Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Adolf Hitler in der Bayerischen Armee

Oberst von List erstattet König Ludwig III Report …

Verzückung über den Krieg

Das berühmte Foto von Heinrich Hoffmann, das Adolf Hitler in der Menge auf dem Münchner Odeonsplatz am 2. August 1914 die Kriegserklärung bejubelnd zeigt, ist wahrscheinlich eine Fälschung.

The Little Drummer Boy – Kapitel XIX ]


„Wenn wir in den Krieg verwickelt werden,
werden wir nur um weniges mehr leiden,
als wir leiden müssten,
wenn wir abseits stünden.“

Sir Edward Grey,
im Unterhaus, 2. August 1914

Alle Verzögerungen Im Krieg sind gefährlich.
John Dryden „Tyrannic Love“, Akt 1, Sc. 1


Vorheriger Beitrag: In München vor dem Krieg


Massen vor dem Buckingham Palace jubeln King George, Queen Mary und dem Prinzen von Wales nach der Kriegserklärung im August 1914 zu
Kriegsbegeisterung in Berlin, August 1914

Einer der dauerhaften Legenden des Großen Krieges ist, dass sein Ausbruch auf beiden Seiten gefeiert wurde, und eine breite Welle der Unterstützung durch die Bevölkerung ging. Diese Wahrnehmung ist weitgehend eine Folge von Propaganda – a posteriori – gesehen durch die rosigen Erinnerungen derjenigen, die überlebt hatten, was sie als wohlverdienten Sieg über die deutsche Bedrohung ansahen, und den späteren Verlierern, die im Nachhinein argumentierten, dass eine so großartige patriotische Bewegung nur durch Verrat verloren gehen konnte.
Es ist wahr, dass einige Protagonisten dieser Tage den Beginn des Krieges mit Begeisterung begrüßten. In London schrieb Winston Churchill an seine Frau – „My Darling One & Beautiful“ – am 28. Juli, dass während „alles in Richtung Katastrophe neigt & kollabiert“, er sehr “interessiert, bereit & glücklich” sei. (1) In München zeigte sich ein Protagonist von vorübergehend geringerer Prominenz, der arbeitslose Hobbymaler Adolf Hitler, von ganzem Herzen erfreut. Er hatte von der deutschen Kriegserklärung an Russland am Abend des 1. Augusts erfahren, und spazierte am nächsten Tag, einem Sonntag, die zwei Meilen von seinem Zimmer an der Schleißheimer Straße 34 zum Odeonsplatz, wo eine Menge von pro-Kriegs-Enthusiasten sich vor der Feldherrnhalle versammelt hatte. Adolf war in jubelnder Stimmung.

Hitlers Zimmer in der Schleissheimer Straße 34, dritter Stock (markiert) – Bild aus der Nazizeit mit Gedenkplakette

Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Er-
lösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, dass ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.

Mein Kampf, 851.–855. Auflage 1943, S.177
THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 535

Die obige, später zu Ruhm gekommene Fotografie, aufgenommen von Heinrich Hoffmann, der bald darauf Hitlers Hoffotograf wurde, zeigt einen fünfundzwanzigjährigen Adolf Hitler vor dem Platz des Brunnens vor der Feldherrnhalle, in der achten Reihe oder so, ekstatisch den patriotischen Reden applaudierend, die von ad-hoc-Rednern auf den Stufen der großen Halle gehalten wurden. Wie er in seinen späteren Tagen diesen glücklichen oder getürkten Zufall nutzte, ist ein gutes frühes Beispiel für Hitlers Talent für die Gestaltung und Ausnutzung politischer Realitäten. Thomas Weber erzählt uns die Geschichte hinter dem legendären Foto:

Es ist wahr, dass in den Tagen vor dem Ausbruch des Krieges, Blaskapellen patriotische Lieder in den Straßen und Cafés von München zum Besten gaben. Eine Gruppe Studenten und Rowdies hatten ein Café zu Klump geschlagen, dessen Gäste als nicht genügend patriotisch wahrgenommen wurden. Dennoch ist es schwierig, den Grad zu ermitteln, in welchem solche Fälle patriotischen Ausbruchs repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung waren, da die lautesten und sichtbarsten Reaktionen auf den Ausbruch des Krieges nicht notwendigerweise auch zu den am weitesten verbreiteten Reaktionen gehörten.

