Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Adolf Hitlers Meldung zur Deutschen Armee 1914

Oberst von List erstattet König Ludwig III Report …

Verzückung über den Krieg

Das berühmte Foto von Heinrich Hoffmann, das Adolf Hitler in der Menge auf dem Münchner Odeonsplatz am 2. August 1914 die Kriegserklärung bejubelnd zeigt, ist wahrscheinlich eine Fälschung.

The Little Drummer Boy – Kapitel XIX ]


„Wenn wir in den Krieg verwickelt werden,
werden wir nur um weniges mehr leiden,
als wir leiden müssten,
wenn wir abseits stünden.“

Sir Edward Grey,
im Unterhaus, 2. August 1914

Alle Verzögerungen Im Krieg sind gefährlich.
John Dryden „Tyrannic Love“, Akt 1, Sc. 1


Vorheriger Beitrag: In München vor dem Krieg


Massen vor dem Buckingham Palace jubeln King George, Queen Mary und dem Prinzen von Wales nach der Kriegserklärung im August 1914 zu
Kriegsbegeisterung in Berlin, August 1914

Einer der dauerhaften Legenden des Großen Krieges ist, dass sein Ausbruch auf beiden Seiten gefeiert wurde, und eine breite Welle der Unterstützung durch die Bevölkerung ging. Diese Wahrnehmung ist weitgehend eine Folge von Propaganda – a posteriori – gesehen durch die rosigen Erinnerungen derjenigen, die überlebt hatten, was sie als wohlverdienten Sieg über die deutsche Bedrohung ansahen, und den späteren Verlierern, die im Nachhinein argumentierten, dass eine so großartige patriotische Bewegung nur durch Verrat verloren gehen konnte.
Es ist wahr, dass einige Protagonisten dieser Tage den Beginn des Krieges mit Begeisterung begrüßten. In London schrieb Winston Churchill an seine Frau – „My Darling One & Beautiful“ – am 28. Juli, dass während „alles in Richtung Katastrophe neigt & kollabiert“, er sehr “interessiert, bereit & glücklich” sei. (1) In München zeigte sich ein Protagonist von vorübergehend geringerer Prominenz, der arbeitslose Hobbymaler Adolf Hitler, von ganzem Herzen erfreut. Er hatte von der deutschen Kriegserklärung an Russland am Abend des 1. Augusts erfahren, und spazierte am nächsten Tag, einem Sonntag, die zwei Meilen von seinem Zimmer an der Schleißheimer Straße 34 zum Odeonsplatz, wo eine Menge von pro-Kriegs-Enthusiasten sich vor der Feldherrnhalle versammelt hatte. Adolf war in jubelnder Stimmung.

Hitlers Zimmer in der Schleissheimer Straße 34, dritter Stock (markiert) – Bild aus der Nazizeit mit Gedenkplakette

Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Er-
lösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, dass ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.

Mein Kampf, 851.–855. Auflage 1943, S.177
THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 535

Die obige, später zu Ruhm gekommene Fotografie, aufgenommen von Heinrich Hoffmann, der bald darauf Hitlers Hoffotograf wurde, zeigt einen fünfundzwanzigjährigen Adolf Hitler vor dem Platz des Brunnens vor der Feldherrnhalle, in der achten Reihe oder so, ekstatisch den patriotischen Reden applaudierend, die von ad-hoc-Rednern auf den Stufen der großen Halle gehalten wurden. Wie er in seinen späteren Tagen diesen glücklichen oder getürkten Zufall nutzte, ist ein gutes frühes Beispiel für Hitlers Talent für die Gestaltung und Ausnutzung politischer Realitäten. Thomas Weber erzählt uns die Geschichte hinter dem legendären Foto:

Es ist wahr, dass in den Tagen vor dem Ausbruch des Krieges, Blaskapellen patriotische Lieder in den Straßen und Cafés von München zum Besten gaben. Eine Gruppe Studenten und Rowdies hatten ein Café zu Klump geschlagen, dessen Gäste als nicht genügend patriotisch wahrgenommen wurden. Dennoch ist es schwierig, den Grad zu ermitteln, in welchem solche Fälle patriotischen Ausbruchs repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung waren, da die lautesten und sichtbarsten Reaktionen auf den Ausbruch des Krieges nicht notwendigerweise auch zu den am weitesten verbreiteten Reaktionen gehörten.

In der Tat war nur eine Minderheit der Deutschen anfangs wirklich begeistert über den Krieg. Beklemmung, Angst und Trauer waren die verbreitetsten Reaktionen. Ein junger Heinrich Himmler, der den Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Landshut erlebte, beschwerte sich am 27. August über den Mangel an populären Begeisterung für den Krieg im dortigen Niederbayern. Er stellte voll Verachtung in seinem Tagebuch fest, dass Landshut voll vom Schluchzen und Weinen der Menschen war.

Es gibt in der Tat eine große Diskrepanz zwischen den unmittelbaren und persönlichen Reaktionen auf den Krieg – wie die von Himmler – und Schilderungen, die später in dem Versuch veröffentlicht wurden, dem Krieg im Nachhinein eine Bedeutung zu verleihen. Aus diesem Grunde müssen wir die Nachkriegserinnerungen an den August 1914 mit einem großen Körnchen Salz behandeln. Das gleiche gilt für die Fotografie von Hitler inmitten der Massen am Odeonsplatz am 2. August.
Das Foto fungiert in Wirklichkeit nicht in irgendeiner Art und Weise als Unterstützung von Hitlers Behauptung, dass er in gewisser Weise die Bevölkerung von München repräsentierte, oder die späteren Mitglieder des Regiments List oder gar die deutsche Bevölkerung. Das Foto sagt uns viel eher, warum der Fotograf – Heinrich Hoffmann – später Hitlers persönlicher Fotograf wurde als etwas über die Haltung des deutschen Volkes bei Ausbruch des Krieges.
Während des Dritten Reiches würden es seine meisterhaften Fotos und Leni Riefenstahls großartige Propagandafilme übernehmen, das öffentliche Bild von Hitler und einem jungen, energischen und zukunftsweisenden Deutschland zu schaffen.

Am 2. August nahm nur ein winziger Bruchteil der ungefähr 600.000 Einwohner von München an der patriotischen Versammlung teil, die Hoffmann besuchte. Auf Hoffmanns Foto scheint der gesamte Platz mit jubelnden Menschen gefüllt zu sein. Jedoch hat ein Film-Clip überlebt, der die Szene – im Gegensatz zu Hoffmann Foto – nicht per Zoom auf das Publikum unmittelbar vor der Feldherrnhalle vergrößernd, zeigt und uns einen ganz anderen Eindruck vom Geschehen gibt. Teile des Platzes sind überhaupt nicht mit Menschen gefüllt. Es gibt sogar genug Platz für eine Straßenbahn, die sich mit normaler Geschwindigkeit über den Platz bewegt. Als die Filmkamera begann, das Publikum zu filmen, sehen wir zuerst nur sich unruhig bewegende Menschen. Nur als sie sich bewusst werden, dass die Kamera zu filmen anfängt, beginnen sie zu jubeln und ihre Hüte zu schwenken. Genau in diesem Moment nahm Heinrich Hoffmann, nahe bei der Kamera-Crew stehend, das Foto auf. Und so entstand der Mythos, dass das Münchner Zentrum von einer jubelnden und kriegslüsternen Menge überlaufen war.

Es gibt sogar deutliche Anzeichen dafür , dass Hoffmann sein Foto zumindest „frisiert“ hat – auf seinem Foto steht Hitler in einer sehr prominenten Position, in dem Filmclip jedoch steht Hitler in einer viel weniger zentralen Position als auf dem Foto. Und wo sich wahre Menschenmassen vor der Theatinerkirche im Hintergrund des Fotos befinden, gibt es viel weniger Menschen an der gleichen Stelle des Filmclips. (3)

the little drummer boy, SEITE 535-536

Am 4. August 2014 schrieb Willi Winkler in der SZ dazu:

Es gibt aber kein Original des Bildes von 1914, es gibt nur die bearbeitete Form, bei der Hitler am Rand des Bilds auch noch vergrößert gezeigt wird. Schon länger äußern einige Historiker den Verdacht, dass es sich um eine nachträgliche Montage handelt. Zwar lässt sich nicht beweisen, dass es sich bei dem Hitler in der Menge um eine Fälschung handelt.

Aber dass Hitler tatsächlich dort war, verbürgen nur zwei Männer: der Fotograf und sein Objekt; das Negativ zur Aufnahme fehlt. Im Münchner Stadtarchiv finden sich mehrere Aufnahmen von jenem Tag am Odeonsplatz, doch zeigt keine den endlich von seinem Schreibtisch erlösten Hitler.

Die Mitarbeiterin Elisabeth Angermair weiß von keinem Foto mit Hitler; die Authentizität “fußt ausschließlich auf der Aussage Hitlers”. Das Bundesarchiv verfügt außerdem über einen Film von den Jublern, doch auch da lässt sich der später so berühmte Schnurrbart nicht entdecken.

Seltsamerweise erzählt Hitler in seinem Bekenntnisbuch Mein Kampf nichts davon, dass er an jenem 2. August überhaupt auf dem Odeonsplatz war. Erst am folgenden Tag richtete er ein “Immediatgesuch” an König Ludwig III. “mit der Bitte, in ein bayerisches Regiment eintreten zu dürfen”.

https://www.sueddeutsche.de/politik/bearbeitete-geschichte-weltkriegsjubler-hitler-1.2071039

So wie die ominöse Fotografie der späteren NS-Propaganda geholfen hat, war Hitler später in „Mein Kampf“ beschäftigt, seine eigene Legende zu schaffen. Niemand wusste von der peinliche Angelegenheit mit dem österreichischen Konsulat und der Militärkommission, die sich früher im gleichen Jahr abgespielt hatte, und wir werden nun untersuchen, wie es dazu kam, dass Hitler, dessen intensiver Abneigung der österreichischen Armee wir schon oben begegnet sind, es als Ausländer in die Reihen der Königlich Bayerischen Armee schaffte. In „Mein Kampf“ schrieb er:

Am 3. August reichte ich ein Immediatgesuch an Seine
Majestät König Ludwig III. ein mit der Bitte, in ein
bayerisches Regiment eintreten zu dürfen. Die Kabinettskanzlei hatte in diesen Tagen sicherlich nicht wenig zu tun;um so größer war meine Freude, als ich schon am Tage darauf die Erledigung meines Ansuchens erhielt. Als ich mit zitternden Händen das Schreiben geöffnet hatte und die Genehmigung meiner Bitte mit der Aufforderung las, mich bei einem bayerischen Regiment zu melden, kannten Jubel und Dankbarkeit keine Grenzen. Wenige Tage später trug ich dann den Rock, den ich erst nach nahezu sechs Jahren wieder ausziehen sollte.

Dann schwindelte er. “Die Petition wurde am nächsten Tag gewährt, 5. August, und ein paar Tage später wurde ich in das 2. Regiment übertragen. Ich trat dann am 16. August, dem 16. bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment bei, das zu diesem Zeitpunkt in Vollendung war.“ (4) Die Realität war prosaischer. Nicht nur ist nie eine Spur von Hitlers Petition an König Ludwig III oder dessen Sanktion jemals aufgetaucht, Hitlers Armeerollen erwähnen nichts – null – vor dem 16. August 1914. Sie berichten lapidar:

KrStR.Nr. 166/148:
„Am 1914.08.16 eingetreten als Kriegsfreiwilliger b. RDVI, 2.IR ua 1.9.14 anher versetzt“ . (5)

KrStR.Nr. 1062:
„16.8.14 beim Ers. Batl. 2 Inf. Reg. Dep. VI eingetreten. 1.9.14 z. 1.Komp. Res. Inf. Reg. Nr. 16 Vers.“(7)

Die Schule am Elisabethplatz – heute Gisela-Gymnasium – worin Hitler am 16. August 1914 seinen Kriegsdienst begann …

Hitlers Legende, aufgrund seiner Petition an den König sofort einen Platz in dem prestigeträchtigen 1. Regiment zugewiesen bekommen zu haben – des Königs eigenen Regiment – ist nicht nachvollziehbar; den Unterlagen zufolge begann seine militärische Laufbahn am Sonntag, dem 16. August 1914, als er in die Schule am Elisabeth-Platz einrückte, die, wie viele Schulen, als behelfsmäßige Baracke verwendet wurde. Die ersten zwei Wochen verbrachte er damit, grundlegende infanteristische Fähigkeiten auf den Übungsplätzen Oberwiesenfeld und Freimann zu erwerben. Es war ein mühsames Geschäft für den nicht sehr sportlichen Hitler und Frau Popp erinnerte sich später daran, dass „er häufig müde zurückkam, glücklich, den Strapazen der Manöver zu entkommen.“ (8) Am 1. September 1914 wurde er als Soldat Nummer 148 in die 1. Kompanie des Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments 16 übernommen, genannt, nach seinem Kommandeur Oberst Julius von List, das „Regiment List“.

Von den verschiedenen körperlichen Gebrechen, die die k.u.k. Musterungskommission in Salzburg am 5. Februar des Jahres dazu bewogen hatte, ihn als “sowohl für den Kampf- als auch den Hilfsdienst untauglich” zu befinden [siehe Beitrag “In München vor dem Krieg“, fanden die bayerischen Militärärzte keine Spur und Hitler wurde eingekleidet und erhielt Koppel und Käppi.

Es bleibt die Frage, wie es dazu kam, dass er – als ein Ausländer – überhaupt angenommen wurde. Nur das Kriegsministerium selbst, nicht irgendein Battalions- oder Regimentsoffizier, hatte überhaupt die rechtliche Befugnis, unter bestimmten Bedingungen ausländische Freiwillige zu akzeptieren. Während der Verhandlung über den Hitlerputsch-Versuch von 1923 schickte das Bayerische Staatsministerium des Innern eine Anfrage an das Kriegsministerium in Bezug auf die Umstände der Dienstverpflichtung Hitlers. Doch es scheint, dass die ehrwürdigen Archivare nicht in der Lage waren, eine befriedigende Erklärung zu finden, denn ihre Antwort war von hochspekulativer Natur:

„Während des Ausbruchs des Krieges lebte Hitler in der Schleißheimer Straße 34 in München. Offenbar ging er im August 1914 in das Büro der nächstgelegenen Truppenstelle, die des 2. Infanterie – Regiments, und bot sich dort als Freiwilliger an. … In dem allgemeinen Kriegsfieber hat er wahrscheinlich instinktiv gehandelt , indem er sich an das nächstgelegene Büro wandte – da ja Deutschland schon, seinen vertraglichen Verpflichtungen folgend, angekündigt hatte, Österreich zu unterstützen. …
Es kann niemanden überraschen, dass ein begeisterter junger Mann kurz die Grenzen des Inn und Salzach vergisst – die die bayerisch-österreichische Grenze bilden – und sich der Armee anschließt, um seine Hilfe bei der gemeinsamen Verteidigung der bedrohten Heimat anzubieten.  … Es ist durchaus möglich, dass sich Hitler, wie viele andere auch, bereits in den ersten Tagen der Mobilisierung gemeldet hat. Da er nicht sofort eingegliedert werden konnte, wurde ihm wahrscheinlich geraten, zu warten und später zurückzukommen – wie so vielen anderen auch.“(9)

THE LITTLE DRUMMER BOY, seite 537
Oberst Julius List

Es scheint, dass niemand Hitlers Nationalität prüfte: nicht ein einziges Dokument in den sehr umfangreichen und gründlichen Akten des bayerischen Kriegsministeriums erwähnt die Tatsache der österreichischen Staatsbürgerschaft Hitlers. Dass die Schaffung der Reserveregimenter – inkongruenter Mischungen aus jungen Freiwilligen und Landsturm-Senioren – unter etwas planlosen Umständen geschah, hatte seinen Hauptgrund in den horrenden Verlusten, die von Anfang an in diesem ersten hoch mechanisierten europäischen Krieg erlitten worden waren. Schon Mitte August forderte die OHL (“Oberste Heeresleitung“) die sofortige Schaffung einer neuen kompletten Ersatz-Armee aus vier Korps zu jeweils zwei Divisionen – die normalen Reservisten waren bereits bei der Mobilmachung eingezogen worden. Das Land Bayern hatte als einen Teil dieser neuen Armee die 6. bayerische Reserve-Division zu liefern, die sich wiederum aus den 12. und 14. Reserve-Infanterie-Brigaden zusammensetzte. Die 12. Reserve-Brigade selbst, unter dem Kommando von Generalmajor Kiefhaber, wurde aus den Reserve-Infanterie-Regimentern 16 (München, Oberst List) und 17 (Augsburg, Oberst Grossmann) gebildet. Über das erstgenannte, das 16. RIR, berichtet Anton Joachimsthaler:

Das Zusammenstellen des Reserve-Infanterie-Regiments 16 [=“RIR 16″, ¶] war bis zum 1. September 1914 beendet; es bestand aus drei Bataillonen, die jeweils etwa 1000 Mann stark waren, und jedes Bataillon bestand aus vier Kompanien (also 1. bis 12. Kompanie). Das RIR 16, das von den Rekrutierungsdepots der 1. und 2. Infanterie-Regimenter zusammengestellt worden war, war eine ziemlich bunte Truppe; meist Freiwillige und Personen ohne vorherige militärische Erfahrung, eine Mischung aus jungen und älteren Menschen. Die Mehrheit der Soldaten des RIR 16 waren einerseits Studenten, Künstler, Ingenieure und Handwerker aus München und andererseits viele ältere Männer aus den ländlichen Gebieten Ober- und Niederbayerns. …
Die Freiwilligen, die, wie Hitler, in den verschiedenen Rekrutierungsdepots (I-VIII), gesammelt worden waren, wurden alle zum 1.9. 1914 auf das neue RIR 16 übertragen. Hitler endete in der 1. Kompanie, I. Bataillon (unter dem Bataillonskommandeur Major der Reserve Graf Zech auf Neuhofen und dem Kompanieführer der 1. Kompanie, Hauptmann Pflaumer).
Die Waffen, Uniformen und die andere notwendige Ausrüstung konnte nur mit größter Mühe zur Verfügung gestellt werden. Der Bestand an Pickelhauben, zum Beispiel, war nicht ausreichend hoch, und das Regiment wurde mit den schwarzen Kappen des Landsturms, mit grünem Tuch überzogen, ausgestattet. Das endete in einem tödlichen Missverständnis an der Front, wo die bayerischen Freiwilligen für Engländer gehalten wurden [von denen einige ähnliche grüne Kappen, trugen,¶], und Hunderte der Männer des RIR 16 wurden durch Beschuss von eigenen Truppen getötet. (10)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITEN 537 – 538

Da die OHL das Eintreffen der 6. Bayerische Reserve-Division an der französisch-belgischen Grenze bis Ende Oktober erwartete, verblieben das Regiment weniger als zwei Monate für die Erstausbildung und den anschließenden Transport. Die ersten fünf Wochen ihres militärischen Lebens verbrachten Hitler und seine neuen Kameraden in der Grundausbildung, wobei so wesentliche Fähigkeiten gelehrt wurden wie Löcher zu graben, während vom Feldwebel angebrüllt zu werden. Da das 16. RIR nicht aus normalen Reservisten zusammengesetzt war, denen zugetraut werden konnte, nach ein bisschen Auffrischung sich an vieles aus ihrem früheren Dienst zu erinnern, wurden die Instruktionen eher summarisch erteilt und konnten die Männer in keiner Weise für die Realität der Front vorbereiten.

Adolf Hitler – und die spätere NS-Propaganda, in dem Bemühen, einen weiteren Mythos des Großen Krieges zu schaffen – behaupteten nach 1918, dass das Regiment List eine Einheit aus Freiwilligen war. Das war, im besten Falle, eine vorsätzliche Verfälschung der Tatsachen. Es ist richtig, dass einige Freiwillige dabei waren, so wie Hitler, aber insgesamt etwa fünfundachtzig Prozent oder so der Männer waren „überhaupt keine Freiwilligen“, sondern „Mitglieder der Ersatzreserve. … Diese Rekruten der ergänzenden Reserve war in der Regel Männer, die nicht für ausreichend fit erachtet wurden, in Friedenszeiten in der Armee zu dienen, aber immer noch für ausreichend fit, um im Falle eines Krieges aufgerufen zu werden.“(11)

Ludwig III bei einer Sanitätseinheit

Am 8. Oktober wurde das Regiment in Anwesenheit von König Ludwig III vereidigt und von seinem Kommandeur, Oberst Julius von List, mit folgenden Worten begrüßt:

Vereidigung

„Kameraden! Ich begrüße von ganzem Herzen und voller Zuversicht alle Offiziere, Ärzte und Beamte, alle Unteroffiziere, Unteroffiziere und Soldaten. Von diesem Regiment, dessen Männer zum größten Teil noch untrainiert sind, wird erwartet, dass es für den mobilen Einsatz innerhalb weniger Wochen fertig sein wird. Dies ist eine schwierige Aufgabe, aber durch den bewundernswerten Geist, der alle Mitglieder dieses Regiments beseelt, keine unmögliche. … Mit Gottes Segen, fangen wir nun unsere Arbeit für Kaiser, König und Vaterland an.“(12)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 538
Clip – Vereidigung

RIR 16 sollte sich am 10. Oktober auf einem Marsch von über 100 km zum Übungsplatz Lechfeld in Schwaben begeben. Am Vortag besuchte Hitler die Popps, um sich zu verabschieden. Frau Anna erinnerte sich später:

„Er nahm die Hand meines Mannes und sagte:‚Wenn ich sterben sollte, lassen Sie das bitte meine Schwester wissen, vielleicht will sie sich meine wenigen Habseligkeiten nehmen; wenn nicht, behalten Sie sie. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Probleme verursache.‘ Er schüttelte dann auch meine Hand, während ich dort stand und weinte. Wir alle mochten ihn so gern. Er umarmte Peppi und Liesl, die er liebte, drehte sich um und verschwand.“(13)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 538

Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass Frau Popp ihre Erinnerungen einem Nazi-Reporter im Dritten Reich berichtete, also sollten wir uns nicht über die lobenden Worte über ihren ehemaligen Mieter wundern. Doch lassen wir das im Moment dahingestellt, jedenfalls marschierte das RIR 16 am Samstag, 10. Oktober 16 RIR in Richtung Lechfeld. Aufgrund der Dringlichkeit der Situation an der Front wurde dem Regiment nur etwa zehn Tage Manöver erlaubt, vom 10. Oktober bis zum 21, wobei es auf dem Truppenübungsplatz nicht nur seinen eigenen Einsatz trainieren sollte, sondern auch, so weit wie möglich in der kurzen Zeit, die Koordination mit anderen Einheiten. Am Sonntag, den 18. Oktober, also eine knappe Woche später, war ein Manöver der kompletten 12. Brigade geplant, mit beiden Regimentern und der kompletten Artillerie, einschließlich einer Feldmesse und der Weihe der Regimentsstandarten. (14)

Über die Qualität der Ausbildung war man sich uneinig: Während Hitler Frau Popp schrieb, dass „die ersten fünf Tage im Lechtal die anstrengendsten meines Lebens waren“, beklagte sich Graf Bassenheim, Offizier des Regiments List, dass „die Disziplin durch Märsche und Überanstrengung sehr schlecht geworden ist. “(15) Am 20. Oktober teilte Hitler den Popps mit, dass das Regiment an diesem Abend eine Eisenbahnreise antreten werde – nach Belgien oder England, hoffte er, und drückte seinen Jubel darüber aus, dass das große Spiel endlich beginnen werde.

