Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Eine Familie in Österreich …

… lebte, wohl respektiert, in Braunau am Inn …


The business of the Civil Service is the orderly management of decline.

William Armstrong


Im Jahr des Herrn 1889 feierte der österreichische Kaiser Franz Joseph seinen neunundfünfzigsten Geburtstag und den einundvierzigsten Jahrestag seiner Regierungszeit über das weite Reich von Österreich und Ungarn; als er 1916 starb, hatte er achtundsechzig Jahre lang über diesen Staat regiert. Sein Reich war riesig – es umfasste mehr als 180.000 Quadratmeilen oder etwa 450.000 Quadratkilometer. Die Domänen des Kaisers erstreckten sich in der Ost-West-Achse von Czernowitz an der Prut in der heutigen Ukraine bis nach Vorarlberg nahe der Schweizer Grenze und in der Nord-Süd-Achse von der Unterelbe bei Aussig bis nach Ragusa (Dubrovnik) in Südkroatien, zwei Drittel entlang der östlichen Adriaküste.

Ethnisch – und damit politisch – waren diese Gebiete jedoch hoffnungslos geteilt und zerstritten. Zur Rassenvielfalt der kaiserlichen Bevölkerung zählten Deutsche in Österreich, Ungarn und im Sudetenland; Tschechen in Böhmen und Mähren; Slowaken im Osten; Polen in Westgalizien und Ruthenen, also katholische Ukrainer, im östlichen Teil davon; Magyaren in Ungarn und Siebenbürgen mischten sich mit einigen weiteren Deutschen und Rumänen; Slowenen, Friaulern und Italienern südlich der Julischen Alpen; und schließlich Kroaten, Bosnier, Albaner, Montenegriner und Serben im und um das Balkangebirge.

Ethnolinguistische Karte ca. 1900

Alle diese Gruppen kämpften unaufhörlich, aber größtenteils ineffektiv und sich gegenseitig paralysierend, um Posten, Repräsentation und Einfluss im Reich und an seinem Hof, während eine bemühte Zivilverwaltung mit der tatsächlichen Regierung der Menge beschäftigt war. Die außergewöhnlich lange Regierungszeit von Franz Joseph trug wesentlich zur Verknöcherung der kaiserlichen Strukturen bei, die – angesichts der Ehrfurcht der Habsburger vor ihrer Tradition – gelinde gesagt konservativ waren und blieben, vormodern, geradezu reaktionär.

Doch äußerlich schienen die Dinge für die Ewigkeit gebaut zu sein. Stefan Zweig, einer der bekanntesten Söhne Wiens, beschrieb die besondere Atmosphäre von Stadt und Land:

Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt. Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wusste, wie viel er besaß oder wie viel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wie viel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verlässlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wusste, wie viel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wusste man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.

Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran; das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die künftige Mitgift. Schließlich organisierten sich sogar die Arbeiter, eroberten sich einen normalisierten Lohn und Krankenkassen, Dienstboten sparten sich eine Altersversicherung und zahlten im Voraus ein in die Sterbekasse für ihr eigenes Begräbnis. Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoss mit gutem Gefühl die Gegenwart.

In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telefons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr musste das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein. (1)

Dieser friedliche Zustand der Glückseligkeit umfasste jedoch nicht notwendigerweise alle Schichten und das gesamte Reich. Das neue Zeitalter hatte Anarchisten und Sozialisten hervorgebracht und über den Status der verarmten Landbevölkerung gab es nicht viel Gutes zu berichten. Recht und Ordnung wurden jedoch im Allgemeinen hochgeschätzt, um die Sicherheit und Kontinuität der Gesellschaft zu gewährleisten, die sie implizierten. In diese Welt der Ordnung wurde am Morgen des 7. Juni 1837 ein unehelicher Sohn, den sie Alois nannte, der Bäuerin Maria Anna Schicklgruber im Weiler Strones im österreichischen Waldviertel geboren.

Das Waldviertel war eines der Nebenschauplätze der österreichischen Monarchie, ein hügeliges Land der Bauerndörfer und kleinen Bauernhöfe, und obwohl es nur etwa fünfzig Meilen von Wien entfernt ist, liegt über ihm eine etwas abgelegene und verarmte Luft, als ob die Hauptströmungen des österreichischen Lebens daran vorbeigegangen wären.“ (2) Es liegt etwas nordöstlich von Linz bzw. nordwestlich von Wien; zwischen der Donau und der tschechischen Grenze in Richtung Brünn. Es ist ein Grenzgebiet und hat im Laufe der Jahrhunderte viele plündernde Armeen gesehen. Deutsche Stämme hatten das Land auf dem Weg zu den Schätzen und Versuchungen des Römischen Reiches durchquert, das die Römer „Noricum“ nannten, gefolgt von den Hunnen, verschiedenen Stämmen der Goten, den Ungarn und schließlich den Türken. Es hatte Armeen im Dreißigjährigen Krieg und in den Napoleonischen Kriegen gesehen; erst nach dem Wiener Kongress bedeckte ein Jahrhundert des Friedens seine sanften Hügel.

