Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Mata Hari – Die Unverzeihlichkeit der Promiskuität

Margareta Zelle, besser bekannt als “Mata Hari

Video [Englisch]


“… Ich hasse meine kleine Brüste. Sie sind das, was die Männer zuerst anschauen – nach einer Sekunde lang oder zwei, um mein Gesicht zu betrachten, wandert ihr Blick immer auf meine Brüste, als ob sie bewerten wollten, wie viel Milch sie von dieser eigentümlichen Kuh erwarten können. Sie sehen sich auch mein Gesäß an, aber meine Brüste scheinen meine Visitenkarte zu sein, und sie lassen viel zu wünschen übrig, denke ich. Deshalb trage ich immer diese vergoldeten Brustschilder wenn ich tanze – wie Du weißt – und ich fürchte immer den Moment wenn ich sie im Bett abnehme. Ich versuche, von diesem gefürchteten Moment abzulenken indem ich die Initiative ergreife – Männer sind ja so glücklich, berührt zu werden. Und ich habe es immer geliebt, sie zu berühren, denn Männer waren mein Glück – und jetzt sind sie mein Verderben.“ [*Brief von Mata Hari aus dem Gefängnis an ihre Schwester Léonide, die auch bei ihrer Hinrichtung dabei war.]

Mata Hari beim Tanz

Margareta Zelle (7. August 1876 – 15. Oktober 1917), die unter ihrem Künstlernamen Mata Hari [Javanisch, „Mata (Auge) Hari (des Tages) (= Sonne)“)] bekannt wurde, war ein Superstar des erotischen Tanzes und in diesem Bereich die weltweit führenden Künstlerin in den Jahren bis zum und in den Ersten Weltkrieg hinein – bevor Josephine Baker ihr die Krone nahm. Sie liebte die Männer, vor allem solche in Uniform – von denen es damals jede Menge gab.

Das Kostüm für den Schleiertanz … unten in Farbe …

„Ich liebe Offiziere und habe sie mein ganzes Leben lang geliebt. Ich ziehe es vor, die Geliebte eines armen Offiziers zu sein als die eines reichen Bankiers. Es ist meine größte Freude, mit ihnen zu schlafen, ohne an Geld zu denken. Und außerdem ziehe ich gerne Vergleiche zwischen den verschiedenen Nationalitäten “.

Wir müssen hier darauf hinweisen, dass unsere Zitate der Dame einigermaßen genau und historisch belegt sind, denn ihr Charakter war in ihren Worten immer evident. Sie hatte eine schöne Handschrift und verfasste ihre eigenen Werbetexte. Sie war höflich, kultiviert und überraschend gebildet, äußerst charmant und liebte es. die Scharen von Interviewern und Reportern zu täuschen, die ihrem Klatsch folgten. Sie liebte ironische und zweideutige Aussagen, hatte einen scharfen Verstand und eine Gabe für denkwürdige und zitierfähige Aperçus . Die Zeitungen fraßen ihr aus der Hand. [Quelle (Englisch)]

Sie wuchs in einer gutbürgerlichen Familie in Leeuwarden in den Niederlanden auf. Die Lage änderte sich, als ihr Vater in im Jahre 1889 in Konkurs ging, als sie 13 Jahre alt war, und ein paar Jahre der Verwirrung folgten. Nachdem sie einmal halbnackt auf dem Schoß ihres Schuldirektors angetroffen worden war, war die Schule beendet. [Viele Informationen über diese Jahre auf der deutschen Wiki – Seite] Sie wuchs zu einem großen Mädchen heran – jedenfalls für die Zeit, mit 178 Zentimetern Größe – was sicherlich dazu beitrug, Eindruck zu machen.

Im Jahre 1894 antwortete sie auf eine Annonce von Rudolf MacLeod (1. März 1856 – 9. Januar 1928), einem Kapitän der niederländischen Kolonialarmee in Indonesien, der eine Frau suchte. „Officier traf verlof uit Indië zoekt meisje met läuft karakter traf het doel een huwelijk aan te gaan“ [ “Offizier, im Urlaub aus Holländisch-Indien sucht eine junge Frau von liebenswürdigem Charakter zu heiraten”]. Je weniger über die Ehe gesagt wird, umso besser. Sie gebar zwar einen Sohn und eine Tochter, aber der Sohn starb früh, möglicherweise von einem Diener vergiftet. Das Paar kehrte nach Amsterdam zurück und ließ sich am 30. August, 1902 scheiden. Zwar setzte das Gericht ein Kindergeld für die Tochter in der Höhe von 100 Gulden pro Monat fest, aber Rudolf fühlte sich leider nie in der Lage, dieser finanziellen Verpflichtung nachzukommen.

Dem Pleitegeier flüchtend, ging Margareta nach Paris – von einer Karriere als Mannequin oder Modell träumend. Sie scheiterte zuerst und kehrte zurück – aber dann hatte sie die Idee. Wir wissen nicht wirklich, wie und warum, aber sie erfand die Legende, eine ausgebildete, mystische, indonesische Tänzerin zu sein, vielleicht um unter diesem Alias mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen als die Scharen der anderen attraktiven und entgegenkommenden Damen, die die erotisch geladene Atmosphäre von Paris bevölkerten. Sie erfand ihren eigenen Schleiertanz, in der Art, wie ihn die Pariser Öffentlichkeit vor kurzem in Richard Strauss‘ Oper “Salome” gesehen hatte und der jedermann noch als großer Skandal in Erinnerung war. Die Herren – und Damen – der Haute Volée, besorgt um die Erhaltung der öffentlichen Moral der Hauptstadt, hatten die Opernhäuser geradezu belagert, um die künstlerische Zulässigkeit des Gebotenen beurteilen zu können. Einige der Herren mussten die Vorführung mehr als nur einmal besuchen, um zu den korrekten moralischen Schlussfolgerungen zu kommen.

Das Problem war natürlich, dass der Schleiertanz als künstlerischer Ausdruck kein spezifischer Tanz war – er hatte keine Geschichte oder Tradition, keinen kulturellen Hintergrund. Er wurde gerade so zu dieser Zeit populär, vor allem durch die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller, die ein sensationelles Debüt im Dezember 1892 in der Folies Bergère feierte; mit Tänzen gehüllt in Lichtprojektionen und speziellen Kostümen, die sie ein Jahr später in Paris und London praktisch patentierte. Ein paar Jahre später folgte die kanadische Maud Allan in ihren Fußstapfen – alle von ihnen inspiriert von der großen Isadora Duncan .

Am Anfang hatte Margareta Schwierigkeiten; sie konnte sich keine Lichtprojektoren leisten, das Personal dazu oder spezielle Kostüme, und zunächst mussten ihre natürlichen Talente genügen. Solche Talente hatte sie zweifellos, und vielleicht half es, dass ihre Legende als indische bzw. indonesische Tempeltänzerin vom Publikum aufgrund eines Mangels an Wissen nicht wirklich überprüft werden konnte.

Aber sie war keck, flott, frech, und munter, ein echter Flirt und ihres Körpers, den sie nach Belieben zur Schau stellte, sehr bewusst. Ausgestattet mit solchen weiblichen Massenvernichtungswaffen, dauerte es nicht lange, bevor sie ein ausgelassenes Debüt im Musée Guimet am 13. März 1905 feierte, dessen Gründer und Hauptsponsor, der Industrielle und Millionär Émile Guimet sie auf der Stelle zur Geliebten nahm.

Der Wettbewerb in erotischem Tanz in Paris war geradezu mörderisch, und Margareta entwickelte ihren Akt weiter. Ihr Geliebter, M. Guimet, hatte einen Regierungsauftrag erhalten, die Religionen des Fernen Ostens für sein Museum zu studieren, und in ihrer “Verkleidung als javanischer Prinzessin aus einer priesterlichen Hindu-Familie fiel ihre Story, in der Kunst des heiligen indischen Tanzes seit ihrer Kindheit ausgebildet worden zu sein, somit auf fruchtbaren Boden. Sie wurde in dieser Zeit des Öfteren nackt oder fast nackt fotografiert. Einige dieser Bilder erreichten MacLeod und halfen seinem Antrag, das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter zu erhalten. Sie brachte einen sorglosen und provokativen Stil auf die Bühne, der breite Anerkennung fand. Das am meisten gefeierte Segment ihres Auftritts war das schrittweise Abstreifen ihrer Kleider, bis sie nur noch einen juwelenbesetzten Brustschild und einige Verzierungen an ihren Armen und auf dem Kopf trug. Sie wurde nie ohne BH gesehen, da sie sich als zu kleinbrüstig empfand. Sie trug bei ihren Auftritten einen Körperstrumpf ähnlich der Farbe ihrer Haut. “[ Quelle: Wiki]

In Amsterdam, 1915

Ihre Kommentare waren offen, frivol und unterhaltsam …

„Ich nahm den Zug nach Paris ohne Geld und ohne Kleider, wo ich, als letztes Mittel und dank meiner weiblichen Reize, in der Lage war zu überleben. Dass ich mit Männern schlief, ist wahr; dass ich für Skulpturen posierte, ist wahr; dass ich in der Oper in Monte Carlo tanzte, ist wahr. Es ist unter meiner Würde und wäre zu feige, mich gegen solche Handlungen zu verteidigen, die ich begannen habe. …

Mein Tanz ist ein Gedicht, von denen jedes Wort ein Satz ist. … In meinem Tanz vergisst man in mir die Frau, sodass, wenn ich alles und schließlich mich selbst Gott darbiete – was durch das Lösen meines Lendenschurzes symbolisiert wird, des letzten Stücks Kleidung das ich anhabe – und dann, wenn auch nur für einen Moment, ganz nackt dastehe, noch nie ein anderes Gefühl evozierte habe als das Interesse an der Stimmung, die durch diesen meinen Tanz zum Ausdruck kommt.

http://quodid.com/quotes/6885/mata-hari/the-dance-is-a-poem-of-which-each

Die Pariser waren hin und weg …

„Eine große dunkle Gestalt schwebt herein. Kräftig, braun, heißblütig. Ihr dunkler Teint, ihre vollen Lippen und glänzenden Augen zeugen von weit entfernten Landen, von sengender Sonne und tropischem Regen. Sie wiegt sich unter den Schleiern, die sie zugleich verhüllen und enthüllen. […] Das Schauspiel läßt sich mit nichts vergleichen, was wir je gesehen haben. Ihre Brüste heben sich schmachtend, die Augen glänzen feucht. Die Hände recken sich und sinken wieder herab, als seien sie erschlafft vor Sonne und Hitze. […] Ihr weltlicher Tanz ist ein Gebet; die Wollust wird zur Anbetung. Was sie erfleht, können wir nur ahnen […] Der schöne Leib fleht, windet sich und gibt sich hin: es ist gleichsam die Auflösung des Begehrens im Begehren.“

– Marcel Lami im „Courrier Français“ [Kupferman: Mata Hari: songes et mensonges. S. 23]

Ebenso die Wiener:

Isadora Duncan ist tot, es lebe Mata Hari! Die Barfußtänzerin ist vieux jeu, die Künstlerin up to date zeigt mehr […] Mata Haris Tänze seien ein Gebet … der Inder tanzt, wenn er die Götter ehrt. Mata Hari selbst tritt gemessenen Schrittes ein. Eine junonische Erscheinung. Große, feurige Augen verleihen ihrem edel geschnittenen Gesicht besonderen Ausdruck. Der dunkle Teint – offenbar Erbstück von Großpapa Regent – kleidet sie prächtig, eine exotische Schönheit ersten Ranges. Ein weißes faltiges Tuch hüllt sie ein, eine rote Rose schmückt das tiefschwarze Haar. Und Mata Hari tanzt […] Das heißt: sie tanzt nicht. Sie verrichtet ein Gebet vor dem Götzenbild, wie ein Priester den Gottesdienst. […] Unter dem Schleier trägt die schöne Tänzerin auf dem Oberkörper einen Brustschmuck und einen Goldgürtel … sonst nichts. Die Kühnheit des Kostüms bildet eine kleine Sensation. Doch nicht der leiseste Schein der Indezenz… Das, was die Künstlerin im Tanze verrät, ist reinste Kunst. Der Tanz schließt mit dem Sieg der Liebe über die Zurückhaltung […] der Schleier fällt. Mächtiger Beifall ertönt. Schon aber ist Mata Hari verschwunden.“

Neues Wiener Journal vom 15. Dezember 1906 [Kupferman: Mata Hari: songes et mensonges. S. 23]

Sie hat auch geholfen, die öffentliche Akzeptanz exotischer Tänzerinnen zu steigern. Sie war die erste ihres Berufes, die in der hohen Gesellschaft akzeptiert wurde, nicht so sehr aufgrund für ihre Tanzkünste (die nicht so überragend waren, sagten einige), aber wegen ihrer Person, ihrer Nutzung der Medien, einschließlich ihrer pikanten Fotos – in gewisser Weise war sie eine Vorläuferin mancher heutiger Prominenten, die aufgrund ihrer Prominenz berühmt sind, nicht aufgrund von Fähigkeiten oder Verdiensten.

