Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Monat: Januar 2020

Die Deutsche Armee 1914 – Teil II: Rüstungsentwicklung

Aus nachvollziehbaren Gründen haben die Alliierten des 1. Weltkriegs es vorgezogen, über die Entwicklung ihrer Rüstung in den beiden Jahrzehnten vor dem Krieg so wenig wie möglich verlauten zu lassen, obwohl die Geschichtsschreibung das Informationsdefizit langsam aufholt.

Der vorliegende Beitrag basiert wesentlich aus der uns vorliegenden Studie “Der Weg in den Ersten Weltkrieg” von Anscar Jansen, und gibt einen Überblick über die Vorgänge im Deutschen Reich bis 1914.

Teil I – Heer


In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde die deutsche Rüstung durch drei Faktoren bestimmt: zunächst durch die nach dem Tirpitzplan sich vollziehende Flottenrüstung, die durch die technische Entwicklung zu ständigen Veränderun­gen an den Schiffen führte, dann der durch die technische Entwicklung bedingte große Bedarf an neuen Ausrüstungsgegenständen des Heeres und schließlich das im Zusammenhang mit den steigenden internationalen Spannungen stehende Bedürfnis, das deutsche Heer auch zahlenmäßig zu vergrößern.430 Diese Fakto­ren trugen dazu bei, dass die Rüstungskosten explodierten und es damit immer schwieriger wurde, die finanziellen Realitäten und die Wünsche der Militärs in Einklang zu bringen.

30th June 1914: German infantry on manoeuvres in preparation for war. (Photo by Topical Press Agency/Getty Images)

Zunächst einmal bestimmte die Flottenrüstung das Bild. Nach dem von Tirpitz, dem Chef des RMA, aufgestellten Plan sollte das Deutsche Reich eine Flotte erhalten, die in einer zukünftigen Auseinandersetzung mit Großbritannien beste­hen könnte. In dem Maße, in dem jedoch Deutschland seine Flotte ausbaute, er­höhten auch die Briten die Zahl ihrer Schiffe. So standen 1914 bei den fertigge­stellten Schiffen den englischen 32 modernen Großkampfschiffen deren 22 auf deutscher Seite gegenüber.431 Nimmt man dazu die noch im Bau befindlichen Schiffe, so würde sich das Zahlenverhältnis rasch weiter verschlechtern. Im Jah­re 1917 stünden dann 44 britische 25 deutschen Schiffen gegenüber.432 Tirpitz’ Vorhaben war damit eindeutig gescheitert.

Beim Heer konnte man den Rüstungsfortschritt an der zunehmenden zahlenmä­ßigen Stärke der deutschen Armee ablesen. Betrug die Zahl der Truppen 1899 noch 495.000 Mann,433 so war sie 1913 bereits auf 782.344 Mann gestiegen,434 Diese Erhöhung der Personalstärken wurde begleitet von erbitterten Auseinan­dersetzungen zwischen dem Generalstab und dem Kriegsministerium. Während der Generalstab die erreichten Truppenstärken als bei weitem nicht ausreichend ansah, versuchte das Ministerium, immer wieder auf die Bremse zu treten und die Steigerungen einzuschränken. Diese Auseinandersetzungen sollten praktisch bis zum Kriegsausbruch andauern. Neben der Erhöhung der Personalstärken kam es darauf an, den Materialbestand des Heeres zu modernisieren. Die rasante technische Entwicklung machte hier­bei eine Vielzahl von Neuanschaffungen nötig. Zur Verdeutlichung der Neuein­führungen nach 1900 sollen die folgenden Zeilen dienen, ohne jedoch den An­spruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen. Zunächst einmal ist die Umbe­waffnung auf das Gewehr 98 zu nennen. Die Kosten für die Umbewaffnung wurden mit 73 Millionen Mark veranschlagt.435 Sie konnte wegen der Heeres­vermehrung von 1912 bis Kriegsbeginn nicht durchgeführt werden, sodass die Landwehr- und Landsturmtruppen immer noch mit veralteten Gewehren ausge­rüstet waren.436 Ab 1909 wurde die Kavallerie mit dem Karabiner 98 ausgerüs­tet.437 Ab 1909 gelangte auch die Pistole 08 zu den Truppen.438 Schließlich wur­de 1908 auch ein neues MG eingeführt.439 Bis zum Kriegsbeginn waren alle MG-Formationen mit der neuen Waffe ausgerüstet, die älteren Modelle wan­derten in die Gerätereserve oder zu den Festungsbeständen.440 Am 24. Novem­ber 1910 schrieb Moltke an das Allgemeine Kriegsdepartement des Kriegsministeriums und forderte dieses auf, die Versuche mit einem Selbstladegewehr fortzusetzen und ihm darüber zu berichten 441 1913 wurden erstmals Hand- und Gewehrgranaten beschafft:442 Ab 1908 kam die fahrbare Feldküche bei der Truppe zur Anwendung.443 1908 wurde bei der Kavallerie ein Brückenwagen eingeführt, der ohne Hilfe der Pioniere die Überbrückung von Gewässern er­laubte.444 1909 erhielten auch die Pioniere ein neues Brückengerät.445 Im selben Jahr bekamen sie auch neue Scheinwerfer.446 1908 gelangte ein Truppenfern­sprecher zur Einführung:147 1905 wurden bespannte Funken-Telegraphen­Abteilungen geschaffen.448 1906 wurden erstmals PKWs für höhere Komman­dostellen angeschafft.449 Ab 1910 waren jährlich 1 Million Mark für die Sub­ventionierung von Privat-LKWs, die im Kriegsfall der Truppe zur Verfügung gestellt werden sollten, vorgesehen.45° 1908 wurden 175 LKWs subventioniert, 1909 207, 1910 152, 1911 156, im Jahr 1912 135, insgesamt 825 LKWs.451 Be­ginnend 1907 wurde bei der Truppe die neue feldgraue Uniform ausgegeben, und nach zwei Jahren war die gesamte Armee damit versehen worden.452 Mit der Umbewaffnung der Feldartillerie auf die neuen Geschütze mit Rohrrücklauf wurde 1905 begonnen, ursprünglich waren dafür vier Jahre vorgesehen; die erste Marokkokrise führte aber zu einer Beschleunigung, sodass die Umbewaffnung schon Ende 1908 — und damit ein halbes Jahr früher als geplant — beendet war.453 Die neue Haubitze 98.09 traf im Jahr 1910 bei der Truppe ein, 1912 wa­ren alle Haubitzen-Abteilungen umgerüstet.454 Hier waren die Reserve-Formationen bei Kriegsbeginn noch nicht komplett auf das neue Gerät umgestellt worden.455 Auch die Umbewaffnung auf die schwere Feldhaubitze 02 machte nur langsam Fortschritte.456 Mit der Anschaffung der Rundblickfernroh­re war 1905 begonnen worden.457 Diese neuen Richtmittel für die Artillerie wa­ren 1914 nur bei den aktiven Truppen eingeführt worden.458