Waldviertler Bauern in ihrer typischen Tracht

Der Name “Hitler”, auch “Hidler”, “Hiedler”, “Hüttler”, “Hietler”, “Hytler” oder “Hittler” geschrieben, war einer der gebräuchlichsten Namen im Bezirk. Es ist bereits seit 1435 dokumentiert, als der Abt des Klosters Herzogenburg eine Urkunde ausarbeitete, die Hannsen Hydler und seiner Frau Eigentum in der Nähe von Raabs an der Thaya verlieh. (3) Die Etymologie des Namens weist auf eine mögliche Ableitung des deutschen Wortes „Heide“ hin, von der das Waldviertel voll war. Das gesamte Leben von Alois Hitler ereignete sich sodann in einem Umkreis von vielleicht 100 Meilen um Linz, der damaligen und jetzigen Landeshauptstadt von Oberösterreich.

Über Adolf Hitlers Großmutter väterlicherseits, Maria Schicklgruber, ist wenig bekannt. Das winzige Dorf Strones, in dem sie lebte, war viel zu klein, um eine eigene Gemeinde zu sein, und so musste Baby Alois in dem etwas größeren Dorf Döllersheim, ein paar Meilen nordwestlich, registriert werden. Es war allgemein bekannt, dass das Baby unehelich geboren wurde und daher streng genommen „illegitim“ war. Viele Theorien wurden später entwickelt und Erklärungen angeboten, in denen dieser Umstand angeblich die eine oder andere Rolle in Alois Hitlers Leben oder in dem seines Sohnes Adolf spielte, und sie sind alle Quatsch. Die Realität des Waldviertels diktierte, dass „Legitimität“ ein Konzept war, das sich die Bauern einfach nicht leisten konnten und das in ihrem täglichen Leben keine Auswirkungen hatte. „Illegitimität“ könnte wohl ein erhebliches Problem für einen Thronfolger oder den potenziellen Eigentümer eines Grundstücks oder Geschäfts gewesen sein, nicht aber für Landarbeiter und Erntehelfer. Es war ein weit verbreitetes Vorkommen, und es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Alois jemals unter einem echten oder eingebildeten Stigma litt, das damit verbunden wäre. Es gab kein Reich, das Alois erben konnte, und sein Sohn eroberte die seinigen, ohne Gerichte zu fragen.

Die Ruinen von Strones

Eine weitere politisch motivierte Theorie wurde in den frühen 1930er Jahren über Adolf Hitlers unbekannten Großvater väterlicherseits verbreitet. Gerüchten zufolge war Alois der uneheliche Sohn eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns aus Graz namens Frankenberger oder Frankenreither, der Maria verführt hatte, welche als Dienstmagd in seinem Haushalt arbeitete – in einer Variation des Themas war der Sohn des Kaufmanns der Übeltäter und sein Vater bezahlte für den Unterhalt von Magd und Kind.

Eine solche Geschichte wäre natürlich ein Fest für Hitlers politische Feinde gewesen. Nachdem im deutschen Reichstagswahlkampf 1930 einige österreichische Zeitungen solche Berichte veröffentlicht hatten, tauchten die Vorwürfe verstärkt auf, als Hitler 1932 für das Amt des deutschen Reichspräsidenten gegen Hindenburg kandidierte. Schließlich schickte Hitler seinen Rechtsberater Hans Frank zur Untersuchung. Dem Anwalt wurde mitgeteilt, dass der neunzehnjährige Sohn eines Grazer Herrn Frankenberger der Täter war, dessen Vater Fräulein Schicklgruber angeblich vierzehn Jahre lang Unterhalt gezahlt hatte; eine Abweichung der Geschichte identifizierte Herrn Frankenberger und seinen lustvollen Sohn als wohnhaft in Linz, nicht Graz. In beiden Städten gab es jedoch keine Spur von Beweisen oder von Zahlungen, und daher starb die Geschichte langsam. Nachforschungen in den österreichischen und jüdischen Aufzeichnungen von Graz und Linz, die nach 1945 durchgeführt wurden, ergaben schlüssig, dass sich vor den 1860er Jahren, 20 Jahre nach Alois’ Geburt, in keiner der beiden Städte jüdische Familien niederlassen durften. Es gab auch überhaupt keine Frankenberger oder Frankenreiter, und so geriet die Geschichte endgültig in Vergessenheit (Update: Artikel aus dem “Focus”, 12. 08. 2019).