Ihre Biographen liebten es, Äußerungen von vernarrten Reportern und/oder Liebhabern zu zitieren, die sie als “katzenartig, sehr feminin, majestätisch und tragisch, die Kurven und Bewegungen ihres Körpers in tausend Rhythmen zitternd“, beschrieben oder als „ schlank und groß , mit der flexiblen Gnade eines wildes Tieres, mit blauschwarzen Haaren“ und dass ihr Gesicht “einen seltsamen fremden Eindruck” mache … [Émile Guimet]

Doch bald traten ganze Legionen von Nachahmer auf und ihr Akt verlor langsam das Geheimnisvolle, das seine Stärke gewesen war. Apostel der öffentlichen Sittlichkeitswahrung klagten sie wegen billigen Exhibitionismus an – etwas unlogisch, obwohl ihr Exhibitionismus wahrhaft billig war im Vergleich zu den Ausgaben derjenigen Herren, denen es erlaubt wurde, ihren Arm oder vielleicht auch andere Teile ihrer Anatomie zu halten …

In jüngerer Zeit hat sich in Bezug auf ihre Sexualität eine Diskussion etabliert, die sich auf die weltbewegende Frage konzentriert, ob sie bisexuell war – was sie wahrscheinlich war – und warum auch nicht? Dass diese Diskussion nicht früher aufkam, ist vielleicht der zunehmenden Freiheit, in der solche Fragen heute diskutiert werden, geschuldet, oder unserem ewigen Interesse an Klatsch.

Alla Nazimova

Es ist bekannt , dass sie manchmal in Militäruniformen Cross-Dressing betrieb und wir haben einen etwas problematischen Artikel dazu gefunden (ein Mangel an Quellen). Also wie auch immer, hier ist er, von einer Fandom Seite [Link]:

„Mata Haris eigene Orientierung kann in der Kontroverse von einiger Bedeutung sein. Mata Hari hatte unzählige männliche Liebhaber, und sie scheint wohl überwiegend heterosexuell gewesen zu sein. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sie es nicht ausschließlich war. Viele von Mata Hari Geliebten waren Offiziere, und sie selbst genoss es manchmal, sich in Uniform aufzuputzen. Von Mata Hari und der russischen Schauspielerin Alla Nazimova wurde gesagt , dass sie ein Liebespaar waren, obwohl sie sich vielleicht niemals getroffen haben.

Genauso wie Männer, fanden sicherlich Frauen Mata Hari ebenfalls attraktiv und wurden von ihren nackten Tänzen stimuliert. Natalie Clifford Barney, eine reiche amerikanische Expatriatin, war eine bekannte Gastgeberin im Paris der Belle Epoque. Barney, bekannt als „Amazone“, war auch das Zentrum eines künstlerischen lesbischen/bisexuellen Kreises, der die Schriftsteller Colette (Sidonie-Gabrielle Colette) und Renee Vivien und die Schauspielerin und Prostituierte Liane de Pougy umfasste. Barney hatte ein Haus in Neuilly mit einem großen Garten, und sie und ihre Freunde veranstalteten auf der dortigen Bühne gerne Amateurtheater und Tänze mit lesbischen Themen. Als sie Mata Hari traf, war Barney sofort beeindruckt und engagierte sie, in ihrem Haus zu tanzen. Mata Hari gab dort mindestens drei nackte Aufführungen (einer davon zu Pferd als Lady Godiva) bei Barneys Gartenfesten. Bei einer dieser Vorführungen, bestand Mata Hari selbst darauf, dass nur Frauen eingeladen wurden. Colette, die damals um ihre eigene Karriere als Nackttänzerin kämpfte, war Mata Hari stark abgeneigt, und beneidete sie um ihren ihren Erfolg. Trotzdem stellte Colette große Bemühungen an, Mata Hari tanzen zu sehen, und war von ihren Beinen, Gesäß und Torso beeindruckt.

s.u.
Colette

Colette schrieb, dass bei einer von Mata Haris Aufführungen in Barneys Haus: “das männliche und einen guter Teil des weiblichen Publikums an die Grenze der anständigen Aufmerksamkeit geführt wurde“. Die amerikanische lesbische Schriftstellerin Janet Flanner wurde eine enger Freundin von Barney nach dem Krieg und sprach auch mit vielen von Barney Freundinnen, die Mata Haris Aufführungen erlebt hatten. Von ihren nackten Tänzen sagte Flanner, dass „Mata Hari die einzige Frau dieser Art von außergewöhnlichem Stil war. Sie war eine Frau, die allem gewachsen war“. Mata Hari blieb ein Teil von Barneys Kreis und traf sich häufig mit Barney und ihren Freundinnen zum Mittagessen. Barney trug „Amazonen”-Kleider in männlichem Stil und Mata Hari trug oft ähnliche Outfits während ihrer Ausritte. Flanner, zufolge bekam Mata Hari ein brandneues „Amazonen“ Kleid von Barney kurz vor ihrer Hinrichtung geschenkt und trug es, als sie erschossen wurde.

s.u.
Natalie Clifford Barney

Natalie Barney hatte einen legendären sexuellen Appetit, und sie genoss die Herausforderung der Verführung. Janet Flanner bestritt später, dass Barney und Mata Hari Liebhaber gewesen waren, obwohl Barney so viele Sexualpartner hatte, dass weder sie noch sonst jemand den Überblick behalten konnte, und sie bezeichnete die weniger wichtigen einfach als „Abenteuer“. In Anbetracht ihrer Verbindung mit Barney und ihren Freundinnen, und davon, was wir über Mata Haris abenteuerlicher und unkonventioneller Art wissen, ist es durchaus möglich, dass sie mit Frauen zumindest sexuell experimentierte. Viele sekundären Quellen führen sie mittlerweile als bisexuell, und sie eine beliebte lesbische Ikone worden sind. Wie in vielen solcher Fällen ist jedoch die wirkliche Beweislage weit von schlüssig entfernt.

s.u.

Nachdem sie sicher tot war, kritisierten Barney, Colette und Pougy Mata Hari alle hart. Sie sagten auch, sie hätten sie nie attraktiv gefunden. Das war eine merkwürdige Behauptung angesichts des Umstandes, dass Mata Hari dreimal für sie nackt getanzt hatte. Unattraktivität hätte ihr wohl kaum zwei Rückeinladungen in Barneys Haus eingebracht.“

https://readordie.fandom.com/wiki/Mata_Hari
Renee Vivien

Wie dem auch sei, aufgrund des ansteigenden Wettbewerbs und des langsamen Verblühens der Jugend (ein paar Pfund hatte sie auch zugelegt), tanzte sie immer weniger – das letzte Mal am 13. März, 1915, soweit wir wissen – sondern konzentrierte sich auf ihre internationale Karriere als Kurtisane. Sie wurde mit jeder Menge von hochrangigen Militärs gesehen – immer noch ihre Lieblingsbegleiter, sondern auch mit Politikern, Industriellen und dergleichen.

Sie selbst hatte sich trotzdem nicht sehr verändert, aber mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs veränderte sich die Welt um sie herum. Wir wissen, dass die Wahrheit immer das erste Opfer des Krieges ist, und eine fast universelle Angst vor ausländischen Spione kam über Europa. Eine Frau, die Liebhaber in vielen Ländern hatte und frei – als niederländischen Staatsbürgerin war sie neutral – in Länder reisen konnte, deren Einwohnern man sicherlich alle Arten von bösartigen Absichten gegen friedliebende Franzosen unterstellen konnte – wurde von vielen als Sicherheitsrisiko betrachtet.

Die Spionagebesessenheit des großen Krieges ist eigentlich fast einen eigenen Beitrag wert. Jedes Land – ob im Krieg oder nicht – verhaftete pausenlos vermutete feindliche Spione, von denen viele so geschickt getarnt waren, dass sie entweder Analphabeten waren, nicht die Sprache ihrer Auftraggeber beherrschten und keinen Kontakt mit dem Militär hatten.

Vadim Maslov

Im Frühjahr 1916 hatte Russland ein 50.000 Mann starken Expeditionskorps zur Unterstützung der Alliierten an die Westfront geschickt, und einer ihrer Piloten, ein 23-jähriger Kapitän, errang die Aufmerksamkeit – und das Herz – unserer Heldin. Sein Name war Vadim Maslov, und er war über der Westfront im Frühjahr 1916 abgeschossen und verwundet worden. Mata nannte ihn „die Liebe ihres Lebens“. In dem Absturz hatte Maslov seine Sehkraft in beiden Augen verloren, und Mata Hari bat um die Erlaubnis, ihren verwundeten Liebhaber in seinem Krankenhaus in der Nähe der Front zu besuchen. Die Erlaubnis wurde schließlich gewährt, und sie besuchte ihn, nur um mit Agenten des französischen Deuxième Bureaus, des militärischen Nachrichtendienstes, konfrontiert zu werden, die ihre Erlaubnis des Besuchs von Madames zukünftiger Mitarbeit als Militärspion für Frankreich abhängig machten.

Mata Hari und Maslov

Es war allgemein bekannt, und absolut kein Geheimnis, militärische oder sonst wie, dass Mata Hari mehrmals in Friedenszeiten vor dem deutschen Kronprinz Wilhelm getanzt hatte, dem ältesten Sohn von Kaiser Wilhelm II, der nominell Kommandant der Heeresgruppe Kronprinz war und speziell der Befehlshaber der 5. Armee . Für einen militärischen Nachrichtendienst war jedoch das Deuxième Bureau auf tragische Weise uninformiert dass der gute Kronprinz nur ein Aushängeschild für die deutsche Kriegspropaganda war, ein Säufer und Schürzenjäger, der minimalen Einfluss auf den Krieg hatte, geschweige denn militärische Geheimnisse hütete. Völlig ahnungslos von der Wirklichkeit bot das Bureau Frau Zelle eine Million Francs an, wenn sie ihn verführen konnte, um sein Gehirn zu melken. Halten wir hier fest: Es waren die Franzosen, die zuerst auf diese völlig blödsinnige Idee kamen.

Die Tatsache, dass der Kronprinz vor 1914 nie eine Einheit größer als ein Regiment befohlen hatte, und nun angeblich gleichzeitig sowohl eine Armee und als eine ganze Armeegruppe befehligte, sollte den Franzosen Hinweis genug gewesen sein, dass seine Rolle in der deutschen Entscheidungsfindung lediglich nominal war.

Zelles Kontakt mit dem Deuxième Bureau war Kapitän Georges Ladoux, der sich später als einer ihrer Hauptankläger entpuppte. Im November 1916 reiste sie mit einem Dampfer von Spanien aus, der an dem britischen Hafen von Falmouth anlegte.

Dort wurde sie verhaftet und nach London gebracht, wo sie von Sir Basil Thomson, Assistant Commissioner bei New Scotland Yard, verantwortlich für Gegenspionage, verhört wurde. Er berichtete darüber in seinem Buch “Queer People” von 1922, dass sie zugab, für das Deuxième Bureau zu arbeiten. Zunächst in der Cannon Street Polizeistation eingesperrt, wurde sie dann im Hotel Savoy untergebracht und blieb dort. Eine vollständige Abschrift des Interviews befindet sich in den britischen National Archives und wurde – Mata Hari gespielt von Eleanor Bron – von der unabhängigen Station LBC im Jahre 1980 gesendet.

