Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Monat: April 2019

Die Deutsche Revolution von 1918

Der Gipfel menschlicher Entwicklung …

Videos mit Originalaufnahmen: Kurt Eisner / Doku Revolution


Schon Anfang Januar 1918 hatten Industriearbeiter in Berlin begonnen, für ein Ende des Krieges zu streiken und ihr Protest brachte die SPD dazu, ihre Position zu überdenken. In der anfänglichen Begeisterung des Augusts 1914 hatte die Partei Kaiser Wilhelms Aufruf zu nationaler Einheit in Zeiten der Gefahr akzeptiert und für die Kriegskredite gestimmt, aber die Entbehrungen der Lebensmittelrationierung, die Anstrengungen der Kriegsproduktion und die wachsende Inflation belastete die Treue ihrer Anhänger schwer. In vielen Fabriken waren Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden die Norm – an sieben Tage der Woche. Wären die Löhne angemessen gewesen, oder vielmehr, hätte es Waren zum Erwerb gegeben, hätten die Arbeiter den Härten mit mehr Toleranz begegnen können, aber unter dem Trauma des vierten Kriegswinters fühlten sogar gemäßigte Sozialisten Handlungsbedarf. Ihr Unmut über die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen, die weitgehend die Folge von Hindenburgs und Ludendorffs Vernachlässigung des Agrarsektors waren, wurde von den liberalen bürgerlichen Parteien geteilt, die auch die Arroganz kritisierten, mit der die Generäle das Land regierten. Eine Stimmung des Protestes erhob sich langsam in den Schützengräben von Frankreich und Belgien, die sich bald …

Streik der Munitionsarbeiterinnen, Berlin, Januar 1918

… nach Deutschland selbst weiterverbreitete, das viele Monate lang unter einer virtuellen Militärdiktatur gelitten hatte, und am Montag, den 28. Januar 1918, begannen Arbeiter in ganz Deutschland zu streiken. Ihre Hauptforderung war Frieden, aber auch ein Mitspracherecht der Arbeitnehmervertretungen bei den Verhandlungen mit den Alliierten, erhöhte Lebensmittelrationen, die Abschaffung des Kriegsrechts und die Schaffung einer demokratischen Regierung für ganz Deutschland. In München und Nürnberg marschierten zwar nur ein paar tausend Arbeiter durch die Straßen und forderten sofortigen Frieden ohne Annexionen, aber in Berlin verließen 400.000 Arbeiter ihre Arbeitsplätze, um ein Streikkomitee zu organisieren.

Berliner Streikposten

Sie wurden zwar innerhalb einer Woche zurück an die Arbeit gezwungen, aber der Geist der Rebellion blieb in der Hauptstadt lebendig und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis eine ausgewachsene Revolution ausbrechen würde. Die Nachricht von dem Generalstreik wurde an der Front mit gemischten Gefühlen empfangen. Viele der Soldaten waren zwar kriegsmüde und genauso angewidert wie die Bevölkerung, aber fast genauso viele fühlten sie sich durch die Zivilisten betrogen.

Für Hitler war es „die größte Schikane des ganzen Kriegs“ und er erzürnte sich über die „ roten Faulenzer.“  Wofür kämpfte die Armee, wenn die Heimat selbst nicht mehr den Sieg wollte? Für wen dann die immensen Opfer und Entbehrungen? „Von den Soldaten wird erwartet für den Sieg zu kämpfen und dann fängt die Heimat an, gegen sie zu streiken.“ [John TolandAdolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6, S. 69]

Hitlers erster Fronturlaub in Berlin hatte ein paar Wochen vor dem Streik stattgefunden und als er zum zweiten Mal durch die Hauptstadt spazierte, um den 19. November 1918 herum, war die Aufregung der vergangenen Wochen bereits abgeklungen.

Die Massaker des 6. Dezember waren noch mehr als zwei Wochen in der Zukunft. Bei diesem Vorfall fand sich eine Demonstration von Spartakisten, die um eine Straßenecke bogen, plötzlich einer Reihe von Maschinengewehren gegenüber, besetzt von Soldaten aus dem wegen ihrer Abzeichen  „Maikäfer“ genannten Garde-Füsilier-Regiments des Gardekorps, die fünf Minuten lang auf alles feuerten, was sich bewegte, bevor sie sich auf den Rückzug in die Sicherheit und Anonymität ihrer Kaserne machten und die Toten und Verwundeten ihrem Schicksal überließen. Es wurde nie herausgefunden, wer die Mörder waren. 

Hitler jedoch war kurz vorher sicher nach München zurückgekehrt, musste aber zu seinem Erstaunen erkennen, dass sich seit dem 7. Dezember vieles verändert hatte.

Während des Krieges hatte sich die bayerische sozialistische Bewegung aufgespalten, wie in den meisten anderen Bundesländern, und zwar in einen großen gemäßigten Flügel, der den Namen SPD beibehielt, und eine kleinere radikale Gruppe, die USPD ( „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“). In Bayern war diese Spaltung durch einen bayerischen Delegierten des SPD-Parteitags von Gotha im April 1917, Kurt Eisner, organisiert worden. Bei jenem Parteitag hatten grundsätzliche Streitigkeiten über die Unterstützung des Krieges zu Spaltung geführt, und als Eisner nach München zurückkehrte, wurde er zum Vorsitzenden der bayerischen USPD gewählt. Beide Parteien waren in der Bayerischen Abgeordnetenkammer vertreten, der seit 1819 existierte; der es aber an wirksamer gesetzgebender Gewalt fehlte – welche dem König vorbehalten blieb. Bayern war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein meist ländliches Gebiet, aber durch das Aufblühen der deutschen Industrie in den nächsten 60 Jahren, und vor allem, als sich Munitions-, Fahrzeug- und Eisenwaren-Fabriken während des Krieges multiplizierten, wuchs der Einfluss der sozialistischen Parteien. 

Die bayerischen Sozialisten waren weitaus mutiger als ihre Genossen in Berlin und brachten im September 1917 ein Reformgesetz mit weitreichenden Anliegen ein, das die Abschaffung des Senats (der parlamentarischen Spielwiese des Adels) und des Adels selbst forderte, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, die Übertragung der legislativen Befugnisse auf einen Landtag und die Trennung von Kirche und Staat.

Kurt Eisner

Diese Gesetzesvorlage starb natürlich schnell durch königliches Veto, aber in den landesweiten Streiks vom Januar 1918 gelang es der bayerischen USPD, die Straßen in einem Grad zu mobilisieren, den die Regierung für viel zu gefährlich hielt. Die führenden Persönlichkeiten der USPD wurden daher kurzerhand verhaftet, darunter der unbeugsame  Kurt Eisner.

Stadtzentrum – Neuhauser Straße

Die meiste Zeit seines Berufslebens war Eisner ein Theaterkritiker gewesen. Während des Krieges gründete er die Unabhängige Sozialistische Partei in Bayern und im Januar 1918 übernahm er eine führende Rolle bei den Streiks, die München plagten. Verhaftet und ins Gefängnis geworfen, wurde er in den letzten Tagen des Krieges freigelassen. Sein Freund Ernst Toller [der Dramatiker, ¶] beschrieb ihn als einen Mann, der sein Leben lang arm, selbstgenügsam und zurückhaltend gewesen war. Er war klein und schmächtig; graue Haare, die einst blond gewesen waren fielen unordentlich über seinen Mantelkragen und ein ungepflegter Bart wucherte über seine Brust; kurzsichtige Augen schauten ruhig aus seinem tief gefurchten Gesicht. Er hatte einen Sinn für Dramatik, ätzenden Witz und war völlig ohne Arroganz. [Robert Payne, The Life and Death of Adolf Hitler, Praeger Publishers 1973, Lib. Con. 72-92891, S. 122]

Kurt Eisner privat in seinem Garten in der Haderner Lindenallee 8 – v.l.n.r. Josef Belli, Freia Eisner, Ilse Eisner (Tochter aus Eisners erster Ehe), Kurt und Else Eisner, Thekla Belli

Er wurde beschuldigt, ein Bolschewik zu sein, was er schon mal gar nicht war. Er war, was sein Parteiausweis angab – ein unabhängiger Sozialist: weniger ein Anhänger strenger marxistischer Lehre als ein Mann der die inkompetente Herrschaft des Adels und des Systems, das unter seiner sozialen Ungerechtigkeit und den Entbehrungen von vier Jahren Krieg auseinander zu brechen drohte, durchschaute. Als die rechtsextreme Presse ihn als einen bolschewistischen Aktivisten hinstellte, der zehn Millionen Goldrubel von Lenin persönlich zur Förderung der deutschen Revolution erhalten hatte, nahm er die Reporter mit zu seiner Bank und zeigte ihnen eine Kopie seines Spesenkontos: seine Unkosten für die „Bayerische Revolution“ belief sich auf siebzehn Reichsmark. Die Annalen der Menschheit kennen keine billigere Revolution.

König Ludwig III war sich der Vorboten des Aufruhrs in den letzten Tagen des Krieges wohl bewusst. In einem verspäteten Versuch, die Monarchie zu retten, stimmte der König einem reformerischen Gesetzentwurf zu, der ein paar liberale aber weitgehend kosmetische Veränderungen mit sich brachte. Fünf Tage später, am Vormittag des 7. November 1918, traten Vertreter der SPD, der katholischen Bauernpartei und der Demokratischen Partei zum ersten Mal der Königlich Bayerischen Regierung bei.

Das Hofbräuhaus – Zentrum des bekannten Universums

Obwohl die bayerische Polizei vor revolutionären Verschwörungen gewarnt hatte, erlaubte die Münchner Justiz am selben Nachmittag eine gemeinsame Demonstration von SPD und USPD auf der Theresienwiese, der großen Fläche, wo das jährliche Oktoberfest stattfindet. Die Truppen der Münchner Garnison wurden als zuverlässig monarchistisch und patriotisch genug eingeschätzt, sodass die öffentliche Sicherheit gewährleistet schien. Die Veranstaltung begann um 15.00 Uhr und bald füllten mehr als 80.000 Zuhörer das große Oval. Am Schluss der Veranstaltung, zwei Stunden später, verließen die Gemäßigten das Gelände, um in die Innenstadt zu marschieren, während die extremeren Elemente, insbesondere Kurt Eisners USPD, verharrten, zusammen mit vielen radikalen Soldaten und Matrosen, die bereits ihre imperiale Kokarden abgenommen hatten.