Angeblich Alois’ Geburtshaus
Weitra

Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte Alois Schicklgruber in Strones mit seiner Mutter, die 1842 einen unregelmäßig beschäftigten Mühlenarbeiter namens Johann Georg Hiedler aus dem nahe gelegenen Weiler Spital bei Weitra heiratete. [FN1] Die Ehe scheint an ihrem Leben nicht viel geändert zu haben – das Ehepaar lebte in bitterer Armut, und nachdem Maria fünf Jahre später an Tuberkulose gestorben war und sich Johann Georg wieder der Landstreicherei widmete, ging das Kind in die Hände von Johann Georg Hiedlers Bruder Johann Nepomuk Hüttler aus Spital, Haus Nr. 36, über. In der Gemeinde gab es nachfolgend einiges an Klatsch: dem Tratsch zufolge war Johann Nepomuk, jetzt Vormund, der leibliche Vater des Jungen.

[FN1] Der Name „Spital“ ist eine verbreiteter Name für österreichische Dörfer und Städte, und die niederösterreichische Gemeinde Spital, die hier eine Rolle spielt, darf nicht mit der Kärntner Stadt Spital verwechselt werden, wohin z. B. die Historikerin Marlis Steinert Johann Nepomuk Hüttler veranlagt.

Niemand weiß, wer Alois’ Großvater wirklich war, und es ist möglich, dass Maria es selbst nicht wusste. Zu dieser Zeit und an diesem Ort waren die sexuellen Beziehungen zwischen Landarbeitern im Wesentlichen ungeregelt, unehelich geborene Babys kamen zahlreich und galten als willkommene Ergänzung der Erwerbsbevölkerung, falls sie die frühe Kindheit überlebten.

Interessanter als müßige Spekulationen über die Identität von Adolf Hitlers Großvater ist die Frage, warum die ursprüngliche Geburtsurkunde von Alois Schicklgruber im Sommer 1876 – als er bereits 39 Jahre alt war – geändert, manipuliert und gefälscht wurde. Was war in der Zwischenzeit passiert, das eine solche Handlung erklären würde?

Im Jahr 1850, im Alter von dreizehn Jahren, lief Alois von zu Hause weg, eine Tatsache, die einige Rückschlüsse auf die Umstände oder das Glück seiner Kindheit erlaubt. Er floh nach Wien, wo er schnell eine Anstellung als Schusterlehrling fand. Er beendete, soweit wir wissen, die vierjährige Regellehre und wurde Schuhmacher, gab diesen Beruf jedoch bald wieder auf und trat in den österreichischen Staatsdienst ein. Er bestand die Aufnahmeprüfung, was eine ziemliche Errungenschaft war, da er zu Hause kaum die Schule besucht hatte und wurde in die Zollabteilung der österreichischen Finanzverwaltung aufgenommen. Sohn Adolf beschrieb in „Mein Kampf“ die Ankunft seines Vaters in der österreichischen Hauptstadt wie folgt:

Als Sohn eines armen, kleinen Häuslers hatte es ihn schon einst nicht zu Hause gelitten. Mit noch nicht einmal dreizehn Jahren schnürte der damalige kleine Junge sein Ränzlein und lief aus der Heimat, dem Waldviertel, fort. Trotz des Abratens „erfahrener“ Dorfinsassen war er nach Wien gewandert, um dort ein Handwerk zu lernen. Das war in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ein bitterer Entschluss, sich mit drei Gulden Wegzehrung so auf die Straße zu machen ins Ungewisse hinein. Als der Dreizehnjährige aber siebzehn alt geworden war, hatte er seine Gesellenprüfung abgelegt, jedoch nicht die Zufriedenheit gewonnen. Eher das Gegenteil. Die lange Zeit der damaligen Not, des ewigen Elends und Jammers festigte den Entschluss, das Handwerk nun doch wieder auf-zugeben, um etwas „Höheres“ zu werden. Wenn einst dem armen Jungen im Dorfe der Herr Pfarrer als Inbegriff aller menschlich erreichbaren Höhe erschien, so nun in der den Gesichtskreis mächtig erweiternden Großstadt die Würde eines Staatsbeamten. Mit der ganzen Zähigkeit eines durch Not und Harm schon in halber Kindheit „alt“ Gewordenen verbohrte sich der Siebzehnjährige in seinen neuen Entschluss – und wurde Beamter. Nach fast dreiundzwanzig Jahren, glaube ich, war das Ziel erreicht. Nun schien auch die Voraussetzung zu einem Gelübde erfüllt, das sich der arme Junge einst gelobt hatte, nämlich nicht eher in das liebe väterliche Dorf zurückzukehren, als bis er etwas geworden wäre. (4)

