sich schnell zur Vorstellung von etwas entwickelt hat, das gut dient und deshalb behalten werden sollte.

Dies ist die oberflächlichere Art und Weise, wie es allgemein verwendet wird, um auf politischer Ebene eine bestehende Struktur zu bezeichnen, die aufgrund ihrer Verdienste beibehalten werden sollte.

Dies ist natürlich das klassische Argument des Besitzers – nicht des Aspirators – und hier sehen wir, dass es tatsächlich eine grundsätzlich rotative Konnotation impliziert.

Denn der Revolutionär jeder Art – sobald er oder sie das Ziel erreicht hat – muss sich sofort der Bewahrung der neuen Errungenschaft verschreiben und selbst zu einem “Conservator” werden.

So werden Revolutionäre zu gegebener Zeit immer zu Konservativen – vielleicht erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, dass der industrielle Konservatismus unserer Zeit einst eine Revolution gegen das Feudalsystem war – die Lehnsherrschaft.

Darin liegt auch der Grund für das alte Sprichwort, dass alle Revolutionen ihre eigenen Kinder verschlingen – siehe Trotzki, Danton, Robespierre und all die anderen. Über die moderne, umgekehrte Instrumentalisierung des Terrors durch selbst ernannte “Konservative”schrieb F. Fürstenberg schon 2007 in der New York Times unter “Bush’s Dangerous Liaisons” (PDF hier), im Zusammenhang mit der Französischen Revolution – auch zur Etymologie des Wortes “Terrorist”:

… The word was an invention of the French Revolution, and it referred not to those who hate freedom, nor to non-state actors, nor, of course, to ‘Islamofascism’. A ‘terroriste’ was, in its original meaning, a Jacobin leader who ruled France during La Terreur.

Die Französische Revolution bleibt das klassische Beispiel für Revolutionen, die sich ihrer eigenen Gründer und Hauptbeteiligten entledigten. Die Herrschaft des Terrors begann, nach einer Übergangsphase, mit der Hinrichtung des Adels und des Königs. Dann erweiterte sich der Kreis gegen Tausende von Verdächtigen, die der Feindschaft gegenüber der Revolution verdächtig waren. Die Jahre der Monarchie endeten schließlich mit der Hinrichtung des Königs und der säkularen Französischen Republik.

Die exekutive Gewalt wurde einem Ausschuss für Öffentliche Sicherheit übertragen, und Maximilien Robespierre, der Anführer der Jakobiner, als Leiter eingesetzt. In einer Zeitspanne von nicht mehr als sieben Wochen schaffte es das löbliche Gremium, rund 1300 Menschen auf die Guillotine zu schicken. Man muss allerdings zugeben dass, in poetischer Gerechtigkeit, auch Robespierre und sein Intimfeind Danton ihre Köpfe dort verloren.

Die Niederschlagung 1849
Die Niederschlagung 1849

Hinrichtung war natürlich das probate Mittel, die physische Existenz der Widersachers zu negieren, aber die Nemesis der Erinnerung bleibt. Schon die alten Römer kannten die „Abolitio nominis“ – die „Abschaffung des Namens“ heute meist als „Damnatio memoriae“ bezeichnet – die demonstrative Tilgung des Andenkens an eine Person.

Interessanterweise kennen wir praktisch die Namen aller Personen, die dieser Damnatio verfielen – was auf die Untauglichkeit der Praxis hinweist. Ebenso erging es der UdSSR und ergeht es ihren Nachahmern … aber das Grundproblem bleibt – der radikale Interessenwandel des Revolutionärs zum Erhalter des Status Quo … der, eher volens als nolens, nun die Gegner dieses Status “terrorisiert” …


Revolution: in der Politik ist dies ein plötzlicher Wechsel in der Form der Mißregierung.” Ambrose Gwinnett Bierce (1842 – 1914), genannt Bitter Pierce, US-amerikanischer Journalist und Satiriker; Quelle: Bierce, Des Teufels Wörterbuch (The Cynic’s Word Book), 1906 (1909 als »Devil’s Dictionary« in ›Collected Works‹, Vol. 7)

(© John Vincent Palatine 2019)

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Wilhelm II und die Leichtigkeit des Seins

In vollem Ornat – Wilhelm II

Videos: I. Christina Croft und ihr Buch über Wilhelm II. Originalaufnahmen III. Truppenparaden IV: Kolorierte Fotos


In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts konnte sich das Deutsche Reich durchaus glücklich schätzen – die Industrialisierung schritt voran, erste Sozialgesetzgebung wurde initiiert und der Berliner Kongress von 1878 hatte die wesentlichen politischen Spannungen in Europa beigelegt. Deutsch war die Sprache der Wissenschaft weltweit und nach dem Sieg von 1870/71 war das Reich auch militärisch gesichert. Das große Problem lag in der Verfassungswirklichkeit, d.h. der Führung.

Die altmodischen, fast mittelalterlichen, auf die Person des Monarchen zentrierten Verfassungsbestimmungen, unter denen das Kaiserreich existierte, waren einem modernen Staat höchst abträglich.

Wilhelm im Alter von 21
Wilhelm im Alter von 21

Die Regierung der vor kurzem vereinten Nation hinke weit hinter der Modernisierung ihrer Wirtschaft her, schrieb Friedrich Stampfer, Chefredakteur der (noch heute existierenden) sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“. Das wilhelminische Deutschland wäre, seiner Meinung nach, das am meisten erfolgreich industrialisierte und am effektivsten verwaltete Land Europas war, aber leider auch die am schlechtesten regierte Nation in Vorkriegseuropa. Max Weber hatte das Gefühl, von einer Horde Irrer regiert zu werden. Der Fisch stank vom Kopf her und der Kopf war natürlich niemand anderes als der Kaiser selbst, Wilhelm II, König in Preußen und Deutscher Kaiser.

Er wurde am 27. Januar 1859 als erstes Kind des Kronprinzen und zukünftigen Kaisers Friedrich III und der Prinzessin Royal Victoria, der ältesten Tochter von Königin Victoria von England geboren. Zar Nikolaus II. von Russland und König Georg V. von England, zwei weitere Enkelkinder von Königin Victoria, waren seine Cousins, und er war blutsmäßig mit fast jedem anderen regierenden Haus des Kontinents verwandt.

Leider litt er an einem Geburtsfehler, der seine aufkeimende Persönlichkeit stark beeinflusste. John C.G. Röhl, der Wilhelm in seinem Buch “The Kaiser and His Court“ [Cambridge University Press 1996, ISBN 0-521-56504-9] untersucht, stellt uns Mutter und Kind vor:

Es ist bekannt, dass Wilhelm bei der Geburt einen organischen Schaden erlitten hatte, obwohl das Ausmaß des Schadens noch immer nicht voll geklärt ist. Abgesehen von seinem nutzlosen linken Arm, der letztendlich etwa fünfzehn Zentimeter zu kurz war, litt er auch unter Wucherungen und Entzündungen im rechten Innenohr. Aufgrund dieses Zustands wurde er 1896 einer schweren Operation unterzogen, die ihn auf dem rechten Ohr fast taub machte.

Die Möglichkeit, dass er zum Zeitpunkt seiner Geburt auch einen Hirnschaden erlitt, kann nicht ausgeschlossen werden. Im Jahr 1859, in dem Wilhelm geboren wurde, wurden in Deutschland fast 98 Prozent der Babys in der Steiß- bzw. Beckenendlage tot geboren. Die Gefahr war am größten bei jungen Müttern, die ihr erstes Kind bekamen, vor allem durch die Gefahr des Erstickens, falls der Kopf des Babys die neben ihm verlaufende Nabelschnur zudrückte. Wenn die Luftzufuhr länger als ungefähr acht Minuten unterbrochen war, würde das Baby sicher sterben.

Und in der Tat war das königliche Baby, mit dem wir uns befassen, “in hohem Maße scheinbar tot”, wie es der Bericht des Arztes ausdrückte, als Wilhelm am Nachmittag des 27. Januar 1859 in die Welt kam, mehr als zehn Stunden nachdem die Wasser gebrochen waren.

Welcher Schaden auch immer in diesen Stunden an Wilhelms Gehirn entstand, es ist sicher, dass sein linker Arm nicht lokal gelähmt war, wie die Ärzte es annahmen, sondern eher als Folge einer Schädigung des Plexus brachialis, also des Nervenstrangs, der die Innervation der Schulter-, Arm- und Handmuskulatur gewährleistete – diese wurden wohl während der Endphase der Geburt aus der Halswirbelsäule gerissen.

Die Geburt war für Vicky, die Prinzessin Royal, eine schreckliche Erfahrung. Trotz der Tatsache, dass sie vorher stundenlang Chloroform eingeatmet hatte, war die Geburt extrem schmerzhaft. Sie hatte nur ein Jahr zuvor geheiratet, im Alter von siebzehn Jahren. Während der langen, komplizierten Geburt ihres ersten Kindes musste “der arme Dr. Martin” unter ihrem langen Flanellrock arbeiten, sodass der königliche Anstand gewahrt bliebe.