In der Tat war nur eine Minderheit der Deutschen anfangs wirklich begeistert über den Krieg. Beklemmung, Angst und Trauer waren die verbreitetsten Reaktionen. Ein junger Heinrich Himmler, der den Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Landshut erlebte, beschwerte sich am 27. August über den Mangel an populären Begeisterung für den Krieg im dortigen Niederbayern. Er stellte voll Verachtung in seinem Tagebuch fest, dass Landshut voll vom Schluchzen und Weinen der Menschen war.

Es gibt in der Tat eine große Diskrepanz zwischen den unmittelbaren und persönlichen Reaktionen auf den Krieg – wie die von Himmler – und Schilderungen, die später in dem Versuch veröffentlicht wurden, dem Krieg im Nachhinein eine Bedeutung zu verleihen. Aus diesem Grunde müssen wir die Nachkriegserinnerungen an den August 1914 mit einem großen Körnchen Salz behandeln. Das gleiche gilt für die Fotografie von Hitler inmitten der Massen am Odeonsplatz am 2. August.
Das Foto fungiert in Wirklichkeit nicht in irgendeiner Art und Weise als Unterstützung von Hitlers Behauptung, dass er in gewisser Weise die Bevölkerung von München repräsentierte, oder die späteren Mitglieder des Regiments List oder gar die deutsche Bevölkerung. Das Foto sagt uns viel eher, warum der Fotograf – Heinrich Hoffmann – später Hitlers persönlicher Fotograf wurde als etwas über die Haltung des deutschen Volkes bei Ausbruch des Krieges.
Während des Dritten Reiches würden es seine meisterhaften Fotos und Leni Riefenstahls großartige Propagandafilme übernehmen, das öffentliche Bild von Hitler und einem jungen, energischen und zukunftsweisenden Deutschland zu schaffen.

Am 2. August nahm nur ein winziger Bruchteil der ungefähr 600.000 Einwohner von München an der patriotischen Versammlung teil, die Hoffmann besuchte. Auf Hoffmanns Foto scheint der gesamte Platz mit jubelnden Menschen gefüllt zu sein. Jedoch hat ein Film-Clip überlebt, der die Szene – im Gegensatz zu Hoffmann Foto – nicht per Zoom auf das Publikum unmittelbar vor der Feldherrnhalle vergrößernd, zeigt und uns einen ganz anderen Eindruck vom Geschehen gibt. Teile des Platzes sind überhaupt nicht mit Menschen gefüllt. Es gibt sogar genug Platz für eine Straßenbahn, die sich mit normaler Geschwindigkeit über den Platz bewegt. Als die Filmkamera begann, das Publikum zu filmen, sehen wir zuerst nur sich unruhig bewegende Menschen. Nur als sie sich bewusst werden, dass die Kamera zu filmen anfängt, beginnen sie zu jubeln und ihre Hüte zu schwenken. Genau in diesem Moment nahm Heinrich Hoffmann, nahe bei der Kamera-Crew stehend, das Foto auf. Und so entstand der Mythos, dass das Münchner Zentrum von einer jubelnden und kriegslüsternen Menge überlaufen war.