Diese Worte müssen mit dem Wissen gelesen werden, dass Adolf Hitler zu seinem Vater nachweislich mit Gefühlen näher am Hass als an der Liebe stand, aber hier versucht er, ein Bild des Erfolgs zu zeichnen, das sich scharf von den Meinungen abhebt, die er privat oder an den Esstischen seines Hauptquartiers im Zweiten Weltkrieg von sich gab. Mehr als aus der polierten Erzählung über seinen Vater in „Mein Kampf“ können wir in Bezug auf das Glück der Familie, in der Adolf aufgewachsen ist, aus der Tatsache schließen, dass Alois ‘erster Sohn Alois Jr., Adolfs Halbbruder, das Elternhaus im selben Alter von dreizehn Jahren wie sein Vater verließ, um nie wieder zurückzukehren.

Die Stationen von Alois Schicklgrubers Aufstieg zu einer respektablen Position im Zolldienst – der höchsten, die er aufgrund seiner begrenzten Ausbildung erreichen konnte – folgten den vorhersehbaren Karrieremustern im öffentlichen Dienst. das heißt, sich durch die Dienstränge und über das ganze Land zu bewegen. Ursprünglich eingestellt als jüngst möglicher Bediensteter des österreichischen Finanzministeriums im Jahr 1855, wurde er relativ schnell befördert. Im Jahr 1861 finden wir ihn schon als Vorgesetzten in Saalfelden, Tirol, und 1864 als Assistenten im den größeren Zollamt von Linz. 1870 wurde er erneut nach Mariahilf verlegt, was ihm durch eine Beförderung zum Inkassoassistenten versüßt wurde. Ein Jahr später kam er in der kleinen Grenzstadt Braunau am Inn an, als Oberassistent; er mochte die kleine Stadt und blieb fast zwei Jahrzehnte dort. 1875 wurde er zum Hilfszollinspektor befördert. Seine Karriere war an sich nicht spektakulär, aber es war ein anständiger Aufstieg für einen Mann seiner Herkunft, und anscheinend dachte seine Familie genauso, als sie sich ein Prozedere ausdachten, um seine Respektabilität zu erhöhen.

Braunau am Inn – Marktplatz

Am 6. Juni 1876 besuchten Alois Hitler und drei seiner Freunde – Josef Romeder, einer der Schwiegersöhne von Johann Nepomuk Hüttler, Johann Breiteneder und Engelbert Paukh – den Notar Josef Penkner in der Kleinstadt Weitra, unweit von Alois’ Geburtsort Strones. Der Notar wurde beauftragt, für Alois ein „Legalisierung-Protokoll“ zu erstellen, ein nachträgliches Legitimationsprotokoll seiner Geburt. Die drei Freunde bestätigten, dass Johann Georg Hiedler, der Landstreicher (den sie gut gekannt hatten, sagten sie), ihnen zu verschiedenen Zeiten bezeugt hatte, dass er tatsächlich der leibliche Vater von Alois Schicklgruber war, welchen er plante, eines Tages zu legitimieren. Das Dokument wurde verfasst, die Zeugen unterzeichneten, aber aus einem ungeklärten Grund enthielt das Papier den neuen Familiennamen von Alois in der Form „Hitler“, nicht als „Hiedler“ oder „Hüttler“. Mit diesem Dokument bewaffnet, machte sich die Truppe am nächsten Morgen auf den Weg in die kleine Stadt Döllersheim, wo sie dem örtlichen Priester, Pater Josef Zahnschirm, einen Besuch abstatteten und einen „listigen Bauerntrick“ spielten. (5)

Döllersheim – Kirche und Friedhof

Aufgrund des notariellen Dokuments und möglicherweise einer Spende zum Kirchenvermögen erklärte sich Pater Zahnschirm bereit, einige Änderungen an Alois Schicklgrubers Taufprotokoll vorzunehmen. Die ursprüngliche Geburtsurkunde enthielt Leerstellen für den Namen des Vaters und im Feld für Bemerkungen. Die Lücken wurden nun mit „Georg Hitler. Cat(holisch), wohnhaft in Spital “ als Vater gefüllt und unter „Anmerkungen“ eingefügt:

Die unterzeichneten Zeugen bestätigen hiermit, dass der ihnen bekannte Georg Hitler die Vaterschaft des Kindes Alois, Sohn von Anna Schicklgruber, anerkannt und die Eintragung seines Namens in das Taufregister beantragt hat. +++ Josef Romeder, Zeuge, +++ Johann Breiteneder, Zeuge, +++ Engelbert Paukh, Zeuge.“ (6)

Legalisierungs-Protocoll von Notar Josef Penkner (Joachimsthaler, Anton, “Hitlers Weg begann in München 1913 – 1923”, Herbig-Verlag, ISBN 3-7766-2155-9, p. 15

