Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Kategorie: Bourgeoisie

Karriere, Gift und Schwarze Messen – Am Hof des Sonnenkönigs

Das Laboratorium von Catherine Monvoisin bzw. Montvoisin, née Deshayes
Titel: Mme. Brinvilliers beim Kauf des Giftes – Wasserfolter

Video (Englisch)


Der Hof des Sonnenkönigs Ludwig des Vierzehnten war bekannt als ein galanter Ort, in dem sich schöne Damen mit flexibler Moral durchaus Aufstiegschancen ausrechnen konnten, bis hinauf in die vornehmsten Betten des Landes. Allerdings war die Konkurrenz groß und verschiedene Damen mit achtbaren Reizen, aber wenig Geduld, entwickelten Strategien, die ihre pekuniären wie auch sozialen Umstände in möglichst kurzer Zeit verbessern sollten.

Eine dieser aufstiegshungrigen Damen war Marie Madeleine Marguerite d’Aubray aus einem ebenso reichen wie bekannten Adelsgeschlecht. Im Alter von 21 Jahren (1651) heiratete sie den Marquis Antoine Gobelin de Brinvilliers, einen reichen flämischen Wollhändler, mit dem sie fünf Kinder bekam. Über ihrem Ehemann lernte sie den windigen, aber charmanten, und permanent in Geldschwierigkeiten steckenden Halunken Monsieur Godin de Sainte-Croix kennen, mit dem sie eine anhaltende Affäre begann.

Maries Papa sah die Affäre gar nicht gerne und schaffte es, den Freund des Hauses für ein Jahr in die Bastille zu verbringen, wo der Hobbyalchemist Sainte-Croix offensichtlich einen Kollegen kennenlernte, der ihn in verschiedenen Kenntnissen der Toxikologie unterwies. Wieder auf freiem Fuße kehrte Sainte-Croix schnurstracks zu seiner Geliebten zurück, mit spezifischen Vorschlägen, wie die Gute sich möglichst rasch des Familienerbes bemächtigen könne. Im Weg standen sowohl ihr Vater als auch zwei Brüder und eine Schwester, mit denen sie sich leider das allfällige Erbe teilen müsste.

Die Brüder schieden rätselhafter Weise im Verlaufe des Sommers 1670 dahin, doch die misstrauische Schwester Thérèse d’Aubray begann sich der sorgfältigen Kontrolle ihres Essens zu widmen und blieb so am Leben, obwohl sie noch vor der späteren Verurteilung ihrer lieben Schwester starb, aber wohl aus natürlichen Gründen. Die Obduktionen der Brüder ergaben zwar durchaus Hinweise auf Giftmord, aber Marie hatte natürlich immer ein Alibi und der betreffende Diener der Brüder, ein gewisser Jean Stamelin, genannt La Chaussée (“der Weg”), war über jeden Verdacht erhaben.

Es kam nur durch einen Zufall heraus. Ihr Liebhaber starb bei einem verunglücktem Experiment in seinem eigenen Labor, vermutlich durch das Einatmen giftiger Gase. Da er, wie immer, stark verschuldet war, wurde sein Nachlass gerichtlich geprüft, wobei eine Kassette auffiel, welche nicht nur seine Schuldscheine, sondern auch jede Menge Gift enthielt, als auch die gesamte Korrespondenz der Liebenden.

Öffnung von Saint-Croixs Kassette

Die nachfolgenden Ermittlungen führten rasch zur Festnahme, inklusive Prozess, Folter und Hinrichtung des Dieners, während Marie ins Ausland floh, zuerst nach England, dann nach Lüttich, in ein Kloster. Nach ihrer Auslieferung wurde sie ab 16. Juli 1676 erst der Wasserfolter unterzogen (siehe Titelbild), dann verschiedenen anderen gymnastischen Übungen und am Ende zum Tode auf dem Schafott verurteilt. So weit, so gut.

Geistliche und weltliche Befragung und Folter von Mme. Brinvilliers

Mittlerweile hatten jedoch eine Reihe von merkwürdigen Todesfällen reicher Adeliger – oder zumindest der Klatsch darüber – den Verdacht des Hofes erregt. Kompliziert wurde alles durch die merkwürdige Tatsache, dass der Höfling Louis Henri de Pardaillan de Gondrin, Marquis de Montespan, sich öffentlich über seine Frau Françoise de Rochechouart de Mortemart, Marquise de Montespan, beklagte, die unter ihrem Künstler- oder Bettnamen Athénaïs gerade Louise de La Vallière, die offizielle Geliebte Ludwig des Vierzehnten, im königlichen Himmelbett abgelöst hatte. Schlimmer noch, er beschuldigte die Chefhofdame der Königin Maria Theresia von Spanien, Mme. Julie d’Angennes, die Verbindung aus eigennützigen Motiven eingefädelt zu haben.

Louise de la Vallière
Porträts der Marquise de Montespan, Mätresse von Ludwig XIV

Die Sache war, dass sich normalerweise die Ehemänner der königlich ausgewählten Damen nicht darüber beschwerten, was sie nicht ändern konnten, sondern versuchten, aus den obwaltenden Umständen die jeweils bestmöglichen Vorteile für ihre eigenen Karrieren zu ziehen. Montespan aber war so sauer, dass er nicht nur den König öffentlich zum Duell forderte, sondern auch Ludwigs Kutsche mit Hirschgeweihen dekorierte, was ihn prompt ins Gefängnis brachte. Später wurde er exiliert, aber er gab nicht auf. Verbotenerweise reiste er nicht nur jeden Sommer zwischen 1670 und 1686 nach Paris, sondern gab auch eine jährliche Totenmesse für seine (quicklebendige) Frau in Auftrag, und zwang die beiden Kinder, an einem getürkten Begräbnis teilzunehmen. Auch verkündete er öffentlich und nicht nur einmal, dass seine Frau sich den König mit Zaubertränken und Schwarzen Messen gefügig gemacht hatte.

Louis XIV

Obwohl Louis XIV in seinem persönlichen Katholizismus das sechste Gebot zu übersehen pflegte und mindestens siebzehn Kinder in die Welt setzte, konnte ein katholischer Monarch solche Beschuldigungen natürlich nicht auf sich sitzen lassen, ob ihm nun Mme. Montespan sechs Kinder gebar oder nicht. Der Marquis wurde bezichtigt, im Dienst des Gottseibeiuns persönlich zu stehen, und der schwer genervte König hetzte seine Bluthunde auf ihn.

Versailles

Aber Ludwig brauchte einen Vorwand, damit es nicht wie persönliche Verfolgung aussah – was es natürlich war. Da im Gefolge des sensationellen Prozesses der Mme. Brinvilliers sowieso alle Gänge des Hofes mit Gerüchten über Giftmorde widerhallten, setzte er eine offizielle Kommission und Sondergericht ein, eine erneute Chambre ardente, die schon seinen seligen Kollegen Franz I, Heinrich II und Franz II göttliche Dienste bei der Verfolgung von Ketzern geleistet hatte. Passenderweise wurde die Kammer diesmal Cour de Poison („Gift-Gerichtshof“) genannt.

Zur Abwechslung war es diesmal die offizielle Aufgabe, den vermuteten Satanismus zu bekämpfen, der, so die populäre Annahme, seine Anhänger zu den ebenfalls vermuteten Giftmorden trieb (eventuelle finanzielle Interessen wurden offiziell ausgeblendet). Die üblichen Verdächtigen waren meistens – aber nicht nur – Frauen; Wahrsagerinnen, Spiritisten, Apotheker, Giftmischer und Hersteller von Liebestränken.

Der französische Polizeipräfekt Gabriel Nicolas de la Reynie wurde beauftragt, die satanistische Verschwörung zu zerschlagen. Etwa vierhundert Verdächtige wurden verhört und durch den enthusiastischen Einsatz der Folter wurden zahlreiche Geständnisse erzielt. Jeder schwärzte jeden an, es war eine echte Gaudi.

Philipp von Orleans. der Bruder von Ludwig XIV, trifft den Teufel persönlich anlässlich einer Party bei Catherine Deshayes

Aber plötzlich gab es eine echte Spur. Eine Verbindung der Mätresse – dünn zwar – konnte hergestellt werden zu einer wohl echten Massenmörderin und Giftmischerin, der berühmten Catherine Monvoisin (auch genannt “La Voisin”), die Reynie schon vorher aufgefallen war. Im Fall von Mme. Montespan, die ja immerhin die offizielle königliche Mätresse war, dachte der Polizeipräsident zwar weniger an Gift, aber den Erwerb von Liebestränken, um des Königs Gunst zu erhalten, hielt er für möglich – eventuell bräuchte es zu deren Herstellung sogar schwarze Messen – wer wusste das schon so genau?

Catherine Monvoisin bzw. Montvoisin, née Deshayes

Im Zuge seiner Ermittlungen hatte Reynie bereits zwei Wahrsagerinnen hochgenommen, die Mme. Monvoisin beschuldigten. Die Dame erwies sich als ein Volltreffer. Es konnte einigermaßen zuverlässig festgestellt werden, dass sie tatsächlich einen Kundenkreis hatte, der bis in den Hochadel reichte.

Erkundigungen in der Nachbarschaft der umtriebigen Dame erbrachten schnell, dass sie wahrsagte, Horoskope erstellte, Schadenzauber (Schwarze Magie) betrieb, tatsächlich Gifte und Liebeszauber verkaufte und auch Abtreibungen vornahm. In ihrem Garten stand eine Kapelle, in der Dämonen wie Astaroth und Asmodaeus angebetet wurden. Diesen schwarzen Messen wohnte ein illustrer Kundenkreis bei, dem Höflinge, auch Prinzessinnen und sogar der Scharfrichter von Paris selbst angehörten. Peinlicherweise trug eine der außerhalb wartenden Kutschen das Wappen der königlichen Mätresse und bald konnte die Polizei Besuche der Montespan schon seit 1665 nachweisen.

Illustration einer Schwarzen Messe aus “Justine” von Marquis de Sade

Unbestätigt, aber von mehreren Zeugen behauptet, ist, dass bei diesen Zeremonien sich Madame de Montespan nackt auf einen Altar gelegt habe, während man ihre Bitten um die Gunst des Königs an den christlichen Gott und die Götter der Unterwelt weitergab. Sie soll dem Priester Guibourg erlaubt haben, eine Hostie in ihre Vagina einzuführen und dann mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben, derweil er betete. [Beschreibung der Messe] [PDF] Die Tochter der Monvoisin bestätigte die Messen sowohl auch den Verkauf von Liebestränken, aber diese Aussagen wanderten umgehend in den Geheimschrank des Polizeipräfekten.

Catherine Monvoisin und der Priester Étienne Guibourg zelebrieren eine Schwarze Messe für Madame de Montespan (auf dem Altar liegend), die Mätresse von Ludwig XIV – von Henry de Malvost, 1895

Es kam bald schlimmer. Grabungen auf dem Grundstück der Monvoisin förderten die Überreste von über 2500 abgetriebenen, tot-, früh- oder neugeborenen Säuglingen ans Tageslicht.

Hinrichtung der Catherine Monvoisin
Madame de Sévigné

Dass Mme. Monvoisin fällig war, war klar – aber zuerst musste die königliche Großzügigkeit die unschuldigen, d.h. adeligen, Beiwohner der Messen entlasten – ihre Namen wurden von den Listen gestrichen und es wurden ihnen ausgedehnte Urlaube – am besten im Ausland – angeraten.

Madame de Sévigné war Zeugin der Hinrichtung von La Voisin und schrieb in ihren Briefen: „Vor Notre-Dame hat sie sich geweigert, Abbitte zu leisten, und auf dem Place de Grève sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, auszusteigen. Man zog sie heraus und brachte sie auf den Holzstoß, band sie in sitzender Stellung mit eisernen Ketten fest, bedeckte sie mit Stroh. Sie fluchte drauflos, stieß das Stroh fünf- oder sechsmal weg, aber schließlich loderte das Feuer auf, und sie ward nicht mehr gesehen. Ihre Asche fliegt jetzt in der Luft herum. So starb Frau Voisin, berühmt für ihre Verbrechen und ihren heidnischen Unglauben.“ [Quelle]

Eine weitere Mätresse Ludwigs und Konkurrentin, die schöne Marie Angélique de Scoraille de Roussille (siehe oben), starb ebenfalls plötzlich. Gerüchte belasteten Mme. de Montespan und Reynie ermittelte tatsächlich gegen sie. Aber verschiedene einflussreiche Höflinge verhinderten eine Anklage, darunter Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon, meistens Madame de Maintenon genannt (mit der Ludwig später sogar eine heimliche, morganatische Ehe einging), die Erzieherin der königlichen Kinder der Montespan. Doch nach dem Tode der schönen Angélique fiel Montespan bald in Ungnade.

Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon (1635-1719)

Langsam verlief die Giftaffäre im Sande – die letzte Hinrichtung erfolgte 1683. Reynie wurde nahegelegt, seine Ermittlungen abzuschließen – er war wohl dem königlichen Wohlbefinden zu nahe gekommen. Was blieb, war ein neues Gesetz, das den Verkehr mit Giften regelte und weltweit zum Vorbild wurde. Die Wahrsagerei wurde in Frankreich verboten und eine Erlass von 1682 endete die Hexenprozesse.

Ab 1686 war Ludwig, erst durch die Formierung der Liga von Augsburg, und dann durch den Pfälzer– und später den Spanischen Erbfolgekrieg, einigermaßen beschäftigt und die Angelegenheiten des Hofes verloren an Bedeutung. Der König lebte seine Jahre mehr und mehr mit der Marquise de Maintenon im Schoße seiner Familie aus.

Louis XIV mit Mme. de Maintenon und Familie, Nicolas de Largillière zugeschrieben

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Das Außenministerium vor dem 1. Weltkrieg

"Dropping the Pilot" Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine
“Dropping the Pilot” Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine

Titel, von links nach rechts: Deutsche Außenminister nach Otto von BismarckHerbert von Bismarck, sein Sohn (im Amt vom 24. Oktober 1885 bis 26. März 1890), Bernhard von Bülow, später Reichskanzler (vom 20. Oktober 1897 bis 23. Oktober 1900), Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff (24. Januar 1906 bis 25. Oktober 1907), Wilhelm von Schoen (26. Oktober 1907 bis 27. Juni 1910), Alfred von Kiderlen-Wächter (J27. Juni 1910 bis 30. Dezember 1912) und Gottlieb von Jagow (11. Januar 1913 bis 22. November 1916).


Der Eiserne Kanzler war am 18. März 1890 – sehr gegen seinen Willen – in den Ruhestand getreten. Er hatte sich stets zur Aufgabe gemacht, nach Möglichkeit freundschaftliche Beziehungen zu allen umliegenden Ländern zu gewährleisten. Dass Frankreich – wütend über die Niederlage von 1871, aber vorübergehend ohnmächtig – der Erbfeind bleiben würde, war klar. Unter allen Umständen musste verhindert werden, dass sie Verbündete auf dem Kontinent fand, insbesondere im Osten, d. h. Russland, um die “Grande Nation” bei der Durchführung eines Vergeltungskrieges zu unterstützen. Bismarcks Gegenmittel für diese besondere Bedrohung bestand darin, nur die allerbesten diplomatischen Beziehungen zu den beiden anderen reaktionären Monarchien, Russland und Österreich, aufzubauen. Diese beiden Nationen und Deutschland unterzeichneten einen Vertrag genannt den „Dreikaiserbund“, eine Liga der drei Kaiser, in der die Monarchen sich gegenseitige Neutralität zusicherten, sollte einer von ihnen von Frankreich oder dem Osmanischen Reich angegriffen werden.

Bismarck war sich der Tatsache bewusst, dass sich – praktisch unausweichliche – Spannungen zwischen Russland und Österreich auf dem Balkan möglicherweise negativ auf diesen Vertrag auswirken können, und schloss mit dem Zaren daher einen zusätzlichen Pakt, den so genannten „Rückversicherungsvertrag“, der Russland im Falle eines neuen deutsch-französischen Krieges unabhängig von seinem Grund zu Neutralität verpflichtete und damit das Gespenst eines Zweifrontenkrieg bannte. Bismarcks fundamentale Doktrin war offensichtlich genug – Frankreich diplomatisch so weit wie möglich isoliert zu halten.

Um eine solche Neutralisierung der französischen Diplomatie zu gewährleisten, stützte man sich im Zweiten Kaiserreich auf das Auswärtige Amt, dessen Mitarbeiter – man ist versucht “natürlich” zu sagen – hauptsächlich aus dem Adel rekrutiert und nicht dem Parlament gegenüber verantwortlich waren.

Keine statistische Charakteristik des diplomatischen Korps im Kaiserreich ist so auffällig wie der Anteil der Adeligen. Von den 548 Diplomaten, die zwischen 1871 und 1914 im Dienst waren, waren nicht weniger als 377, das heißt 69 Prozent, adeliger Herkunft. Der Prozentsatz der Adligen war sogar noch höher, wenn wir nur das Personal der Auslandsbotschaften und nicht das Auswärtige Amt als Ganzes zählen. Alle Botschafter des Kaiserreichs waren adeliger Abkunft. Die wichtigste Abteilung im Auswärtigen Amt, die Politische Abteilung I A, war in der Zeit von 1871 bis 1914 zu 61 Prozent mit Adeligen besetzt.

Es ist wahr, dass der Anteil der bürgerlichen Mitglieder des diplomatischen Dienstes in dieser Zeit und darüber hinaus stetig zunahm. Während des Kaiserreichs wurden die Bürgerlichen jedoch fast ausschließlich entweder in den weniger wichtigen Abteilungen des Auswärtigen Amtes eingesetzt, also in den Handels-, Rechts- oder Kolonialabteilungen oder im konsularischen Dienst. Wenn Bürger aus der Mittelschicht überhaupt in den diplomatischen Vertretungen im Ausland  eingesetzt wurden, dann wurden sie während der wilhelminischen Zeit (1888-1918) hauptsächlich nach Südafrika oder in den Nahen oder Fernen Osten geschickt; Gebiete, die zwar in kommerzieller Hinsicht wichtig waren, in denen zu dienen Aristokraten jedoch nicht bereit waren.

Nicht nur befand sich die Ausführung der Außenpolitik des Reiches in den Händen des Adels, es war mit wenigen Ausnahmen die nördliche, protestantische, das heißt „preußische“ Aristokratie, die den Löwenanteil der verfügbaren Posten besetzte; Katholiken waren weit weniger vertreten.