Es ist unklar, ob sie bei dieser Gelegenheit log, vielleicht um ihre Geschichte faszinierender klingen zu lassen, oder ob die Franzosen sie tatsächlich angeheuert hatten, dies aber aus Verlegenheit, Peinlichkeit oder aus Furcht vor internationalen Schwierigkeiten nicht zugeben wollten.

https://en.wikipedia.org/wiki/Mata_Hari

Es schaut eher so aus, dass das Deuxième Bureau sie der Leine hatte, ihre Beziehung zu Maslov ausnutzend. Sie wurde Ende 1916 in das neutrale Madrid geschickt, angeblich um sich mit dem lokalen deutschen Militärattaché, einem Hauptmann Arnold Kalle zu treffen, und ihn um ein Treffen mit dem Kronprinzen zu bitten – vielleicht um ihm eventuelle militärische Geheimnisse über Frankreich anbieten (die sie sicherlich nicht besaß). Während die Franzosen vielleicht noch Illusionen über ihre möglichen Fähigkeiten als Spionin gehegt haben mochten, hatten die Deutschen sicherlich keine.

Im Januar 1917, übermittelte Hauptmann Kalle Funkmeldungen nach Berlin und beschrieb darin die hilfreichen Aktivitäten einer deutschen Spionin mit dem Codenamen H-21, deren Biographie so eng auf Zelle abgestimmt war, dass es ganz offensichtlich war, dass Agent-H-21 nur Mata Hari sein könne. Die Deuxième Bureau fingen die Nachrichten ab, und aus den darin enthaltenen Informationen, identifizierten sie H-21 als Mata Hari.

Diese Nachrichten waren in einem Code, von dem die deutsche Aufklärung bereits wusste, dass er schon von den Franzosen entschlüsselt worden war, was darauf hindeutet, dass diese Nachrichten das Ziel hatten, Zelle von den Franzosen verhaften zu lassen. General Walter Nicolai , der Chef des Nachrichtendienstes der Armee war sehr verärgert, dass Mata Hari den Deutschen keine brauchbaren Informationen geliefert hatte – Geheimnisse, die diesen Namen verdienten – sondern lediglich Pariser Klatsch über das Sexualleben von französischen Politikern und Generälen und beschlossen, ihre Tätigkeit zu beenden, indem sie den Franzosen gegenüber als deutschen Spion aufdeckten.

Im Dezember 1916 überließ das Deuxième Bureau des Französischen Kriegsministeriums Mata Hari die Namen von sechs belgischen Agenten. Fünf davon standen bereits unter Verdacht, gefälschtes Material zu liefern und für die Deutschen zu arbeiten , während der sechste ein Doppelagent zu sein schien, der wohl für Deutschland und Frankreich tätig war. Zwei Wochen nachdem Mata Hari Paris für die Reise nach Madrid verlassen hatte, wurde der Doppelagent von den Deutschen hingerichtet, während die fünf anderen ihre Operationen fortsetzten. Diese Ereignisse dienten dem Deuxième Bureau als Beweis, dass Mata Hari die Namen der sechs Spione waren den Deutschen mitgeteilt hatte.

HTTPS://EN.WIKIPEDIA.ORG/WIKI/MATA_HARI

Technisch gesehen verbrannten die Deutschen sie aufgrund ihrer Nutzlosigkeit, aber die Franzosen waren nicht in der Lage, diese offensichtliche Schlussfolgerung nachzuvollziehen – oder wollten sie nicht? Welche französischen militärischen Geheimnisse könnte Frau Zelle in Spanien von einem rangniederen deutschen Major erfahren haben (denn hätte sie solche vorher besessen, hätte man sie ja gar nicht aus Frankreich herauslassen dürfen), und hätte der Major nicht Berlin von diesen großen Geheimnissen informiert? Der Fall von Frau Zelle war ganz offensichtlich nicht von tieferer Bedeutung für die Sicherheit der französischen Armee, aber in der psychologisch verzweifelten Situation von 1917 könnte er vielleicht einem anderen, patriotischen Zweck dienen.

In vielerlei Hinsicht war die Mitte von 1917 der tiefste Punkt des Krieges für das Land; nach dem Scheitern der Nivelle-Offensive erfolgten im Frühjahr 1917 die großen Meutereien der Französischen Armee und eine Welle von Streiks lähmte das Land. Für die neue Regierung unter Georges Clemenceau – im Amt seit Juli – schien der Fall von Mata Hari eine große Gelegenheit aufzutun, vieles von den Problemen, die das Land beutelten, Verrat in die Schuhe zu schieben, und solch ein verruchter deutscher Spion war ein von Gott gesandter Sündenbock. Der Fall wurde in der Presse maximal aufgeblasen.

Am 13. Februar 1917 wurde sie in ihrem Zimmer im Hotel Elysée Palace auf den Champs Elysées in Paris verhaftet. Elf Tage später wurde sie wegen Spionage für Deutschland vor Gericht gestellt und angeklagt, dadurch den Tod von 50.000 oder mehr französischen Soldaten verursacht zu haben.

Anfangs gab es ein paar Problemchen. Es gab kein einziges Dokument, dessen Verrat die Anklage unterstützen konnte. Nicht ein einziges Dokument, geheim oder nicht, wurde eingebracht, dessen Verrat Fräulein Zelle nachgewiesen werden konnte. Eine Flasche einer fremdartigen Flüssigkeit war in ihrem Hotelzimmer, gefunden und vom Staatsanwalt als Geheimtinte bezeichnet worden, aber Frau Zelle bezeichnete es als Teil ihres Make-ups und das Gegenteil konnte nicht bewiesen werden. Es war richtig, dass die Anklage viele der geheimen kleinen Lügen aufdeckte, sie in ihrer Erfindung der Legende von Mata Hari benutzt hatte, die Tänze, Kulte, Religion, etc., aber das war nicht illegal und niemand war davon überrascht – außer dass es sehr nützlich für den detaillierten Rufmord war, mit dem sich die Staatsanwaltschaft mangels Beweismaterial beschäftigte. Sie gab zu, dass sie einmal 20.000 Francs von einem deutschen Offizier angenommen hatte, zwecks Spionage gegen Frankreich; aber sie hatte weder Geheimnisse besessen noch ausgeforscht, und nichts davon konnte die Staatsanwaltschaft beweisen und Geld für Nicht-Spionieren anzunehmen war auch nicht illegal.

Staatsanwaltschaft und Gericht änderten die Taktik:

Ihr Verteidiger, der erfahrene internationale Verteidiger Édouard Clunet, wurde mit schier unlösbaren Beschränkungen konfrontiert; er erhielt weder die Erlaubnis, die Zeugen der Anklage ins Kreuzverhör nehmen noch seine eigenen Zeugen direkt zu befragen. Bouchardons [der Staatsanwalt, FN1] benutzte die Tatsache, dass Zelle eine Frau war, als Beweis für ihre Schuld; er sagte: „Ohne Skrupel, und daran gewöhnt Männern auszunutzen, ist sie genau die Art von Frau, die dazu geboren ist, eine Spionin zu sein.“

Mata Hari selbst gab im Verhör zu, Geld für die Arbeit als deutschen Spionin genommen zu haben. Es wird von einigen Historikern behauptet [und scheint so, in Anbetracht der dünnen Beweislage (Anmerkung des Verfassers)], dass Mata Hari lediglich das Geld der Deutschen genommen habe, ohne tatsächlich irgendwelche Spionage auszuführen. Bei ihren Verhören bestand Zelle vehement auf ihren Sympathien mit den Alliierten und erklärte ihre leidenschaftliche Liebe zu Frankreich, ihrem adoptierten Heimatland. 

Im Oktober 2001 veröffentlichte Dokumente aus den Archiven des MI5 (Britische Spionageabwehr) wurden von einer holländischen Gruppe, der Mata-Hari Stiftung, verwendet, um die französische Regierung zu bitten, Zelle im Nachhinein freizusprechen, indem sie argumentierten, dass die MI5-Dateien schlüssig bewiesen dass sie nicht schuldig im Sinne der Anklage war. Ein Sprecher von der Mata Hari Stiftung argumentierte, dass Zelle allerhöchstens ein Spion des untersten Levels gewesen sein konnte, der auf beiden Seiten weder Geheimnisse besessen noch verraten hatte: „Wir glauben, dass es genügend Zweifel an den Unterlagen gibt, die verwendet wurden, sie zu verurteilen, dass es gerechtfertigt wäre, das Verfahren wiederaufzunehmen. Vielleicht war sie nicht komplett unschuldig, aber es scheint klar, dass sie nicht der Meister-Spion war, der Tausende von Soldaten in den Tod schickte, wie es behauptet wurde.“

HTTPS://EN.WIKIPEDIA.ORG/WIKI/MATA_HARI

[FN1] Pierre Bouchardon war ein berüchtigter Staatsanwalt und Richter, der die Identifizierung und Verfolgung von deutschen Spionen – die er überall vermutete – zu seiner patriotischen Pflicht gemacht hatte.

In der erhitzten Atmosphäre des Krieges waren ihr Schuldspruch und die anschließende Verhängung der Todesstrafe eine ausgemachte Sache, und sie wurde kurz vor der Dämmerung des 15. Oktober 1917 im Alter von 41 Jahren von einem Erschießungskommando aus zwölf französischen Soldaten hingerichtet. Sie trug keine Handschellen, verweigerte die Augenbinde, und, wie es erzählt wird, warf ihren Mördern im Augenblick ihres Todes eine Kusshand zu.

Die Hinrichtung
Nachgestellte Szene aus einem Film

Es bleibt sehr fraglich, ob sie in irgendeiner Art überhaupt jemals spionierte. Ihr ganzes Leben lang erhielt sie Geld von Bewunderern, und ob die 20.000 Francs von einem Deutschen irgendeine Differenz ausgemacht hätten, bleibt mehr als fraglich. „Während des gesamten Verfahrens bestand Zelle vehement darauf, dass ihre Sympathien den Alliierten gehörten und erklärte ihre leidenschaftliche Liebe zu Frankreich, ihrer angenommenen Heimat.“ (Wiki, siehe oben)

Als ungeübte Anfängerin wäre sie nie an Informationen von wirklichem Wert gekommen. Stattdessen, wie die Aufzeichnungen, die nun ans Licht gekommen sind, zeigen, war Mata Hari ein Sündenbock, gezielt ausgewählt wegen ihrer ewigen Promiskuität, ihres exotischen Reizes und ihres Trotzes gegenüber den gesellschaftlichen Normen des Tages.

HTTPS://WWW.SMITHSONIANMAG.COM/SMART-NEWS/REVISITING-MYTH-MATA-HARI-SULTRY-SPY-GOVERNMENT-SCAPEGOAT-180967013/

Am Ende wurde sie das Opfer der Männer, die sie so liebte. Ihre Unterlagen sollen 2017 freigegeben worden sein – Updates folgen also eventuell.


Galerie


(© John Vincent Palatine 2019) * Der Brief aus dem Gefängnis ist fiktiv. Der deutsche Wikipedia-Artikel ist sehr zu empfehlen!

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La Bohème – Adolf Hitler in München vor dem Krieg


Voriger Beitrag: Jeder für sich und Gott gegen alle – Adolf Hitler als Bettler in Wien


Aus THE LITTLE DRUMMER BOY, Kapitel 12


“Every night and every morn,
Some to misery are born,
Every morn and every night,
Some are born to sweet delight,
Some are born to sweet delight,
Some are born to endless night.

William Blake “Auguries of Innocence”


Damals wie heute ist die Stadt München die Hauptstadt von Bayern, einem der ältesten deutschen Staaten – zunächst als ein Herzogtum, dann als ein Kurfürstentum, ein Königreich und dann als ein Freistaat und Bundesland. Soweit es europäische Staaten betrifft, ist Bayern von mittlerer Größe, etwa 70.000 Quadratkilometer groß; etwas kleiner als das moderne Österreich oder South Carolina, aber größer als Belgien, die Schweiz oder West Virginia, und bildet den südöstlichen Teil des modernen Deutschland. Es teilt sich Grenzen mit der Tschechischen Republik, Österreich und der Schweiz und erreicht im Norden die Bundesländer Hessen, Sachsen und Thüringen. Im Süden beherbergt es einen Teil des großen mitteleuropäischen Gebirges, die Bayerischen Alpen, mit der Zugspitze mit 2962 Metern als ihrer höchsten Erhebung – wo, wie man sagt, nur Adler zu fliegen wagen. . . .