Er musste noch ein paar Stunden warten. Überall in Europa hatten die Züge in der ersten Augustwoche begonnen, junge Männer mit ihrer Ausrüstung und ihren Gewehre zu verschlingen und sie an den Eisenbahnköpfen ihrer Bestimmungsorte abzusetzen, wie es die vor Jahren ausgearbeiteten und in eine Schublade gesteckten Zeitpläne vorschrieben. Die Eisenbahnabteilung des deutschen Generalstabs koordinierte die Bewegungen von über 11.000 Zügen, von denen jeder aus 54 Wagen bestand, während des Mobilisierungszeitraums. So wurde zum Beispiel die Kölner Hohenzollernbrücke zwischen dem 2. und 18. August von 2148 Zügen überquert; also etwa 134 Zügen pro Tag, oder einer alle elf Minuten, Tag oder Nacht. Das französische Eisenbahnministerium verschickte über 7.000 Züge auf einem etwas kleineren Streckennetz.

Zug nach Paris …

Es war etwa 03.00 Uhr früh am 21. Oktober, als die Männer vom RIR 16 und ihre Ausrüstung auf drei Züge verladen und nach Westen geschickt wurden. Die erste Station war Ulm, der Geburtsort von Albert Einstein, von wo aus Hitler eine Postkarte an die Popps sandte. (16) Am nächsten Tag erreichte der Zug den Rhein und zum ersten Mal sah Hitler sowohl den großen deutschen Strom, als auch das Niederwald-Denkmal, die gigantische Statue von Germania, die dem Fluss und dem Land Schutz verheißt. Er vergaß nie den Tag – bis 1944 erinnerte er sich:

„Ich sah den Rhein zum ersten Mal, als ich mit meinem Regiment im Jahr 1914 an die Westfront reiste. Nie werde ich das Gefühl vergessen, das in mir mächtig wurde, als ich zum ersten Mal diesen Fluss des deutschen Schicksals erblickte. Ebenso bewegend war die Sympathie und die herzliche Ermutigung der Menschen, die dort leben, die uns mit einem völlig unerwarteten Willkommen überraschten. Wir wurden mit allem versorgt, was wir uns vorstellen konnten. Als wir abends in Aachen ankamen, versprach ich mir, diesen Tag so lange nicht zu vergessen, solange ich lebte.“(17)

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 539
Adolf Hitler (rechts) Anfang 1915 an der Westfront. Man beachte den Schnurrbart, ganz anders als auf dem Foto vom Odeonsplatz

In der Nacht zum Donnerstag, 22. Oktober, überschritten die Züge die belgischen Grenze und kamen – über Lüttich und Brüssel – in Lille in Frankreich am 24. Oktober 1914 an. Der Soldat Adolf Hitler zog in seinen ersten Krieg zu.

Der Vormarsch

© John Vincent Palatine 2015/19

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Die Deutsche Armee 1914 – Teil I: Organisation


Das Deutsche Heer in der Julikrise 1914


And Caesar’s spirit, ranging for revenge,
With Ate by his side come hot from hell,
Shall in these confines with a monarch’s voice
Cry “Havoc!” and let slip the dogs of war,

William Shakespeare “Julius Caesar”, Act 3, Scene 1
Ulanen – Regiment No. 17, im Manöver 1912

Nach dem Sieg über Frankreich 1871 wurde das neu geschaffene Heer des zweiten Kaiserreiches als das weltweite Vorbild für alle modernen Massenarmeen akzeptiert. In der Vorstellung von Freund und Feind erschien es als monolithischer Block und das probate Mittel deutscher Eroberungsgelüste, und mehr als diese schlichte Zuordnung wird ihm nur in wenigen Büchern zuteil.

Preußische Offiziere

Aber stimmte das? Wie war die innere Struktur des deutschen Reichsheeres beschaffen – wer hatte wo und in welcher Weise das Sagen? War es in der Tat ein monolithischer Komplex, und verfolgte dieser – sofern er existierte – in der Julikrise 1914 eine bestimmte Politik, auch in Hinblick auf spätere Kriegsschuldzuweisungen? Um uns in diesen Fragen zu informieren, sollten wir uns an Anscar Jansen wenden, Autor der Studie “Der Weg in den Ersten Weltkrieg – Das deutsche Militär in der Julikrise 1914”. [FN1]

[FN1] Biographische Angaben sobald verfügbar, Tectum Verlag Marburg 2005, ISBN 978-3-8288-8898-2, ex einer Dissertation bei Professor Dr. Peter Krüger, Universität Marburg 2003.

Der offene Husaren Angriff, wie hier im Manöver 1912, erwies sich 1914 als Massenselbstmord.

In Kapitel III entwirft Jansen das rechtliche und organisatorische Bild des Heeres in Zweiten Kaiserreich, das wesentlich komplizierter ist als im Allgemeinen angenommen:

III Das deutsche Militär in einem Zeitalter der Unsicherheit

… eine skizzenhafte Be­schreibung der Lage, in der sich die deutschen Streitkräfte 1914 befanden. Kennzeichen der Jahre ab 1900 war ein rapider Wandel, der alle Bereiche der Streitkräfte umfasste. Weder die Führung noch die Offiziere der mittleren Füh­rungsebene konnten sich den Veränderungen entziehen.

Das Bestreben in Preußen, das Militär dem Einfluss des Monarchen gegenüber dem Parlament zu erhalten, hatte zu einer Trennung von Kommandobereich, dem Bereich der Befehlsgewalt des Königs, und der Militärverwaltung geführt 213 Allerdings konnten die Ansprüche der Volksvertretung nicht ganz ab­gewehrt werden, gewisse Zugeständnisse, wie z. B. die Bestimmung des Mili­tärbudgets, mussten gemacht werden.214 Diese Trennung wurde nach der Reichs­gründung weitergeführt. Der Kommandobereich unterstand unmittelbar dem Kaiser; er erlaubte es dem Monarchen, über Fragen der Organisation, Ausbil­dung, Disziplin, Stellenbesetzung und Einsatz alleine zu entscheiden.215 Dem Ge­genüber stand die Militärverwaltung, die hauptsächlich in Fragen, die den Etat betrafen, noch der Gegenzeichnung durch Reichskanzler oder Kriegsminister und der Zustimmung des Parlaments bedurfte.216 Die Zustimmung oder Ableh­nung des Etats durch den Reichstag war die einzige Möglichkeit des Parlaments, Einfluss auf den militärischen Bereich zu nehmen.217 Neben der zivilen — vom Parlament abhängigen — Ebene gab es also eine zweite — vom Parlament unab­hängige — auf Befehl und Gehorsam aufgebaute militärische Ebene.218 Nach dem Zabern-Zwischenfall fasste Delbrück den Staatsaufbau des wilhelminischen Staatswesens in den „Preußischen Jahrbüchern” zusammen: „Die kriegerische Genossenschaft des Offizierskorps mit dem Kriegsherrn an der Spitze hier und die im Reichstag repräsentierten Massen des bürgerlichen Volkes dort sind die beiden Grundpfeiler des deutschen Staatswesens.”21 9

s.u.
Kaisermanöver im Odenwald 1888

Der Aufbau des Heers spiegelt diesen Dualismus. Da ein Reichskriegsminister nicht existierte, fiel es dem preußischen Minister zu, als Vertreter des stärksten Kontingents, den Militäretat zu verwalten und vor dem Reichstag zu vertre­ten.220 Damit war er teilweise dem Parlament verantwortlich. Aus dem Bestre­ben, die Einflussmöglichkeiten des Reichstages zu beschränken, ergab sich die Tendenz, dem preußischen Kriegsministerium möglichst viele Kompetenzen zu entziehen.221 Stattdessen wurden Stellen geschaffen, die über das Recht des unmittelbaren Zugangs zum Kaiser — das Immediatrecht — ihm unmittelbar un­terstellt waren. Wilhelm II. fand dieses Prinzip bereits vor und baute es während seiner Herrschaft weiter aus, sodass sich eine zunehmende Dezentralisierung im Aufbau des deutschen Heeres ergab.222

In diesem Aufbau nahm der Kaiser eine zentrale Stellung ein. Ihm oblag es, die Koordination zwischen der zivilen und der militärischen Spitze des Reiches durchzuführen.223 Daneben musste er aber auch die Arbeit der verschiedenen Immediatstellen miteinander verbinden.224

Die wichtigsten zentralen Stellen, die das Immediatrecht innehatten, waren der Generalstab, das Kriegsministerium und das Militärkabinett. Der Generalstab war für die Planung und Durchführung eines künftigen Krieges verantwortlich; das Kriegsministerium befasste sich mit allen Aspekten der militärischen Ver­waltung; das Militärkabinett schließlich war das Organ, über welches der Kaiser seine Befehle weiterleitete.

s.u.
Deutsche Korpsbereiche 1914

Neben diesen drei Zentralstellen gab es noch andere Stellen, die das Immediatrecht besaßen. Zur größten Gruppe zählten die Kommandierenden Generale der Armeekorps.225 Sie unterstanden direkt dem Kaiser.226 Sie wachten eifersüchtig über ihre Unabhängigkeit, besonders gegenüber dem Kriegsministerium.227 1914 umfasste das preußische Heer und die ihm angeschlossenen Kontingente 22 Armeekorps: 19 preußische, 2 sächsisches und 1 württembergisches.228 Jedes Armeekorps hatte seinen eigenen Bezirk, aus dem es normalerweise auch seinen Ersatz an Soldaten aushob.229 Zu weiteren Dienststellen, die das Vortragsrecht besaßen, gehörten die Armee-Inspekteure und der Generaladjutant.230 Auch die Generalinspektionen der einzelnen Waffengattungen waren vortragsberechtigt.231 Dazu kamen noch einige andere Stellen, wie z. B. der Präsident des Reichsmilitärgerichts.232 Insgesamt besaßen etwa 50 Dienststellen das Immediatrecht.233 Damit besaß die deutsche Armee den dezentralisiertesten Aufbau in Europa.234 Ein solcher Aufbau musste notwendigerweise zu Reibungen führen. Häufig waren Kompetenzbereiche nicht klar abgegrenzt; zur Entscheidung einer Angelegenheit war es notwendig, die verschiedensten Stellen zu hören und miteinander in Einklang zu bringen. Koordinator sollte der Kaiser sein — angesichts eines solchen Aufbaus wäre auch eine weit stärkere Persönlichkeit als Wilhelm II. es war, überfordert gewesen. Eine grundsätzliche Änderung wäre aber nur um den Preis der Einschränkung der Kommandogewalt möglich gewesen und damit ausgeschlossen.235 Denn einer der zugrundeliegenden Hintergedanken war ja, die Armee notfalls auch gegen das Parlament einsetzen zu können.236 Dieses Wirrwarr schuf allerdings für den einzelnen Offizier auch Freiräume, in denen er gefordert war, weil die oberen Stellen sich nur schwer einigen konnten. Dies scheint im Kontext der Julikrise der wichtigste Aspekt zu sein.

s.u.
Die Kaiserstandarte

War schon der Aufbau des preußischen Heeres kompliziert genug, so wurde der Aufbau der gesamten Streitkräfte des Deutschen Reiches durch die verschiedenen Bundeskontingente auch nicht gerade einfach gestaltet. Dem preußischen Teil hatten sich 22 Armeen der Bundesstaaten angeschlossen.237 Sie verzichteten dabei jedoch nicht vollständig auf ihre Rechte.238 Daneben gab es noch drei Armeen, die — im unterschiedlichen Ausmaß — ihre Eigenständigkeit bewahren konnten. Dies waren die sächsische, die württembergische und die bayerische Armee. Das Verhältnis zum preußischen Kontingent wurde durch Militärkonventionen geregelt, die die einzelnen Staaten mit Preußen geschlossen hatten.239 Die ersten beiden unterstanden schon im Frieden dem Kaiser.240 Das letztere unterlag der Befehlsgewalt des bayerischen Königs.241 Erst mit Ausspruch der Mobilmachung sollte sie unter den Befehl des Kaisers treten.242 Eine eigene Übereinkunft zwischen Bayern und Preußen sorgte auch in diesem Fall dafür, dass Bayern im Kriege entsprechend berücksichtigt wurde.243 Sowohl Württemberg und Sachsen als auch Bayern verfügten über ein eigenes Kriegsministerium.244 Diese drei Bundesstaaten hielten sich auch eine Militärverwaltung.245 Die Kontingentsarmeen unterhielten auch eigene Generalstäbe.246

Eine Sonderstellung nahm Elsaß-Lothringen ein. In dem Reichsland, das direkt vom Reich verwaltet wurde, dienten Truppen aller Kontingente.247 Dies machte eine komplizierte Regelung der Dienstverhältnisse bei den betreffenden Armeekorps notwendig, in denen versucht wurde, die Rechte der einzelnen Kontingente zu bewahren, ohne die Handlungsfähigkeit zu gefährden.248

s.u.
Die Hochseeflotte

Im Unterschied zum Heer war die Marine von Anfang an Reichssache.249 Damit entfiel eine Aufteilung in verschiedene Kontingente. Ein Grund für die Popularität, die die Flotte erringen konnte, war gerade ihr Nimbus als einigendes Symbol des Deutschen Reiches.250 Ähnlich wie beim Heer, war auch bei der Flotte die Monarchie bemüht, ihre Kommandogewalt zu erhalten.251 Dies führte ebenso wie bei der Armee zu einer wachsenden Dezentralisierung in der Organisation. So wurde 1898 das Oberkommando der Marine aufgelöst.252 Seine bisherigen Aufgaben wurden verschiedenen Immediatstellen zugeordnet. Dies waren der Staatssekretär des Reichsmarineamts, der Chef des Marinekabinetts, der Admiralstabschef, die Chefs der Nord- und Ostseestation, der Generalinspekteur der Marine, der Inspekteur des Bildungswesens, der Flottenchef, der Chef des Kreuzergeschwaders und die Kommandanten der außerhalb der heimischen Gewässer operierenden Schiffe.253

Der Staatssekretär des Reichsmarineamts (RMA) unterstand nominell als Teil der Reichsverwaltung dem Reichskanzler.254 Er zeichnete die Anordnungen des Kaisers gegen und war somit praktisch der Marineminister.255 Das RMA war für die Verwaltung und Rüstungsplanung der Marine zuständig.256 Den Marinehaushalt musste sein Chef vor dem Reichstag vertreten.257 Des Weiteren gehörte zum Zuständigkeitsbereich des RMA auch die Vorbereitung und Durchführung der Mobilmachung.258 Dabei bediente es sich der Mithilfe der Chefs der beiden Stationen.259 Durch die Besonderheit der Marine bedingt, hatte das RMA einen großen Einfluss auf alle Bereiche des Marinelebens. Da es für die Rüstung verantwortlich war, bestimmte das RMA somit schon über andere Dienststellen z. B. die Kriegsplanung, aber auch die Ausbildung. Denn diese mussten davon ab-hängen, welche Schiffe mit welchen Einsatzmöglichkeiten man zur Verfügung hatte. Somit war es die entscheidende Dienststelle im Aufbau der Marine.

So zeigen die Verhältnisse in beiden Teilstreitkräften dasselbe Bild: eine Vielzahl von mehr oder weniger gleichberechtigten Stellen, die fast ohne jegliche Koordination nebeneinander wirtschafteten. Galt dies nun schon für die Verhältnisse innerhalb der Teilstreitkräfte, um wie viel mehr mussten sich diese Probleme dann bei der Koordination von Armee und Flotte bemerkbar machen. Der Kaiser war derjenige, in dessen Person alles zusammenlief Reichsleitung, Heer und Marine.260 Wie bereits im Zusammenhang mit dem Heer bemerkt: Diese Aufgabe war nicht zu lösen.

anscar jansen “Der Weg in den Ersten Weltkrieg – Das deutsche Militär in der Julikrise 1914”, S. 50 . 55
Der Ernstfall August 1914

Der komplizierte Aufbau des Militärs und der dadurch verschachtelte Prozess der Meinungsbildung lässt es a priori als unwahrscheinlich erachten, dass das Militär als ganzes in der Julikrise von 1914 – als die Kacke am Dampfen war – eine homogene Politik entwickeln würde. Wir werden den Kriegsvorbereitungen, der Mobilmachung und den wichtigsten Daten der Julikrise in weiteren Beiträgen folgen.


Relevante Beiträge zu diesem Thema:

Genesis und Analyse des Schlieffen – Plans

Der Moltke – Plan 1914 – Neue Dokumente


[ PDF – Anmerkungen und Literatur zu Jansen, No. 213 bis 252]


© John Vincent Palatine 2019

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Pleiten, Pech und Pannen – Die Entfesselung des Krieges

Mobilmachung 1914

Erfolgreiche politische Attentate waren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an der Tagesordnung. Im März 1881 war der russische Zar Alexander II ermordet worden, in den USA starben zwischen 1865 und 1901 nicht weniger als drei Präsidenten durch Attentate [Abraham Lincoln, James A. Garfield und William McKinley] und auch Österreich-Ungarn hatte 1898 mit Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi, eine Kaiserin verloren. Im Jahre 1900 wurde der italienische König Umberto I ermordet, 1903 König Alexander I von Serbien und seine Frau, 1908 König Karl I von Portugal und sein Sohn Kronprinz Ludwig Philipp und schließlich 1913 König Georg I von Griechenland.

Keines dieser Attentate auf regierende Staatsoberhäupter löste eine internationale Krise aus. Was also gab dem Attentat von Sarajevo seine Bedeutung, in welchem lediglich einer von mehreren Thronfolgern ermordet wurde – Franz Ferdinand von Österreich-Este – der in seinem Land auch kaum betrauert wurde? Aus den Ereignissen welche folgten, scheint klar, dass es nicht um die Person des Opfers ging. Aus Gründen, die hier zu beleuchten sind, fasste die österreichisch-ungarische Regierung die Situation sowohl als Bedrohung als auch als Chance auf, die Situation im Balkan und vielleicht die eigene Existenz zu schützen und/oder zu bewahren. Unsere Beiträge zu dem Thema:


Die Schlafwandler – Das Deutsche Außenministerium nach Bismarck


Der Letzte Tag Europas – Sarajevo, 28. Juni 1914


Das Ultimatum an Serbien


Serbien muss sterbien! – Zur Kriegserklärung Österreich-Ungarns


Die Weltlage am 1. August 1914


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Mata Hari – Die Unverzeihlichkeit der Promiskuität

Margareta Zelle, besser bekannt als “Mata Hari

Video [Englisch]


“… Ich hasse meine kleine Brüste. Sie sind das, was die Männer zuerst anschauen – nach einer Sekunde lang oder zwei, um mein Gesicht zu betrachten, wandert ihr Blick immer auf meine Brüste, als ob sie bewerten wollten, wie viel Milch sie von dieser eigentümlichen Kuh erwarten können. Sie sehen sich auch mein Gesäß an, aber meine Brüste scheinen meine Visitenkarte zu sein, und sie lassen viel zu wünschen übrig, denke ich. Deshalb trage ich immer diese vergoldeten Brustschilder wenn ich tanze – wie Du weißt – und ich fürchte immer den Moment wenn ich sie im Bett abnehme. Ich versuche, von diesem gefürchteten Moment abzulenken indem ich die Initiative ergreife – Männer sind ja so glücklich, berührt zu werden. Und ich habe es immer geliebt, sie zu berühren, denn Männer waren mein Glück – und jetzt sind sie mein Verderben.“ [*Brief von Mata Hari aus dem Gefängnis an ihre Schwester Léonide, die auch bei ihrer Hinrichtung dabei war.]

Mata Hari beim Tanz

Margareta Zelle (7. August 1876 – 15. Oktober 1917), die unter ihrem Künstlernamen Mata Hari [Javanisch, „Mata (Auge) Hari (des Tages) (= Sonne)“)] bekannt wurde, war ein Superstar des erotischen Tanzes und in diesem Bereich die weltweit führenden Künstlerin in den Jahren bis zum und in den Ersten Weltkrieg hinein – bevor Josephine Baker ihr die Krone nahm. Sie liebte die Männer, vor allem solche in Uniform – von denen es damals jede Menge gab.

Das Kostüm für den Schleiertanz … unten in Farbe …

„Ich liebe Offiziere und habe sie mein ganzes Leben lang geliebt. Ich ziehe es vor, die Geliebte eines armen Offiziers zu sein als die eines reichen Bankiers. Es ist meine größte Freude, mit ihnen zu schlafen, ohne an Geld zu denken. Und außerdem ziehe ich gerne Vergleiche zwischen den verschiedenen Nationalitäten “.

Wir müssen hier darauf hinweisen, dass unsere Zitate der Dame einigermaßen genau und historisch belegt sind, denn ihr Charakter war in ihren Worten immer evident. Sie hatte eine schöne Handschrift und verfasste ihre eigenen Werbetexte. Sie war höflich, kultiviert und überraschend gebildet, äußerst charmant und liebte es. die Scharen von Interviewern und Reportern zu täuschen, die ihrem Klatsch folgten. Sie liebte ironische und zweideutige Aussagen, hatte einen scharfen Verstand und eine Gabe für denkwürdige und zitierfähige Aperçus . Die Zeitungen fraßen ihr aus der Hand. [Quelle (Englisch)]

Sie wuchs in einer gutbürgerlichen Familie in Leeuwarden in den Niederlanden auf. Die Lage änderte sich, als ihr Vater in im Jahre 1889 in Konkurs ging, als sie 13 Jahre alt war, und ein paar Jahre der Verwirrung folgten. Nachdem sie einmal halbnackt auf dem Schoß ihres Schuldirektors angetroffen worden war, war die Schule beendet. [Viele Informationen über diese Jahre auf der deutschen Wiki – Seite] Sie wuchs zu einem großen Mädchen heran – jedenfalls für die Zeit, mit 178 Zentimetern Größe – was sicherlich dazu beitrug, Eindruck zu machen.

Im Jahre 1894 antwortete sie auf eine Annonce von Rudolf MacLeod (1. März 1856 – 9. Januar 1928), einem Kapitän der niederländischen Kolonialarmee in Indonesien, der eine Frau suchte. „Officier traf verlof uit Indië zoekt meisje met läuft karakter traf het doel een huwelijk aan te gaan“ [ “Offizier, im Urlaub aus Holländisch-Indien sucht eine junge Frau von liebenswürdigem Charakter zu heiraten”]. Je weniger über die Ehe gesagt wird, umso besser. Sie gebar zwar einen Sohn und eine Tochter, aber der Sohn starb früh, möglicherweise von einem Diener vergiftet. Das Paar kehrte nach Amsterdam zurück und ließ sich am 30. August, 1902 scheiden. Zwar setzte das Gericht ein Kindergeld für die Tochter in der Höhe von 100 Gulden pro Monat fest, aber Rudolf fühlte sich leider nie in der Lage, dieser finanziellen Verpflichtung nachzukommen.