Der exklusive Korpsgeist des deutschen diplomatischen Dienstes wurde also auch durch diese konfessionelle Diskriminierung genährt. Bis 1945 war der Anteil der Katholiken unter den Diplomaten um ein deutliches niedriger als der nationale Anteil. Diese Situation lässt sich nur teilweise dadurch erklären, dass die katholischen deutschen Mittelstaaten bis 1918 ihre eigenen diplomatischen Dienste unterhielten.

Wichtiger war es vielleicht, dass die Mehrheit der süddeutschen Adelsfamilien die Idee, Staatsdienst unter den verachteten Hohenzollern abzuleisten, verabscheute und bis zur Jahrhundertwende den tatsächlichen Schwerpunkt ihrer sozialen Bestrebungen in der Wiener Hofburg sah und nicht in Potsdam oder Berlin. Wer die umfangreiche private Korrespondenz preußischer Diplomaten der Kaiserzeit liest, wird in Erstaunen versetzt von der fast pathologischen Angst vor dem sogenannten “Ultramontanismus” (die Vorstellung, dass deutsche Katholiken und die Zentrumspartei vom Papst irgendwie ferngesteuert seien), die selbst unter den höchsten und scheinbar aufgeschlossensten Diplomaten und Staatsmännern in Berlin vorherrschte.

Es herrschte die weit verbreitete Überzeugung vor, dass jedes Nachgeben gegenüber dem “Ultramontanismus” als logische Folge die Auflösung des Reiches zur Folge hätte. Katholiken konnten daher nur in den Dienst des Reiches aufgenommen werden, wenn sie sich entschieden und eindeutig gegen Rom und gegen die Zentrumspartei ausgesprochen hatten. [36]

Ganz im Gegensatz zu dem Eindruck von Stärke und Einheit, den die Reichsregierung nach außen hin zu demonstrieren suchte, verlangte die Formulierung und Durchführung seiner Außenpolitik von dem Kanzler ein tiefes Verständnis der Dinge und die Fähigkeit und Willenskraft, diese auch gegen die Ideen des Monarchen durchzusetzen. Bismarck besaß die erforderlichen Fähigkeiten und konnte gut mit Wilhelm I umgehen – der zeitweise stur sein konnte. Nachdem jedoch Wilhelms Nachfolger Kaiser Friedrich Wilhelm III. nach weniger als hundert Tagen Regentschaft im Jahr 1888 an Halskrebs gestorben war, übernahm Wilhelm III. als dritter Kaiser des Jahres die Regierungsgeschäfte.

Die Dinge im Auswärtigen Amt begannen sich bald danach zu ändern. Der junge Kaiser vertraute Bismarck nicht unbedingt so wie sein Großvater, vielleicht weil er sich selbst für ein Naturtalent in der Außenpolitik hielt. 1890 wurde Bismarck gegen seinen Willen in den Ruhestand versetzt und durch Baron Marschall von Bieberstein ersetzt, den der alte Kanzler verspottete, indem er ihn “ministre étrange aux affairs” nannte, (FN 1) und der neue Kanzler Graf Leo Caprivi, der weder über Kenntnisse noch über Erfahrung in fremden Angelegenheiten verfügte, gab offen zu, dass er solche nicht begehre. Allem Anschein nach verstanden die neuen Mitarbeiter des Büros Bismarcks Sicherheitssystem nicht – oder hielten es für entbehrlich. Die deutsche Außenpolitik befreite sich von den Fesseln der Realität.

FN 1: Es war ein Wortspiel über „fremd“ und „entfremdet“: ein „ministre aux affairs étranges“ ist ein Außenminister, ein „ministre étrangè aux affairs“ ist ein Minister, der „entfremdet“ ist, d.h. „ahnungslos“ ” von allen auswärtigen Angelegenheiten.

Den Rückversicherungsvertrag Bismarcks, das Kernstück seiner Außenpolitik, ließ man einfach auslaufen. Der neue Außenminister erkundigte sich nicht einmal in St. Petersburg, ob der Zar eine Verlängerung des Paktes wünsche. Der verblüffte Hof des Zaren konnte Berlins Schweigen nur als ein Zeichen unerklärlicher und unvermittelter deutscher Feindseligkeit interpretieren und suchte nach einem neuen Verbündeten im Westen. Frankreich war bereit und willens.

Die nächste diplomatische Katastrophe betraf die Beziehungen zu Großbritannien. Seit dem Siebenjährigen Krieg, aus dem die Alliierten als Sieger hervorgegangen waren, waren die anglo-preußischen Beziehungen größtenteils freundschaftlich gewesen, und der gemeinsame Sieg über Napoleon bei Waterloo hatte eine besondere Verbindung geschaffen. Ab den 1890er Jahren begann das wilhelminische Deutschland jedoch einen unnötigen und ziemlich hirnrissigen Rüstungswettlauf zur See mit England, das die Abhängigkeit des Britischen Reiches von offenen Seeverkehrslinien für Handel, Kommunikation und die Verwaltung seiner Besitztümer unmittelbar bedrohte.

Als Seemacht hatte Deutschland mit Ausnahme der mittelalterlichen Hanse keine weitreichende Geschichte, denn seine geografische Lage in der Mitte des Kontinents machte eine solche Notwendigkeit zumeist überflüssig. Die Ausdehnung der französischen und britischen Kolonialreiche im 19. Jahrhundert löste in manchen deutschen Kreisen jedoch einen Wunsch nach Konkurrenz aus. Das neue Reich begann daraufhin mit der Kolonialisierung der verbliebenen Reste der Welt; jener Gebiete, die andere Mächte als zu arm empfanden hatten, um sie zu begehren. Schließlich wurden vier unbesetzte afrikanische Territorien identifiziert, erobert und mit Trommelwirbeln und Fanfaren in Besitz genommen: das heutige Togo, Kamerun, Namibia und Tansania. Darüber hinaus wurden ein Teil von Neuguinea, Samoa, Tsing-Tao in China und einige Inselarchipel im Pazifik erworben.

Diese Neuerwerbungen waren leider kein fruchtbares Land, das die Mengen zu Hause ernähren konnte; um ehrlich zu sein, waren sie überhaupt nicht sehr nützlich, es sei denn, man wolle exotische Bakterien in dem von Fiebern befallenen Kamerun züchten. Es gibt jedoch Fälle, in denen Schönheit an den Kosten oder dem Aufwand gemessen wird, um ihr Ziel zu erreichen, und dies war beim jungen deutschen Kolonialreich der Fall. Geschichtslehrer versorgten ihre Schüler mit einem fortlaufenden Strom von Vorlesungen und Predigten über das Reich von Karl V. im sechzehnten Jahrhundert, in dem die Sonne sprichwörtlich nie unterging und viele gehorsame deutsche Schüler – und ihre Eltern – entwickelten den Wunsch, den “Platz in der Sonne” zu behalten, den ihr Kaiser um jeden Preis öffentlich für das Land gefordert hatte. Logischerweise mussten diese neu erworbenen deutschen Gebiete gegen diebische Hände verteidigt werden. Dazu gehörten womöglich alle ausländischen Seefahrer, die jeden Moment in der Nähe der Küste sich vor Anker legen könnten, um Deutschland um den Nordosten Neuguineas und seiner Kannibalendörfer zu berauben – wer könne dies verhindern?

Mit der ausdrücklichen Zustimmung des Kaisers brachte der deutsche Marineminister Tirpitz ein riesiges Flottengesetz durch den Reichstag, welches es ermöglichte, in fieberhaftem Tempo immer mehr Schlachtschiffe und jede Menge kleinerer Schiffe zum Schutz der Kolonien zu bauen. Um das Programm zu verwirklichen, mussten sogar neue Werften gebaut werden, zur Verwirrung der Briten, die sich um alles in der Welt keinen Grund vorstellen konnten, warum Deutschland eine Flotte von Schlachtschiffen bräuchte – außer um die Royal Navy herauszufordern. Großbritannien suchte daraufhin Hilfe gegen diese deutsche Bedrohung und 1912, zwei Jahrzehnte später, waren Frankreich, Russland und Großbritannien in der Triple Entente zumindest defensiv verbündet, einem Bündnis gegen das wilhelminische Deutschland und seine tapferen Alliierten Österreich-Ungarn und Italien (der “Dreibund“).

Das Auswärtige Amt in Berlin hatte die Realitäten, die es schuf, offensichtlich nicht verstanden, und ermöglichte es durch seiner kaltschnäuzige Rücksichtslosigkeit Frankreich die Karte “Deutsche Dominanz Europas!” gegen die germanische Bedrohung mit großem Erfolg zu spielen. Obwohl Deutschland Industrieproduktion und Konsum schneller vergrößert hatte als jedes andere kontinentale Land und nach dem britischen Empire, aber vor den USA, die zweitgrößte Industrienation der Welt geworden war, war seine politische Kultur im Wesentlichen vormodern, fast mittelalterlich geblieben, was durch die jugendliche Unbesonnenheit des Kaisers noch verschlimmert wurde.

Wilhelm II. war mit einem verkrüppelten linken Arm geboren worden und entwickelte ein verkrüppeltes Selbstwertgefühl; sein Cousin Nikolaus II., der russische Zar, nannte ihn einst einen “schamlosen Exhibitionisten”. Der junge Monarch hatte das Talent, an jedem Ort an dem er auftrat die unglücklichsten Eindrücke hervorzurufen; seine ständigen Forderungen nach größerer Macht für Deutschland machten ihn wirklich nirgendwo populär, und, was noch schlimmer war, wurden diese Ermahnungen zu oft mit einem wesentlichen Mangel an Charme und einem völligen Mangel an diplomatischer Sensibilität erteilt.

So hatten die Bemühungen der noblen Diplomaten Wilhelms bis 1914 zur Feindschaft Großbritanniens, Frankreichs und Russlands geführt, zu größter Unpopularität in der Welt – vielleicht mit Ausnahme der Osmanen – und zu einem Wettrüsten, wie es der Globus noch nie gesehen hatte.

Wie allgemein bekannt, gibt es in der Geschichte eine Faustregel, die besagt, dass je mehr Waffen aufeinander gestapelt werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit wird, dass sie eines Tages losgehen. Sie taten es am 1. August 1914.

[36] Röhl, John C.G., The Kaiser and his Court, Cambridge University Press, ISBN 0-521-56504-9, S. 153 – 154

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Das Zweite Reich 1871 – 1918

Titelbild: Dieses Wandgemälde von Carl Steffeck von 1884 zeigt den französischen Generaladjutanten Reille bei der Überbringung der Kapitulation von Napoleon III bei der Schlacht von Sedan am 2. September 1870


Kurzes ZDF Video


Nachdem Österreich-Ungarn durch den Krieg von 1866 und die Niederlage von Königgrätz an den Rand innerdeutscher Politik gedrängt worden war, übernahm Preußen die Führung der deutschen Staaten, die noch immer mehr als ein Dutzend zählten. Auf der Karte waren die Änderungen geringfügig; die Geografie des “Deutschen Bundes” wurde durch das Verschwinden Österreichs unglücklicher Verbündeter kaum verändert. Wichtigere Änderungen traten im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der deutschen Staaten auf, insbesondere im kritischen Bereich der Zollunion. Trotz fortschreitender Industrialisierung, in der direkte Steuern immer wichtiger wurden, waren Zölle nach wie vor ein großer Teil der staatlichen Einkommen.

Linguistische Karte um 1870
Linguistische Karte um 1870 mit den Grenzflüssen des “Liedes der Deutschen” von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, geschrieben am 26. August 1841

Der Deutsche Zollverein war im 19. Jahrhundert stetig gewachsen, ausgehend von seinen profanen Ursprüngen als Gemeinsamer Preußischer Zolltarif von 1828; später umfasste er die süddeutschen Königreiche Bayern und Württemberg und das Großherzogtum Baden und nachdem Österreich 1867 aus dem Bild gefallen war, trat der Großteil des Restes der deutsche Staaten bei; die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Mecklenburg und das Königreich Hannover. Im Jahr 1869 waren die geografischen Grenzen von Zollverein und Deutschem Bund nahezu identisch. Durch ein kleines Update der politischen Struktur wurde der Deutsche Bund in “Norddeutscher Bund” umbenannt; der einzig bedeutsame Unterschied war die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer im Alter von über einundzwanzig Jahren.

Erstaunlicherweise deckten die ersten Wahlergebnisse unter den neuen Bedingungen eine seltene Fehleinschätzung Otto von Bismarcks auf: Er war davon ausgegangen, dass der Sieg über Österreich am meisten seinen konservativen parlamentarischen Verbündeten zugutekommen würde, aber im  Fall der Fälle ging die Mehrheit der Sitze an seine Gegner, die Liberalen, und einige sogar an seine Todfeinde, an die Sozialdemokraten und an das katholische Zentrum. Aufgrund dieser überraschenden Pflichtvergessenheit der deutschen Wähler wurden Bismarcks weitere Pläne nun mit einigen parlamentarischen Hemmnissen konfrontiert, aber der Eiserne Kanzler erwies sich als Meister darin, solch triviale Herausforderungen zu umgehen.

Seine Überlegungen im Hinblick auf eine mögliche deutsche Einigung gingen von der Ansicht aus, dass, durch die Leidenschaften eines Krieges, die Deutschen wiederum – wie 1866 – politische Hürden überwinden könnten. Falls die südlichen Staaten, insbesondere die ausgesprochen unabhängigen Königreiche Bayern und Württemberg, zögerten, seiner Führung zu folgen, könnten der Eifer eines erneuten Krieges den Ausschlag der Waage bewirken.

Ein geeigneter Gegner und Buhmann wurde leicht identifiziert in der Person von Napoleon III., Kaiser von Frankreich.

Seit 1815 hatten keine offenen Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Preußen stattgefunden hatten, aber Bismarck – aufgrund der Erfahrungen, die er in den 1850er Jahren als preußischer Botschafter in Paris gemacht hatte – hatte  klare Ideen, welche Knöpfe zu drücken waren, um Frankreich in patriotischer Kriegsbereitschaft zu entflammen.

Napoleon III., Neffe und Nachfolger des großen Korsen, der sich 1852 zum Kaiser von Frankreich ausgerufen hatte, brauchte dringend frischen militärischen – oder auch jeden anderen Ruhm. Sein Eingreifen in Mexiko zur Unterstützung von Kaiser Maximilian hatte in einer kompletten Katastrophe geendet [1861-1867] und der Glanz der französischen Waffen  war dringend restaurierungsbedürftig. Er hatte die Entstehung Preußens als neue deutsche Zentralmacht mit Abneigung betrachtet; nicht so sehr wegen seiner Prinzipien – solche hatte er nicht – sondern weil er den Erwerb des Herzogtums Luxemburg für Frankreich gerne als Preis für seine Neutralität im Prusso-Österreichischen Krieg von 1866 gesehen hätte. Er war wütend, als Bismarck nach dem Sieg erklärte, dass, da Luxemburg nicht zu Preußen gehöre, man es nicht an Frankreich abtreten könne.

Bismarck konferierte mit Graf Helmuth von Moltke, dem Chef des preußischen Generalstabs, über die Chancen eines Preußisch-Französischen Krieges. Moltke schätzte, dass ein Erfolg wahrscheinlich sei, und Bismarck begann nach einer günstigen Gelegenheit zum Krieg, nach einem Casus Belli, zu suchen. Er musste nicht lange warten.

Otto von Bismarck, Kriegsminster von Roon und Chef des Generalstabs Graf Helmuth von Moltke (der Ältere)
Otto von Bismarck, Kriegsminster Albrecht von Roon und Chef des Generalstabs Graf Helmuth von Moltke (der Ältere)

Im Jahr 1869 war der spanische Thron wieder einmal heftig umstritten und nach langer Diskussion beschloss der spanische Kronrat, die Krone einem Vetter Wilhelms, dem Prinzen  Leopold von Hohenzollern anzubieten, aus der schwäbischen, katholischen Seitenlinie der Hohenzollern. Als die Nachricht über das spanische Angebot und die Akzeptanz des Prinzen Paris erreichte, interpretierten sowohl Kaiser Napoleon als auch seine loyalen Untertanen die Botschaft aus Madrid als Beweis für eine erneute Verschwörung Deutschlands, Frankreich zu umzingeln. Wachsamkeit und natürlich die Ehre der französischen Nation geboten, sofort die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um das geplante Verbrechen im Keim zu ersticken.

Der französische Botschafter in Preußen, Vincent Benedetti, wurde also mit dringender Botschaft nach Bad Ems geschickt, wo Wilhelm zur Kur weilte. Benedettis Mission bestand darin, zwei Forderungen Napoleons zu überbringen. Erstens müsse Prinz Leopolds Zusage sofort widerrufen werden und zweitens müsse Wilhelm, in seiner Eigenschaft als Chef der Familie Hohenzollern, eine öffentliche Erklärung abgeben, dass auf keinen Fall ein Prinz des Hauses ein spanisches Angebot annehmen werde, sollte es erneuert werden.

Die Forderungen waren, um es gelinde auszudrücken, ziemlich starker Tobak, denn Napoleon III. hatte in dieser Sache weder Anlass noch Autorität. Wilhelm ließ bestellen, dass nichts den Kaiser von Frankreich daran hindere, das Thema mit Prinz Leopold selbst zu diskutieren – dieser sei ein erwachsener Mann, und er, Wilhelm, wäre nicht seine Mutter. In Bezug auf die zweite Forderung wies Wilhelm auf seinen Mangel an Autorität hin, für zukünftige Generationen von Hohenzollern Zusagen abgeben zu können. Benedetti kabelte nach Paris, berichtete Wilhelms Antworten, und es wurde ihm befohlen, um eine zweites Audienz zu bitten und Napoleons Anfragen zu wiederholen. Solch wiederholten Anfragen waren nicht gerade guter diplomatischer Stil. Wilhelms Sekretär Heinrich Abeken fasste das zweite Interview in einem Telegramm an Bismarck zusammen:

Seine Majestät, der König, hat mir geschrieben:

Graf Benedetti hat mich auf der Promenade abgefangen und von mir in einer sehr inopportunen Manier gefordert, dass ich ihn ermächtigen sollte, sofort zu telegrafieren, dass ich mich auf ewig gebunden hätte, nie wieder meine Zustimmung zu geben, falls die Hohenzollern ihre Kandidatur erneuerten.