Vickys Reaktion auf die Geburt eines verkrüppelten Jungen war, wie es scheint, ambivalent. Wäre sie ein Junge gewesen, das erste Kind von Königin Victoria, hätte sie sich in ihrem geliebten England aufhalten können und wäre zu gegebener Zeit des Landes Souverän geworden. Nach dem Stand der Dinge stand ihr jetzt jedoch nur ein Sohn zur Verfügung um durch ihn das zu tun, was sie konnte, um das Land umzubauen, in das sie im Interesse ihres Landes geheiratet hatte

Wilhelm und seine Mutter
Wilhelm und seine Mutter

Aber dieser Sohn hatte einen verkrüppelten Arm, er war nicht besonders talentiert und demonstrierte schon sehr früh ein stürmisches, hyperaktives Temperament, das durchaus Anlass zur Sorge gab. Sigmund Freud selbst diagnostizierte Vickys Gefühl einer narzisstischen Verletzung als eine der Hauptursachen Wilhelms späterer psychologischer Störungen. 1932 schrieb er:

“Es ist üblich für Mütter, denen das Schicksal ein krankes oder anderweitig benachteiligtes Kind gegeben hat, zu versuchen es für das unfaire Handicap durch ein Übermaß an Liebe zu entschädigen. Aber in dem Augenblick vor uns benahm sich die stolze Mutter anders; sie entzog dem Kind ihre Liebe aufgrund seiner Gebrechlichkeit. Als er (Wilhelm) dann zu einem Mann von großer Macht herangewachsen war, zeigte sich in seinen Handlungen eindeutig, dass er seiner Mutter nie vergeben hatte.”

Sobald Ärzte mit “Tierbädern” und Elektroschocks auf den jungen Wilhelm losgelassen worden waren, mit Metallapparaturen und Lederriemen zum Dehnen von Arm und Nacken, sobald seine Erziehung in die Hände des nie lächelnden, nie lobenden calvinistischen Hinzpeter gelegt worden war, lag die letzte, magere Hoffnung für seine emotionale und psychische Stabilität in den Händen seiner Mutter. Aber sie war unfähig, die Verbindung bedingungsloser Liebe und Vertrauen aufzubauen, die er so dringend brauchte.

Kein Wunder, dass er sich genau zu den Elementen hingezogen fühlte, die seine Mutter gewohnheitsmäßig abwerteten – zu Bismarck, die “netten jungen Männer” der Potsdamer Garderegimenter, an die Kamarilla des “Liebenberg-Kreises”; kein Wunder, dass er glaubte, nicht genügend Hass auf England aufbauen zu können. [Schloss Liebenberg war im Besitz von Philipp zu Eulenburg]

Als Wilhelm im Alter von 29 Jahren auf den Thron kam, konnte er den ganzen Apparat der Armee benutzen, der Marine und des Staats, die ganze Arena der Weltpolitik, um seinen Wert zu beweisen. (Röhl, S. 25-26)

Die Organisationsform der Bundesregierung konzentrierte sich zu einem beinahe mittelalterlicher Grad auf die Person des Monarchen. Der Kaiser hatte das Recht auf Ernennung und Entlassung aller Bundesbeamten, vom Kanzler bis zum niedrigsten Schreiber. Obwohl die Verfassung den Kanzler “verantwortlich” gegenüber dem Reichstag machte, konnte das Parlament ihn nicht sanktionieren, und so blieb diese Verantwortung eine Formalität, bloßer Rauch ohne Feuer. Der einzig wahre politische Einfluss des Parlament war es, von seinem Recht Gebrauch machen, den Haushalt anzunehmen oder abzulehnen, aber da es dies nur in vollem Umfang tun konnte, d. h. alles oder nichts, und eine solche Ablehnung durch eine kaiserliche Notstandsverordnung leicht umgangen werden konnte, war es für den Kanzler leicht, Haushalte nach der Zuckerbrot-und-Peitsche-Methode durchzubringen, deren Ablehnung sich das Parlament nicht wirklich leisten konnte.

Veränderungen in der Person des Kanzlers konnten sich somit nur aus Situationen ergeben, in denen die Mitarbeit des Parlaments notwendig war, sagen wir, z. B. bei den Militärbudgets. Die Verfassung beließ der Krone ausdrücklich die Kontrolle über Außenpolitik und die Frage von Krieg und Frieden, und die Bundesregierung war dem Monarchen verantwortlich, nicht dem Parlament oder den Menschen. (1) Dies war äußerst bedeutungsvoll und folgenreich im militärischen Bereich, wie Fritz Fischer ausführt:

Ein weiterer Faktor, der die Position der Krone stärkte und den Kanzler und damit die Regierung in ihrer Entscheidungsbefugnis einschränkte, war, dass die preußische Armee (in Kriegszeiten auch die Armeen des anderen Bundesstaaten) und die Marine der direkten Autorität des Monarchen unterstanden. Er übte diese Befugnisse durch seine Militär- und Marinekabinette (für Personalfragen) und durch die General- und Marinestäbe aus – Gremien in denen der Kanzler keine Stimme hatte, und es gab auch keine Koordinierungsmaschinerie (die Person des Monarchen ausgenommen), wodurch den politischen Aspekten militärischer Entscheidungen das richtige Gewicht verliehen werden konnte. (2)

Bei Wilhelm kamen nun diese Kehrseiten von Bismarcks monarchischer Verfassung voll zum Durchbruch: niemand konnte die imperiale Quasselstrippe einbremsen.

Die Eröffnung des deutschen Reichstages im Weißen Saal des Berliner Schlosses am 25. Juni 1888 (Ölgemälde von Anton von Werner, 1893
Die Eröffnung des deutschen Reichstages im Weißen Saal des Berliner Schlosses am 25. Juni 1888 (Ölgemälde von Anton von Werner, 1893

Er reiste durch die Welt und informierte alle, die ihn fragten, und alle, die dies nicht taten, über seine persönliche Macht und die seines Landes. Manchmal schien es, dass Deutschland sich zu einer hermaphroditischen Nation aus einer erstklassigen Industrie, einer relativ freien Presse und einem impotenten Parlament entwickelt habe; eine Mischung aus Don Juan und mittelalterlichem Räuber, wie aus „The Prisoner of Zenda“; es war so, merkte John Röhl an, als ob die „Entwicklung des Landes zu einem modernen einheitlichen Rechtsstaat zur Halbzeit stehengeblieben war“. (Röhl, S. 121 ) Die Wahrnehmung Deutschlands in der Welt hing sehr von den Meinungen ab, die Wilhelm ungebeten verkündete, und das Auswärtige Amt und der diplomatische Dienst konnten die ungünstigen Eindrücke, die der Kaiser hinterließ, wohin er auch reiste und mit wem er auch sprach, häufig nicht korrigieren.

Zusätzlich zu seiner kapriziösen Politik erregten seine privaten Plaisirs Verdacht und erregten jede Menge öffentliche Aufmerksamkeit – zum Beispiel in den saftigen Skandalen der Harden-Eulenburg-Affäre, auch “Liebenberg-Prozesse” genannt:

Schon vor seinem Amtsantritt hatte Wilhelm angekündigt, “gegen Laster, Glücksspiele, Wetten usw. ankämpfen zu wollen “, gegen “alle diese Taten unserer sogenannten ‚guten Gesellschaft.‘” Dieser Kampf war jedoch nicht besonders erfolgreich. Bald nachdem er auf den Thron gekommen war, begannen hunderte obszöner anonymer Briefe am Hof zu kursieren, und wiewohl dies jahrelang anhielt, wurde der Autor nie entdeckt – obwohl der Täter ein Mitglied des engsten Kreises um Wilhelm und die Kaiserin gewesen sein muss (oder vielleicht gerade deshalb?)

Ein Jahrzehnt später erlebte der wilhelminische Hof seinen größten Skandal, als Philipp Eulenburg [Wilhelms bester Freund] und sein “Liebenberg-Kreis” wegen ihrer Homosexualität [die technisch gesehen eine Straftat war] öffentlich angegriffen und schließlich des Hofes verwiesen wurden. Dutzende von Hofbediensteten und Verwaltungsbeamten erwiesen sich als in den Skandal verwickelt. Peinliche Fragen wurden gestellt – sogar über den Kaiser.

Das bereits ineffiziente deutsche Regierungssystem erlitt einen sofortigen Zusammenbruch, komplettes „Chaos an der Spitze”. Nationalistische Kreise neigten zu der Ansicht, dass sie entweder auf das Äußerste – Krieg – drängen müssten oder auf die Abdankung Wilhelms.

“Um uns von Scham und Spott zu befreien”, schrieb Maximilian Harden (Zeitungsredakteur und die treibende Kraft hinter der Staatsanwaltschaft) im November 1908, “müssten wir bald in den Krieg ziehen oder uns der traurigen Notwendigkeit stellen, einen Wechsel des kaiserlichen Personals auf eigene Rechnung vorzunehmen, auch wenn stärkster persönlicher Druck ausgeübt werden müsste.” Wie Maurice Baumont in seiner Studie der Eulenberg-Affäre zu Recht bemerkt hat, “la réalité pathologique des scandales Eulenburg doit prendre parmi les causes complexes de la guerre mondiale.”[… die pathologische Realität der Skandale bedeutet, dass man Eulenburg zu den komplexen Ursachen des Weltkriegs dazuzählen muss.] (Röhl, S. 100)

Wilhelm II and King Edward VII
Wilhelm II und King Edward VII

Sicherlich besaßen viele andere Länder Monarchen in ihrer Geschichte, die Themen für Satire oder scherzhafte Witze geliefert hatten, aber diejenigen deutschen Schichten, die am meisten von Wilhelms Regierung profitiert hatten, preußische Junker und die hohen Zivil- und Militärbediensteten, allesamt adelig, zeigten nicht nur erstaunliche Fähigkeiten zu vergeben und zu vergessen, sondern übertrafen sich selbst, den mutmaßlichen Entwürfen des Kaisers in puncto Weltpolitik zu applaudieren. John Röhl erzählt die Geschichte eines preußischen Offiziers in Brasilien, der angesichts der wichtigen Nachricht des Kriegsausbruchs einem Freund schrieb, dass das deutsche Volk endlich sehen könne, dass der Kaiser in seiner Persönlichkeit “mehr als Bismarck und Moltke zusammen und ein höheres Schicksal als Napoleon I” verkörpere; dass Wilhelm in der Tat der “Gestalter der Welt” war. (Röhl, S. 9) Er schrieb:

Wer ist dieser Kaiser, dessen Friedenszeit so voller Ärger und ermüdender Kompromisse war, dessen Temperament so wild aufflammte, nur um wieder zu sterben? … Wer ist dieser Kaiser, der jetzt plötzlich alle Vorsicht in dem Wind wirft, der sein Visier aufreißt, um seinen titanischen Kopf zu entblößen und die Welt zu erobern?… Ich habe diesen Kaiser falsch verstanden; ich habe ihn für schwächer gehalten. Er ist ein Jupiter und steht auf dem Olymp seiner eisernen Kräfte, Blitze in seiner Hand. In diesem Moment ist er Gott und Herr der Welt.” (Röhl, S.9)

Lobpreisungen dieser Art standen in scharfem Kontrast zur Realität der Außenpolitik des Kaisers in der Zeit nach Bismarck, in der Krieg zu einer Möglichkeit wurde, die nicht ausgeschlossen werden konnte. 1890 feuerte Wilhelm den alten Kanzler und Bismarcks System der Verträge brach schnell auseinander. Luigi Albertini kommentiert die Bedeutung dieser Auseinandersetzung zwischen dem alten Praktiker und dem unerfahrenen Monarchen:

Die Position von Bismarck wurde kritisch, als am 9. März 1888 der neunzigjährige Kaiser Wilhelm I., dessen Unterstützung er immer genossen hatte, starb und, drei Monate nach dem verfrühten Tod Wilhelms Sohn Friedrich III., sein Enkel Wilhelm II. den Thron bestieg. Der Letztere hatte zuerst pro-russische und anti-britische Einstellungen gezeigt; aber unter dem Einfluss von General Waldersee war er für die Ansicht des Generalstabs gewonnen worden, dass Deutschland solide zu Österreich stehen und einen Präventivkrieg gegen Russland führen müsse.

Der Kanzler wollte ihn davon überzeugen, dass es im Gegenteil besser wäre, einen Vorwand für einen Krieg mit Frankreich zu suchen – in dem Russland neutral bleiben würde –  würde Deutschland dagegen Krieg gegen Russland führen, würde Frankreich die Gelegenheit benutzen, Deutschland anzugreifen. Er schien beinahe erfolgreich gewesen zu sein, als Wilhelm II nur wenige Tage nach seinem Thronantritt der Welt seine Absicht ankündigte, den Zaren vor jedem  anderen Souverän zu besuchen. Danach, auf Ersuchen von Giers [dem russischen Außenminister] und mit der Zustimmung des Zaren, stimmte er der Erneuerung des Rückversicherungsvertrags* mit Russland zu, die sonst im Juni 1880 enden würde.

Reinsurance Treaty [Englisch, PDF]

Aber als sich der russische Botschafter Shuvalov mit den erforderlichen Vollmachten zur Erneuerung des Vertrages für weitere sechs Jahre in Berlin vorstellte, war Bismarck schon zurückgetreten.

Der Kaiser hatte von Baron Holstein, einem hohen Beamten der Wilhelmstraße [des Außenministeriums] Berichte über angebliche feindliche Vorbereitungen Russlands erhalten, von denen er dachte, Bismarck hatte sie von ihm zurückgehalten. Er befahl dem Kanzler, Österreich zu warnen, und hatte Kopien dieser Berichte nach Wien geschickt – Bismarcks Erklärung, dass diese Berichte unerheblich waren, ignorierend. Dies überzeugte den Kanzler, dass ihre Differenzen unüberwindlich wären und am 18. März 1890 reichte er seinen Rücktritt ein.

Dropping the Pilot - Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine
Dropping the Pilot (Der Lotse geht von Bord) – Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine

Wilhelm II. akzeptierte den Rücktritt, worauf Shuvalov Zweifel äußerte, ob der Zar bereit sei, den Geheimvertrag mit einem anderen Kanzler zu erneuern. Beunruhigt schickte Wilhelm II. ihm noch des Nachts eine Nachricht und schrieb, er wäre gezwungen gewesen, Bismarck aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand zu versetzen, aber dass sich in der deutschen Außenpolitik nichts ändern würde, und dass er bereit wäre, den Vertrag zu erneuern. Aber Holstein manövrierte die Abläufe so geschickt, dass der neue Bundeskanzler Caprivi und der deutsche Botschafter in St. Petersburg den Kaiser zu einer Änderung seiner Meinung überredeten – mit der Behauptung, dass der Rückversicherungsvertrag mit Russland mit dem österreichischen Bündnis unvereinbar sei und dass, wenn St. Petersburg dies Wien verriete, der Dreibund gleichfalls erledigt und England sich von Deutschland entfremden würde.

Solchen Ratschlägen gegenüber gab Wilhelm seinen Widerstand schnell auf und der deutsche Botschafter wurde angewiesen, St. Petersburg darüber zu  informieren, dass der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert werden würde.

  • [Der Rückversicherungsvertrag war ein heikles Stück Bismarckscher Diplomatie. Angesichts der Notwendigkeit, Russland um jeden Preis von Frankreich fernzuhalten, erkannte Bismarck, dass der Duale Bündnisvertrag von 1879 zwischen Deutschland und Österreich zu einem Szenario führen könnte, in dem Deutschland verpflichtet wäre, Österreich im Falle österreichisch-russischer Spannungen im Balkan zu unterstützen – die praktisch jederzeit auftreten könnten. Dies könnte zu einem Bruch in den russisch-deutschen Beziehungen führen und Russland wiederum in Richtung Frankreich lotsen, was unbedingt vermieden werden musste. Also musste eine Lösung gefunden werden, die sowohl Russland als auch Deutschland es ermöglichte, das Gesicht zu wahren, wenn Österreich auf dem Balkan Mist baute, aber weder Deutschland noch Russland es zum Krieg kommen lassen wollten. Was auch immer Österreichs Pläne in dieser Region beinhalteten, es war klar, dass sie es sich niemals leisten konnte, Russland ohne deutsche Hilfe anzugreifen. Bismarck und Shuvalov entwickelten daher “eine Formel, die beide Parteien [Deutschland und Russland] zu wohlwollender Neutralität in einem Krieg eines von ihnen gegen eine dritte Macht verpflichten würden, außer in dem Fall, dass eine der Vertragsparteien direkt Österreich oder Frankreich angriffe.” (Albertini, I, S.58) Das heißt, solange weder Deutschland noch Russland Österreich oder Frankreich einseitig angriffen, würde das gegenseitige Wohlwollen weiterhin bestehen, und da Österreich es sich nicht leisten konnte, Russland alleine anzugreifen, könne kein großer Krieg wegen eines slawischen oder türkischen Problems auf dem Balkan entstehen.]

Bismarcks Politik orientierte sich an dem Grundsatz, Machtkoalitionen, die zu einem generellen europäischen Krieg führen könnten, unmöglich zu machen. Diese völlig rationale Politik, die den besonderen Anforderungen und individuellen Empfindlichkeiten von Russland und England entsprach, wurde durch eine Abfolge von vier Kanzlern, die nichts von Außenpolitik verstanden und sich im Allgemeinen nicht viel darum kümmerten, zu einer Katastrophe, die durch die launische Persönlichkeit des Monarchen nur verschlimmert wurde.

 Was genau waren die Einzelheiten von Wilhelms Charakter, die zu den außenpolitischen Wahnsinnstaten führten, die Europa ab 1890 so sehr destabilisierten? In seinem Essay “Kaiser Wilhelm II: a suitable case for treatment?“ [Kaiser Wilhelm II: Ein geeigneter Fall für eine Behandlung?] stellt John Röhl seine Beobachtungen vor:

Jede Skizze seines Charakters muss mit der Tatsache beginnen, dass er nie gereift ist. Bis zum Ende seiner dreißigjährigen Regierungszeit blieb er der “junge” Kaiser mit dem “kindlichen Genie”. “Er ist ein Kind und wird immer eins bleiben” seufzte im Dezember 1908 ein weiser Gerichtsbeamter.

Wilhelm schien nicht in der Lage zu sein, aus Erfahrung zu lernen. Philip Eulenburg, der ihn besser kannte als jeder andere, schrieb in einem Brief an Bülow um die Jahrhundertwende, dass Wilhelm, in den elf Jahren seit seiner Thronbesteigung “in Bezug auf sein äußeres Wesen sehr viel ruhiger geworden ist. … Spirituell, dagegen, hat sich jedoch nicht die geringste Entwicklung gezeigt. In seiner explosiven Art ist er unverändert. In der Tat, sogar härter und plötzlicher, da sein Selbstwertgefühl mit der Erfahrung gewachsen ist – was für ihn aber keine Erfahrung ist. Denn seine ‚Individualität‘ ist stärker als der Effekt von Erfahrung.”