Dem Pleitegeier flüchtend, ging Margareta nach Paris – von einer Karriere als Mannequin oder Modell träumend. Sie scheiterte zuerst und kehrte zurück – aber dann hatte sie die Idee. Wir wissen nicht wirklich, wie und warum, aber sie erfand die Legende, eine ausgebildete, mystische, indonesische Tänzerin zu sein, vielleicht um unter diesem Alias mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen als die Scharen der anderen attraktiven und entgegenkommenden Damen, die die erotisch geladene Atmosphäre von Paris bevölkerten. Sie erfand ihren eigenen Schleiertanz, in der Art, wie ihn die Pariser Öffentlichkeit vor kurzem in Richard Strauss‘ Oper “Salome” gesehen hatte und der jedermann noch als großer Skandal in Erinnerung war. Die Herren – und Damen – der Haute Volée, besorgt um die Erhaltung der öffentlichen Moral der Hauptstadt, hatten die Opernhäuser geradezu belagert, um die künstlerische Zulässigkeit des Gebotenen beurteilen zu können. Einige der Herren mussten die Vorführung mehr als nur einmal besuchen, um zu den korrekten moralischen Schlussfolgerungen zu kommen.

Das Problem war natürlich, dass der Schleiertanz als künstlerischer Ausdruck kein spezifischer Tanz war – er hatte keine Geschichte oder Tradition, keinen kulturellen Hintergrund. Er wurde gerade so zu dieser Zeit populär, vor allem durch die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller, die ein sensationelles Debüt im Dezember 1892 in der Folies Bergère feierte; mit Tänzen gehüllt in Lichtprojektionen und speziellen Kostümen, die sie ein Jahr später in Paris und London praktisch patentierte. Ein paar Jahre später folgte die kanadische Maud Allan in ihren Fußstapfen – alle von ihnen inspiriert von der großen Isadora Duncan .

Am Anfang hatte Margareta Schwierigkeiten; sie konnte sich keine Lichtprojektoren leisten, das Personal dazu oder spezielle Kostüme, und zunächst mussten ihre natürlichen Talente genügen. Solche Talente hatte sie zweifellos, und vielleicht half es, dass ihre Legende als indische bzw. indonesische Tempeltänzerin vom Publikum aufgrund eines Mangels an Wissen nicht wirklich überprüft werden konnte.

Aber sie war keck, flott, frech, und munter, ein echter Flirt und ihres Körpers, den sie nach Belieben zur Schau stellte, sehr bewusst. Ausgestattet mit solchen weiblichen Massenvernichtungswaffen, dauerte es nicht lange, bevor sie ein ausgelassenes Debüt im Musée Guimet am 13. März 1905 feierte, dessen Gründer und Hauptsponsor, der Industrielle und Millionär Émile Guimet sie auf der Stelle zur Geliebten nahm.

Der Wettbewerb in erotischem Tanz in Paris war geradezu mörderisch, und Margareta entwickelte ihren Akt weiter. Ihr Geliebter, M. Guimet, hatte einen Regierungsauftrag erhalten, die Religionen des Fernen Ostens für sein Museum zu studieren, und in ihrer “Verkleidung als javanischer Prinzessin aus einer priesterlichen Hindu-Familie fiel ihre Story, in der Kunst des heiligen indischen Tanzes seit ihrer Kindheit ausgebildet worden zu sein, somit auf fruchtbaren Boden. Sie wurde in dieser Zeit des Öfteren nackt oder fast nackt fotografiert. Einige dieser Bilder erreichten MacLeod und halfen seinem Antrag, das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter zu erhalten. Sie brachte einen sorglosen und provokativen Stil auf die Bühne, der breite Anerkennung fand. Das am meisten gefeierte Segment ihres Auftritts war das schrittweise Abstreifen ihrer Kleider, bis sie nur noch einen juwelenbesetzten Brustschild und einige Verzierungen an ihren Armen und auf dem Kopf trug. Sie wurde nie ohne BH gesehen, da sie sich als zu kleinbrüstig empfand. Sie trug bei ihren Auftritten einen Körperstrumpf ähnlich der Farbe ihrer Haut. “[ Quelle: Wiki]

In Amsterdam, 1915

Ihre Kommentare waren offen, frivol und unterhaltsam …

„Ich nahm den Zug nach Paris ohne Geld und ohne Kleider, wo ich, als letztes Mittel und dank meiner weiblichen Reize, in der Lage war zu überleben. Dass ich mit Männern schlief, ist wahr; dass ich für Skulpturen posierte, ist wahr; dass ich in der Oper in Monte Carlo tanzte, ist wahr. Es ist unter meiner Würde und wäre zu feige, mich gegen solche Handlungen zu verteidigen, die ich begannen habe. …

Mein Tanz ist ein Gedicht, von denen jedes Wort ein Satz ist. … In meinem Tanz vergisst man in mir die Frau, sodass, wenn ich alles und schließlich mich selbst Gott darbiete – was durch das Lösen meines Lendenschurzes symbolisiert wird, des letzten Stücks Kleidung das ich anhabe – und dann, wenn auch nur für einen Moment, ganz nackt dastehe, noch nie ein anderes Gefühl evozierte habe als das Interesse an der Stimmung, die durch diesen meinen Tanz zum Ausdruck kommt.

http://quodid.com/quotes/6885/mata-hari/the-dance-is-a-poem-of-which-each

Die Pariser waren hin und weg …

„Eine große dunkle Gestalt schwebt herein. Kräftig, braun, heißblütig. Ihr dunkler Teint, ihre vollen Lippen und glänzenden Augen zeugen von weit entfernten Landen, von sengender Sonne und tropischem Regen. Sie wiegt sich unter den Schleiern, die sie zugleich verhüllen und enthüllen. […] Das Schauspiel läßt sich mit nichts vergleichen, was wir je gesehen haben. Ihre Brüste heben sich schmachtend, die Augen glänzen feucht. Die Hände recken sich und sinken wieder herab, als seien sie erschlafft vor Sonne und Hitze. […] Ihr weltlicher Tanz ist ein Gebet; die Wollust wird zur Anbetung. Was sie erfleht, können wir nur ahnen […] Der schöne Leib fleht, windet sich und gibt sich hin: es ist gleichsam die Auflösung des Begehrens im Begehren.“

– Marcel Lami im „Courrier Français“ [Kupferman: Mata Hari: songes et mensonges. S. 23]

Ebenso die Wiener:

Isadora Duncan ist tot, es lebe Mata Hari! Die Barfußtänzerin ist vieux jeu, die Künstlerin up to date zeigt mehr […] Mata Haris Tänze seien ein Gebet … der Inder tanzt, wenn er die Götter ehrt. Mata Hari selbst tritt gemessenen Schrittes ein. Eine junonische Erscheinung. Große, feurige Augen verleihen ihrem edel geschnittenen Gesicht besonderen Ausdruck. Der dunkle Teint – offenbar Erbstück von Großpapa Regent – kleidet sie prächtig, eine exotische Schönheit ersten Ranges. Ein weißes faltiges Tuch hüllt sie ein, eine rote Rose schmückt das tiefschwarze Haar. Und Mata Hari tanzt […] Das heißt: sie tanzt nicht. Sie verrichtet ein Gebet vor dem Götzenbild, wie ein Priester den Gottesdienst. […] Unter dem Schleier trägt die schöne Tänzerin auf dem Oberkörper einen Brustschmuck und einen Goldgürtel … sonst nichts. Die Kühnheit des Kostüms bildet eine kleine Sensation. Doch nicht der leiseste Schein der Indezenz… Das, was die Künstlerin im Tanze verrät, ist reinste Kunst. Der Tanz schließt mit dem Sieg der Liebe über die Zurückhaltung […] der Schleier fällt. Mächtiger Beifall ertönt. Schon aber ist Mata Hari verschwunden.“

Neues Wiener Journal vom 15. Dezember 1906 [Kupferman: Mata Hari: songes et mensonges. S. 23]

Sie hat auch geholfen, die öffentliche Akzeptanz exotischer Tänzerinnen zu steigern. Sie war die erste ihres Berufes, die in der hohen Gesellschaft akzeptiert wurde, nicht so sehr aufgrund für ihre Tanzkünste (die nicht so überragend waren, sagten einige), aber wegen ihrer Person, ihrer Nutzung der Medien, einschließlich ihrer pikanten Fotos – in gewisser Weise war sie eine Vorläuferin mancher heutiger Prominenten, die aufgrund ihrer Prominenz berühmt sind, nicht aufgrund von Fähigkeiten oder Verdiensten.

Ihre Biographen liebten es, Äußerungen von vernarrten Reportern und/oder Liebhabern zu zitieren, die sie als “katzenartig, sehr feminin, majestätisch und tragisch, die Kurven und Bewegungen ihres Körpers in tausend Rhythmen zitternd“, beschrieben oder als „ schlank und groß , mit der flexiblen Gnade eines wildes Tieres, mit blauschwarzen Haaren“ und dass ihr Gesicht “einen seltsamen fremden Eindruck” mache … [Émile Guimet]

Doch bald traten ganze Legionen von Nachahmer auf und ihr Akt verlor langsam das Geheimnisvolle, das seine Stärke gewesen war. Apostel der öffentlichen Sittlichkeitswahrung klagten sie wegen billigen Exhibitionismus an – etwas unlogisch, obwohl ihr Exhibitionismus wahrhaft billig war im Vergleich zu den Ausgaben derjenigen Herren, denen es erlaubt wurde, ihren Arm oder vielleicht auch andere Teile ihrer Anatomie zu halten …

In jüngerer Zeit hat sich in Bezug auf ihre Sexualität eine Diskussion etabliert, die sich auf die weltbewegende Frage konzentriert, ob sie bisexuell war – was sie wahrscheinlich war – und warum auch nicht? Dass diese Diskussion nicht früher aufkam, ist vielleicht der zunehmenden Freiheit, in der solche Fragen heute diskutiert werden, geschuldet, oder unserem ewigen Interesse an Klatsch.

Alla Nazimova

Es ist bekannt , dass sie manchmal in Militäruniformen Cross-Dressing betrieb und wir haben einen etwas problematischen Artikel dazu gefunden (ein Mangel an Quellen). Also wie auch immer, hier ist er, von einer Fandom Seite [Link]:

„Mata Haris eigene Orientierung kann in der Kontroverse von einiger Bedeutung sein. Mata Hari hatte unzählige männliche Liebhaber, und sie scheint wohl überwiegend heterosexuell gewesen zu sein. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sie es nicht ausschließlich war. Viele von Mata Hari Geliebten waren Offiziere, und sie selbst genoss es manchmal, sich in Uniform aufzuputzen. Von Mata Hari und der russischen Schauspielerin Alla Nazimova wurde gesagt , dass sie ein Liebespaar waren, obwohl sie sich vielleicht niemals getroffen haben.

Genauso wie Männer, fanden sicherlich Frauen Mata Hari ebenfalls attraktiv und wurden von ihren nackten Tänzen stimuliert. Natalie Clifford Barney, eine reiche amerikanische Expatriatin, war eine bekannte Gastgeberin im Paris der Belle Epoque. Barney, bekannt als „Amazone“, war auch das Zentrum eines künstlerischen lesbischen/bisexuellen Kreises, der die Schriftsteller Colette (Sidonie-Gabrielle Colette) und Renee Vivien und die Schauspielerin und Prostituierte Liane de Pougy umfasste. Barney hatte ein Haus in Neuilly mit einem großen Garten, und sie und ihre Freunde veranstalteten auf der dortigen Bühne gerne Amateurtheater und Tänze mit lesbischen Themen. Als sie Mata Hari traf, war Barney sofort beeindruckt und engagierte sie, in ihrem Haus zu tanzen. Mata Hari gab dort mindestens drei nackte Aufführungen (einer davon zu Pferd als Lady Godiva) bei Barneys Gartenfesten. Bei einer dieser Vorführungen, bestand Mata Hari selbst darauf, dass nur Frauen eingeladen wurden. Colette, die damals um ihre eigene Karriere als Nackttänzerin kämpfte, war Mata Hari stark abgeneigt, und beneidete sie um ihren ihren Erfolg. Trotzdem stellte Colette große Bemühungen an, Mata Hari tanzen zu sehen, und war von ihren Beinen, Gesäß und Torso beeindruckt.

s.u.
Colette

Colette schrieb, dass bei einer von Mata Haris Aufführungen in Barneys Haus: “das männliche und einen guter Teil des weiblichen Publikums an die Grenze der anständigen Aufmerksamkeit geführt wurde“. Die amerikanische lesbische Schriftstellerin Janet Flanner wurde eine enger Freundin von Barney nach dem Krieg und sprach auch mit vielen von Barney Freundinnen, die Mata Haris Aufführungen erlebt hatten. Von ihren nackten Tänzen sagte Flanner, dass „Mata Hari die einzige Frau dieser Art von außergewöhnlichem Stil war. Sie war eine Frau, die allem gewachsen war“. Mata Hari blieb ein Teil von Barneys Kreis und traf sich häufig mit Barney und ihren Freundinnen zum Mittagessen. Barney trug „Amazonen”-Kleider in männlichem Stil und Mata Hari trug oft ähnliche Outfits während ihrer Ausritte. Flanner, zufolge bekam Mata Hari ein brandneues „Amazonen“ Kleid von Barney kurz vor ihrer Hinrichtung geschenkt und trug es, als sie erschossen wurde.

s.u.
Natalie Clifford Barney

Natalie Barney hatte einen legendären sexuellen Appetit, und sie genoss die Herausforderung der Verführung. Janet Flanner bestritt später, dass Barney und Mata Hari Liebhaber gewesen waren, obwohl Barney so viele Sexualpartner hatte, dass weder sie noch sonst jemand den Überblick behalten konnte, und sie bezeichnete die weniger wichtigen einfach als „Abenteuer“. In Anbetracht ihrer Verbindung mit Barney und ihren Freundinnen, und davon, was wir über Mata Haris abenteuerlicher und unkonventioneller Art wissen, ist es durchaus möglich, dass sie mit Frauen zumindest sexuell experimentierte. Viele sekundären Quellen führen sie mittlerweile als bisexuell, und sie eine beliebte lesbische Ikone worden sind. Wie in vielen solcher Fällen ist jedoch die wirkliche Beweislage weit von schlüssig entfernt.

s.u.

Nachdem sie sicher tot war, kritisierten Barney, Colette und Pougy Mata Hari alle hart. Sie sagten auch, sie hätten sie nie attraktiv gefunden. Das war eine merkwürdige Behauptung angesichts des Umstandes, dass Mata Hari dreimal für sie nackt getanzt hatte. Unattraktivität hätte ihr wohl kaum zwei Rückeinladungen in Barneys Haus eingebracht.“

https://readordie.fandom.com/wiki/Mata_Hari
Renee Vivien

Wie dem auch sei, aufgrund des ansteigenden Wettbewerbs und des langsamen Verblühens der Jugend (ein paar Pfund hatte sie auch zugelegt), tanzte sie immer weniger – das letzte Mal am 13. März, 1915, soweit wir wissen – sondern konzentrierte sich auf ihre internationale Karriere als Kurtisane. Sie wurde mit jeder Menge von hochrangigen Militärs gesehen – immer noch ihre Lieblingsbegleiter, sondern auch mit Politikern, Industriellen und dergleichen.

Sie selbst hatte sich trotzdem nicht sehr verändert, aber mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs veränderte sich die Welt um sie herum. Wir wissen, dass die Wahrheit immer das erste Opfer des Krieges ist, und eine fast universelle Angst vor ausländischen Spione kam über Europa. Eine Frau, die Liebhaber in vielen Ländern hatte und frei – als niederländischen Staatsbürgerin war sie neutral – in Länder reisen konnte, deren Einwohnern man sicherlich alle Arten von bösartigen Absichten gegen friedliebende Franzosen unterstellen konnte – wurde von vielen als Sicherheitsrisiko betrachtet.

Die Spionagebesessenheit des großen Krieges ist eigentlich fast einen eigenen Beitrag wert. Jedes Land – ob im Krieg oder nicht – verhaftete pausenlos vermutete feindliche Spione, von denen viele so geschickt getarnt waren, dass sie entweder Analphabeten waren, nicht die Sprache ihrer Auftraggeber beherrschten und keinen Kontakt mit dem Militär hatten.

Vadim Maslov

Im Frühjahr 1916 hatte Russland ein 50.000 Mann starken Expeditionskorps zur Unterstützung der Alliierten an die Westfront geschickt, und einer ihrer Piloten, ein 23-jähriger Kapitän, errang die Aufmerksamkeit – und das Herz – unserer Heldin. Sein Name war Vadim Maslov, und er war über der Westfront im Frühjahr 1916 abgeschossen und verwundet worden. Mata nannte ihn „die Liebe ihres Lebens“. In dem Absturz hatte Maslov seine Sehkraft in beiden Augen verloren, und Mata Hari bat um die Erlaubnis, ihren verwundeten Liebhaber in seinem Krankenhaus in der Nähe der Front zu besuchen. Die Erlaubnis wurde schließlich gewährt, und sie besuchte ihn, nur um mit Agenten des französischen Deuxième Bureaus, des militärischen Nachrichtendienstes, konfrontiert zu werden, die ihre Erlaubnis des Besuchs von Madames zukünftiger Mitarbeit als Militärspion für Frankreich abhängig machten.

Mata Hari und Maslov

Es war allgemein bekannt, und absolut kein Geheimnis, militärische oder sonst wie, dass Mata Hari mehrmals in Friedenszeiten vor dem deutschen Kronprinz Wilhelm getanzt hatte, dem ältesten Sohn von Kaiser Wilhelm II, der nominell Kommandant der Heeresgruppe Kronprinz war und speziell der Befehlshaber der 5. Armee . Für einen militärischen Nachrichtendienst war jedoch das Deuxième Bureau auf tragische Weise uninformiert dass der gute Kronprinz nur ein Aushängeschild für die deutsche Kriegspropaganda war, ein Säufer und Schürzenjäger, der minimalen Einfluss auf den Krieg hatte, geschweige denn militärische Geheimnisse hütete. Völlig ahnungslos von der Wirklichkeit bot das Bureau Frau Zelle eine Million Francs an, wenn sie ihn verführen konnte, um sein Gehirn zu melken. Halten wir hier fest: Es waren die Franzosen, die zuerst auf diese völlig blödsinnige Idee kamen.

Die Tatsache, dass der Kronprinz vor 1914 nie eine Einheit größer als ein Regiment befohlen hatte, und nun angeblich gleichzeitig sowohl eine Armee und als eine ganze Armeegruppe befehligte, sollte den Franzosen Hinweis genug gewesen sein, dass seine Rolle in der deutschen Entscheidungsfindung lediglich nominal war.

Zelles Kontakt mit dem Deuxième Bureau war Kapitän Georges Ladoux, der sich später als einer ihrer Hauptankläger entpuppte. Im November 1916 reiste sie mit einem Dampfer von Spanien aus, der an dem britischen Hafen von Falmouth anlegte.

Dort wurde sie verhaftet und nach London gebracht, wo sie von Sir Basil Thomson, Assistant Commissioner bei New Scotland Yard, verantwortlich für Gegenspionage, verhört wurde. Er berichtete darüber in seinem Buch “Queer People” von 1922, dass sie zugab, für das Deuxième Bureau zu arbeiten. Zunächst in der Cannon Street Polizeistation eingesperrt, wurde sie dann im Hotel Savoy untergebracht und blieb dort. Eine vollständige Abschrift des Interviews befindet sich in den britischen National Archives und wurde – Mata Hari gespielt von Eleanor Bron – von der unabhängigen Station LBC im Jahre 1980 gesendet.

Es ist unklar, ob sie bei dieser Gelegenheit log, vielleicht um ihre Geschichte faszinierender klingen zu lassen, oder ob die Franzosen sie tatsächlich angeheuert hatten, dies aber aus Verlegenheit, Peinlichkeit oder aus Furcht vor internationalen Schwierigkeiten nicht zugeben wollten.

https://en.wikipedia.org/wiki/Mata_Hari

Es schaut eher so aus, dass das Deuxième Bureau sie der Leine hatte, ihre Beziehung zu Maslov ausnutzend. Sie wurde Ende 1916 in das neutrale Madrid geschickt, angeblich um sich mit dem lokalen deutschen Militärattaché, einem Hauptmann Arnold Kalle zu treffen, und ihn um ein Treffen mit dem Kronprinzen zu bitten – vielleicht um ihm eventuelle militärische Geheimnisse über Frankreich anbieten (die sie sicherlich nicht besaß). Während die Franzosen vielleicht noch Illusionen über ihre möglichen Fähigkeiten als Spionin gehegt haben mochten, hatten die Deutschen sicherlich keine.

Im Januar 1917, übermittelte Hauptmann Kalle Funkmeldungen nach Berlin und beschrieb darin die hilfreichen Aktivitäten einer deutschen Spionin mit dem Codenamen H-21, deren Biographie so eng auf Zelle abgestimmt war, dass es ganz offensichtlich war, dass Agent-H-21 nur Mata Hari sein könne. Die Deuxième Bureau fingen die Nachrichten ab, und aus den darin enthaltenen Informationen, identifizierten sie H-21 als Mata Hari.

Diese Nachrichten waren in einem Code, von dem die deutsche Aufklärung bereits wusste, dass er schon von den Franzosen entschlüsselt worden war, was darauf hindeutet, dass diese Nachrichten das Ziel hatten, Zelle von den Franzosen verhaften zu lassen. General Walter Nicolai , der Chef des Nachrichtendienstes der Armee war sehr verärgert, dass Mata Hari den Deutschen keine brauchbaren Informationen geliefert hatte – Geheimnisse, die diesen Namen verdienten – sondern lediglich Pariser Klatsch über das Sexualleben von französischen Politikern und Generälen und beschlossen, ihre Tätigkeit zu beenden, indem sie den Franzosen gegenüber als deutschen Spion aufdeckten.

Im Dezember 1916 überließ das Deuxième Bureau des Französischen Kriegsministeriums Mata Hari die Namen von sechs belgischen Agenten. Fünf davon standen bereits unter Verdacht, gefälschtes Material zu liefern und für die Deutschen zu arbeiten , während der sechste ein Doppelagent zu sein schien, der wohl für Deutschland und Frankreich tätig war. Zwei Wochen nachdem Mata Hari Paris für die Reise nach Madrid verlassen hatte, wurde der Doppelagent von den Deutschen hingerichtet, während die fünf anderen ihre Operationen fortsetzten. Diese Ereignisse dienten dem Deuxième Bureau als Beweis, dass Mata Hari die Namen der sechs Spione waren den Deutschen mitgeteilt hatte.

HTTPS://EN.WIKIPEDIA.ORG/WIKI/MATA_HARI

Technisch gesehen verbrannten die Deutschen sie aufgrund ihrer Nutzlosigkeit, aber die Franzosen waren nicht in der Lage, diese offensichtliche Schlussfolgerung nachzuvollziehen – oder wollten sie nicht? Welche französischen militärischen Geheimnisse könnte Frau Zelle in Spanien von einem rangniederen deutschen Major erfahren haben (denn hätte sie solche vorher besessen, hätte man sie ja gar nicht aus Frankreich herauslassen dürfen), und hätte der Major nicht Berlin von diesen großen Geheimnissen informiert? Der Fall von Frau Zelle war ganz offensichtlich nicht von tieferer Bedeutung für die Sicherheit der französischen Armee, aber in der psychologisch verzweifelten Situation von 1917 könnte er vielleicht einem anderen, patriotischen Zweck dienen.