Auf der Theresienwiese, 7. Dezember 1918, nachmittags

Eisner erkannte seine Chance. Seine Anhänger befanden sich am nördlichen Ende des Veranstaltungsortes, nahe den Kasernen der Münchner Garnison in Nordwesten der Stadt, wohin er sich, von vielleicht 2000 Mann gefolgt, in Bewegung setzte. Bald wuchs die Menge zu einem revolutionären Lindwurm an, als sich mehr und mehr Soldaten auf dem Weg zu den Kasernen anschlossen. Es gab eine Minute Verwirrung und eine kleine Schießerei an der großen Kaserne Türkenstraße, aber als sich die Mehrheit der dort stationierten Truppen für die Revolution erklärte, hatte Eisner gewonnen. Die Menge, die er jetzt in Richtung Innenstadt zurückführte, war jetzt ungefähr 5000 Mann stark.

Der Kronprinz, Königin Marie Therese und Ludwig III

Bei seinem täglichen Nachmittagsspaziergang im Englischen Garten hatte ein Passant dem König von bedenklichen Vorfällen berichtet, was ihn zur Rückkehr veranlasste. Gegen 7 Uhr abends erschienen revolutionär gestimmte Soldaten auf dem Platz der Residenz, des Wittelsbacher Stadtpalastes, und die besorgte Königsfamilie wurde durch den Kriegsminister Philipp von Hellingrath informiert, dass, da eine große Mehrheit, vielleicht sogar alle der Münchner Garnisonstruppen, sich für die Rebellion erklärt hatten, keine loyalen Einheiten zur Verfügung stünden, um den Thron zu schützen. Die Palastwache war in den frühen Abendstunden auf mysteriöse Weise verschwunden, und der Königs eigenes Garde-Regiment verblieb passiv in den Kasernen, obwohl es dringend alarmiert worden war. Um etwa 22 Uhr verließen der König, seine Familie und die Bediensteten die Hauptstadt, auf Anraten des Hofministers Ritter von Dandl, um Zuflucht auf dem Familienschloss Burg Wildenwart am Chiemsee zu suchen. Ein paar Meilen südlich der Stadt, so die Sage, rutschte des Königs Auto von der Straße ab und endete mit gebrochener Achse in einem Kartoffelfeld. Es war ein, den Umständen entsprechend, durchaus angemessenes Ende der Herrschaft des Hauses Wittelsbach in Bayern.

Inzwischen gingen Delegationen revolutionärer Soldaten daran, die wichtigsten strategische Punkte der Stadt zu besetzen, ohne auf Widerstand zu stoßen: bis zum späten Abend waren der Hauptbahnhof, das Telegrafenamt, das Bayerische Armeekommando und andere wichtige militärische und kommunale Gebäude sowie das Parlament und die Büros der Zeitungen in roten Händen. Die Einheiten von Armee und die Polizei, die nicht zu den Rebellen übergegangen waren, verhielten sich passiv und ließen die Revolution sich selbst in den späten Stunden des Tages mithilfe von Massenveranstaltungen organisieren. Eine vorläufige Versammlung der Rebellen wurde im Franziskaner Bierkeller abgehalten, aber das zweite, entscheidende Treffen fand genau im Herzen der Stadt, im gigantischen Mathäserbräu, einem riesigen Gasthaus, statt, in dem leicht fünftausend Personen Platz fanden –  aber in dieser Nacht waren dort bestimmt doppelt so viele.

Soldaten vor dem Mathäserbräu

Soldaten und Matrosen trafen sich im ersten Stock und wählten einen Rat, während sich die Arbeiter im Erdgeschoss trafen und ihre eigenen Vertreter erkoren. Die Delegierten beider Räte verschmolzen dann und bildeten einen allgemeinen „Arbeiter-, Soldaten- und Bauern Rat“, anfangs geleitet von Franz Schmitt von der SPD. Um etwa 22 Uhr zogen Eisner, Schmitt und die Räte plus eine kleine bewaffnete Wache über die Isar zum Parlamentsgebäude. Den Vorsitz beanspruchend, in dem improvisierten Treffen, und ohne formale Umschweife, nahm Eisner das Amt des Ministerpräsidenten von Bayern auf sich, und ließ, in den frühen Morgenstunden des 8. November 1918, die Freie Bayerische Sozialistische Sowjetrepublik verkünden. Ein paar Stunden später erwachten  die Bürger von München, die in einem Königreich zu Bett gegangen waren, in einer Republik, und dazu noch in einer sozialistischen.

Proclamation of the Free State of Bavaria

Am Nachmittag des gleichen Tages, 8. Dezember, veranstaltete man im Parlamentsgebäude die erste Sitzung des temporären Nationalrates, um eine provisorische Regierung zu etablieren. Der Versammlung gehörten die Stadträte und die ehemaligen  Parlamentsmitglieder der SPD, der bayerischen Bauernpartei und die drei ehemaligen liberalen Abgeordneten an. Das Plenum wurde anfänglich mit Einwänden von den Delegierten der SPD konfrontiert. Die Sozialdemokraten zeigten sich, zu einem gewissen Grad, dem Ancien Régime treu und favorisierten Reformen, nicht Revolution; eine langwierige Debatte war notwendig, um ihre Mitglieder zu überzeugen, der provisorische Regierung beizutreten und diese zu unterstützen. Am nächsten Tag übernahmen Ministerpräsident Eisner und seine frisch gebackenen Minister die Exekutivgewalt in Bayern. Kein einziger Akt der Insubordination wurde bekannt: alle Staatsdiener, Regierungsangestellten, Polizei und Militär befolgten die Anordnungen der neuen Regierung.

München setzte den Standard für das Land.

Die Flammen der – ordentlichen –  Revolution zündeten spontan in ganz Deutschland. In Friedrichshafen bildeten die Arbeiter der Zeppelin-Werke einen Rat. Die Fabrikarbeiter in der Region Stuttgart, darunter die des großen Motorenwerks von Daimler, streikten und erhoben ähnliche Forderungen, angeführt von Sozialisten mit Ansichten, die Eisners ähnelten. Matrosen organisierten einen Aufstand in Frankfurt am Main. In Kassel revoltierte die gesamte Garnison einschließlich des Kommandanten, jedoch völlig gewaltlos.

Es gab ein paar Schüsse in Köln, als die 45000-köpfige Garnison zu den Roten überging, aber schnell setzte wieder Ruhe ein. Ein ziviler Aufstand in Hannover gelang, obwohl Behörden den Truppen befohlen, Gewalt anzuwenden; die Soldaten schlossen sich den Rebellen an. Das gleiche geschah in Düsseldorf, Leipzig und Magdeburg. In ganz Deutschland brach eine Regierung nach der anderen brach zusammen, als Arbeiter- und Soldatenräte die Kontrolle übernahmen. [Toland, p. 72]

Truppenansammlungen auch in den Straßen Nürnbergs während der Novemberrevolution 1918

Schließlich wandten sich die Augen der Nation nach Berlin, in der Erwartung, dass der Erfolg oder Misserfolg einer deutschen sozialistischen Republik dort entschieden werden würde. Anders als in Russland, wo Menschewiki und Bolschewiki sich über die Frage von Reform oder Revolution schon weit vor dem Krieg aufgespalten hatten, hatten sich die deutschen Sozialisten nicht vor 1917 getrennt, als sich der revolutionäre Flügel als USPD etablierte. Doch selbst zusammen mit ihren Gesinnungsgenossen vom Spartakusbund vertraten sie wohl weniger als zehn Prozent des sozialistischen Spektrums, aber ihre schrille Propaganda schien eine Spaltung der sozialistischen Regierung in Berlin anzukündigen. Potenziell schlimmer für die Radikalen waren die für den 19. Januar geplanten landesweiten Wahlen zu einer neuen Nationalversammlung, die den Frauen der Nation zum ersten Mal das volle Wahlrecht gaben – der revolutionäre Flügel hatte keine Illusionen über das mögliche Ergebnis. Nein – wenn sie die Macht erlangen wollten, blieb nur ein Staatsstreich.

“Vorwärts” vom 9. November 1918

Aber so weit waren die Dinge noch nicht geraten. In diesen Tagen des Novembers und Dezembers interessierten sich weitaus die meisten Arbeiter, Soldaten und Matrosen weniger für dogmatischen Streit als für ein Ende des Krieges und des Hungers; sie erwarteten die Wiedervereinigung mit Familien und Angehörigen und mussten Arbeit finden. Da die bisherige Reichsregierung zusammengebrochen war, war Selbsthilfe das Motto des Augenblicks, und so kam es, dass …

… Berlin in einem Zustand der Verwirrung verharrte … verschiedene Gruppen beanspruchten die Regierungsgewalt: der Rat der Volksbeauftragten unter Friedrich Ebert im Kanzleramt (die von den Alliierten anerkannte Regierung), der Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte im Reichstag, die Berliner Arbeiter- und Soldatenräte im preußischen Landtag, Emil Eichhorn (USPD) als selbst ernannter Polizeikommissar von Berlin mit seinem 3.000 Mann starken aber unwilligen (weil kaisertreuem) “Sicherheitsdienst” im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, die „Revolutionären Obleute“ und natürlich die alternative spartakistische Regierung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Königspalast, die von einer freiwilligen Truppe von rund 2.000 roten Matrosen unterstützt wurde, die in den königlichen Stallungen kaserniert war und sich selbst als die Volksmarinedivision bezeichnete.

Es gab tägliche Straßendemonstrationen, Massenversammlungen und vereinzelte Schießereien, und praktisch jeden Tag bis Weihnachten marschierte jeweils eine andere aus dem Krieg heimkehrende  Division der regulären Armee durch das Brandenburger Tor und Unter den Linden hinauf, bevor sie sich in der Menge auflöste. [Anthony Read, The World on Fire, Norton Books 2008, ISBN 978-0-393-06124-6, p. 47]

Revolution am Brandenburger Tor

Unabhängig von der politischen Ungewissheit der Zeit setzte die Mehrheit dieser Gremien diejenigen sozialistischen Bestrebungen um, die sie vergeblich von den deutschen Fürsten gefordert hatten. Der Arbeitstag wurde auf acht Stunden begrenzt, die Gewerkschaften erhielten uneingeschränkte Organisations- und Verhandlungsrechte, es wurde eine Arbeitsunfallversicherung eingeführt, die Altersvorsorge erweitert, Kranken- und Arbeitslosenversicherungsprämien entweder gesenkt oder die Leistungen erhöht. Viele dieser Programme befanden sich noch im Entwicklungsstadium, wurden jedoch zu Sprungbrettern proletarischer Emanzipation. Politische Gefangene wurden freigelassen und die Zensur von Presse und Theater aufgehoben. Entgegen der Warnungen kapitalistischer Cassandras, von denen es etliche gab, stellte sich heraus, dass all dies bezahlt werden konnte, sobald eine gewisse Normalität eingeführt war; das heißt, dass die vorgeschriebenen Steuern auch kassiert und die Steuervergünstigungen der Junker und des Adels aufgehoben wurden. Die deutsche Sozialgesetzgebung wurde das Vorbild für Arbeiter weltweit.