Es gibt sogar deutliche Anzeichen dafür , dass Hoffmann sein Foto zumindest „frisiert“ hat – auf seinem Foto steht Hitler in einer sehr prominenten Position, in dem Filmclip jedoch steht Hitler in einer viel weniger zentralen Position als auf dem Foto. Und wo sich wahre Menschenmassen vor der Theatinerkirche im Hintergrund des Fotos befinden, gibt es viel weniger Menschen an der gleichen Stelle des Filmclips. (3)

the little drummer boy, SEITE 535-536

Am 4. August 2014 schrieb Willi Winkler in der SZ dazu:

Es gibt aber kein Original des Bildes von 1914, es gibt nur die bearbeitete Form, bei der Hitler am Rand des Bilds auch noch vergrößert gezeigt wird. Schon länger äußern einige Historiker den Verdacht, dass es sich um eine nachträgliche Montage handelt. Zwar lässt sich nicht beweisen, dass es sich bei dem Hitler in der Menge um eine Fälschung handelt.

Aber dass Hitler tatsächlich dort war, verbürgen nur zwei Männer: der Fotograf und sein Objekt; das Negativ zur Aufnahme fehlt. Im Münchner Stadtarchiv finden sich mehrere Aufnahmen von jenem Tag am Odeonsplatz, doch zeigt keine den endlich von seinem Schreibtisch erlösten Hitler.

Die Mitarbeiterin Elisabeth Angermair weiß von keinem Foto mit Hitler; die Authentizität “fußt ausschließlich auf der Aussage Hitlers”. Das Bundesarchiv verfügt außerdem über einen Film von den Jublern, doch auch da lässt sich der später so berühmte Schnurrbart nicht entdecken.

Seltsamerweise erzählt Hitler in seinem Bekenntnisbuch Mein Kampf nichts davon, dass er an jenem 2. August überhaupt auf dem Odeonsplatz war. Erst am folgenden Tag richtete er ein “Immediatgesuch” an König Ludwig III. “mit der Bitte, in ein bayerisches Regiment eintreten zu dürfen”.

https://www.sueddeutsche.de/politik/bearbeitete-geschichte-weltkriegsjubler-hitler-1.2071039

So wie die ominöse Fotografie der späteren NS-Propaganda geholfen hat, war Hitler später in „Mein Kampf“ beschäftigt, seine eigene Legende zu schaffen. Niemand wusste von der peinliche Angelegenheit mit dem österreichischen Konsulat und der Militärkommission, die sich früher im gleichen Jahr abgespielt hatte, und wir werden nun untersuchen, wie es dazu kam, dass Hitler, dessen intensiver Abneigung der österreichischen Armee wir schon oben begegnet sind, es als Ausländer in die Reihen der Königlich Bayerischen Armee schaffte. In „Mein Kampf“ schrieb er:

Am 3. August reichte ich ein Immediatgesuch an Seine
Majestät König Ludwig III. ein mit der Bitte, in ein
bayerisches Regiment eintreten zu dürfen. Die Kabinettskanzlei hatte in diesen Tagen sicherlich nicht wenig zu tun;um so größer war meine Freude, als ich schon am Tage darauf die Erledigung meines Ansuchens erhielt. Als ich mit zitternden Händen das Schreiben geöffnet hatte und die Genehmigung meiner Bitte mit der Aufforderung las, mich bei einem bayerischen Regiment zu melden, kannten Jubel und Dankbarkeit keine Grenzen. Wenige Tage später trug ich dann den Rock, den ich erst nach nahezu sechs Jahren wieder ausziehen sollte.

Dann schwindelte er. “Die Petition wurde am nächsten Tag gewährt, 5. August, und ein paar Tage später wurde ich in das 2. Regiment übertragen. Ich trat dann am 16. August, dem 16. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment bei, das zu diesem Zeitpunkt in Vollendung war.“ (4) Die Realität war prosaischer. Nicht nur ist nie eine Spur von Hitlers Petition an König Ludwig III oder dessen Sanktion jemals aufgetaucht, Hitlers Armeerollen erwähnen nichts – null – vor dem 16. August 1914. Sie berichten lapidar:

KrStR.Nr. 166/148:
„Am 1914.08.16 eingetreten als Kriegsfreiwilliger b. RDVI, 2.IR ua 1.9.14 anher versetzt“ . (5)

KrStR.Nr. 1062:
„16.8.14 beim Ers. Batl. 2 Inf. Reg. Dep. VI eingetreten. 1.9.14 z. 1.Komp. Res. Inf. Reg. Nr. 16 Vers.“(7)

Die Schule am Elisabethplatz – heute Gisela-Gymnasium – worin Hitler am 16. August 1914 seinen Kriegsdienst begann …

Hitlers Legende, aufgrund seiner Petition an den König sofort einen Platz in dem prestigeträchtigen 1. Regiment zugewiesen bekommen zu haben – des Königs eigenen Regiment – ist nicht nachvollziehbar; den Unterlagen zufolge begann seine militärische Laufbahn am Sonntag, dem 16. August 1914, als er in die Schule am Elisabeth-Platz einrückte, die, wie viele Schulen, als behelfsmäßige Baracke verwendet wurde. Die ersten zwei Wochen verbrachte er damit, grundlegende infanteristische Fähigkeiten auf den Übungsplätzen Oberwiesenfeld und Freimann zu erwerben. Es war ein mühsames Geschäft für den nicht sehr sportlichen Hitler und Frau Popp erinnerte sich später daran, dass „er häufig müde zurückkam, glücklich, den Strapazen der Manöver zu entkommen.“ (8) Am 1. September 1914 wurde er als Soldat Nummer 148 in die 1. Kompanie des Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments 16 übernommen, genannt, nach seinem Kommandeur Oberst Julius von List, das „Regiment List“.

Von den verschiedenen körperlichen Gebrechen, die die k.u.k. Musterungskommission in Salzburg am 5. Februar des Jahres dazu bewogen hatte, ihn als “sowohl für den Kampf- als auch den Hilfsdienst untauglich” zu befinden [siehe Beitrag “In München vor dem Krieg“, fanden die bayerischen Militärärzte keine Spur und Hitler wurde eingekleidet und erhielt Koppel und Käppi.

Es bleibt die Frage, wie es dazu kam, dass er – als ein Ausländer – überhaupt angenommen wurde. Nur das Kriegsministerium selbst, nicht irgendein Battalions- oder Regimentsoffizier, hatte überhaupt die rechtliche Befugnis, unter bestimmten Bedingungen ausländische Freiwillige zu akzeptieren. Während der Verhandlung über den Hitlerputsch-Versuch von 1923 schickte das Bayerische Staatsministerium des Innern eine Anfrage an das Kriegsministerium in Bezug auf die Umstände der Dienstverpflichtung Hitlers. Doch es scheint, dass die ehrwürdigen Archivare nicht in der Lage waren, eine befriedigende Erklärung zu finden, denn ihre Antwort war von hochspekulativer Natur:

„Während des Ausbruchs des Krieges lebte Hitler in der Schleißheimer Straße 34 in München. Offenbar ging er im August 1914 in das Büro der nächstgelegenen Truppenstelle, die des 2. Infanterie – Regiments, und bot sich dort als Freiwilliger an. … In dem allgemeinen Kriegsfieber hat er wahrscheinlich instinktiv gehandelt , indem er sich an das nächstgelegene Büro wandte – da ja Deutschland schon, seinen vertraglichen Verpflichtungen folgend, angekündigt hatte, Österreich zu unterstützen. …
Es kann niemanden überraschen, dass ein begeisterter junger Mann kurz die Grenzen des Inn und Salzach vergisst – die die bayerisch-österreichische Grenze bilden – und sich der Armee anschließt, um seine Hilfe bei der gemeinsamen Verteidigung der bedrohten Heimat anzubieten.  … Es ist durchaus möglich, dass sich Hitler, wie viele andere auch, bereits in den ersten Tagen der Mobilisierung gemeldet hat. Da er nicht sofort eingegliedert werden konnte, wurde ihm wahrscheinlich geraten, zu warten und später zurückzukommen – wie so vielen anderen auch.“(9)