In vielerlei Hinsicht war die Mitte von 1917 der tiefste Punkt des Krieges für das Land; nach dem Scheitern der Nivelle-Offensive erfolgten im Frühjahr 1917 die großen Meutereien der Französischen Armee und eine Welle von Streiks lähmte das Land. Für die neue Regierung unter Georges Clemenceau – im Amt seit Juli – schien der Fall von Mata Hari eine große Gelegenheit aufzutun, vieles von den Problemen, die das Land beutelten, Verrat in die Schuhe zu schieben, und solch ein verruchter deutscher Spion war ein von Gott gesandter Sündenbock. Der Fall wurde in der Presse maximal aufgeblasen.

Am 13. Februar 1917 wurde sie in ihrem Zimmer im Hotel Elysée Palace auf den Champs Elysées in Paris verhaftet. Elf Tage später wurde sie wegen Spionage für Deutschland vor Gericht gestellt und angeklagt, dadurch den Tod von 50.000 oder mehr französischen Soldaten verursacht zu haben.

Anfangs gab es ein paar Problemchen. Es gab kein einziges Dokument, dessen Verrat die Anklage unterstützen konnte. Nicht ein einziges Dokument, geheim oder nicht, wurde eingebracht, dessen Verrat Fräulein Zelle nachgewiesen werden konnte. Eine Flasche einer fremdartigen Flüssigkeit war in ihrem Hotelzimmer, gefunden und vom Staatsanwalt als Geheimtinte bezeichnet worden, aber Frau Zelle bezeichnete es als Teil ihres Make-ups und das Gegenteil konnte nicht bewiesen werden. Es war richtig, dass die Anklage viele der geheimen kleinen Lügen aufdeckte, sie in ihrer Erfindung der Legende von Mata Hari benutzt hatte, die Tänze, Kulte, Religion, etc., aber das war nicht illegal und niemand war davon überrascht – außer dass es sehr nützlich für den detaillierten Rufmord war, mit dem sich die Staatsanwaltschaft mangels Beweismaterial beschäftigte. Sie gab zu, dass sie einmal 20.000 Francs von einem deutschen Offizier angenommen hatte, zwecks Spionage gegen Frankreich; aber sie hatte weder Geheimnisse besessen noch ausgeforscht, und nichts davon konnte die Staatsanwaltschaft beweisen und Geld für Nicht-Spionieren anzunehmen war auch nicht illegal.

Staatsanwaltschaft und Gericht änderten die Taktik:

Ihr Verteidiger, der erfahrene internationale Verteidiger Édouard Clunet, wurde mit schier unlösbaren Beschränkungen konfrontiert; er erhielt weder die Erlaubnis, die Zeugen der Anklage ins Kreuzverhör nehmen noch seine eigenen Zeugen direkt zu befragen. Bouchardons [der Staatsanwalt, FN1] benutzte die Tatsache, dass Zelle eine Frau war, als Beweis für ihre Schuld; er sagte: „Ohne Skrupel, und daran gewöhnt Männern auszunutzen, ist sie genau die Art von Frau, die dazu geboren ist, eine Spionin zu sein.“

Mata Hari selbst gab im Verhör zu, Geld für die Arbeit als deutschen Spionin genommen zu haben. Es wird von einigen Historikern behauptet [und scheint so, in Anbetracht der dünnen Beweislage (Anmerkung des Verfassers)], dass Mata Hari lediglich das Geld der Deutschen genommen habe, ohne tatsächlich irgendwelche Spionage auszuführen. Bei ihren Verhören bestand Zelle vehement auf ihren Sympathien mit den Alliierten und erklärte ihre leidenschaftliche Liebe zu Frankreich, ihrem adoptierten Heimatland. 

Im Oktober 2001 veröffentlichte Dokumente aus den Archiven des MI5 (Britische Spionageabwehr) wurden von einer holländischen Gruppe, der Mata-Hari Stiftung, verwendet, um die französische Regierung zu bitten, Zelle im Nachhinein freizusprechen, indem sie argumentierten, dass die MI5-Dateien schlüssig bewiesen dass sie nicht schuldig im Sinne der Anklage war. Ein Sprecher von der Mata Hari Stiftung argumentierte, dass Zelle allerhöchstens ein Spion des untersten Levels gewesen sein konnte, der auf beiden Seiten weder Geheimnisse besessen noch verraten hatte: „Wir glauben, dass es genügend Zweifel an den Unterlagen gibt, die verwendet wurden, sie zu verurteilen, dass es gerechtfertigt wäre, das Verfahren wiederaufzunehmen. Vielleicht war sie nicht komplett unschuldig, aber es scheint klar, dass sie nicht der Meister-Spion war, der Tausende von Soldaten in den Tod schickte, wie es behauptet wurde.“

HTTPS://EN.WIKIPEDIA.ORG/WIKI/MATA_HARI

[FN1] Pierre Bouchardon war ein berüchtigter Staatsanwalt und Richter, der die Identifizierung und Verfolgung von deutschen Spionen – die er überall vermutete – zu seiner patriotischen Pflicht gemacht hatte.

In der erhitzten Atmosphäre des Krieges waren ihr Schuldspruch und die anschließende Verhängung der Todesstrafe eine ausgemachte Sache, und sie wurde kurz vor der Dämmerung des 15. Oktober 1917 im Alter von 41 Jahren von einem Erschießungskommando aus zwölf französischen Soldaten hingerichtet. Sie trug keine Handschellen, verweigerte die Augenbinde, und, wie es erzählt wird, warf ihren Mördern im Augenblick ihres Todes eine Kusshand zu.

Die Hinrichtung
Nachgestellte Szene aus einem Film

Es bleibt sehr fraglich, ob sie in irgendeiner Art überhaupt jemals spionierte. Ihr ganzes Leben lang erhielt sie Geld von Bewunderern, und ob die 20.000 Francs von einem Deutschen irgendeine Differenz ausgemacht hätten, bleibt mehr als fraglich. „Während des gesamten Verfahrens bestand Zelle vehement darauf, dass ihre Sympathien den Alliierten gehörten und erklärte ihre leidenschaftliche Liebe zu Frankreich, ihrer angenommenen Heimat.“ (Wiki, siehe oben)

Als ungeübte Anfängerin wäre sie nie an Informationen von wirklichem Wert gekommen. Stattdessen, wie die Aufzeichnungen, die nun ans Licht gekommen sind, zeigen, war Mata Hari ein Sündenbock, gezielt ausgewählt wegen ihrer ewigen Promiskuität, ihres exotischen Reizes und ihres Trotzes gegenüber den gesellschaftlichen Normen des Tages.

HTTPS://WWW.SMITHSONIANMAG.COM/SMART-NEWS/REVISITING-MYTH-MATA-HARI-SULTRY-SPY-GOVERNMENT-SCAPEGOAT-180967013/

Am Ende wurde sie das Opfer der Männer, die sie so liebte. Ihre Unterlagen sollen 2017 freigegeben worden sein – Updates folgen also eventuell.


Galerie


(© John Vincent Palatine 2019) * Der Brief aus dem Gefängnis ist fiktiv. Der deutsche Wikipedia-Artikel ist sehr zu empfehlen!

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La Bohème – Adolf Hitler in München vor dem Krieg


Voriger Beitrag: Jeder für sich und Gott gegen alle – Adolf Hitler als Bettler in Wien


Aus THE LITTLE DRUMMER BOY, Kapitel 12


“Every night and every morn,
Some to misery are born,
Every morn and every night,
Some are born to sweet delight,
Some are born to sweet delight,
Some are born to endless night.

William Blake “Auguries of Innocence”


Damals wie heute ist die Stadt München die Hauptstadt von Bayern, einem der ältesten deutschen Staaten – zunächst als ein Herzogtum, dann als ein Kurfürstentum, ein Königreich und dann als ein Freistaat und Bundesland. Soweit es europäische Staaten betrifft, ist Bayern von mittlerer Größe, etwa 70.000 Quadratkilometer groß; etwas kleiner als das moderne Österreich oder South Carolina, aber größer als Belgien, die Schweiz oder West Virginia, und bildet den südöstlichen Teil des modernen Deutschland. Es teilt sich Grenzen mit der Tschechischen Republik, Österreich und der Schweiz und erreicht im Norden die Bundesländer Hessen, Sachsen und Thüringen. Im Süden beherbergt es einen Teil des großen mitteleuropäischen Gebirges, die Bayerischen Alpen, mit der Zugspitze mit 2962 Metern als ihrer höchsten Erhebung – wo, wie man sagt, nur Adler zu fliegen wagen. . . .

Die bis ins frühe 19. Jahrhundert etwas verschlafene Stadt unterzog sich ab den 1830er Jahren einem längeren Zeitraum der Modernisierung und Industrialisierung. Das Land veränderte sich innerhalb von nur zwei Generationen von dem früheren fast ausschließlich ländlichen Charakter in einen modernen Industriestaat. Die erste deutsche Eisenbahnlinie (Ludwigseisenbahn) wurde zwischen den bayerischen Städten Nürnberg und Fürth im Jahre 1835 eröffnet, und schon ein halbes Jahrhundert später arbeiteten Nicolaus OttoGottlieb Daimler und Carl Benz im benachbarten Württemberg und Baden an dem Bau von pferdelosen Kutschen. Das von den beiden letztgenannten gegründete Unternehmen, Daimler-Benz, ist immer noch einer der berühmtesten Namen in der Automobilwelt und Bayern ist die Heimat der schnellen Autos von Audi und BMW.

München um die Jahrhundertwende – Auf der Theresienwiese, dem Platz des jährlichen Oktoberfestes, weiden Schafe.

Die kulturelle Kreuzbefruchtung des Durchgangslandes und das starke künstlerische Erbe der italienischen Renaissance verlieh München im beginnenden 20. Jahrhundert einen fast italienischen Charme: Im Vergleich zu Preußen war Bayern fast eine Anarchie (die königliche Familie war Beweis genug, wie wir sehen werden), aber eine angenehme und Menschen aus nah und fern strömten, um sich dort niederzulassen. Die Bayern verfolgen nach wie vor eine fast südliche Tradition der Leichtigkeit des Lebens, ein sehr unpreußisches Flair des “Dolce far niente”. Das Land rühmt sich seiner Tradition als Inbegriff der Libertas Bavariae, einer spezifisch Bayerischen Liberalität gegenüber Andersdenkenden; obwohl zutiefst katholisch, nahm es mehr als zehntausend französische Hugenotten auf , d.h. evangelisch-calvinistische Familien, die Frankreich und dem Zorn Catharina de’ Medicis im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert entflohen waren, nachdem das Edikt von Nantes – das weitgehende Religionsfreiheit gewährt hatte – widerrufen worden war. Die fleißigen Neulinge waren ein großer Gewinn für Bayern im Allgemeinen und München im Besonderen; eine Reihe von Straßen in der Schwanthalerhöhe, benannt nach prominenten hugenottischen Familien, erinnert an die Vorteile , die sie der Stadt gebracht haben.

Westliche Neuhauser Straße, Karlstor und Karlsplatz (Stachus) ca. 1900

Ab dem vierten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, während der frühen Herrschaft von Ludwig I., begann die Stadt ihren provinziellen Charakter zu verlieren; bevor er Lola Montez getroffen hatte und in ihren Armen alles andere vergaß, hatte der König ein öffentliches Bauprogramm im neoklassizistischen Stil gefördert, dessen Ergebnisse nach wie vor auf des Boulevards der Ludwigstraße und Maximilianstraße gesehen werden können. Das Genie der Architekten Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner bleibt weithin sichtbar in der großen Anzahl ihrer Entwürfe, die die Stadt schmücken, praktisch alle nach dem Bombenschäden des Zweiten Weltkrieges den ursprünglichen Plänen folgend wiederaufgebaut .

Mit bayerischem Charme und einem viel geselligeren sozialen Klima als das steife Preußen, das provinzielle Berlin oder das merkantile Hamburg, wurde München bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu dem zweiten Zentrum der internationalen Kunst und Kultur, gleich nach Paris – die Kaiserbesoffenheit und den Zwist Wiens und die gekünstelte imperiale Pracht Londons leicht hinter sich zurücklassend …

An dieser zweiten Stelle nach Paris, zog München – damals etwa 600.000 Einwohner beherbergend – Künstler aus allen Ländern und Bereichen des Lebens an und wurde vor allem ein Zentrum für die Avantgarde. Soweit es die Malerei angeht, erlebte allein das Jahr 1909 die Gründung von vier neuen Künstlergruppen – von denen sich eine einfach die “Neue Künstlervereinigung” nannte und Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky zu ihren Mitgliedern zählte. Im Café Stephanie in der Amalienstraße konnte man zu jeder Tages- oder Nachtzeit radikale Intellektuelle wie Kurt EisnerErich Mühsam oder Ernst Toller treffen, die alle nach dem Krieg berühmt wurden. Während diese Künstler und Philosophen für Hitlers bürgerlichen Geschmack jedoch viel zu fortschrittlich waren, brachten sie künstlerischem Flair und Inbrunst nach München – unübertroffen, bis zwanzig Jahre später Berlin die Goldenen Zwanzigern erlebte. Aber im Jahre 1910 war Berlin ein kultureller Friedhof.  Ian Kershaw [Hitler 1889-1936: Hybris (London, 1998), ISBN 0-393-32035-9] schrieb:

Schwabing, das pulsierende Zentrum des Münchner künstlerischen Lebens und seiner Bohème, zog Künstler, Maler und Schriftsteller aus ganz Deutschland und aus anderen Teilen Europas an. Schwabings Cafés, Kneipen und Kabaretts verwandelten sich in experimentelle Gewächshäuser der Moderne. „In keiner Stadt in Deutschland stieß Altes und Neues kräftiger zusammen als in München“, kommentierte Lovis Corinth, ein berühmter Künstler, der die dortige Atmosphäre zur Wende des Jahrhunderts erlebte.

IAN KERSHAW, s.u.
Lovis Corinth – Die drei Grazien

Die Themen des Verfalls und der Erneuerung, des Abwerfens des sterilen, abklingenden Ordnung, Verachtung für bürgerliche Konventionen, für die alten, abgestandenen und traditionellen Sichtweisen, die Suche nach neuem Ausdruck und ästhetischen Werten, die Evokation des Gefühls über die Vernunft, die Verherrlichung von Jugend und Begeisterung, verband viele der unterschiedlichen Stränge der Münchner modernen Kulturszene.

IAN KERSHAW, s.u.
Fasching (Karneval) in Schwabing um 1900

Der Kreis um Stefan George; die Geißel der bürgerlichen Moral, Dramatiker, Liedermacher und Kabarettist Frank Wedekind; der große Lyriker Rainer Maria Rilke; und die Gebrüder Mann – Thomas, berühmt seit der Veröffentlichung im Jahre 1901 seines epischen Romans über bürgerlichen Niedergang “Buddenbrooks“,  dessen Vignette homosexueller Versuchung “Der Tod in Venedig”  im gleichen Jahr veröffentlicht wurde, in dem Hitler nach München kam (1913), und sein älterer, politisch radikalerer Bruder Heinrich – waren nur einige in der Galaxie von literarischen Koryphäen in Vorkriegs-München.

Auch in der Malerei bestimmte die Herausforderung der „Moderne“ die Ära. Rund um die Zeit, in der Hitler in München lebte, revolutionierten Wassily Kandinsky, Franz MarcPaul Klee, Alexej von Jawlensky, Gabriele Münter und August Macke – die Koryphäen der Gruppe “Der Blaue Reiter” – das Wesen künstlerischer Komposition in brillanten und spannenden neuen Formen expressionistischer Malerei. Die visuellen Künste würden nie mehr das gleiche bleiben.

Ian Kershaw [“Hitler 1889–1936: Hubris” (London, 1998), ISBN 0-393-32035-9, Seiten 81-82
Postkarte des Café Stefanie – Besucher waren, u.a. Johannes R. Becher , Hanns Bolz , Hans Carossa , Theodor Däubler , Kurt Eisner , Hanns Heinz Ewers , Leonhard Frank , Otto Gross , Emmy Hennings , Arthur Holitscher , Eduard von Keyserling , Paul Klee , Alfred Kubin , Gustav Landauer , Heinrich Mann , Gustav Meyrink , Erich Mühsam , Erwin Piscator ,Alexander Roda Roda , Ernst Toller , B. Traven und Frank Wedekind.
München – Zentrum und Marienplatz

In Schwabing priesen Revolutionäre von jeder Sorte und Kaliber ihre Lehren an der Ludwig-Maximilians-Universität – nach München im Jahr 1826 von Landshut aus umgezogen (dorthin verlegt worden aus Ingolstadt, wo sie im Jahr 1472 gegründet worden war) – wurde das komplette Spektrum der politischen Ideenlehre gleichermaßen der Aufmerksamkeit der Studenten als auch der Bürger anheimgelegt. Der Hauptcampus war in Schwabing und bot den Studenten – immer auf der Suche nach neuen und exotischen Empfindungen und Eingebungen – eine Bühne für jede denkbare und einige eher unwahrscheinliche Formen künstlerischer Expression. Der unbeschwerte Geist, in dem selbst die wildesten oder lächerlichsten Lehren der Kunst oder Politik ein aufmerksames Publikum fanden, wurde die moderne Artikulation der Libertas Bavariae. In der Juxtaposition William Blakes oben zitierten Verses wurde Schwabing klar zu süßer Freude geboren und unkonventionelle Seelen aus der ganzen Welt strömten nach München.

Eine solche unkonventionelle Seele war Herr Wladimir Iljitsch Uljanow, der Recht und Politik an der Universität hörte, wo er sich als Herr Meyer eingeschrieben hatte. Herr Meyer wohnte in der Schleißheimer Straße 106, nur ein paar Blocks westlich des Campus, und war in seiner Heimat Russland und besonders der dortigen Geheimpolizei besser bekannt unter seinem revolutionären Pseudonym “Lenin”.

Eine weitere, eher unkonventionelle Seele, ein junger Mann namens Adolf Hitler, frequentierte bald die gleichen Cafés, Kneipen und Biergärten in Schwabing; Zeitung lesend, während er langsam eine Tasse Kaffee schlürfte, oder seine Bilder in Kunstgeschäften oder einfach auf der Straße hausierend. Etwas nördlich des Hauptgebäudes der Universität, hundert Meter hinter dem Siegestor, diente (und dient noch) die erste Viertelmeile der Leopoldstraße als Outdoor-Galerie der Künstler, und bis zum heutigen Tag verkaufen die ansässigen Maler ihre Werke dort. Adolf war, wie wir herausfinden werden, selbst ein bisschen revolutionär, aber das Jahr 1913 sah ihn halb erschrocken und halb berauscht von dem schieren Ansturm der künstlerischen Szene auf seine Sinne . . .

Münchner Hauptbahnhof um 1900

Adolf Hitler und sein Freund Rudolf Häusler kamen am Münchner Hauptbahnhof am Sonntag, 25. Mai 1913 aus Wien an, und begannen sofort eine Unterkunft zu suchen. Sie gingen die Schleißheimer Straße entlang, im Nordwesten des Bahnhofs, und im Fenster einer kleinen Schneiderei, bei Nummer 34, bemerkten sie ein kleines Schild “Zimmer zu vermieten”. Sie gingen hinein und wurden sich schnell mit des Schneiders Frau, Anna Popp, einig, eine winzige Mansarde im dritten Stock zu mieten. Am 26. Mai registrierten sie sich bei der Münchner Polizei, bei der Hitler die Dauer seines Besuches mit zwei Jahren angab. In Wien hatte Hitler sich bei der Polizei anlässlich seines Weggangs abgemeldet,wie vorgeschrieben, hatte aber keine Nachsendeadresse hinterlassen; in der Polizeiakte heißt es nur „mit unbekanntem Ziel“, was darauf hinweist, dass Hitler nichts über seinen zukünftigen Aufenthaltsort verlauten wollte. Dies würde mit der Tatsache übereinstimmen, dass sein früheres “Verschwinden” im Herbst 1909 auf geradezu magische Weise mit der genauen Zeit zusammenfällt, in der er sich zur Musterung in der österreichischen Armee hätte melden müssen. Er verließ die Sechshauserstrasse 56, Wien, c/o Frau Antonie Oberlechner, am 16. September 1909, ohne eine Weiterleitungsadresse zu hinterlassen, und ließ sich erst wieder am 8. Februar 1910 bei der Wiener Polizei registrieren – dem Tag, als er wieder auftauchte und in das Männerheim in der Meldemannstraße zogt. . . .

Schleißheimer Straße 34 während der NS-Zeit, mit Erinnerungstafel (Hitlers Raumfenster markiert)

Adolf Hitler war jetzt in der Stadt angekommen, die sein Hauptwohnsitz für die nächsten 20 Jahre werden würde – die Stadt, die er später die “Hauptstadt der Bewegung”taufte. Für eine Weile wurden die Popps seine Familie. Robert Payne beschreibt uns eine mise en scène des menschlichen Lebens in der Schleißheimer Straße 34:

Viele Jahre später, als die Nationalsozialisten an der Macht waren, wurde Frau Popp gefragt, an was sie sich über ihren Mieter erinnern könne. Natürlich erinnerte sie sich an viele Dinge, die zu seinem Vorteil gereichten: Er war freundlich zu den Kindern, Peppi und Liesel und war bescheiden, gut erzogen und selbstgenügsam. Er verbrachte den ganzen Tag mit Malerei und Zeichnen, und er studierte jeden Abend und jede Nacht. …

Sie war eine dieser neugierigen Vermieterinnen, die die Besitztümer ihrer Mieter prüfen, und sie erinnerte sich, dass seine Bücher „alles politischen Sachen und wie man ins Parlament kommt.“ Sie erinnerte sich auch an etwas, dass andere ebenfalls beobachtet hatten: seine Einsamkeit.

Er schien keine Freunde zu haben, lebte vollständig allein [nachdem Häusler ausgezogen war – wie oben erwähnt, niemand erwähnte Rudolf Häusler bevor Thomas Orr die Nachbarschaft im Jahre 1952 untersuchte, aus unbekannten Gründen,¶] lehnte alle Einladungen der Popps ab, ihr Abendessen zu teilen, wies alle ihre Annäherungsversuche zurück, und verbrachte ganze Tage in seinem Zimmer, ohne sich nach außen hin zu rühren. Er lebte von Brot und Wurst; nur manchmal klopfte er höflich an ihre Küchentür, um nach heißem Wasser für seinen Tee zu fragen.