Hitler gestand später, dass er diese sozialen Reformen respektierte, die er auf lange Sicht für unvermeidlich hielt, und einige seiner folgenden Aussagen hinterlassen den starken Verdacht, dass er in diesen Tagen einiges Mitgefühl mit den Sozialdemokraten hatte. “Wofür ich den Sozialdemokraten dankbar bin“, sagte er, “ist, dass sie diese Interessen von Hof und Adel entmachtet haben.” [Anton Joachimsthaler, Korrektur einer Biographie, Langen Müller 1989, ISBN 3-7766-1575-3 p. 181]

Die manchmal wirren, aber weitgehend harmlosen Entwürfe der verschiedenen zukünftigen sozialistischen Regierungen und ihrer Ausschüsse und Räte konnten jedoch nur gedeihen, solange echte revolutionäre Gruppen in Schach gehalten werden konnten. Ebert verstand, dass die Exekutivgewalt seiner Regierung ohne bewaffnete Unterstützung fragwürdig blieb, und er kannte seine ehemaligen Kameraden, die zu den Spartakisten gewechselt waren, gut genug um nicht zu glauben, dass sie die revolutionäre Option aufgeben würden – da sie ja nicht hoffen konnten, die Wahl zu gewinnen. Aber sie hatten Gewehre und wenn sie einen Staatsstreich gegen unbewaffnete Gegner versuchten, wer könnte sie aufhalten? Die einzige offensichtliche Alternative war, die Unterstützung der regulären Armee zu erlangen.

Die Sozialdemokraten hatten immer kritischen Abstand zum Militär bewahrt, welches ja oft genug zur Unterdrückung eingesetzt worden war. Nun, da der Krieg verloren gegangen war, anstatt mit dem erwarteten Triumph zu enden, konnte nicht erwartet werden, dass sich die Stimmung der Armee verbessert oder ihre Sympathie für Sozialisten vergrößert habe. Am 10. Dezember kamen die ersten zurückkehrenden Einheiten der Armee in Berlin an; von Ebert begrüßt, der die schwierige Aufgabe hatte, den Soldaten die zwischenzeitlich eingetretenen Veränderungen zu erklären. Die Demobilisierung in Berlin war die gleiche ungeordnete Angelegenheit wie überall sonst, vielleicht schlampiger: Viele Soldaten “vergaßen”, ihre Waffen abzugeben, manche Einheiten vergaßen sogar, ihre Maschinengewehre auszuhändigen – oder sogar ihre Kanonen – oder behaupteten, sie seien auf der Durchreise verloren gegangen. An Waffen fehlte es nirgendwo in der neuen Republik, aber das Angebot in der Hauptstadt war bei weitem das reichste und die Spartakisten hatten große Vorräte angesammelt: Ebert war waffentechnisch unterlegen.

Barrikade an der Friedrichstraße

Am zweiten Tag seiner Kanzlerschaft, am 10. November, erhielt er auf direktem Wege einen Anruf aus dem Generalstabsgebäude. Sein Gesprächspartner war Wilhelm Groener, der neue Generalquartiermeister und Nachfolger von Ludendorff: de facto das militärische Oberhaupt der nur einen Tag alten Republik. Der General wusste genau, worum es ging, und bot Ebert an, dass sich “die Armee seinem Regime zur Verfügung stellen würde, als Gegenleistung für die Unterstützung des Feldmarschalls [Hindenburg] und des Offizierskorps durch das Regime und die Wiederherstellung von Ordnung und Disziplin in der Armee.“ (Read, S. 43) Im bürgerlichen Sprachgebrauch bedeutete dies, dass die Armee Ebert und die Republik – völlig unerwartet – unterstützen würde; um den Preis, die Armee in der preußischen Tradition außerhalb der Politik zu halten und sie sich selbst verwalten zu lassen. Es gab noch eine weitere Bedingung: “Das Offizierskorps fordert vom Regime eine Schlacht gegen den Bolschewismus und ist zu dieser Verpflichtung bereit.” (Read, S. 43)

Ebert befand sich in der Zwickmühle zwischen der spartakistischen Linken und der reaktionären militärischen Rechten – wie Odysseus zwischen Scylla und Charybdis. Am Ende stimmte er Groener zu, vielleicht ein wenig hinters Licht geführt durch einen schlauen Trick des Generals, der seinen eigenen Plan hatte, um mit den Räten fertig zu werden. Groener wusste, dass von der Front zurückkehrende, loyale Truppen und Offiziere ab der zweiten Dezemberwoche eintreffen würden, und deshalb musste er die Ratsherrschaft nur etwa einen Monat überleben. Sein Plan sah also vor, den Räten gerade so viel Freiraum zu geben, um sich selbst aufzuhängen. Er ordnete jeder Einheit an, einen Rat wählen: jeder Zug, jede Kompanie, jedes Bataillon, Regiment und so weiter, ein Verfahren, das ein sofortiges Chaos verursachte, welches Groener die nötige Zeit verschaffte. Bald würde der Großteil der Armee zurückkehren und während die meisten Einheiten sich von selbst demobilisieren würden, würden manche das nicht tun. Groener wusste, dass manche Männer nicht in das bürgerliche Leben zurückkehren konnten, denn die Erfahrung des Krieges hatte ihre Seelen für immer deformiert. Solche Männer bildeten die “Freikorps“.

Vor dem Krieg hatten die kaiserlichen Wehrbehörden vorzugsweise Bauernjungen eingezogen, da sie weniger von Sozialismus durchdrungen waren als die Söhne der städtischen Arbeiter. Daher repräsentierten die Wehrpflichtigen im Gegensatz zu den eher städtischen Hintergründen vieler Unteroffiziere und Regimentsoffiziere hauptsächlich das pastorale Element der deutschen Gesellschaft. Die Städter dagegen waren im Großen und Ganzen bürgerlich oder kleinbürgerlich geprägt, besser ausgebildet und hoffnungslos romantisch. Sie bildeten das Reservoir, aus dem die Freikorps ihre Wölfe bezogen.

Das plötzliche Ende des Krieges löste bei ihnen Entzugserscheinungen aus – das zivile Leben wirkte trostlos, matt und trivial. Darüber hinaus hatte nichts diese zutiefst romantische und leidenschaftlich patriotische Bruderschaft darauf vorbereitet, das Vaterland in der Gefahr einer bolschewistischen Revolution vorzufinden. Sie waren zu ewigen Kriegern geworden, auf der Suche nach einer Pflicht, die sie erfüllen konnten, und keine Aufgabe konnte glorreicher oder wichtiger sein, als diese so seltsam veränderte Heimat von einem kommunistischen Abgrund zu bewahren.

Die Freikorps von 1918 und 1919 waren … freibeuterische Privatarmeen erbitterter ehemaliger Militärs, hauptsächlich zusammengesetzt aus ehemaligen Offizieren und Unteroffizieren, die sich ihrer Auflösung widersetzten, und entschlossen waren, militärische Disziplin und Organisation angesichts der “Unordnung” der Soldatenräte aufrechtzuerhalten. Eingebettet in die harten Traditionen der preußischen Armee, waren sie außerordentlich nationalistisch und gewalttätig antibolschewistisch.

Ihre Bildung war zwar nicht von Groener initiiert, aber ermutigt worden, sowohl als Mittel, um den Ethos des Offizierskorps in diesen unsicheren Zeiten am Leben zu erhalten, als auch um robuste, trainierte Einheiten loyaler Truppen zu schaffen, auf die man sich verlassen konnte die revolutionären Kräfte linker Truppen zu bekämpfen. Ihre genaue Beziehung zur Armee wurde absichtlich vage belassen, aber sie wurden von ihr mit Maschinengewehren, Mörsern und sogar Kanonen wie auch mit Gewehren und Pistolen ausgestattet, und es besteht kaum Zweifel, dass ihre Bezahlung aus Armeemitteln stammte. Viele ihrer Kommandeure waren Offiziere im Regeldienst.

Die erste Aufgabe der Freikorps bestand darin, Deutschlands Ostgrenzen zu den neuen baltischen Staaten und dem neuen unabhängigen und zutiefst feindseligen Polen zu sichern, das nach Jahrhunderten deutscher, russischer und österreichischer Unterdrückung voraussichtlich versuchen würde, so viel Territorium wie möglich für sich zu erobern.

Der Schutz gegen den sich aus dem Osten ausbreitenden Bolschewismus war in diesem Bereich eine sekundäre aber dennoch reale Überlegung, vor allem als Russland 1919 gegen Polen in den Krieg zog. In Berlin und dem übrigen Deutschland war der Kampf gegen dem Bolschewismus in all seinen Formen jedoch die eigentliche, selbsterklärte Daseinsberechtigung der Freikorps. [Read, S. 45 – 46]

Groener hatte bei seinem Deal mit Ebert empfohlen, die politische Überwachung der Streitkräfte dem ehemaligen SPD-Abgeordneten Gustav Noske zu übertragen, dem Mann, der während des Matrosenaufstandes in Kiel gezeigt hatte, dass er mit einem Mob fertig werden konnte. Es war höchste Zeit, Truppen zu organisieren, die dem Ebert’schen Rat der Volkskommissare gegenüber loyal waren, denn die Spartakisten mobilisierten bereits ihre eigenen Truppen in Erwartung der ersten Sitzung des Reichsrätekongresses der Arbeiter- und Soldatenräte. Dieses Gremium, dem Vertreter aus allen Teilen des Landes angehörten, sollte sich ab Montag, dem 16. Dezember, im Gebäude des preußischen Abgeordnetenhauses treffen. Zur Unterstützung der mit Sicherheit erwarteten sozialistischen Revolution organisierten Liebknecht und Luxemburg jede Menge Demonstrationen am selben Tag auf dem Platz vor dem Gebäude und als dies die Delegierten (in denen die Revolutionäre deutlich in der Minderheit waren) nicht sonderlich beeindruckte, schickte er drei Tage später ein Sturmkommando mit der Anweisung, das Gebäude zu besetzen und die Abgeordneten als Geiseln zu nehmen; ein Plan, der gerade noch von einer lokalen Wachtruppe Noskes vereitelt wurde.