THE LITTLE DRUMMER BOY, seite 537
Oberst Julius List

Es scheint, dass niemand Hitlers Nationalität prüfte: nicht ein einziges Dokument in den sehr umfangreichen und gründlichen Akten des bayerischen Kriegsministeriums erwähnt die Tatsache der österreichischen Staatsbürgerschaft Hitlers. Dass die Schaffung der Reserveregimenter – inkongruenter Mischungen aus jungen Freiwilligen und Landsturm-Senioren – unter etwas planlosen Umständen geschah, hatte seinen Hauptgrund in den horrenden Verlusten, die von Anfang an in diesem ersten hoch mechanisierten europäischen Krieg erlitten worden waren. Schon Mitte August forderte die OHL (“Oberste Heeresleitung“) die sofortige Schaffung einer neuen kompletten Ersatz-Armee aus vier Korps zu jeweils zwei Divisionen – die normalen Reservisten waren bereits bei der Mobilmachung eingezogen worden. Das Land Bayern hatte als einen Teil dieser neuen Armee die 6. bayerische Reserve-Division zu liefern, die sich wiederum aus den 12. und 14. Reserve-Infanterie-Brigaden zusammensetzte. Die 12. Reserve-Brigade selbst, unter dem Kommando von Generalmajor Kiefhaber, wurde aus den Reserve-Infanterie-Regimentern 16 (München, Oberst List) und 17 (Augsburg, Oberst Grossmann) gebildet. Über das erstgenannte, das 16. RIR, berichtet Anton Joachimsthaler:

Das Zusammenstellen des Reserve-Infanterie-Regiments 16 [=“RIR 16″, ¶] war bis zum 1. September 1914 beendet; es bestand aus drei Bataillonen, die jeweils etwa 1000 Mann stark waren, und jedes Bataillon bestand aus vier Kompanien (also 1. bis 12. Kompanie). Das RIR 16, das von den Rekrutierungsdepots der 1. und 2. Infanterie-Regimenter zusammengestellt worden war, war eine ziemlich bunte Truppe; meist Freiwillige und Personen ohne vorherige militärische Erfahrung, eine Mischung aus jungen und älteren Menschen. Die Mehrheit der Soldaten des RIR 16 waren einerseits Studenten, Künstler, Ingenieure und Handwerker aus München und andererseits viele ältere Männer aus den ländlichen Gebieten Ober- und Niederbayerns. …
Die Freiwilligen, die, wie Hitler, in den verschiedenen Rekrutierungsdepots (I-VIII), gesammelt worden waren, wurden alle zum 1.9. 1914 auf das neue RIR 16 übertragen. Hitler endete in der 1. Kompanie, I. Bataillon (unter dem Bataillonskommandeur Major der Reserve Graf Zech auf Neuhofen und dem Kompanieführer der 1. Kompanie, Hauptmann Pflaumer).
Die Waffen, Uniformen und die andere notwendige Ausrüstung konnte nur mit größter Mühe zur Verfügung gestellt werden. Der Bestand an Pickelhauben, zum Beispiel, war nicht ausreichend hoch, und das Regiment wurde mit den schwarzen Kappen des Landsturms, mit grünem Tuch überzogen, ausgestattet. Das endete in einem tödlichen Missverständnis an der Front, wo die bayerischen Freiwilligen für Engländer gehalten wurden [von denen einige ähnliche grüne Kappen, trugen,¶], und Hunderte der Männer des RIR 16 wurden durch Beschuss von eigenen Truppen getötet. (10)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITEN 537 – 538