„Er lebte in seinem Zimmer wie ein Einsiedler, mit seiner Nase immer in diesen dicken, schweren Büchern“, sagte sie. Es verwunderte sie, dass er sowohl ein Maler sein sollte als auch ein unersättlicher Leser, und eines Tages fragte sie ihn, was all das Lesen mit seiner Malerei zu tun habe. Er lächelte, nahm sie am Arm und sagte: „Liebe Frau Popp, weiß jemand wirklich, was ihm später im Leben wirklich von Nutzen sein wird und was nicht?“ (4)

THE LITTLE DRUMMER BOY, Seiten 279 – 280

Die Popps mochten ihn. Er wusste sich zu verhalten, was sie beeindruckte, denn für sie schien es zu bedeuten, dass er in Wirklichkeit – jenseits der Maske, die er trug – jemand anderes, jemand besseres war als wer er zu sein vorgab. Er lebte auf seinem eigenen Planeten, nicht unbedingt im bekannten Universum, und hatte keine Kontakte, die wir kennen, außer dass ein ehemaliger Bewohner des Männerheims behauptete, ihn einmal in einer zufälligen Begegnung am Bahnhof in München getroffen zu haben. [FN 1] Er malte derweil, und verkaufte seine Werke auch; wir haben eine gute Handvoll von Berichten seiner Kunden. Der Arzt Dr. Hans Schirmer erinnerte sich:

[FN 1]: Der Name dieses Mannes war Josef Greiner, der ein Betrüger und Erpresser gewesen zu sein scheint. 1939 und 1947 veröffentlichte er Bücher, welche seine angebliche Freundschaft mit Hitler in München und Wien beschrieben. Beide Bücher wurden verboten, das von 1939 von den Nazis selbst und das 1947 Opus von der Besatzungsbehörde. Vgl. Anton Joachimsthaler (8)

… Ich saß an einen Sommerabend im Garten des Hofbräuhauses, bei meinem Bier. Gegen 20.00 Uhr bemerkte ich einen sehr bescheiden und etwas grob gekleideten jungen Mann, der mir wie ein armer Student aussah. Der junge Mann ging von Tisch zu Tisch, ein kleines Ölgemälde zum Verkauf anbietend.

Die Zeit verstrich, und es war vielleicht 22.00 Uhr, als ich ihn wiedersah und erkannte, dass er nach wie vor das Bild noch nicht verkauft hatte. Als er in meine Nähe kam, fragte ich ihn, ob ich ihm helfen könne, da sein Schicksal mich etwas beunruhigte. Er antwortete: „Ja, bitte“, und als ich nach dem Preis fragte, legte er ihn auf fünf Mark.

Mein Vermögen damals … war nicht groß, und da ich in meinen Taschen nur das wenige Bargeld hatte, das benötigt war, um ein Bier zu kaufen, gab ich dem jungen Mann drei Mark und meine Adresse auf einer Rezeptform, und bat ihn, mit dem Gemälde am nächsten Tag in meine Praxis zu kommen , wo ich ihm den Rest geben würde.

Er übergab mir das Bild sofort und sagte mir, er würde mich morgen besuchen. Sofort, nachdem die Transaktion abgeschlossen war, ging er zum Buffet und kaufte sich zwei Wiener Würstchen und eine Semmel, aber kein Bier.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280
Münchner Straßenbahn, von Adolf Hitler

Ein Huthändler, Josef Würbser, wurde in seinem Laden aufgesucht.

„Es war im April 1914, ich die Kasse in dem Hutladen Zehme am Marienplatz und Dienerstraße betreute, als ein junger Mann hereinkam und mich fragte, ob ich am Kauf zwei seiner Gemälde interessiert wäre. Er müsse sie verkaufen, um Bücher für seine Studien erwerben zu können.

Da ich mich selbst ein bisschen mit Malerei beschäftigt hatte, war mein Interesse sofort geweckt, und ich studierte die beiden Bilder, von denen eines das „Alte Bürgermeisteramt“ zeigte und das andere den „Alten Hof“. Ich mochte die Bilder, die die schönen Motive in den hellsten Farben zeigten, und kaufte sie beide. Ich kann mich an den Preis nicht genau erinnern, aber es müssen jeweils zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Mark gewesen sein.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280
Das Siegestor, von A. Hitler

Der Juwelier Otto Paul Kerber erinnerte sich:

„Ein junger Mann kam in mein Geschäft an einem Tag im Jahre 1912 [es muss 1913 oder Anfang 1914 gewesen, ¶] und bot mir ein Aquarell von der Münchner Residenz an. Ich mochte das Bild und kaufte dieses und anschließend noch ein paar weitere Bilder von dem jungen Mann, der regelmäßig wiederkam. Soweit ich mich erinnere, bezahlte ich, je nach Größe und Qualität, zwischen 15 und 20 Mark pro Bild.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280

Sie ahnten es nicht, aber die meisten seiner Kunden hatten das Geschäft ihres Lebens gemacht, denn im Dritten Reich wurden die Gemälde für bis zu 5.000 Reichsmark verkauft. Es blieb jedoch klar, dass ihre Anziehungskraft der Künstler war, nicht die Arbeit an sich. Joachim Fest bemerkte über Hitlers künstlerische Eingebungen und Idole:

Sein Geschmack war seit seinen Tagen in Wien unverändert geblieben, als er keine Rücksicht auf die künstlerischen und geistigen Umwälzungen der Zeit nahm. Kühle klassizistische Pracht auf der einen Seite und pompöse Dekadenz auf der anderen – Anselm Feuerbach, zum Beispiel, und Hans Makart – waren seine Idole. Mit den Ressentiments des durchgefallenen Kandidaten für die Akademie erhob er seinen eigenen Geschmack zu einer absoluten Richtschnur.

Er bewunderte auch die Kunst der italienischen Renaissance und des Frühbarock; die Mehrzahl der Bilder im Berghof gehörten zu diesen Epochen. Seine Favoriten waren ein halblanger Akt von Bordone, des Schülers von Tizian und eine große farbige Skizze von Tiepolo. Auf der anderen Seite verwies er den Maler der deutschen Renaissance wegen ihrer Strenge und Sparsamkeit.

Fest, S.U.
Paris Bordone, Venus und Amor – einer von Hitlers Favoriten

Die pedantische Treue seiner eigenen Aquarelle könnte darauf hindeuten, dass er handwerkliche Präzision immer favorisierte. Er mochte den frühen Lovis Corinth, aber reagierte auf dessen brillante spätere Arbeit, gemalt in einer Art Ekstase des Alters, mit ausgeprägter Reizung und entfernte sie aus den Museen. Bezeichnenderweise liebte er auch sentimentale Genrebilder, wie die weintrinkenden Mönche und fetten Gastwirte von Eduard von Grützner. In seiner Jugend, sagte er zu seinem Gefolge, war es sein Traum gewesen, eines Tages erfolgreich genug zu sein, sich einen echten Grützner zu leisten. Später hingen viele Werke des Malers in seiner Münchner Wohnung am Prinzregentenplatz 16.

Neben ihnen liebte er sanfte, volkstümliche Idyllen von Spitzweg, ein Porträt Bismarcks von Lenbach, eine Parkszene von Anselm Feuerbach, und eine der vielen Variationen der “Sünde” von Franz von Stuck. In seinem „Plan für eine deutsche Nationalgalerie“, auf der ersten Seite seines Skizzenbuchs von 1925, erscheinen diese gleichen Maler, zusammen mit Namen wie Overbeck, Moritz von Schwind, Hans von Marées, Defregger, Böcklin, Piloty, Leibl und schließlich Adolph von Menzel, dem er nicht weniger als fünf Räume in der Galerie zuwies.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 281

Sein Geschäft wuchs langsam, er gewann Stammkunden, von denen einige sogar im Voraus bestellten. Der Chemiker Dr. Schnell, der ein Geschäft in der Sendlinger Straße 42 nahe dem Stadtzentrum und eine kleine chemische Fabrik im nördlichen Stadtteil Milbertshofen besaß, erinnerte sich daran, dass eines Tages ein armer junger Maler in seinen Laden kam …

… dem offensichtlich von jemandem gesagt worden war, dass ich schon zuvor armen Künstlern geholfen hatte. Er bat mich um Unterstützung. „Ich bin Architekturmaler“, sagte der junge Mann und bot mir an, ein kleines Bild für mich zu malen. Auf Anfrage sagte er, sein Namen wäre Hitler, er wäre Österreicher und in der Stadt um Maler zu werden.

„Na dann bitte malen Sie mir die Asamkirche nebenan“, sagte ich. „Nach acht bis zehn Tagen brachte Hitler mir ein kleines Bild der Asamkirche, das überraschend gut gemacht war. Ich zahlte ihm die vereinbarten zwanzig Mark und habe später ein paar weitere seiner Bilder gekauft, die er immer pünktlich ablieferte. Ich konnte ihm auch auf weitere Aufträge vermitteln, die ich von Bekannten erhielt, die das Bild der Asamkirche sahen. … Dann begann der Erste Weltkrieg, und Hitler und seine Bilder waren vergessen. …

Als Hitler in die politische Szene nach dem Ersten Weltkrieg eintrat, wollte ich herausfinden, ob der Politiker Adolf Hitler und der Malereistudent der Vorkriegszeit in der Tat identisch waren. Also ging ich kurz ins Hofbräuhaus, wo Hitler eine Kundgebung abhielt und stellte fest, dass er tatsächlich der gleiche Mann war, dessen Bilder ich gekauft hatte. …

Viel später, nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, wurde ich einmal von Hitler ins Hotel “Vier Jahreszeiten” eingeladen. Er fragte, wie es mir und den Bildern ging, und ob er mir einen Gefallen tun könne. Kurze Zeit später, zwischen 1934 und 1936, besuchte mich ein Mann aus dem Stab des „Stellvertreters des Führers“ Rudolf Heß im Büro des Ladens, in dem Hitlers Gemälde hingen, und fragte, ob Heß, der an den Bildern interessiert war, kommen und sie besichtigen könne. Heß tauchte dann auf, mit zwei oder drei anderen Herren, und betrachtete die Bilder. … Später fragten einige Parteibüros nach meiner Erlaubnis, Kopien der Bilder für die Parteiarchive zu machen, welche ich gewährte.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 281

Basierend auf den Aussagen von Hitlers Kunden und von Frau Popp, die sagte, dass er ein alle zwei oder drei Tage ein Bild malte, berechnete Anton Joachimsthaler, dass, wenn er, sagen wir, zehn Gemälde im Monat verkaufte, er recht gut davon leben konnte. In seine kommunale Verkaufslizenz, die er brauchte, um seine Gemälde legal zu verkaufen und die auch als Steuerformular diente, trug er einen Umsatz von rund hundert Mark pro Monat ein – wahrscheinlich das niedrigste, mit dem er davonkommen konnte. Auch wenn er anfangs vielleicht weniger als die fünfzehn oder zwanzig Mark verdiente, die nach einigen Monaten die Norm geworden zu sein schienen, muss er bald zwischen 150 und 200 Mark pro Monat verdient haben. Das war ziemlich anständig im Vergleich zu dem Lohn eines normalen Arbeiters, der in München zu diesem Zeitpunkt zwischen 96 und 116 Mark verdiente, aber auch für seine Familie zu sorgen hatte.

Wie in Wien, scheint es, dass Hitler auch in München mehr Geld hatte als er zugab, und die Beteuerungen seiner Armut in „Mein Kampf“ müssen mit einem großen Löffel Salz genommen werden. Selbst wenn es wahr ist, dass er, wie er später behauptete, oft nur eine Mark für sein Mittag- oder Abendessen hatte, muss dieser Betrag in Bezug auf die Preise der Zeit gesehen werden, die sehr niedrig waren. Ein Liter Bier kostete 30 Pfennige, ein Ei 7 Pfennige, ein Pfund Brot 16 Pfennige und ein Liter Milch 22 Pfennige. Eine Mark langte für so einiges.

Soweit wir wissen, wich seine Lebensweise nicht viel von der in Wien ab, was uns Vorsicht lehrt über die Geschichten, die Hitler später von seinem Studium der Politik, Philosophie und Geschichte in der Münchner Vorkriegszeit gesponnen hat. In einem der Tafelmonologe während des Zweiten Weltkrieges gab er Kunst an, nicht Politik, als seinen Grund, nach München zu gehen.

„[Ich wollte weitermachen] … als Autodidakt zu arbeiten und einen gewissen Zeitraum lang praktische Arbeit hinzufügen, sobald ich im Reich war. Ich war glücklich in München: Ich hatte mir das Ziel gesetzt, weitere drei Jahre zu lernen und dann mit 28 Jahren, als Architekt bei Heilmann & Littmann [eine Münchner Baufirma, ¶] einzutreten.

Ich hätte bei deren erstem Wettbewerb mitgemacht, und ich glaubte, sie würden mein Talent und meine Fähigkeiten anerkennen. Ich hatte mich, privat, an allen aktuellen Architekturwettbewerben beteiligt, und als die Entwürfe für das neue Opernhaus in Berlin veröffentlicht wurden, begann mein Herz zu schlagen, und ich sagte mir, dass sie viel schlechter waren als das, was ich geliefert hatte. Ich hatte mich auf Bühnenbilder spezialisiert.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 282

Leider finden wir in keinem der ordentlichen und vollständigen Archive dieser Wettbewerbe die Entwürfe, die Hitler – privat – beitrug, sodass wir uns leider eines Urteils über ihren künstlerischen Wert enthalten müssen.

Maximilianstraße um 1900

Seine Zurückgezogenheit in München verschaffte ihm auch einen eher unauffälligen Vorteil: dass er, wie er glaubte, es dadurch vermied, in die österreichische Armee eingezogen zu werden. Es war Standard in Österreich, wie in allen anderen europäischen Ländern, dass die jungen Männer eines
bestimmten Alters (in Österreich mit zwanzig) zum Militär einberufen wurden, wo sie, nach zwei oder drei Jahren aktiven Dienstes, für die nächsten zwanzig Jahre oder so den Reserveeinheiten unterstellt blieben. Hitler hätte sich im Herbst 1909 registrieren und mustern lassen müssen – genau zu dem Zeitpunkt als er verschwand. Selbst wenn er eine gültige Ausrede gehabt hätte, sagen wir Krankheit, hätte er sich einer Neuregistrierung im Jahr 1910 oder 1911 unterziehen müssen. Da wir Hitlers ablehnende Haltung gegenüber dem Habsburgerstaat kennen, kann es uns nicht überraschen, dass er keinerlei Drang verspürte, ihm zu dienen.

Am 11. August 1913 erließ die Linzer Polizei einen Haftbefehl für Hitler, aufgrund Umgehung der Stellungspflicht. Von Hitlers Verwandten, vielleicht den Schmidts, fanden sie heraus, dass er in dem Männerheim in Wien lebte. Auf ihre Anfrage berichtete Wien nach Linz zurück, dass Hitler Wien verlassen hätte, ohne eine Weiterleitungsadresse zu hinterlassen, aber dass einige Bewohner der Herberge sich erinnerten, dass Hitler erwähnt hatte, nach München zu gehen.

Linz fragte also in München nach, und erfuhr am 8. Januar 1914, dass Hitler in der Tat in München registriert war, bei Popp, Schneider, Schleißheimer Straße 34/III. Am Nachmittag des 18. Januar 1914 wurde ein Trupp der Münchner Polizei zu Hitler losgeschickt, mit einem österreichischen Haftbefehl und einer Vorladung zur Musterung.

„Herr Adolf Hitler, geboren 1889, wohnhaft in Linz an der Donau, derzeit in München bei Popp, Schleißheimer Straße 34/III, wird hiermit einbestellt, sich des 20. Januars 1914 am Kaiserin-Elisabeth-Kai 30 in Linz zur militärischen Musterung zu präsentieren. Im Falle des Scheiterns, dieser Aufforderung nachzukommen, wird er der Strafverfolgung nach den §§ 64 und 66 des Gesetzes über Militärdienst aus dem Jahre 1912 unterliegen.”

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 282

Das war kein Scherz. Dem österreichisch-bayerischen Auslieferungsvertrag von 1831 zufolge, konnte er verhaftet, in eiserne Ketten gelegt, ausgeliefert und den Behörden in Linz zwangsweise vorgeführt werden, wenn er dem Befehl nicht folgte. Hitler sprach also mit dem Offizier des Kommandos, Wachtmeister Herle, der eine Unterschrift für den Erhalt der Vorladung verlangte. Zur Erbauung des Wachtmeisters und seiner Truppe formulierte Hitler aus dem Stand eine improvisierte Entschuldigung:

„Ich hatte es verpasst, mich im Herbst 1909 zu registrieren, aber ich korrigierte dieses Versehen im Februar 1910. Zu dieser Zeit meldete ich mich im Amt des Bürgermeisters beim Wehrpflichtamt IB, die mich an meinen Wiener Heimatbezirk zurückverwiesen, den XX. Ich beantragte dort, mich der Musterung in Wien statt in Linz unterziehen zu dürfen, unterschrieb ein Protokoll oder Affidavit, bezahlte eine Krone und habe nie wieder von der Sache gehört. Ich habe weder daran gedacht, mich der Registrierung zu entziehen, noch ist dies der Grund für meinen Umzug nach München. Ich war immer bei der Polizei in Wien registriert, [FN 2] , genauso wie jetzt hier in München.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 283

[FN 2] Das war eine glatte Lüge; wir wissen, dass er vom 16, September 1909 bis zum 8. Februar 1910 nicht registriert war; eine Lüge, die er in dem Schreiben an die österreichischen Behörden (siehe unten) wiederholte – aber zum Glück überprüfte niemand die falsche Behauptung.

Die Österreicher müssen ihn schlichtweg vergessen haben, behauptete er, denn er war eindeutig kein Deserteur. Wir wissen nicht, was Wachtmeister Herle von der Geschichte hielt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach war es nicht das erste Mal in seiner Karriere, dass ein Verdächtigen einen Fehler bei den Behörden behauptete. Die Geschichte, die Hitler ausgeheckt hatte, war klar faul in sich selbst, und vielleicht zählte er auf des bayerischen Offiziers Unkenntnis der österreichischen Militärgesetze; die europäischen Nationen dieser Zeit verfolgten die Lebensumstände ihrer potenziellen Rekruten sehr sorgfältig und “vergaßen” sie nicht einfach; die Erfordernis, dass jede Adressänderung registriert werden musste, war in der Tat genau für diesen militärischen Zweck erlassen worden.

Herle jedenfalls verhaftete Hitler und brachte ihn in die Münchner Polizeizentrale an der Löwengrube. Am nächsten Morgen wurde der Gefangene dann dem österreichischen Generalkonsulat präsentiert. Es scheint, dass er dort von einem Konsularbeamten oder vielleicht einen Rechtsassistenten unterstützt wurde, denn er durfte seinen Fall in einer schriftlichen Erklärung präsentieren. Dies war nicht das ganz normale Verfahren; vielleicht begann Hitlers Kaltblütigkeit zu wirken.

In der Zwischenzeit hatte er seine Geschichte überdacht. Zuerst behauptete er – wahrheitswidrig – dass er die Vorladung zu spät erhalten hatte; dann behauptete er, dass das Problem ein Fehler des Österreichers war, die ihn irrtümlich in Linz gesucht hatten, als er tatsächlich in Wien war, oder umgekehrt. Eloquent in seiner Entschuldigung und seltsam weinerlich im Ton, erinnert der Aufsatz, indem er sein mühseliges Leben in München beschreibt, den Leser an den schmeichlerischen Stils seines Vaters Brief an den Bischof von Linz in der Sache der geplanten Hochzeit mit seiner Nichte Klara. Ein glücklicher Zufall hat uns Hitlers Dokument erhalten, das einen Blick in dieses jungen Menschen Beunruhigung und Verdrusses erlaubt:

… In der Vorladung werde ich als Künstler bezeichnet. Ich trage diesen Titel zurecht, aber er ist nur relativ zutreffend. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als unabhängiger Maler, da ich völlig eines Einkommens beraubt bin (mein Vater war Beamter), und ich arbeite lediglich, um meine Ausbildung zu fördern. Nur ein kleiner Teil meiner Zeit kann für meinen Lebensunterhalt aufgewendet werden, denn ich strebe immer noch danach, meine Ausbildung zu einem architektonischer Maler zu vollenden.

Mein Einkommen ist daher sehr bescheiden, gerade genug um meine Kosten zu decken. Als Zeugnis dafür verweise ich Sie auf meine eingeschlossene Einkommensteuererklärung, und ich wäre dankbar, wenn sie mir zurückgegeben werden könnte. Man sieht, dass mein Einkommen um die 1200 Mark beträgt – eher mehr als ich wirklich verdiene – und dies bedeutet nicht, dass ich tatsächlich 100 Mark im Monat mache. Oh nein. …

Im Hinblick auf mein angebliches Versagen zur Meldung für den Militärdienst im Herbst 1909, muss ich bemerken, dass dies für mich eine unendlich bittere Zeit war. Ich war damals ein junger Mann ohne Erfahrung, ohne finanzielle Unterstützung von irgendjemand zu empfangen und zu stolz, um finanzielle Unterstützung von anderen zu akzeptieren, geschweige denn darum zu bitten. Ohne Unterstützung war ich auf meine eigenen Anstrengungen angewiesen, verdiente ich nur ein paar Kronen und oft nur ein paar Pfennige durch meine Arbeit, und das war oft zu wenig, um für ein Nachtlager zu bezahlen. Zwei Jahre lang kannte ich keine andere Herrin als Leid und Not, keinen anderen Begleiter als ewig nagenden Hunger. Ich kannte nie das schöne Wort Jugend.

Noch heute, fünf Jahre später, erinnere ich mich immer wieder an diese Erfahrungen, und trage deren Überreste in Form von Frostblasen an Fingern, Händen und Füßen. Und doch kann ich nicht jener Tage gedenken, ohne eine gewisse Freude darüber zu empfinden, dass ich diese Schikanen letztendlich überwunden habe. Trotz großen Mangels, in oft zweifelhafter Umgebung, hielt ich doch meinen Namen sauber, hatte ein untadeliges Verhältnis zum Gesetz, und besaß ein reines Gewissen – außer dass ich mich immer wieder daran erinnerte, dass meine Erfassung für den Militärdienst fehlgeschlagen war. Dies ist die eine Sache, für die ich mich verantwortlich fühle. Es scheint mir, dass ein moderates Bußgeld eine reichliche Strafe wäre, und natürlich werde ich diese gerne bezahlen.

Ich sende diesen Brief unabhängig von der Aussage, die ich heute im Konsulat unterzeichnet habe. Ich bitte, dass mir weitere Anweisungen durch das Konsulat übermittelt werden sollten und bitte Sie mir zu glauben, dass ich diese sofort erfüllen werde.

Alle meine Erklärungen in diesem Fall wurden von den konsularischen Behörden überprüft. Sie haben sich als sehr großzügig erwiesen und haben mir die Hoffnung vermittelt, dass ich in der Lage sein könnte, meine militärischen Verpflichtungen in Salzburg zu erfüllen. Obwohl ich es nicht wagen kann, dies zu hoffen, bitte ich, dass diese Angelegenheit für mich nicht übermäßig erschwert werde.

Ich beantrage, dass Sie dieses Schreiben zur Berücksichtigung annehmen und unterzeichne, respektvoll,

ADOLF HITLER

Künstler

München

Schleißheimer Straße 34/III

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 283 – 284

Dieser Brief ist ein früher und recht guter Einblick in den Geist einer Person, der einst ein professioneller Betrüger werden würde. Es ist nicht nur die schiere Verbiegung von Tatsachen die überrascht – es ist auch der Stil des Briefes; er zeigt, dass Hitler sehr genau wusste, was er zu schreiben hatte, und wie.