Ich habe diese Forderung etwas streng abgelehnt, da es weder richtig noch möglich ist, Verpflichtungen solcher Art [für immer und ewig] einzugehen. Natürlich erzählte ich ihm, dass ich noch keine Nachrichten erhalten hatte und da er über Paris und Madrid besser informiert wäre als ich, müsse ihm klar sein, dass meine Regierung in diesem Falle nicht betroffen war.

[Auf Anraten eines seiner Minister] entschied sich der König – angesichts der oben genannten Forderungen – Graf Benedetti nicht mehr zu empfangen, aber er ließ ihn von einem Adjutanten ausrichten, dass Seine Majestät mittlerweile von Leopold eine Bestätigung seines Thronverzichts erhalten habe, was Benedetti bereits aus Paris wisse, und er dem Botschafter daher nichts weiter zu sagen hätte.

Seine Majestät legt Ihrer Exzellenz (dem Adressaten) nahe, dass Benedettis neue Forderungen und ihre Ablehnung sowohl an unsere Botschafter als auch an die Presse kommuniziert werden sollten. [29]

Bismarck redigierte den Text ein wenig und leitete ihn an das französische Pressebüro HAVAS weiter:

Nachdem die Nachricht vom Verzicht des Fürsten von Hohenzollern dem Kaiser von der Königlich Spanischen Regierung mitgeteilt worden war, stellte die französische Regierung, durch den französische Botschafter in Ems, eine weitere Forderung an Seine Majestät den König; dass er den Botschafter ermächtigen sollte, nach Paris zu senden, dass Seine Majestät der König sich zu jeder Zeit verpflichte, nie wieder seine Zustimmung zu erteilen, sollten die Hohenzollern ihre Kandidatur wiederaufgreifen.

 Seine Majestät der König lehnte es daraufhin ab, den Botschafter erneut zu empfangen, und ließ ihm vom diensthabenden Adjutanten ausrichten, dass Seine Majestät keine weitere Mitteilung mehr an den Botschafter zu richten habe. [30]

Bismarcks Entwurf der Emser Depesche
Bismarcks Entwurf der Emser Depesche

Dadurch bekam die Botschaft einen neuen Twist:

Er (Bismarck) schnitt Wilhelms versöhnliche Phrasen aus und betonte die eigentliche Frage. Die Franzosen hatten Forderungen unter Androhung von Krieg gestellt und Wilhelm hatte sie abgelehnt. Dies war keine Fälschung; es war die klare Wiedergabe der Fakten. Sicherlich erweckte die Bearbeitung des Telegramms, das am Abend desselben Tages (13. Juli) an die Medien und die ausländischen Botschaften veröffentlicht wurde, den Eindruck, dass Benedetti etwas zu fordernd war und der König äußerst abrupt. Sie sollte den Franzosen den Eindruck vermitteln,  König Wilhelm I. habe Graf Benedetti beleidigt – andersherum interpretierten die Deutschen das modifizierte Telegramm so, dass der Graf ihren König beleidigt habe. …

Die französische Übersetzung der Agentur Havas änderte die Forderung des Botschafters („il a exigé“ – ‘er hat gefordert’) in eine Frage um. Das deutsche “Adjutant”, was auf einen hochrangigen Mitarbeiter des Königs  (Aide-de-camp) verweist, wurde nicht übersetzt, sondern auf Französisch belassen, wo es nur einen Unteroffizier (Adjudant) bedeutet – was darauf hindeuten sollte, dass der König den Botschafter absichtlich beleidigt hatte, indem er einen Soldaten mit niedrigem Rang auswählte, um ihm die Nachricht zu übermitteln. Dies war die Version die die meisten Zeitungen am folgenden Tag, der auch noch zufällig der 14. Juli (Feiertag der Erstürmung der Bastille) war, veröffentlichten, und damit die Franzosen glauben ließen, dass der König ihren Botschafter absichtlich beleidigt hatte noch bevor der Botschafter seine Geschichte erzählen konnte. …

Die falsche Einschätzung Frankreichs in Bezug auf seine eigene Position in der Sache entflammte die Dinge weit über das Notwendige heraus und Frankreich begann zu mobilisieren. Nach weiteren unsachgemäßen Übersetzungen und Fehlinterpretationen des Telegramms in der Presse, verlangten aufgeregte Massen in Paris den Krieg, genau wie Bismarck es erwartet hatte. Die Emser Depesche hatte nun auch in Deutschland die nationalen Gefühle aufgeputscht. Es ging jetzt nicht mehr nur um Preußen alleine; aller süddeutsche Partikularismus wurde verworfen.

Benedetti, der Beauftragte des französischen Außenministers Herzog Antoine Alfred Agénors de Gramont  für dessen sinnlose Forderungen (die Hohenzollern-Sigmaringer hatten die Kandidatur von Prinz Leopold schon am 11. Juli 1870 mit Wilhelms „voller und uneingeschränkte Zustimmung“  zurückgezogen), wurde zu einem unsichtbaren Nebendarsteller; seine eigenen Schreiben an Paris spielten keine Rolle mehr. Mit überwältigender Mehrheit stimmten Parlament und Regierung für Kriegskredite und Frankreich erklärte Preußen den Krieg am 19. Juli 1870. [31]

Genau das hatte Bismarck erwartet. In einer Reihe von geheimen Verträgen mit den süd- und mitteldeutschen Staaten seit 1866 hatte er den Grundstein für den nun eingetretenen Fall gelegt – Krieg mit Frankreich. Für den Fall, dass Frankreich Preußen den Krieg erklärte, hatten die übrigen deutschen Staaten Preußen militärische Unterstützung zugesagt. Zwei weitere Vereinbarungen, die Bismarck mit Russland und Österreich sub-rosa verhandelt hatte, sicherten deren Neutralität bei den Ereignissen, die sich nun entfalteten. Napoleon konnte keinen einzigen Verbündeten finden und die deutschen Länder, die er ursprünglich für sich hatte gewinnen wollen, marschierten nun an der Seite von Preußen, um den dritten Bonaparte zu besiegen, so wie sie den ersten besiegt hatten.

Zum ersten Mal seit der Niederlage der Türken in Wien im 17. Jahrhundert erschien eine gemeinsame deutsche Armee auf dem Feld. Der Feldzug von 1870 wurde daraufhin zur Apotheose moderner militärischer Planung, weil er weitgehend so lief wie geplant. Zum ersten Mal in einem bedeutenden europäischen Krieg wurden die Eisenbahnlinien zum Hauptmittel des Truppentransports und Koordination der Zugbewegungen der entscheidende Faktor für die richtige Anlieferung und den späteren Einsatz der Kräfte. Die Eröffnungsgefechte an den Grenzen wurden größtenteils gewonnen, so wie Moltke es erwartet hatte, und gefolgt von einem groß angelegten Stoß nach Lothringen. Die Hauptachse des Angriffs zielte auf die Maas, von deren Überquerung die Franzosen den Feind um jeden Preis abhalten mussten, denn sie war die letzte natürliche Verteidigungslinie auf dem Weg nach Paris.

Schlacht bei Sedan, 1. und 2. September 1870
Schlacht bei Sedan, 1. und 2. September 1870

Napoleon III. war selbst nach Sedan gereist, wo die französischen Truppen konzentriert waren. Moltkes Plan war es, durch die gleichzeitige Vorwärtsbewegung zweier Zangen nördlich und südlich ihrer Defensivposition die französische Armee einzuschließen und den Fluss zu verwenden, um ihren eventuellen Rückzug zu blockieren. Die Operation war erfolgreich und am 2. September 1870 mussten sich Napoleon III und die französische Armee ergeben. Zahlenmäßig wurde die Schlacht von Sedan zum größten Sieg in modernen Zeiten, der in einer einzigen Begegnung erreicht wurde; über 100.000 französische Soldaten mussten in Gefangenschaft marschieren. Die Kapitulation des Kaisers besiegelte den endgültigen Erfolg, selbst wenn die deutschen Soldaten durch Aufräumarbeiten und die langwierige Belagerung von Paris noch ein paar Monate beschäftigt blieben.

Bismarck und Napoleon nach der Schlacht von Sedan
Bismarck und Napoleon nach der Schlacht von Sedan
Der Spiegelsaal von Versailles
Der Spiegelsaal von Versailles

Am 18. Januar 1871 versammelten sich die deutschen Fürsten im großen Spiegelsaal des Schlosses von Versailles und erklärten die Gründung eines neuen “Deutschen Reiches“. Sie wählten einstimmig Wilhelm I., König in Preußen, zur neuen Würde des „Deutschen Kaisers“ [nicht ‚Kaiser von Deutschland‘]. Da das neue Staatswesen technisch gesehen nur eine „ewige“ Föderation von souveränen Fürsten war, die in verschiedener Hinsicht unabhängig blieben – wie der Vertrag es bestimmte – war und wurde das Zweite Reich nie ein zentralisierter Staat wie Frankreich oder Russland.

Das berühmte Bild Anton von Werners - Kaiserproklamation am 18. Januar 1871
Das berühmte Bild Anton von Werners – Kaiserproklamation am 18. Januar 1871
Siegesparade durch Paris am 1. März 1871
Siegesparade durch Paris am 1. März 1871
Siegesfeier in Berlin
Siegesfeier in Berlin

Doch schon bald traten Mängel in Bismarcks großem Entwurf auf, der treffend als “Revolution von oben” bezeichnet wird. Die Vereinigung war nicht auf den Willen des deutschen Volkes zurückzuführen, sondern auf einen Bund von 36 deutschen Fürsten, die sich zwar einig waren, einen von ihnen zum Kaiser zu erheben, aber sonst in wenig anderem. Die deutsche Bourgeoisie hatte nicht erreichen können, was den Bürger der Vereinigten Staaten, Englands oder Frankreichs zugesichert worden war, nämlich politische Emanzipation: nicht aus Mangel an Versuchen, sondern durch die blutige Niederschlagung der Reformbewegung von 1848. Die Bemühungen der deutschen Bevölkerung waren zusammengebrochen in den Horrorbildern von Soldaten, die auf ihre eigenen Familien schossen und erstickt durch den Terror politischer Polizei. Diese schrecklichen Erfahrungen dürfen keinesfalls unterschätzt werden: zusammen mit den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, die noch tief im volkstümlichen Unterbewusstsein lebten, erklären sie vieles von der politischen Apathie, die vor 1871 in Deutschland herrschte. Für die Bourgeoisie verstärkte Bismarcks “Revolution von oben” nur das Gefühl, von politischen Entscheidungen ausgeschlossen zu sein. Peter Watson erklärt:

In einem echten Sinn und wie es Gordon Craig betont hat, haben die einfachen Menschen in Deutschland keine Rolle bei der Gründung des Reiches gespielt. “Der neue Staat war ein ‚Geschenk‘ an die Nation, zu der der Empfänger nicht befragt worden war.”  Seine Verfassung war nicht verdient oder erkämpft worden; sie war nur ein Vertrag zwischen den Fürsten der bestehenden deutschen Staaten, die ihre Kronen bis 1918 behielten.

Für unser modernes Denken hatte dies einige außergewöhnliche Konsequenzen. Ein Ergebnis war, dass das Reich ein Parlament ohne Macht, hatte, politische Parteien ohne Zugang zu Regierungsverantwortung und Wahlen, deren Ergebnis nicht die Zusammensetzung der Regierung bestimmte. Dies war alles ganz anders – und noch viel weiter rückwärtsgewandt – als was es unter den deutschen Konkurrenten im Westen gab. Die Angelegenheiten des Staates verblieben in den Händen des Landadels, obwohl Deutschland zu einer Industriemacht geworden war. Um so mehr und mehr Menschen zu den industriellen, wissenschaftlichen und intellektuellen Erfolgen Deutschlands beitrugen, desto mehr fiel es auf, dass das Land von einer sehr kleinen Gruppe traditioneller Figuren regiert wurde – ländliche Aristokraten und militärische Befehlshaber –  an deren Spitze der Kaiser selbst. Dieses Missverhältnis wurde für das politische Bewusstsein des “Deutschtums” im Vorfeld des Ersten Weltkrieges von grundlegender Bedeutung.

Es war einer der größten Anachronismen der Geschichte und hatte zwei Auswirkungen, die uns hier direkt beschäftigen. Die Mittelklasse, politisch ausgeschlossen und dennoch bestrebt, ein gewisses Maß an Gleichheit zu erreichen, griff auf Bildung und Kultur zurück, also Schlüsselbereiche, in denen Erfolge erzielt werden konnte – Gleichheit mit der Aristokratie und Überlegenheit im Vergleich zu vielen Ausländern in einer wettbewerbsfähigen, nationalistischen Welt. “Hochkultur” war daher im Kaiserreich immer wichtiger als anderswo und das ist ein Grund, warum … sie in der Zeit von 1871 bis 1933 so gut gedieh. Aber dies gab der deutschen Kultur einen eigentümlich schizoiden Ton: Freiheit, Gleichheit und persönliche Unterscheidungskraft verblieben tendenziell im “Inneren” Heiligtum” des Individuums, während die Gesellschaft oft als eine ” willkürliche, oberflächliche und häufig feindliche Welt dargestellt wurde.”

Wilhelm II

Der zweite Effekt, der sich mit dem ersten überschneidet, war ein Rückzug in den Nationalismus, jedoch  in einen klassenbasierten Nationalismus, der sich gegen die neu geschaffene industrielle Arbeiterklasse (und den erwachenden Sozialismus) richtete, gegen Juden und nichtdeutsche Minderheiten. “Nationalismus wurde als eine Möglichkeit sozialen Fortschritt mit utopischen Möglichkeiten gesehen.”

Vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Massengesellschaft betrachtete die gebildete Mittelschicht Kultur als ein Netz stabiler Werte, die ihr Leben verbesserten, sie vom “Pöbel” (Freuds Wort) abhoben und insbesondere ihre nationalistische Orientierung verstärkte. Das “Volk”, ein semi-mystisches, nostalgisches Ideal wie ganz normale Deutsche einmal gewesen wären – ein zufriedenes, talentiertes, unpolitisches, “reines” Volk – war zu einem populären Stereotyp in Deutschland geworden. [32]

Es ist wohl fast unnötig zu erwähnen, dass solche “zufriedenen, unpolitischen und reinen” Menschen” niemals außerhalb der Vorstellung von übereifrigen Geschichtsprofessoren und rassistischen Journalisten existierten. Aber der Stereotyp “Volk” funktionierte und führte zu einer Art gegen Sozialdemokratie und Katholiken gerichteten Nationalismus, der nicht wirklich gegen andere Nationen gerichtet war, sondern gegen den “inneren Feind” – Liberale, Demokraten, Sozialisten, Katholiken, Juden und so weiter – gegen deren “Internationalismus” die preußischen säkularen und protestantischen kirchlichen Behörden nie müde wurden zu warnen. Es war im Wesentlichen ein Nationalismus der oberen Gesellschaftsschichten, der versuchte, die Unterstützung der bürgerlichen Mittelschicht gegen die verschiedenen Feinde der “Kultur“zu schüren, erhalten und einzubinden. Dieser Nationalismus des Zweiten Reiches lief fast auf eine Negation der Auswirkungen der Industrialisierung hinaus, der Moderne, in gewisser Weise sogar der Aufklärung. Sein Charakter blieb mittelalterlich.

Berlin, Unter den Linden, ca. 1900

Der Kern dieses “inneren” Nationalismus formte in den Jahren nach der Reichsgründung des Nukleus der “Völkischen Bewegung“, der wir – und die Welt – mehr oder weniger den Ersten und Zweiten Weltkrieg verdanken. Sie absorbierte die “blutige Romantik” der napoleonischen Zeit [siehe dazu einen Artikel von Elke Schäfer] und wurde von der Elite später als nützliche Idioten wahrgenommen und benutzt. Nicht umsonst hatten die idealisierten Darstellungen der “Germania”, unten zwei von Philip Veit, immer Schwerter in der Hand.

Als zum Beispiel eine „Deutsche Arbeiterpartei“ in Böhmen (d. h. technisch gesehen Österreich) vor dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde, war es nicht das Ziel dieser Partei, die Sache der Arbeiterklasse voranzutreiben, wie man naiverweise annehmen könnte, sondern den Schutz und Vorrang der Interessen deutscher Arbeiter gegenüber tschechischen oder mährischen Arbeitern sicherzustellen. Das deutsche Volk blieb indes ein politisches Mündel der alten Eliten, die absolut nicht gewillt waren, die kostbare Autorität aufzugeben, die sie nach den Schocks der Revolutionen von 1789 und 1848 und der napoleonischen Kriege gerade mal so wiedergewonnen hatten. Die Verfassung, die der Adel nach seinen Bedürfnissen und Ängsten 1871 maßschneiderte, konnte man in ihrer offensichtlichen Furcht vor Demokratie und Liberalismus mit gutem Grund anachronistisch nennen.

Denn den “zufriedenen, unpolitischen und reinen” Deutschen, die das offizielle Kaiserreich beschwor, ging es nicht gut, falls sie nicht gerade als Adelige geboren waren. Die deutsche Industrialisierung ging über Leichen – Bismarcks spätere Sozialgesetzgebung entstand nicht aus seinem Herzblut für die Leiden der Arbeiterklasse, sondern waren seine minimalen Zugeständnisse, die sozialistische Revolution zu verhindern. Es gab inoffizielle Sklaverei – die Schwabenkinder – und die Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnisse in den Großstädten waren unbeschreiblich schlecht. Zwischen 1870 und 1919 wanderten alleine 3.279.021 Deutsche nach den USA aus.

Kinderarbeit
Kinderarbeit

Der verfassungsrechtliche Rahmen des Deutschen Reiches … unterschied sich in wichtigen Punkten stark von dem Großbritanniens oder Frankreich, deren unterschiedlich strukturierte, aber relativ flexible parlamentarische Demokratien ein besseres Potenzial boten, den sozialen und politischen Anforderungen gerecht zu werden, die sich aus dem raschen wirtschaftlichen Wandel ergeben.

In Deutschland wurde das Wachstum des parteipolitischen Pluralismus, der sich im Reichstag manifestierte, nicht in parlamentarische Demokratie übertragen. Mächtige Interessen – große Grundbesitzer, … das Offizierskorps der Armee, die obersten Ebene der Staatsbürokratie, selbst die meisten Reichstagsparteien setzten ihre Blockade fort.