Die bis ins frühe 19. Jahrhundert etwas verschlafene Stadt unterzog sich ab den 1830er Jahren einem längeren Zeitraum der Modernisierung und Industrialisierung. Das Land veränderte sich innerhalb von nur zwei Generationen von dem früheren fast ausschließlich ländlichen Charakter in einen modernen Industriestaat. Die erste deutsche Eisenbahnlinie (Ludwigseisenbahn) wurde zwischen den bayerischen Städten Nürnberg und Fürth im Jahre 1835 eröffnet, und schon ein halbes Jahrhundert später arbeiteten Nicolaus OttoGottlieb Daimler und Carl Benz im benachbarten Württemberg und Baden an dem Bau von pferdelosen Kutschen. Das von den beiden letztgenannten gegründete Unternehmen, Daimler-Benz, ist immer noch einer der berühmtesten Namen in der Automobilwelt und Bayern ist die Heimat der schnellen Autos von Audi und BMW.

München um die Jahrhundertwende – Auf der Theresienwiese, dem Platz des jährlichen Oktoberfestes, weiden Schafe.

Die kulturelle Kreuzbefruchtung des Durchgangslandes und das starke künstlerische Erbe der italienischen Renaissance verlieh München im beginnenden 20. Jahrhundert einen fast italienischen Charme: Im Vergleich zu Preußen war Bayern fast eine Anarchie (die königliche Familie war Beweis genug, wie wir sehen werden), aber eine angenehme und Menschen aus nah und fern strömten, um sich dort niederzulassen. Die Bayern verfolgen nach wie vor eine fast südliche Tradition der Leichtigkeit des Lebens, ein sehr unpreußisches Flair des “Dolce far niente”. Das Land rühmt sich seiner Tradition als Inbegriff der Libertas Bavariae, einer spezifisch Bayerischen Liberalität gegenüber Andersdenkenden; obwohl zutiefst katholisch, nahm es mehr als zehntausend französische Hugenotten auf , d.h. evangelisch-calvinistische Familien, die Frankreich und dem Zorn Catharina de’ Medicis im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert entflohen waren, nachdem das Edikt von Nantes – das weitgehende Religionsfreiheit gewährt hatte – widerrufen worden war. Die fleißigen Neulinge waren ein großer Gewinn für Bayern im Allgemeinen und München im Besonderen; eine Reihe von Straßen in der Schwanthalerhöhe, benannt nach prominenten hugenottischen Familien, erinnert an die Vorteile , die sie der Stadt gebracht haben.

Westliche Neuhauser Straße, Karlstor und Karlsplatz (Stachus) ca. 1900

Ab dem vierten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, während der frühen Herrschaft von Ludwig I., begann die Stadt ihren provinziellen Charakter zu verlieren; bevor er Lola Montez getroffen hatte und in ihren Armen alles andere vergaß, hatte der König ein öffentliches Bauprogramm im neoklassizistischen Stil gefördert, dessen Ergebnisse nach wie vor auf des Boulevards der Ludwigstraße und Maximilianstraße gesehen werden können. Das Genie der Architekten Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner bleibt weithin sichtbar in der großen Anzahl ihrer Entwürfe, die die Stadt schmücken, praktisch alle nach dem Bombenschäden des Zweiten Weltkrieges den ursprünglichen Plänen folgend wiederaufgebaut .

Mit bayerischem Charme und einem viel geselligeren sozialen Klima als das steife Preußen, das provinzielle Berlin oder das merkantile Hamburg, wurde München bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu dem zweiten Zentrum der internationalen Kunst und Kultur, gleich nach Paris – die Kaiserbesoffenheit und den Zwist Wiens und die gekünstelte imperiale Pracht Londons leicht hinter sich zurücklassend …

An dieser zweiten Stelle nach Paris, zog München – damals etwa 600.000 Einwohner beherbergend – Künstler aus allen Ländern und Bereichen des Lebens an und wurde vor allem ein Zentrum für die Avantgarde. Soweit es die Malerei angeht, erlebte allein das Jahr 1909 die Gründung von vier neuen Künstlergruppen – von denen sich eine einfach die “Neue Künstlervereinigung” nannte und Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky zu ihren Mitgliedern zählte. Im Café Stephanie in der Amalienstraße konnte man zu jeder Tages- oder Nachtzeit radikale Intellektuelle wie Kurt EisnerErich Mühsam oder Ernst Toller treffen, die alle nach dem Krieg berühmt wurden. Während diese Künstler und Philosophen für Hitlers bürgerlichen Geschmack jedoch viel zu fortschrittlich waren, brachten sie künstlerischem Flair und Inbrunst nach München – unübertroffen, bis zwanzig Jahre später Berlin die Goldenen Zwanzigern erlebte. Aber im Jahre 1910 war Berlin ein kultureller Friedhof.  Ian Kershaw [Hitler 1889-1936: Hybris (London, 1998), ISBN 0-393-32035-9] schrieb:

Schwabing, das pulsierende Zentrum des Münchner künstlerischen Lebens und seiner Bohème, zog Künstler, Maler und Schriftsteller aus ganz Deutschland und aus anderen Teilen Europas an. Schwabings Cafés, Kneipen und Kabaretts verwandelten sich in experimentelle Gewächshäuser der Moderne. „In keiner Stadt in Deutschland stieß Altes und Neues kräftiger zusammen als in München“, kommentierte Lovis Corinth, ein berühmter Künstler, der die dortige Atmosphäre zur Wende des Jahrhunderts erlebte.

IAN KERSHAW, s.u.
Lovis Corinth – Die drei Grazien

Die Themen des Verfalls und der Erneuerung, des Abwerfens des sterilen, abklingenden Ordnung, Verachtung für bürgerliche Konventionen, für die alten, abgestandenen und traditionellen Sichtweisen, die Suche nach neuem Ausdruck und ästhetischen Werten, die Evokation des Gefühls über die Vernunft, die Verherrlichung von Jugend und Begeisterung, verband viele der unterschiedlichen Stränge der Münchner modernen Kulturszene.

IAN KERSHAW, s.u.
Fasching (Karneval) in Schwabing um 1900

Der Kreis um Stefan George; die Geißel der bürgerlichen Moral, Dramatiker, Liedermacher und Kabarettist Frank Wedekind; der große Lyriker Rainer Maria Rilke; und die Gebrüder Mann – Thomas, berühmt seit der Veröffentlichung im Jahre 1901 seines epischen Romans über bürgerlichen Niedergang “Buddenbrooks“,  dessen Vignette homosexueller Versuchung “Der Tod in Venedig”  im gleichen Jahr veröffentlicht wurde, in dem Hitler nach München kam (1913), und sein älterer, politisch radikalerer Bruder Heinrich – waren nur einige in der Galaxie von literarischen Koryphäen in Vorkriegs-München.

Auch in der Malerei bestimmte die Herausforderung der „Moderne“ die Ära. Rund um die Zeit, in der Hitler in München lebte, revolutionierten Wassily Kandinsky, Franz MarcPaul Klee, Alexej von Jawlensky, Gabriele Münter und August Macke – die Koryphäen der Gruppe “Der Blaue Reiter” – das Wesen künstlerischer Komposition in brillanten und spannenden neuen Formen expressionistischer Malerei. Die visuellen Künste würden nie mehr das gleiche bleiben.

Ian Kershaw [“Hitler 1889–1936: Hubris” (London, 1998), ISBN 0-393-32035-9, Seiten 81-82
Postkarte des Café Stefanie – Besucher waren, u.a. Johannes R. Becher , Hanns Bolz , Hans Carossa , Theodor Däubler , Kurt Eisner , Hanns Heinz Ewers , Leonhard Frank , Otto Gross , Emmy Hennings , Arthur Holitscher , Eduard von Keyserling , Paul Klee , Alfred Kubin , Gustav Landauer , Heinrich Mann , Gustav Meyrink , Erich Mühsam , Erwin Piscator ,Alexander Roda Roda , Ernst Toller , B. Traven und Frank Wedekind.
München – Zentrum und Marienplatz

In Schwabing priesen Revolutionäre von jeder Sorte und Kaliber ihre Lehren an der Ludwig-Maximilians-Universität – nach München im Jahr 1826 von Landshut aus umgezogen (dorthin verlegt worden aus Ingolstadt, wo sie im Jahr 1472 gegründet worden war) – wurde das komplette Spektrum der politischen Ideenlehre gleichermaßen der Aufmerksamkeit der Studenten als auch der Bürger anheimgelegt. Der Hauptcampus war in Schwabing und bot den Studenten – immer auf der Suche nach neuen und exotischen Empfindungen und Eingebungen – eine Bühne für jede denkbare und einige eher unwahrscheinliche Formen künstlerischer Expression. Der unbeschwerte Geist, in dem selbst die wildesten oder lächerlichsten Lehren der Kunst oder Politik ein aufmerksames Publikum fanden, wurde die moderne Artikulation der Libertas Bavariae. In der Juxtaposition William Blakes oben zitierten Verses wurde Schwabing klar zu süßer Freude geboren und unkonventionelle Seelen aus der ganzen Welt strömten nach München.

Eine solche unkonventionelle Seele war Herr Wladimir Iljitsch Uljanow, der Recht und Politik an der Universität hörte, wo er sich als Herr Meyer eingeschrieben hatte. Herr Meyer wohnte in der Schleißheimer Straße 106, nur ein paar Blocks westlich des Campus, und war in seiner Heimat Russland und besonders der dortigen Geheimpolizei besser bekannt unter seinem revolutionären Pseudonym “Lenin”.

Eine weitere, eher unkonventionelle Seele, ein junger Mann namens Adolf Hitler, frequentierte bald die gleichen Cafés, Kneipen und Biergärten in Schwabing; Zeitung lesend, während er langsam eine Tasse Kaffee schlürfte, oder seine Bilder in Kunstgeschäften oder einfach auf der Straße hausierend. Etwas nördlich des Hauptgebäudes der Universität, hundert Meter hinter dem Siegestor, diente (und dient noch) die erste Viertelmeile der Leopoldstraße als Outdoor-Galerie der Künstler, und bis zum heutigen Tag verkaufen die ansässigen Maler ihre Werke dort. Adolf war, wie wir herausfinden werden, selbst ein bisschen revolutionär, aber das Jahr 1913 sah ihn halb erschrocken und halb berauscht von dem schieren Ansturm der künstlerischen Szene auf seine Sinne . . .

Münchner Hauptbahnhof um 1900

Adolf Hitler und sein Freund Rudolf Häusler kamen am Münchner Hauptbahnhof am Sonntag, 25. Mai 1913 aus Wien an, und begannen sofort eine Unterkunft zu suchen. Sie gingen die Schleißheimer Straße entlang, im Nordwesten des Bahnhofs, und im Fenster einer kleinen Schneiderei, bei Nummer 34, bemerkten sie ein kleines Schild “Zimmer zu vermieten”. Sie gingen hinein und wurden sich schnell mit des Schneiders Frau, Anna Popp, einig, eine winzige Mansarde im dritten Stock zu mieten. Am 26. Mai registrierten sie sich bei der Münchner Polizei, bei der Hitler die Dauer seines Besuches mit zwei Jahren angab. In Wien hatte Hitler sich bei der Polizei anlässlich seines Weggangs abgemeldet,wie vorgeschrieben, hatte aber keine Nachsendeadresse hinterlassen; in der Polizeiakte heißt es nur „mit unbekanntem Ziel“, was darauf hinweist, dass Hitler nichts über seinen zukünftigen Aufenthaltsort verlauten wollte. Dies würde mit der Tatsache übereinstimmen, dass sein früheres “Verschwinden” im Herbst 1909 auf geradezu magische Weise mit der genauen Zeit zusammenfällt, in der er sich zur Musterung in der österreichischen Armee hätte melden müssen. Er verließ die Sechshauserstrasse 56, Wien, c/o Frau Antonie Oberlechner, am 16. September 1909, ohne eine Weiterleitungsadresse zu hinterlassen, und ließ sich erst wieder am 8. Februar 1910 bei der Wiener Polizei registrieren – dem Tag, als er wieder auftauchte und in das Männerheim in der Meldemannstraße zogt. . . .

