Dr. Wolfgang Kapp

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Das Ende der Freikorps war gekommen. Am 10. Januar 1920 traten die militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrags in Kraft, darunter die Herabsetzung der Armee von ungefähr 400.000 auf 100.000 Mann und die Entwaffnung und Auflösung der paramilitärischen Verbände, vor allem der Freikorps.

Dies war in der Tat eine bittere Pille für die Militaristen, und viele weigerten sich, diese zu schlucken. Einige Freikorps wurden in die neue Reichswehr oder in die Staatspolizei eingegliedert, andere in Sportvereine, Schützenvereine, Detektivagenturen und Agrararbeiter-Vereinigungen umgewandelt – alle nahmen jedoch ihre “Werkzeuge” mit. (46)

Kapitän Hermann Ehrhardt

Die Regierung hatte keine andere Wahl, als die Auflösung der Korps anzuordnen, aber der Versuch, diejenigen Korps strafrechtlich zu verfolgen, für deren Missetaten Beweise erbracht worden waren und Zeugen zur Verfügung standen, kosteten sie den wenigen Respekt, den das Militär für ihre Autorität übrig hatte. Dann gab die Alliierte Kontrollkommission in Berlin den direkten Befehl, zwei weitere Verbände zu demobilisieren, und zwar die beiden wildesten Einheiten, die Ehrhardt-Brigade des Marinekapitäns Hermann Ehrhardt und die Baltische Brigade unter General Graf von der Goltz, denn die Anwesenheit derart volatiler Truppen in der Nähe der Hauptstadt stufte die Kommission als zu hohes Risiko ein.

Die Befürchtungen erwiesen sich als allzu begründet. Als der Oberbefehlshaber der Vorläufigen Reichswehr in Berlin, der die Niederschlagung des Spartakusaufstandes geleitet hatte, Walther von Lüttwitz, sich weigerte, die Freikorps aufzulösen, von Wehrminister Gustav Noske aufgrund von Beweisen einer nationalistischen Verschwörung entlassen wurde und sich dadurch zum Handeln gezwungen fühlte, versuchte er den Staatsstreich. Auf seinen Befehl hin marschierte die Brigade Ehrhardt am Morgen des 13. März 1920 kampfbereit in Berlin ein und übernahm die Kontrolle über die Hauptstadt. Die legitime Regierung floh zuerst nach Dresden und dann nach Stuttgart, während Lüttwitz und Ludendorff, der rein zufällig in der Nähe war, die Regierung für abgesetzt erklärten und die ratlose und erstaunte Öffentlichkeit darüber informierten, dass Deutschland künftig von einem neuen Kanzler mit diktatorischen Befugnissen regiert werde. Ihr Erlass besagte: “Die volle Staatsgewalt als Reichskanzler und Ministerpräsident von Preußen ist auf Kommissar Dr. Kapp aus Königsberg übergegangen.” (47)

Der neue Reichskanzler

Der gute Dr. Kapp – sich auf die Gewehre der Gangster stützend – übernahm die Ämter des Staats- und Regierungschefs, empfing Besucher und erteilte Befehle. Es werde künftig keine parlamentarische Kontrolle mehr geben und keine demokratische Laschheit, sondern preußische Effektivität, Gehorsam und Disziplin. Das Problem war, dass noch kaum jemand im Reich von dem guten Doktor gehört hatte: am Anfang des Krieges war er zwar als Verfechter komplett unrealistischer deutscher Kriegsziele in die Öffentlichkeit getreten, aber das war lange her, und seine größten nachmaligen Erfolge hatte er, vor seiner Beförderung zum obersten Herrscher der Deutschen durch Lüttwitz, Ehrhardt und von der Goltz, in der Leitung der Ostpreußischen Generallandschaftsdirektion in Königsberg gefeiert.