Der Brief verströmt das spezifische Aroma des Zeitalters, der servilen Weinerlichkeit, die einsetzt, wenn man ein Problem mit den Behörden hat. Der devote, manchmal arschkriecherische und manchmal schwatzhafte Ton ist, nach unseren heutigen Maßstäben, ein allzu offensichtlicher Versuch, Sympathie für seinen Antrag zu erwerben, im Angesicht eines Bürokraten, der die Macht hat, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Es mag wohl wahr sein, dass Bürokraten damals im allgemeinen byzantinische Schmeichelei und vorausschauenden Gehorsam erwarteten von der Öffentlichkeit, der sie angeblich dienen (und die ihre Gehälter bezahlt), aber Hitlers Brief klingt fast so, als ob er versuchte den Adressaten zu veräppeln. Der Stil ist einerseits umständlich und andererseits vertraulich, manchmal auf unheimliche Weise intim – als ob er sich von einem selten gesehenen Onkel Geld leihen wolle.

Herausstechend jedoch ist seine Argumentation: schon bevor das Urteil gesprochen wird, appelliert er an ein höheres Gericht, dem flüchtigen Charakter der österreichischen Militärjustiz übergeordnet. Sein Verbrechen ist nicht Desertion, behauptet er, sein Verderben war Armut. Er wird eine sehr ähnliche Taktik des Bekenntnisses zu einem inexistenten Vorwurf elf Jahre später wiederum verwenden, in der Verhandlung über den “Beer Hall Putsch“. Genauso wie dann verkündet er jetzt seine Schuldlosigkeit; in den Worten von Robert Payne:

,„Ein höheres Gericht wird ihn für unschuldig erklären, denn sein einziges Verbrechen ist Armut; sein Name ist sauber, sein Betragen schuldlos, sein Gewissen frei. Er behauptet, dass es sein einziger Ehrgeiz im Leben ist, der österreichisch-ungarischen Monarchie zu dienen; aber wenn wir diesen Brief lesen, wissen wir bereits, dass er diese Monarchie und alle ihre Werke verachtet und nicht die geringste Absicht hat, ihren Aufträgen zu folgen.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 284

Seine Versuche , die Sympathien des konsularischen Personals zu gewinnen, waren offensichtlich erfolgreich: Der Konsul selbst sandte Hitlers Brief nach Linz, zusammen mit einem von ihm selbst verfassten, in dem er erklärte, dass sowohl er persönlich als auch die Münchner Polizei davon ausgehen, dass Hitler ehrlich war und die Registrierung durch einen Fehler verpasst hatte, nicht durch kriminelle Absicht. Darüber hinaus empfahl der Herr Konsul , dass man Hitler erlauben solle, sich dem militärische Prüfungsausschuss in der Grenzstadt Salzburg zu stellen , anstatt ihn zu verpflichten, den ganzen Weg nach Linz zu reisen. In seltener Großzügigkeit bezahlte das Konsulat sogar Hitlers Zugfahrkarte.

Das Militärkommando in Linz pflichtete bei, und am 5. Februar 1914 fuhr Hitler mit dem Zug nach Salzburg. In einer kurzen Untersuchung fanden die Ärzte Hitler sowohl für den Kampf als auch den Hilfsdienst untauglich und entließen ihn ohne weitere Verpflichtungen. Das war genau das, worauf Hitler gehofft hatte, und er kehrte mit leichterem Herzen zurück nach Schwabing und seinen Büchern und Gemälden. In „Mein Kampf“, behauptete er später, dass die lebhaften politischen Diskussionen in den Cafés und Biergärten seinen Verstand trainiert und seine Argumentationsweise verbessert hätten. Von größter Bedeutung, schrieb er, war sein gründliches Studium des Marxismus.

„Ich habe mich dann wiederum mit der theoretischen Literatur dieser neuen Welt befasst und versucht, Klarheit über ihre möglichen Auswirkungen zu erlangen, und diese dann mit den tatsächlichen Erscheinungen und Ereignissen verglichen, die es etwa im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben hervorbringt. Jetzt wandte ich zum ersten Mal meine Aufmerksamkeit darauf, dieser Weltplage Herr zu werden .“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 285

Es sind drei Überlegungen, die uns dazu bringen, die Richtigkeit dieser Aussage zu zweifeln. Da Hitler nie dem im Sinne „angestellt“ war, so wie ein Fabrikarbeiter angestellt ist, kann man bezweifeln, wie viel wirklich er von den Realitäten der Tarifverhandlungen verstand oder wusste, von der Unfallversicherung, den Entschädigungen für Unfälle, dem betrieblichen Gesundheitswesen oder Rentenplänen, diesen Brot- und Butter Aufgaben der Gewerkschaften. Zweitens: Zu dem Zeitpunkt, an dem er angeblich in der Studie des Marxismus “eintauchte”, lag die russische Oktoberrevolution oder jede andere kommunistische Revolution noch Jahre in der Zukunft, und kein Land in der Welt besaß eine sozialistische Regierung. So kann man sich fragen, wie genau Hitler sich seine Meinung über die „Welt-Plage“ gebildet hatte und wo die „tatsächlichen Phänomene und Ereignisse“ aufgetreten waren, die er, wie er sagte, beobachtet hatte. Es scheint viel wahrscheinlicher, dass diese Teile von „Mein Kampf“- nicht vor 1924 geschrieben – Übungen im Nachhinein darstellen und dass er die vorausschauende Hellsichtigkeit der Übel des Marxismus als Beweis seines politischen Genies verkaufte. Drittens ist es fraglich, wie viel freie Zeit, Malerei und Verkauf der Bilder ihm ließen und es liegen keine Bibliotheksausweise von ihm vor.

Aber er liebte München so sehr wie er Wien verachtete. Die Bürger hatten eine leichte Art des Lebens, er mochte den bayerischen Dialekt, den er als Kind in Passau gelernt hatte, und das rassische und lingualen Sammelsurium, das er in
Wien zu verabscheuen gelernt hatte, war völlig abwesend. Auch in dem sehr kalten Winter 1913/14, als er weniger Kunden als üblich auf den schneebedeckten Straßen und leeren Biergärten finden konnte, war er immer noch guter Dinge;
München leuchtete für ihn weiterhin. [„München leuchtet!“ war der Titel eines beliebten Kabarettprogramms.] Doch es ist klar, dass er nicht an dem sozialen oder politischen Leben der Stadt teilnahm; nicht ein einziges Dokument, keine Zeitung erwähnt seinen Namen. Mit Ausnahme von Rudolf Häusler kennen wir auch keine anderen Bekannten. In den letzten sechzig Jahren wurden alle Archive durchsucht: Wir haben zum Beispiel einen Brief von seinem Bekannten Fritz Seidl, den Hitler während des einen Jahres in der Pension von Frau Sekira in Linz getroffen hatte, in der ersten Klasse der Unterrealschule; aber nichts aus München – nicht einmal ein Foto. (19) In einem bekannten Absatz von „Mein Kampf“ lobte Hitler die Stadt:

Daß ich heute an dieser Stadt hänge, mehr als
an irgendeinem anderen Flecken Erde auf dieser Welt,
liegt wohl mitbegründet in der Tatsache, daß sie mit der
Entwicklung meines eigenen Lebens unzertrennlich ver-
bunden ist und bleibt; daß ich aber damals schon das Glück
einer wahrhaft inneren Zufriedenheit erhielt, war nur
dem Zauber zuzuschreiben, den die wunderbare Wittels-
bacherresidenz wohl auf jeden nicht nur mit einem rechneri-
schen Verstande, sondern auch mit gefühlvollem Gemüte ge-
segneten Menschen ausübt.

ADOLF HITLER “Mein Kampf”, 851 – 855 Auflage 1943, Seite 139
Oktoberfest um 1900

Aber als er in den Cafés saß und die Zeitungen las, kam er nicht umhin, über die neuesten internationalen Spannungen informiert zu werden. Der Balkan hielt die Schlagzeilen wiederum besetzt, wie damals 1912 und 1913, als es dort Krieg gab. In eines der literarisch eher ansprechenden Passagen von “Mein Kampf” beschreibt Hitler die besondere Atmosphäre Jahres 1914:

Schon während meiner Wiener Zeit lag über dem Balkan jene fahle Schwüle, die den Orkan anzuzeigen pflegt, und schon zuckte manchmal auch ein hellerer Lichtschein auf, um jedoch rasch in das unheimliche Dunkel sich wieder zuzückzuverlieren. Dann aber kam der Balkankrieg, und mit ihm fegte der erste Windstoß über
das nervös gewordene Europa hinweg. Die nun kommende
Zeit lag wie ein schwerer Alpdruck auf den Menschen, brütend wie fiebrige Tropenglut, so dass das Gefühl der herannahenden Katastrophe infolge der ewigen Sorge endlich zur Sehnsucht wurde: der Himmel möge endlich dem Schicksal, das nicht mehr zu hemmen war, den freien Lauf gewähren. Da fuhr denn auch schon der erste gewaltige Blitzstrahl auf die Erde nieder: das Wetter brach los, und in den Donner des Himmels mengte sich das Dröhnen der Batterien des Weltkrieges.

ADOLF HITLER “MEIN KAMPF”, 851 – 855 AUFLAGE 1943, SEITE 173

Die stetige Verschlechterung Europas internationaler Beziehungen seit etwa 1906 wird Gegenstand der folgenden Kapitel sein. Aber alle Berichte, die wir vom Juni und Juli 1914 besitzen, sind sich einig – in einer seltsamen Art und Weise – im Hinblick auf das perfekte Wetter, das so krass mit dem kontrastierte, was folgen sollte. In diesen langen Sommernächten verkaufte Hitler noch die Früchte von Pinsel und Bleistift in den Biergärten – es sei denn er war beschäftigt damit, das Glühen der Sonnenuntergänge zu malen. Aber er war allein in seiner Mansarde, in ein Buch vertieft, am Nachmittag des 28. Juni 1914, als seine Vermieterin die Treppe heraufgestürmt kam und sein Zimmer betrat, ohne an der Tür zu klopfen.

Weinend informierte Frau Popp ihren Mieter, dass früher an diesem Tag der Thronfolger des österreichischen Throns, Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg und seine Frau Sophie, von einem jungen Mann in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien, ermordet worden waren. Der Täter war Gavrilo Princip, ein Anarchist mit mutmaßlichen Verbindungen zu Serbien.

Der Erzherzog, ein Neffe von Kaiser Franz Joseph, war drei Tage zuvor in Bosnien eingetroffen, um die jährlichen Militärmanöver zu inspizieren. Nach dem Abschluss der Übungen bestand der Prinz auf einem Besuch der bosnischen Hauptstadt, obwohl die lokale Verwaltung Warnungen vor einem Anschlag erhalten hatte. Ein halbes Dutzend Verschwörer, verteilt über die Hauptverkehrsstraßen der Stadt, hatte auf das Königspaar gewartet, aber es war nur pures Glück – bzw. Pech – dass Princip den offenen königlichen Wagen langsam rückwärts aus dem falschen Ende einer Einbahnstraße fahrend antraf. Er feuerte seine Pistole zweimal und tötete sowohl die Erzherzog als auch seine Frau.

Hitler lief die Treppe hinunter und gesellte sich zu den Massen, die sich auf den Straßen versammelten. In Wien belagerte ein Mob bereits die serbische Botschaft. Die Nachricht aus Sarajevo war die Sensation des Jahres.

Vorschau

Zum nächsten geplanten Beitrag über Hitlers Einrücken zur bayerischen Armee und seinen Dienst an der Westfront (ca. Februar 2020) haben wir einen ganz kurzen Filmausschnitt gefunden von der Vereidigung des Reserve-Infanterieregiments XVI (Regiment List) im Beisein des bayerischen Königs Ludwig III, den wir schon hier präsentieren:

Vereidigung des Regiments List

Chronologisch folgender Beitrag: Sarajevo, 28. Juni 1914 – Der letzte Tag Europas


© John Vincent Palatine 2015/19

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Stefanie – Adolf Hitlers Jugendliebe

Stefanie Rabatsch, geb. Isak

Diese Geschichte spielt in Urfahr, einer kleinen Gemeinde an der Donau, die heute ein Teil von Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs ist. Erwähnt in zeitgenössischen Dokumenten seit 1492, war es zu dieser Zeit (1882 – 1919) eine unabhängige kleine Stadt, mit der Hauptstadt durch eine Holz- und nach 1872 durch eine Eisenbrücke verbunden.

Hauptstraße um 1900

Wenn wir Adolf Hitlers seltsame Persönlichkeit betrachten, die wir in den vorhergehenden Artikeln kennengelernt haben, kann es uns nicht groß überraschen, dass er seine Beziehung zu dem Mädchen, das er durch seine ganze Pubertät in Linz vergötterte – Stefanie Rabatsch née Isak (28. Dezember 1887 bis in die 1970er Jahre) – ausschließlich auf eine Form der übersinnlichen Telepathie beschränkte. Soweit wir wissen, sprach niemals auch nur ein Wort mit ihr, aber schwatzte über sie ausführlich mit seinem Jugendfreund August Kubizek .

Kubizek berichtet in seinen Erinnerungen: „Eines Abends im Frühjahr 1905, als wir unseren üblichen Spaziergang machten, packte Adolf meinen Arm und fragte mich aufgeregt, was ich über dieses schlanke blonde Mädchen dächte, das entlang der Landstraße zu Fuß Arm in Arm mit ihrer Mutter unterwegs war. “Ich bin verliebt in sie, weißt Du?”, fügte er entschlossen hinzu.

Aber Adolf lehnte es ab, sich ihr zu nähern und erzählte August, er würde das “morgen” tun. In der Zwischenzeit schickte er seinen Freund auf eine Aufklärungsmission über Stephanie. Kubizek konnte bald berichten , dass sie aus einer gutbürgerlichen Familie kam, in Urfahr lebte, ihr Vater vor seinem Tod ein Beamter gewesen war , und bestätigte, dass sie „ein vornehm aussehenden Mädchen, groß und schlank, war. Sie hatte dickes blondes Haar, das sie meistens zurückgekämmt in einem Knoten trug. Ihre Augen waren sehr schön“ .

Alte Postkarte

Jeden Abend schlenderte sie, am Arm ihrer Mutter, durch die Linzer Landstrasse, wo die jungen Mädchen durch die Schaufenster hindurch mit den jungen Männern, die sie umkreisten, Blicke wechseln konnten, mit den Wimpern flattern oder versehentlich ein Taschentuch fallen lassen.

„Viele Gesellschaften kennen Formen der organisierten aber inoffiziellen Balz, wie den spanischen Paseo – im Prinzip Concourses d’Elegance – und das kaiserliche Österreich hatte daraus eine Wissenschaft gemacht. Auch heute noch präsentieren sich, wie beim jährlichen Wiener Hofball, die Debütantinnen der besseren Familien in der Gesellschaft mit viel Getue und weißen Rüschen auf der ehemaligen königlichen Tanzfläche. Adolf war jedoch nicht der Mann , seine Sehnsucht direkt anzusprechen; er wies darauf hin , dass er Stephanie nie vorgestellt worden war.

Als August, in einem plötzlichen Anfall von praktischem Gedankengut vorschlug, dass eine offizielle Vorstellung die Angelegenheit beschleunigen könnte, kniff Adolf. ‚Was soll ich sagen, wenn die Mutter meinen Beruf wissen will?‘ Ja, was konnte er sagen? Dass er ein arbeitsloser Maler oder Architekt sei, ein Landei, im Vergleich zu den jungen Männern, die Stefanie umkreisten – Offiziere oder Erben von Geschäften oder Fabriken?

Adolf Zustand war jedoch ernst. Nicht nur, dass er an einem akuten Anfall von jugendlicher Verehrung eines hübschen Paares Beine und eines wohlgeformten Busens litt; Gustls Bericht zufolge entwickelte er sofort eine Neurose. Sein Sinn für Realität, die sowieso nicht seine starke Seite war, verließ ihn vollständig. Er lehnte es ab, mit ihr zu sprechen, oder einen Brief zu schicken; nie winkte er ihr zu, wenn er sie auf der Straße sah; er begrenzte seine Anstrengungen auf die Aussendung sehnsüchtig fragender Blicke. „

the little drummer boy, Seite 199 f.

Doch dann, eines Tages, geschah das Wunder. Gustl berichtet:

“Der glücklichste Tag seines Lebens für Adolf kam im Juni 1906, und ich bin mir sicher, dass er so deutlich in seinem Gedächtnis geblieben ist, wie es bei mir der Fall war. Der Sommer näherte sich und in Linz fand ein Blumenfest statt. Wie üblich wartete Adolf mit mir außerhalb der Karmeliterkirche, wohin ich jeden Sonntag mit meinen Eltern zu gehen pflegte; danach nahmen wir unseren Stand beim Schmiedtoreck ein. Dieser Ort war sehr günstig, da die Straße hier schmal war und die Wagen des Festumzugs ganz in der Nähe des Bürgersteigs passieren mussten. Die Blaskapelle des lokalen Regiments führte eine Reihe von blumengeschmückten Wagen an, von denen junge Mädchen und Damen den Zuschauern zuwinkten.

Der Ort des Wunders – die Landstrasse am Schmiedtoreck

Aber Adolf hatte weder Augen noch Ohren für irgendetwas davon; er wartete fieberhaft auf Stefanies Erscheinen. Ich hatte schon die Hoffnung, sie zu sehen, aufgegeben, als Adolf meinen Arm ergriff – so heftig, dass es weh tat. In einem hübschen Wagen sitzend, geschmückt mit Blumen, bogen Mutter und Tochter in die Schmiedtorstrasse ein. Ich habe das Bild immer noch klar in meinem Kopf.

Die Mutter, in einem hellgrauen Seidenkleid, hielt einen roten Sonnenschirm über den Kopf, durch den, wie durch Magie, die Strahlen der Sonne einen rosigen Schimmer über das Gesicht von Stefanie zu werfen schienen, die einen hübsche Seidenkittel trug. Stefanie hatte, anders als die meisten, ihren Wagen nicht mit Rosen geschmückt, sondern mit einfachen, wilden Blüten – roten Mohnblumen, weißen Margariten und blauen Kornblumen. Sie hielt ein Bündel davon in die Luft.  Jetzt war der Wagen ganz nah an uns. Adolf fühlte sich schwerelos. Nie zuvor hatte er Stefanie so bezaubernd gesehen. Jetzt fiel ihr heller Blick auf Adolf. Sie schickte ihm ein strahlendes Lächeln und, eine Blume aus ihrem Sträußchen pflückend, warf sie ihm sie zu.

Schmiedtoreck, gezeichnet von Hitler

Nie wieder habe ich Adolf so glücklich gesehen wie in diesem Moment. Als der Wagen vorbei war, schleppte er mich beiseite und betrachtete mit Rührung die Blumen, dieses sichtbare Versprechen ihrer Liebe. Ich kann immer noch seine Stimme hören, zitternd vor Aufregung, ‚Sie liebt mich! Du hast es gesehen! Sie liebt mich!'”

Was hielt Stephanie davon?

Franz Jetzinger konnte im Verlauf seiner späteren Nachforschungen das Blumenfestkomitee aufspüren, fand Stefanie in ihren Akten und kontaktierte sie. Die Liebesgöttin hatte schließlich einen der Offiziere geheiratet, und zeigte eine beträchtliche Überraschung, über einen Jungen interviewt zu werden, an den sie sich kaum erinnerte, und erklärte, keine Ahnung von des jungen Mannes Verliebtheit gehabt zu haben. Aber nach einiger Zeit erinnerte sie sich ein kleines, aber lehrreiches Detail: in diesem Sommer hatte sie einen Brief von einem Bewunderer erhalten, der ihr nicht nur seine unsterbliche Liebe erklärte, sondern auch schrieb, dass er an der Akademie der Künste in Wien studieren wollte. Nach seinem Abschluss würde er nach Linz zurückkehren und sie um ihre Hand bitten. Leider war der Brief nicht unterzeichnet, und so hatte sie des Verehrers Identität nie erfahren.“

the little Drummer boy, Seite 203

Wie es vielleicht zu erwarten war, haben einige „Psychohistoriker“ Boden für ausufernde Spekulationen basierend auf ihrem Geburtsnamen, Isak, gefunden – dass die zum Scheitern verurteilte Liebesaffäre eine oder die Ursache von Hitler Antisemitismus war. Zum Pech für die Theorien war Stefanie nicht jüdisch (es gab keine jüdische Kolonie in Linz und ihr Vater, der ein höherer Regierungsbeamter war, hätte das nicht werden können, wäre er Jude gewesen); außerdem war Hitler zu dieser Zeit sicher noch kein Antisemit – daher fällt der Boden aus solchen Spekulationen raus.

Wir wissen, dass Stefanie zumindest bis zum Sommer 1906 in seinen Gedanken blieb, als Adolf Wien zum ersten Mal besuchte; er erwähnte sie – unter dem Codenamen „Benkieser“ – in einer Postkarte an seinen Freund August Kubizek.

Als Hitler schließlich ca. vier Wochen später nach Linz zurückkehrte, war er melancholisch und depressiv, und manchmal wanderte er alleine in der Stadt herum. Er schien in Konflikten über die Richtung seines Lebens zu sein, und für ein paar Wochen war Gustl nicht in der Lage, seinem Freund zu helfen. Auch der erneute Anblick Stefanie versäumte, eine schnelle Heilung zu bewirken, denn Adolf schien letztendlich ein Quantum der Realität zu akzeptieren. Er sagte Gustl: „Wenn ich mich Stefanie und ihre Mutter vorstellen wollte, würde ich ihnen sagen müssen, was ich bin, was ich habe und was ich will. Dies würde unsere Beziehungen abrupt zu einem Ende bringen.“

Das Jahr 1907 war überschattet – was die Familie angeht – von Klara Hitlers, Adolfs Mutter, Leiden an Brustkrebs. Sie starb am 21. Dezember und nachdem alle folgenden Angelegenheiten erledigt waren, verließ Adolf Linz im Februar 1908 um in Wien zu leben. Seine eventuellen Beziehungen zu Stefanie danach sind in den Nebeln der Zeit verloren.


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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August und September 1914 im Westen

Situation am 5. September 1914

Die folgende GIF – Datei zeigt den Verlauf der deutschen Offensive an der Westfront vom 4. August bis zum 20. September, die Marneschlacht und den folgenden Rückzug zur Aisne. Original bei giphy.com.


(© John Vincent Palatine 2019)

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Der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt

Abdruck in der Iswestija am 18.09.1939

Im Moskauer Kreml wird am 23.8.1939 ein Nichtangriffsvertrag zwischen dem deutschen Reich und der UdSSR unterzeichnet. Nach der Unterzeichnung im Gespräch, Joseph Stalin und der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop.

Die unten abgebildete Originalkarte ist die geographische Umsetzung des geheimen Zusatzprotokolls des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes, auch Molotow-Ribbentrop-Pakt bzw. Hitler-Stalin-Pakt genannt, der in der Nacht vom 23. zum 24. August 1939 in Moskau von dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow, dem sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten im Beisein Josef Stalins und des deutschen Botschafters Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg unterzeichnet wurde.

“Für den Fall einer politisch-geographischen Umgestaltung Europas” sah das Protokoll die Aufteilung Osteuropas in deutsche und russische Interessensphären vor – im Falle des Baltikums inklusive Finnland sollten Lettland, Estland und Finnland in der sowjetischen Interessensphäre liegen, Litauen in der deutschen. Polen wurde ziemlich genau entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San zwischen Deutschland und der UdSSR halbiert und Bessarabien an Russland konzediert.