Spekulationen über dieses Unternehmen gibt es zuhauf. Einige private Familienangelegenheiten haben möglicherweise eine Rolle gespielt. Gerüchte banden Johann Nepomuk Hüttler, der in Weitra und Döllersheim so auffällig abwesend gewesen war, in das Drama ein; “Es gab Dorfklatsch, dass Alois sein leiblicher Sohn war.” (7)

Das Nettoresultat der Geheimoperation war, dass Alois Schicklgruber jetzt Alois Hitler hieß. Pater Zahnschirm war eindeutig belogen worden, als ihm gesagt wurde, dass Johann Georg Hiedler noch am Leben sei, aber der Kirchenmann mag von Anfang an seine eigenen Gedanken über das Vorgehen gehabt haben – der Priester „vergaß“, die Änderungen zu datieren und zu unterschreiben. Der Höhepunkt des Stückes war die Registrierung der verbesserten Geburtsurkunde bei der nächstgelegenen österreichischen Kanzlei in Mistelbach. [FN2]

[FN2] Marlis Steinert verfolgte die nachträgliche Bestätigung des Betrugs durch die österreichische Regierung wie folgt: „Ein Briefwechsel zwischen dem Priester, der Gemeindeverwaltung und dem Finanzamt in Braunau bestätigte die rechtliche Validierung des Dokuments per matrimonium subsequens [aufgrund von Georgs Heirat mit Maria Anna fünf Jahre nach Alois’ Geburt], unter Berufung auf ein Dekret des Wiener Innenministeriums vom 12. September 1868, nachdem solche Legitimationen so weit wie möglich gewährt werden sollten.“ (9)

Der ehemals uneheliche Alois Schicklgruber war jetzt Alois Hitler, Beamter und Besitzer einer Uniform mit Goldknöpfen, und als er ein halbes Jahr nach Johann Nepomuk Hüttlers Tod einen Bauernhof für die stolze Summe von fünftausend Gulden in bar kaufte, sah die örtliche Gerüchtekontrolle ihre Schlussfolgerungen bestätigt.

Alois hatte in seinem Leben eine Reihe romantischer Verstrickungen durchgemacht und auch schon Erfahrungen mit der heiligen Ehe gesammelt. Er hatte im Oktober 1873 im Alter von sechsunddreißig Jahren zum ersten Mal geheiratet, obwohl es den Anschein hat, als habe er zu diesem Zeitpunkt bereits ein Kind aus einer anderen Beziehung gezeugt. (8) Jedenfalls schien die Ehe auch auf Gründen zu beruhen, die über reine Liebe hinausgingen: die Braut, Anna Glassl-Hörer, war die Tochter eines hochrangigen Finanzbeamten, eines Inspektors in der Tabakabteilung des Ministeriums, vierzehn Jahre älter als ihr Ehemann und von angeschlagener Gesundheit. Niemand wäre groß überrascht gewesen, wenn Status und Finanzen eine Rolle gespielt hätten.

Aufgrund der häufigen Wohnortwechsel hatte Alois es sich zur Gewohnheit gemacht, den größten Teil seines Lebens in Gasthäusern zu wohnen, und solche Unterkünfte brachten ihn täglich in Kontakt mit Kellnerinnen, Zimmermädchen, Wäscherinnen und Tabakmädchen, ob er es wollte oder nicht. Anscheinend machte es ihm nichts aus, und er besaß natürlich die wichtigste Voraussetzung für weibliche Aufmerksamkeit, einen festen Arbeitsplatz und damit ein festes Einkommen. Als Anna 1880 die Scheidung beantragte – vielleicht seiner Untreue überdrüssig – hatte er schon einige Zeit lang offen eine Affäre mit der Kellnerin des Gasthauses Streif geführt, einem Mädchen namens Franziska (Fanny) Matzelsberger.

Doch die Beziehung zu Fanny hinderte Alois anscheinend nicht daran, ein dringendes Bedürfnis nach einer zweiten Magd zu empfinden, und bald quartierte er ein weiteres junges Mädchen von sechzehn Jahren in seiner Mansarde unter dem Dach des Gasthauses ein; ein schlankes, attraktives Mädchen namens Klara Pölzl. Die Idee stieß auf die wütende Opposition von Franziska, die keinerlei Zweifel an den Arten von Dienstleistungen hatte, die Klara für Alois erbringen sollte, und es gelang ihr, die Konkurrenz schnell wegzuschicken. Zu gegebener Zeit gebar Franziska am 13. Januar 1882 einen Sohn von Alois Hitler, der Alois Junior getauft wurde. Als Anna, die inzwischen die Scheidungsurkunde erhalten hatte, im folgenden Jahr an Tuberkulose starb, stand es Alois frei, Franziska zu heiraten. Sie gebar Alois bald ein weiteres Kind, ein Mädchen namens Angela.