Mehr als dreißig Jahre später, als sowohl Eulenburg als auch Bülow tot und der Kaiser zweiundsiebzig Jahre alt und schon lange in Verbannung, schrieb sein Adjutant Sigurd von Ilsemann in sein Tagebuch in Doorn:

“Ich habe den zweiten Band der Bülow-Memoiren jetzt fast fertig gelesen und bin immer wieder begeistert darüber, wie wenig sich der Kaiser sich seit dieser Zeit verändert hat. Fast alles was damals passierte, passiert immer noch, nur mit dem einzigen Unterschied, dass seine Handlungen, die damals von schwerwiegender Bedeutung waren und praktische Konsequenzen hatten, richten sie jetzt keinen Schaden mehr an. Auch die vielen guten Eigenschaften dieser seltsamen, eigentümlichen Person, des Kaisers so sehr komplizierter Charakter, werden von Bülow immer wieder betont.” (Röhl, S. 11-12)

Wir werden – fast unheimlich – viele andere Merkmale Wilhelms wiederentdecken: ununterbrochenes Reisen, die Unfähigkeit zuzuhören, eine Vorliebe für Monologe über halb verstandene Themen und das ständige Bedürfnis nach Gesellschaft und Unterhaltung – ganz wie in dem Charakter und den Gewohnheiten des jungen österreichischen Malers, der in gewissem Sinn sein Erbe wurde. Sie drücken eine Mischung aus Unreife, Egozentrismus und Größenwahn aus –  verständlich, vielleicht, in einem jungen Mann, aber gefährlich für den Anführer der Welt zweitgrößten Industriemacht, der dazu noch ein mittelalterliches Verständnis von den Rechten und Pflichten eines Monarchen hatte.

Kaiser Wilhelm und das Europäische Gleichgewicht
Kaiser Wilhelm und das Europäische Gleichgewicht

Eine andere von Wilhelms Charaktereigenschaften, die notorische Überschätzung seiner eigenen Fähigkeiten, von Zeitgenossen als “Caesaromania” oder „folie d’empereur“ verspottet, hemmte in ähnlicher Weise seine Reaktion auf konstruktive Kritik.

Wie konnte der Monarch aus Erfahrung lernen, wenn er seine Minister verachtete, sie selten empfing und noch weniger zuhörte, was sie zu sagen hatten; wenn er überzeugt war, dass alle seine Diplomaten so “ihre Hosen voll” hätten, dass “die gesamte Wilhelmstraße zum Himmel stank”; wenn er sogar den Kriegsminister und den Chef des Militärkabinetts mit den Worten “Ihr alte Esel” anredete; und eine Gruppe von Admiralen beschied: “Alle von euch wissen nichts; Ich alleine weiß etwas, ich alleine entscheide.”

Schon bevor er zum Thron kam, hatte er gewarnt: “Hütet Euch vor der Zeit, in der ich die Befehle gebe.” Schon vorher, nach Bismarcks Entlassung, drohte er, jeden Widerstand gegen seinen Willen zu zerschlagen. Er alleine sei der Meister im Reich, sagte er in einer Rede im Mai 1891, und er würde keinen anderen tolerieren.

Den Prinzen von Wales informierte er um die Jahrhundertwende: “Ich bin der einzige Herr deutscher Politik und mein Land muss mir überallhin folgen.“ Zehn Jahre später erklärte er einer jungen Engländerin in einem Brief: “Meine Ideen und Gefühle den Geboten der Leute anzupassen, ist eine Sache, die in der preußischen Geschichte oder den Traditionen meines Hauses völlig unbekannt ist! Was der Deutsche Kaiser und König von Preußen für richtig und am besten hält, das tut er.”

Im September 1912 ernannte er Prinz Lichnowsky gegen den Rat des Kanzlers Bethmann Hollweg und des Auswärtigen Amtes zum Botschafter in London – mit den Worten: “Ich werde nur einen Botschafter nach London schicken der Mein Vertrauen hat, Meinem Willen gehorcht und Meine Befehle ausführt.” Und während des Ersten Weltkrieges rief er aus: “Was die Öffentlichkeit denkt, ist für mich völlig unerheblich.” [Hervorhebungen hinzugefügt] (Röhl, S. 12-13)

Der “eiserne Wille”, der Herr der Nation oder vielleicht der Welt zu sein, wurde durch seine Fähigkeit gesteigert, die Realität durch die Brille seiner Einbildung zu betrachten. Noch in seinen siebzigern – schon längst in die Niederlande geflüchtet – gelang ihm eine höchst überraschende Schlussfolgerung bezüglich der rassischen Identität seiner Feinde:

Endlich erkenne ich, was die Zukunft für das deutsche Volk bedeutet, was wir noch erreichen müssen. Wir werden die Führer des Orients gegen das Abendland sein! Ich werde mein Gemälde ‘Völker Europas’ ändern müssen. Wir gehören auf die andere Seite! Sobald wir den Deutschen bewiesen haben werden, dass die Franzosen und Engländer gar keine Weißen sind, sondern Schwarze, dann werden sie sich auf diesen Pöbel stürzen!” (Röhl, S. 13)

So hatte Wilhelm also die erstaunliche Entdeckung gemacht, dass Franzosen und Engländer Neger sind. Ein weiterer Grund für den anhaltenden Verfall der Menschheit, so der pensionierte Kaiser, sei mangelnder Respekt vor den Behörden, besonders in Bezug auf sich selbst. Die Nachricht von der Boxer-Rebellion in China fasste er als persönliche Beleidigung auf und befahl Peking “dem Boden gleichzumachen”. In seiner Angst vor der bevorstehenden sozialistischen Revolution lebte er in Fantasien, wie Hunderte von Demonstranten in den Berliner Straßen “niedergeschossen” würden und empfahl gelegentlich als geeignete Behandlung für Kriegsgefangene, sie zu Tode verhungern zu lassen.

Nicht nur sehnte er sich danach, noch während seines eigenen Lebens Rache für Beleidigungen seiner Person zu nehmen; in dem Verlangen, die Geschichte selbst buchstäblich auszulöschen, träumte er davon die zweite – vielleicht sogar die erste – Französische Revolution rückgängig zu machen – er dürstete nach “Rache für 1848 – Rache!!!” (Röhl, S. 14)

 Auch sein Sinn für Humor war eigenartig.

Während sein linker Arm aufgrund der Geburtsschäden schwach war, war seine rechte Hand im Vergleich dazu stark, und er fand es amüsant, wenn er seine Ringe nach innen drehte und dann die Hände besuchender Würdenträger so stark zusammendrückte, dass Tränen in ihre Augen traten. König Ferdinand von Bulgarien verließ einst Berlin in „glühend heißem Hass“, nachdem der Kaiser ihn in der Öffentlichkeit hart auf den Hintern geklatscht hatte. Der Großherzog Wladimir von Russland [Bruder von Zar Nicholas II.] wurde von Wilhelm mit einem Feldmarschallstab auf die Rückseite geschlagen. (Röhl, S. 15)

Seine Freunde waren sich des Humors seiner Majestät bewusst und übten ihre kreative Fantasie. Anlässlich einer Jagdexpedition in Liebenberg schlug Generalintendant Georg von Hülsen 1892 dem Grafen Görtz [“der auf der dicken Seite war”] (Röhl, S.16) vor:

Du musst von mir als Zirkuspudel vorgeführt werden! – Das wird ein Hit wie kein anderer. Denk nur dran: hinten rasiert (mit Strumpfhose), vorne ein langer Pony aus schwarzer oder weißer Wolle, hinten, unter einem echten Pudelschwanz,  eine markierte rektale Öffnung und, wenn Du bettelst, vorne dran ein Feigenblatt. Denke nur daran, wie wunderbar es wäre, wenn Du bellst, zu Musik heulst, eine Pistole abschießt oder andere Tricks machst. Das wäre einfach großartig!! “[Hervorhebungen im Original] (Röhl, S. 16)

Höflinge und Bürokraten stellten bald fest, dass solch exquisite Unterhaltung anzubieten ein bewährter Weg war, um sich die Gnade des Monarchen zu sichern, aber auf der anderen Seite trugen sie zur Verbreitung von Gerüchten bei. Was können wir nun über Wilhelms Liebesleben sagen? Wie es schon Edward Gibbon in Bezug auf Karl den Großen feststellte, hatten die beiden Kaiser gemeinsam, dass Keuschheit nicht ihre augenfälligste Tugend war. Offiziell konnte Wilhelm die Hofreporter mit den Ergebnissen seiner ehelichen Treue überzeugen, in deren Förderung die Kaiserin in regelmäßigen Abständen Söhne zur Welt brachte, insgesamt sechs Stück. Doch Wilhelm hatte auch eine gewisse Neigung, indiskrete Briefe zu verfassen – einige davon an eine wohlbekannte Wiener Madame, und wegen seiner Bereitschaft, die Angebote in eigener Person zu prüfen, wurde die weitere Aufrechterhaltung seiner öffentlichen Tugend der Sorge seiner Privatsekretäre anvertraut, die die Diskretion der Damen kauften, vertraulich für die königliche Unterhaltung sorgten oder vielleicht auch Abtreibungen arrangierten.

Wilhelm II mit seiner Frau Auguste Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augstenburg, und seinen sieben Kindern
Wilhelm II mit seiner Frau Auguste Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augstenburg und seinen sieben Kindern

Es scheint jedoch, dass solche außerehelichen Aktivitäten sozusagen rein biologischer Natur waren; Sympathie, Komfort und Entspannung fand der Monarch bei seinen männlichen Freunden, obwohl er dem Anschein nach an intimeren Ausdrucksformen dieser Freundschaften nicht teilnahm.

“In Berlin fühle ich mich nie glücklich, wirklich glücklich”, schrieb er in seinem eigenwilligen Englisch. “Nur Potsdam [die Station seines Garde-Regiments], das ist mein “El Dorado” … wo man sich frei fühlt, mit der schönen Natur um sich herum,  und so vielen Soldaten wie man will, denn ich liebe mein Regiment sehr, lauter freundliche junge Männer.” In seinem Regiment, wie er sich Eulenburg gegenüber anvertraute, fand er seine Familie, seine Freunde, seine Interessen – alles was er zuvor vermisst hatte. Vorbei waren die “schrecklichen Jahre, in denen niemand meine Individualität verstand”, wie er schrieb.