Neu im Arsenal der deutschen Armee war die schwere mobile Artillerie. Als eigene Waffengattung war sie erst von Schlieffen geschaffen worden.459 Die Entwicklung der schwersten Artillerie wurde zwischen Krupp, der Artillerie­Prüfungskommssion und dem Generalstab betrieben; erst später wurde das Kriegsministerium eingeschaltet.46° Da die Finanzierung nicht über den Rüs­tungsetat erfolgen konnte, mußte der Generalstab Krupp überzeugen, die Ge­schütze auf seine Kosten zu bauen, in der Hoffnung, daß sie eines Tages doch von der Armee erworben und bezahlt werden würden.461

Bis 1914 konnte bei allen Truppen der 1909 erstmalig angeschaffte 21 cm-Mörser ausgeliefert werden.462 Seit 1908 wurde die Zahl der mit 10 cm-Kanonen ausgerüsteten Batterien auf zwölf vermehrt.463 in den Jahren 1908/11 erhielten acht Batterien eine 13 cm-Kanone, obwohl deren Konstruktion Mängel auf­wies.464 1910 begann die Einführung der schweren Minenwerfer mit einem Ka­liber von 25 cm, ab 1913 folgten dann die mittleren, 17 cm-Mörser.465 Seit 1910 stand ein 30,5 cm-Mörser zur Verfügung.466 im Frühjahr 1911 wurde ein 42 cm-Mörser unter der Tarnbezeichnung „Kurze-Marine-Kanone” eingeführt.467 Ein Jahr später, im Frühjahr 1912, wurde eine weitere kurze Marinekanonen-Batterie ebenso wie ein zusätzlicher 42 cm-Mörser bestellt.468


Anmerkungen:

429 So verdoppelten sich in den Jahren zwischen 1900 und 1914 die Rüstungsausgaben in Ös­terreich-Unagm, Deutschland und Rußland. — P. M. Kennedy: The First World War and the International Power System. S. 7 f., in: St. E. Miller (ed.): Military Strategy and the Origins of the First World War. Princeton 1985, S. 7-41.

430 Zur deutschen Rüstung vor dem Ersten Weltkrieg siehe J. Steinberg: Tirpitz and the Birth of the German Battle Fleet: Yesterday’s Deterrent. London 19682; P. M. Kennedy: Tirpitz, England and the Second Navy Law of 1900: A Strategical Critique. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen, Bd. 8 1970, S. 33-57; Epkenhans; Förster: Heeresrüstungspolitik; Geyer; Herr­mann: Arming.

431 Petter: Flottenrüstung S. 255.

432 Ebd., S. 260.

433 Gravier S. 124,

434 Herrmann: Arming S. 234.

435 Reichsarchiv (Hg.): Der Weltkrieg 1914-1918. Kriegsrüstung und Kriegswirtschaft. Bd. 1 Berlin 1930, S. 226. 436 Ebd., Bd. 1, S. 226. 437 Ebd., Bd. 1, S. 227. 468 Ebd., Bd. 1, S. 228.439 Ebd., Bd. 1, S. 230.
44° Ebd., Bd. 1, S. 231.

441 Ludendorff, Nr. 5, S. 6.

442 Reichsarchiv: Kriegsrüstung, Bd. 1, S. 263.

443 Matuschka S. 161.

444 Ebd., S. 169 f.

445 Reichsarchiv: Kriegsrüstung, Bd. 1, S. 267. 446 Ebd., Bd. 1, S. 266. 447 Ebd., Bd. 1, S. 276.

448 Matuschka S. 183 f.

449 Reichsarchiv: Kriegsrüstung, Bd. 1, S. 281. 45° Ebd., Bd. 1, S. 283.

451 V. Löbells Jahresberichte über das Heer- und Kriegswesen, XXXIX. Jg. 1912, S. 350 f.

452 Reichsarchiv: Kriegsrüstung, Bd. 1, S. 290.

453 Ebd., Bd. 1, S. 236. Die Umbewaffnung wurde notwendig, da unter dem Einfluß der Firma Krupp ein bereits bei seiner Einführung veraltetes Geschütz beschafft wurde. Dazu siehe G. W. F. Hallgarten: Das Wettrüsten. Seine Geschichte bis zur Gegenwart. Frankfurt/M. 1967, S. 59 f. Einen Vorgang, den man mit Mollin als „Skandal erster Ordnung” bezeichnen kann.­Mollin S. 269. Zu den technischen Details siehe Linnenkohl S. 65 ff.454 Reichsarchiv: Kriegsrüstung, Bd. 1, S. 239.

Teil II: Luftfahrt

… folgt.

Der Verlag von Herrn Jansen wurde kontaktiert, jedoch ist bisher leider kein Kontakt zum Verfasser zustande gekommen. (© John Vincent Palatine 2020)


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Adolf Hitler in der Bayerischen Armee

Oberst von List erstattet König Ludwig III Report …

Verzückung über den Krieg

Das berühmte Foto von Heinrich Hoffmann, das Adolf Hitler in der Menge auf dem Münchner Odeonsplatz am 2. August 1914 die Kriegserklärung bejubelnd zeigt, ist wahrscheinlich eine Fälschung.

The Little Drummer Boy – Kapitel XIX ]


„Wenn wir in den Krieg verwickelt werden,
werden wir nur um weniges mehr leiden,
als wir leiden müssten,
wenn wir abseits stünden.“

Sir Edward Grey,
im Unterhaus, 2. August 1914

Alle Verzögerungen Im Krieg sind gefährlich.
John Dryden „Tyrannic Love“, Akt 1, Sc. 1


Vorheriger Beitrag: In München vor dem Krieg


Massen vor dem Buckingham Palace jubeln King George, Queen Mary und dem Prinzen von Wales nach der Kriegserklärung im August 1914 zu
Kriegsbegeisterung in Berlin, August 1914