Schleißheimer Straße 34 während der NS-Zeit, mit Erinnerungstafel (Hitlers Raumfenster markiert)

Adolf Hitler war jetzt in der Stadt angekommen, die sein Hauptwohnsitz für die nächsten 20 Jahre werden würde – die Stadt, die er später die “Hauptstadt der Bewegung”taufte. Für eine Weile wurden die Popps seine Familie. Robert Payne beschreibt uns eine mise en scène des menschlichen Lebens in der Schleißheimer Straße 34:

Viele Jahre später, als die Nationalsozialisten an der Macht waren, wurde Frau Popp gefragt, an was sie sich über ihren Mieter erinnern könne. Natürlich erinnerte sie sich an viele Dinge, die zu seinem Vorteil gereichten: Er war freundlich zu den Kindern, Peppi und Liesel und war bescheiden, gut erzogen und selbstgenügsam. Er verbrachte den ganzen Tag mit Malerei und Zeichnen, und er studierte jeden Abend und jede Nacht. …

Sie war eine dieser neugierigen Vermieterinnen, die die Besitztümer ihrer Mieter prüfen, und sie erinnerte sich, dass seine Bücher „alles politischen Sachen und wie man ins Parlament kommt.“ Sie erinnerte sich auch an etwas, dass andere ebenfalls beobachtet hatten: seine Einsamkeit.

Er schien keine Freunde zu haben, lebte vollständig allein [nachdem Häusler ausgezogen war – wie oben erwähnt, niemand erwähnte Rudolf Häusler bevor Thomas Orr die Nachbarschaft im Jahre 1952 untersuchte, aus unbekannten Gründen,¶] lehnte alle Einladungen der Popps ab, ihr Abendessen zu teilen, wies alle ihre Annäherungsversuche zurück, und verbrachte ganze Tage in seinem Zimmer, ohne sich nach außen hin zu rühren. Er lebte von Brot und Wurst; nur manchmal klopfte er höflich an ihre Küchentür, um nach heißem Wasser für seinen Tee zu fragen.

„Er lebte in seinem Zimmer wie ein Einsiedler, mit seiner Nase immer in diesen dicken, schweren Büchern“, sagte sie. Es verwunderte sie, dass er sowohl ein Maler sein sollte als auch ein unersättlicher Leser, und eines Tages fragte sie ihn, was all das Lesen mit seiner Malerei zu tun habe. Er lächelte, nahm sie am Arm und sagte: „Liebe Frau Popp, weiß jemand wirklich, was ihm später im Leben wirklich von Nutzen sein wird und was nicht?“ (4)

THE LITTLE DRUMMER BOY, Seiten 279 – 280

Die Popps mochten ihn. Er wusste sich zu verhalten, was sie beeindruckte, denn für sie schien es zu bedeuten, dass er in Wirklichkeit – jenseits der Maske, die er trug – jemand anderes, jemand besseres war als wer er zu sein vorgab. Er lebte auf seinem eigenen Planeten, nicht unbedingt im bekannten Universum, und hatte keine Kontakte, die wir kennen, außer dass ein ehemaliger Bewohner des Männerheims behauptete, ihn einmal in einer zufälligen Begegnung am Bahnhof in München getroffen zu haben. [FN 1] Er malte derweil, und verkaufte seine Werke auch; wir haben eine gute Handvoll von Berichten seiner Kunden. Der Arzt Dr. Hans Schirmer erinnerte sich:

[FN 1]: Der Name dieses Mannes war Josef Greiner, der ein Betrüger und Erpresser gewesen zu sein scheint. 1939 und 1947 veröffentlichte er Bücher, welche seine angebliche Freundschaft mit Hitler in München und Wien beschrieben. Beide Bücher wurden verboten, das von 1939 von den Nazis selbst und das 1947 Opus von der Besatzungsbehörde. Vgl. Anton Joachimsthaler (8)

… Ich saß an einen Sommerabend im Garten des Hofbräuhauses, bei meinem Bier. Gegen 20.00 Uhr bemerkte ich einen sehr bescheiden und etwas grob gekleideten jungen Mann, der mir wie ein armer Student aussah. Der junge Mann ging von Tisch zu Tisch, ein kleines Ölgemälde zum Verkauf anbietend.

Die Zeit verstrich, und es war vielleicht 22.00 Uhr, als ich ihn wiedersah und erkannte, dass er nach wie vor das Bild noch nicht verkauft hatte. Als er in meine Nähe kam, fragte ich ihn, ob ich ihm helfen könne, da sein Schicksal mich etwas beunruhigte. Er antwortete: „Ja, bitte“, und als ich nach dem Preis fragte, legte er ihn auf fünf Mark.

Mein Vermögen damals … war nicht groß, und da ich in meinen Taschen nur das wenige Bargeld hatte, das benötigt war, um ein Bier zu kaufen, gab ich dem jungen Mann drei Mark und meine Adresse auf einer Rezeptform, und bat ihn, mit dem Gemälde am nächsten Tag in meine Praxis zu kommen , wo ich ihm den Rest geben würde.

Er übergab mir das Bild sofort und sagte mir, er würde mich morgen besuchen. Sofort, nachdem die Transaktion abgeschlossen war, ging er zum Buffet und kaufte sich zwei Wiener Würstchen und eine Semmel, aber kein Bier.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280

Ein Huthändler, Josef Würbser, wurde in seinem Laden aufgesucht.

„Es war im April 1914, ich die Kasse in dem Hutladen Zehme am Marienplatz und Dienerstraße betreute, als ein junger Mann hereinkam und mich fragte, ob ich am Kauf zwei seiner Gemälde interessiert wäre. Er müsse sie verkaufen, um Bücher für seine Studien erwerben zu können.

Da ich mich selbst ein bisschen mit Malerei beschäftigt hatte, war mein Interesse sofort geweckt, und ich studierte die beiden Bilder, von denen eines das „Alte Bürgermeisteramt“ zeigte und das andere den „Alten Hof“. Ich mochte die Bilder, die die schönen Motive in den hellsten Farben zeigten, und kaufte sie beide. Ich kann mich an den Preis nicht genau erinnern, aber es müssen jeweils zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Mark gewesen sein.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280

Der Juwelier Otto Paul Kerber erinnerte sich:

„Ein junger Mann kam in mein Geschäft an einem Tag im Jahre 1912 [es muss 1913 oder Anfang 1914 gewesen, ¶] und bot mir ein Aquarell von der Münchner Residenz an. Ich mochte das Bild und kaufte dieses und anschließend noch ein paar weitere Bilder von dem jungen Mann, der regelmäßig wiederkam. Soweit ich mich erinnere, bezahlte ich, je nach Größe und Qualität, zwischen 15 und 20 Mark pro Bild.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280

Sie ahnten es nicht, aber die meisten seiner Kunden hatten das Geschäft ihres Lebens gemacht, denn im Dritten Reich wurden die Gemälde für bis zu 5.000 Reichsmark verkauft. Es blieb jedoch klar, dass ihre Anziehungskraft der Künstler war, nicht die Arbeit an sich. Joachim Fest bemerkte über Hitlers künstlerische Eingebungen und Idole:

Sein Geschmack war seit seinen Tagen in Wien unverändert geblieben, als er keine Rücksicht auf die künstlerischen und geistigen Umwälzungen der Zeit nahm. Kühle klassizistische Pracht auf der einen Seite und pompöse Dekadenz auf der anderen – Anselm Feuerbach, zum Beispiel, und Hans Makart – waren seine Idole. Mit den Ressentiments des durchgefallenen Kandidaten für die Akademie erhob er seinen eigenen Geschmack zu einer absoluten Richtschnur.

Er bewunderte auch die Kunst der italienischen Renaissance und des Frühbarock; die Mehrzahl der Bilder im Berghof gehörten zu diesen Epochen. Seine Favoriten waren ein halblanger Akt von Bordone, des Schülers von Tizian und eine große farbige Skizze von Tiepolo. Auf der anderen Seite verwies er den Maler der deutschen Renaissance wegen ihrer Strenge und Sparsamkeit.

Fest, S.U.
Paris Bordone, Venus und Amor – einer von Hitlers Favoriten

Die pedantische Treue seiner eigenen Aquarelle könnte darauf hindeuten, dass er handwerkliche Präzision immer favorisierte. Er mochte den frühen Lovis Corinth, aber reagierte auf dessen brillante spätere Arbeit, gemalt in einer Art Ekstase des Alters, mit ausgeprägter Reizung und entfernte sie aus den Museen. Bezeichnenderweise liebte er auch sentimentale Genrebilder, wie die weintrinkenden Mönche und fetten Gastwirte von Eduard von Grützner. In seiner Jugend, sagte er zu seinem Gefolge, war es sein Traum gewesen, eines Tages erfolgreich genug zu sein, sich einen echten Grützner zu leisten. Später hingen viele Werke des Malers in seiner Münchner Wohnung am Prinzregentenplatz 16.

Neben ihnen liebte er sanfte, volkstümliche Idyllen von Spitzweg, ein Porträt Bismarcks von Lenbach, eine Parkszene von Anselm Feuerbach, und eine der vielen Variationen der “Sünde” von Franz von Stuck. In seinem „Plan für eine deutsche Nationalgalerie“, auf der ersten Seite seines Skizzenbuchs von 1925, erscheinen diese gleichen Maler, zusammen mit Namen wie Overbeck, Moritz von Schwind, Hans von Marées, Defregger, Böcklin, Piloty, Leibl und schließlich Adolph von Menzel, dem er nicht weniger als fünf Räume in der Galerie zuwies.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 281

Sein Geschäft wuchs langsam, er gewann Stammkunden, von denen einige sogar im Voraus bestellten. Der Chemiker Dr. Schnell, der ein Geschäft in der Sendlinger Straße 42 nahe dem Stadtzentrum und eine kleine chemische Fabrik im nördlichen Stadtteil Milbertshofen besaß, erinnerte sich daran, dass eines Tages ein armer junger Maler in seinen Laden kam …

… dem offensichtlich von jemandem gesagt worden war, dass ich schon zuvor armen Künstlern geholfen hatte. Er bat mich um Unterstützung. „Ich bin Architekturmaler“, sagte der junge Mann und bot mir an, ein kleines Bild für mich zu malen. Auf Anfrage sagte er, sein Namen wäre Hitler, er wäre Österreicher und in der Stadt um Maler zu werden.

„Na dann bitte malen Sie mir die Asamkirche nebenan“, sagte ich. „Nach acht bis zehn Tagen brachte Hitler mir ein kleines Bild der Asamkirche, das überraschend gut gemacht war. Ich zahlte ihm die vereinbarten zwanzig Mark und habe später ein paar weitere seiner Bilder gekauft, die er immer pünktlich ablieferte. Ich konnte ihm auch auf weitere Aufträge vermitteln, die ich von Bekannten erhielt, die das Bild der Asamkirche sahen. … Dann begann der Erste Weltkrieg, und Hitler und seine Bilder waren vergessen. …

Als Hitler in die politische Szene nach dem Ersten Weltkrieg eintrat, wollte ich herausfinden, ob der Politiker Adolf Hitler und der Malereistudent der Vorkriegszeit in der Tat identisch waren. Also ging ich kurz ins Hofbräuhaus, wo Hitler eine Kundgebung abhielt und stellte fest, dass er tatsächlich der gleiche Mann war, dessen Bilder ich gekauft hatte. …

Viel später, nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, wurde ich einmal von Hitler ins Hotel “Vier Jahreszeiten” eingeladen. Er fragte, wie es mir und den Bildern ging, und ob er mir einen Gefallen tun könne. Kurze Zeit später, zwischen 1934 und 1936, besuchte mich ein Mann aus dem Stab des „Stellvertreters des Führers“ Rudolf Heß im Büro des Ladens, in dem Hitlers Gemälde hingen, und fragte, ob Heß, der an den Bildern interessiert war, kommen und sie besichtigen könne. Heß tauchte dann auf, mit zwei oder drei anderen Herren, und betrachtete die Bilder. … Später fragten einige Parteibüros nach meiner Erlaubnis, Kopien der Bilder für die Parteiarchive zu machen, welche ich gewährte.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 281

Basierend auf den Aussagen von Hitlers Kunden und von Frau Popp, die sagte, dass er ein alle zwei oder drei Tage ein Bild malte, berechnete Anton Joachimsthaler, dass, wenn er, sagen wir, zehn Gemälde im Monat verkaufte, er recht gut davon leben konnte. In seine kommunale Verkaufslizenz, die er brauchte, um seine Gemälde legal zu verkaufen und die auch als Steuerformular diente, trug er einen Umsatz von rund hundert Mark pro Monat ein – wahrscheinlich das niedrigste, mit dem er davonkommen konnte. Auch wenn er anfangs vielleicht weniger als die fünfzehn oder zwanzig Mark verdiente, die nach einigen Monaten die Norm geworden zu sein schienen, muss er bald zwischen 150 und 200 Mark pro Monat verdient haben. Das war ziemlich anständig im Vergleich zu dem Lohn eines normalen Arbeiters, der in München zu diesem Zeitpunkt zwischen 96 und 116 Mark verdiente, aber auch für seine Familie zu sorgen hatte.