Die umfangreiche politische Korrespondenz von Philipp Eulenburg lässt keinen Zweifel daran, dass er (Eulenburg) und die anderen Mitglieder des einflussreichen “Liebenberg – Kreises”, die in den 1890er – Jahren im Zentrum der politische Bühne im Kaiserreich Deutschland standen, in der Tat homosexuell waren, wie ihr Zerstörer Maximilian Harden es glaubte.

Harden, Eulenburg und Kuno v. Moltke, Eulenburgs Liebhaber

Dies wirft natürlich die Frage auf, wo wir den Kaiser in einem imaginären “heterosexuell-homosexuellen Kontinuum” einordnen. Falls er jemals etwas hatte, das einer homosexuellen Erfahrung gleichkam,  dann in den 1880er Jahren, in derselben Zeit also wie seine zahlreichen außerehelichen Affären mit anderen Frauen. Nach einem Interview mit Jakob Ernst, dem Starnberger Fischer, dessen Aussage 1908 Eulenburgs Fall irreparabel beschädigt hatte, war Maximilian Harden überzeugt, dass er über Beweise verfüge, die, wenn sie dem Kaiser vorgelegt worden wären, genügen würden, um ihn zur Abdankung zu zwingen.

Welche Informationen genau Harden von Jakob Ernst erhalten hat, können wir nur vermuten. In mehreren Briefen aus dieser Zeit brachte Harden Wilhelm II. nicht nur mit Jakob Ernst in Zusammenhang, sondern auch mit Eulenburgs Privatsekretär Karl Kistler. Dies sind aber nur Strohhalme im Wind, keine Beweise. Aufgrund des uns derzeit vorliegenden Beweismaterials ist es wahrscheinlich klüger anzunehmen, wie Isabel Hull es formuliert hat, dass Wilhelm der homoerotischen Grundlage seiner Freundschaft mit Eulenburg nicht bewusst war und damit unfähig, die eigenen homosexuellen Aspekte seines Charakters zu erkennen. (Röhl, S. 19 – 20)

Neben diesen privaten Ablenkungen gaben die ärztlichen Beschwerden des Kaisers Anlass zur Sorge.  Aus rein medizinischer Sichtweise bedrohten die häufigen Infektionen des rechten Ohrs und der Nebenhöhlen das Gehirn und Komplikationen hinsichtlich der Stimmungen und Denkfähigkeit des Monarchen konnte nicht ausgeschlossen werden. Im Jahr 1895 schrieb der britische Diplomat M. Gosselin, der in der britischen Botschaft in Berlin beschäftigt war, an Lord Salisbury [Robert Gascoyne-Cecil, 3. Marquess of Salisbury und Premierminister], dass „wenn ein Souverän, der in der Außenpolitik des Deutschen Reiches die beherrschende Stimme besitzt, Halluzinationen und Einflüssen unterworfen ist, die sein Urteil auf lange Sicht verzerren und ihn jeden Moment zu plötzlichen Meinungsänderungen veranlassen können, die niemand vorhersehen oder sich dagegen wappnen kann“, die Folgen für den Frieden der Welt enorm sein könnten. (Röhl, S. 21)

Darin herrschte allgemeine Übereinstimmung. Lord Salisbury selbst hielt den Kaiser für “nicht ganz normal“; Premierminister Herbert Asquith sah ein “gestörtes Gehirn” bei der Arbeit; Sir Edward Grey, Britischer Außenminister, hielt Wilhelm für “nicht ganz gesund und sehr oberflächlich“; Großherzog Sergius von Russland hielt den Kaiser für” psychisch krank “und der Doyen von Berlins Diplomatischem Korps, der österreichische Militärattaché Freiherr von Klepsch-Kloth, stellte fest, dass Wilhelm “nicht wirklich gesund” sei und, wie man so sagt, „eine Schraube locker hatte“. (Röhl, S. 21 – 22) John Röhl sammelte einige weitere Zeugenaussagen:

Im Jahr 1895 beklagte sich Friedrich von Holstein, dass der “Glühwürmchen” – Charakter des Kaisers die Deutschen ständig an König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und König Ludwig II. von Bayern erinnere, die beide verrückt geworden waren.

Nach einem heftigen Streit mit dem Kaiser Anfang 1896, sagte der preußische Kriegsminister, General Bronsart von Schellendorf “dass H. M. nicht ganz normal zu sein schien und er [Schellendorf] tief besorgt über die Zukunft war.” Im folgenden Jahr schrieb Holstein, die konservative Partei denke, der Kaiser wäre “nicht ganz normal”, dass der König von Sachsen ihn für “nicht ganz stabil” erklärt habe und dass der Großherzog von Baden “auf besorgniserregende Weise über die psychologische Seite der Sache gesprochen habe, den Kontaktverlust mit der Realität.” Auch fragte Reichskanzler Fürst Hohenlohe einmal ernsthaft Bernhard von Bülow, seinen eventuellen Nachfolger, ob er “wirklich glaube, dass der Kaiser geistig normal sei?”

Solche Ansichten verbreiteten sich allgemein nach der berüchtigten Rede des Kaisers vom Februar 1897, in der er Bismarck und Moltke als “Lakaien und Pygmäen” bezeichnete. Graf Anton Monts, der preußische Gesandte in Bayern, schrieb aus München aus, dass der Kaiser eindeutig nicht mehr von normalem Geisteszustand war: “Ich entnehme den Andeutungen der Ärzte, das der Kaiser noch geheilt werden könnte, aber die Chancen dazu werden mit jedem Tag schwächer.” (Röhl, S. 22)

Wilhelm II und seine Söhne
Wilhelm II und seine Söhne

Nun wirkte sich das völlige Fehlen sinnvoller „Checks and Balances“ in der Bundesverfassung verhängnisvoll aus. Darin waren keine Verfahren für eine Machtübertragung außer dem Tod oder die freiwillige Abdankung des Monarchen vorgesehen – eine Tat die Wilhelm offensichtlich nicht in Betracht ziehen würde. So äußerte er weiterhin und ungebremst die abstrusen Meinungen, die die Weltpresse inzwischen von ihm erwartete und es war leicht genug für die Gegner Deutschlands, von der ununterbrochenen Kette der öffentlichen Fettnäpfchen und Peinlichkeiten zu profitieren, die der Kaiser zielsicher hinterließ. Bald entwickelte sich eine populäre Anschauungsweise, die Wilhelms Rücksichtslosigkeit als das Ergebnis einer spezifisch deutschen Neigung zu autoritärer Regierung, Militarismus und allgemeiner Unfreundlichkeit erklärte.

Die nicht wirklich herausragende Leistung des jungen Kaisers spaltete schließlich die nationalistische Rechte: eine Fraktion dem Monarchen verpflichtet und eine andere, die, wie bei Spaltungen üblich, nur ihre eigenen patriotischen Forderungen eskalierte, und eine Politik maximaler “deutscher Macht und Größe durch Expansion und Unterwerfung minderwertiger Menschen” forderte. (Kershaw, p. 78)

In der Praxis schmälerte diese supernationalistische Kabale die politischen Optionen einer Regierung nur, die gleichzeitig hysterisch bemüht war, antipreußische Sozialisten und Katholiken so weit wie möglich aus der Politik auszuschließen.

Die demografische Basis der Unterstützung für die Regierung drohte zu schrumpfen und Teile der “alten Ordnung” fingen an, über Krieg als probates Mittel nachzudenken – „um an ihrer Macht festzuhalten und die Bedrohung durch den Sozialismus abzuwehren.“ (Kershaw, S. 74) Der Kaiser schien nicht abgeneigt.

Für diejenigen, die zuhörten, war es ab den 1890er Jahren klar, dass für den Kaiser Krieg eher ein normales Ereignis zwischen Nationen war – er glaubte und gab dies öffentlich zu -, dass “Krieg” ein “königlicher Sport war, den erbliche Monarchen  nach ihrem Willen führen und beenden mögen.” (Röhl, S. 207) Im Zeitalter von Maschinengewehren war dies eine recht atavistische Haltung. Und hier wirkte sich des Kaisers unbeschränkte Autorität bei Ernennungen und Entlassungen so verhängnisvoll aus: bald wurden keine anderen Ratschläge mehr präsentiert, als solche, die der Zustimmung seiner Majestät sicher waren; niemand wagte es, sich ihm und den speichelleckenden Arschkriechern zu widersetzen, die die oberen Ränge der zivilen und militärischen Führung stellten und sich daran gewöhnt hatten, die Wünsche des Monarchen vorwegzunehmen.

Füsiliere in der Schlacht von Loigny 1870 – alte Schule

Auch Willis militärisches Denken war eher von den siegreichen Schlachten der Vereinigungskriege 1864 bis 1871 beeinflusst als von der modernen Realität – in den jährlichen Kaisermanövern ließ er offene Kavallerieattacken üben, die sich im Ernstfall von 1914, in einem Zeitalter der Maschinengewehre und Schnellfeuerkanonen, als purer Massenselbstmord entpuppten.

Kaisermanöver 1913 – Selbstmord 1914

Wie also hätte irgendetwas schiefgehen können im Juli 1914, als das Imperiale Irrlicht mit der Frage des Weltfriedens an sich konfrontiert war? Dies wird das Thema eines separaten Beitrags.