Alois’ Arbeitsplatz – die Zollstation an der Innbrücke

Zu dieser Zeit entschied sich Alois offiziell, die Vaterschaft der Kinder zu akzeptieren und ließ Alois Jr. und Angela legitimieren. Es war ein äußeres Zeichen seines Strebens nach Anerkennung und Respektabilität, was in dieser zutiefst autoritativen Gesellschaft zählte. Er hatte eine gute Karriere und Geld genug zum Ausgeben; er verdiente mehr als zum Beispiel der örtliche Schuldirektor. Er war in seinen „besten Jahren“ und liebte es, sich in Uniform fotografieren zu lassen. Was die Sympathien seiner Arbeitskollegen betrifft, bleiben Fragen offen. Eine Quelle beschreibt ihn als „starr und pedantisch“, doch wären dies Eigenschaften, die sein Arbeitgeber wohl forderte und die seinen Erfolg erklären könnten. In einem Brief an einen Cousin, der sich nach einem Job für seinen Sohn erkundigt hatte, zeichnete Alois das folgende Porträt von sich und seinem Beruf:

Lassen Sie ihn nicht glauben, dass der Finanzwach eine Art Spaß ist, denn dann wird er schnell desillusioniert werden.” Erstens muss er seinen Vorgesetzten auf allen Ebenen absoluten Gehorsam erweisen. Zweitens gibt es in diesem Beruf viel zu lernen, umso mehr, wenn er wenig Vorbildung hatte. Trinker, Schuldner, Kartenspieler und andere, die ein unmoralisches Leben führen, werden nicht berücksichtigt. Außerdem muss man bei jedem Wetter, Tag und Nacht, seinen Dienst versehen.“ (10)

Bezeichnenderweise umfasste Alois ‘Aufzählung „unmoralischer“ Lebensstile nicht zweifelhafte und möglicherweise illegale Kontakte zu Kellnerinnen und Zimmermädchen oder illegitime Babys. Bald jedoch erschien ein Schatten an seinem privaten Horizont. Kurz nach der Geburt von Angela entwickelte Franziska, genauso wie Anna, eine Tuberkulose und musste Braunau verlassen, um in der Bergluft Heilung zu suchen. Alois fand sich plötzlich mit zwei kleinen Kindern im obersten Stock des Gasthauses allein gelassen, und da ihn seine Laufbahn als Zollbeamter nicht auf die Betreuung von Kleinkindern vorbereitet hatte, reimportierte er Klara tout de suite, sobald Franziska die Stadt verlassen hatte. Klara Pölzl war eine die Enkelin von Johann Nepomuk Hüttler und damit auch eine Nichte von Alois, in welchem Zusammenhang die familiäre Nähe im Waldviertel wieder zu beobachten ist. Ein gutes Foto von Klara ist erhalten. Sie war groß und schlank, fast so groß wie ihr Ehemann, hatte sehr regelmäßige und attraktive Züge, die von braunem Haar eingerahmt waren; keine Schönheit, aber was in Frankreich als „Belle Laide“ bezeichnet wird, ein interessantes Mädchen. Der herausragende Aspekt ihres Gesichts waren sicherlich ihre voluminösen türkisfarbenen Augen. Nach allem das wir wissen, war sie ordentlich, einfach und liebevoll. Ihre Bildung war fast gleich Null, aber die Quellen stimmen auch darin überein, dass sie sich in der Öffentlichkeit korrekt benahm und keine Probleme mit der Rolle der Frau eines Zollbeamten hatte. Privat galt sie als effiziente Haushälterin, Köchin, Organisatorin und Krankenschwester für die Kinder.

Die Gemeinde in Braunau nahm sie ohne Bedenken auf, was doch etwas überraschend ist; es war schließlich eine dieser kleinen Städte, in denen sich die Nachbarn für alles interessieren, was sie absolut nichts angeht. Im Sommer 1884 starb Franziska wie schon Anna an Tuberkulose und Klara war bereits schwanger. Alois wollte sie heiraten, doch nun schlug die Manipulation der Geburtsurkunde zurück: Da der frühere Alois Schicklgruber nun Alois Hitler war, war er offiziell Klaras Onkel und nach den Gesetzen der österreichischen katholischen Kirche war eine Ehe nicht zulässig; es sei denn, ein Dispens werde erteilt. Mithilfe des örtlichen Priesters verfasste Alois einen Brief an den Linzer Bischof, der uns vorliegt:

“Hochwürdiges Episkopat!