Der Reichskanzler blieb ein Angestellter des Kaisers, der ihn jederzeit ernennen oder entlassen konnte, unabhängig von den Kräfteverhältnissen im Reichstag. Die Regierung selbst stand über dem Reichstag, unabhängig von der Parteipolitik – zumindest in der Theorie. Wichtige politische Bereiche, insbesondere die außenpolitischen und militärischen Angelegenheiten, lagen außerhalb parlamentarischer Kontrolle.

Die Macht wurde – angesichts des zunehmenden Drucks nach radikalen Veränderungen – von den bedrängten Kräften der alten Ordnung eifersüchtig bewacht. Einige von ihnen, die zunehmend Angst vor der Revolution hatten, waren sogar bereit, über Krieg nachzudenken – als eine Möglichkeit, an der Macht festzuhalten und die Bedrohung durch den Sozialismus abzuwehren. [33]

Diese Bereitschaft war jedoch nicht auf Deutschland beschränkt: die meisten reaktionäreren Monarchien des Kontinents, insbesondere Russland, aber auch Italien, Spanien und einige Balkanländer, fürchteten die Sozialisten viel mehr als die Armeen der anderen Fürsten, mit denen man sich immer arrangieren konnte. Die Gründung der Sozialistischen Internationale (SI) erwies sich als Schreckgespenst der Monarchien. Aber was auch immer die wirkliche Bedrohung durch den Sozialismus oder irgend einer anderen modernen Entwicklung bedeuten mochte, das Zweite Reich personifizierte in gewissen Hinsichten, vor allem in seinen inneren Beziehungen, einen deutlich vormodernen Charakter – als hätte sich seit 1806 nichts verändert. Man sieht es am deutlichsten in …

… der föderalen Struktur des Reiches, die den Rechten und Befindlichkeiten insbesondere der süddeutschen Bundesländer Rechnung zu tragen versuchte. Die Gründung einer badischen Gesandtschaft in Berlin und einer preußischen in Karlsruhe (der Hauptstadt von Baden) ist ein Hinweis auf den bemerkenswert “unfertigen” Charakter der Struktur des Reiches – es ist, als wäre die Entwicklung hin zu einer modernen, einheitlichen Verfassungsstruktur auf halbem Weg stehengeblieben.

Aber das föderale System des Kaiserreichs ging noch weiter: 1894 wurden auch in München und Stuttgart badische Gesandtschaften eröffnet und etwas später schlug Russland sogar vor, einen russischen Militärattaché in Bayern zu stationieren. Diese Botschaften waren nicht bloß Institutionen aus Höflichkeit, sondern repräsentierten einen wichtiger Bestandteil der politischen Struktur des Reiches, und sie waren ein Hinweis darauf, dass das kleinere Deutsche Reich (ohne Österreich), durch Krieg und Diplomatie geschmiedet, in vielerlei Hinsicht sogar nach seiner sogenannten Vereinigung mit außenpolitischen Methoden regiert wurde.

Deutsches Reich 1871 - 1918
Deutsches Reich 1871 – 1918

Ein verwandtes Problem, über das sich die badischen Gesandten häufig beschwerten, war der Fortbestand und das konstante Wachstum des Partikularismus, insbesondere in Bayern. Der aufmerksame badische Gesandte in München, Baron Ferdinand von Bodman, berichtete im Dezember 1895 aus der bayerischen Landeshauptstadt, dass “unter dem Einfluss des alles beherrschenden Hofes und der österreichisch-klerikalen (Katholischen) Partei, alle Maßnahmen … auf den Aufbau Bayerns als autarkem Staat … gerichtet sind.“ Vor allem in den beiden bayerischen Armeekorps, so Bodman, „werden das Reich und der Kaiser, sein Kopf, so weit wie möglich eliminiert.”

Graf Anton Monts, der preußische Gesandte in München, war überzeugt, dass “ein Prozess der Distanzierung von dem Reich stattfände”, so berichtete Bodman weiter. Ebenso beobachtete der kluge Arthur von Brauer, der  viele Jahre unter Bismarck gedient hatte, im Mai 1893, dass der bayerische Partikularismus enorme Fortschritte mache. Er schrieb an den Großherzog: ” … dass unter dem Einfluss der altbayerischen Partei die monströse Idee immer mehr an Boden gewinnt, dass Süddeutschland unter die besondere Hegemonie Bayerns gestellt werden sollte, so wie Norddeutschland unter die von Preußen. ” 1898 fühlte sich der Großherzog von Baden selbst gezwungen, die Reichsregierung vor einer Annäherung an die katholische Zentrumspartei zu warnen, da es das Ziel dieser Partei war “das heutige Reich zu zerstören, um eine neue Bundesverfassung mit einem katholischen Kopf an der Spitze zu schaffen.“

Ob sie nun auf einer nüchternen Einschätzung objektiver Umstände beruhten oder letztendlich nur in psychologischer Hinsicht erklärbar sind, sind solche Angstkomplexe doch von allergrößter Bedeutung für die Beurteilung der politischen Kultur des wilhelminischen Deutschland. [34]

Der Kaiser und seine Söhne

Diese Analyse von John Röhl identifiziert den einen psychologischen Faktor in der Politik des neuen Imperiums, aber es gab noch eine andere, unausgesprochene, psychologische Implikation. Das Reich, das Bismarck eine letztendlich “über eine stark fragmentierte Gesellschaft gelegte” Konstruktion genannt hatte, war eine Formel geboren aus der Notwendigkeit, der spezifischen deutschen Situation, vor allem ihrem politischen Partikularismus, Rechnung zu tragen; somit musste Nationalismus und Zusammenhalt von außen her beigebracht bzw. geschaffen werden, und zwar von oben nach unten statt von unten nach oben und durch die Menschen selber. Ausschlaggebend war für Bismarck jedoch, dass das Ergebnis akzeptabel für seinen König sein würde, anders als die Krone von 1849. Im Wesentlichen jedoch wurden einfach die neuen Kleider des Kaisers über das gleiche, alte und autoritäre preußische Regime gehängt.


Fußnoten: [29] [30] [31] Heinrich Abeken, Otto von Bismarck – Emser Depesche siehe Wikipedia

[32] Watson, Peter, The German Genius, Harper Collins 2010, ISBN 978-0-06-076022-9, S. 112 – 113

[33] [34] Röhl, John C.G., The Kaiser and his Court, Cambridge University Press, ISBN 0-521-56504-9, S. 112 – 113 und 153 – 154

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Die Neue Ostpolitik ab 1969

Bundestagsdebatte mit Willy Brandt und Walter Scheel
Bundestagsdebatte mit Willy Brandt und Walter Scheel

Video (Deutsche Welle)

Video: Interview mit Egon Bahr

Website des Autors (Dokumente zur Deutschen Geschichte): Die Tutzinger Dokumente zur Ostpolitik und 20 Seiten Historische Einführung


Die Gebiete östlich von Oder und Neiße, als auch Schlesien und was später West– und Ostpreußen genannt wurde, waren im Verlauf der europäischen Geschichte immer umstritten. Dies lag zum Großteil an der Diskontinuität der Besitzverhältnisse und der Instabilität polnischer Herzogtümer, die eine Konsolidierung geregelter Suzeränität behinderten. Vor der Entwicklung der Nationalstaaten wurde das gesamte Gebiet mehr oder weniger als Teil des Reiches betrachtet, um das deutsche Könige, die Habsburgs und polnische Fürsten stritten.

Alles nicht so einfach ...-Maria Theresia und Friedrich der Große
Alles nicht so einfach … Maria Theresia und Friedrich der Große

Der Ausgang des Zweiten Weltkriegs schuf, durch die normative Kraft des Faktischen, neue geografische Realitäten. Die Kubakrise von 1962 hatte der Welt die Gefahren eines atomaren Konflikts klargemacht, der während des Kalten Krieges nur mühsam verhindert werden konnte. Eine Entschärfung dieses Konfliktpotentials musste erreicht werden, jedoch passte die Lagerbildung beiden Supermächten ganz gut ins Konzept – die Feindbilder waren klar.

Die Ostpolitik der BRD – als durch die Teilung am stärksten betroffenes Land – war, bis in die frühen 1960er Jahre, im Wesentlichen auf die ständige Wiederholung von Phrasen und gegenseitigen Schuldzuweisungen an UdSSR und “DDR” (wie die Springerpresse sie nannte) beschränkt und so überrascht es nicht, dass die wenigen diplomatischen Initiativen kaum Ergebnisse brachten. Alternativen, die konstruktiv im Rahmen des Ost-West-Konflikts auf Ausgleich mit der Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten zielten, wurden ab 1963 von Willy Brandt und Egon Bahr der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt.

Willy Brandt und Egon Bahr
Willy Brandt und Egon Bahr

Dieses als “Neue Ostpolitik” bezeichnete Konzept umschrieb eine Verständigungspolitik durch die Umsetzung des von Egon Bahr,
ostpolitischen Vordenkers der SPD und 1972 und 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben, entwickelten Prinzips des „Wandels durch Annäherung“ für den Umgang der Bundesrepublik mit der Deutschen Demokratischen Republik, der UdSSR und den osteuropäischen Nachbarstaaten.

Das Konzept wurde 1963 bei einer weltweit beachteten außenpolitischen Konferenz in der Evangelischen Akademie Tutzing vorgestellt.
Im Folgenden ein Abriss über die Entwicklung der neuen deutschen Ostpolitik: im deutschen Original (dieses einschließlich des Anhangs, Bibliografie und den Verzeichnissen – für diejenigen, die nachprüfen wollen) und in englischer Version.

Einführung in die Neue Ostpolitik
Einführung in die Neue Ostpolitik

Nach der Bundestagswahl 1969 wurde die Große Koalition aus CDU, CSU und SPD von der sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP abgelöst, und der neue Bundeskanzler Willy Brandt und Außenminister Walter Scheel begannen, die neuen Thesen umzusetzen. Die öffentliche Reaktion der Konservativen war, erwartungsgemäß, virulent negativ, obwohl, wie im Text beschrieben, auch die CDU längst die Zeichen der Zeit erkannt hatte.

Nach langen Diskussionen stimmten Bundestag und Bundesrat schließlich – hauptsächlich durch Stimmenthaltung der Union – den Ostverträgen zwischen 1970 und 1973 zu.

Unterzeichnung des Moskauer Vertrages 1970
Unterzeichnung des Moskauer Vertrages 1970

Aus den Verhandlungen erwuchs schließlich die KSZE, die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – ursprünglich ein Vorschlag des Warschauer Paktes – die grundlegende Bedeutung für die Entspannung und die weitere politische Entwicklung Europas bis zu den Ereignissen von 1989 bis 1991 bekommen sollte.

Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki mit Helmut Schmidt, Erich Honecker, Gerald Ford und Bruno Kreisky, August 1975.
Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki mit Helmut Schmidt, Erich Honecker, Gerald Ford und Bruno Kreisky, im August 1975

Website des Autors (Dokumente zur Deutschen Geschichte): Die Tutzinger Dokumente zur Ostpolitik und 20 Seiten Historische Einführung

(© John Vincent Palatine 2019)

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Armeereformen nach 1871

Attacke Preußischer Infanterie in der Schlacht von Hohenfriedberg 1745
Attacke Preußischer Infanterie in der Schlacht von Hohenfriedberg 1745

Video: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71


Nach der langanhaltenden Friedensperiode, die dem Berliner Kongress von 1878 folgte, brachten die ersten Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts neue bewaffnete Konflikte in die Schlagzeilen  –  den Russisch-Japanischen Krieg von 1905/06 und die Balkankriege 1912/13. Nicht zufällig startete die Konstruktion des neuen britischen Schlachtschiffes „Dreadnought“ im Jahr 1906 eine neue Runde maritimen Wettrüstens, denn durch ihr innovatives Design wurden alle älteren Schlachtschiffe mit einem Schlag zu Alteisen – alle Nationen fühlten sich befleißigt, alsbald Schiffe dieses neuen Typs anzuschaffen und die Zähler der Schlachtschiffe aller Nationen waren praktisch auf null zurückgestellt worden. An Land führten drei Veränderungen dazu, dass der größte Teil der Kriegskunst Napoleons und Wellingtons eingemottet werden musste: 1. die Erfindung des Generalstabs, 2. die numerische Vergrößerung der Armeen durch die Wehrpflicht und 3. die fortschreitende industrielle und technologische Entwicklung. Letztere fand hauptsächlich in der Geschütztechnik statt, in der das Hinterlader- bzw. Verschlussgewehr, das Maschinengewehr und die Panzerung durchdringende Hohlladung erfunden wurden. Inzwischen hatte die Eisenbahn die Mobilität der Truppen revolutioniert und der elektrische Telegraf brachte eine fast sofortige Kommunikationsform auf das Schlachtfeld.

Schlachten im 20. Jahrhundert
Schlachten im 20. Jahrhundert

Das schnelle Bevölkerungswachstum aufgrund verbesserter Landwirtschaft ermöglichte die Aufrechterhaltung größerer stehender Armeen mit günstiger zu produzierenden Massenwaffen. Wo früher Tausende gekämpft hatten, zogen nun Zehntausende oder Hunderttausende in die Schlacht. John Keegan (“The First World War”, Vintage Books 2000, ISBN 0-375-40052-4361) fasst die Veränderungen dieser Jahre zusammen:

Die internationale Politik, die damals ihre hauptsächliche Bedeutung in Europa hatte, war in der Tat in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts nicht von der Suche nach verlässlichen Mitteln zur Abwendung von Konflikten motiviert, sondern von dem uralten Streben nach eigener Sicherheit in militärischer Überlegenheit. Dies bedeutete, wie der Zar 1899 in der ersten Internationalen Abrüstungskonferenz in Den Haag so eloquent warnte, dass immer größere Armeen und Flotten eingesetzt werden würden, mehr und schwerere Geschütze erworben und stärkere und breitere Gürtel von Grenzbefestigungen erbaut werden würden.

Befestigung war jedoch bei den fortgeschrittenen Militärdenkern in Europa seit den Erfolgen schwerer Artillerie bei den jüngsten Angriffen auf Mauerwerk und Beton – wie in Port Arthur während des Russisch-Japanischen Krieges von 1905/06 – intellektuell aus der Mode. Kanonen hatten einen entscheidenden Vorteil gegenüber Panzerung erzielt.

Es wurde daher angenommen, dass der Vorteil von der statischen Verteidigung auf die mobile Offensive übergegangen war, die sich durch großangelegte Infanteriemanöver mit Unterstützung mobiler Feldwaffen und größtmöglicher Geschwindigkeit über das Schlachtfeld definierte. Es wurde jedoch immer noch angenommen, dass Kavallerie eine große Rolle spielen würde –  die in den europäischen Armeen reichlich vorhanden war: Die deutsche Armee fügte ihrem Bestand in den Jahren vor 1914 dreizehn Regimenter Jäger zu Pferde hinzu; auch die Franzosen, Österreicher und Russen dehnten ihre berittenen Kräfte aus.

Es waren die zahlreiche Infanteristen, die mit neuen Sturmgewehren ausgerüstet wurden, in kollektiven Taktiken trainiert wurden und vor allem zu akzeptieren lernten, dass die Verluste hoch sein würden bis eine Entscheidung fiel, auf die die Generäle zählten, um den Sieg zu erringen.

Die Bedeutung verbesserter Feldbefestigungen – die schnell aufgeworfenen Verschanzungen, die den Angreifern an den Flüssen Tugela und Modeer während des Burenkrieges, in der Mandschurei während des russisch-japanischen Krieges und an der Front von Chatalja während des Zweiten Balkankrieges so schwere Verluste zugefügt hatten – wurde bemerkt, aber als unerheblich abgetan. Angesichts einer gut geführten und motivierten Infanterie, glaubten europäische Militärtheoretiker, könne keine Linie aus improvisierten Gräben gegen sie gehalten werden.

Unter den großen industrialisierten Staaten Europas florierte daher in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts eine Industrie der Aufstellung, Ausbildung und Ausrüstung von Soldaten. Seit dem Triumph der Preußischen Armee aus Wehrpflichtigen und Reservisten über die Österreicher im Jahre 1866 und die Franzosen im Jahre 1870 hatten alle führenden europäischen Staaten die Notwendigkeit akzeptiert, ihre jungen Männer militärischer Ausbildung zu unterziehen und sie, sobald sie ausgebildet wurden, zu verpflichten, bis zu ihren mittleren Jahren als Reservisten zur Verfügung zu stehen. Nur Großbritannien, Insel und Seemacht, blieb die Ausnahme.

Das Ergebnis dieser Politik war die Schaffung enormer Armeen dienender und potenzieller Soldaten. In der deutschen Armee – Vorbild für alle anderen – verbrachte ein Wehrpflichtiger die ersten beiden Jahre seines vollen Erwachsenenalters in Uniform in der Grundausbildung – die einem Gefängnis, überwacht von allzeit präsenten Unteroffizieren, ziemlich nahe kam. In den ersten fünf Jahren nach seiner Entlassung musste er zu jährlichen Manövern in die Reserveeinheit seines Regiments zurückkehren. Dann wurde er bis zum Alter von neununddreißig Jahren zum Dienst in einer Einheit der Sekundärreserve oder Landwehr verpflichtet; danach, bis zum Alter von fünfundvierzig Jahren, in der Reserve der dritten Linie, dem Landsturm. Im Effekt bedeutete dies, in der europäischen Zivilgesellschaft eine zweite, normalerweise unsichtbare, millionenstarke Militärgesellschaft von Männern zu unterhalten, die ein Gewehr geschultert hatten, im Schritt marschiert waren, die verbale Peitsche der Anweisungen von Sergeanten gefühlt hatten und gelernt hatten, Befehlen zu gehorchen.

Die Zeiten, in denen Könige zu Pferde in den Krieg geritten waren und ihre Vasallen anführten, waren vorbei – der moderne Krieg wurde zu einem industriellen Massenprodukt. Die schiere Zahl der Kombattanten wuchs um das Zehnfache oder mehr.

Die Dimensionen der Militarisierung Europas im 19. Jahrhundert ist mit Mitteln, die seine psychologischen und technologischen Dimensionen sowie das schiere Ausmaß erfassen, schwer zu vermitteln. Der Umfang selbst ist kaum fassbar. Etwas von seiner Größe kann man vermitteln, indem man Friedrich Engels die militärische Organisation der unabhängigen norddeutschen Stadtstaaten, in denen er seine kaufmännische Lehre in den 1830er Jahren absolvierte, mit den Kräften vergleichen lässt, die dieselben deutschen Militärbezirke dem Kaiser des vereinten Deutschen Reiches am Vorabend des Ersten Weltkriegs zur Verfügung stellten.