Einer der dauerhaften Legenden des Großen Krieges ist, dass sein Ausbruch auf beiden Seiten gefeiert wurde, und eine breite Welle der Unterstützung durch die Bevölkerung ging. Diese Wahrnehmung ist weitgehend eine Folge von Propaganda – a posteriori – gesehen durch die rosigen Erinnerungen derjenigen, die überlebt hatten, was sie als wohlverdienten Sieg über die deutsche Bedrohung ansahen, und den späteren Verlierern, die im Nachhinein argumentierten, dass eine so großartige patriotische Bewegung nur durch Verrat verloren gehen konnte.
Es ist wahr, dass einige Protagonisten dieser Tage den Beginn des Krieges mit Begeisterung begrüßten. In London schrieb Winston Churchill an seine Frau – „My Darling One & Beautiful“ – am 28. Juli, dass während „alles in Richtung Katastrophe neigt & kollabiert“, er sehr “interessiert, bereit & glücklich” sei. (1) In München zeigte sich ein Protagonist von vorübergehend geringerer Prominenz, der arbeitslose Hobbymaler Adolf Hitler, von ganzem Herzen erfreut. Er hatte von der deutschen Kriegserklärung an Russland am Abend des 1. Augusts erfahren, und spazierte am nächsten Tag, einem Sonntag, die zwei Meilen von seinem Zimmer an der Schleißheimer Straße 34 zum Odeonsplatz, wo eine Menge von pro-Kriegs-Enthusiasten sich vor der Feldherrnhalle versammelt hatte. Adolf war in jubelnder Stimmung.

Hitlers Zimmer in der Schleissheimer Straße 34, dritter Stock (markiert) – Bild aus der Nazizeit mit Gedenkplakette

Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Er-
lösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, dass ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.

Mein Kampf, 851.–855. Auflage 1943, S.177
THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 535

Die obige, später zu Ruhm gekommene Fotografie, aufgenommen von Heinrich Hoffmann, der bald darauf Hitlers Hoffotograf wurde, zeigt einen fünfundzwanzigjährigen Adolf Hitler vor dem Platz des Brunnens vor der Feldherrnhalle, in der achten Reihe oder so, ekstatisch den patriotischen Reden applaudierend, die von ad-hoc-Rednern auf den Stufen der großen Halle gehalten wurden. Wie er in seinen späteren Tagen diesen glücklichen oder getürkten Zufall nutzte, ist ein gutes frühes Beispiel für Hitlers Talent für die Gestaltung und Ausnutzung politischer Realitäten. Thomas Weber erzählt uns die Geschichte hinter dem legendären Foto:

Es ist wahr, dass in den Tagen vor dem Ausbruch des Krieges, Blaskapellen patriotische Lieder in den Straßen und Cafés von München zum Besten gaben. Eine Gruppe Studenten und Rowdies hatten ein Café zu Klump geschlagen, dessen Gäste als nicht genügend patriotisch wahrgenommen wurden. Dennoch ist es schwierig, den Grad zu ermitteln, in welchem solche Fälle patriotischen Ausbruchs repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung waren, da die lautesten und sichtbarsten Reaktionen auf den Ausbruch des Krieges nicht notwendigerweise auch zu den am weitesten verbreiteten Reaktionen gehörten.

In der Tat war nur eine Minderheit der Deutschen anfangs wirklich begeistert über den Krieg. Beklemmung, Angst und Trauer waren die verbreitetsten Reaktionen. Ein junger Heinrich Himmler, der den Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Landshut erlebte, beschwerte sich am 27. August über den Mangel an populären Begeisterung für den Krieg im dortigen Niederbayern. Er stellte voll Verachtung in seinem Tagebuch fest, dass Landshut voll vom Schluchzen und Weinen der Menschen war.

Es gibt in der Tat eine große Diskrepanz zwischen den unmittelbaren und persönlichen Reaktionen auf den Krieg – wie die von Himmler – und Schilderungen, die später in dem Versuch veröffentlicht wurden, dem Krieg im Nachhinein eine Bedeutung zu verleihen. Aus diesem Grunde müssen wir die Nachkriegserinnerungen an den August 1914 mit einem großen Körnchen Salz behandeln. Das gleiche gilt für die Fotografie von Hitler inmitten der Massen am Odeonsplatz am 2. August.
Das Foto fungiert in Wirklichkeit nicht in irgendeiner Art und Weise als Unterstützung von Hitlers Behauptung, dass er in gewisser Weise die Bevölkerung von München repräsentierte, oder die späteren Mitglieder des Regiments List oder gar die deutsche Bevölkerung. Das Foto sagt uns viel eher, warum der Fotograf – Heinrich Hoffmann – später Hitlers persönlicher Fotograf wurde als etwas über die Haltung des deutschen Volkes bei Ausbruch des Krieges.
Während des Dritten Reiches würden es seine meisterhaften Fotos und Leni Riefenstahls großartige Propagandafilme übernehmen, das öffentliche Bild von Hitler und einem jungen, energischen und zukunftsweisenden Deutschland zu schaffen.

Am 2. August nahm nur ein winziger Bruchteil der ungefähr 600.000 Einwohner von München an der patriotischen Versammlung teil, die Hoffmann besuchte. Auf Hoffmanns Foto scheint der gesamte Platz mit jubelnden Menschen gefüllt zu sein. Jedoch hat ein Film-Clip überlebt, der die Szene – im Gegensatz zu Hoffmann Foto – nicht per Zoom auf das Publikum unmittelbar vor der Feldherrnhalle vergrößernd, zeigt und uns einen ganz anderen Eindruck vom Geschehen gibt. Teile des Platzes sind überhaupt nicht mit Menschen gefüllt. Es gibt sogar genug Platz für eine Straßenbahn, die sich mit normaler Geschwindigkeit über den Platz bewegt. Als die Filmkamera begann, das Publikum zu filmen, sehen wir zuerst nur sich unruhig bewegende Menschen. Nur als sie sich bewusst werden, dass die Kamera zu filmen anfängt, beginnen sie zu jubeln und ihre Hüte zu schwenken. Genau in diesem Moment nahm Heinrich Hoffmann, nahe bei der Kamera-Crew stehend, das Foto auf. Und so entstand der Mythos, dass das Münchner Zentrum von einer jubelnden und kriegslüsternen Menge überlaufen war.

Es gibt sogar deutliche Anzeichen dafür , dass Hoffmann sein Foto zumindest „frisiert“ hat – auf seinem Foto steht Hitler in einer sehr prominenten Position, in dem Filmclip jedoch steht Hitler in einer viel weniger zentralen Position als auf dem Foto. Und wo sich wahre Menschenmassen vor der Theatinerkirche im Hintergrund des Fotos befinden, gibt es viel weniger Menschen an der gleichen Stelle des Filmclips. (3)

the little drummer boy, SEITE 535-536

Am 4. August 2014 schrieb Willi Winkler in der SZ dazu:

Es gibt aber kein Original des Bildes von 1914, es gibt nur die bearbeitete Form, bei der Hitler am Rand des Bilds auch noch vergrößert gezeigt wird. Schon länger äußern einige Historiker den Verdacht, dass es sich um eine nachträgliche Montage handelt. Zwar lässt sich nicht beweisen, dass es sich bei dem Hitler in der Menge um eine Fälschung handelt.