Diejenigen, die mit demütigster Hingabe ihre Unterschriften untenstehend angehängt haben, haben sich für eine Ehe entschieden. Dem beiliegenden Stammbaum zufolge werden sie jedoch durch die kanonische Behinderung der Kollateralaffinität im dritten Grad, die den zweiten berührt, verhindert. Sie machen daher die bescheidene Bitte, dass das höchst verehrte Episkopat ihnen aus den folgenden Gründen gnädig eine Ausnahmegenehmigung zusichert:

Wie aus der beiliegenden Sterbeurkunde hervorgeht, ist der Bräutigam seit dem 10. August dieses Jahres Witwer. Er ist Vater von zwei Minderjährigen, einem zweieinhalbjährigen Jungen (Alois) und einem ein Jahr und zwei Monate alten Mädchen (Angela), und beide brauchen die Dienste eines Kindermädchens, zumal er als Zollbeamter den ganzen Tag und oft nachts unterwegs ist, und so nicht in der Lage ist, die Bildung und Erziehung seiner Kinder zu überwachen. Die Braut kümmert sich seit dem Tod ihrer Mutter um die Kinder und sie lieben sie sehr.

Man kann also zu Recht davon ausgehen, dass sie gut erzogen werden und die Ehe glücklich sein wird. Außerdem ist die Braut ohne Mittel und es ist unwahrscheinlich, dass sie jemals wieder die Gelegenheit haben wird, eine gute Ehe zu schließen. Aus diesen Gründen wiederholen die Unterzeichneten ihre bescheidene Bitte um eine gnädige Herbeiführung der Befreiung von der Behinderung der Affinität.

Braunau am Inn, 27. Oktober 1884

Alois Hitler – Bräutigam, Klara Pölzl – Braut

Beigelegt war eine Version des Stammbaums, die Alois Hitler als Sohn des Vagabunden Johann Georg Hiedler führte, dessen Bruder Johann Nepomuk Hüttler der Großvater der Braut Klara Pölzl war. Wir werden die Gelegenheit haben, in einem späteren Beitrag auf einen oder zwei Jugendbriefe des jungen Adolf, Alois’ Sohn, zu stoßen, die in ihrer Ausdrucksweise und ihrem Stil dem obigen Brief seltsam ähnlich klingen. Alois ‘Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung riecht nach der gleichen Art von nicht sehr erhabener Täuschung, die er bei der “Verbesserung” seiner ursprünglichen Geburtsurkunde angewandt hatte und den John Toland den „listigen Bauerntrick“ genannt hatte. Der Sohn sollte zu seiner Zeit ähnliche Taktiken anwenden.

Der Adressat, der Linzer Bischof, zögerte und entschloss sich, folgend dem üblichen bürokratischen Procedere, eine höhere Instanz in Anspruch zu nehmen. Eine kurze Zusammenfassung des Falls, einschließlich des Originalbriefs, des Stammbaums und eines „Testimonium paupertatis“, einem Armutsnachweis zur Befreiung von der Zahlung der üblichen Gebühren, wurde an die Sacra Rota, die für Ehefragen zuständige Abteilung des Heiligen Stuhls, weitergeleitet. Der Vatikan kümmerte sich anscheinend so viel oder wenig um ein bisschen Inzest in Braunau wie die Bauern des Waldviertels um die Legitimität, und der Dispens wurde drei Wochen später bewilligt.

Braunau – Kirche

Alois Hitler und Klara Pölzl heirateten am 7. Januar 1885. Die Zeremonie fand anscheinend eiligst am Vormittag statt: Klara beklagte sich, dass “mein Mann schon wieder Dienst hatte”. (12) Abends folgte ein kleines Bankett in Anwesenheit der Zollkollegen von Alois im Gasthaus Pommer.

Gasthaus Pommer in der Nazi-Zeit

Die Ehe änderte kaum etwas in ihrem Leben. Das Paar kannte sich seit Jahren und Klara war an ihre Pflichten im Haushalt gewohnt. Sie war eine einfache, aber ruhige, bescheidene und höfliche Frau, die niemals Anforderungen an ihren Ehemann, die Kinder oder die Gemeinschaft stellte. Sie war zutiefst religiös und besuchte regelmäßig die Gottesdienste. Die Familie lebte ohne jede Spur von Skandal, selbst Alois’ private Ermittlungen in die Leben der örtlichen Kellnerinnen und Zimmermädchen schienen nachzulassen. Das Geld reichte aus, um der Familie einen angemessenen Lebensstandard zu sichern, und sie spielten ihre Rolle in der Gemeinde ohne jedes Aufsehen.