Das Echo auf seine Proklamationen blieb daher schwach: sowohl die Alliierte Kommission als auch die Stadtregierung von Berlin weigerten sich, seine Autorität anzuerkennen und ignorierten ihn mehr oder weniger. Um seinen politischen Einfluss zu vergrößern, bat Dr. Kapp seine Tochter, ein politisches Manifest zu verfassen, das die Reichspost – wahrscheinlich als Telegramm – über die Sender ihrer Abteilung „Telegraphen- und Fernsprechwesen“ ausstrahlen sollte. Die wichtige Nachricht wurde jedoch leider nie ausgestrahlt, weil seine Tochter nicht in der Lage war, jemanden zu finden, der ihr eine Schreibmaschine lieh, und die Reichspost die Ausstrahlung verweigerte. Eigentlich kümmerten sich Lüttwitz, Ludendorff und die Kommandeure der Freikorps auch nicht wirklich darum, ob jemand den Anordnungen des neuen Regierungschefs folgte oder nicht, weil sie ihre eigenen Vorstellungen hatten. Bald würde die Nation durch die Macht ihrer Waffen regiert werden.

Anti-Putschplakat der Reichsregierung

Reichspräsident Friedrich Ebert und Kanzler Gustav Bauer hatten zunächst beim neuen Chef des (seit 10. Januar illegalen) Generalstabs, General Hans von Seeckt, um die Unterdrückung der Freikorps durch reguläre Truppen nachgesucht, welcher aber den Antrag aufgrund potenziell widersprüchlicher Loyalitäten, von denen er befürchtete, sie würden die Truppen auseinanderreißen, ablehnte. Ebert und Bauer benutzten nun die einzige Waffe, die ihnen noch verblieben war und rief den Generalstreik aus. Dieser wurde von der SPD, der USPD, den Gewerkschaften und sogar einigen Liberalen unterstützt.

Obwohl sich Berlin am 13. März dem Freikorps ergeben hatte, ohne dass ein Schuss gefallen war, war es lediglich ein hohler Sieg. Niemand von Rang wollte Positionen in Kapps Kabinett annehmen. Von Anfang war der hastig geplante Putsch ein Fiasko, und was ihn letztlich niederschlug, war kein Gegenangriff oder Akt der Sabotage.

Die Berliner, die sich dem Rest der Nation in einer Welle antimilitaristischer Gefühle anschlossen, waren offenbar zu dem Schluss gekommen, dass noch eine Revolution viel zu viel war, und als die Ebert-Bauer-Regierung den Generalstreik ausrief, nahmen die Arbeiter derart und von ganzem Herzen daran teil, dass das Kapp-Regime nicht funktionieren konnte.

Der Strom wurde abgeschaltet; Straßenbahnen und U-Bahnen stellten den Betrieb ein. Es gab kein fließendes Wasser; der Müll verfaulte in den Straßen, Geschäfte und Büros waren geschlossen. Nur das Berliner Nachtleben ging ungehindert weiter, sei es bei Dunkelheit oder Kerzenschein.

Es gab Szenen wie aus übertriebenen Filmen, in denen elfjährige Prostituierte mit Peitschen schwingenden Amazonen in lackierten Stiefeln konkurrierten. Es gab Cafés für jeden Geschmack und jede Abweichung – für Schwule, Lesben, Exhibitionisten, Sadisten und Masochisten. Nacktheit allein war langweilig geworden und die Künste loteten die Tiefpunkte von Obszönität, Desillusion und Zynismus aus.

Berlin war das Zentrum der dadaistischen Bewegung und einer seiner Dichter, Walter Mehring, gab den Berlinern ungewollte, erschreckende Blicke in die Zukunft in der Form seiner satirischen Verse. [“Berlin Simultan, PDF] (48)

Die Nachricht vom Kapp-Putsch traf in München ein wie eine Bombe. Das bayerische Militär hatte längst mit der Idee gespielt, die verhasste sozialistische Regierung abzusetzen und ihre eigene, autoritäre und patriotische Verwaltung zu installieren, und die scheinbare Leichtigkeit, mit der die Hauptstadt besetzt worden war, beeindruckte und verführte die Münchner Offiziere. Daher …

…  beschloss das Militär, in München die Macht zu übernehmen, und in der Nacht des 13. März wurde der Sozialdemokratischen Regierung von Johannes Hoffmann ein Ultimatum gestellt. Die neue Regierung, getragen von dem Militär, wurde von Ritter Gustav von Kahr geleitet, einem reaktionären Monarchisten aus einer Familie von Protestanten, die seit Generationen den katholischen Königen Bayerns gedient hatten. Kahr trug immer einen hohen Kragen und schwarzen Anzug, und er bewegte sich und sprach mit der Abruptheit eines Mannes, der es gewohnt ist, die Befehle von Königen weiterzugeben.