Aber dass Hitler tatsächlich dort war, verbürgen nur zwei Männer: der Fotograf und sein Objekt; das Negativ zur Aufnahme fehlt. Im Münchner Stadtarchiv finden sich mehrere Aufnahmen von jenem Tag am Odeonsplatz, doch zeigt keine den endlich von seinem Schreibtisch erlösten Hitler.

Die Mitarbeiterin Elisabeth Angermair weiß von keinem Foto mit Hitler; die Authentizität “fußt ausschließlich auf der Aussage Hitlers”. Das Bundesarchiv verfügt außerdem über einen Film von den Jublern, doch auch da lässt sich der später so berühmte Schnurrbart nicht entdecken.

Seltsamerweise erzählt Hitler in seinem Bekenntnisbuch Mein Kampf nichts davon, dass er an jenem 2. August überhaupt auf dem Odeonsplatz war. Erst am folgenden Tag richtete er ein “Immediatgesuch” an König Ludwig III. “mit der Bitte, in ein bayerisches Regiment eintreten zu dürfen”.

https://www.sueddeutsche.de/politik/bearbeitete-geschichte-weltkriegsjubler-hitler-1.2071039

So wie die ominöse Fotografie der späteren NS-Propaganda geholfen hat, war Hitler später in „Mein Kampf“ beschäftigt, seine eigene Legende zu schaffen. Niemand wusste von der peinliche Angelegenheit mit dem österreichischen Konsulat und der Militärkommission, die sich früher im gleichen Jahr abgespielt hatte, und wir werden nun untersuchen, wie es dazu kam, dass Hitler, dessen intensiver Abneigung der österreichischen Armee wir schon oben begegnet sind, es als Ausländer in die Reihen der Königlich Bayerischen Armee schaffte. In „Mein Kampf“ schrieb er:

Am 3. August reichte ich ein Immediatgesuch an Seine
Majestät König Ludwig III. ein mit der Bitte, in ein
bayerisches Regiment eintreten zu dürfen. Die Kabinettskanzlei hatte in diesen Tagen sicherlich nicht wenig zu tun;um so größer war meine Freude, als ich schon am Tage darauf die Erledigung meines Ansuchens erhielt. Als ich mit zitternden Händen das Schreiben geöffnet hatte und die Genehmigung meiner Bitte mit der Aufforderung las, mich bei einem bayerischen Regiment zu melden, kannten Jubel und Dankbarkeit keine Grenzen. Wenige Tage später trug ich dann den Rock, den ich erst nach nahezu sechs Jahren wieder ausziehen sollte.

Dann schwindelte er. “Die Petition wurde am nächsten Tag gewährt, 5. August, und ein paar Tage später wurde ich in das 2. Regiment übertragen. Ich trat dann am 16. August, dem 16. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment bei, das zu diesem Zeitpunkt in Vollendung war.“ (4) Die Realität war prosaischer. Nicht nur ist nie eine Spur von Hitlers Petition an König Ludwig III oder dessen Sanktion jemals aufgetaucht, Hitlers Armeerollen erwähnen nichts – null – vor dem 16. August 1914. Sie berichten lapidar:

KrStR.Nr. 166/148:
„Am 1914.08.16 eingetreten als Kriegsfreiwilliger b. RDVI, 2.IR ua 1.9.14 anher versetzt“ . (5)

KrStR.Nr. 1062:
„16.8.14 beim Ers. Batl. 2 Inf. Reg. Dep. VI eingetreten. 1.9.14 z. 1.Komp. Res. Inf. Reg. Nr. 16 Vers.“(7)

Die Schule am Elisabethplatz – heute Gisela-Gymnasium – worin Hitler am 16. August 1914 seinen Kriegsdienst begann …

Hitlers Legende, aufgrund seiner Petition an den König sofort einen Platz in dem prestigeträchtigen 1. Regiment zugewiesen bekommen zu haben – des Königs eigenen Regiment – ist nicht nachvollziehbar; den Unterlagen zufolge begann seine militärische Laufbahn am Sonntag, dem 16. August 1914, als er in die Schule am Elisabeth-Platz einrückte, die, wie viele Schulen, als behelfsmäßige Baracke verwendet wurde. Die ersten zwei Wochen verbrachte er damit, grundlegende infanteristische Fähigkeiten auf den Übungsplätzen Oberwiesenfeld und Freimann zu erwerben. Es war ein mühsames Geschäft für den nicht sehr sportlichen Hitler und Frau Popp erinnerte sich später daran, dass „er häufig müde zurückkam, glücklich, den Strapazen der Manöver zu entkommen.“ (8) Am 1. September 1914 wurde er als Soldat Nummer 148 in die 1. Kompanie des Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments 16 übernommen, genannt, nach seinem Kommandeur Oberst Julius von List, das „Regiment List“.

Von den verschiedenen körperlichen Gebrechen, die die k.u.k. Musterungskommission in Salzburg am 5. Februar des Jahres dazu bewogen hatte, ihn als “sowohl für den Kampf- als auch den Hilfsdienst untauglich” zu befinden [siehe Beitrag “In München vor dem Krieg“, fanden die bayerischen Militärärzte keine Spur und Hitler wurde eingekleidet und erhielt Koppel und Käppi.

Es bleibt die Frage, wie es dazu kam, dass er – als ein Ausländer – überhaupt angenommen wurde. Nur das Kriegsministerium selbst, nicht irgendein Battalions- oder Regimentsoffizier, hatte überhaupt die rechtliche Befugnis, unter bestimmten Bedingungen ausländische Freiwillige zu akzeptieren. Während der Verhandlung über den Hitlerputsch-Versuch von 1923 schickte das Bayerische Staatsministerium des Innern eine Anfrage an das Kriegsministerium in Bezug auf die Umstände der Dienstverpflichtung Hitlers. Doch es scheint, dass die ehrwürdigen Archivare nicht in der Lage waren, eine befriedigende Erklärung zu finden, denn ihre Antwort war von hochspekulativer Natur:

„Während des Ausbruchs des Krieges lebte Hitler in der Schleißheimer Straße 34 in München. Offenbar ging er im August 1914 in das Büro der nächstgelegenen Truppenstelle, die des 2. Infanterie – Regiments, und bot sich dort als Freiwilliger an. … In dem allgemeinen Kriegsfieber hat er wahrscheinlich instinktiv gehandelt , indem er sich an das nächstgelegene Büro wandte – da ja Deutschland schon, seinen vertraglichen Verpflichtungen folgend, angekündigt hatte, Österreich zu unterstützen. …
Es kann niemanden überraschen, dass ein begeisterter junger Mann kurz die Grenzen des Inn und Salzach vergisst – die die bayerisch-österreichische Grenze bilden – und sich der Armee anschließt, um seine Hilfe bei der gemeinsamen Verteidigung der bedrohten Heimat anzubieten.  … Es ist durchaus möglich, dass sich Hitler, wie viele andere auch, bereits in den ersten Tagen der Mobilisierung gemeldet hat. Da er nicht sofort eingegliedert werden konnte, wurde ihm wahrscheinlich geraten, zu warten und später zurückzukommen – wie so vielen anderen auch.“(9)

THE LITTLE DRUMMER BOY, seite 537
Oberst Julius List

Es scheint, dass niemand Hitlers Nationalität prüfte: nicht ein einziges Dokument in den sehr umfangreichen und gründlichen Akten des bayerischen Kriegsministeriums erwähnt die Tatsache der österreichischen Staatsbürgerschaft Hitlers. Dass die Schaffung der Reserveregimenter – inkongruenter Mischungen aus jungen Freiwilligen und Landsturm-Senioren – unter etwas planlosen Umständen geschah, hatte seinen Hauptgrund in den horrenden Verlusten, die von Anfang an in diesem ersten hoch mechanisierten europäischen Krieg erlitten worden waren. Schon Mitte August forderte die OHL (“Oberste Heeresleitung“) die sofortige Schaffung einer neuen kompletten Ersatz-Armee aus vier Korps zu jeweils zwei Divisionen – die normalen Reservisten waren bereits bei der Mobilmachung eingezogen worden. Das Land Bayern hatte als einen Teil dieser neuen Armee die 6. bayerische Reserve-Division zu liefern, die sich wiederum aus den 12. und 14. Reserve-Infanterie-Brigaden zusammensetzte. Die 12. Reserve-Brigade selbst, unter dem Kommando von Generalmajor Kiefhaber, wurde aus den Reserve-Infanterie-Regimentern 16 (München, Oberst List) und 17 (Augsburg, Oberst Grossmann) gebildet. Über das erstgenannte, das 16. RIR, berichtet Anton Joachimsthaler:

Das Zusammenstellen des Reserve-Infanterie-Regiments 16 [=“RIR 16″, ¶] war bis zum 1. September 1914 beendet; es bestand aus drei Bataillonen, die jeweils etwa 1000 Mann stark waren, und jedes Bataillon bestand aus vier Kompanien (also 1. bis 12. Kompanie). Das RIR 16, das von den Rekrutierungsdepots der 1. und 2. Infanterie-Regimenter zusammengestellt worden war, war eine ziemlich bunte Truppe; meist Freiwillige und Personen ohne vorherige militärische Erfahrung, eine Mischung aus jungen und älteren Menschen. Die Mehrheit der Soldaten des RIR 16 waren einerseits Studenten, Künstler, Ingenieure und Handwerker aus München und andererseits viele ältere Männer aus den ländlichen Gebieten Ober- und Niederbayerns. …
Die Freiwilligen, die, wie Hitler, in den verschiedenen Rekrutierungsdepots (I-VIII), gesammelt worden waren, wurden alle zum 1.9. 1914 auf das neue RIR 16 übertragen. Hitler endete in der 1. Kompanie, I. Bataillon (unter dem Bataillonskommandeur Major der Reserve Graf Zech auf Neuhofen und dem Kompanieführer der 1. Kompanie, Hauptmann Pflaumer).
Die Waffen, Uniformen und die andere notwendige Ausrüstung konnte nur mit größter Mühe zur Verfügung gestellt werden. Der Bestand an Pickelhauben, zum Beispiel, war nicht ausreichend hoch, und das Regiment wurde mit den schwarzen Kappen des Landsturms, mit grünem Tuch überzogen, ausgestattet. Das endete in einem tödlichen Missverständnis an der Front, wo die bayerischen Freiwilligen für Engländer gehalten wurden [von denen einige ähnliche grüne Kappen, trugen,¶], und Hunderte der Männer des RIR 16 wurden durch Beschuss von eigenen Truppen getötet. (10)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITEN 537 – 538

Da die OHL das Eintreffen der 6. Bayerische Reserve-Division an der französisch-belgischen Grenze bis Ende Oktober erwartete, verblieben das Regiment weniger als zwei Monate für die Erstausbildung und den anschließenden Transport. Die ersten fünf Wochen ihres militärischen Lebens verbrachten Hitler und seine neuen Kameraden in der Grundausbildung, wobei so wesentliche Fähigkeiten gelehrt wurden wie Löcher zu graben, während vom Feldwebel angebrüllt zu werden. Da das 16. RIR nicht aus normalen Reservisten zusammengesetzt war, denen zugetraut werden konnte, nach ein bisschen Auffrischung sich an vieles aus ihrem früheren Dienst zu erinnern, wurden die Instruktionen eher summarisch erteilt und konnten die Männer in keiner Weise für die Realität der Front vorbereiten.

Adolf Hitler – und die spätere NS-Propaganda, in dem Bemühen, einen weiteren Mythos des Großen Krieges zu schaffen – behaupteten nach 1918, dass das Regiment List eine Einheit aus Freiwilligen war. Das war, im besten Falle, eine vorsätzliche Verfälschung der Tatsachen. Es ist richtig, dass einige Freiwillige dabei waren, so wie Hitler, aber insgesamt etwa fünfundachtzig Prozent oder so der Männer waren „überhaupt keine Freiwilligen“, sondern „Mitglieder der Ersatzreserve. … Diese Rekruten der ergänzenden Reserve war in der Regel Männer, die nicht für ausreichend fit erachtet wurden, in Friedenszeiten in der Armee zu dienen, aber immer noch für ausreichend fit, um im Falle eines Krieges aufgerufen zu werden.“(11)

Ludwig III bei einer Sanitätseinheit

Am 8. Oktober wurde das Regiment in Anwesenheit von König Ludwig III vereidigt und von seinem Kommandeur, Oberst Julius von List, mit folgenden Worten begrüßt:

Vereidigung

„Kameraden! Ich begrüße von ganzem Herzen und voller Zuversicht alle Offiziere, Ärzte und Beamte, alle Unteroffiziere, Unteroffiziere und Soldaten. Von diesem Regiment, dessen Männer zum größten Teil noch untrainiert sind, wird erwartet, dass es für den mobilen Einsatz innerhalb weniger Wochen fertig sein wird. Dies ist eine schwierige Aufgabe, aber durch den bewundernswerten Geist, der alle Mitglieder dieses Regiments beseelt, keine unmögliche. … Mit Gottes Segen, fangen wir nun unsere Arbeit für Kaiser, König und Vaterland an.“(12)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 538
Clip – Vereidigung