Die Beschlüsse des Kongresses, der möglichst bald Ordnung schaffen wollte, enttäuschten die radikale Linke sehr; denn nicht nur weigerten sich die Delegierten, “alle Macht den Sowjets” zu übertragen, wie es die Spartakisten forderten, sondern bestätigten auch die Legitimität der Regierung von Ebert und beschlossen, die Ratsherrschaft langsam abzubauen, um alle weiteren Legislative- und Exekutivbefugnisse der neuen Nationalversammlung zu übertragen, deren Wahl für den 19. Januar 1919, vier Wochen in der Zukunft, festgelegt wurde. [Read, S. 47]

Diese Rückschläge setzten den Spartakisten zumindest einen Stichtag, denn sie mussten wenn, dann vor dem Wahltag die Macht ergreifen – die Wahl gewinnen konnten sie nicht. Am 23. Dezember stürmte die Volksmarinedivision, unter dem Vorwand, sich einen Weihnachtsbonus sichern zu wollen, das Arsenal (das militärische Hauptquartier) und das Kanzleramt, wo sie das Kabinett verhafteten. In dieser Situation „entschied Ebert, dass es an der Zeit war, Groeners Versprechen einzufordern.“ [Read, S. 48]

Das Hauptquartier der Armee in Potsdam schickte, wie vereinbart, ein Bataillon Truppen, und am Morgen des 24. Dezember entwickelte sich eine seltsame Mischung aus militärischem Kampf und Propagandawettbewerben um den Königspalast und die Ställe herum. Die Kämpfe waren hart, aber nur sporadisch und häufig unterbrochen durch Verhandlungen oder von Liebknechts revolutionäre Ermunterungen, die sich an die Tausende von Zuschauern richteten, die, nachdem sie ein bisschen das Gemenge beobachtet hatten, zum Weihnachtsmarkt oder zum nahegelegenen Einkaufsviertel weitergingen, wo das Geschäft wie üblich lief. Es war vielleicht dieser Mangel an Aufmerksamkeit, der dazu führte, dass die Schlacht am frühen Nachmittag durch das Verschwinden der Truppen beider Seiten in den Weihnachtsmassen endete. Ein wütender Groener entschied jedoch, dass er beim nächsten Mal verlässlichere Truppen brauchte, und benachrichtigte die Anführer der aufstrebenden Freikorps. [Read, S. 48]

Der Weihnachtstag brachte die regelmäßige Demonstration der Spartakisten, deren Aktivisten das Gebäude besetzten, in dem die SPD-eigene Zeitung „Vorwärts“ gedruckt wurde, und ihre eigene Weihnachtsausgabe erstellten – natürlich auf rotem Papier. Nach dem Eintreffen der Polizei und der Vertreibung der Besatzer gab die Zeitung alle sozialistische Solidarität auf, die sie bis zu diesem Tag gezeigt hatte, und orientierte sich ab jetzt entschlossen anti-spartakistisch.

Davon unbeeindruckt beendete Liebknecht das Jahr mit einer Einladung von rund hundert Spartakisten zu einer am 29. Dezember beginnenden Konferenz im Festsaal des preußischen Abgeordnetenhauses. Nach zwei Tagen voll zänkischer Auseinandersetzungen stimmten sie für einen vollständigen Bruch mit der Sozialdemokratie und dafür, sich eindeutig an Sowjetrussland auszurichten, indem sie sich in Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) umbenannten.

Unter den Gästen befand sich auch Karl Radek, der nach Deutschland geschmuggelt worden war, um den Bürgerkrieg zu schüren, der ein so wesentlicher Bestandteil einer bolschewistischen Revolution war. In einer langen Rede bestritt er, dass das Regime in Russland ein Terrorregime sei, und behauptete, der Bürgerkrieg sei nicht so schlimm, wie manchmal gedacht wurde: ein ganzes Jahr Bürgerkrieg in Russland habe weniger Menschen getötet und weniger Eigentum zerstört als ein einzelner Tag des internationalen (kapitalistischen) Krieges.

Was wir jetzt in Russland in die Tat umsetzen“, erklärte er, “ist nichts anderes als die große, unverfälschte Lehre des deutschen Kommunismus. Einst wird der Rat der Volkskommissare Europas in Berlin tagen. Spartakus wird siegen. Er ist dazu bestimmt, die Macht in Deutschland zu ergreifen.“ Liebknecht antwortete begeistert mit einem Aufruf zu den Waffen:„ Wir wollen keine Limonadenrevolution. Wir müssen die Internationalisierung des Bürgerkriegs beschleunigen.“ [Read, S.49]

Die Spione Groeners und Eberts berichteten ihren Meistern umgehend über die Ergebnisse und über den Jahreswechsel bereiteten sich beide Seiten auf den großen Zusammenprall vor, den sie noch vor dem Wahltag am 19. Januar erwarteten.

Die anhaltende Feindschaft zwischen sozialdemokratischen, d.h. reformistischen und kommunistischen Parteien auf der ganzen Welt in den siebzig Jahren zwischen 1919 und 1989, war das Resultat dieser Spaltungen in Berlin 1918 und den Ereignissen, die kurz danach folgten. Von 1914 bis 1918 hatte die SPD das Ancien Régime unterstützt, mit Ausnahme von Liebknecht, indem sie Wilhelms Kriegskredite im Reichstag genehmigten, während sich eine außerparlamentarische Oppositionsbewegung von Pazifisten in der Mutterpartei formte, wuchs und sich schließlich 1917 lossagte. Dieser Ableger, die USPD, appellierte an die internationale Solidarität der Arbeiterklasse, die Krieg unmöglich machen konnte, wenn sie sich weigerte, Rüstungsgüter herzustellen, und sie war die einzige politische Fraktion in Deutschland, die sich öffentlich gegen den Krieg aussprach.

Sie beschuldigten die Moderaten des Verrats; dass sie durch kapitalistische Interessen korrumpiert worden waren und als Ebert die reaktionären Freikorps zu Hilfe rief, wurde er des Brudermordes angeklagt und des Verrats am Erbe von Karl Marx und Friedrich Engels. Von diesem Tag an betrachteten kommunistische Parteien die Sozialdemokraten als ihren schlimmsten Feind: während der Widerstand der Kapitalisten zu erwarten war und verstanden werden konnte, hatte das Gift der Mäßigung die Solidarität der Bruderschaft der Arbeiter zerstört. In Erinnerung an die Praktiken der Jakobiner konnte es für die  Verräter an der Revolution keine Gnade geben.

Währenddessen festigte die Regierung der Bayerischen Sozialistischen Republik ihre lokale Macht und begann, die bayerische Nachkriegsökonomie zu organisieren. Es war vielleicht die größte Überraschung für Ministerpräsident Eisner, dass die reguläre bayerische Armee ohne großen Aufstand kooperierte; während das Militär das Chaos der Räteherrschaft offensichtlich ablehnte, erkannte die Truppe, dass Ordnung die Forderung des Tages war, und der ranghöchste Offizier, General Max Freiherr von Speidel, appellierte an die Truppen, “dem Volksstaat zu dienen.” (Joachimsthaler, S. 183) Am 13. November traf König Ludwigs schriftliche Abdankungserklärung im Rat ein und am selben Tag wurde Albert Rosshaupter (SPD) als erster ziviler Verteidigungsminister in der Geschichte des Landes vereidigt.

Die Bavaria auf der Theresienwiese

So entwickelte sich die bayerische Sowjetrepublik weit weniger revolutionär, als sie begonnen hatte. Zu einem gewissen Grad sah sich Eisners Regierung nur als provisorische Verwaltung an und verzögerte entscheidende Reformen für die Zeit nach den Wahlen vom 12. Januar, durch die sie hofften, eine parlamentarische Mehrheit und damit ein unstrittiges Mandat für die Schaffung eines echten sozialistischen Staates zu bekommen. In seiner öffentlichen Ansprache vom 15. Dezember konnte Eisner revolutionäre Rhetorik weitgehend vermeiden und die wesentliche Forderung nach Sozialisierung der Industrie wurde auf später verschoben. Zwar wurde die Arbeitslosenhilfe verbessert und der achtstündige Arbeitstag eingeführt, aber es wurde nichts unternommen, um die Angestellten und Funktionäre des Staates zu ersetzen, die das Land weiterhin auf altmodische, monarchistische Weise verwalteten. Noch wurde die Wirtschaft reformiert: Industrie, Banken und Versicherungen funktionierten weiter wie gewohnt. Die einzige bemerkenswerte Änderung war die Säkularisierung der Schulen durch die Abschaffung der Aufsichtsrechte der katholischen Kirche.

In einem waren sich alle Münchner einig …

Die Wahl endete in einer Katastrophe für die radikalen Sozialisten. Gewinner wurden die Bayerische Volkspartei, die Nachfolgerin der katholischen Zentrumspartei (BVP, 35 %, 66 Sitze) und die SPD (33 %, 61 Sitze). Ergebnisse mehr oder weniger im erwarteten Bereich erzielten die Liberalen der DVP (DPP in der Pfalz) mit 14 % und 25 Sitzen und die rechte Deutsche Volkspartei [DNVP, als Mittelpartei in der Pfalz] mit 6 % der Stimmen und 9 Sitzen.

Die Verlierer waren die Parteien der Revolution. Der bayerische Bauernbund, der den Sozialrevolutionären Russlands ähnelte, erhielt 9 % der Stimmen und 16 Sitze, aber die Ergebnisse der USPD waren erbärmlich: nur 2,5 % und drei Sitze. Eisner war jedoch nicht leicht zu überzeugen, seine Regierungsverantwortung aufzugeben, da er, wie er sagte, immer noch Präsident des Soldaten-, Arbeiter- und Bauernrates war, den er als die wahre Regierung des sozialistischen Bayern betrachtete. Leider hatte er seine Popularität in den letzten Wochen nicht gerade gesteigert.

Hauptbahnhof mit Vorplatz, ca. 1905

Jeder hatte einen Grund, ihn zu hassen – man sagte, er sei ein galizischer Jude, ein Berliner, ein Kaffeehaus-Intellektueller, ein linker Sozialist, ein Verräter des wahren Sozialismus, zu radikal, nicht radikal genug, er war ineffektiv oder inkompetent –  die Liste schien endlos. Vor allem wurde er für den Zusammenbruch der Wirtschaft verantwortlich gemacht – Bayern war so gut wie bankrott und litt, wie viele andere Orte auch, an einem riesigen Arbeitsplatzverlust, da die Munitionsproduktion eingestellt worden war und die Soldaten auf der Straße standen. Trotzdem hatte Eisner die Ausgaben für die Arbeitslosenhilfe erheblich erhöht.