Wenn wir uns Klaras Foto ansehen, das mit etwa 26 Jahren aufgenommen wurde, sehen wir einem einfachen, aber angenehmen Landmädchen ins Gesicht. Das beeindruckendste Merkmal sind in der Tat ihre leuchtenden, ausdrucksstarken Augen. Robert Payne bemerkte:

Auf dem Foto sieht sie verletzlich aus, aber nicht zu verletzlich. Sie war eine temperamentvolle Frau, die bei Bedarf ihrem Ehemann standhalten konnte. Sie war im herkömmlichen Sinne nicht schön, aber ihr Gesicht weist auf eine ungewöhnliche Sanftmut und Zärtlichkeit hin, auf die Güte ihres Wesens. Sie war eine dieser Frauen, die für ihre Ehemänner, ihre Kinder und ihren Glauben leben. (13)

Sie würde sechs Kinder für Alois zur Welt bringen, vier Söhne und zwei Töchter, von denen jeweils eines die Kindheit überlebte. Zu den älteren Kindern Alois Jr. und Angela gesellten sich im April 1889 Adolf und im Januar 1896 Paula. Vier Kinder starben früh an Diphtherie: Gustav im Alter von zwei Jahren; Ida im gleichen Alter; Otto starb in der Wiege und Edmund im sechsten Lebensjahr. [FN3]

[FN3] Es scheint, dass dieses Schicksal der Familie Hitler keine Ausnahme war. Ein Jugendfreund von Adolf, August Kubizek, beschrieb die frühen Prüfungen seiner frisch verheirateten Eltern folgendermaßen: „Das junge Paar lebte zunächst im Haus der Eltern meiner Mutter. Die Löhne meines Vaters waren niedrig, die Arbeit war hart und meine Mutter musste ihren Job aufgeben, als sie mich erwartete. So wurde ich unter ziemlich miserablen Umständen geboren. Ein Jahr später wurde meine Schwester Maria geboren, starb aber in einem zarten Alter. Im folgenden Jahr erschien Therese; sie starb im Alter von vier Jahren. Meine dritte Schwester, Karoline, wurde schwer krank, blieb so einige Jahre und starb, als sie acht Jahre alt war. Der Kummer meiner Mutter war grenzenlos. Während ihres ganzen Lebens litt sie unter der Angst, mich auch zu verlieren; denn ich war das einzige von ihren vier Kindern, das ihr geblieben war. “(14)

Zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort wurde eine solche Sterblichkeitsrate als nahezu normal angesehen. Kinder wurden zu Tausenden geboren und starben an Masern, Diphtherie, Lungenentzündung und anderen häufigen Kinderkrankheiten – tödlich in einer Zeit, die noch nicht Sulfonamide oder Penicillin kannte. Die Familie befand sich in der Obhut des Allgemeinarztes Dr. Eduard Bloch, aber die Wissenschaft der Mikrobiologie war noch nicht erfunden und die unsichtbaren Todesursachen gediehen ungehindert.

Im Allgemeinen war es jedoch eine seriöse und ordentliche Familie, die am Abend des 20. April 1889 um sechs Uhr ihr neuestes Mitglied, Adolfus, begrüßte.

Taufschein
Baby Adolf
Geburtsanzeige
Am Grab der Eltern 1938

(1) Zweig, Stefan Die Welt von Gestern, Gutenberg, Kap.3

(2) Shirer, William, The Rise and Fall of the Third Reich, Simon & Schuster 1960, ISBN 978-1-4516-4259-9 (hc.), S. 7

(3) (6) (10) (11) (13) Payne, Robert, The Life and Death of Adolf Hitler, Praeger Publishers 1973, Lib. Con. 72- 92891 (hc.), S. 5, S. 6-7, S. 10, S. 12, S. 14

(4) Hitler, Adolf, Mein Kampf, 851.–855. Auflage 1943, Alle Rechte vorbehalten Copyright Band I 1925, Band II 1927 by Verlag Franz Eher Nachf., G.m.b.H., München, S. 2-3, Online Link

(5) (7) (12) Toland, John, Adolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6 (pbk.), S. 4, S. 4, S. 6

(8) (9) Steinert, Marlis, Hitler, C.H. Beck, Munich 1994, ISBN 3-406-37640-1 (hc.), S. 17, S. 18

(14) Kubizek, August, The Young Hitler I Knew, Arcade Books 2011, ISBN 978-1-61145-058-3 (pbk.), S. 23


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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  1. michaelzeisberg@outlook.de

    Ö-U erlebte in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg einen starken Wirtschaftsaufschwung, dieses Bild vom Völkergefängnis stammte von den (späteren) Gegnern des Ersten Weltkrieges. Und gerade nach den Jugoslawienkriegen/dem Zerfall der CSSR sieht man die Habsburgermonarchie in einem deutlich milderen Licht. Denn in den Nachfolgestaaten ging es beispielsweise den nationalen Minderheiten deutlich schlechter, was sich bis heute nicht geändert hat. Zudem muss man Trans- von Cisleithanien innenpolitisch unterscheiden. Das mit der Biographie von Hitler scheint mir zutreffend zu sein (Kershaw).

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