Engels Zeugnis ist bedeutsam. Als ein Vater marxistischer Theorie kam er nie von der Ansicht ab, dass die Revolution nur dann Erfolg haben könnte, wenn es dem Proletariat gelänge, die Streitkräfte des Staates zu besiegen. Als junger Revolutionär setzte er daher seine Hoffnungen auf diesen Sieg des Proletariats in der Barrikadenschlacht; als alter und zunehmend entmutigter Ideologe versuchte er sich selbst davon zu überzeugen, dass das Proletariat – bis dahin Opfer der europäischen Wehrpflichtgesetze – sich selbst befreien werde, indem es die Armeen des Staates von innen her unterwandere.

Der Übergang von den Hoffnungen der Jugend zu den Zweifeln des Alters lässt sich am besten anhand der Veränderungen der Truppen der Hansestädte zu seinen eigenen Lebzeiten nachvollziehen.

Im August 1840 ritt er drei Stunden von seinem Büro aus, um die kombinierten Manöver der Armeen von Bremen, Hamburg, Lübeck und Oldenburg zu beobachten. Zusammen bildeten diese kräftemäßig ungefähr ein Regiment – sagen wir, großzügigerweise, 3000 Mann stark. In seinem Todesjahr 1895 stellten dieselben Städte den größten Teil der 17. und einen Teil der 19. Division der deutschen Armee, zusammen mit einem Kavallerie- und Artillerie-Regiment – also mindestens eine Vervierfachung der Kräfte. Diese Zahl berücksichtigt jedoch nur die aktiven Truppen, die gerade unter Waffen stehenden Wehrpflichtigen. Hinter diesen aktiven 17. und 19. Divisionen standen die 17. und 19. Reserve-Divisionen, zu denen die Hansestädte bei einer Mobilisierung ebenso viele Reservisten – ausgebildete ehemalige Wehrpflichtige – beisteuern würden. Und hinter diesen Reserveabteilungen stand die Landwehr von älteren Ex-Wehrpflichtigen, die 1914 wiederum die Hälfte einer weiteren Division bereitstellen würden. Zusammengenommen stellten diese Einheiten eine mindestens zehnfache Steigerung der militärischen Kräfte zwischen 1840 und 1895 dar und übertrafen das aktuelle Bevölkerungswachstum bei weitem.

Darüber hinaus sind diese Zahlen unter der Voraussetzung zu betrachten, dass Deutschland nur 55 % der jährlichen Altersklasse zum Wehrdienst einzog – hauptsächlich Bauernjungen, die weder von Sozialismus noch von Großstadtliberalismus geprägt waren – während Frankreich aufgrund seiner geringeren Bevölkerung und niedrigerer Geburtenrate fast 90 % seiner Jugend einberufen musste. Diese oben von John Keegan beschriebene Politik machte die Millionenarmeen von 1914 bis 1918 möglich, was wiederum die Entwicklung völlig neuer Versorgungssysteme und die Massenproduktion von Waffen und Munition erforderlich machte. Mehr als fünfunddreißig Millionen Männer mussten im Ersten Weltkrieg kämpfen, von denen etwa zehn Millionen von den neuesten Erzeugnissen der Kriegsgewinnler – Schneider-Creusot, Skoda, Krupp und  Enfield, der fruchtbaren europäischen Stahlindustrie –  getötet wurden.

Eine noch entscheidendere Metamorphose trat in der “Wissenschaft” des Krieges auf. Das Jahrhundert des wissenschaftlichen Fortschritts und der Industrialisierung brachte die Durchführung eines Krieges auf ein neues, effektiveres Niveau und die Visionen der alten Generäle wurden durch genaue Berechnungen ersetzt. Im frühen 19. Jahrhundert erfand Preußen den “Generalstab”, ein Konzept, das später von allen Staaten übernommen wurde. Diese Idee ermöglichte eine enorme Verbesserung der jahrhundertealten Bemühungen bei der Formulierung und Durchführung von Kriegsplänen, wie sie hier von John Keegan vorgestellt werden:

Armeen machen Pläne. Alexander der Große hatte einen Plan für die Invasion des Perserreiches – die Armee des Kaisers Darius zur Schlacht zu zwingen und ihn töten oder gefangenzunehmen. Hannibal hatte einen Plan für den Zweiten Punischen Krieg: um sich Roms Kontrolle des Mittelmeers zu entziehen, verlegte er die karthagische Armee über den kurzen Seeweg nach Spanien, überquerte die Alpen – jeder erinnert sich an die Geschichte mit den Elefanten – und stellte sich den Legionen in ihrer Heimat.

Philipp II. hatte einen Plan um 1588 den Krieg gegen England zu gewinnen: die Armada den Kanal hinaufsegeln lassen, die spanische Armee, die gerade gegen seine aufständischen niederländischen Untertanen kämpfte, einzuladen und in Kent zu landen. Marlboroughs Plan 1704 Holland zu retten, bestand darin, die französische Armee am Rhein entlang ziehen zu lassen und erst dann gegen sie zu kämpfen, als die Entfernung von ihren Stützpunkten ihre Niederlage möglich machte.

Napoleon machte fast in jedem Jahr seines strategischen Lebens
einen Plan: 1798 eröffnete er eine zweite Front gegen seine europäischen Feinde in Ägypten, 1800, um Österreich in Italien zu besiegen, 1806, für einen Überfall Russlands, 1808, um Spanien zu erobern, 1812, um Russland aus dem anhaltenden Krieg zu entfernen. Die Vereinigten Staaten hatten 1861 einen Plan, den Anaconda-Plan, der den rebellischen Süden durch Blockade der Küsten und die Blockade des Mississippi einschränken sollte. Napoleon III. hatte sogar einen Plan für seinen katastrophalen Krieg gegen Preußen im Jahr 1870: er plante nach Süddeutschland vorzudringen und die nicht-preußischen Königreiche gegen Berlin zu wenden.

Der Großteil vormoderner Kriegsplanung wurde auf Ad-hoc-Basis erstellt, wenn sich eine Gelegenheit bot oder eine Invasion abgewehrt werden musste. Kommandeure, die ihre Kampagnen gründlich geplant hatten, erwiesen sich daher häufig als Favoriten des Schlachtenglücks – Alexander, Caesar und Karl der Große sind Beispiele. Bis zu einem gewissen Grad konnte Erfolg geplant werden. Das Aufkommen der französischen “Bürgerarmee” nach der Revolution von 1789 und die daraus resultierenden Koalitionen und napoleonischen Kriege lösten jedoch nicht nur die Spaltung der Armeen in „Divisionen“ aus, um Bedrohungen an mehreren Fronten entgegenzuwirken oder Flankenmanöver durchzuführen, sondern stellten die Planung des Krieges auf wissenschaftliche Grundlagen – die sorgfältige Arbeit des zukünftigen Generalstabs, die in Keegans oft zitierten Worten die Kriegsplanung rationalisieren würde: „Kurz gesagt, Pläne, die nach Belieben entworfen worden waren, wurden in eine Schublade gesteckt und herausgezogen, falls die Eventualität zur Realität wurde.“ Der Generalstab wurde in Preußen erfunden und revolutionierte die Durchführung moderner Kriege. Max Boot („War Made New“, Gotham Books 2006, ISBN 1-592-40222-4) führt das Thema wie folgt ein:

Wie so viele militärische Renaissancen hatte der Aufstieg Preußens seinen Ursprung in einer Niederlage. Bei den Schlachten von Jena und Auerstaedt im Jahre 1806 zerschmetterte Napoleon die preußische Armee und zerstörte alle Mystik der Tage Friedrichs des Großen. Die französische Armee marschierte daraufhin in Berlin ein und verwandelte Preußen in einen Klientelstaat. Die Erinnerung an diese Demütigung wurde sieben Jahre später ausgelöscht, als Preußen 1813 im Verbund mit Österreich, Russland und Schweden Napoleon bei der epischen Schlacht der Nationen bei Leipzig besiegte.

Jena hatte einer ganzen Generation von Preußen die verrotteten Grundlagen des altpreußischen Staates gezeigt. In den Jahren nach 1806 wurden Reformen durchgeführt; darunter die Befreiung von Leibeigenschaft, die Emanzipation der Juden, die Stärkung der Regierungsbürokratie und die Schwächung der mittelalterlichen Handelszünfte. Diese Reformen wurden besonders im militärischen Bereich von Bedeutung.

Die Generalüberholung der Armee wurde von zwei Offizieren, General Gerhard von Scharnhorst und Graf August von Gneisenau, geleitet, die die Truppen Friedrichs des Großen, gebildet aus Aristokraten und Söldnern, durch eine Volksarmee nach französischem Vorbild ersetzen wollten. Sie stellten die Anwerbung von Ausländern ein und führten eine allgemeinen Wehrpflicht ein, der es den Reichen nicht erlaubte Ausnahmen zu kaufen.

Sie schufen auch eine Bürgermiliz namens Landwehr und beträchtliche Reservekräfte. Nach 1813 verpflichtete die Armee jährlich vierzigtausend Mann zu dreijährigem aktiven Dienst. Nach dem Ausscheiden verblieben die Männer weitere zwei Jahre in der Reserve und vierzehn Jahre in der Landwehr. Um 1850 hatte Berlin rund eine halbe Million ausgebildeter Soldaten zur Verfügung.

Und in zunehmendem Maße waren diese Soldaten nicht mehr die ignoranten Bauern der Vergangenheit. Unter der Leitung von Baron Wilhelm von Humboldt gründete Preußen ab 1809 das erste und beste öffentliche Bildungssysteme der Welt, welches Grundschulen für alle, Sekundarschulen für viele und eine Universitätsausbildung für die Elite umfasste. …

Für die Ausbildung des Korps der Unteroffiziere, Korporale und Sergeanten, die das Rückgrat der preußischen Armee bilden würden, wurden spezielle Schulen eingerichtet.

So wichtig die Reformen von Scharnhorst und Gneisenau für die Basis waren, so bedeutsam wurden sie auch für das Offizierskorps. Ihr Ziel – bei dem sie nur zum Teil erfolgreich waren – war es, den Würgegriff der Junker-Aristokratie („herzlose, hölzerne, halbgebildete Männer“, nannte sie ein Reformer) auf die Führungspositionen der Armee zu brechen. Verdienst, nicht Geburt, sollte das wichtigste Kriterium für die Auswahl der Offiziere werden – viele alte Kriegshelden wurden pensioniert und jeder Offizier, der fürderhin eine Beförderung beantragte, wurde dazu gezwungen, eine Prüfung zu bestehen. Militärische Akademien und Stabshochschulen wurden für die Ausbildung der Offiziere eingerichtet. Die erste war die Kriegsakademie, deren berühmtester früherer Leiter Carl von Clausewitz war, der Autor der klassischen Einführung in die Militärphilosophie „Vom Krieg“. Unter der Leitung von Clausewitz und seinen Kollegen wurde das Soldat sein zum Beruf und nicht zum Zeitvertreib für den Adel.


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Warum Revolutionen ihre Kinder fressen …

Lenin bei einer vorrevolutionären Rede auf dem Sverdlov-Platz in Moskau – Leon Trotzki (rechts in Uniform), der Held der nachfolgenden Revolution und Lew Kamenew, hinter ihm, wurden später zu Unpersonen erklärt und bis 1991 aus allen Versionen dieses Fotos wegretuschiert …

“Die Revolutionäre von heute sind die Konservativen von morgen.” © Gerald Dunkl (*1959), österreichischer Psychologe und Aphoristiker

Artikel mit Beispielen von "Unpersonen"
Artikel mit bekannten Beispielen von “Unpersonen”
Metamorphose einer Fotografie

“Mit allen Fasern revoluzzerte der Mensch M. in der Bewegung mit. Erst als er die neuen Fesseln verspürte, atmete er erleichtert auf.” © Martin Gerhard Reisenberg (*1949), Diplom-Bibliothekar und Autor

Französische Revolution
Die Ikone der modernen Revolution – die Französische Revolution von 1789 – endete in den Napoleonischen Kriegen

Politik – und daher auch die Geschichte – bedient sich notwendigerweise eines Bereichs sorgfältig gehegter und gepflegter, aber unangenehm ungenauer Schlagworte und Definitionen – nicht zuletzt deshalb, weil es sich viel zu häufig als notwendig erweist, sich von gestrigen Verpflichtungen, Verlautbarungen oder Bestimmungen zu distanzieren, die morgen – oder schon in der nächsten Minute – einer Korrektur oder Neuinterpretation bedürfen.

Schon über den wohlfeilen Begriff „Freiheit“ kann man – und sind – ebenso wohlfeile, lange Bücher geschrieben worden. Hier wollen wir kurz eine andere Begrifflichkeit ansprechen.

„Konservativ“ oder „Konservatismus“ ist einer der beliebtesten Schlagworte im politischen Vernakular – aber sehen wir uns doch die Etymologie, den inhärenten Relativismus und die tatsächlich rotative Konnotation des Begriffs etwas genauer an als die oberflächliche Verwendung im allgemeinen Sprachgebrauch.

Die Deutsche Revolution 1848-49
Die Deutsche Revolution 1848-49

Es leitet sich natürlich aus dem lateinischen “conservare” bzw. „preservare“ ab. “Servare” ist das Stammwort für “Servus”, den Diener, und bedeutet im Wesentlichen “dienen” oder “verwenden” auf transitive Weise – etwas, das wie im englischen Wort “serviceable” verwendet werden soll oder zu etwas dient. Das Präfix “con” hat die Grundbedeutung von “zusammen” (“zusammen mit”, genauer), und wir könnten es in diesem Kontext im Wesentlichen als “etwas, das (gut) dient” übersetzen, eine Idee, die sich schnell zur Vorstellung von etwas entwickelt hat, das gut dient und deshalb behalten werden sollte.

Dies ist die oberflächlichere Art und Weise, wie es allgemein verwendet wird, um auf politischer Ebene eine bestehende Struktur zu bezeichnen, die aufgrund ihrer Verdienste beibehalten werden sollte.

Dies ist natürlich das klassische Argument des Besitzers – nicht des Aspirators – und hier sehen wir, dass es tatsächlich eine grundsätzlich rotative Konnotation impliziert.

Denn der Revolutionär jeder Art – sobald er oder sie das Ziel erreicht hat – muss sich sofort der Bewahrung der neuen Errungenschaft verschreiben und selbst zu einem “Conservator” werden.

So werden Revolutionäre zu gegebener Zeit immer zu Konservativen – vielleicht erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, dass der industrielle Konservatismus unserer Zeit einst eine Revolution gegen das Feudalsystem war – die Lehnsherrschaft.

Darin liegt auch der Grund für das alte Sprichwort, dass alle Revolutionen ihre eigenen Kinder verschlingen – siehe Trotzki, Danton, Robespierre und all die anderen. Über die moderne, umgekehrte Instrumentalisierung des Terrors durch selbst ernannte “Konservative”schrieb F. Fürstenberg schon 2007 in der New York Times unter “Bush’s Dangerous Liaisons” (PDF hier), im Zusammenhang mit der Französischen Revolution – auch zur Etymologie des Wortes “Terrorist”:

… The word was an invention of the French Revolution, and it referred not to those who hate freedom, nor to non-state actors, nor, of course, to ‘Islamofascism’. A ‘terroriste’ was, in its original meaning, a Jacobin leader who ruled France during La Terreur.

Die Französische Revolution bleibt das klassische Beispiel für Revolutionen, die sich ihrer eigenen Gründer und Hauptbeteiligten entledigten. Die Herrschaft des Terrors begann, nach einer Übergangsphase, mit der Hinrichtung des Adels und des Königs. Dann erweiterte sich der Kreis gegen Tausende von Verdächtigen, die der Feindschaft gegenüber der Revolution verdächtig waren. Die Jahre der Monarchie endeten schließlich mit der Hinrichtung des Königs und der säkularen Französischen Republik.

Die exekutive Gewalt wurde einem Ausschuss für Öffentliche Sicherheit übertragen, und Maximilien Robespierre, der Anführer der Jakobiner, als Leiter eingesetzt. In einer Zeitspanne von nicht mehr als sieben Wochen schaffte es das löbliche Gremium, rund 1300 Menschen auf die Guillotine zu schicken. Man muss allerdings zugeben dass, in poetischer Gerechtigkeit, auch Robespierre und sein Intimfeind Danton ihre Köpfe dort verloren.

Die Niederschlagung 1849
Die Niederschlagung 1849

Hinrichtung war natürlich das probate Mittel, die physische Existenz der Widersachers zu negieren, aber die Nemesis der Erinnerung bleibt. Schon die alten Römer kannten die „Abolitio nominis“ – die „Abschaffung des Namens“ heute meist als „Damnatio memoriae“ bezeichnet – die demonstrative Tilgung des Andenkens an eine Person.

Interessanterweise kennen wir praktisch die Namen aller Personen, die dieser Damnatio verfielen – was auf die Untauglichkeit der Praxis hinweist. Ebenso erging es der UdSSR und ergeht es ihren Nachahmern … aber das Grundproblem bleibt – der radikale Interessenwandel des Revolutionärs zum Erhalter des Status Quo … der, eher volens als nolens, nun die Gegner dieses Status “terrorisiert” …


Revolution: in der Politik ist dies ein plötzlicher Wechsel in der Form der Mißregierung.” Ambrose Gwinnett Bierce (1842 – 1914), genannt Bitter Pierce, US-amerikanischer Journalist und Satiriker; Quelle: Bierce, Des Teufels Wörterbuch (The Cynic’s Word Book), 1906 (1909 als »Devil’s Dictionary« in ›Collected Works‹, Vol. 7)

(© John Vincent Palatine 2019)

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Wilhelm II und die Leichtigkeit des Seins

In vollem Ornat – Wilhelm II

Videos: I. Christina Croft und ihr Buch über Wilhelm II. Originalaufnahmen III. Truppenparaden IV: Kolorierte Fotos


In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts konnte sich das Deutsche Reich durchaus glücklich schätzen – die Industrialisierung schritt voran, erste Sozialgesetzgebung wurde initiiert und der Berliner Kongress von 1878 hatte die wesentlichen politischen Spannungen in Europa beigelegt. Deutsch war die Sprache der Wissenschaft weltweit und nach dem Sieg von 1870/71 war das Reich auch militärisch gesichert. Das große Problem lag in der Verfassungswirklichkeit, d.h. der Führung.