RIR 16 sollte sich am 10. Oktober auf einem Marsch von über 100 km zum Übungsplatz Lechfeld in Schwaben begeben. Am Vortag besuchte Hitler die Popps, um sich zu verabschieden. Frau Anna erinnerte sich später:

„Er nahm die Hand meines Mannes und sagte:‚Wenn ich sterben sollte, lassen Sie das bitte meine Schwester wissen, vielleicht will sie sich meine wenigen Habseligkeiten nehmen; wenn nicht, behalten Sie sie. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Probleme verursache.‘ Er schüttelte dann auch meine Hand, während ich dort stand und weinte. Wir alle mochten ihn so gern. Er umarmte Peppi und Liesl, die er liebte, drehte sich um und verschwand.“(13)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 538

Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass Frau Popp ihre Erinnerungen einem Nazi-Reporter im Dritten Reich berichtete, also sollten wir uns nicht über die lobenden Worte über ihren ehemaligen Mieter wundern. Doch lassen wir das im Moment dahingestellt, jedenfalls marschierte das RIR 16 am Samstag, 10. Oktober 16 RIR in Richtung Lechfeld. Aufgrund der Dringlichkeit der Situation an der Front wurde dem Regiment nur etwa zehn Tage Manöver erlaubt, vom 10. Oktober bis zum 21, wobei es auf dem Truppenübungsplatz nicht nur seinen eigenen Einsatz trainieren sollte, sondern auch, so weit wie möglich in der kurzen Zeit, die Koordination mit anderen Einheiten. Am Sonntag, den 18. Oktober, also eine knappe Woche später, war ein Manöver der kompletten 12. Brigade geplant, mit beiden Regimentern und der kompletten Artillerie, einschließlich einer Feldmesse und der Weihe der Regimentsstandarten. (14)

Über die Qualität der Ausbildung war man sich uneinig: Während Hitler Frau Popp schrieb, dass „die ersten fünf Tage im Lechtal die anstrengendsten meines Lebens waren“, beklagte sich Graf Bassenheim, Offizier des Regiments List, dass „die Disziplin durch Märsche und Überanstrengung sehr schlecht geworden ist. “(15) Am 20. Oktober teilte Hitler den Popps mit, dass das Regiment an diesem Abend eine Eisenbahnreise antreten werde – nach Belgien oder England, hoffte er, und drückte seinen Jubel darüber aus, dass das große Spiel endlich beginnen werde.

Er musste noch ein paar Stunden warten. Überall in Europa hatten die Züge in der ersten Augustwoche begonnen, junge Männer mit ihrer Ausrüstung und ihren Gewehre zu verschlingen und sie an den Eisenbahnköpfen ihrer Bestimmungsorte abzusetzen, wie es die vor Jahren ausgearbeiteten und in eine Schublade gesteckten Zeitpläne vorschrieben. Die Eisenbahnabteilung des deutschen Generalstabs koordinierte die Bewegungen von über 11.000 Zügen, von denen jeder aus 54 Wagen bestand, während des Mobilisierungszeitraums. So wurde zum Beispiel die Kölner Hohenzollernbrücke zwischen dem 2. und 18. August von 2148 Zügen überquert; also etwa 134 Zügen pro Tag, oder einer alle elf Minuten, Tag oder Nacht. Das französische Eisenbahnministerium verschickte über 7.000 Züge auf einem etwas kleineren Streckennetz.

Zug nach Paris …

Es war etwa 03.00 Uhr früh am 21. Oktober, als die Männer vom RIR 16 und ihre Ausrüstung auf drei Züge verladen und nach Westen geschickt wurden. Die erste Station war Ulm, der Geburtsort von Albert Einstein, von wo aus Hitler eine Postkarte an die Popps sandte. (16) Am nächsten Tag erreichte der Zug den Rhein und zum ersten Mal sah Hitler sowohl den großen deutschen Strom, als auch das Niederwald-Denkmal, die gigantische Statue von Germania, die dem Fluss und dem Land Schutz verheißt. Er vergaß nie den Tag – bis 1944 erinnerte er sich:

„Ich sah den Rhein zum ersten Mal, als ich mit meinem Regiment im Jahr 1914 an die Westfront reiste. Nie werde ich das Gefühl vergessen, das in mir mächtig wurde, als ich zum ersten Mal diesen Fluss des deutschen Schicksals erblickte. Ebenso bewegend war die Sympathie und die herzliche Ermutigung der Menschen, die dort leben, die uns mit einem völlig unerwarteten Willkommen überraschten. Wir wurden mit allem versorgt, was wir uns vorstellen konnten. Als wir abends in Aachen ankamen, versprach ich mir, diesen Tag so lange nicht zu vergessen, solange ich lebte.“(17)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 539
Adolf Hitler (rechts) Anfang 1915 an der Westfront. Man beachte den Schnurrbart, ganz anders als auf dem Foto vom Odeonsplatz

In der Nacht zum Donnerstag, 22. Oktober, überschritten die Züge die belgischen Grenze und kamen – über Lüttich und Brüssel – in Lille in Frankreich am 24. Oktober 1914 an. Der Soldat Adolf Hitler zog in seinen ersten Krieg zu.

Der Vormarsch

© John Vincent Palatine 2015/19

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Die Deutsche Armee 1914 – Teil I: Organisation


Das Deutsche Heer in der Julikrise 1914


And Caesar’s spirit, ranging for revenge,
With Ate by his side come hot from hell,
Shall in these confines with a monarch’s voice
Cry “Havoc!” and let slip the dogs of war,

William Shakespeare “Julius Caesar”, Act 3, Scene 1
Ulanen – Regiment No. 17, im Manöver 1912

Nach dem Sieg über Frankreich 1871 wurde das neu geschaffene Heer des zweiten Kaiserreiches als das weltweite Vorbild für alle modernen Massenarmeen akzeptiert. In der Vorstellung von Freund und Feind erschien es als monolithischer Block und das probate Mittel deutscher Eroberungsgelüste, und mehr als diese schlichte Zuordnung wird ihm nur in wenigen Büchern zuteil.