Da die OHL das Eintreffen der 6. Bayerische Reserve-Division an der französisch-belgischen Grenze bis Ende Oktober erwartete, verblieben das Regiment weniger als zwei Monate für die Erstausbildung und den anschließenden Transport. Die ersten fünf Wochen ihres militärischen Lebens verbrachten Hitler und seine neuen Kameraden in der Grundausbildung, wobei so wesentliche Fähigkeiten gelehrt wurden wie Löcher zu graben, während vom Feldwebel angebrüllt zu werden. Da das 16. RIR nicht aus normalen Reservisten zusammengesetzt war, denen zugetraut werden konnte, nach ein bisschen Auffrischung sich an vieles aus ihrem früheren Dienst zu erinnern, wurden die Instruktionen eher summarisch erteilt und konnten die Männer in keiner Weise für die Realität der Front vorbereiten.

Adolf Hitler – und die spätere NS-Propaganda, in dem Bemühen, einen weiteren Mythos des Großen Krieges zu schaffen – behaupteten nach 1918, dass das Regiment List eine Einheit aus Freiwilligen war. Das war, im besten Falle, eine vorsätzliche Verfälschung der Tatsachen. Es ist richtig, dass einige Freiwillige dabei waren, so wie Hitler, aber insgesamt etwa fünfundachtzig Prozent oder so der Männer waren „überhaupt keine Freiwilligen“, sondern „Mitglieder der Ersatzreserve. … Diese Rekruten der ergänzenden Reserve war in der Regel Männer, die nicht für ausreichend fit erachtet wurden, in Friedenszeiten in der Armee zu dienen, aber immer noch für ausreichend fit, um im Falle eines Krieges aufgerufen zu werden.“(11)

Ludwig III bei einer Sanitätseinheit

Am 8. Oktober wurde das Regiment in Anwesenheit von König Ludwig III vereidigt und von seinem Kommandeur, Oberst Julius von List, mit folgenden Worten begrüßt:

Vereidigung

„Kameraden! Ich begrüße von ganzem Herzen und voller Zuversicht alle Offiziere, Ärzte und Beamte, alle Unteroffiziere, Unteroffiziere und Soldaten. Von diesem Regiment, dessen Männer zum größten Teil noch untrainiert sind, wird erwartet, dass es für den mobilen Einsatz innerhalb weniger Wochen fertig sein wird. Dies ist eine schwierige Aufgabe, aber durch den bewundernswerten Geist, der alle Mitglieder dieses Regiments beseelt, keine unmögliche. … Mit Gottes Segen, fangen wir nun unsere Arbeit für Kaiser, König und Vaterland an.“(12)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 538
Clip – Vereidigung

RIR 16 sollte sich am 10. Oktober auf einem Marsch von über 100 km zum Übungsplatz Lechfeld in Schwaben begeben. Am Vortag besuchte Hitler die Popps, um sich zu verabschieden. Frau Anna erinnerte sich später:

„Er nahm die Hand meines Mannes und sagte:‚Wenn ich sterben sollte, lassen Sie das bitte meine Schwester wissen, vielleicht will sie sich meine wenigen Habseligkeiten nehmen; wenn nicht, behalten Sie sie. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Probleme verursache.‘ Er schüttelte dann auch meine Hand, während ich dort stand und weinte. Wir alle mochten ihn so gern. Er umarmte Peppi und Liesl, die er liebte, drehte sich um und verschwand.“(13)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 538

Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass Frau Popp ihre Erinnerungen einem Nazi-Reporter im Dritten Reich berichtete, also sollten wir uns nicht über die lobenden Worte über ihren ehemaligen Mieter wundern. Doch lassen wir das im Moment dahingestellt, jedenfalls marschierte das RIR 16 am Samstag, 10. Oktober 16 RIR in Richtung Lechfeld. Aufgrund der Dringlichkeit der Situation an der Front wurde dem Regiment nur etwa zehn Tage Manöver erlaubt, vom 10. Oktober bis zum 21, wobei es auf dem Truppenübungsplatz nicht nur seinen eigenen Einsatz trainieren sollte, sondern auch, so weit wie möglich in der kurzen Zeit, die Koordination mit anderen Einheiten. Am Sonntag, den 18. Oktober, also eine knappe Woche später, war ein Manöver der kompletten 12. Brigade geplant, mit beiden Regimentern und der kompletten Artillerie, einschließlich einer Feldmesse und der Weihe der Regimentsstandarten. (14)