Die altmodischen, fast mittelalterlichen, auf die Person des Monarchen zentrierten Verfassungsbestimmungen, unter denen das Kaiserreich existierte, waren einem modernen Staat höchst abträglich.

Wilhelm im Alter von 21
Wilhelm im Alter von 21

Die Regierung der vor kurzem vereinten Nation hinke weit hinter der Modernisierung ihrer Wirtschaft her, schrieb Friedrich Stampfer, Chefredakteur der (noch heute existierenden) sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“. Das wilhelminische Deutschland wäre, seiner Meinung nach, das am meisten erfolgreich industrialisierte und am effektivsten verwaltete Land Europas war, aber leider auch die am schlechtesten regierte Nation in Vorkriegseuropa. Max Weber hatte das Gefühl, von einer Horde Irrer regiert zu werden. Der Fisch stank vom Kopf her und der Kopf war natürlich niemand anderes als der Kaiser selbst, Wilhelm II, König in Preußen und Deutscher Kaiser.

Er wurde am 27. Januar 1859 als erstes Kind des Kronprinzen und zukünftigen Kaisers Friedrich III und der Prinzessin Royal Victoria, der ältesten Tochter von Königin Victoria von England geboren. Zar Nikolaus II. von Russland und König Georg V. von England, zwei weitere Enkelkinder von Königin Victoria, waren seine Cousins, und er war blutsmäßig mit fast jedem anderen regierenden Haus des Kontinents verwandt.

Leider litt er an einem Geburtsfehler, der seine aufkeimende Persönlichkeit stark beeinflusste. John C.G. Röhl, der Wilhelm in seinem Buch “The Kaiser and His Court“ [Cambridge University Press 1996, ISBN 0-521-56504-9] untersucht, stellt uns Mutter und Kind vor:

Es ist bekannt, dass Wilhelm bei der Geburt einen organischen Schaden erlitten hatte, obwohl das Ausmaß des Schadens noch immer nicht voll geklärt ist. Abgesehen von seinem nutzlosen linken Arm, der letztendlich etwa fünfzehn Zentimeter zu kurz war, litt er auch unter Wucherungen und Entzündungen im rechten Innenohr. Aufgrund dieses Zustands wurde er 1896 einer schweren Operation unterzogen, die ihn auf dem rechten Ohr fast taub machte.

Die Möglichkeit, dass er zum Zeitpunkt seiner Geburt auch einen Hirnschaden erlitt, kann nicht ausgeschlossen werden. Im Jahr 1859, in dem Wilhelm geboren wurde, wurden in Deutschland fast 98 Prozent der Babys in der Steiß- bzw. Beckenendlage tot geboren. Die Gefahr war am größten bei jungen Müttern, die ihr erstes Kind bekamen, vor allem durch die Gefahr des Erstickens, falls der Kopf des Babys die neben ihm verlaufende Nabelschnur zudrückte. Wenn die Luftzufuhr länger als ungefähr acht Minuten unterbrochen war, würde das Baby sicher sterben.

Und in der Tat war das königliche Baby, mit dem wir uns befassen, “in hohem Maße scheinbar tot”, wie es der Bericht des Arztes ausdrückte, als Wilhelm am Nachmittag des 27. Januar 1859 in die Welt kam, mehr als zehn Stunden nachdem die Wasser gebrochen waren.

Welcher Schaden auch immer in diesen Stunden an Wilhelms Gehirn entstand, es ist sicher, dass sein linker Arm nicht lokal gelähmt war, wie die Ärzte es annahmen, sondern eher als Folge einer Schädigung des Plexus brachialis, also des Nervenstrangs, der die Innervation der Schulter-, Arm- und Handmuskulatur gewährleistete – diese wurden wohl während der Endphase der Geburt aus der Halswirbelsäule gerissen.

Die Geburt war für Vicky, die Prinzessin Royal, eine schreckliche Erfahrung. Trotz der Tatsache, dass sie vorher stundenlang Chloroform eingeatmet hatte, war die Geburt extrem schmerzhaft. Sie hatte nur ein Jahr zuvor geheiratet, im Alter von siebzehn Jahren. Während der langen, komplizierten Geburt ihres ersten Kindes musste “der arme Dr. Martin” unter ihrem langen Flanellrock arbeiten, sodass der königliche Anstand gewahrt bliebe.

Vickys Reaktion auf die Geburt eines verkrüppelten Jungen war, wie es scheint, ambivalent. Wäre sie ein Junge gewesen, das erste Kind von Königin Victoria, hätte sie sich in ihrem geliebten England aufhalten können und wäre zu gegebener Zeit des Landes Souverän geworden. Nach dem Stand der Dinge stand ihr jetzt jedoch nur ein Sohn zur Verfügung um durch ihn das zu tun, was sie konnte, um das Land umzubauen, in das sie im Interesse ihres Landes geheiratet hatte

Wilhelm und seine Mutter
Wilhelm und seine Mutter

Aber dieser Sohn hatte einen verkrüppelten Arm, er war nicht besonders talentiert und demonstrierte schon sehr früh ein stürmisches, hyperaktives Temperament, das durchaus Anlass zur Sorge gab. Sigmund Freud selbst diagnostizierte Vickys Gefühl einer narzisstischen Verletzung als eine der Hauptursachen Wilhelms späterer psychologischer Störungen. 1932 schrieb er:

“Es ist üblich für Mütter, denen das Schicksal ein krankes oder anderweitig benachteiligtes Kind gegeben hat, zu versuchen es für das unfaire Handicap durch ein Übermaß an Liebe zu entschädigen. Aber in dem Augenblick vor uns benahm sich die stolze Mutter anders; sie entzog dem Kind ihre Liebe aufgrund seiner Gebrechlichkeit. Als er (Wilhelm) dann zu einem Mann von großer Macht herangewachsen war, zeigte sich in seinen Handlungen eindeutig, dass er seiner Mutter nie vergeben hatte.”

Sobald Ärzte mit “Tierbädern” und Elektroschocks auf den jungen Wilhelm losgelassen worden waren, mit Metallapparaturen und Lederriemen zum Dehnen von Arm und Nacken, sobald seine Erziehung in die Hände des nie lächelnden, nie lobenden calvinistischen Hinzpeter gelegt worden war, lag die letzte, magere Hoffnung für seine emotionale und psychische Stabilität in den Händen seiner Mutter. Aber sie war unfähig, die Verbindung bedingungsloser Liebe und Vertrauen aufzubauen, die er so dringend brauchte.

Kein Wunder, dass er sich genau zu den Elementen hingezogen fühlte, die seine Mutter gewohnheitsmäßig abwerteten – zu Bismarck, die “netten jungen Männer” der Potsdamer Garderegimenter, an die Kamarilla des “Liebenberg-Kreises”; kein Wunder, dass er glaubte, nicht genügend Hass auf England aufbauen zu können. [Schloss Liebenberg war im Besitz von Philipp zu Eulenburg]

Als Wilhelm im Alter von 29 Jahren auf den Thron kam, konnte er den ganzen Apparat der Armee benutzen, der Marine und des Staats, die ganze Arena der Weltpolitik, um seinen Wert zu beweisen. (Röhl, S. 25-26)

Die Organisationsform der Bundesregierung konzentrierte sich zu einem beinahe mittelalterlicher Grad auf die Person des Monarchen. Der Kaiser hatte das Recht auf Ernennung und Entlassung aller Bundesbeamten, vom Kanzler bis zum niedrigsten Schreiber. Obwohl die Verfassung den Kanzler “verantwortlich” gegenüber dem Reichstag machte, konnte das Parlament ihn nicht sanktionieren, und so blieb diese Verantwortung eine Formalität, bloßer Rauch ohne Feuer. Der einzig wahre politische Einfluss des Parlament war es, von seinem Recht Gebrauch machen, den Haushalt anzunehmen oder abzulehnen, aber da es dies nur in vollem Umfang tun konnte, d. h. alles oder nichts, und eine solche Ablehnung durch eine kaiserliche Notstandsverordnung leicht umgangen werden konnte, war es für den Kanzler leicht, Haushalte nach der Zuckerbrot-und-Peitsche-Methode durchzubringen, deren Ablehnung sich das Parlament nicht wirklich leisten konnte.

Veränderungen in der Person des Kanzlers konnten sich somit nur aus Situationen ergeben, in denen die Mitarbeit des Parlaments notwendig war, sagen wir, z. B. bei den Militärbudgets. Die Verfassung beließ der Krone ausdrücklich die Kontrolle über Außenpolitik und die Frage von Krieg und Frieden, und die Bundesregierung war dem Monarchen verantwortlich, nicht dem Parlament oder den Menschen. (1) Dies war äußerst bedeutungsvoll und folgenreich im militärischen Bereich, wie Fritz Fischer ausführt:

Ein weiterer Faktor, der die Position der Krone stärkte und den Kanzler und damit die Regierung in ihrer Entscheidungsbefugnis einschränkte, war, dass die preußische Armee (in Kriegszeiten auch die Armeen des anderen Bundesstaaten) und die Marine der direkten Autorität des Monarchen unterstanden. Er übte diese Befugnisse durch seine Militär- und Marinekabinette (für Personalfragen) und durch die General- und Marinestäbe aus – Gremien in denen der Kanzler keine Stimme hatte, und es gab auch keine Koordinierungsmaschinerie (die Person des Monarchen ausgenommen), wodurch den politischen Aspekten militärischer Entscheidungen das richtige Gewicht verliehen werden konnte. (2)

Bei Wilhelm kamen nun diese Kehrseiten von Bismarcks monarchischer Verfassung voll zum Durchbruch: niemand konnte die imperiale Quasselstrippe einbremsen.

Die Eröffnung des deutschen Reichstages im Weißen Saal des Berliner Schlosses am 25. Juni 1888 (Ölgemälde von Anton von Werner, 1893
Die Eröffnung des deutschen Reichstages im Weißen Saal des Berliner Schlosses am 25. Juni 1888 (Ölgemälde von Anton von Werner, 1893

Er reiste durch die Welt und informierte alle, die ihn fragten, und alle, die dies nicht taten, über seine persönliche Macht und die seines Landes. Manchmal schien es, dass Deutschland sich zu einer hermaphroditischen Nation aus einer erstklassigen Industrie, einer relativ freien Presse und einem impotenten Parlament entwickelt habe; eine Mischung aus Don Juan und mittelalterlichem Räuber, wie aus „The Prisoner of Zenda“; es war so, merkte John Röhl an, als ob die „Entwicklung des Landes zu einem modernen einheitlichen Rechtsstaat zur Halbzeit stehengeblieben war“. (Röhl, S. 121 ) Die Wahrnehmung Deutschlands in der Welt hing sehr von den Meinungen ab, die Wilhelm ungebeten verkündete, und das Auswärtige Amt und der diplomatische Dienst konnten die ungünstigen Eindrücke, die der Kaiser hinterließ, wohin er auch reiste und mit wem er auch sprach, häufig nicht korrigieren.

Zusätzlich zu seiner kapriziösen Politik erregten seine privaten Plaisirs Verdacht und erregten jede Menge öffentliche Aufmerksamkeit – zum Beispiel in den saftigen Skandalen der Harden-Eulenburg-Affäre, auch “Liebenberg-Prozesse” genannt:

Schon vor seinem Amtsantritt hatte Wilhelm angekündigt, “gegen Laster, Glücksspiele, Wetten usw. ankämpfen zu wollen “, gegen “alle diese Taten unserer sogenannten ‚guten Gesellschaft.‘” Dieser Kampf war jedoch nicht besonders erfolgreich. Bald nachdem er auf den Thron gekommen war, begannen hunderte obszöner anonymer Briefe am Hof zu kursieren, und wiewohl dies jahrelang anhielt, wurde der Autor nie entdeckt – obwohl der Täter ein Mitglied des engsten Kreises um Wilhelm und die Kaiserin gewesen sein muss (oder vielleicht gerade deshalb?)

Ein Jahrzehnt später erlebte der wilhelminische Hof seinen größten Skandal, als Philipp Eulenburg [Wilhelms bester Freund] und sein “Liebenberg-Kreis” wegen ihrer Homosexualität [die technisch gesehen eine Straftat war] öffentlich angegriffen und schließlich des Hofes verwiesen wurden. Dutzende von Hofbediensteten und Verwaltungsbeamten erwiesen sich als in den Skandal verwickelt. Peinliche Fragen wurden gestellt – sogar über den Kaiser.

Das bereits ineffiziente deutsche Regierungssystem erlitt einen sofortigen Zusammenbruch, komplettes „Chaos an der Spitze”. Nationalistische Kreise neigten zu der Ansicht, dass sie entweder auf das Äußerste – Krieg – drängen müssten oder auf die Abdankung Wilhelms.

“Um uns von Scham und Spott zu befreien”, schrieb Maximilian Harden (Zeitungsredakteur und die treibende Kraft hinter der Staatsanwaltschaft) im November 1908, “müssten wir bald in den Krieg ziehen oder uns der traurigen Notwendigkeit stellen, einen Wechsel des kaiserlichen Personals auf eigene Rechnung vorzunehmen, auch wenn stärkster persönlicher Druck ausgeübt werden müsste.” Wie Maurice Baumont in seiner Studie der Eulenberg-Affäre zu Recht bemerkt hat, “la réalité pathologique des scandales Eulenburg doit prendre parmi les causes complexes de la guerre mondiale.”[… die pathologische Realität der Skandale bedeutet, dass man Eulenburg zu den komplexen Ursachen des Weltkriegs dazuzählen muss.] (Röhl, S. 100)

Wilhelm II and King Edward VII
Wilhelm II und King Edward VII

Sicherlich besaßen viele andere Länder Monarchen in ihrer Geschichte, die Themen für Satire oder scherzhafte Witze geliefert hatten, aber diejenigen deutschen Schichten, die am meisten von Wilhelms Regierung profitiert hatten, preußische Junker und die hohen Zivil- und Militärbediensteten, allesamt adelig, zeigten nicht nur erstaunliche Fähigkeiten zu vergeben und zu vergessen, sondern übertrafen sich selbst, den mutmaßlichen Entwürfen des Kaisers in puncto Weltpolitik zu applaudieren. John Röhl erzählt die Geschichte eines preußischen Offiziers in Brasilien, der angesichts der wichtigen Nachricht des Kriegsausbruchs einem Freund schrieb, dass das deutsche Volk endlich sehen könne, dass der Kaiser in seiner Persönlichkeit “mehr als Bismarck und Moltke zusammen und ein höheres Schicksal als Napoleon I” verkörpere; dass Wilhelm in der Tat der “Gestalter der Welt” war. (Röhl, S. 9) Er schrieb:

Wer ist dieser Kaiser, dessen Friedenszeit so voller Ärger und ermüdender Kompromisse war, dessen Temperament so wild aufflammte, nur um wieder zu sterben? … Wer ist dieser Kaiser, der jetzt plötzlich alle Vorsicht in dem Wind wirft, der sein Visier aufreißt, um seinen titanischen Kopf zu entblößen und die Welt zu erobern?… Ich habe diesen Kaiser falsch verstanden; ich habe ihn für schwächer gehalten. Er ist ein Jupiter und steht auf dem Olymp seiner eisernen Kräfte, Blitze in seiner Hand. In diesem Moment ist er Gott und Herr der Welt.” (Röhl, S.9)

Lobpreisungen dieser Art standen in scharfem Kontrast zur Realität der Außenpolitik des Kaisers in der Zeit nach Bismarck, in der Krieg zu einer Möglichkeit wurde, die nicht ausgeschlossen werden konnte. 1890 feuerte Wilhelm den alten Kanzler und Bismarcks System der Verträge brach schnell auseinander. Luigi Albertini kommentiert die Bedeutung dieser Auseinandersetzung zwischen dem alten Praktiker und dem unerfahrenen Monarchen:

Die Position von Bismarck wurde kritisch, als am 9. März 1888 der neunzigjährige Kaiser Wilhelm I., dessen Unterstützung er immer genossen hatte, starb und, drei Monate nach dem verfrühten Tod Wilhelms Sohn Friedrich III., sein Enkel Wilhelm II. den Thron bestieg. Der Letztere hatte zuerst pro-russische und anti-britische Einstellungen gezeigt; aber unter dem Einfluss von General Waldersee war er für die Ansicht des Generalstabs gewonnen worden, dass Deutschland solide zu Österreich stehen und einen Präventivkrieg gegen Russland führen müsse.

Der Kanzler wollte ihn davon überzeugen, dass es im Gegenteil besser wäre, einen Vorwand für einen Krieg mit Frankreich zu suchen – in dem Russland neutral bleiben würde –  würde Deutschland dagegen Krieg gegen Russland führen, würde Frankreich die Gelegenheit benutzen, Deutschland anzugreifen. Er schien beinahe erfolgreich gewesen zu sein, als Wilhelm II nur wenige Tage nach seinem Thronantritt der Welt seine Absicht ankündigte, den Zaren vor jedem  anderen Souverän zu besuchen. Danach, auf Ersuchen von Giers [dem russischen Außenminister] und mit der Zustimmung des Zaren, stimmte er der Erneuerung des Rückversicherungsvertrags* mit Russland zu, die sonst im Juni 1880 enden würde.

Reinsurance Treaty [Englisch, PDF]

Aber als sich der russische Botschafter Shuvalov mit den erforderlichen Vollmachten zur Erneuerung des Vertrages für weitere sechs Jahre in Berlin vorstellte, war Bismarck schon zurückgetreten.

Der Kaiser hatte von Baron Holstein, einem hohen Beamten der Wilhelmstraße [des Außenministeriums] Berichte über angebliche feindliche Vorbereitungen Russlands erhalten, von denen er dachte, Bismarck hatte sie von ihm zurückgehalten. Er befahl dem Kanzler, Österreich zu warnen, und hatte Kopien dieser Berichte nach Wien geschickt – Bismarcks Erklärung, dass diese Berichte unerheblich waren, ignorierend. Dies überzeugte den Kanzler, dass ihre Differenzen unüberwindlich wären und am 18. März 1890 reichte er seinen Rücktritt ein.