Als er an der ersten Nachkriegskonferenz der Zweiten Sozialistischen Internationale in Bern teilnahm, gelang es Eisner schließlich, praktisch jeden in Bayern zu verärgern. Als einziger amtierender Regierungschef wurde er mit großem Respekt und mit einiger Ehrfurcht behandelt, vor allem, als er die deutsche Verantwortung für den Ersten Weltkrieg öffentlich anerkannte und Wilhelm Hohenzollern, den früheren Kaiser, als den Mann benannte, der am meisten an dem viereinhalb Jahre lang dauernden Blutbad schuld war. Er kritisierte ruhig und bestimmt alle Aspekte des Preußentums, verurteilte die harte Behandlung Deutschlands von französischen Zivilisten und alliierten Kriegsgefangenen, und appellierte an deutsche Gefangene, beim Wiederaufbau der verwüsteten Regionen Frankreichs und Belgiens mitzuhelfen. All das wurde zwar von den Genossen in Bern gut aufgenommen, aber in München galt es als Verrat und er wurde als Verräter dargestellt. [Read, S. 113 – 114]

In Bayern weitete sich die Spaltung zwischen Revolutionären und Reformern aus, und SPD-Chef Erhard Auer nutzte seine Autorität als Eisners Stellvertreter und des Chefs Abwesenheit, um den bayerischen Landtag zu einer konstituierende Sitzung für den 21. Februar 1919 einzuberufen, in der eine neue Regierung mit parlamentarischer Mehrheit gewählt werden sollte.

In Erwartung einer Gegenreaktion des radikalen Flügels hatte Auer Max Levien, den Vorsitzenden der KPD in Schwabing, verhaften lassen und Verteidigungsminister Albert Roßhaupter aufgefordert, alles zu tun, um eine quasi-militärische Heimatverteidigung zu bilden, die der künftigen Regierung treu ergeben sein sollte – erwartet wurde die eine oder andere Koalition der SPD mit den Katholiken und Liberalen, welche leicht die Unterstützung von 70 % oder mehr der Landtagsabgeordneten genießen würde.

Die Linke schlug am 15. Februar mit der Ad-hoc-Gründung des “Revolutionären Arbeiterrates” zurück, einem exzentrischen Gremium aus den radikalsten Mitgliedern von USPD, Spartakisten und Bolschewiki unter der Führung der Anarchisten Gustav Landauer und Erich Mühsam. Die erste Resolution der ehrenwerten Körperschaft rief für den nächsten Tag zu einer Massendemonstration von Arbeitern und Soldaten auf der Theresienwiese auf und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass der Gefreite Adolf Hitler an diesem Tag in den Reihen der Sozialisten mitmarschierte. Die Order des Tages für sein 2. Infanterieregiment lautete:

Morgen, am 16. Februar 1919, findet eine Demonstration der gesamten Arbeiterschaft und aller Einheiten der Garnison statt. Das Regiment, einschließlich des Demobilisierungsbataillons, wird um 12.15 Uhr auf dem Kasernenplatz des 1. Bataillons auf dem Oberwiesenfeld antreten. Die Soldatenräte werden die Truppen kontrollieren, um Disziplin und Ordnung zu gewährleisten. Die Kompaniekommandeure werden sicherstellen, dass das gesamte dienstfreie Personal an der Versammlung teilnimmt.“ [Joachimsthaler, p. 197 – 198]

Pro-Eisner Demonstration am 16. Februar 1919

So marschierten am 16. Februar gegen Mittag etwa 10.000 Demonstranten durch die Straßen Münchens. Eisner (zurück aus Bern), Mühsam und Levien, der aus dem Gefängnis entlassen worden war, wandten sich an die Öffentlichkeit mit der Forderung, eine Sowjetrepublik, also Räterepublik, zu gründen. Es stellte sich heraus, dass nur wenige Münchner diesen Wunsch teilten, aber nur drei Tage später gab Eisner eine trotzige Geste ab. In der nächsten (und letzten) Sitzung des Bayerischen Rätekongresses forderte er die zweite Revolution.

Die zweite Revolution wird sich nicht in Plünderungen und Straßenkämpfen ergehen. Die neue Revolution wird eine Zusammenkunft der Massen aus Stadt und Land werden, um das zu vollenden, was die erste Revolution begonnen hat. … Die bürgerliche Mehrheit hat nun die Chance, bürgerliche Politik umzusetzen. Wir werden sehen, ob sie zur Regierung fähig sind. In der Zwischenzeit sollten die Räte ihre eigene Aufgabe erfüllen: die neue Demokratie aufzubauen. Dann wird vielleicht auch der neue Geist in Bayern ankommen. Morgen beginnt der Landtag – morgen sollten auch die Aktivitäten der Räte neu beginnen. Dann werden wir sehen, was die Kraft und Vitalität einer durch den Tod geweihten Gemeinschaft ausrichten kann.“ [Read, S. 115]

Eisner sicherte sich dann eine Erklärung der Versammlung zu, dass sie sich nicht auflösen oder ihre Autorität auf andere Weise abgeben würden, es sei denn, die künftige bayerische Verfassung hätte ihre Vorrechte ausdrücklich anerkannt. Dies war ein offensichtlicher Versuch, die Bildung der parlamentarischen Regierung zu blockieren, die der Landtag am nächsten Tag konstituieren sollte. Wegen seiner kryptischen Andeutungen bezüglich einer zweiten Revolution forderte das Kabinett später Eisners Rücktritt.

Die größten Schwierigkeiten hatte Eisner bei der Sicherstellung der fundamentalen Dienstleistungen und der Zusammenarbeit mit dem Land, insbesondere der regelmäßigen Versorgung mit Lebensmitteln. Er wurde von Mitgliedern seines eigenen Kabinetts wegen organisatorischer Mängel kritisiert – einer seiner Minister sagte zu ihm: “Sie sind ein Anarchist … Sie sind kein Staatsmann, Sie sind ein Dummkopf … Wir werden durch schlechtes Management ruiniert.” [Richard J. Evans, The Coming of the Third Reich, Penguin, New York, 2003, ISBN 0-14-303469-3, S. 158 ff.]

Nachdem Kurt Eisner klar wurde, dass er die Unterstützung des Parlaments verloren hatte, verfasste  er am Morgen des 21. Februar in seinem Büro eine Rücktrittserklärung und eine kurze begleitende Rede und ging zu Fuß Richtung Landtag, um dort seine Botschaft anlässlich der Eröffnungssitzung zu überbringen. Er entließ seine Adjutanten und die beiden bewaffneten Leibwächter und machte sich alleine auf den Weg.

Auf dem Weg zum Rücktritt

Typisch für ihn weigerte er sich, einen anderen Weg als seinen normalen zu gehen, und wies die Bedenken seiner Helfer wegen seiner Sicherheit mit einem Witz ab: “Sie können mich nur einmal totschießen.” Als er um eine Ecke in die Promenadenstraße bog, lief hinter ihm ein junger Mann in einem Trenchcoat hoch, zog eine Pistole heraus und schoss ihn aus nächster Nähe in Kopf und Rücken. Der erste Schuss zerschmetterte seinen Schädel, der zweite durchbohrte eine Lunge. Er fiel tot zu Boden, inmitten einer sich ausbreitenden Blutlache.

Der Attentäter war Graf Anton von Arco auf Valley, ein kleiner Aristokrat, der während des Krieges als Leutnant der bayerischen Kavallerie gedient hatte und der, wie die meisten zurückkehrenden Offiziere, die Erniedrigung erlitten hatte, dass Revolutionäre auf der Straße die Rangabzeichen von seiner Uniform gerissen hatten. Sein genauer Grund, Eisner zu töten, wurde nie klar: Er war voller Verbitterung, weil seine Mitgliedschaft in der ultrarechten Thule-Gesellschaft abgelehnt wurde, weil seine Mutter Jüdin war, seine Freundin ihn als Schwächling verhöhnt hatte und er die Revolution hasste. Warum er Eisner jedoch genau in dem Moment, in dem er zurücktreten wollte, hätte töten wollen, bleibt ein Rätsel. [Read, p. 115 – 116] (In den letzten Jahren wurden Hinweise darauf gefunden, dass möglicherweise eine Verschwörung am Werk war, siehe den deutschen Wiki-Eintrag.)

Das war nur der Anfang des Chaos. Arco wurde niedergeschossen, aber durch eine heroische Operation, ausgeführt von Professor Ferdinand Sauerbruch, dem zu dieser Zeit bedeutendsten Chirurgen der Welt, gerettet. Als die Nachricht den Landtag während seiner Eröffnungssitzung erreichte, wurde diese vertagt, und Erhard Auer, Leiter der bayerischen SPD, dessen einstige Freundschaft mit Eisner Jahrzehnte zurückging, begann eine improvisierte Laudatio. Er hatte nicht mehr als fünf Minuten gesprochen, als ein Mitglied des bereits oben genannten Revolutionären Arbeiterrates, der Metzger Alois Lindner, in das Plenum einbrach, ein Gewehr, das er unter seinem Mantel versteckt hatte, herausholte und Auer aus aller Nähe in die Brust schoss. Dann eröffnete er das Feuer auf die Delegierten der BVP und entkam ungehindert, nachdem er einen Wachmann, der ihn zu entwaffnen suchte, ebenfalls erschossen hatte. Er wurde von einem zweiten Schützen in der Galerie ersetzt, der auf die gleichen Abgeordneten zielte, einen Menschen tötete und ein paar andere verletzte. Die Aufregung war groß und ein Hauch von Südamerika hing über dem ehrwürdigen Gebäude des Landtags. [Read, p. 116]

Eisner – nur wenige Stunden vor seinem Tod noch äußerst unbeliebt – wurde sofort als Heiliger der Sozialisten kanonisiert und da der Landtag im Moment ausgeschaltet war, übernahmen die Räte rasch Legislative und Exekutive, verhängten das Kriegsrecht und erklärten einen dreitägigen Generalstreik, der – wie Anthony Read feststellte – „zweckmäßigerweise genau über das Wochenende fiel“, (40) sowie eine Ausgangssperre ab 19 Uhr. Am darauffolgenden Morgen wählte eine schnell einberufene Ratssitzung einen neuen obersten Ausschuss, den „Zentralrat“. Seine elf Mitglieder repräsentierten eine bunte Mischung verschiedener sozialistischer Überzeugungen, von reformistisch bis hin zu revolutionär. Er besaß auch ländliche, nicht nur städtische Vertreter, und sollte nicht nur München, sondern ganz Bayern regieren. Der Vorsitz der Kommission und damit das Amt des quasi-Ministerpräsidenten fiel dem 28-jährigen Lehrer Ernst Niekisch zu, der, als linkes SPD-Mitglied, ein guter Kompromisskandidat für die Position war.