(© John Vincent Palatine 2019)

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Verordnung des Kriegszustands 1914

Signiert von Wilhelm II am 31.Juli 1914

Verordnung des Kriegszustands, 31. Juli 1914
Verordnung des Kriegszustands, 31. Juli 1914

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Die Welt am 1. August 1914

Ethnische Karte Europa 1914
Ethnische Karte Europa 1914
Deutsche Rekruten - Bundesarchiv
Deutsche Rekruten – Bundesarchiv

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Ethnisch betrachtet war Europa eine komplizierte Angelegenheit. Dies war im Mittelalter, im ursprünglichen Feudalsystem, kein primäres politisches Kriterium gewesen – vor allem in Mitteleuropa – da die Heterogenität nicht nur des Reiches, sondern auch italienischer Stadtstaaten und die Türkische Suzeränität über den zerstückelten Balkan das Aufkommen des Nationalismus antezedierte.

Kongress von Berlin, 13. Juli 1878, von Anton von Werner
Anton von Werner, Berliner Kongress (1881): Abschlusstreffen in der Reichskanzlei am 13. Juli 1878, Bismarck zwischen Gyula Andrássy und Pjotr ​​Schuwalow, auf der linken Seite Alajos Károlyi, Alexander Gortschakow (sitzend) und Benjamin Disraeli

Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach der Niederlage der liberalen Hoffnungen und den gescheiterten Revolutionen von 1848, bedrohte eine neue, tödliche Dreieinigkeit aus Nationalismus, Chauvinismus und Antisemitismus den Kontinent.

Nicht nur Deutsche realisierten nach 1848 und 1871, dass der politische Status quo sich nicht wirklich verändert hatte. Während die Fürsten die Kontrolle über das politische Europa fest in der Hand behielten, konzentrierte sich die Bourgeoisie auf wirtschaftlichen Fortschritt und die sich entwickelnde sozialistischen Bewegung suchte sich zu konsolidieren. Der Berliner Kongress von 1878 wurde einberufen um die nach 1871 noch ungeklärten Fragen und gegenseitigen Ansprüche der europäischen Staaten diplomatisch zu klären.

Nationalismus war ursprünglich eine Bewegung des Bürgertums gewesen – gegen die Fürsten – aber durch das Gespenst der drohenden Emanzipation der sich entwickelnden Arbeiterklasse wurde er als politisches Instrument geschickt gegen die Bürger gewendet und äußerst effektiv mit einem seltsamen neuem ideologischen Gebräu vermischt – dem Antisemitismus.

Minuten vor dem Attentat in Sarajevo
Minuten vor dem Attentat in Sarajevo

Fremdenfeindlichkeit ist ein scheinbar unausrottbarer Zeitvertreib der menschlichen Rasse und Verfolgung von Juden gab es in der Geschichte ebenso wie die Verfolgung jeder anderen vorstellbaren Minderheit – Antisemitismus jedoch scheint ein Konzept von ganz jungem Ursprung. Das Wort taucht seit den 1860er Jahren hier und da auf, vor allem in einem Essay das Richard Wagner 1850 anonym veröffentlichte (“Das Judenthum in der Musik“), fand aber erst allgemeine Aufmerksamkeit in den 1870ern, als der deutsche Agitator Wilhelm Marr den Artikel namens „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht confessionellen [Sic!] Standpunkt aus betrachtet“ veröffentlichte – und im Jahre 1879 die „Antisemiten-Liga“ gründete.

US Ausgabe 1934

Antisemitismus fand eine Reihe von prominenten Proselyten, darunter Kaiser Wilhelm II, den einflussreichen politischen Autoren Heinrich Claß und verschiedene Vertreter der Kirchen, war aber bei weitem nicht auf Deutschland beschränkt. Frankreich litt 15 Jahre unter der Dreyfus-Affäre und in zaristischem Russland gehörten Pogrome gegen Juden zu den Lieblingsunterhaltungen der Landbevölkerung.

Russische Omnibus-Ausgabe der Protokolle von Sergei Alexandrowitsch Nilus

Ganze Bücher wurden geschrieben über die „Protokolle der Weisen von Zion“ – einer lächerlichen Verschwörungstheorie über die geplante jüdische Weltherrschaft – einer geradezu saublöden Fibel, zusammengeschustert wohl von der zaristischen Geheimpolizei und zum ersten Mal im Jahre 1903 in Russland veröffentlicht. Das Machwerk wurde von so üblichen Verdächtigen wie Wilhelm II oder Henry Ford als heilige Schrift verehrt, wobei der letztere 500.000 Kopien drucken und verteilen ließ.

Nationalismus und Antisemitismus wurden die beiden großen Stützen der aristokratischen Herrschaft über Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bis sich mit dem Aufstieg der sozialistischen Bewegung ein noch geeigneteres Schreckgespenst in dem Katholikon bürgerlicher Ängste manifestierte. Die braven Bürger mussten also nicht nur den wirtschaftlichen Ruin durch jüdische Shylocks und Mord und Totschlag durch illoyale Grenzbewohner befürchten – in der Tat war nun ihre ganze physische Existenz bedroht durch die anstehende Revolution von Massen ungewaschener Arbeiter, die es in unerklärbarer Regelmäßigkeit vergaßen, ihre Dankbarkeit für die gezahlten Hungerlöhne öffentlich kundzugeben.

Es war durchaus verständlich, dass so viel existentielle Gefahr die Bürger des Kontinents in Furcht und Schrecken hielt – die am besten durch bessere Selbstverteidigung gemildert werden könne. So suchten die Nationen Europas ihr Heil in dem lobenswerten und glorreichen Unternehmen, sich selbst so gut wie nur möglich zu bewaffnen. Welche Folgen, genau, resultierten daraus?

Panorama of the Battle of Trafalgar by William Lionel Wyllie
Die Schlacht von Trafalgar wurde zur Idée fixe britischer Flottenpolitik

Die folgenden Statistiken geben uns eine Vorstellung von Deutschlands industrieller und militärischer Situation im Vergleich zu ihren Konkurrenten, (aus Paul Kennedy, “The Rise and Fall of the Great Powers“, Vintage Books 1989, ISBN 0-679-72019-7, S. 200 ff).:

Es wird sofort ersichtlich, dass Frankreich das fünfte Rad am Wagen in Bezug auf Bevölkerungswachstum ist; während der Vereinigten Staaten ihre Bevölkerung um 56,5 %, Russland um 48,6 %, Deutschland um fast 36 % und Großbritannien um etwas bescheidenere 23 % erhöht haben, ist die französische Bevölkerung nahezu konstant geblieben, und ist nur um 3,5 % gewachsen, in diesen dreiundzwanzig Jahren zwischen 1890 und 1913. Ein weiterer wichtiger Indikator für die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung der Länder ist der Vergleich von städtischer zu Landbevölkerung:

Großbritannien, dessen Industrialisierung früher als die irgendeines anderen Landes begonnen hatte, führt die Welt, nicht überraschend, an; obwohl ihre Stadtbevölkerung prozentual nur um 15,7 % zwischen 1890 und 1914 wuchs, im Gegensatz zu Deutschlands 85,8 % und das der Vereinigte Staaten von 59,8 %. Frankreich sieht hier besser aus, mit 26,5 % Wachstum, während Japan seine städtische Bevölkerung verdoppelt. Italien, Österreich und Russland liegen dazwischen, so weit es um prozentuale Veränderungen geht, aber ihre geringen absoluten Anteile von um oder unter 10 % zeigen sie als noch als vergleichsweise unterindustrialisiert.

Die folgende Tabelle konzentriert sich auf die Sine-qua-non früher industrieller Entwicklung, der Produktion von Stahl:

Diese Zahlen zeigen den Zustand der Rohindustrialisierung des jeweiligen Landes recht genau, denn ohne Stahl konnten weder Konsumgüter noch Waffen gebaut werden. Wenn man Frankreichs kleines Bevölkerungswachstum in Betracht zieht, ist sein Anstieg der Stahlproduktion zwischen 1900 und 1913 prozentual beeindruckende 307 %, obwohl die Gesamtproduktion von 4,6 Millionen Tonnen im Jahr 1913 klar durch Deutschlands 17,6 Millionen Tonnen und die 31,8 Millionen der USA in den Schatten gestellt werden. Vom Trend her liegen sowohl Großbritannien als auch Frankreich in der industriellen Expansion hinter ihnen liegen, während die russische Stahlproduktion gerade zuzunehmen beginnt. Sie verdoppelt sich etwa – aus mageren Anfängen – zwischen 1890 und 1900 und wieder zwischen 1900 und 1913, obwohl in absoluten Zahlen die Ausbeute von 1913 (4,8 Millionen Tonnen) noch recht bescheiden war, wenn auf die Größe des Landes einrechnet. Wir werfen nun einen Blick auf den Gesamtenergieverbrauch:

Wenn wir die Daten zusammenfassen und einige andere Parameter hinzufügen, können wir die Veränderungen der relativen industrielle Stärke der Großmächte untereinander beschreiben:

Dieses Bild zeigt die relative Veränderung des Kräftepotentials, wobei man sowohl wirtschaftliche Faktoren – auf Größe und Bevölkerung bezogen – als auch den geostrategischen Kontext, das heißt, ihre Position einbeziehen muss. Italien und Japan haben Nachholbedarf, während Russland durch seinen Mangel an Infrastruktur und Österreich-Ungarn durch innere Spannungen behindert wird. Wenn man die prozentuale Änderung im Laufe der Zeit vergleicht, erweiterten die USA ihre Kapazität um 635 %, Deutschland um 501 % und Frankreich um 228 %, während Großbritanniens industrielle Macht nur um 173 % wuchs, ein Hinweis darauf, dass Albions imperiale Pracht schon vor 1914 zu verblassen begann. Vergleichen wir nun die Veränderungen der absoluten Anteile an der industriellen Produktionskapazität weltweit:

Diese Tabelle verdeutlicht auffallend die relative Schwächung Westeuropas, also Großbritanniens und Frankreichs, im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, jenseits des Atlantiks, und Deutschland, in der Mitte des Kontinents. Englands Anteil im Jahre 1913 ist nur noch 59 % des Standes im Jahr 1880, das bedeutet einen Rückgang von 41 %. Frankreichs Zahlen sind ein bisschen besser, aber dennoch steht ein Verlust von 27 % ihres Weltmarktanteils von 1880 zu Buche, währenddessen die USA ihren Anteil im Verhältnis um 117,6 % erhöhen und Deutschland immerhin um 74,1 %. Die Quoten von Russland, Österreich und Italien bleibt weitgehend unverändert. Wenn ein europäischer Krieg in den Karten wäre, sähen sich Deutschlands kontinentale Feinde am besten beraten, ihn zu beginnen bevor sich ihr Rückstand weiter erhöhte. Da wir nun bei dem Thema Krieg angekommen sind, werden wir nun unsere Aufmerksamkeit dem Militär zuwenden:

Militärparade Unter den Linden 1914
Militärparade Unter den Linden 1914

Schon eine oberflächliche Betrachtung dieser Tabelle läutet die Glocken für die Bestattung von ein paar lange gehegten Vorurteilen. Nicht nur ist die deutsche Armee, die vermutliche Bedrohung des Kontinents, viel kleiner als die russische – was man angesichts Russlands Größe für selbstverständlich halten könnte – sie ist auch kleiner als Frankreichs. Im Falle von Österreich-Ungarn, deren Männer eine feindliche Grenze von etwa 1500 Meilen Länge besetzen müssen, zählen sie nur 100.000 Mann mehr als die Italienischen Kräfte, die nach ihrem Eintritt in den Krieg im Jahre 1915 sich auf Verteidigung oder Angriff längs einer Grenze von weniger als hundert Meilen einstellen mussten; im Wesentlichen das Gebiet einiger Alpenpässe. Wenn wir die feindlichen Koalitionen von 1914 durchzählen, hat die Entente 2794 Millionen Mann unter Waffen, mehr als die doppelte Anzahl der 1.335 Millionen Männer der Mittelmächte.

Armeen 1914
Armeen 1914

 Ein Vergleich vis-à-vis des gesamten militärischen Personals der Großmächte zwischen 1890 und 1914 zeigt uns, dass in weniger als einem Vierteljahrhundert die Zahl der Soldaten von 2,9 Mio. auf fast 5 Millionen, um mehr als zwei Drittel, angestiegen ist. Wir vergleichen dies nun mit dem oft betrachteten Flottenwettrüsten:

Die Hochseeflotte in Kiel
Die Hochseeflotte in Kiel

Das Resultat erscheint fast unglaublich, aber die Marine-Tonnage der Großmächte hatte sich von 1.533.000 Tonnen im Jahr 1880 auf 8.153.000 Tonnen im Jahr 1914 mehr als verfünffacht – um 532 %. Fische müssen Klaustrophobie entwickelt haben. Wie die Zahlen für Japan und die USA deutlich zu machen, war das Marinewettrüsten nicht hauptsächlich auf den Nordatlantik und das Mittelmeer begrenzt; die letzteren fanden es notwendig, die Größe ihrer Marine in den vierzehn Jahren zwischen 1900 und 1914 von 333.000 Tonnen auf 985.000 fast zu verdreifachen; das heißt, nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und der Annexion der Philippinen, Kubas und Hawaiis, nicht vorher.

Dreadnought
Dreadnought

Wie es nicht anders zu erwarten war, entschieden die unterschiedlichen geostrategischen Positionen der Länder, welche Truppengattungen der jeweils wesentliche Nutznießer der steigenden Budgets werden sollte: die Seemacht Großbritannien hatte wenig Verwendung für Infanterie; ihre – vorübergehende – höchste Stärke erreichte sie im Jahr 1900 mit 624.000 Männern unter Waffen, jedoch als Folge des anhaltenden Burenkrieges, nicht aufgrund einer nachhaltigen rüstungspolitischen Steigerung der Armeeausgaben. Ihr Senior Service, die Royal Navy, die das hauptsächliche Instrument und conditio-sine-qua-non ihrer imperialen Dominanz blieb, begann ein langwieriges Bauprogramm gegen die deutschen und amerikanischen Marinen (1812 war keineswegs vergessen), die eine Vervierfachung ihrer Größe zwischen 1880 und 1914 zur Folge hatte.

Französische Reservisten
Französische Reservisten

Es gibt eine Faustregel in der Geschichte, welche besagt, dass je mehr Waffen übereinander gestapelt werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit wird, dass sie eines Tag benutzt werden. Es ist wahr, dass sich diese Regel während des Kalten Krieges nicht bewahrheitet hat, und unser aller Überleben ermöglichte, aber das war mehr das Ergebnis der Undurchführbarkeit eines Atomkriegs als eine plötzliche Zunahme der Summe menschlicher Weisheit. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert, das im Mittelpunkt unserer Untersuchung steht,  forderte jedes neue Schlachtschiff und jedes neue Armeekorps das Gleichgewicht der Macht in prekärem Ausmaß heraus – und eines Tages trat die Faustregel in Kraft.

In der Erwartung eines kurzen und siegreichen Krieges …

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Zur Kriegserklärung Österreich-Ungarns

Österreichisches Außenministerium am Ballhausplatz
Österreichisches Außenministerium am Ballhausplatz

Dieser Beitrag entsprang ursprünglich einer Fußnote (Nr. 77, siehe da, in “The Origins of World War I” [Richard F. Hamilton und Holger H. Herwig (Ed.), Cambridge University Press 2003, ISBN 978–0-521-81735-6 (hc.), S. 145], und zwar in Graydon A. Tunstall, Jr’s Kapitel über Österreich-Ungarn, die da lautet:

Ein anderes Mitglied des Auswärtigen Amtes, das in einigen Berichten über die Entscheidungsfindung auftaucht, ist Baron Alexander von Musulin, Forgachs Vertrauter am Ballhausplatz. Er war Botschafter in Moskau gewesen; später in Belgrad und 1901 zurück in Moskau. Aber er war nicht direkt in die frühen Diskussionen involviert und diente später auch nur noch in instrumenteller Funktion: Als versierter Schriftsteller wurde er aufgefordert, das Ultimatum zu formulieren. Später wurde er gebeten, eine Antwort auf die serbischen Kommentare zum Ultimatum der Monarchie zu schreiben, die ebenfalls in den europäischen Hauptstädte verteilt werden sollte. Seine Memoiren, die 1924 veröffentlicht wurden, enthalten einen Bericht, der stark von dem hier im Text angegebenen Bericht abweicht. Die auffälligste Aussage: “Im Außenministerium glaubte man nicht, dass das Ultimatum zum Krieg führen würde.” (in Alexander Musulin, Das Haus am Ballplatz: Erinnerungen eines österreichisch-ungarischen Diplomaten (München, 1924), p. 227). Musulins Memoiren enthalten mehrere andere Kuriositäten: “Die führenden Staatsmänner der Monarchie glaubten, dass sich die Solidarität europäischer Konservativer und dynastischer Interessen auch im Jahr 1914 manifestieren würde, und dies glaubten sie insbesondere im Hinblick auf Russland.” (S.228).

In einer weiteren Fußnote, Nr. 78, ebenda, wird auch sein Vorgesetzter und Kollege János Forgách zitiert, mit einem Auszug aus seinem Brief vom 16. Juli an den k. u. k. Botschafter in Italien, in dem er schreibt: “Wenn überhaupt möglich, wollen wir alle natürlich einen Weltkrieg verhindern, auch wenn Deutschland wohl darauf vorbereitet ist, einen alleine zu führen.” Wie sind diese Äußerungen mit den späteren Geschehnissen zu vereinen? Wer also schwindelt hier, und warum?

Bei näherer Betrachtung ergeben sich jede Menge Ungereimtheiten. Ein Blick in die verfügbare englischsprachige Literatur erweist schnell, dass Musulins und Forgáchs Beiträge kaum erwähnt werden, obwohl Luigi Albertini (“The Bedrock of Discussion” in den Worten John Keegans) Musulin in seinem grundlegenden Werk [“The Origins of the War of 1914”, Original 1952 Oxford University Press, Enigma Books 2005, ISBN 1-292631-31-6, -32-4 und -33-2] neunzehnmal erwähnt bzw. zitiert, in dem für die Tage der Julikrise am meisten relevanten zweiten Band alleine vierzehnmal, und Forgách [u.a. Gesandter in Belgrad von 1907 bis 1911] auch vierzehnmal.

Wie aus seinen Kurzbiografien (hier und hier) zu entnehmen ist, war Musulin als Gesandtschaftsattaché sowohl in Moskau als auch in Belgrad tätig. 1908 wurde er zum außerordentlichen Gesandten befördert und leitete von 1910 bis 1916 die Kirchenpolitischen bzw. Ostasiatischen Referate. Nicht verzeichnet in diesen Abrissen sind die Tätigkeiten für Minister Alois Lexa von Aerenthal – der sein früher Förderer war – dem er schon im Verlauf der Bosnischen Annexionskrise 1908 zuarbeitete (Albertini I, p. 192) und mit ihm den Kaiser in Ischl traf (I, p.198) um die Reaktion der Slawen auf die Annexion zu besprechen (I, p.222). 1913 schrieb er, als gebürtiger Kroate, einen Bericht über das wachsende serbische Nationalbewusstsein,

Nun zu den o.a. Kernaussagen. Luigi Albertini schreibt:

Als der gegenwärtige Schriftsteller diese Frage Musulin, einem sehr hochrangigen ehemaligen Beamten am Ballplatz, stellte, antwortete er, Berchtold habe erstens bis zum 31. Juli nicht an einen Krieg geglaubt, und zweitens war er gemeinsam mit allen Anwesenden am Ballplatz fest davon überzeugt, dass Italien sich im Falle des Ausbruchs eines europäischen Krieges dem Dreibund anschließen würde. Daher widmete er seine Aufmerksamkeit nicht Italien, sondern Montenegro, dessen Neutralität Russland beeinflussen könnte, während in Wirklichkeit die italienische Haltung als ausschlaggebender Faktor angesehen werden musste. Die Wahrheit ist, dass, wie Musulin den gegenwärtigen Schriftsteller schrieb:

“… um das Kriegsglück zu unseren Gunsten wenden, hätte es für Italien genügt, auch ohne Kriegserklärung mehrere Armeekorps an die französische Grenze zu schicken.” (um Kräfte zu binden, Anm. d. Verf.)