Preußische Offiziere

Aber stimmte das? Wie war die innere Struktur des deutschen Reichsheeres beschaffen – wer hatte wo und in welcher Weise das Sagen? War es in der Tat ein monolithischer Komplex, und verfolgte dieser – sofern er existierte – in der Julikrise 1914 eine bestimmte Politik, auch in Hinblick auf spätere Kriegsschuldzuweisungen? Um uns in diesen Fragen zu informieren, sollten wir uns an Anscar Jansen wenden, Autor der Studie “Der Weg in den Ersten Weltkrieg – Das deutsche Militär in der Julikrise 1914”. Dies ist bisher die einzige zu diesem Thema vorliegende Arbeit. [FN1]

[FN1] Biographische Angaben sobald verfügbar, Tectum Verlag Marburg 2005, ISBN 978-3-8288-8898-2, ex einer Dissertation bei Professor Dr. Peter Krüger, Universität Marburg 2003. Der Verlag wurde kontaktiert und um eine Verbindung zum Autor gebeten, hat aber bisher noch nicht geantwortet.

Der offene Husaren Angriff, wie hier im Manöver 1912, erwies sich 1914 als Massenselbstmord.

In Kapitel III entwirft Jansen das rechtliche und organisatorische Bild des Heeres in Zweiten Kaiserreich, das wesentlich komplizierter ist als im Allgemeinen angenommen:

III Das deutsche Militär in einem Zeitalter der Unsicherheit

… eine skizzenhafte Be­schreibung der Lage, in der sich die deutschen Streitkräfte 1914 befanden. Kennzeichen der Jahre ab 1900 war ein rapider Wandel, der alle Bereiche der Streitkräfte umfasste. Weder die Führung noch die Offiziere der mittleren Füh­rungsebene konnten sich den Veränderungen entziehen.

Das Bestreben in Preußen, das Militär dem Einfluss des Monarchen gegenüber dem Parlament zu erhalten, hatte zu einer Trennung von Kommandobereich, dem Bereich der Befehlsgewalt des Königs, und der Militärverwaltung geführt 213 Allerdings konnten die Ansprüche der Volksvertretung nicht ganz ab­gewehrt werden, gewisse Zugeständnisse, wie z. B. die Bestimmung des Mili­tärbudgets, mussten gemacht werden.214 Diese Trennung wurde nach der Reichs­gründung weitergeführt. Der Kommandobereich unterstand unmittelbar dem Kaiser; er erlaubte es dem Monarchen, über Fragen der Organisation, Ausbil­dung, Disziplin, Stellenbesetzung und Einsatz alleine zu entscheiden.215 Dem Ge­genüber stand die Militärverwaltung, die hauptsächlich in Fragen, die den Etat betrafen, noch der Gegenzeichnung durch Reichskanzler oder Kriegsminister und der Zustimmung des Parlaments bedurfte.216 Die Zustimmung oder Ableh­nung des Etats durch den Reichstag war die einzige Möglichkeit des Parlaments, Einfluss auf den militärischen Bereich zu nehmen.217 Neben der zivilen — vom Parlament abhängigen — Ebene gab es also eine zweite — vom Parlament unab­hängige — auf Befehl und Gehorsam aufgebaute militärische Ebene.218 Nach dem Zabern-Zwischenfall fasste Delbrück den Staatsaufbau des wilhelminischen Staatswesens in den „Preußischen Jahrbüchern” zusammen: „Die kriegerische Genossenschaft des Offizierskorps mit dem Kriegsherrn an der Spitze hier und die im Reichstag repräsentierten Massen des bürgerlichen Volkes dort sind die beiden Grundpfeiler des deutschen Staatswesens.”21 9

s.u.
Kaisermanöver im Odenwald 1888

Der Aufbau des Heers spiegelt diesen Dualismus. Da ein Reichskriegsminister nicht existierte, fiel es dem preußischen Minister zu, als Vertreter des stärksten Kontingents, den Militäretat zu verwalten und vor dem Reichstag zu vertre­ten.220 Damit war er teilweise dem Parlament verantwortlich. Aus dem Bestre­ben, die Einflussmöglichkeiten des Reichstages zu beschränken, ergab sich die Tendenz, dem preußischen Kriegsministerium möglichst viele Kompetenzen zu entziehen.221 Stattdessen wurden Stellen geschaffen, die über das Recht des unmittelbaren Zugangs zum Kaiser — das Immediatrecht — ihm unmittelbar un­terstellt waren. Wilhelm II. fand dieses Prinzip bereits vor und baute es während seiner Herrschaft weiter aus, sodass sich eine zunehmende Dezentralisierung im Aufbau des deutschen Heeres ergab.222

In diesem Aufbau nahm der Kaiser eine zentrale Stellung ein. Ihm oblag es, die Koordination zwischen der zivilen und der militärischen Spitze des Reiches durchzuführen.223 Daneben musste er aber auch die Arbeit der verschiedenen Immediatstellen miteinander verbinden.224

Die wichtigsten zentralen Stellen, die das Immediatrecht innehatten, waren der Generalstab, das Kriegsministerium und das Militärkabinett. Der Generalstab war für die Planung und Durchführung eines künftigen Krieges verantwortlich; das Kriegsministerium befasste sich mit allen Aspekten der militärischen Ver­waltung; das Militärkabinett schließlich war das Organ, über welches der Kaiser seine Befehle weiterleitete.

s.u.
Deutsche Korpsbereiche 1914

Neben diesen drei Zentralstellen gab es noch andere Stellen, die das Immediatrecht besaßen. Zur größten Gruppe zählten die Kommandierenden Generale der Armeekorps.225 Sie unterstanden direkt dem Kaiser.226 Sie wachten eifersüchtig über ihre Unabhängigkeit, besonders gegenüber dem Kriegsministerium.227 1914 umfasste das preußische Heer und die ihm angeschlossenen Kontingente 22 Armeekorps: 19 preußische, 2 sächsisches und 1 württembergisches.228 Jedes Armeekorps hatte seinen eigenen Bezirk, aus dem es normalerweise auch seinen Ersatz an Soldaten aushob.229 Zu weiteren Dienststellen, die das Vortragsrecht besaßen, gehörten die Armee-Inspekteure und der Generaladjutant.230 Auch die Generalinspektionen der einzelnen Waffengattungen waren vortragsberechtigt.231 Dazu kamen noch einige andere Stellen, wie z. B. der Präsident des Reichsmilitärgerichts.232 Insgesamt besaßen etwa 50 Dienststellen das Immediatrecht.233 Damit besaß die deutsche Armee den dezentralisiertesten Aufbau in Europa.234 Ein solcher Aufbau musste notwendigerweise zu Reibungen führen. Häufig waren Kompetenzbereiche nicht klar abgegrenzt; zur Entscheidung einer Angelegenheit war es notwendig, die verschiedensten Stellen zu hören und miteinander in Einklang zu bringen. Koordinator sollte der Kaiser sein — angesichts eines solchen Aufbaus wäre auch eine weit stärkere Persönlichkeit als Wilhelm II. es war, überfordert gewesen. Eine grundsätzliche Änderung wäre aber nur um den Preis der Einschränkung der Kommandogewalt möglich gewesen und damit ausgeschlossen.235 Denn einer der zugrundeliegenden Hintergedanken war ja, die Armee notfalls auch gegen das Parlament einsetzen zu können.236 Dieses Wirrwarr schuf allerdings für den einzelnen Offizier auch Freiräume, in denen er gefordert war, weil die oberen Stellen sich nur schwer einigen konnten. Dies scheint im Kontext der Julikrise der wichtigste Aspekt zu sein.