Dropping the Pilot - Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine
Dropping the Pilot (Der Lotse geht von Bord) – Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine

Wilhelm II. akzeptierte den Rücktritt, worauf Shuvalov Zweifel äußerte, ob der Zar bereit sei, den Geheimvertrag mit einem anderen Kanzler zu erneuern. Beunruhigt schickte Wilhelm II. ihm noch des Nachts eine Nachricht und schrieb, er wäre gezwungen gewesen, Bismarck aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand zu versetzen, aber dass sich in der deutschen Außenpolitik nichts ändern würde, und dass er bereit wäre, den Vertrag zu erneuern. Aber Holstein manövrierte die Abläufe so geschickt, dass der neue Bundeskanzler Caprivi und der deutsche Botschafter in St. Petersburg den Kaiser zu einer Änderung seiner Meinung überredeten – mit der Behauptung, dass der Rückversicherungsvertrag mit Russland mit dem österreichischen Bündnis unvereinbar sei und dass, wenn St. Petersburg dies Wien verriete, der Dreibund gleichfalls erledigt und England sich von Deutschland entfremden würde.

Solchen Ratschlägen gegenüber gab Wilhelm seinen Widerstand schnell auf und der deutsche Botschafter wurde angewiesen, St. Petersburg darüber zu  informieren, dass der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert werden würde.

  • [Der Rückversicherungsvertrag war ein heikles Stück Bismarckscher Diplomatie. Angesichts der Notwendigkeit, Russland um jeden Preis von Frankreich fernzuhalten, erkannte Bismarck, dass der Duale Bündnisvertrag von 1879 zwischen Deutschland und Österreich zu einem Szenario führen könnte, in dem Deutschland verpflichtet wäre, Österreich im Falle österreichisch-russischer Spannungen im Balkan zu unterstützen – die praktisch jederzeit auftreten könnten. Dies könnte zu einem Bruch in den russisch-deutschen Beziehungen führen und Russland wiederum in Richtung Frankreich lotsen, was unbedingt vermieden werden musste. Also musste eine Lösung gefunden werden, die sowohl Russland als auch Deutschland es ermöglichte, das Gesicht zu wahren, wenn Österreich auf dem Balkan Mist baute, aber weder Deutschland noch Russland es zum Krieg kommen lassen wollten. Was auch immer Österreichs Pläne in dieser Region beinhalteten, es war klar, dass sie es sich niemals leisten konnte, Russland ohne deutsche Hilfe anzugreifen. Bismarck und Shuvalov entwickelten daher “eine Formel, die beide Parteien [Deutschland und Russland] zu wohlwollender Neutralität in einem Krieg eines von ihnen gegen eine dritte Macht verpflichten würden, außer in dem Fall, dass eine der Vertragsparteien direkt Österreich oder Frankreich angriffe.” (Albertini, I, S.58) Das heißt, solange weder Deutschland noch Russland Österreich oder Frankreich einseitig angriffen, würde das gegenseitige Wohlwollen weiterhin bestehen, und da Österreich es sich nicht leisten konnte, Russland alleine anzugreifen, könne kein großer Krieg wegen eines slawischen oder türkischen Problems auf dem Balkan entstehen.]

Bismarcks Politik orientierte sich an dem Grundsatz, Machtkoalitionen, die zu einem generellen europäischen Krieg führen könnten, unmöglich zu machen. Diese völlig rationale Politik, die den besonderen Anforderungen und individuellen Empfindlichkeiten von Russland und England entsprach, wurde durch eine Abfolge von vier Kanzlern, die nichts von Außenpolitik verstanden und sich im Allgemeinen nicht viel darum kümmerten, zu einer Katastrophe, die durch die launische Persönlichkeit des Monarchen nur verschlimmert wurde.

 Was genau waren die Einzelheiten von Wilhelms Charakter, die zu den außenpolitischen Wahnsinnstaten führten, die Europa ab 1890 so sehr destabilisierten? In seinem Essay “Kaiser Wilhelm II: a suitable case for treatment?“ [Kaiser Wilhelm II: Ein geeigneter Fall für eine Behandlung?] stellt John Röhl seine Beobachtungen vor:

Jede Skizze seines Charakters muss mit der Tatsache beginnen, dass er nie gereift ist. Bis zum Ende seiner dreißigjährigen Regierungszeit blieb er der “junge” Kaiser mit dem “kindlichen Genie”. “Er ist ein Kind und wird immer eins bleiben” seufzte im Dezember 1908 ein weiser Gerichtsbeamter.

Wilhelm schien nicht in der Lage zu sein, aus Erfahrung zu lernen. Philip Eulenburg, der ihn besser kannte als jeder andere, schrieb in einem Brief an Bülow um die Jahrhundertwende, dass Wilhelm, in den elf Jahren seit seiner Thronbesteigung “in Bezug auf sein äußeres Wesen sehr viel ruhiger geworden ist. … Spirituell, dagegen, hat sich jedoch nicht die geringste Entwicklung gezeigt. In seiner explosiven Art ist er unverändert. In der Tat, sogar härter und plötzlicher, da sein Selbstwertgefühl mit der Erfahrung gewachsen ist – was für ihn aber keine Erfahrung ist. Denn seine ‚Individualität‘ ist stärker als der Effekt von Erfahrung.”

Mehr als dreißig Jahre später, als sowohl Eulenburg als auch Bülow tot und der Kaiser zweiundsiebzig Jahre alt und schon lange in Verbannung, schrieb sein Adjutant Sigurd von Ilsemann in sein Tagebuch in Doorn:

“Ich habe den zweiten Band der Bülow-Memoiren jetzt fast fertig gelesen und bin immer wieder begeistert darüber, wie wenig sich der Kaiser sich seit dieser Zeit verändert hat. Fast alles was damals passierte, passiert immer noch, nur mit dem einzigen Unterschied, dass seine Handlungen, die damals von schwerwiegender Bedeutung waren und praktische Konsequenzen hatten, richten sie jetzt keinen Schaden mehr an. Auch die vielen guten Eigenschaften dieser seltsamen, eigentümlichen Person, des Kaisers so sehr komplizierter Charakter, werden von Bülow immer wieder betont.” (Röhl, S. 11-12)

Wir werden – fast unheimlich – viele andere Merkmale Wilhelms wiederentdecken: ununterbrochenes Reisen, die Unfähigkeit zuzuhören, eine Vorliebe für Monologe über halb verstandene Themen und das ständige Bedürfnis nach Gesellschaft und Unterhaltung – ganz wie in dem Charakter und den Gewohnheiten des jungen österreichischen Malers, der in gewissem Sinn sein Erbe wurde. Sie drücken eine Mischung aus Unreife, Egozentrismus und Größenwahn aus –  verständlich, vielleicht, in einem jungen Mann, aber gefährlich für den Anführer der Welt zweitgrößten Industriemacht, der dazu noch ein mittelalterliches Verständnis von den Rechten und Pflichten eines Monarchen hatte.

Kaiser Wilhelm und das Europäische Gleichgewicht
Kaiser Wilhelm und das Europäische Gleichgewicht

Eine andere von Wilhelms Charaktereigenschaften, die notorische Überschätzung seiner eigenen Fähigkeiten, von Zeitgenossen als “Caesaromania” oder „folie d’empereur“ verspottet, hemmte in ähnlicher Weise seine Reaktion auf konstruktive Kritik.

Wie konnte der Monarch aus Erfahrung lernen, wenn er seine Minister verachtete, sie selten empfing und noch weniger zuhörte, was sie zu sagen hatten; wenn er überzeugt war, dass alle seine Diplomaten so “ihre Hosen voll” hätten, dass “die gesamte Wilhelmstraße zum Himmel stank”; wenn er sogar den Kriegsminister und den Chef des Militärkabinetts mit den Worten “Ihr alte Esel” anredete; und eine Gruppe von Admiralen beschied: “Alle von euch wissen nichts; Ich alleine weiß etwas, ich alleine entscheide.”

Schon bevor er zum Thron kam, hatte er gewarnt: “Hütet Euch vor der Zeit, in der ich die Befehle gebe.” Schon vorher, nach Bismarcks Entlassung, drohte er, jeden Widerstand gegen seinen Willen zu zerschlagen. Er alleine sei der Meister im Reich, sagte er in einer Rede im Mai 1891, und er würde keinen anderen tolerieren.

Den Prinzen von Wales informierte er um die Jahrhundertwende: “Ich bin der einzige Herr deutscher Politik und mein Land muss mir überallhin folgen.“ Zehn Jahre später erklärte er einer jungen Engländerin in einem Brief: “Meine Ideen und Gefühle den Geboten der Leute anzupassen, ist eine Sache, die in der preußischen Geschichte oder den Traditionen meines Hauses völlig unbekannt ist! Was der Deutsche Kaiser und König von Preußen für richtig und am besten hält, das tut er.”

Im September 1912 ernannte er Prinz Lichnowsky gegen den Rat des Kanzlers Bethmann Hollweg und des Auswärtigen Amtes zum Botschafter in London – mit den Worten: “Ich werde nur einen Botschafter nach London schicken der Mein Vertrauen hat, Meinem Willen gehorcht und Meine Befehle ausführt.” Und während des Ersten Weltkrieges rief er aus: “Was die Öffentlichkeit denkt, ist für mich völlig unerheblich.” [Hervorhebungen hinzugefügt] (Röhl, S. 12-13)

Der “eiserne Wille”, der Herr der Nation oder vielleicht der Welt zu sein, wurde durch seine Fähigkeit gesteigert, die Realität durch die Brille seiner Einbildung zu betrachten. Noch in seinen siebzigern – schon längst in die Niederlande geflüchtet – gelang ihm eine höchst überraschende Schlussfolgerung bezüglich der rassischen Identität seiner Feinde:

Endlich erkenne ich, was die Zukunft für das deutsche Volk bedeutet, was wir noch erreichen müssen. Wir werden die Führer des Orients gegen das Abendland sein! Ich werde mein Gemälde ‘Völker Europas’ ändern müssen. Wir gehören auf die andere Seite! Sobald wir den Deutschen bewiesen haben werden, dass die Franzosen und Engländer gar keine Weißen sind, sondern Schwarze, dann werden sie sich auf diesen Pöbel stürzen!” (Röhl, S. 13)

So hatte Wilhelm also die erstaunliche Entdeckung gemacht, dass Franzosen und Engländer Neger sind. Ein weiterer Grund für den anhaltenden Verfall der Menschheit, so der pensionierte Kaiser, sei mangelnder Respekt vor den Behörden, besonders in Bezug auf sich selbst. Die Nachricht von der Boxer-Rebellion in China fasste er als persönliche Beleidigung auf und befahl Peking “dem Boden gleichzumachen”. In seiner Angst vor der bevorstehenden sozialistischen Revolution lebte er in Fantasien, wie Hunderte von Demonstranten in den Berliner Straßen “niedergeschossen” würden und empfahl gelegentlich als geeignete Behandlung für Kriegsgefangene, sie zu Tode verhungern zu lassen.

Nicht nur sehnte er sich danach, noch während seines eigenen Lebens Rache für Beleidigungen seiner Person zu nehmen; in dem Verlangen, die Geschichte selbst buchstäblich auszulöschen, träumte er davon die zweite – vielleicht sogar die erste – Französische Revolution rückgängig zu machen – er dürstete nach “Rache für 1848 – Rache!!!” (Röhl, S. 14)

 Auch sein Sinn für Humor war eigenartig.

Während sein linker Arm aufgrund der Geburtsschäden schwach war, war seine rechte Hand im Vergleich dazu stark, und er fand es amüsant, wenn er seine Ringe nach innen drehte und dann die Hände besuchender Würdenträger so stark zusammendrückte, dass Tränen in ihre Augen traten. König Ferdinand von Bulgarien verließ einst Berlin in „glühend heißem Hass“, nachdem der Kaiser ihn in der Öffentlichkeit hart auf den Hintern geklatscht hatte. Der Großherzog Wladimir von Russland [Bruder von Zar Nicholas II.] wurde von Wilhelm mit einem Feldmarschallstab auf die Rückseite geschlagen. (Röhl, S. 15)

Seine Freunde waren sich des Humors seiner Majestät bewusst und übten ihre kreative Fantasie. Anlässlich einer Jagdexpedition in Liebenberg schlug Generalintendant Georg von Hülsen 1892 dem Grafen Görtz [“der auf der dicken Seite war”] (Röhl, S.16) vor:

Du musst von mir als Zirkuspudel vorgeführt werden! – Das wird ein Hit wie kein anderer. Denk nur dran: hinten rasiert (mit Strumpfhose), vorne ein langer Pony aus schwarzer oder weißer Wolle, hinten, unter einem echten Pudelschwanz,  eine markierte rektale Öffnung und, wenn Du bettelst, vorne dran ein Feigenblatt. Denke nur daran, wie wunderbar es wäre, wenn Du bellst, zu Musik heulst, eine Pistole abschießt oder andere Tricks machst. Das wäre einfach großartig!! “[Hervorhebungen im Original] (Röhl, S. 16)

Höflinge und Bürokraten stellten bald fest, dass solch exquisite Unterhaltung anzubieten ein bewährter Weg war, um sich die Gnade des Monarchen zu sichern, aber auf der anderen Seite trugen sie zur Verbreitung von Gerüchten bei. Was können wir nun über Wilhelms Liebesleben sagen? Wie es schon Edward Gibbon in Bezug auf Karl den Großen feststellte, hatten die beiden Kaiser gemeinsam, dass Keuschheit nicht ihre augenfälligste Tugend war. Offiziell konnte Wilhelm die Hofreporter mit den Ergebnissen seiner ehelichen Treue überzeugen, in deren Förderung die Kaiserin in regelmäßigen Abständen Söhne zur Welt brachte, insgesamt sechs Stück. Doch Wilhelm hatte auch eine gewisse Neigung, indiskrete Briefe zu verfassen – einige davon an eine wohlbekannte Wiener Madame, und wegen seiner Bereitschaft, die Angebote in eigener Person zu prüfen, wurde die weitere Aufrechterhaltung seiner öffentlichen Tugend der Sorge seiner Privatsekretäre anvertraut, die die Diskretion der Damen kauften, vertraulich für die königliche Unterhaltung sorgten oder vielleicht auch Abtreibungen arrangierten.

Wilhelm II mit seiner Frau Auguste Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augstenburg, und seinen sieben Kindern
Wilhelm II mit seiner Frau Auguste Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augstenburg und seinen sieben Kindern

Es scheint jedoch, dass solche außerehelichen Aktivitäten sozusagen rein biologischer Natur waren; Sympathie, Komfort und Entspannung fand der Monarch bei seinen männlichen Freunden, obwohl er dem Anschein nach an intimeren Ausdrucksformen dieser Freundschaften nicht teilnahm.

“In Berlin fühle ich mich nie glücklich, wirklich glücklich”, schrieb er in seinem eigenwilligen Englisch. “Nur Potsdam [die Station seines Garde-Regiments], das ist mein “El Dorado” … wo man sich frei fühlt, mit der schönen Natur um sich herum,  und so vielen Soldaten wie man will, denn ich liebe mein Regiment sehr, lauter freundliche junge Männer.” In seinem Regiment, wie er sich Eulenburg gegenüber anvertraute, fand er seine Familie, seine Freunde, seine Interessen – alles was er zuvor vermisst hatte. Vorbei waren die “schrecklichen Jahre, in denen niemand meine Individualität verstand”, wie er schrieb.

Die umfangreiche politische Korrespondenz von Philipp Eulenburg lässt keinen Zweifel daran, dass er (Eulenburg) und die anderen Mitglieder des einflussreichen “Liebenberg – Kreises”, die in den 1890er – Jahren im Zentrum der politische Bühne im Kaiserreich Deutschland standen, in der Tat homosexuell waren, wie ihr Zerstörer Maximilian Harden es glaubte.

Harden, Eulenburg und Kuno v. Moltke, Eulenburgs Liebhaber

Dies wirft natürlich die Frage auf, wo wir den Kaiser in einem imaginären “heterosexuell-homosexuellen Kontinuum” einordnen. Falls er jemals etwas hatte, das einer homosexuellen Erfahrung gleichkam,  dann in den 1880er Jahren, in derselben Zeit also wie seine zahlreichen außerehelichen Affären mit anderen Frauen. Nach einem Interview mit Jakob Ernst, dem Starnberger Fischer, dessen Aussage 1908 Eulenburgs Fall irreparabel beschädigt hatte, war Maximilian Harden überzeugt, dass er über Beweise verfüge, die, wenn sie dem Kaiser vorgelegt worden wären, genügen würden, um ihn zur Abdankung zu zwingen.

Welche Informationen genau Harden von Jakob Ernst erhalten hat, können wir nur vermuten. In mehreren Briefen aus dieser Zeit brachte Harden Wilhelm II. nicht nur mit Jakob Ernst in Zusammenhang, sondern auch mit Eulenburgs Privatsekretär Karl Kistler. Dies sind aber nur Strohhalme im Wind, keine Beweise. Aufgrund des uns derzeit vorliegenden Beweismaterials ist es wahrscheinlich klüger anzunehmen, wie Isabel Hull es formuliert hat, dass Wilhelm der homoerotischen Grundlage seiner Freundschaft mit Eulenburg nicht bewusst war und damit unfähig, die eigenen homosexuellen Aspekte seines Charakters zu erkennen. (Röhl, S. 19 – 20)

Neben diesen privaten Ablenkungen gaben die ärztlichen Beschwerden des Kaisers Anlass zur Sorge.  Aus rein medizinischer Sichtweise bedrohten die häufigen Infektionen des rechten Ohrs und der Nebenhöhlen das Gehirn und Komplikationen hinsichtlich der Stimmungen und Denkfähigkeit des Monarchen konnte nicht ausgeschlossen werden. Im Jahr 1895 schrieb der britische Diplomat M. Gosselin, der in der britischen Botschaft in Berlin beschäftigt war, an Lord Salisbury [Robert Gascoyne-Cecil, 3. Marquess of Salisbury und Premierminister], dass „wenn ein Souverän, der in der Außenpolitik des Deutschen Reiches die beherrschende Stimme besitzt, Halluzinationen und Einflüssen unterworfen ist, die sein Urteil auf lange Sicht verzerren und ihn jeden Moment zu plötzlichen Meinungsänderungen veranlassen können, die niemand vorhersehen oder sich dagegen wappnen kann“, die Folgen für den Frieden der Welt enorm sein könnten. (Röhl, S. 21)

Darin herrschte allgemeine Übereinstimmung. Lord Salisbury selbst hielt den Kaiser für “nicht ganz normal“; Premierminister Herbert Asquith sah ein “gestörtes Gehirn” bei der Arbeit; Sir Edward Grey, Britischer Außenminister, hielt Wilhelm für “nicht ganz gesund und sehr oberflächlich“; Großherzog Sergius von Russland hielt den Kaiser für” psychisch krank “und der Doyen von Berlins Diplomatischem Korps, der österreichische Militärattaché Freiherr von Klepsch-Kloth, stellte fest, dass Wilhelm “nicht wirklich gesund” sei und, wie man so sagt, „eine Schraube locker hatte“. (Röhl, S. 21 – 22) John Röhl sammelte einige weitere Zeugenaussagen:

Im Jahr 1895 beklagte sich Friedrich von Holstein, dass der “Glühwürmchen” – Charakter des Kaisers die Deutschen ständig an König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und König Ludwig II. von Bayern erinnere, die beide verrückt geworden waren.