Niekisch bemühte sich um Unterstützung, indem er an die sozialistische Einheit appellierte und die Einberufung eines Kongresses der Bayerischen Räte forderte, der die zukünftige Form der Regierung entscheiden sollte: entweder parlamentarisch oder durch Räte, d.h.  als eine Sowjetrepublik. Dieser Kongress wurde am 25. Februar eröffnet, musste sich aber schon am nächsten Tag anlässlich des Begräbnisses von Kurt Eisner unverrichteter Dinge vertagen.

Die Trauerfeier für den am 21.2.1919 von Graf Arco ermordeten Bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner gestaltete sich zu einer gewaltigen Demonstration der Münchener Arbeiterschaft.

Was auch immer die Münchner über den lebenden Eisner gedacht hatten, sein Begräbnis zog 100.000 Trauergäste an, die dem Sarg folgten, als dieser in einer ehemaligen königlichen Kutsche feierlich durch die Straßen der Stadt gefahren wurde. Am nächsten Tag nutzte die radikale Linke das öffentliche Interesse an Eisner, um den Kongress dazu aufzurufen, die „Zweite Revolution“ zu erklären und die Gründung einer Sowjetrepublik anzukündigen. Als der Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt wurde, verließen Spartakisten, USPD und Anarchisten den Zentralrat, um ihre segensreichen politischen Veränderungen alleine vorzubereiten. Seiner Führung beraubt, zerstreute sich der Kongress und ein paar Wochen lang beruhigte sich Bayern nach so viel Unruhe.

Die Erinnerung an Kurt Eisner lebt jedoch in dem von ihm gegründeten Freistaat weiter – drei Denkmäler für ihn befinden sich in der Münchner Innenstadt und sein Grab auf dem Ostfriedhof.

Denkmal in der Kardinal-Faulhaber-Straße, dem Ort Eisners Ermordung

Leider sollte es bald noch schlimmer kommen für München.

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Karriere, Gift und Schwarze Messen – Am Hof des Sonnenkönigs

Das Laboratorium von Catherine Monvoisin bzw. Montvoisin, née Deshayes
Titel: Mme. Brinvilliers beim Kauf des Giftes – Wasserfolter

Video (Englisch)


Der Hof des Sonnenkönigs Ludwig des Vierzehnten war bekannt als ein galanter Ort, in dem sich schöne Damen mit flexibler Moral durchaus Aufstiegschancen ausrechnen konnten, bis hinauf in die vornehmsten Betten des Landes. Allerdings war die Konkurrenz groß und verschiedene Damen mit achtbaren Reizen, aber wenig Geduld, entwickelten Strategien, die ihre pekuniären wie auch sozialen Umstände in möglichst kurzer Zeit verbessern sollten.

Eine dieser aufstiegshungrigen Damen war Marie Madeleine Marguerite d’Aubray aus einem ebenso reichen wie bekannten Adelsgeschlecht. Im Alter von 21 Jahren (1651) heiratete sie den Marquis Antoine Gobelin de Brinvilliers, einen reichen flämischen Wollhändler, mit dem sie fünf Kinder bekam. Über ihrem Ehemann lernte sie den windigen, aber charmanten, und permanent in Geldschwierigkeiten steckenden Halunken Monsieur Godin de Sainte-Croix kennen, mit dem sie eine anhaltende Affäre begann.

Maries Papa sah die Affäre gar nicht gerne und schaffte es, den Freund des Hauses für ein Jahr in die Bastille zu verbringen, wo der Hobbyalchemist Sainte-Croix offensichtlich einen Kollegen kennenlernte, der ihn in verschiedenen Kenntnissen der Toxikologie unterwies. Wieder auf freiem Fuße kehrte Sainte-Croix schnurstracks zu seiner Geliebten zurück, mit spezifischen Vorschlägen, wie die Gute sich möglichst rasch des Familienerbes bemächtigen könne. Im Weg standen sowohl ihr Vater als auch zwei Brüder und eine Schwester, mit denen sie sich leider das allfällige Erbe teilen müsste.

Die Brüder schieden rätselhafter Weise im Verlaufe des Sommers 1670 dahin, doch die misstrauische Schwester Thérèse d’Aubray begann sich der sorgfältigen Kontrolle ihres Essens zu widmen und blieb so am Leben, obwohl sie noch vor der späteren Verurteilung ihrer lieben Schwester starb, aber wohl aus natürlichen Gründen. Die Obduktionen der Brüder ergaben zwar durchaus Hinweise auf Giftmord, aber Marie hatte natürlich immer ein Alibi und der betreffende Diener der Brüder, ein gewisser Jean Stamelin, genannt La Chaussée (“der Weg”), war über jeden Verdacht erhaben.

Es kam nur durch einen Zufall heraus. Ihr Liebhaber starb bei einem verunglücktem Experiment in seinem eigenen Labor, vermutlich durch das Einatmen giftiger Gase. Da er, wie immer, stark verschuldet war, wurde sein Nachlass gerichtlich geprüft, wobei eine Kassette auffiel, welche nicht nur seine Schuldscheine, sondern auch jede Menge Gift enthielt, als auch die gesamte Korrespondenz der Liebenden.

Öffnung von Saint-Croixs Kassette

Die nachfolgenden Ermittlungen führten rasch zur Festnahme, inklusive Prozess, Folter und Hinrichtung des Dieners, während Marie ins Ausland floh, zuerst nach England, dann nach Lüttich, in ein Kloster. Nach ihrer Auslieferung wurde sie ab 16. Juli 1676 erst der Wasserfolter unterzogen (siehe Titelbild), dann verschiedenen anderen gymnastischen Übungen und am Ende zum Tode auf dem Schafott verurteilt. So weit, so gut.

Geistliche und weltliche Befragung und Folter von Mme. Brinvilliers

Mittlerweile hatten jedoch eine Reihe von merkwürdigen Todesfällen reicher Adeliger – oder zumindest der Klatsch darüber – den Verdacht des Hofes erregt. Kompliziert wurde alles durch die merkwürdige Tatsache, dass der Höfling Louis Henri de Pardaillan de Gondrin, Marquis de Montespan, sich öffentlich über seine Frau Françoise de Rochechouart de Mortemart, Marquise de Montespan, beklagte, die unter ihrem Künstler- oder Bettnamen Athénaïs gerade Louise de La Vallière, die offizielle Geliebte Ludwig des Vierzehnten, im königlichen Himmelbett abgelöst hatte. Schlimmer noch, er beschuldigte die Chefhofdame der Königin Maria Theresia von Spanien, Mme. Julie d’Angennes, die Verbindung aus eigennützigen Motiven eingefädelt zu haben.

Louise de la Vallière
Porträts der Marquise de Montespan, Mätresse von Ludwig XIV

Die Sache war, dass sich normalerweise die Ehemänner der königlich ausgewählten Damen nicht darüber beschwerten, was sie nicht ändern konnten, sondern versuchten, aus den obwaltenden Umständen die jeweils bestmöglichen Vorteile für ihre eigenen Karrieren zu ziehen. Montespan aber war so sauer, dass er nicht nur den König öffentlich zum Duell forderte, sondern auch Ludwigs Kutsche mit Hirschgeweihen dekorierte, was ihn prompt ins Gefängnis brachte. Später wurde er exiliert, aber er gab nicht auf. Verbotenerweise reiste er nicht nur jeden Sommer zwischen 1670 und 1686 nach Paris, sondern gab auch eine jährliche Totenmesse für seine (quicklebendige) Frau in Auftrag, und zwang die beiden Kinder, an einem getürkten Begräbnis teilzunehmen. Auch verkündete er öffentlich und nicht nur einmal, dass seine Frau sich den König mit Zaubertränken und Schwarzen Messen gefügig gemacht hatte.

Louis XIV

Obwohl Louis XIV in seinem persönlichen Katholizismus das sechste Gebot zu übersehen pflegte und mindestens siebzehn Kinder in die Welt setzte, konnte ein katholischer Monarch solche Beschuldigungen natürlich nicht auf sich sitzen lassen, ob ihm nun Mme. Montespan sechs Kinder gebar oder nicht. Der Marquis wurde bezichtigt, im Dienst des Gottseibeiuns persönlich zu stehen, und der schwer genervte König hetzte seine Bluthunde auf ihn.

Versailles

Aber Ludwig brauchte einen Vorwand, damit es nicht wie persönliche Verfolgung aussah – was es natürlich war. Da im Gefolge des sensationellen Prozesses der Mme. Brinvilliers sowieso alle Gänge des Hofes mit Gerüchten über Giftmorde widerhallten, setzte er eine offizielle Kommission und Sondergericht ein, eine erneute Chambre ardente, die schon seinen seligen Kollegen Franz I, Heinrich II und Franz II göttliche Dienste bei der Verfolgung von Ketzern geleistet hatte. Passenderweise wurde die Kammer diesmal Cour de Poison („Gift-Gerichtshof“) genannt.

Zur Abwechslung war es diesmal die offizielle Aufgabe, den vermuteten Satanismus zu bekämpfen, der, so die populäre Annahme, seine Anhänger zu den ebenfalls vermuteten Giftmorden trieb (eventuelle finanzielle Interessen wurden offiziell ausgeblendet). Die üblichen Verdächtigen waren meistens – aber nicht nur – Frauen; Wahrsagerinnen, Spiritisten, Apotheker, Giftmischer und Hersteller von Liebestränken.

Der französische Polizeipräfekt Gabriel Nicolas de la Reynie wurde beauftragt, die satanistische Verschwörung zu zerschlagen. Etwa vierhundert Verdächtige wurden verhört und durch den enthusiastischen Einsatz der Folter wurden zahlreiche Geständnisse erzielt. Jeder schwärzte jeden an, es war eine echte Gaudi.