Der überzeugendste Teil der obigen Erklärung aber ist, dass Berchtold hoffte, dass es keinen europäischen Krieg geben würde und dass der Streit mit Serbien letztendlich behoben werden könne. (Albertini II, p.222)

Das Interessante an Musulins Darstellung ist, dass sie der gängigen Interpretation widerspricht, nach der, nachdem der anfängliche Widerstand des ungarischen Premierministers István Tisza gegen Krieg während der Kronkonferenz am 7. Juli eine Woche später durch hartnäckiges Argumentieren überwunden worden war, die gesamte Regierung Krieg wollte – die Frage ist, wer war die Regierung?

Österreich-Ungarn hatte keine gemeinsame Verfassung. Die sogenannte Dezemberverfassung, in Kraft gesetzt am 21. Dezember 1867 von Kaiser Franz Joseph, bestand aus fünf Staatsgrundgesetzen und einem Delegationsgesetz, das zusammen mit der Pragmatischen Sanktion von 1713 (welche die habsburgische Erbfolge regelte), die Grundlage für Österreich bildete, jedoch nur für diese cisleithanischen, d.h. nicht-ungarischen Landesteile galt. In Ungarn war die Verfassung von 1848 mit kleineren Abänderungen wiederhergestellt worden, doch die weitere Anbindung an Österreich erfolgte nur aufgrund von Vereinbarungen, die die Schaffung drei gemeinsamer Ministerien (Außenministerium, Kriegsministerium und Finanzministerium – dieses jedoch nur soweit Rüstungsausgaben betroffen waren) vorsahen, die im Ministerrat für Gemeinsame Angelegenheiten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zusammentraten. Es wurde von ungarischer Seite sehr viel Wert darauf gelegt, dieses Gremium nicht als eine gemeinsame Regierung anzusehen, und daher wurden diese Institutionen nur als “K & K”, ‘kaiserlich und königliche’ Ämter bezeichnet – denn einen persönlichen Treueid auf Franz Joseph als König Ungarns hatten die Ungarn abgelegt. Der Außenminister war Vorsitzender, einen Kanzler bzw. Regierungschef des Gesamtreiches gab es nicht.

Chaos pur - Österreich-Ungarn
Chaos pur – Österreich-Ungarn

Auch Christopher Clark, der in “The Sleepwalkers” [Allen Lane, 2012, ISBN 978-0-713-999-42-6, p. 170 ff.] auf die Frage eingeht “Wer regierte eigentlich in X, Y, Z …”, bleibt in Bezug auf Österreich-Ungarn merkwürdig zurückhaltend. “Austro-Hungarian foreign policy was shaped not by the executive fiats of the Emperor, but by the interaction of factions and lobbies within and around the ministry.” (p.183) Er meint hier das Außenministerium – im Kriegsministerium war man sich in der Befürwortung, nein, der Erwartung des Krieges unter den rabiaten Falken Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf und Kriegsminister Alexander von Krobatin längst einig. War das Außenministerium aber tatsächlich federführend?

Was dachte der Außenminister Leopold Berchtold? Von 1906 bis 1911 war er Botschafter in Moskau und spielte eine Rolle als Handlanger von Aerenthal 1908 in der Annexion von Bosnien-Herzegowina. Er hatte 1912 seinen Vorgänger abgelöst und verfolgte dessen anti-Russische und anti-Serbische Politik weiter. In den Balkankriegen 1912/13 musste er einiges an diplomatischen Niederlagen einstecken und galt – eigentlich schon immer – als Falke. Nach dem Kronrat vom 7. Juli arbeitete er eng – praktisch jeden Tag – mit dem deutschen Botschafter Heinrich von Tschirschky zusammen, der mit dem deutschen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Gottlieb von Jagow, in ständigem telegrafischen Kontakt blieb.

In allen Dokumenten – außer den internen seines Ministeriums – erscheint er als Kriegstreiber. Die Diskrepanz zu Musulins Aussage ließe sich dadurch erklären, dass er die – zur Vorsicht neigenden – Diplomaten seines Hauses absichtlich im Dunkeln hielt – anders ließe sich schlichtweg nicht erklären wie Musulin, ein äußerst erfahrener Mann mit Verbindungen nach Russland und Serbien, als außerordentlicher Botschafter und dazu noch Verfasser des Ultimatums plus dazugehöriger Kommentare notwendigerweise mit allen Einzelheiten vertraut – soweit sie diplomatischer Natur waren – zu seiner Meinung kommen kann.

Zu den österreichischen Forderungen in der Note (dem “Ultimatum”) vom 22. Juni 1914 ist durchaus einiges zu korrigieren. Manfried Rauchensteiners Standardwerk “Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger – Monarchie” (Böhlau Verlag 2013, ISBN 978-3-205-78283-4) führt hierzu aus:

Im ersten Entwurf … lasen sich die Forderungen an Serbien noch vergleichsweise harmlos. Zunächst wurde gesagt, dass die k. u. k. Regierung davon ausgehe, dass die serbische Regierung den Mord am Thronfolger und seiner Gemahlin genauso verurteile wie die ganze Kulturwelt. Um aber den guten Willen zu demonstrieren, wäre eine Reihe von Maßnahmen notwendig. Die Note schloss mit dem Ersuchen um gefällige Rückäußerung.

Graf Forgách verlangte eine weit schärfere Formulierung, und Musulin fügte vor allem den Punkt 6 ein, der dann lautete:

“Die königlich serbische Regierung verpflichtet sich, eine Untersuchung gegen jene Teilnehmer des Komplottes vom 28. Juni einzuleiten, die sich auf serbischem Territorium befinden; von der k.u. k. Regierung hierzu delegierte Organe werden an den diesbezüglichen Erhebungen teilnehmen.”

Es ging also nicht darum, österreichische Organe an der serbischen Rechtsprechung teilnehmen zu lassen, wie das dann die Serben in ihrer Antwortnote anklingen ließen, sondern um die Teilnahme an der Untersuchung. Dabei wäre sogar ein Präzedenzfall anzuführen gewesen, denn Österreich-Ungarn hatte es 1868 nach dem Mord am serbischen Fürsten Mihailo serbischen Funktionären ermöglicht, auch auf dem Gebiet der Donaumonarchie Erhebungen zu pflegen.

Dennoch: Die Forderungen waren erheblich verschärft worden, und aus der “gefälligen Rückäußerung” wurde eine 48-Stunden-Frist. Wie schrieb doch Emanuel Urbas Jahrzehnte später so bildhaft:

“Ein Dokument sollte geschaffen werden, das durch die unerhörte Wucht und Knappheit seiner Sprache die Welt bezwingen musste. Wir waren doch Zeitgenossen des Karl Kraus … So hatten wir gelernt, an die autonome Magie des Wortes als des Schoßes des Gedankens und der Tat zu glauben.”

Forgách hatte Sorge gehabt, sein Minister könnte womöglich nachgeben wollen. Doch Berchtold bewegte ganz anderes, da er dem Kaiser gegenüber mutmaßte, dass eine “schwächliche Haltung unsere Stellung Deutschland gegenüber diskreditieren könnte” und dass es im Grunde genommen darauf ankäme, die praktische Kontrolle über Serbien ausüben zu können. Jeder fürchtete, der andere könnte nachgeben und “weich werden” wollen. Weiterhin wurde nur an Krieg gedacht, und auch das Deutsche Reich drängte unentwegt. Botschafter von Tschirschky wurde nunmehr zum stetigen Mahner und Übermittler von Botschaften Berlins (des deutschen Außenministeriums, Anm.), die in zahllosen Varianten von Wien nur eines forderten: Krieg, so schnell wie möglich!

S. 108-109

Der dritte gemeinsame Minister, Finanzminister Leon Ritter von Biliński, war zumindest Anfangs eine Taube und warnte den Kaiser eindringlich, das Ultimatum werde zu einem Krieg führen. Ziehen wir dazu noch in Betracht dass, entgegen allen Usancen, Franz Joseph vor seiner endgültigen Entscheidung weder den Kronrat noch den Reichsrat zusammenrief, noch einen informellen “Kriegsrat” abhielt, und auch keine letzten Rücksprachen mit den engsten Mitarbeitern hielt, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Entscheidung auf das Anraten Berchtolds zurückzuführen ist, der ja auch als Vorsitzender des Ministerrates der Chef der Exekutive war. Die Militärs waren sowieso dafür.

Die Diplomaten mussten wohl die Morgenzeitungen lesen.


Das Ultimatum im Wortlaut


Der Verfasser steht in Kontakt mit dem österreichischen Staatsarchiv, um eine Kopie der Erinnerungen Musulins zu beschaffen. (© John Vincent Palatine 2019)

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