Nach einem heftigen Streit mit dem Kaiser Anfang 1896, sagte der preußische Kriegsminister, General Bronsart von Schellendorf “dass H. M. nicht ganz normal zu sein schien und er [Schellendorf] tief besorgt über die Zukunft war.” Im folgenden Jahr schrieb Holstein, die konservative Partei denke, der Kaiser wäre “nicht ganz normal”, dass der König von Sachsen ihn für “nicht ganz stabil” erklärt habe und dass der Großherzog von Baden “auf besorgniserregende Weise über die psychologische Seite der Sache gesprochen habe, den Kontaktverlust mit der Realität.” Auch fragte Reichskanzler Fürst Hohenlohe einmal ernsthaft Bernhard von Bülow, seinen eventuellen Nachfolger, ob er “wirklich glaube, dass der Kaiser geistig normal sei?”

Solche Ansichten verbreiteten sich allgemein nach der berüchtigten Rede des Kaisers vom Februar 1897, in der er Bismarck und Moltke als “Lakaien und Pygmäen” bezeichnete. Graf Anton Monts, der preußische Gesandte in Bayern, schrieb aus München aus, dass der Kaiser eindeutig nicht mehr von normalem Geisteszustand war: “Ich entnehme den Andeutungen der Ärzte, das der Kaiser noch geheilt werden könnte, aber die Chancen dazu werden mit jedem Tag schwächer.” (Röhl, S. 22)

Wilhelm II und seine Söhne
Wilhelm II und seine Söhne

Nun wirkte sich das völlige Fehlen sinnvoller „Checks and Balances“ in der Bundesverfassung verhängnisvoll aus. Darin waren keine Verfahren für eine Machtübertragung außer dem Tod oder die freiwillige Abdankung des Monarchen vorgesehen – eine Tat die Wilhelm offensichtlich nicht in Betracht ziehen würde. So äußerte er weiterhin und ungebremst die abstrusen Meinungen, die die Weltpresse inzwischen von ihm erwartete und es war leicht genug für die Gegner Deutschlands, von der ununterbrochenen Kette der öffentlichen Fettnäpfchen und Peinlichkeiten zu profitieren, die der Kaiser zielsicher hinterließ. Bald entwickelte sich eine populäre Anschauungsweise, die Wilhelms Rücksichtslosigkeit als das Ergebnis einer spezifisch deutschen Neigung zu autoritärer Regierung, Militarismus und allgemeiner Unfreundlichkeit erklärte.

Die nicht wirklich herausragende Leistung des jungen Kaisers spaltete schließlich die nationalistische Rechte: eine Fraktion dem Monarchen verpflichtet und eine andere, die, wie bei Spaltungen üblich, nur ihre eigenen patriotischen Forderungen eskalierte, und eine Politik maximaler “deutscher Macht und Größe durch Expansion und Unterwerfung minderwertiger Menschen” forderte. (Kershaw, p. 78)

In der Praxis schmälerte diese supernationalistische Kabale die politischen Optionen einer Regierung nur, die gleichzeitig hysterisch bemüht war, antipreußische Sozialisten und Katholiken so weit wie möglich aus der Politik auszuschließen.

Die demografische Basis der Unterstützung für die Regierung drohte zu schrumpfen und Teile der “alten Ordnung” fingen an, über Krieg als probates Mittel nachzudenken – „um an ihrer Macht festzuhalten und die Bedrohung durch den Sozialismus abzuwehren.“ (Kershaw, S. 74) Der Kaiser schien nicht abgeneigt.

Für diejenigen, die zuhörten, war es ab den 1890er Jahren klar, dass für den Kaiser Krieg eher ein normales Ereignis zwischen Nationen war – er glaubte und gab dies öffentlich zu -, dass “Krieg” ein “königlicher Sport war, den erbliche Monarchen  nach ihrem Willen führen und beenden mögen.” (Röhl, S. 207) Im Zeitalter von Maschinengewehren war dies eine recht atavistische Haltung. Und hier wirkte sich des Kaisers unbeschränkte Autorität bei Ernennungen und Entlassungen so verhängnisvoll aus: bald wurden keine anderen Ratschläge mehr präsentiert, als solche, die der Zustimmung seiner Majestät sicher waren; niemand wagte es, sich ihm und den speichelleckenden Arschkriechern zu widersetzen, die die oberen Ränge der zivilen und militärischen Führung stellten und sich daran gewöhnt hatten, die Wünsche des Monarchen vorwegzunehmen.

Füsiliere in der Schlacht von Loigny 1870 – alte Schule

Auch Willis militärisches Denken war eher von den siegreichen Schlachten der Vereinigungskriege 1864 bis 1871 beeinflusst als von der modernen Realität – in den jährlichen Kaisermanövern ließ er offene Kavallerieattacken üben, die sich im Ernstfall von 1914, in einem Zeitalter der Maschinengewehre und Schnellfeuerkanonen, als purer Massenselbstmord entpuppten.

Kaisermanöver 1913 – Selbstmord 1914

Wie also hätte irgendetwas schiefgehen können im Juli 1914, als das Imperiale Irrlicht mit der Frage des Weltfriedens an sich konfrontiert war? Dies wird das Thema eines separaten Beitrags.

(© John Vincent Palatine 2019)

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Der Aufstieg Preußens durch Reformen

[Unser Titelbild ist ein Ausschnitt aus einer Fotografie der Schlacht von Königgrätz – oder Sadowa – 1866 und zeigt einen Angriff des Infanterie-Regiments No. 68]

Aus „The Little Drummer Boy“, Kapitel IV

Napoleons Armeen hatten die Preußen bei Jena und Auerstedt 1807 vernichtend geschlagen und anschließend den größten Teil des Landes besetzt; das heißt, diejenigen Teile, die Napoleon nicht seinem Bruder Jerome geschenkt hatte (den er zum Monarchen des neugegründeten Königreichs Westphalens gemacht hatte, oder das ebenfalls neu gegründete kurzlebige Großherzogtum Polen).

Doch gelegentlich kann ein Verlust in einem unerwarteten Gewinn enden. Es war gerade in den Jahren seiner Erniedrigung, nach der Niederlage der stolzen Armeen, dass Preußen die Reformen einleitete, die es zu einem modernen Staat machten, der in mancherlei Hinsicht die Welt anführte.

Viele Dinge, die wir heutzutage – zum Besseren oder Schlechteren – mit den Funktionen eines modernen Staates verbinden, wurden allgemeingültig und dauernd mit zuerst in Preußen in den frühen Jahren des neunzehnten Jahrhunderts eingeführt: kommunale Selbstverwaltung, postfeudale Freiheit des Handels und der Verträge, die ständige Einkommensteuer, öffentliche, verpflichtende, nicht konfessionsgebundene und kostenlose Bildung und, nicht zuletzt, kompulsiver Militärdienst ohne Ausnahmen – die Wehrpflicht.

Im Feudalsystem waren wirtschaftliche Aktivitäten entlang sozialer Grenzen beschränkt: Kauf oder Verkauf von Land war das Vorrecht des Adels und um ein Kaufmann oder Handwerker zu werden, musste man ein Bürgerlicher sein. Diese Einschränkungen fielen weg und mit der eventuellen Aufhebung der Leibeigenschaft wurde der erste Arbeitsmarkt der Welt geschaffen; eine notwendige Bedingung für die in Deutschland danach extrem schnell einsetzende Industrialisierung.

Die Wirtschaft des feudalen Preußens hing von den Leibeigenen der umfangreichen landwirtschaftlichen Betriebe der „Junker“ ab, der lokalen Großgrundbesitzer. Sie regierten mit harter Hand; im wesentlichen unabhängig von staatlicher Aufsicht. Auf ihrem Hab und Gut waren sie Arbeitgeber, Polizisten und Richter in einem. Sie hatten das Recht, körperliche Strafen zu verhängen, konnten Ehen gewähren oder verbieten; in einigen Fällen – obwohl technisch gesehen illegal – wurden ganze Bauernfamilien verkauft oder gekauft, insbesondere an den Rändern des Landes, wo das Auge des Gesetzes meist abwesend war.

Der Aufgabe eines bestimmten alten feudalen Rechtes waren die Junker besonders abgeneigt – das „ius primae noctis“ oder Recht der ersten Nacht; das angebliche Recht des Grundherren, die sexuellen Gefälligkeiten der Braut eines Vasallen in ihrer Hochzeitsnacht einzufordern. Ob dieses Recht nun tatsächlich bestand oder eine eher morbide Fantasie war, ist eine andere Frage – siehe Beaumarchais’ “Die Hochzeit des Figaro” für den ohne Zweifel bestehenden negativen Propagandawert gegen Adelige. Unter dem Einfluss der Französischen Revolution tauchten Rufe nach der Abschaffung solcher und anderer alter Gewohnheiten auch in Preußen auf.

Die nüchternen Lutheranischen Könige Preußens hatten seit jeher ein größeres Interesse an der Befindlichkeit ihrer Untertanen gezeigt, als es die Norm war, und 1732, zum Beispiel, gewährte Friedrich Wilhelm I den vertriebenen Salzburger Protestanten Schutz und Unterkunft.

Konstantin Cretius Empfang der Salzburger Protestanten durch König Friedrich Wilhelm I. in Berlin am Leipziger Tor am 30. April 1732, Ölgemälde um 1860
Konstantin Cretius – Empfang der Salzburger Protestanten durch König Friedrich Wilhelm I. in Berlin am Leipziger Tor am 30. April 1732, Ölgemälde um 1860

Vor allem Friedrich der Große war dafür bekannt, landauf und landab an den unmöglichsten Stellen aufzutauchen um nach dem Rechten zu schauen – er förderte vor allem den Anbau von Kartoffeln als Nahrungsgrundlage der Bevölkerung.

Robert Warthmüller Der König überall, Ölgemälde von 1886. – König Friedrich II. begutachtet den Kartoffelanbau in Preußen.
Robert Warthmüller Der König überall, Ölgemälde von 1886. – König Friedrich II. begutachtet den Kartoffelanbau in Preußen.

Obwohl die Forderungen nach politischen Reformen, wie in Frankreich, auf den Theorien von Rousseau, Locke und John Stuart Mill beruhten, war es eine andere wichtige Theorie, die für die Verfasser des neuen preußischen Staatsrechts maßgeblich wurde: Adam SmithsThe Wealth of Nations” (1776), welche ein mögliches neues wirtschaftliches Modell für das Land beschrieb. Smiths Paradigmen waren, erstens, privates Eigentumsrecht, zweitens das Prinzip des Wettbewerbs, der „freie Markt“, und drittens die Abschaffung von Handelshemmnissen wie Zöllen, Verbrauchssteuern oder Abgaben.

Diese grundlegenden Lehren des Kapitalismus entstanden nahezu zeitgleich mit der wichtigsten Einführung der Neuzeit, der Partnerschaft von Kohle und Dampfmaschine, welche die Menschen von einem Großteil körperlicher Arbeit entband. Die Industrialisierung begann in den englischen Midlands im achtzehnten Jahrhundert, aber es dauerte Jahrzehnte, bis Preußen und die anderen deutschen Staaten aufholen konnten.

Fünf Namen sind auf ewig mit den folgenden preußischen Reformen verbunden: auf der – weniger wichtigen – militärischen Seite, die Generäle Gerhard von Scharnhorst und August von Gneisenau; auf der zivilen Seite die Freiherren von Stein und von Hardenberg; doch keiner von ihnen hätte wohl viel erreicht ohne die Reformen von Wilhelm von Humboldt, des Bruders des berühmten Geografen und Botanikers Alexander von Humboldt.

Wilhelm von Humboldt
Wilhelm von Humboldt

Jede ernsthafte Reform des Landes, so viel war klar – Reformern und Gegnern gleichermaßen – hatte mit der Veränderung der Situation der Bauern zu beginnen. Sie bildeten die Grundlage der Bevölkerung, der Landwirtschaft und des Militärs, und ihr Los zu verbessern sollte auf den Rest der Nation positive Auswirkungen haben.

Das erste Problem auf der Tagesordnung der Reformer war die soziale Integration aller „Preußen“, denn da gab es ein Problem. Das Konzept oder Bewusstsein, ein „Preuße“ zu sein, war durchaus nicht landläufig, aus dem einfachen Grund, dass viele Einwohner erst vor kurzem Preußen geworden waren; nur eine Generation früher oder so waren sie noch Brandenburger, Schlesier oder Pommern gewesen, doch nun von Preußen als Kriegsbeute eingesammelt.

Im Herbst 1807 überzeugte Minister von Stein König Friedrich Wilhelm III, dass Agrarreform der Schlüssel für die Entwicklung des Landes sei und erhielt die königliche Sanktion, ein Reformgesetz zu erlassen. Am 9. Oktober 1807 wurde die Leibeigenschaft im Königreich Preußen aufgehoben  – Bauern von ihren feudalen Verpflichtungen befreit, der Zehnte abgeschafft und Teilpacht (Sharecropping) verboten. Etwa die Hälfte der Bauern wurde sofort frei und der Rest am St. Michaels-Tag des 11. November 1810.

Jeder konnte nun, zumindest in der Theorie, eigenes Land erwerben, oder ohne Erlaubnis heiraten. Wie zu vermuten, war der Adel nicht übermäßig erfreut über das Reformpaket und leistete heftigen Widerstand. Sie hatten die unbezahlte Arbeit durch ihre „Untertanen“ zu sehr genossen und argumentierten, dass sie aufgrund des Verlustes zu einer Entschädigung berechtigt waren. Sie organisierten sich in Ligen und Clubs und für eine Zeitlang gelang es ihnen, wesentliche Bestimmungen des Gesetzes zu verwässern.

Aufgrund ihres Widerstandes dauerte es ungefähr eine Generation lang, bis die Änderungen ihre volle Wirksamkeit erreichten. Und doch war ein spürbarer Anfang gemacht worden und die Nahrungsmittelproduktion stieg innerhalb von zehn Jahren um 40 %. Andere Reformen erwiesen sich als ebenso entscheidend.

Gerhard von Scharnhorst wurde im Juli 1807 zum Leiter einer Militärreformkommission befördert, die das alte Landknechtstum zu reformieren hatte und er entwickelte ein paar Ideen, die seine adeligen Kollegen nur als „radikal“ empfinden konnten. Seit ewigen Zeiten waren nur Aristokraten in der Lage gewesen, sich Offizierspatente zu sichern: diese Tradition wurde jetzt ohne Tuten und Blasen abgeschafft, ebenso wie die Tradition, dass Beförderungen von des Offiziers Beliebtheit bei den Hofdamen oder dem Wildhüter des Königs abhingen: ab jetzt würden Beförderungen nach Leistung gewertet, lernten schockierte Oldtimer.

Der Fehdehandschuh, also das Duell, wurde abgeschafft, ebenso wie das Schikanieren und der Spießrutenlauf, und in der Zukunft, so Scharnhorsts Plan, würde der Militärdienst zu einer obligatorischen Bürgerpflicht werden. So einen Brocken war der König allerdings noch nicht bereit zu schlucken und Scharnhorst wurde 1810 gefeuert. Die wichtigste Reform allerdings war schon durch: Wilhelm von Humboldt schuf das preußische Bildungssystem, das erste, das eine ganze Nation umfasste. Er führte die Schulpflicht ein und sorgte für den Bau und die Instandhaltung von Schulen und die Beschäftigung von weltlichen – nicht kirchlichen – Lehrern an allen Ecken und Enden des Landes.

Es ist schwer, sich das heutzutage vorzustellen, aber schon die einfache Regelung, dass ein Schuljahr nur einmal im Jahr beginnt, erkannte niemand als eine praktische Notwendigkeit – bis Humboldt es befahl. Von nun an begann die Schule im September, und in aller Welt gehorchen Kinder noch der Regel des ehrwürdigen preußischen Gelehrten. Reform bestürmte auch die alten Privilegien der Universitäten: nicht nur, dass Humboldt genügend Mittel aus dem Haushalt des sparsamen König loszumachen verstand, um die Universität am Laufen zu halten – wo das Lehrpersonal bald weltberühmte Namen wie Hegel und Fichte zu sich zählte – er erfand auch die Symbiose aus Lehre und Forschung: Professoren mussten beides leisten.

Aber nicht nur Grundschulen wurden gegründet, Humboldt erfand auch das deutsche Gymnasium, als das primäre Vorbereitungssinstitut für Hochschulen und Universitäten. Der Lehrplan wurde gesetzlich vorgeschrieben und solche Schulen, die nicht willens oder nicht in der Lage dazu waren, mit den Anforderungen Schritt zu halten – so einige religiöse Schulen – wurden geschlossen. Humboldt gründete auch persönlich die Berliner Universität, die immer noch seinen Namen trägt.

Zu den wichtigsten Innovationen Baron von Steins in Bezug auf die praktischen Aspekte der Regierung gehörte die Erfindung des Ministers mit Portefeuille, also Zuständigkeitsbereich; es klingt wie eine einfache Idee, war aber völlig unbekannt. Seit Anbeginn der Zeit hatten sich Entscheidungsträger auf die Hilfe von Beratern verlassen, aber selten war die angestellte Hilfe systematisch organisiert; die jeweiligen Herren konnten gegeneinander arbeiten oder sich gegenseitig ignorieren, und so basierten die meisten Regierungsformen auf einer Art Chaostheorie.

Freiherr von Stein ersetzte Chaos mit einer Pyramide aus Macht und Verantwortung: der König als Regierungschef konnte auf ein Ministerkabinett mit spezialisierten Portfolios unter ihm vertrauen, die sich ihrerseits auf einen Stab von höheren Beamten verlassen konnten, der sich nicht mit jedem neuen Minister änderte und so für Kontinuität sorgen konnte. So wurde der (hoffentlich) gut informierte Ministerialsekretär geboren, der aufeinander folgenden Regierungen dienen konnte. Dieses System wurde von jeder Nation übernommen.

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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