s.u.
Die Kaiserstandarte

War schon der Aufbau des preußischen Heeres kompliziert genug, so wurde der Aufbau der gesamten Streitkräfte des Deutschen Reiches durch die verschiedenen Bundeskontingente auch nicht gerade einfach gestaltet. Dem preußischen Teil hatten sich 22 Armeen der Bundesstaaten angeschlossen.237 Sie verzichteten dabei jedoch nicht vollständig auf ihre Rechte.238 Daneben gab es noch drei Armeen, die — im unterschiedlichen Ausmaß — ihre Eigenständigkeit bewahren konnten. Dies waren die sächsische, die württembergische und die bayerische Armee. Das Verhältnis zum preußischen Kontingent wurde durch Militärkonventionen geregelt, die die einzelnen Staaten mit Preußen geschlossen hatten.239 Die ersten beiden unterstanden schon im Frieden dem Kaiser.240 Das letztere unterlag der Befehlsgewalt des bayerischen Königs.241 Erst mit Ausspruch der Mobilmachung sollte sie unter den Befehl des Kaisers treten.242 Eine eigene Übereinkunft zwischen Bayern und Preußen sorgte auch in diesem Fall dafür, dass Bayern im Kriege entsprechend berücksichtigt wurde.243 Sowohl Württemberg und Sachsen als auch Bayern verfügten über ein eigenes Kriegsministerium.244 Diese drei Bundesstaaten hielten sich auch eine Militärverwaltung.245 Die Kontingentsarmeen unterhielten auch eigene Generalstäbe.246

Eine Sonderstellung nahm Elsaß-Lothringen ein. In dem Reichsland, das direkt vom Reich verwaltet wurde, dienten Truppen aller Kontingente.247 Dies machte eine komplizierte Regelung der Dienstverhältnisse bei den betreffenden Armeekorps notwendig, in denen versucht wurde, die Rechte der einzelnen Kontingente zu bewahren, ohne die Handlungsfähigkeit zu gefährden.248

s.u.
Die Hochseeflotte

Im Unterschied zum Heer war die Marine von Anfang an Reichssache.249 Damit entfiel eine Aufteilung in verschiedene Kontingente. Ein Grund für die Popularität, die die Flotte erringen konnte, war gerade ihr Nimbus als einigendes Symbol des Deutschen Reiches.250 Ähnlich wie beim Heer, war auch bei der Flotte die Monarchie bemüht, ihre Kommandogewalt zu erhalten.251 Dies führte ebenso wie bei der Armee zu einer wachsenden Dezentralisierung in der Organisation. So wurde 1898 das Oberkommando der Marine aufgelöst.252 Seine bisherigen Aufgaben wurden verschiedenen Immediatstellen zugeordnet. Dies waren der Staatssekretär des Reichsmarineamts, der Chef des Marinekabinetts, der Admiralstabschef, die Chefs der Nord- und Ostseestation, der Generalinspekteur der Marine, der Inspekteur des Bildungswesens, der Flottenchef, der Chef des Kreuzergeschwaders und die Kommandanten der außerhalb der heimischen Gewässer operierenden Schiffe.253

Der Staatssekretär des Reichsmarineamts (RMA) unterstand nominell als Teil der Reichsverwaltung dem Reichskanzler.254 Er zeichnete die Anordnungen des Kaisers gegen und war somit praktisch der Marineminister.255 Das RMA war für die Verwaltung und Rüstungsplanung der Marine zuständig.256 Den Marinehaushalt musste sein Chef vor dem Reichstag vertreten.257 Des Weiteren gehörte zum Zuständigkeitsbereich des RMA auch die Vorbereitung und Durchführung der Mobilmachung.258 Dabei bediente es sich der Mithilfe der Chefs der beiden Stationen.259 Durch die Besonderheit der Marine bedingt, hatte das RMA einen großen Einfluss auf alle Bereiche des Marinelebens. Da es für die Rüstung verantwortlich war, bestimmte das RMA somit schon über andere Dienststellen z. B. die Kriegsplanung, aber auch die Ausbildung. Denn diese mussten davon ab-hängen, welche Schiffe mit welchen Einsatzmöglichkeiten man zur Verfügung hatte. Somit war es die entscheidende Dienststelle im Aufbau der Marine.

So zeigen die Verhältnisse in beiden Teilstreitkräften dasselbe Bild: eine Vielzahl von mehr oder weniger gleichberechtigten Stellen, die fast ohne jegliche Koordination nebeneinander wirtschafteten. Galt dies nun schon für die Verhältnisse innerhalb der Teilstreitkräfte, um wie viel mehr mussten sich diese Probleme dann bei der Koordination von Armee und Flotte bemerkbar machen. Der Kaiser war derjenige, in dessen Person alles zusammenlief Reichsleitung, Heer und Marine.260 Wie bereits im Zusammenhang mit dem Heer bemerkt: Diese Aufgabe war nicht zu lösen.

anscar jansen “Der Weg in den Ersten Weltkrieg – Das deutsche Militär in der Julikrise 1914”, S. 50 . 55
Der Ernstfall August 1914

Der komplizierte Aufbau des Militärs und der dadurch verschachtelte Prozess der Meinungsbildung lässt es a priori als unwahrscheinlich erachten, dass das Militär als ganzes in der Julikrise von 1914 – als die Kacke am Dampfen war – eine homogene Politik entwickeln würde. Wir werden den Kriegsvorbereitungen, der Mobilmachung und den wichtigsten Daten der Julikrise in weiteren Beiträgen folgen.


Relevante Beiträge zu diesem Thema:

Die Entwicklung der Rüstung und Kriegsvorbereitung

Genesis und Analyse des Schlieffen – Plans

Der Moltke – Plan 1914 – Neue Dokumente


[ PDF – Anmerkungen und Literatur zu Jansen, No. 213 bis 252]


© John Vincent Palatine 2019

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