Wie in Wien, scheint es, dass Hitler auch in München mehr Geld hatte als er zugab, und die Beteuerungen seiner Armut in „Mein Kampf“ müssen mit einem großen Löffel Salz genommen werden. Selbst wenn es wahr ist, dass er, wie er später behauptete, oft nur eine Mark für sein Mittag- oder Abendessen hatte, muss dieser Betrag in Bezug auf die Preise der Zeit gesehen werden, die sehr niedrig waren. Ein Liter Bier kostete 30 Pfennige, ein Ei 7 Pfennige, ein Pfund Brot 16 Pfennige und ein Liter Milch 22 Pfennige. Eine Mark langte für so einiges.

Soweit wir wissen, wich seine Lebensweise nicht viel von der in Wien ab, was uns Vorsicht lehrt über die Geschichten, die Hitler später von seinem Studium der Politik, Philosophie und Geschichte in der Münchner Vorkriegszeit gesponnen hat. In einem der Tafelmonologe während des Zweiten Weltkrieges gab er Kunst an, nicht Politik, als seinen Grund, nach München zu gehen.

„[Ich wollte weitermachen] … als Autodidakt zu arbeiten und einen gewissen Zeitraum lang praktische Arbeit hinzufügen, sobald ich im Reich war. Ich war glücklich in München: Ich hatte mir das Ziel gesetzt, weitere drei Jahre zu lernen und dann mit 28 Jahren, als Architekt bei Heilmann & Littmann [eine Münchner Baufirma, ¶] einzutreten.

Ich hätte bei deren erstem Wettbewerb mitgemacht, und ich glaubte, sie würden mein Talent und meine Fähigkeiten anerkennen. Ich hatte mich, privat, an allen aktuellen Architekturwettbewerben beteiligt, und als die Entwürfe für das neue Opernhaus in Berlin veröffentlicht wurden, begann mein Herz zu schlagen, und ich sagte mir, dass sie viel schlechter waren als das, was ich geliefert hatte. Ich hatte mich auf Bühnenbilder spezialisiert.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 282

Leider finden wir in keinem der ordentlichen und vollständigen Archive dieser Wettbewerbe die Entwürfe, die Hitler – privat – beitrug, sodass wir uns leider eines Urteils über ihren künstlerischen Wert enthalten müssen.

Maximilianstraße um 1900

Seine Zurückgezogenheit in München verschaffte ihm auch einen eher unauffälligen Vorteil: dass er, wie er glaubte, es dadurch vermied, in die österreichische Armee eingezogen zu werden. Es war Standard in Österreich, wie in allen anderen europäischen Ländern, dass die jungen Männer eines
bestimmten Alters (in Österreich mit zwanzig) zum Militär einberufen wurden, wo sie, nach zwei oder drei Jahren aktiven Dienstes, für die nächsten zwanzig Jahre oder so den Reserveeinheiten unterstellt blieben. Hitler hätte sich im Herbst 1909 registrieren und mustern lassen müssen – genau zu dem Zeitpunkt als er verschwand. Selbst wenn er eine gültige Ausrede gehabt hätte, sagen wir Krankheit, hätte er sich einer Neuregistrierung im Jahr 1910 oder 1911 unterziehen müssen. Da wir Hitlers ablehnende Haltung gegenüber dem Habsburgerstaat kennen, kann es uns nicht überraschen, dass er keinerlei Drang verspürte, ihm zu dienen.

Am 11. August 1913 erließ die Linzer Polizei einen Haftbefehl für Hitler, aufgrund Umgehung der Stellungspflicht. Von Hitlers Verwandten, vielleicht den Schmidts, fanden sie heraus, dass er in dem Männerheim in Wien lebte. Auf ihre Anfrage berichtete Wien nach Linz zurück, dass Hitler Wien verlassen hätte, ohne eine Weiterleitungsadresse zu hinterlassen, aber dass einige Bewohner der Herberge sich erinnerten, dass Hitler erwähnt hatte, nach München zu gehen.

Linz fragte also in München nach, und erfuhr am 8. Januar 1914, dass Hitler in der Tat in München registriert war, bei Popp, Schneider, Schleißheimer Straße 34/III. Am Nachmittag des 18. Januar 1914 wurde ein Trupp der Münchner Polizei zu Hitler losgeschickt, mit einem österreichischen Haftbefehl und einer Vorladung zur Musterung.

„Herr Adolf Hitler, geboren 1889, wohnhaft in Linz an der Donau, derzeit in München bei Popp, Schleißheimer Straße 34/III, wird hiermit einbestellt, sich des 20. Januars 1914 am Kaiserin-Elisabeth-Kai 30 in Linz zur militärischen Musterung zu präsentieren. Im Falle des Scheiterns, dieser Aufforderung nachzukommen, wird er der Strafverfolgung nach den §§ 64 und 66 des Gesetzes über Militärdienst aus dem Jahre 1912 unterliegen.”

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 282

Das war kein Scherz. Dem österreichisch-bayerischen Auslieferungsvertrag von 1831 zufolge, konnte er verhaftet, in eiserne Ketten gelegt, ausgeliefert und den Behörden in Linz zwangsweise vorgeführt werden, wenn er dem Befehl nicht folgte. Hitler sprach also mit dem Offizier des Kommandos, Wachtmeister Herle, der eine Unterschrift für den Erhalt der Vorladung verlangte. Zur Erbauung des Wachtmeisters und seiner Truppe formulierte Hitler aus dem Stand eine improvisierte Entschuldigung:

„Ich hatte es verpasst, mich im Herbst 1909 zu registrieren, aber ich korrigierte dieses Versehen im Februar 1910. Zu dieser Zeit meldete ich mich im Amt des Bürgermeisters beim Wehrpflichtamt IB, die mich an meinen Wiener Heimatbezirk zurückverwiesen, den XX. Ich beantragte dort, mich der Musterung in Wien statt in Linz unterziehen zu dürfen, unterschrieb ein Protokoll oder Affidavit, bezahlte eine Krone und habe nie wieder von der Sache gehört. Ich habe weder daran gedacht, mich der Registrierung zu entziehen, noch ist dies der Grund für meinen Umzug nach München. Ich war immer bei der Polizei in Wien registriert, [FN 2] , genauso wie jetzt hier in München.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 283

[FN 2] Das war eine glatte Lüge; wir wissen, dass er vom 16, September 1909 bis zum 8. Februar 1910 nicht registriert war; eine Lüge, die er in dem Schreiben an die österreichischen Behörden (siehe unten) wiederholte – aber zum Glück überprüfte niemand die falsche Behauptung.

Die Österreicher müssen ihn schlichtweg vergessen haben, behauptete er, denn er war eindeutig kein Deserteur. Wir wissen nicht, was Wachtmeister Herle von der Geschichte hielt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach war es nicht das erste Mal in seiner Karriere, dass ein Verdächtigen einen Fehler bei den Behörden behauptete. Die Geschichte, die Hitler ausgeheckt hatte, war klar faul in sich selbst, und vielleicht zählte er auf des bayerischen Offiziers Unkenntnis der österreichischen Militärgesetze; die europäischen Nationen dieser Zeit verfolgten die Lebensumstände ihrer potenziellen Rekruten sehr sorgfältig und “vergaßen” sie nicht einfach; die Erfordernis, dass jede Adressänderung registriert werden musste, war in der Tat genau für diesen militärischen Zweck erlassen worden.

Herle jedenfalls verhaftete Hitler und brachte ihn in die Münchner Polizeizentrale an der Löwengrube. Am nächsten Morgen wurde der Gefangene dann dem österreichischen Generalkonsulat präsentiert. Es scheint, dass er dort von einem Konsularbeamten oder vielleicht einen Rechtsassistenten unterstützt wurde, denn er durfte seinen Fall in einer schriftlichen Erklärung präsentieren. Dies war nicht das ganz normale Verfahren; vielleicht begann Hitlers Kaltblütigkeit zu wirken.

In der Zwischenzeit hatte er seine Geschichte überdacht. Zuerst behauptete er – wahrheitswidrig – dass er die Vorladung zu spät erhalten hatte; dann behauptete er, dass das Problem ein Fehler des Österreichers war, die ihn irrtümlich in Linz gesucht hatten, als er tatsächlich in Wien war, oder umgekehrt. Eloquent in seiner Entschuldigung und seltsam weinerlich im Ton, erinnert der Aufsatz, indem er sein mühseliges Leben in München beschreibt, den Leser an den schmeichlerischen Stils seines Vaters Brief an den Bischof von Linz in der Sache der geplanten Hochzeit mit seiner Nichte Klara. Ein glücklicher Zufall hat uns Hitlers Dokument erhalten, das einen Blick in dieses jungen Menschen Beunruhigung und Verdrusses erlaubt:

… In der Vorladung werde ich als Künstler bezeichnet. Ich trage diesen Titel zurecht, aber er ist nur relativ zutreffend. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als unabhängiger Maler, da ich völlig eines Einkommens beraubt bin (mein Vater war Beamter), und ich arbeite lediglich, um meine Ausbildung zu fördern. Nur ein kleiner Teil meiner Zeit kann für meinen Lebensunterhalt aufgewendet werden, denn ich strebe immer noch danach, meine Ausbildung zu einem architektonischer Maler zu vollenden.

Mein Einkommen ist daher sehr bescheiden, gerade genug um meine Kosten zu decken. Als Zeugnis dafür verweise ich Sie auf meine eingeschlossene Einkommensteuererklärung, und ich wäre dankbar, wenn sie mir zurückgegeben werden könnte. Man sieht, dass mein Einkommen um die 1200 Mark beträgt – eher mehr als ich wirklich verdiene – und dies bedeutet nicht, dass ich tatsächlich 100 Mark im Monat mache. Oh nein. …

Im Hinblick auf mein angebliches Versagen zur Meldung für den Militärdienst im Herbst 1909, muss ich bemerken, dass dies für mich eine unendlich bittere Zeit war. Ich war damals ein junger Mann ohne Erfahrung, ohne finanzielle Unterstützung von irgendjemand zu empfangen und zu stolz, um finanzielle Unterstützung von anderen zu akzeptieren, geschweige denn darum zu bitten. Ohne Unterstützung war ich auf meine eigenen Anstrengungen angewiesen, verdiente ich nur ein paar Kronen und oft nur ein paar Pfennige durch meine Arbeit, und das war oft zu wenig, um für ein Nachtlager zu bezahlen. Zwei Jahre lang kannte ich keine andere Herrin als Leid und Not, keinen anderen Begleiter als ewig nagenden Hunger. Ich kannte nie das schöne Wort Jugend.

Noch heute, fünf Jahre später, erinnere ich mich immer wieder an diese Erfahrungen, und trage deren Überreste in Form von Frostblasen an Fingern, Händen und Füßen. Und doch kann ich nicht jener Tage gedenken, ohne eine gewisse Freude darüber zu empfinden, dass ich diese Schikanen letztendlich überwunden habe. Trotz großen Mangels, in oft zweifelhafter Umgebung, hielt ich doch meinen Namen sauber, hatte ein untadeliges Verhältnis zum Gesetz, und besaß ein reines Gewissen – außer dass ich mich immer wieder daran erinnerte, dass meine Erfassung für den Militärdienst fehlgeschlagen war. Dies ist die eine Sache, für die ich mich verantwortlich fühle. Es scheint mir, dass ein moderates Bußgeld eine reichliche Strafe wäre, und natürlich werde ich diese gerne bezahlen.