Originalkarte mit den Signaturen Ribbentrops und Stalins mit dem geplanten Grenzverlauf
Deutsche Ausfertigung des Zusatzprotokolls, mit den originalen Unterschriften
Letzte Seite der russischen Ausfertigung
Veröffentlichung im Reichsgesetzblatt am 25. September 1939

Die geplante “Umgestaltung” Europas begann am 1. September 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen – die Sowjets nahmen ab dem 17. September teil und rückten ihrerseits in Ostpolen ein. In der Realität ergaben sich später geringfügige Abweichungen von den vorher ausgemachten Grenzen, die die folgende Grafik zeigt:

Treffen deutscher und sowjetischer Truppen in Lublin (Polen) am 22. September 1939
Die Presse hatte ihren Spaß – Karikatur im britischen “Evening Standard”.

Obwohl der Pakt ein harter und unerwarteter Schock für die Weltpresse und Weltpolitik war, ist es immer noch weitgehend unbekannt, dass er vom Auswärtigen Amt viele Monate lang heimlich vorbereitet wurde. Während das AA – nach dem Krieg – die Legende aufrechterhalten wollten, dass sie nur ihren Job gemacht hätten und mit Sicherheit keine Nazis waren, sind ihre Bemühungen gut dokumentiert und der Autor hat die Unterlagen im Avalon-Projekt an der Yale Law School and University lokalisiert. Sie werden der Gegenstand eines späteren Beitrags sein.

Hier ein Auszug aus den Avalon-Akten – Ribbentrops Telegramm an den deutschen Botschafter Schulenburg in Moskau vom 14. August 1939, das Stalin über seinen Wunsch nach einem Treffen informierte [Übersetzung folgt].

Die schriftliche Zusammenfassung der Konferenz, von Botschaftsrat Henke:

Memorandum of a Conversation Held on the Night of August 23d to 24th, Between the Reich Foreign Minister, on the One Hand, and Herr Stalin and the Chairman of the Council of People’s Commissars Molotov, on the Other Hand

VERY SECRET!
STATE SECRET

The following problems were discussed:

1) Japan:

The REICH FOREIGN MINISTER stated that the German-Japanese friendship was in no wise directed against the Soviet Union. We were, rather, in a position, owing to our good relations with Japan, to make an effective contribution to an adjustment of the differences between the Soviet Union and Japan. Should Herr Stalin and the Soviet Government desire it, the Reich Foreign Minister was prepared to work in this direction. He would use his influence with the Japanese Government accordingly and keep in touch with the Soviet representative in Berlin in this matter.

HERR STALIN replied that the Soviet Union indeed desired an improvement in its relations with Japan, but that there were limits to its patience with regard to Japanese provocations. If Japan desired war, it could have it. The Soviet Union was not afraid of it and was prepared for it. If Japan desired peace-so much the better! Herr Stalin considered the assistance of Germany in bringing about an improvement in Soviet-Japanese relations as useful, but he did not want the Japanese to get the impression that the initiative in this direction had been taken by the Soviet Union.

The REICH FOREIGN MINISTER assented to this and stressed the fact that his cooperation would mean merely the continuation of talks that he had for months been holding with the Japanese Ambassador in Berlin in the sense of an improvement in Soviet-Japanese relations. Accordingly, there would be no new initiative on the German side in this matter.

2) Italy:

HERR STALIN inquired of the Reich Foreign Minister as to Italian aims. Did not Italy have aspirations beyond the annexation of Albania-perhaps for Greek territory? Small, mountainous, and thinly populated Albania was, in his estimation, of no particular use to Italy.

The REICH FOREIGN MINISTER replied that Albania was important to Italy for strategic reasons. Moreover, Mussolini was a strong man who could not be intimidated.

This he had demonstrated in the Abyssinian conflict, in which Italy had asserted its aims by its own strength against a hostile coalition. Even Germany was not yet in a position at that time to give Italy appreciable support.

Mussolini welcomed warmly the restoration of friendly relations between Germany and the Soviet Union. He had expressed himself as gratified with the conclusion of the Non-aggression Pact.

3) Turkey:

HERR STALIN asked the Reich Foreign Minister what Germany thought about Turkey.

The REICH FOREIGN MINISTER expressed himself as follows in this matter: he had months ago declared to the Turkish Government that Germany desired friendly relations with Turkey. The Reich Foreign Minister had himself done everything to achieve this goal. The answer had been that Turkey became one of the first countries to join the encirclement pact against Germany and had not even considered it necessary to notify the Reich Government of the fact.

HERREN STALIN and MOLOTOV hereupon observed that the Soviet Union had also had a similar experience with the vacillating policy of the Turks.

The REICH FOREIGN MINISTER mentioned further that England had spent five million pounds in Turkey in order to disseminate propaganda against Germany.

HERR STALIN said that according to his information the amount which England had spent in buying Turkish politicians was considerably more than five million pounds.

4) England:

HERREN STALIN and MOLOTOV commented adversely on the British Military Mission in Moscow, which had never told the Soviet Government what it really wanted.

The REICH FOREIGN MINISTER stated in this connection that England had always been trying and was still trying to disrupt the development of good relations between Germany and the Soviet Union. England was weak and wanted to let others fight for its presumptuous claim to world domination.

HERR STALIN eagerly concurred and observed as follows: the British Army was weak; the British Navy no longer deserved its previous reputation. England’s air arm was being increased, to be sure, but there was a lack of pilots. If England dominates the world in spite of this, this was due to the stupidity of the other countries that always let themselves be bluffed. It was ridiculous, for example, that a few hundred British should dominate India.

The REICH FOREIGN MINISTER concurred and informed Herr Stalin confidentially that England had recently put out a new feeler which was connected with certain allusions to 1914. It was a matter of a typically English, stupid manoeuvre. The Reich Foreign Minister had proposed to the Führer to inform the British that every hostile British act, in case of a German-Polish conflict, would be answered by a bombing attack on London.

HERR STALIN remarked that the feeler was evidently Chamberlain’s letter to the Führer, which Ambassador Henderson delivered on August 23 at the Obersalzberg. Stalin further expressed the opinion that England, despite its weakness, would wage war craftily and stubbornly.

5) France:

HERR STALIN expressed the opinion that France, nevertheless, had an army worthy of consideration.

The REICH FOREIGN MINISTER, on his part, pointed out to Herren Stalin and Molotov the numerical inferiority of France. While Germany had available an annual class of more than 300,000 soldiers, France could muster only 150,000 recruits annually. The West Wall was five times as strong as the Maginot Line. If France attempted to wage war with Germany, she would certainly be conquered.

6) Anti-Comintern Pact:

The REICH FOREIGN MINISTER observed that the Anti-Comintern Pact was basically directed not against the Soviet Union but against the Western democracies. He knew, and was able to infer from the tone of the Russian press, that the Soviet Government fully recognized this fact.

HERR STALIN interposed that the Anti-Comintern Pact had in fact frightened principally the City of London and the small British merchants.

The REICH FOREIGN MINISTER concurred and remarked jokingly that Herr Stalin was surely less frightened by the Anti-Comintern Pact than the City of London and the small British merchants. What the German people thought of this matter is evident from a joke which had originated with the Berliners, well known for their wit and humour, and which had been going the rounds for several months, namely, “Stalin will yet join the Anti-Comintern Pact.”

7) Attitude of the German people to the German-Russian Non-aggression Pact:

The REICH FOREIGN MINISTER stated that he had been able to determine that all strata of the German people, and especially the simple people, most warmly welcomed the understanding with the Soviet Union. The people felt instinctively that between Germany and the Soviet Union no natural conflicts of interests existed, and that the development of good relations had hitherto been disturbed only by foreign intrigue, in particular on the part of England.

HERR STALIN replied that he readily believed this. The Germans desired peace and therefore welcomed friendly relations between the Reich and the Soviet Union.

The REICH FOREIGN MINISTER interrupted here to say that it was certainly true that the German people desired peace, but, on the other hand, indignation against Poland was so great that every single man was ready to fight. The German people would no longer put up with Polish provocation.

8) Toasts:

In the course of the conversation, HERR STALIN spontaneously proposed a toast to the Führer, as follows:

“I know how much the German nation loves its Führer; I should therefore like to drink to his health.”

HERR MOLOTOV drank to the health of the Reich Foreign Minister and of the Ambassador, Count von der Schulenburg.

HERR MOLOTOV raised his glass to Stalin, remarking that it had been Stalin who – through his speech of March of this year, which had been well understood in Germany-had brought about the reversal in political relations.

HERREN MOLOTOV and STALIN drank repeatedly to the Non-aggression Pact, the new era of German-Russian relations, and to the German nation.

The REICH FOREIGN MINISTER in turn proposed a toast to Herr Stalin, toasts to the Soviet Government, and to a favourable development of relations between Germany and the Soviet Union.

9) When they took their leave, HERR STALIN addressed to the Reich Foreign Minister words to this effect:

The Soviet Government takes the new Pact very seriously. He could guarantee on his word of honour that the Soviet Union would not betray its partner.

HENCKE

Moscow, August 24, 1939.

https://avalon.law.yale.edu/20th_century/ns053.asp

(© John Vincent Palatine 2019)

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Das Ultimatum an Serbien


Einführender Post: Der letzte Tag Europas – Das Attentat von Sarajevo


Die hier angeführten Dokumente und Informationen verdanken wir dem Österreichischen Staatsarchiv.

Österreich-Ungarns Ultimatum an Serbien 1914

Nach der Ermordung des Thronfolgerehepaares am 28. Juni 1914 in Sarajevo verstrich fast ein Monat, bis am 23. Juli 1914 die offizielle Reaktion Österreich-Ungarns erfolgte: Das für den Anschlag auf Erzherzog Franz Ferdinand verantwortlich gemachte Königreich Serbien wurde mittels einer diplomatischen Note ultimativ dazu aufgefordert, binnen 48 Stunden nach Überreichung durch den k. u. k. Gesandten in Belgrad die ihm darin gestellten Bedingungen, insbesondere betreffend das Vorgehen gegen die Hintermänner des Attentates auf serbischem Territorium, uneingeschränkt anzunehmen; jeglicher Vorbehalt würde als Kriegsgrund betrachtet. Der vorliegende Text gibt die letzte, definitive Fassung der in französischer Sprache gehaltenen Note an Belgrad wieder, wie sie am 19. Juli in einer Sitzung des gemeinsamen Ministerrates beschlossen wurde und vom Gesandten Giesl am 23. Juli nachmittags übergeben werden sollte.
Die serbische Antwort erfolgte in letzter Minute und enthielt Einschränkungen, was die geforderte Mitwirkung österreichischer Amtsorgane an den Untersuchungen in Serbien betraf. Somit hatte Giesl weisungsgemäß die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten abzubrechen und aus Belgrad abzureisen. Die österreichisch-ungarische Kriegserklärung an Serbien erfolgte am 28. Juli 1914.

Das berühmte „Ultimatum“ hatte den Zweck, der internationalen Staatengemeinschaft vor Augen zu führen, dass die Schuld des Kriegsausbruchs bei Serbien läge. Die Bedingungen waren bewusst hart formuliert, sodass man in Wien gar nicht mit deren Annahme rechnete. Seit dem als letzte, besonders empörende Demütigung empfundenen Attentat glaubte man seitens der österreichisch-ungarischen Diplomatie, die Balkanfrage ein für alle Mal auf militärischem Wege, in einem isolierten Krieg gegen Serbien, lösen zu können. Freilich unterschätze man am Wiener Ballhausplatz dabei sträflich die Bereitschaft Russlands, aufseiten seines serbischen Verbündeten in den Krieg einzutreten, wodurch der Große Krieg tatsächlich unvermeidbar wurde.

Österreichisches Staatsarchiv, Quelle: http://wk1.staatsarchiv.at/diplomatie-zwischen-krieg-und-frieden/oesterreich-ungarns-ultimatum-an-serbien-1914/
Übergabe der Note durch Botschafter Giesl

Link zu dem Text des Ultimatums als PDF


(© John Vincent Palatine 2019)

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Vater und Sohn – Die Schuljahre Adolf Hitlers 1895 bis 1903

Adolf Hitler als sechzehnjähriger Schüler 1905, gezeichnet von seinem Klassenkameraden Sturmlechner

Voriger Post: Die Kindheit eines Kleinbürgers


Nachdem Alois Jr. – das älteste Kind – dem anscheinend nicht sehr gemütlichen Haushalt der Familie Hitler entlaufen war, war die Freiheit, die der ältere Sohn jetzt genoss, für den jüngeren Sohn, Adolf, mit einem hohen Preis verbunden – er wurde zum wichtigsten Empfänger der pädagogischen Übungen seines Vaters, das heißt, der körperlichen Züchtigungen. Ungefähr zu dieser Zeit räumte Alois Sr. in seinen landwirtschaftlichen Bemühungen in Hafeld die Niederlage ein und verkaufte den ertragslosen Hof in der Hoffnung, in der kleinen Stadt Lambach, die etwa sechs Meilen oder zehn Kilometer entfernt lag, ein angenehmeres Leben zu finden. Die erste Residenz der Familie dort, der Gasthof Leingartner, befand sich just auf der gegenüberliegenden Seite des dominierenden architektonischen Merkmals der Stadt, dem alten Benediktinerkloster.

Gasthaus Leingartner

Das Kloster in Lambach beherbergte eine recht moderne Grundschule, in der Adolf zuerst gut abschnitt. Im Schuljahr 1897/98 erzielte er in einem Dutzend Fächern die Bestnote „1“. Er nahm auch am Knabenchor des Klosters teil, wo er wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben ein Hakenkreuz sah. Diese Darstellung war Teil des Wappens eines früheren Abts, von dem ein großes Exemplar am Steinbogen über dem Eingang der Abtei befestigt war, unter dem die Jungen auf dem Weg zur Chorübung hindurchgehen mussten. Das Kloster aus dem elften Jahrhundert war bekannt für gut erhaltene Fresken und Gemälde mittelalterlicher Meister. Das zweite architektonische Highlight der Stadt war die dreieckige Paura Kirche mit drei Altären, Toren und Türmen.

Stift Lambach heute

Die Schule befand sich direkt neben dem Kloster, und der belebte Kirchenkalender mit seinen vielen Feierlichkeiten sorgte für die Höhepunkte des Schuljahrs. Adolf war fasziniert von den Mönchen und Priestern, den Feierlichkeiten und der Präsidentschaft des Abtes über die Zeremoniengemeinschaft, deren Erinnerung ihn nie verlassen hat. In “Mein Kampf” erinnerte er sich:

Da ich in meiner freien Zeit im Chorherrenstift zu Lambach Gesangsunterricht erhielt, hatte ich beste Gelegenheit, mich oft und oft am feierlichen Prunke der äußerst glanzvollen kirchlichen Feste zu berauschen. Was war natürlicher, als dass, genau so wie einst dem Vater der kleine Herr Dorfpfarrer, nun mir der Herr Abt als höchst erstrebenswertes Ideal erschien.

(10)

Ob Alois Hitler, der sich gewöhnlich für die sexuellen Emanzipation von Dienstmädchen und dem Studium der Wirkungen des Alkohols einsetzte, Priester noch immer als Ideale ansah, kann bezweifelt werden. Da er aber im Herzen der katholischen Kirche aufgewachsen war, zollte er zumindest teilweise seinen Respekt und besuchte die Gottesdienste an Ostern, Weihnachten und am 18. August, dem Geburtstag des Kaisers.

Das Wappen mit dem Hakenkreuz

Aber eine Sache, die sein Sohn klar im Kopf behielt, war das Hakenkreuz, das er auf dem Wappen des Abtes entdeckt hatte. Der ursprüngliche Träger des Wappens, Abt Theoderich von Hagen, war in der Mitte des vorigen Jahrhunderts Prior des Klosters gewesen, und das Hakenkreuzsymbol war nicht nur auf seinem Mantel abgebildet, sondern wurde an vielen Stellen im Bauwerk als Element der Dekoration verwendet. Das Hakenkreuz, auch als gleichseitiges Kreuz oder Crux Gammata bekannt, ist ein Attribut oder Symbol des Wohlstands und des Glücks, das von alten und modernen Kulturen verwendet wird. Das Wort “Swastika” stammt aus dem Sanskrit und bedeutet soviel wie „dem Wohlbefinden förderlich“. Es war ein beliebtes Symbol auf alten mesopotamischen Münzen und taucht häufig in der mittelalterlichen christlichen, insbesondere byzantinischen Kunst auf, wo es als Gammadion bekannt ist. Es kommt auch in Süd- und Mittelamerika vor – von den Maya verwendet – und in Nordamerika bei den Navajo und verwandten Stämmen. Im Falle des ehrwürdigen Abtes war es vielleicht ein Wortspiel mit seinem Namen, denn im Deutschen werden sein Name Hagen und der Haken fast gleich ausgesprochen.

Lambach war jedoch keine Stadt, die Alois’ Fernweh lange aufhalten konnte, und im späten Herbst 1898 kaufte er ein kleines Haus in der Stadt Leonding, einem südwestlichen Vorort von Linz. Das Haus stand gegenüber der Kirche, war nicht allzu groß, hatte aber einen schönen Garten von etwa einem halben Morgen Größe, der an die Friedhofsmauer grenzte. Leonding beherbergte vielleicht dreitausend Seelen, aber seine Nähe zu Linz machte es zu einem etwas lebendigeren Ort, als die Einwohnerzahl allein vermuten lässt.

Das Haus in Leonding

Ausführlicher Beitrag dazu im Blog von Dr. Mark Felton.

Adolf und Angela mussten nun also zum dritten Mal in vier Jahren wieder die Schule wechseln, aber Adolf machte es in der kleinen Schule in Leonding ganz gut. Doch die familiäre Atmosphäre änderte sich anscheinend wenig, und Paula berichtete, dass ihr Bruder das Hauptziel blieb, gegen das die Wutanfälle des Vaters gerichtet waren. Sie bemerkte:

Er war es, der meinen Vater zu extremer Härte herausforderte und jeden Tag Prügel bekam. Er war ein schäbiger kleiner Schurke, und alle Versuche meines Vaters, ihn für seine Renitenz zu bestrafen und ihn zu veranlassen, die Ausbildung zu einem Staatsbeamten zu erwägen, waren vergebens. Wie oft dagegen hat meine Mutter ihn liebkost und versucht, mit ihrer Güte etwas zu erreichen, was dem Vater mit Härte nicht gelingen konnte.“

(11)

Obzwar die Schwester hier die Gewalt des Vaters beschuldigte, bestätigte sie auch, dass es sich bei ihrem Bruder um einen “schäbigen kleinen Schurken” handelte.

Das bekannte Bild Adolf Hitlers aus der 4. Klasse der Volksschule Leonding von 1899 (oberste Reihe, Mitte)

Die ersten zwei Jahre in Leonding vergingen und Alois schien sich besser an den Lebensstil eines Rentners anzupassen. Er arbeitete ein oder zwei Stunden morgens im Garten, besuchte seine geliebten Bienen und besuchte dann die Wirtshäuser für ein oder zwei Gläser Wein. Am Nachmittag wiederholte sich das Prozedere; der Besuch des Gasthauses wurde jedoch pünktlich zum Abendessen zu Hause beendet.

Ein wichtiger Zeuge für diese Zeit ist der Bürgermeister von Leonding, Josef Mayrhofer. Er porträtierte Klara als eine sehr freundliche und hübsch gekleidete Frau und erklärte ausdrücklich, dass er nie gesehen oder gehört habe, wie Alois die Kinder geschlagen habe, obwohl er ihnen oft genug mit der Peitsche gedroht habe. Die Wahrheit mag, wie so oft, irgendwo in der Mitte liegen, denn körperliche Bestrafung wurde in dieser Zeit weithin akzeptiert.

Aus heiterem Himmel starb der sechsjährige Edmund am 2. Februar 1900 plötzlich an den Masern. Es gibt Hinweise darauf, dass der plötzliche Tod seines kleinen Bruders Adolf zutiefst schockierte und möglicherweise zu den bald darauf einsetzenden Schulproblemen beitrug. Es scheint, dass kein anderes Ereignis in seinem jungen Leben einen vergleichbaren Einfluss auf Adolf hatte. Sein schulischer Erfolg sank dramatisch ab und seine Disziplinlosigkeit eskalierte.

In der Schule 1900

Unser Foto rechts, aufgenommen im Herbst 1900 in der ersten Klasse der Unterrealschule in Linz, zeigt ein seltsam mutiertes Kind: Der Junge schaut mürrisch und gelangweilt in die Kamera, als ob in ihm eine Flamme erloschen war. Während der Grundschule war er immer nah der Spitze der Klasse gewesen, aber jetzt gingen seine schulischen Bemühungen und folglich auch seine Leistungen rapide zurück. Nach eigenen Angaben wurde seine Bemühungen nach akademischen Lorbeeren durch die plötzliche Entdeckung eines Talents gemindert, das ihm vorher unbekannt gewesen war: das des Zeichnens.

Doch nach der Schule blieb er der lebhafte Anführer des Rudels. Da seine Familie in den ersten Jahren seines Lebens an vier verschiedene Orte gezogen war und ihm so ein tiefes Wissen über ferne Stätten vermittelt hatte, wurde er zur unverzichtbaren Autorität in allen Auslandsangelegenheiten. Wir können uns vorstellen, dass er seine Kumpels stundenlang bequatschte, so wie er es später mit seinen Abendessensgästen tat.

Er fand immer Themen zum Reden. Alle Beschreibungen bestätigen, dass er sein ganzes Leben lang in Büchern vergraben war und diese Gewohnheit früh begonnen hatte. Er las die ganze Zeit und wenn der letzte Band, den er sich angetan hatte, einer von James Fenimore Cooper war, fühlte er sich wie Natty Bumppo, alias Hawk-Eye oder Lederstrumpf; wenn der letzte Band ein Abenteuer von Karl May gewesen war, war er Old Shatterhand oder Winnetou, der Häuptling der Apachen. Buben lesen seit jeher Abenteuerbücher und bauen Festungen im Wald, und der junge Adolf war durchaus keine Ausnahme. Alle Jungen durchleben das heroische Alter, aber im Fall des jungen Adolf kam es zu einer Abweichung von der Norm. Juvenile Obsessionen verschwinden leicht in dem Hintergrund halb vergessener Kindheitserinnerungen, wenn der Aufstieg in die Pubertät die Prioritäten verschiebt. wenn Mädchen, Autos und Bier die Helden der Vergangenheit ersetzen. Für Adolf blieben jedoch einige Kindheitsträume sein ganzes Leben lang bestehen, wie seine Verehrung für die Bücher von Karl May.

Karl May

Karl May, außerhalb des deutschsprachigen Raums so gut wie unbekannt, war der Sohn einer armen Familie aus dem Erzgebirge, dem Mittelgebirgskamm zwischen Sachsen und Böhmen. Als Sohn eines Webers wurde er Grundschullehrer, bevor ihn ein Konflikt mit dem Gesetz – eine Verurteilung wegen (geringfügigen) Diebstahls – für sieben Jahre ins Gefängnis schickte. Nach seiner Freilassung im Jahr 1874 begann er eine Karriere als Schriftsteller. Er begann mit Kurzgeschichten, die schließlich länger und dann serialisiert wurden; so wie Alexandre Dumas ‘mit “Der Graf von Monte Christo” in Frankreich Erfolg gefunden hatte. Bald verfasste Mai Romane in voller Länge, hauptsächlich fiktive Reiseberichte.