Philipp von Orleans. der Bruder von Ludwig XIV, trifft den Teufel persönlich anlässlich einer Party bei Catherine Deshayes

Aber plötzlich gab es eine echte Spur. Eine Verbindung der Mätresse – dünn zwar – konnte hergestellt werden zu einer wohl echten Massenmörderin und Giftmischerin, der berühmten Catherine Monvoisin (auch genannt “La Voisin”), die Reynie schon vorher aufgefallen war. Im Fall von Mme. Montespan, die ja immerhin die offizielle königliche Mätresse war, dachte der Polizeipräsident zwar weniger an Gift, aber den Erwerb von Liebestränken, um des Königs Gunst zu erhalten, hielt er für möglich – eventuell bräuchte es zu deren Herstellung sogar schwarze Messen – wer wusste das schon so genau?

Catherine Monvoisin bzw. Montvoisin, née Deshayes

Im Zuge seiner Ermittlungen hatte Reynie bereits zwei Wahrsagerinnen hochgenommen, die Mme. Monvoisin beschuldigten. Die Dame erwies sich als ein Volltreffer. Es konnte einigermaßen zuverlässig festgestellt werden, dass sie tatsächlich einen Kundenkreis hatte, der bis in den Hochadel reichte.

Erkundigungen in der Nachbarschaft der umtriebigen Dame erbrachten schnell, dass sie wahrsagte, Horoskope erstellte, Schadenzauber (Schwarze Magie) betrieb, tatsächlich Gifte und Liebeszauber verkaufte und auch Abtreibungen vornahm. In ihrem Garten stand eine Kapelle, in der Dämonen wie Astaroth und Asmodaeus angebetet wurden. Diesen schwarzen Messen wohnte ein illustrer Kundenkreis bei, dem Höflinge, auch Prinzessinnen und sogar der Scharfrichter von Paris selbst angehörten. Peinlicherweise trug eine der außerhalb wartenden Kutschen das Wappen der königlichen Mätresse und bald konnte die Polizei Besuche der Montespan schon seit 1665 nachweisen.

Illustration einer Schwarzen Messe aus “Justine” von Marquis de Sade

Unbestätigt, aber von mehreren Zeugen behauptet, ist, dass bei diesen Zeremonien sich Madame de Montespan nackt auf einen Altar gelegt habe, während man ihre Bitten um die Gunst des Königs an den christlichen Gott und die Götter der Unterwelt weitergab. Sie soll dem Priester Guibourg erlaubt haben, eine Hostie in ihre Vagina einzuführen und dann mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben, derweil er betete. [Beschreibung der Messe] [PDF] Die Tochter der Monvoisin bestätigte die Messen sowohl auch den Verkauf von Liebestränken, aber diese Aussagen wanderten umgehend in den Geheimschrank des Polizeipräfekten.

Catherine Monvoisin und der Priester Étienne Guibourg zelebrieren eine Schwarze Messe für Madame de Montespan (auf dem Altar liegend), die Mätresse von Ludwig XIV – von Henry de Malvost, 1895

Es kam bald schlimmer. Grabungen auf dem Grundstück der Monvoisin förderten die Überreste von über 2500 abgetriebenen, tot-, früh- oder neugeborenen Säuglingen ans Tageslicht.

Hinrichtung der Catherine Monvoisin
Madame de Sévigné

Dass Mme. Monvoisin fällig war, war klar – aber zuerst musste die königliche Großzügigkeit die unschuldigen, d.h. adeligen, Beiwohner der Messen entlasten – ihre Namen wurden von den Listen gestrichen und es wurden ihnen ausgedehnte Urlaube – am besten im Ausland – angeraten.

Madame de Sévigné war Zeugin der Hinrichtung von La Voisin und schrieb in ihren Briefen: „Vor Notre-Dame hat sie sich geweigert, Abbitte zu leisten, und auf dem Place de Grève sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, auszusteigen. Man zog sie heraus und brachte sie auf den Holzstoß, band sie in sitzender Stellung mit eisernen Ketten fest, bedeckte sie mit Stroh. Sie fluchte drauflos, stieß das Stroh fünf- oder sechsmal weg, aber schließlich loderte das Feuer auf, und sie ward nicht mehr gesehen. Ihre Asche fliegt jetzt in der Luft herum. So starb Frau Voisin, berühmt für ihre Verbrechen und ihren heidnischen Unglauben.“ [Quelle]

Eine weitere Mätresse Ludwigs und Konkurrentin, die schöne Marie Angélique de Scoraille de Roussille (siehe oben), starb ebenfalls plötzlich. Gerüchte belasteten Mme. de Montespan und Reynie ermittelte tatsächlich gegen sie. Aber verschiedene einflussreiche Höflinge verhinderten eine Anklage, darunter Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon, meistens Madame de Maintenon genannt (mit der Ludwig später sogar eine heimliche, morganatische Ehe einging), die Erzieherin der königlichen Kinder der Montespan. Doch nach dem Tode der schönen Angélique fiel Montespan bald in Ungnade.

Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon (1635-1719)

Langsam verlief die Giftaffäre im Sande – die letzte Hinrichtung erfolgte 1683. Reynie wurde nahegelegt, seine Ermittlungen abzuschließen – er war wohl dem königlichen Wohlbefinden zu nahe gekommen. Was blieb, war ein neues Gesetz, das den Verkehr mit Giften regelte und weltweit zum Vorbild wurde. Die Wahrsagerei wurde in Frankreich verboten und eine Erlass von 1682 endete die Hexenprozesse.

Ab 1686 war Ludwig, erst durch die Formierung der Liga von Augsburg, und dann durch den Pfälzer– und später den Spanischen Erbfolgekrieg, einigermaßen beschäftigt und die Angelegenheiten des Hofes verloren an Bedeutung. Der König lebte seine Jahre mehr und mehr mit der Marquise de Maintenon im Schoße seiner Familie aus.

Louis XIV mit Mme. de Maintenon und Familie, Nicolas de Largillière zugeschrieben

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Das Außenministerium vor dem 1. Weltkrieg

"Dropping the Pilot" Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine
“Dropping the Pilot” Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine

Titel, von links nach rechts: Deutsche Außenminister nach Otto von BismarckHerbert von Bismarck, sein Sohn (im Amt vom 24. Oktober 1885 bis 26. März 1890), Bernhard von Bülow, später Reichskanzler (vom 20. Oktober 1897 bis 23. Oktober 1900), Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff (24. Januar 1906 bis 25. Oktober 1907), Wilhelm von Schoen (26. Oktober 1907 bis 27. Juni 1910), Alfred von Kiderlen-Wächter (J27. Juni 1910 bis 30. Dezember 1912) und Gottlieb von Jagow (11. Januar 1913 bis 22. November 1916).


Der Eiserne Kanzler war am 18. März 1890 – sehr gegen seinen Willen – in den Ruhestand getreten. Er hatte sich stets zur Aufgabe gemacht, nach Möglichkeit freundschaftliche Beziehungen zu allen umliegenden Ländern zu gewährleisten. Dass Frankreich – wütend über die Niederlage von 1871, aber vorübergehend ohnmächtig – der Erbfeind bleiben würde, war klar. Unter allen Umständen musste verhindert werden, dass sie Verbündete auf dem Kontinent fand, insbesondere im Osten, d. h. Russland, um die “Grande Nation” bei der Durchführung eines Vergeltungskrieges zu unterstützen. Bismarcks Gegenmittel für diese besondere Bedrohung bestand darin, nur die allerbesten diplomatischen Beziehungen zu den beiden anderen reaktionären Monarchien, Russland und Österreich, aufzubauen. Diese beiden Nationen und Deutschland unterzeichneten einen Vertrag genannt den „Dreikaiserbund“, eine Liga der drei Kaiser, in der die Monarchen sich gegenseitige Neutralität zusicherten, sollte einer von ihnen von Frankreich oder dem Osmanischen Reich angegriffen werden.

Bismarck war sich der Tatsache bewusst, dass sich – praktisch unausweichliche – Spannungen zwischen Russland und Österreich auf dem Balkan möglicherweise negativ auf diesen Vertrag auswirken können, und schloss mit dem Zaren daher einen zusätzlichen Pakt, den so genannten „Rückversicherungsvertrag“, der Russland im Falle eines neuen deutsch-französischen Krieges unabhängig von seinem Grund zu Neutralität verpflichtete und damit das Gespenst eines Zweifrontenkrieg bannte. Bismarcks fundamentale Doktrin war offensichtlich genug – Frankreich diplomatisch so weit wie möglich isoliert zu halten.

Um eine solche Neutralisierung der französischen Diplomatie zu gewährleisten, stützte man sich im Zweiten Kaiserreich auf das Auswärtige Amt, dessen Mitarbeiter – man ist versucht “natürlich” zu sagen – hauptsächlich aus dem Adel rekrutiert und nicht dem Parlament gegenüber verantwortlich waren.

Keine statistische Charakteristik des diplomatischen Korps im Kaiserreich ist so auffällig wie der Anteil der Adeligen. Von den 548 Diplomaten, die zwischen 1871 und 1914 im Dienst waren, waren nicht weniger als 377, das heißt 69 Prozent, adeliger Herkunft. Der Prozentsatz der Adligen war sogar noch höher, wenn wir nur das Personal der Auslandsbotschaften und nicht das Auswärtige Amt als Ganzes zählen. Alle Botschafter des Kaiserreichs waren adeliger Abkunft. Die wichtigste Abteilung im Auswärtigen Amt, die Politische Abteilung I A, war in der Zeit von 1871 bis 1914 zu 61 Prozent mit Adeligen besetzt.

Es ist wahr, dass der Anteil der bürgerlichen Mitglieder des diplomatischen Dienstes in dieser Zeit und darüber hinaus stetig zunahm. Während des Kaiserreichs wurden die Bürgerlichen jedoch fast ausschließlich entweder in den weniger wichtigen Abteilungen des Auswärtigen Amtes eingesetzt, also in den Handels-, Rechts- oder Kolonialabteilungen oder im konsularischen Dienst. Wenn Bürger aus der Mittelschicht überhaupt in den diplomatischen Vertretungen im Ausland  eingesetzt wurden, dann wurden sie während der wilhelminischen Zeit (1888-1918) hauptsächlich nach Südafrika oder in den Nahen oder Fernen Osten geschickt; Gebiete, die zwar in kommerzieller Hinsicht wichtig waren, in denen zu dienen Aristokraten jedoch nicht bereit waren.

Nicht nur befand sich die Ausführung der Außenpolitik des Reiches in den Händen des Adels, es war mit wenigen Ausnahmen die nördliche, protestantische, das heißt „preußische“ Aristokratie, die den Löwenanteil der verfügbaren Posten besetzte; Katholiken waren weit weniger vertreten.