Ich sende diesen Brief unabhängig von der Aussage, die ich heute im Konsulat unterzeichnet habe. Ich bitte, dass mir weitere Anweisungen durch das Konsulat übermittelt werden sollten und bitte Sie mir zu glauben, dass ich diese sofort erfüllen werde.

Alle meine Erklärungen in diesem Fall wurden von den konsularischen Behörden überprüft. Sie haben sich als sehr großzügig erwiesen und haben mir die Hoffnung vermittelt, dass ich in der Lage sein könnte, meine militärischen Verpflichtungen in Salzburg zu erfüllen. Obwohl ich es nicht wagen kann, dies zu hoffen, bitte ich, dass diese Angelegenheit für mich nicht übermäßig erschwert werde.

Ich beantrage, dass Sie dieses Schreiben zur Berücksichtigung annehmen und unterzeichne, respektvoll,

ADOLF HITLER

Künstler

München

Schleißheimer Straße 34/III

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 283 – 284

Dieser Brief ist ein früher und recht guter Einblick in den Geist einer Person, der einst ein professioneller Betrüger werden würde. Es ist nicht nur die schiere Verbiegung von Tatsachen die überrascht – es ist auch der Stil des Briefes; er zeigt, dass Hitler sehr genau wusste, was er zu schreiben hatte, und wie.

Der Brief verströmt das spezifische Aroma des Zeitalters, der servilen Weinerlichkeit, die einsetzt, wenn man ein Problem mit den Behörden hat. Der devote, manchmal arschkriecherische und manchmal schwatzhafte Ton ist, nach unseren heutigen Maßstäben, ein allzu offensichtlicher Versuch, Sympathie für seinen Antrag zu erwerben, im Angesicht eines Bürokraten, der die Macht hat, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Es mag wohl wahr sein, dass Bürokraten damals im allgemeinen byzantinische Schmeichelei und vorausschauenden Gehorsam erwarteten von der Öffentlichkeit, der sie angeblich dienen (und die ihre Gehälter bezahlt), aber Hitlers Brief klingt fast so, als ob er versuchte den Adressaten zu veräppeln. Der Stil ist einerseits umständlich und andererseits vertraulich, manchmal auf unheimliche Weise intim – als ob er sich von einem selten gesehenen Onkel Geld leihen wolle.

Herausstechend jedoch ist seine Argumentation: schon bevor das Urteil gesprochen wird, appelliert er an ein höheres Gericht, dem flüchtigen Charakter der österreichischen Militärjustiz übergeordnet. Sein Verbrechen ist nicht Desertion, behauptet er, sein Verderben war Armut. Er wird eine sehr ähnliche Taktik des Bekenntnisses zu einem inexistenten Vorwurf elf Jahre später wiederum verwenden, in der Verhandlung über den “Beer Hall Putsch“. Genauso wie dann verkündet er jetzt seine Schuldlosigkeit; in den Worten von Robert Payne:

,„Ein höheres Gericht wird ihn für unschuldig erklären, denn sein einziges Verbrechen ist Armut; sein Name ist sauber, sein Betragen schuldlos, sein Gewissen frei. Er behauptet, dass es sein einziger Ehrgeiz im Leben ist, der österreichisch-ungarischen Monarchie zu dienen; aber wenn wir diesen Brief lesen, wissen wir bereits, dass er diese Monarchie und alle ihre Werke verachtet und nicht die geringste Absicht hat, ihren Aufträgen zu folgen.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 284

Seine Versuche , die Sympathien des konsularischen Personals zu gewinnen, waren offensichtlich erfolgreich: Der Konsul selbst sandte Hitlers Brief nach Linz, zusammen mit einem von ihm selbst verfassten, in dem er erklärte, dass sowohl er persönlich als auch die Münchner Polizei davon ausgehen, dass Hitler ehrlich war und die Registrierung durch einen Fehler verpasst hatte, nicht durch kriminelle Absicht. Darüber hinaus empfahl der Herr Konsul , dass man Hitler erlauben solle, sich dem militärische Prüfungsausschuss in der Grenzstadt Salzburg zu stellen , anstatt ihn zu verpflichten, den ganzen Weg nach Linz zu reisen. In seltener Großzügigkeit bezahlte das Konsulat sogar Hitlers Zugfahrkarte.

Das Militärkommando in Linz pflichtete bei, und am 5. Februar 1914 fuhr Hitler mit dem Zug nach Salzburg. In einer kurzen Untersuchung fanden die Ärzte Hitler sowohl für den Kampf als auch den Hilfsdienst untauglich und entließen ihn ohne weitere Verpflichtungen. Das war genau das, worauf Hitler gehofft hatte, und er kehrte mit leichterem Herzen zurück nach Schwabing und seinen Büchern und Gemälden. In „Mein Kampf“, behauptete er später, dass die lebhaften politischen Diskussionen in den Cafés und Biergärten seinen Verstand trainiert und seine Argumentationsweise verbessert hätten. Von größter Bedeutung, schrieb er, war sein gründliches Studium des Marxismus.

„Ich habe mich dann wiederum mit der theoretischen Literatur dieser neuen Welt befasst und versucht, Klarheit über ihre möglichen Auswirkungen zu erlangen, und diese dann mit den tatsächlichen Erscheinungen und Ereignissen verglichen, die es etwa im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben hervorbringt. Jetzt wandte ich zum ersten Mal meine Aufmerksamkeit darauf, dieser Weltplage Herr zu werden .“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 285

Es sind drei Überlegungen, die uns dazu bringen, die Richtigkeit dieser Aussage zu zweifeln. Da Hitler nie dem im Sinne „angestellt“ war, so wie ein Fabrikarbeiter angestellt ist, kann man bezweifeln, wie viel wirklich er von den Realitäten der Tarifverhandlungen verstand oder wusste, von der Unfallversicherung, den Entschädigungen für Unfälle, dem betrieblichen Gesundheitswesen oder Rentenplänen, diesen Brot- und Butter Aufgaben der Gewerkschaften. Zweitens: Zu dem Zeitpunkt, an dem er angeblich in der Studie des Marxismus “eintauchte”, lag die russische Oktoberrevolution oder jede andere kommunistische Revolution noch Jahre in der Zukunft, und kein Land in der Welt besaß eine sozialistische Regierung. So kann man sich fragen, wie genau Hitler sich seine Meinung über die „Welt-Plage“ gebildet hatte und wo die „tatsächlichen Phänomene und Ereignisse“ aufgetreten waren, die er, wie er sagte, beobachtet hatte. Es scheint viel wahrscheinlicher, dass diese Teile von „Mein Kampf“- nicht vor 1924 geschrieben – Übungen im Nachhinein darstellen und dass er die vorausschauende Hellsichtigkeit der Übel des Marxismus als Beweis seines politischen Genies verkaufte. Drittens ist es fraglich, wie viel freie Zeit, Malerei und Verkauf der Bilder ihm ließen und es liegen keine Bibliotheksausweise von ihm vor.

Aber er liebte München so sehr wie er Wien verachtete. Die Bürger hatten eine leichte Art des Lebens, er mochte den bayerischen Dialekt, den er als Kind in Passau gelernt hatte, und das rassische und lingualen Sammelsurium, das er in
Wien zu verabscheuen gelernt hatte, war völlig abwesend. Auch in dem sehr kalten Winter 1913/14, als er weniger Kunden als üblich auf den schneebedeckten Straßen und leeren Biergärten finden konnte, war er immer noch guter Dinge;
München leuchtete für ihn weiterhin. [„München leuchtet!“ war der Titel eines beliebten Kabarettprogramms.] Doch es ist klar, dass er nicht an dem sozialen oder politischen Leben der Stadt teilnahm; nicht ein einziges Dokument, keine Zeitung erwähnt seinen Namen. Mit Ausnahme von Rudolf Häusler kennen wir auch keine anderen Bekannten. In den letzten sechzig Jahren wurden alle Archive durchsucht: Wir haben zum Beispiel einen Brief von seinem Bekannten Fritz Seidl, den Hitler während des einen Jahres in der Pension von Frau Sekira in Linz getroffen hatte, in der ersten Klasse der Unterrealschule; aber nichts aus München – nicht einmal ein Foto. (19) In einem bekannten Absatz von „Mein Kampf“ lobte Hitler die Stadt:

Daß ich heute an dieser Stadt hänge, mehr als
an irgendeinem anderen Flecken Erde auf dieser Welt,
liegt wohl mitbegründet in der Tatsache, daß sie mit der
Entwicklung meines eigenen Lebens unzertrennlich ver-
bunden ist und bleibt; daß ich aber damals schon das Glück
einer wahrhaft inneren Zufriedenheit erhielt, war nur
dem Zauber zuzuschreiben, den die wunderbare Wittels-
bacherresidenz wohl auf jeden nicht nur mit einem rechneri-
schen Verstande, sondern auch mit gefühlvollem Gemüte ge-
segneten Menschen ausübt.

ADOLF HITLER “Mein Kampf”, 851 – 855 Auflage 1943, Seite 139
Oktoberfest um 1900

Aber als er in den Cafés saß und die Zeitungen las, kam er nicht umhin, über die neuesten internationalen Spannungen informiert zu werden. Der Balkan hielt die Schlagzeilen wiederum besetzt, wie damals 1912 und 1913, als es dort Krieg gab. In eines der literarisch eher ansprechenden Passagen von “Mein Kampf” beschreibt Hitler die besondere Atmosphäre Jahres 1914:

Schon während meiner Wiener Zeit lag über dem Balkan jene fahle Schwüle, die den Orkan anzuzeigen pflegt, und schon zuckte manchmal auch ein hellerer Lichtschein auf, um jedoch rasch in das unheimliche Dunkel sich wieder zuzückzuverlieren. Dann aber kam der Balkankrieg, und mit ihm fegte der erste Windstoß über
das nervös gewordene Europa hinweg. Die nun kommende
Zeit lag wie ein schwerer Alpdruck auf den Menschen, brütend wie fiebrige Tropenglut, so dass das Gefühl der herannahenden Katastrophe infolge der ewigen Sorge endlich zur Sehnsucht wurde: der Himmel möge endlich dem Schicksal, das nicht mehr zu hemmen war, den freien Lauf gewähren. Da fuhr denn auch schon der erste gewaltige Blitzstrahl auf die Erde nieder: das Wetter brach los, und in den Donner des Himmels mengte sich das Dröhnen der Batterien des Weltkrieges.

ADOLF HITLER “MEIN KAMPF”, 851 – 855 AUFLAGE 1943, SEITE 173

Die stetige Verschlechterung Europas internationaler Beziehungen seit etwa 1906 wird Gegenstand der folgenden Kapitel sein. Aber alle Berichte, die wir vom Juni und Juli 1914 besitzen, sind sich einig – in einer seltsamen Art und Weise – im Hinblick auf das perfekte Wetter, das so krass mit dem kontrastierte, was folgen sollte. In diesen langen Sommernächten verkaufte Hitler noch die Früchte von Pinsel und Bleistift in den Biergärten – es sei denn er war beschäftigt damit, das Glühen der Sonnenuntergänge zu malen. Aber er war allein in seiner Mansarde, in ein Buch vertieft, am Nachmittag des 28. Juni 1914, als seine Vermieterin die Treppe heraufgestürmt kam und sein Zimmer betrat, ohne an der Tür zu klopfen.

Weinend informierte Frau Popp ihren Mieter, dass früher an diesem Tag der Thronfolger des österreichischen Throns, Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg und seine Frau Sophie, von einem jungen Mann in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien, ermordet worden waren. Der Täter war Gavrilo Princip, ein Anarchist mit mutmaßlichen Verbindungen zu Serbien.