Wie Dr. Kapp war Kahr lediglich eine Galionsfigur der Armee, die sich darüber freute, dass Berlin und München nun in festen Händen der Armee waren. Das Militär beschloss, einen Verbindungsoffizier nach Berlin zu entsenden, um die beiden militärischen Aufstände zu koordinieren. Die Wahl fiel überraschenderweise auf Hitler. Mit Dietrich Eckart als Begleiter flog er in einem Militärflugzeug nach Berlin zu einer Besprechung mit Dr. Kapp. (49)

In einer anderslautenden Version erkannte Hitler selbst, von Eckart getrieben, das Koordinierungspotential der militärischen Aktionen und volontierte,  oder vielmehr bat darum, in die Hauptstadt geschickt zu werden. Wer nun genau geschoben und wer geschubst hat, ist wahrscheinlich in den Nebeln der Geschichte verloren gegangen: am Ende jedenfalls stiegen sie in das Flugzeug und flogen los, am 17. März 1920.

Kapitän Röhm hatte mit seinem typischen Situationsbewußtsein die Mission bereits mit seinen Vorgesetzten geklärt und ein Flugzeug “organisiert”, komplett mit Pilot, welches sie in die Hauptstadt bringen würde. Es war Hitlers allererster Flug. Das Flugzeug war ein offenes Sportflugzeug, pilotiert vom jungen Jagdfliegerleutnant Robert Ritter von Greim, einem Träger des höchsten deutschen Militärordens, des Pour Le Mérite, der aufgrund seiner unverwechselbaren Form und Farbe als “Blauer Max” bekannt war. 25 Jahre später würde der Passagier Adolf Hitler den Piloten von Greim als Nachfolger von Hermann Göring zum letzten Kommandeur der Luftwaffe befördern.

Nach ein paar meteorologischen Schwierigkeiten und einem außerplanmäßigen Zwischenstopp kamen Hitler, Eckart und Greim am Nachmittag des 17. März in Berlin am Flughafen Tempelhof an, am fünften Tag der Regierung von Doktor Kapp. Mit etwas Glück konnten sie ein Taxi anhalten, das die distinguierten Botschafter Bayerns in die Reichskanzlei brachte.

Dort angekommen, wurden sie in das Büro des Kanzlers begleitet, wo sie jedoch nicht vom Amtsinhaber empfangen wurden, sondern dem “merkwürdigen Abenteurer” Trebitsch-Lincoln. (50) Dieses seltsame und durchaus skurrile Wundertier, als ungarischer Jude von Hitler und Eckart nicht unbedingt wohlgelitten, war zum Pressesprecher ernannt worden oder hatte sich, wie einige sagten, selbst zum Pressesprecher des deutschen Reichskanzlers Dr. Wolfgang Kapp ernannt.

Lincoln – ein faszinierendes Unikat, der in seinem Leben Abgeordneter im britischen Unterhaus, Hochstapler, Spion für Deutschland und Großbritannien, für die US-Abwehr tätig und zuletzt in China buddhistischer Mönch war – teilte der Verstärkung aus Bayern düster mit, dass Seine Exzellenz der Kanzler leider nicht zur Verfügung stand. Erschöpft von den Strapazen seiner Amtsgeschäfte, war der Kanzler gerade zum Flughafen Tempelhof aufgebrochen, um ein Flugzeug nach Schweden zu nehmen, wo er dem verdienten Ruhestand zu verbringen beabsichtigte. (An dieser Darstellung gab es später gelinde Zweifel – Kapp war wohl zu dieser Zeit noch in Deutschland untergetaucht.)

Aber der Kapp-Putsch war gescheitert.

Der ehemalige Reichskanzler kehrte freiwillig 1922 aus Schweden nach Deutschland zurück, um sich einem Prozess zu stellen, starb aber am 12. Juni 1922 vor dessen Beginn an einem Krebsleiden.


[46] [47] Read, Anthony, The World on Fire, Norton Books 2008, ISBN 978-0-393-06124-6, S. 319, 320

[48] [50] Toland, John, Adolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6, S. 100, 101

[49] Payne, Robert, The Life and Death of Adolf Hitler, Praeger Publishers 1973. Lib. Con. 72-92891, S. 150

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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