Der exklusive Korpsgeist des deutschen diplomatischen Dienstes wurde also auch durch diese konfessionelle Diskriminierung genährt. Bis 1945 war der Anteil der Katholiken unter den Diplomaten um ein deutliches niedriger als der nationale Anteil. Diese Situation lässt sich nur teilweise dadurch erklären, dass die katholischen deutschen Mittelstaaten bis 1918 ihre eigenen diplomatischen Dienste unterhielten.

Wichtiger war es vielleicht, dass die Mehrheit der süddeutschen Adelsfamilien die Idee, Staatsdienst unter den verachteten Hohenzollern abzuleisten, verabscheute und bis zur Jahrhundertwende den tatsächlichen Schwerpunkt ihrer sozialen Bestrebungen in der Wiener Hofburg sah und nicht in Potsdam oder Berlin. Wer die umfangreiche private Korrespondenz preußischer Diplomaten der Kaiserzeit liest, wird in Erstaunen versetzt von der fast pathologischen Angst vor dem sogenannten “Ultramontanismus” (die Vorstellung, dass deutsche Katholiken und die Zentrumspartei vom Papst irgendwie ferngesteuert seien), die selbst unter den höchsten und scheinbar aufgeschlossensten Diplomaten und Staatsmännern in Berlin vorherrschte.

Es herrschte die weit verbreitete Überzeugung vor, dass jedes Nachgeben gegenüber dem “Ultramontanismus” als logische Folge die Auflösung des Reiches zur Folge hätte. Katholiken konnten daher nur in den Dienst des Reiches aufgenommen werden, wenn sie sich entschieden und eindeutig gegen Rom und gegen die Zentrumspartei ausgesprochen hatten. [36]

Ganz im Gegensatz zu dem Eindruck von Stärke und Einheit, den die Reichsregierung nach außen hin zu demonstrieren suchte, verlangte die Formulierung und Durchführung seiner Außenpolitik von dem Kanzler ein tiefes Verständnis der Dinge und die Fähigkeit und Willenskraft, diese auch gegen die Ideen des Monarchen durchzusetzen. Bismarck besaß die erforderlichen Fähigkeiten und konnte gut mit Wilhelm I umgehen – der zeitweise stur sein konnte. Nachdem jedoch Wilhelms Nachfolger Kaiser Friedrich Wilhelm III. nach weniger als hundert Tagen Regentschaft im Jahr 1888 an Halskrebs gestorben war, übernahm Wilhelm III. als dritter Kaiser des Jahres die Regierungsgeschäfte.

Die Dinge im Auswärtigen Amt begannen sich bald danach zu ändern. Der junge Kaiser vertraute Bismarck nicht unbedingt so wie sein Großvater, vielleicht weil er sich selbst für ein Naturtalent in der Außenpolitik hielt. 1890 wurde Bismarck gegen seinen Willen in den Ruhestand versetzt und durch Baron Marschall von Bieberstein ersetzt, den der alte Kanzler verspottete, indem er ihn “ministre étrange aux affairs” nannte, (FN 1) und der neue Kanzler Graf Leo Caprivi, der weder über Kenntnisse noch über Erfahrung in fremden Angelegenheiten verfügte, gab offen zu, dass er solche nicht begehre. Allem Anschein nach verstanden die neuen Mitarbeiter des Büros Bismarcks Sicherheitssystem nicht – oder hielten es für entbehrlich. Die deutsche Außenpolitik befreite sich von den Fesseln der Realität.

FN 1: Es war ein Wortspiel über „fremd“ und „entfremdet“: ein „ministre aux affairs étranges“ ist ein Außenminister, ein „ministre étrangè aux affairs“ ist ein Minister, der „entfremdet“ ist, d.h. „ahnungslos“ ” von allen auswärtigen Angelegenheiten.

Den Rückversicherungsvertrag Bismarcks, das Kernstück seiner Außenpolitik, ließ man einfach auslaufen. Der neue Außenminister erkundigte sich nicht einmal in St. Petersburg, ob der Zar eine Verlängerung des Paktes wünsche. Der verblüffte Hof des Zaren konnte Berlins Schweigen nur als ein Zeichen unerklärlicher und unvermittelter deutscher Feindseligkeit interpretieren und suchte nach einem neuen Verbündeten im Westen. Frankreich war bereit und willens.

Die nächste diplomatische Katastrophe betraf die Beziehungen zu Großbritannien. Seit dem Siebenjährigen Krieg, aus dem die Alliierten als Sieger hervorgegangen waren, waren die anglo-preußischen Beziehungen größtenteils freundschaftlich gewesen, und der gemeinsame Sieg über Napoleon bei Waterloo hatte eine besondere Verbindung geschaffen. Ab den 1890er Jahren begann das wilhelminische Deutschland jedoch einen unnötigen und ziemlich hirnrissigen Rüstungswettlauf zur See mit England, das die Abhängigkeit des Britischen Reiches von offenen Seeverkehrslinien für Handel, Kommunikation und die Verwaltung seiner Besitztümer unmittelbar bedrohte.

Als Seemacht hatte Deutschland mit Ausnahme der mittelalterlichen Hanse keine weitreichende Geschichte, denn seine geografische Lage in der Mitte des Kontinents machte eine solche Notwendigkeit zumeist überflüssig. Die Ausdehnung der französischen und britischen Kolonialreiche im 19. Jahrhundert löste in manchen deutschen Kreisen jedoch einen Wunsch nach Konkurrenz aus. Das neue Reich begann daraufhin mit der Kolonialisierung der verbliebenen Reste der Welt; jener Gebiete, die andere Mächte als zu arm empfanden hatten, um sie zu begehren. Schließlich wurden vier unbesetzte afrikanische Territorien identifiziert, erobert und mit Trommelwirbeln und Fanfaren in Besitz genommen: das heutige Togo, Kamerun, Namibia und Tansania. Darüber hinaus wurden ein Teil von Neuguinea, Samoa, Tsing-Tao in China und einige Inselarchipel im Pazifik erworben.

Diese Neuerwerbungen waren leider kein fruchtbares Land, das die Mengen zu Hause ernähren konnte; um ehrlich zu sein, waren sie überhaupt nicht sehr nützlich, es sei denn, man wolle exotische Bakterien in dem von Fiebern befallenen Kamerun züchten. Es gibt jedoch Fälle, in denen Schönheit an den Kosten oder dem Aufwand gemessen wird, um ihr Ziel zu erreichen, und dies war beim jungen deutschen Kolonialreich der Fall. Geschichtslehrer versorgten ihre Schüler mit einem fortlaufenden Strom von Vorlesungen und Predigten über das Reich von Karl V. im sechzehnten Jahrhundert, in dem die Sonne sprichwörtlich nie unterging und viele gehorsame deutsche Schüler – und ihre Eltern – entwickelten den Wunsch, den “Platz in der Sonne” zu behalten, den ihr Kaiser um jeden Preis öffentlich für das Land gefordert hatte. Logischerweise mussten diese neu erworbenen deutschen Gebiete gegen diebische Hände verteidigt werden. Dazu gehörten womöglich alle ausländischen Seefahrer, die jeden Moment in der Nähe der Küste sich vor Anker legen könnten, um Deutschland um den Nordosten Neuguineas und seiner Kannibalendörfer zu berauben – wer könne dies verhindern?

Mit der ausdrücklichen Zustimmung des Kaisers brachte der deutsche Marineminister Tirpitz ein riesiges Flottengesetz durch den Reichstag, welches es ermöglichte, in fieberhaftem Tempo immer mehr Schlachtschiffe und jede Menge kleinerer Schiffe zum Schutz der Kolonien zu bauen. Um das Programm zu verwirklichen, mussten sogar neue Werften gebaut werden, zur Verwirrung der Briten, die sich um alles in der Welt keinen Grund vorstellen konnten, warum Deutschland eine Flotte von Schlachtschiffen bräuchte – außer um die Royal Navy herauszufordern. Großbritannien suchte daraufhin Hilfe gegen diese deutsche Bedrohung und 1912, zwei Jahrzehnte später, waren Frankreich, Russland und Großbritannien in der Triple Entente zumindest defensiv verbündet, einem Bündnis gegen das wilhelminische Deutschland und seine tapferen Alliierten Österreich-Ungarn und Italien (der “Dreibund“).

Das Auswärtige Amt in Berlin hatte die Realitäten, die es schuf, offensichtlich nicht verstanden, und ermöglichte es durch seiner kaltschnäuzige Rücksichtslosigkeit Frankreich die Karte “Deutsche Dominanz Europas!” gegen die germanische Bedrohung mit großem Erfolg zu spielen. Obwohl Deutschland Industrieproduktion und Konsum schneller vergrößert hatte als jedes andere kontinentale Land und nach dem britischen Empire, aber vor den USA, die zweitgrößte Industrienation der Welt geworden war, war seine politische Kultur im Wesentlichen vormodern, fast mittelalterlich geblieben, was durch die jugendliche Unbesonnenheit des Kaisers noch verschlimmert wurde.

Wilhelm II. war mit einem verkrüppelten linken Arm geboren worden und entwickelte ein verkrüppeltes Selbstwertgefühl; sein Cousin Nikolaus II., der russische Zar, nannte ihn einst einen “schamlosen Exhibitionisten”. Der junge Monarch hatte das Talent, an jedem Ort an dem er auftrat die unglücklichsten Eindrücke hervorzurufen; seine ständigen Forderungen nach größerer Macht für Deutschland machten ihn wirklich nirgendwo populär, und, was noch schlimmer war, wurden diese Ermahnungen zu oft mit einem wesentlichen Mangel an Charme und einem völligen Mangel an diplomatischer Sensibilität erteilt.

So hatten die Bemühungen der noblen Diplomaten Wilhelms bis 1914 zur Feindschaft Großbritanniens, Frankreichs und Russlands geführt, zu größter Unpopularität in der Welt – vielleicht mit Ausnahme der Osmanen – und zu einem Wettrüsten, wie es der Globus noch nie gesehen hatte.

Wie allgemein bekannt, gibt es in der Geschichte eine Faustregel, die besagt, dass je mehr Waffen aufeinander gestapelt werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit wird, dass sie eines Tages losgehen. Sie taten es am 1. August 1914.

[36] Röhl, John C.G., The Kaiser and his Court, Cambridge University Press, ISBN 0-521-56504-9, S. 153 – 154

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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