Während er letztendlich über fast jeden Winkel der Welt schrieb, konzentrieren sich die meisten Geschichten auf die fiktiven Abenteuer seiner selbst und verschiedener treuer Kumpels im Wilden Westen der USA und Mexiko der 1860er und 1870er Jahre bzw. auf den Balkan und das Osmanische Reich. Sein Alter Ego war im Fall des Wilden Westens “Old Shatterhand”, ein Trapper, Landvermesser und fürchterlicher Besserwisser, und im Osten “Kara Ben Nemsi”, eine Mischung aus Sir Henry Morton Stanley und Hansdampf in allen Gassen. In den 1960er Jahren wurden einige seiner Bücher verfilmt, in denen zweitrangige Hollywoodstars wie Stewart Grainger oder Lex Barker in urkomischen deutsch-italienischen Koproduktionen die Helden spielten und jugoslawische Statisten die assortierten Indianer.

Im deutschsprachigen Raum wurde Karl May um die Jahrhundertwende zu einem unwahrscheinlichen Erfolg und zu einem Begriff in jedem Haushalt. Eine ganze Druckerei wurde ausschließlich seinem Schaffen gewidmet, gefolgt von einem Museum. Ein Freilufttheater wurde gebaut, um seine Geschichten zu dramatisieren, und die Filme sind Klassiker der Ruhigstellung von Kindern am Nachmittag oder Wochenende. Die Gesamtauflage seiner Werke liegt bei über 100 Millionen Exemplaren.

Die meisten seiner siebzig Romane und Geschichten folgen eher bescheidenen Rezepten. Mr May begegnet als Trapper Old Shatterhand in Begleitung seines Freundes und Blutsbruders Winnetou, dem Häuptling der Apachen, einer Gruppe von Fremden irgendwo in der Prärie, die aus dem einen oder anderen Grund seinen Verdacht erregen. Nachdem sie sich von der Gesellschaft getrennt haben, kehren die Helden heimlich nachts zurück und lauschen den Plänen der kriminellen Charaktere, indem sie sich in den Büschen verstecken, die hinter dem Lagerfeuer der Verdächtigen wachsen. Die Übeltäter diskutieren sodann ausführlich über ihr kriminelles Unternehmen, aber durch die erlauschte Kenntnis des heimtückischen Plans sind unsere Freunde in der Lage, die abscheuliche Verschwörung – wie es die Gesetze der Spannung vorschreiben – in letzter Minute zu vereiteln. Sie bewahren die potenziellen Opfer vor körperlichen und/oder finanziellen Schäden und reiten am Ende der Geschichte gemeinsam dem Sonnenuntergang entgegen. Abspann.

Aus Gründen der Abwechslung können böse Indianerstämme durch arabische Kriminelle oder türkische Gangster ersetzt werden. Bücher wie die von Karl May haben über Jahrhunderte hinweg die jugendliche Fantasie beflügelt; in literarischen Gesellschaften sind sie ein unverzichtbarer Bestandteil des männlichen Erwachsenwerdens. In Hitlers Fall blieben Karl Mays Romane jedoch zeitlebens einen Teil seiner Realität, er war nicht in der Lage, aus ihnen herauszuwachsen. Seinen eigenen Worten und den Berichten seiner Mitarbeiter nach las er mindestens viermal in seinem Leben die gesamten siebzig Romane. Sogar in seinem ersten Jahr als Reichskanzler fand er 1933 die Zeit, sie alle noch einmal zu lesen. Seine Vorstellungen von Taktik und insbesondere vom militärischen Nachrichtenwesen blieben zum Teil durch seine Lieblingsliteratur geprägt; tatsächlich ermutigte er seine Generäle mehr als einmal, Karl May zu lesen. Man kann nur hoffen, dass sie genügend Büsche um die Lagerfeuer ihrer Gegner gefunden haben, um sich darin zu verstecken.

Ein ziemlich gerader Weg führte den jungen Adolfs Sinn für Abenteuer vom Wilden Westen zum Militär. Er gab an, dass er, als er zufällig auf dem Dachboden einige illustrierte Zeitschriften fand, die den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 schilderten, sofort ein Anhänger dieses patriotischen Kampfes wurde. Zu dieser Zeit war es offizielle österreichische Politik, die Ereignisse dieser Jahre zu ignorieren: erstens, weil die Niederlage ihrer Armee bei Königgrätz im Jahr 1866 durch die Preußen immer noch schmerzte, zweitens, weil Österreich am Erfolg von 1870/71 keine Rolle gespielt hatte und drittens, weil die österreichische Regierung nicht bereit war, Loblieder auf die deutsche Effizienz zuzulassen, umso mehr, als diese sich so ungünstig von ihrer eigenen Schlamperei unterschieden. Adolf selbst gab zu, dass:

Beim Durchstöbern der väterlichen Bibliothek war ich über verschiedene Bücher militärischen Inhalts gekommen, darunter eine Volksausgabe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Es waren zwei Bände einer illustrierten Zeitschrift aus diesen Jahren, die nun meine Lieblingslektüre wurden. Nicht lange dauerte es, und der große Heldenkampf war mir zum größten inneren Erlebnis geworden. Von nun an schwärmte ich mehr und mehr für alles, was irgendwie mit Krieg oder doch mit Soldatentum zusammenhing.

(13)

Die Faszination für alles Militärische, die ihm sein ganzes Leben bleiben sollte, hatte begonnen. Die Nachbarn in Leonding waren es gewohnt, Adolf und seine Gefährten den ganzen Tag und die Nacht Krieg spielen zu sehen, den Jungen mit der charakteristischen Haarlocke als Anführer.

Dieses Jahr, das mit Edmunds Tod so verhängnisvoll begonnen hatte, brachte Adolf im Herbst noch weitaus mehr Schwierigkeiten. Im September 1900 war er an die Unterrealschule in Linz gewechselt. Vergleichbar mit einer technischen Realschule, war es eine vierjährige Schule mit Nachdruck auf Naturwissenschaften, Mathematik und moderne Sprachen, die ihre Schüler auf Karrieren in modernen Industriebereichen wie dem Ingenieurwesen, Design oder Produktion vorbereitete. Es war eine Zubringerschule für Industrie und Handel, nichts für angehende Studenten. Für solche Schüler gab es in Österreich wie in Deutschland das Gymnasium, an dem die angehenden Akademiker in einem klassischen Lehrplan ausgebildet wurden, der auch Latein und Griechisch umfasste. Die Realschule bot keine alten Sprachen oder Kurse in Philosophie an; sie unterrichtete die Kinder der Kleinbürger in praktischen Fächern.

Wie es sich so im Allgemeinen anfühlte, Schüler einer zeitgenössischen österreichischen Schule zu sein, erzählt uns Stefan Zweig, der sich an seine Tage in einem Gymnasium in Wien erinnert.

Nicht, dass unsere österreichischen Schulen an sich schlecht gewesen wären. Im Gegenteil, der sogenannte ›Lehrplan‹ war nach hundertjähriger Erfahrung sorgsam ausgearbeitet und hätte, wenn anregend übermittelt, eine fruchtbare und ziemlich universale Bildung fundieren können. Aber eben durch die akkurate Planhaftigkeit und ihre trockene Schematisierung wurden unsere Schulstunden grauenhaft dürr und unlebendig, ein kalter Lernapparat, der sich nie an dem Individuum regulierte und nur wie ein Automat mit Ziffern ›gut, genügend, ungenügend‹ aufzeigte, wie weit man den ›Anforderungen‹ des Lehrplans entsprochen hatte. Gerade aber diese menschliche Lieblosigkeit, diese nüchterne Unpersönlichkeit und das Kasernenhafte des Umgangs war es, was uns unbewusst erbitterte. Wir hatten unser Pensum zu lernen und wurden geprüft, was wir gelernt hatten; kein Lehrer fragte ein einziges Mal in acht Jahren, was wir persönlich zu lernen begehrten, und just jener fördernde Aufschwung, nach dem jeder junge Mensch sich doch heimlich sehnt, blieb vollkommen aus.

(14)

Es war das übliche Verfahren in der damaligen Zeit, dass der Vater des Schülers die Art der Einrichtung auswählte, in der er seinen Nachwuchs nach Abschluss der Grundschule einschrieb, und es überrascht nicht, dass Alois sich für die praxisorientiertere Realschule anstelle des klassischen Gymnasiums entschied; vielleicht in der Hoffnung, dass dessen zweckmäßigere Ausbildung die Bereitschaft des Jungen, die Karriere eines Beamten zu verfolgen, positiv verändern würde.

Die Tugenden des öffentlichen Dienstes waren im Hitlerhaushalt geradezu sprichwörtlich. Es erschien notwendig und sinnvoll, ein Kind auf die Bürokratie vorzubereiten, fast so wie einst edle Söhne für Armee und Kirche bestimmt waren. Doch als die eigentliche Entscheidung getroffen werden musste, stieß der alte Mann auf unerwarteten Widerstand. Ein schwerer Konflikt zwischen Vater und Sohn brach aus, weil sich der Junge weigerte, an Alois’ Plänen mitzuwirken. Er behauptete, er habe kein Interesse am Leben eines Beamten und nichts, was sein Vater durch Befehle oder Schmeicheleien zu vermitteln suchte, änderte des Jungen Standpunkt. Der Kampf zwischen Vater und Sohn wurde immer ernster. Alois wurde immer bitterer und unnachgiebiger. Und Adolfs ganze Lebensweise änderte sich grundlegend. Während der Jahre in der Realschule (1900-1905) erwies er sich als einsamer, ärgerlicher und unkooperativer Jugendlicher, der seine häuslichen Pflichten nur mürrisch erfüllte und in der Schule scheiterte. Nachdem er noch in der Volksschule ein hervorragendes Zeugnis erzielt hatte, rutschte er von einem mittelmäßigen Semester zum nächsten, entweder scheiterte er komplett (1900-1901) oder schaffte das Jahr nur mit Mühe. Die ganze Erfahrung beeinflusste seine spätere Entwicklung sehr. Sie versperrte ihm den Weg zur Hochschulbildung und hinterließ ein gerüttelt Maß an unglücklicher Verwirrung und Ressentiments über sich selbst, seine Familie und seine Zukunft.

(15)
Zeugnisse

Die meisten seiner Schulzeugnisse dieser Jahre sind erhalten geblieben. Sie sind für den Außenstehenden manchmal verwirrend, daher hier ein Link zu einer Zusammenfassung in Englisch.

Es ist durchaus möglich, dass Adolf zunächst die Auswahl der Realschule statt des Gymnasium sekundierte, da das Zeichnen dort Teil des Lehrplans war, jedoch nicht im Gymnasium. Die zu Leonding nächstgelegene Realschule war natürlich in Linz und am 17. September 1900 hatte sich Adolf dort zum ersten Mal zu melden. Von seinem Zuhause aus war es ein Spaziergang von etwa fünf Kilometern. Zu diesem Zeitpunkt war der bedeutendste Eintrag, den die Stadt Linz zu den Annalen der deutschen bzw. österreichischen Geschichte beigetragen hatte, die Tatsache, dass sie die Ruinen von Burg Kürnberg beherbergte, wo der Sage nach, das „Nibelungenlied“ komponiert worden war. Zum Zeitpunkt unserer Erzählung war Linz eine Stadt von vielleicht 50.000 Einwohnern mit fortschreitender Industrialisierung, dominiert von einem deutsch gesinnten Bürgertum, das eifrig die Freuden der Kunst und den Komfort der Moderne zu ihrem Lebensraum hinzuzufügen strebte. Zwei der neuesten städtebaulichen Verbesserungen waren die Eröffnung eines städtischen Opernhauses und eine elektrische Straßenbahnlinie, die entlang der Hauptverkehrsstraße, der Landstraße verlief. Die Realschule, ein quadratischer Block aus utilitaristisch dunkelgrauem Stein, war ein vielleicht etwas weniger inspirierender Anblick.

Adolf bekam fast sofort Probleme. Einige seiner Zeugnisse aus dieser Zeit haben überlebt, und sie zeigen, dass die Mehrheit der Noten, die er in diesen Jahren erhielt, in prekärer Weise sich zwischen einer „3“ [ ‚akzeptabel‘] und einer„5“ [ ‘unzureichend’] bewegten; in „moralischem Verhalten“ erhielt er ein „angemessenen“, aber sein Fleiß wurde als „unberechenbar“ bewertet, und im Schuljahr 1900/1901 verpasste er das Klassenziel in Mathematik und Naturgeschichte. Es ging etwas besser im nächsten Jahr, da er den gleichen Lehrplan wiederholte, doch schon bald, zwischen 1901 und 1904, sank sein Notendurchschnitt von 2,7 in 1902 auf 2,9 im Jahr 1904. Auch in seinem Lieblingsfach, Zeichnen, balancierte er in der Nähe des Scheiterns, obwohl er das Fach mochte und sich für ein Talent hielt. Während er ab und zu Leistungen zwischen „1“ und „2“ im Geometrischen Zeichnen nachwies, wurde sein Freihandzeichnen nie besser als eine „4“ bewertet. Folglich schafften es seine Werke nie, im Klassenzimmer aufgehängt zu werden, so wie die Zeichnungen einiger anderer Jungen.

Nicht nur war er in einem neuen schulischen Umfeld gelandet, das neue Jahr hatte auch seinen sozialen Status geändert. Er war nicht mehr der natürliche Anführer der Bande und das relativ hohe soziale Ansehen seines Vaters in Leonding wirkte sich in der großen Stadt nicht aus. Adolf hatte nie viel Konkurrenz gehabt in den kleinen Grundschulen, die er besucht hatte, aber in Linz konnte er nicht automatisch darauf zählen, der hellste Junge zu sein, und seine Mutter war nicht da, um ihm zu helfen.

Er schien unfähig zu jeder konzentrierte Anstrengung zu sein, mochte die Lehrer nicht und war auch nicht beliebt bei den anderen Jungen. Er war so schlecht , dass er die Arbeit der ersten Klasse im nächsten Jahr wiederholen musste. Dass er offensichtlich große Schwierigkeiten mit seiner Arbeit hatte und dass er war völlig unfähig war, sich der Realschule anzupassen, zeigt eher, dass er an einem profunden psychologischen Unwohlsein litt, nicht dass er dumm war. Sein Stolz war angegriffen, die innere Zitadelle seines Lebens nicht mehr stabil, und er war auf Gedeih und Verderb all diesen kumulativen Schocks ausgesetzt, die Menschen in einem Zustand der Depression befallen und sie fast wehrlos zurücklassen. Edmunds Tod, seine Beerdigung in der Tiefe des Winters, die ganze Familie in Trauer, all dies warf einen langen Schatten auf sein Leben, und es gab noch viele anderen Dinge mehr, die zu seinem Elend beitrugen. Zum ersten Mal lebte er für einen großen Teil des Tages weg von zu Hause. bei Fremden, denen egal war, was mit ihm passierte. Auch Einsamkeit spielte eine wichtige Rolle in dieser plötzlichen Veränderung, die über ihn kam.

(16)

Er hätte dringend Hilfe gebraucht, doch als diese ausblieb, tauchte er tief in das Reservoir der Hoffnung seiner Gedanken ein – er zog sich zurück. Der schulische Misserfolg tat ihm natürlich weh, und in seiner Depression klammerte er sich mehr und mehr an das einzige Talent, das er noch zu besitzen glaubte, das des Zeichnens. Sein Vater hatte kein Verständnis für das plötzliche Versagen des Sohnes, und die Lehrer waren nicht an dem Rätsel interessiert, das der Junge für sie bedeutete. Nur seine Mutter konnte dem Jungen manchmal das erforderliche Quantum Trost spenden. Doch seine Noten verbesserten sich nicht. Dass er die erste Klasse der Realschule zu wiederholen hatte, porträtierte er später als Folge seiner jugendlichen Rebellion.

Ich glaubte, dass, wenn der Vater erst den mangelnden Fortschritt in der Realschule sähe, er gut oder übel eben doch mich meinem erträumten Glück würde zugehen lassen.

(17)

So leicht war Alois aber nicht zu überwinden. Es wurde später viel über Hitlers Versagen in der Realschule geredet, häufig von politischen Feinden, die jede Gelegenheit begrüßten, ihren angeblich weniger gebildeten Antagonisten zu schmähen. Es scheint jedoch klar zu sein, dass das Problem psychologischer Natur war. Eine gewisse Trägheit hat sicher eine Rolle gespielt; eine Vorliebe dafür, sich die Zeit um Dinge kümmern zu lassen, wird in seiner späteren Karriere unmöglich zu übersehen sein. Vielleicht ist es hier, dass eine seiner späteren Verhaltensweisen zum ersten Mal auftaucht; dass, wenn er ein Problem nicht sofort angehen kann, dazu neigt es zu ignorieren, und sich in seine Traumwelt zurückzuziehen. Das ist jedoch, ach, ein Punkt, der nicht leicht kritisiert ist – wer hat nie Zuflucht zu Träumen genommen?

Im nächsten Jahr hatte Adolf den schon erwähnten Vorteil, einen bekannten Lehrplans zu wiederholen, und er war nun ein Jahr älter als seine Klassenkameraden, was seine letzthin verminderte Autorität wieder reparierte. Seine etwas verbesserten schulischen Leistungen verminderten auch den Stress an der Heimatfront. Aber Auseinandersetzungen gab es doch ab und zu, wenn wir die Szenen glauben, die er in „Mein Kampf“ beschreibt:

Als ich zum ersten Male, nach erneuter Ablehnung des väterlichen Lieblingsgedankens, die Frage gestellt bekam, was ich denn nun
eigentlich selber werden wollte und ziemlich unvermittelt
mit meinem unterdessen fest gefassten Entschluss herausplatzte, war der Vater zunächst sprachlos. „Maler? Kunstmaler?“
Er zweifelte an meiner Vernunft, glaubte vielleicht auch nicht recht gehört oder verstanden zu haben. Nachdem er allerdings darüber aufgeklärt war und besonders die Ernsthaftigkeit meiner Absicht fühlte, warf er sich denn auch mit der ganzen Entschlossenheit seines Wesens dagegen. Seine Entscheidung war hier nur sehr einfach, wobei irgendein Abwägen meiner etwa wirklich vorhandenen Fähigkeiten gar nicht in Frage kommen konnte.
„Kunstmaler, nein, solange ich lebe, niemals.“ Da nun
aber sein Sohn eben mit verschiedenen sonstigen Eigenschaften wohl auch die einer ähnlichen Starrheit geerbt haben mochte, so kam auch eine ähnliche Antwort zurück. Nur natürlich umgekehrt den Sinne nach. Auf beiden Seiten blieb es dabei bestehen. Der Vater verließ nicht sein “Niemals” und ich verstärkte mein
„Trotzdem“. Freilich hatte dies nun nicht sehr erfreuliche Folgen. Der alte Herr ward verbittert und, so sehr ich ihn auch liebte, ich auch. Der Vater verbat sich jede Hoffnung, dass ich jemals zum Maler ausgebildet werden würde. Ich ging einen Schritt weiter und erklärte, dass ich dann überhaupt nicht mehr lernen wollte. Da ich nun natürlich mit solchen „Erklärungen“ doch den Kürzeren zog, insofern der alte Herr jetzt seine Autorität rücksichtslos durchzusetzen sich anschickte, schwieg ich künftig, setzte meine Drohung aber in die Wirklichkeit um.

(18)

Anschließend erzählt Adolf, wie er versucht, in einem noch früheren Alter als Alois und Alois Jr. von zu Hause wegzulaufen; er sagt, als die Familie noch in Lambach lebte, obwohl damals das Schulproblem sicher noch nicht existierte. Jedenfalls scheint es, dass ob der Vater irgendetwas über die kindlichen Pläne erfahren hatte, und den Jungen auf den Dachboden sperrte. Als Adolf die Flucht versuchte, verhinderte ein vergittertes Fenster das weitere Vordringen. Plan B rief jetzt nach einer vollständigen Entkleidung, wonach der Junge gerade durch die verfügbare Öffnung passen würde, wie er glaubte. Mit unfehlbarem väterlichen Instinkt gelang es dem Vater, die Tür genau in dem Moment zu entriegeln und den Dachboden zu öffnen, als der Sohn gerade auf halber Strecke aus dem Fenster war, und splitternackt feststeckte. In delikater Balance einen Moment verharrend, entschied sich der Junge schließlich, auf die Flucht zu verzichten, zurück in den Raum zu kriechen und seine Nacktheit – zwar nicht vollständig, wie sich herausstellte – mit einer Tischdecke, die auf der Wäscheleine zum Trocknen aufgehängt worden war, zu bedecken. Dies rettete ihn, zumindest für diesen Tag, vor der eigentlich fälligen körperlichen Bestrafung, denn der Vater nahm des Sohnes Darstellung mit Humor und lud den Rest der Familie ein, den „Römer in seiner Toga“ zu bewundern. (19) Viele Jahre später gestand Hitler Helene Hanfstängl, der Frau seines ersten Auslandspresseagenten, dass der väterliche Spott ihn mehr verletzt hatte, als eine Tracht Prügel hätte können. Schließlich, so behauptete er, fand er eine Strategie, um weitere körperliche Bestrafungen zu beenden.

„Ich beschloss, nie wieder zu weinen, wenn mein Vater mich schlug. Ein paar Tage später hatte ich die Möglichkeit, meinen Willen auf die Probe zu stellen. Meine Mutter nahm erschrocken, Zuflucht vor meiner Tür, doch was mich betraf, so zählte ich leise die Anzahl der Stockschläge mit, die mein hinteres Ende trafen.“

(20)

Das Schweigegelübde wirkte, so behauptete er: von diesem Tag an hätten die Prügel aufgehört. Aber wir haben Grund an seinen Angaben zu zweifeln, insbesondere weil Josef Mayrhofer, der die Familie gut kannte, später kategorisch bestritt, dass Alois eine besondere Neigung zu körperlicher Bestrafung gehabt hätte. Dass er streng war, können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, und Paula hat bezeugt, dass ihr Bruder durchaus einige Trachten Prügel erhielt – aber insgesamt folgten die Bestrafungen wahrscheinlich eher den pädagogischen Empfehlungen der Zeit. Dass Adolf sich nach Edmunds Tod definitiv verändert hat, berichtet Robert Payne:

Aus einem eher großspurigen, gutmütigen, extrovertierten Jungen, der seinen Unterricht lächerlich einfach fand und durch das Leben segelte, als ob ihm alles möglich wäre, wird er ein mürrischer, egozentrischer, nervöser Junge, der nie wieder in seinem Unterricht Erfolg hat und einen mürrischen Kleinkrieg gegen seine Lehrer zu führen schien, bis sie in Verzweiflung aufgaben.

(21)

To be continued …


(10) (13) Adolf Hitler, Mein Kampf, online verfügbar, S. 3 – 4, S. 4

(11) Toland, John, Adolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6 (pbk)., S. 12

(14) Zweig, Stefan, The World of Yesterday, T & L Constable, Edinburgh, 4th Ed., 1947 (pbk.), S. 34

(15) Smith, Bradley, F., Adolf Hitler – Family, Childhood and Youth, Hoover Institution Press 1979, ISBN 0-8179-1622-9 (pbk.), S. 70 – 71


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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