Über die Qualität der Ausbildung war man sich uneinig: Während Hitler Frau Popp schrieb, dass „die ersten fünf Tage im Lechtal die anstrengendsten meines Lebens waren“, beklagte sich Graf Bassenheim, Offizier des Regiments List, dass „die Disziplin durch Märsche und Überanstrengung sehr schlecht geworden ist. “(15) Am 20. Oktober teilte Hitler den Popps mit, dass das Regiment an diesem Abend eine Eisenbahnreise antreten werde – nach Belgien oder England, hoffte er, und drückte seinen Jubel darüber aus, dass das große Spiel endlich beginnen werde.

Er musste noch ein paar Stunden warten. Überall in Europa hatten die Züge in der ersten Augustwoche begonnen, junge Männer mit ihrer Ausrüstung und ihren Gewehre zu verschlingen und sie an den Eisenbahnköpfen ihrer Bestimmungsorte abzusetzen, wie es die vor Jahren ausgearbeiteten und in eine Schublade gesteckten Zeitpläne vorschrieben. Die Eisenbahnabteilung des deutschen Generalstabs koordinierte die Bewegungen von über 11.000 Zügen, von denen jeder aus 54 Wagen bestand, während des Mobilisierungszeitraums. So wurde zum Beispiel die Kölner Hohenzollernbrücke zwischen dem 2. und 18. August von 2148 Zügen überquert; also etwa 134 Zügen pro Tag, oder einer alle elf Minuten, Tag oder Nacht. Das französische Eisenbahnministerium verschickte über 7.000 Züge auf einem etwas kleineren Streckennetz.

Zug nach Paris …

Es war etwa 03.00 Uhr früh am 21. Oktober, als die Männer vom RIR 16 und ihre Ausrüstung auf drei Züge verladen und nach Westen geschickt wurden. Die erste Station war Ulm, der Geburtsort von Albert Einstein, von wo aus Hitler eine Postkarte an die Popps sandte. (16) Am nächsten Tag erreichte der Zug den Rhein und zum ersten Mal sah Hitler sowohl den großen deutschen Strom, als auch das Niederwald-Denkmal, die gigantische Statue von Germania, die dem Fluss und dem Land Schutz verheißt. Er vergaß nie den Tag – bis 1944 erinnerte er sich:

„Ich sah den Rhein zum ersten Mal, als ich mit meinem Regiment im Jahr 1914 an die Westfront reiste. Nie werde ich das Gefühl vergessen, das in mir mächtig wurde, als ich zum ersten Mal diesen Fluss des deutschen Schicksals erblickte. Ebenso bewegend war die Sympathie und die herzliche Ermutigung der Menschen, die dort leben, die uns mit einem völlig unerwarteten Willkommen überraschten. Wir wurden mit allem versorgt, was wir uns vorstellen konnten. Als wir abends in Aachen ankamen, versprach ich mir, diesen Tag so lange nicht zu vergessen, solange ich lebte.“(17)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 539
Adolf Hitler (rechts) Anfang 1915 an der Westfront. Man beachte den Schnurrbart, ganz anders als auf dem Foto vom Odeonsplatz

In der Nacht zum Donnerstag, 22. Oktober, überschritten die Züge die belgischen Grenze und kamen – über Lüttich und Brüssel – in Lille in Frankreich am 24. Oktober 1914 an. Der Soldat Adolf Hitler zog in seinen ersten Krieg zu.

Der Vormarsch

© John Vincent Palatine 2015/19

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  1. Awesome post! Keep up the great work! 🙂

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