Der Erzherzog, ein Neffe von Kaiser Franz Joseph, war drei Tage zuvor in Bosnien eingetroffen, um die jährlichen Militärmanöver zu inspizieren. Nach dem Abschluss der Übungen bestand der Prinz auf einem Besuch der bosnischen Hauptstadt, obwohl die lokale Verwaltung Warnungen vor einem Anschlag erhalten hatte. Ein halbes Dutzend Verschwörer, verteilt über die Hauptverkehrsstraßen der Stadt, hatte auf das Königspaar gewartet, aber es war nur pures Glück – bzw. Pech – dass Princip den offenen königlichen Wagen langsam rückwärts aus dem falschen Ende einer Einbahnstraße fahrend antraf. Er feuerte seine Pistole zweimal und tötete sowohl die Erzherzog als auch seine Frau.

Hitler lief die Treppe hinunter und gesellte sich zu den Massen, die sich auf den Straßen versammelten. In Wien belagerte ein Mob bereits die serbische Botschaft. Die Nachricht aus Sarajevo war die Sensation des Jahres.


Folgender Beitrag: Sarajevo, 28. Juni 1914 – Der letzte Tag Europas


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Stefanie – Adolf Hitlers Jugendliebe

Stefanie Rabatsch, geb. Isak

Diese Geschichte spielt in Urfahr, einer kleinen Gemeinde an der Donau, die heute ein Teil von Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs ist. Erwähnt in zeitgenössischen Dokumenten seit 1492, war es zu dieser Zeit (1882 – 1919) eine unabhängige kleine Stadt, mit der Hauptstadt durch eine Holz- und nach 1872 durch eine Eisenbrücke verbunden.

Hauptstraße um 1900

Wenn wir Adolf Hitlers seltsame Persönlichkeit betrachten, die wir in den vorhergehenden Artikeln kennengelernt haben, kann es uns nicht groß überraschen, dass er seine Beziehung zu dem Mädchen, das er durch seine ganze Pubertät in Linz vergötterte – Stefanie Rabatsch née Isak (28. Dezember 1887 bis in die 1970er Jahre) – ausschließlich auf eine Form der übersinnlichen Telepathie beschränkte. Soweit wir wissen, sprach niemals auch nur ein Wort mit ihr, aber schwatzte über sie ausführlich mit seinem Jugendfreund August Kubizek .

Kubizek berichtet in seinen Erinnerungen: „Eines Abends im Frühjahr 1905, als wir unseren üblichen Spaziergang machten, packte Adolf meinen Arm und fragte mich aufgeregt, was ich über dieses schlanke blonde Mädchen dächte, das entlang der Landstraße zu Fuß Arm in Arm mit ihrer Mutter unterwegs war. “Ich bin verliebt in sie, weißt Du?”, fügte er entschlossen hinzu.

Aber Adolf lehnte es ab, sich ihr zu nähern und erzählte August, er würde das “morgen” tun. In der Zwischenzeit schickte er seinen Freund auf eine Aufklärungsmission über Stephanie. Kubizek konnte bald berichten , dass sie aus einer gutbürgerlichen Familie kam, in Urfahr lebte, ihr Vater vor seinem Tod ein Beamter gewesen war , und bestätigte, dass sie „ein vornehm aussehenden Mädchen, groß und schlank, war. Sie hatte dickes blondes Haar, das sie meistens zurückgekämmt in einem Knoten trug. Ihre Augen waren sehr schön“ .

Alte Postkarte

Jeden Abend schlenderte sie, am Arm ihrer Mutter, durch die Linzer Landstrasse, wo die jungen Mädchen durch die Schaufenster hindurch mit den jungen Männern, die sie umkreisten, Blicke wechseln konnten, mit den Wimpern flattern oder versehentlich ein Taschentuch fallen lassen.

„Viele Gesellschaften kennen Formen der organisierten aber inoffiziellen Balz, wie den spanischen Paseo – im Prinzip Concourses d’Elegance – und das kaiserliche Österreich hatte daraus eine Wissenschaft gemacht. Auch heute noch präsentieren sich, wie beim jährlichen Wiener Hofball, die Debütantinnen der besseren Familien in der Gesellschaft mit viel Getue und weißen Rüschen auf der ehemaligen königlichen Tanzfläche. Adolf war jedoch nicht der Mann , seine Sehnsucht direkt anzusprechen; er wies darauf hin , dass er Stephanie nie vorgestellt worden war.

Als August, in einem plötzlichen Anfall von praktischem Gedankengut vorschlug, dass eine offizielle Vorstellung die Angelegenheit beschleunigen könnte, kniff Adolf. ‚Was soll ich sagen, wenn die Mutter meinen Beruf wissen will?‘ Ja, was konnte er sagen? Dass er ein arbeitsloser Maler oder Architekt sei, ein Landei, im Vergleich zu den jungen Männern, die Stefanie umkreisten – Offiziere oder Erben von Geschäften oder Fabriken?

Adolf Zustand war jedoch ernst. Nicht nur, dass er an einem akuten Anfall von jugendlicher Verehrung eines hübschen Paares Beine und eines wohlgeformten Busens litt; Gustls Bericht zufolge entwickelte er sofort eine Neurose. Sein Sinn für Realität, die sowieso nicht seine starke Seite war, verließ ihn vollständig. Er lehnte es ab, mit ihr zu sprechen, oder einen Brief zu schicken; nie winkte er ihr zu, wenn er sie auf der Straße sah; er begrenzte seine Anstrengungen auf die Aussendung sehnsüchtig fragender Blicke. „

the little drummer boy, Seite 199 f.

Doch dann, eines Tages, geschah das Wunder. Gustl berichtet:

“Der glücklichste Tag seines Lebens für Adolf kam im Juni 1906, und ich bin mir sicher, dass er so deutlich in seinem Gedächtnis geblieben ist, wie es bei mir der Fall war. Der Sommer näherte sich und in Linz fand ein Blumenfest statt. Wie üblich wartete Adolf mit mir außerhalb der Karmeliterkirche, wohin ich jeden Sonntag mit meinen Eltern zu gehen pflegte; danach nahmen wir unseren Stand beim Schmiedtoreck ein. Dieser Ort war sehr günstig, da die Straße hier schmal war und die Wagen des Festumzugs ganz in der Nähe des Bürgersteigs passieren mussten. Die Blaskapelle des lokalen Regiments führte eine Reihe von blumengeschmückten Wagen an, von denen junge Mädchen und Damen den Zuschauern zuwinkten.

Der Ort des Wunders – die Landstrasse am Schmiedtoreck

Aber Adolf hatte weder Augen noch Ohren für irgendetwas davon; er wartete fieberhaft auf Stefanies Erscheinen. Ich hatte schon die Hoffnung, sie zu sehen, aufgegeben, als Adolf meinen Arm ergriff – so heftig, dass es weh tat. In einem hübschen Wagen sitzend, geschmückt mit Blumen, bogen Mutter und Tochter in die Schmiedtorstrasse ein. Ich habe das Bild immer noch klar in meinem Kopf.

Die Mutter, in einem hellgrauen Seidenkleid, hielt einen roten Sonnenschirm über den Kopf, durch den, wie durch Magie, die Strahlen der Sonne einen rosigen Schimmer über das Gesicht von Stefanie zu werfen schienen, die einen hübsche Seidenkittel trug. Stefanie hatte, anders als die meisten, ihren Wagen nicht mit Rosen geschmückt, sondern mit einfachen, wilden Blüten – roten Mohnblumen, weißen Margariten und blauen Kornblumen. Sie hielt ein Bündel davon in die Luft.  Jetzt war der Wagen ganz nah an uns. Adolf fühlte sich schwerelos. Nie zuvor hatte er Stefanie so bezaubernd gesehen. Jetzt fiel ihr heller Blick auf Adolf. Sie schickte ihm ein strahlendes Lächeln und, eine Blume aus ihrem Sträußchen pflückend, warf sie ihm sie zu.

Schmiedtoreck, gezeichnet von Hitler

Nie wieder habe ich Adolf so glücklich gesehen wie in diesem Moment. Als der Wagen vorbei war, schleppte er mich beiseite und betrachtete mit Rührung die Blumen, dieses sichtbare Versprechen ihrer Liebe. Ich kann immer noch seine Stimme hören, zitternd vor Aufregung, ‚Sie liebt mich! Du hast es gesehen! Sie liebt mich!'”

Was hielt Stephanie davon?

Franz Jetzinger konnte im Verlauf seiner späteren Nachforschungen das Blumenfestkomitee aufspüren, fand Stefanie in ihren Akten und kontaktierte sie. Die Liebesgöttin hatte schließlich einen der Offiziere geheiratet, und zeigte eine beträchtliche Überraschung, über einen Jungen interviewt zu werden, an den sie sich kaum erinnerte, und erklärte, keine Ahnung von des jungen Mannes Verliebtheit gehabt zu haben. Aber nach einiger Zeit erinnerte sie sich ein kleines, aber lehrreiches Detail: in diesem Sommer hatte sie einen Brief von einem Bewunderer erhalten, der ihr nicht nur seine unsterbliche Liebe erklärte, sondern auch schrieb, dass er an der Akademie der Künste in Wien studieren wollte. Nach seinem Abschluss würde er nach Linz zurückkehren und sie um ihre Hand bitten. Leider war der Brief nicht unterzeichnet, und so hatte sie des Verehrers Identität nie erfahren.“

the little Drummer boy, Seite 203

Wie es vielleicht zu erwarten war, haben einige „Psychohistoriker“ Boden für ausufernde Spekulationen basierend auf ihrem Geburtsnamen, Isak, gefunden – dass die zum Scheitern verurteilte Liebesaffäre eine oder die Ursache von Hitler Antisemitismus war. Zum Pech für die Theorien war Stefanie nicht jüdisch (es gab keine jüdische Kolonie in Linz und ihr Vater, der ein höherer Regierungsbeamter war, hätte das nicht werden können, wäre er Jude gewesen); außerdem war Hitler zu dieser Zeit sicher noch kein Antisemit – daher fällt der Boden aus solchen Spekulationen raus.

Wir wissen, dass Stefanie zumindest bis zum Sommer 1906 in seinen Gedanken blieb, als Adolf Wien zum ersten Mal besuchte; er erwähnte sie – unter dem Codenamen „Benkieser“ – in einer Postkarte an seinen Freund August Kubizek.

Als Hitler schließlich ca. vier Wochen später nach Linz zurückkehrte, war er melancholisch und depressiv, und manchmal wanderte er alleine in der Stadt herum. Er schien in Konflikten über die Richtung seines Lebens zu sein, und für ein paar Wochen war Gustl nicht in der Lage, seinem Freund zu helfen. Auch der erneute Anblick Stefanie versäumte, eine schnelle Heilung zu bewirken, denn Adolf schien letztendlich ein Quantum der Realität zu akzeptieren. Er sagte Gustl: „Wenn ich mich Stefanie und ihre Mutter vorstellen wollte, würde ich ihnen sagen müssen, was ich bin, was ich habe und was ich will. Dies würde unsere Beziehungen abrupt zu einem Ende bringen.“

Das Jahr 1907 war überschattet – was die Familie angeht – von Klara Hitlers, Adolfs Mutter, Leiden an Brustkrebs. Sie starb am 21. Dezember und nachdem alle folgenden Angelegenheiten erledigt waren, verließ Adolf Linz im Februar 1908 um in Wien zu leben. Seine eventuellen Beziehungen zu Stefanie danach sind in den Nebeln der Zeit verloren.


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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August und September 1914 im Westen

Situation am 5. September 1914

Die folgende GIF – Datei zeigt den Verlauf der deutschen Offensive an der Westfront vom 4. August bis zum 20. September, die Marneschlacht und den folgenden Rückzug zur Aisne. Original bei giphy.com.


(© John Vincent Palatine 2019)

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Der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt

Abdruck in der Iswestija am 18.09.1939

Im Moskauer Kreml wird am 23.8.1939 ein Nichtangriffsvertrag zwischen dem deutschen Reich und der UdSSR unterzeichnet. Nach der Unterzeichnung im Gespräch, Joseph Stalin und der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop.

Die unten abgebildete Originalkarte ist die geographische Umsetzung des geheimen Zusatzprotokolls des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes, auch Molotow-Ribbentrop-Pakt bzw. Hitler-Stalin-Pakt genannt, der in der Nacht vom 23. zum 24. August 1939 in Moskau von dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow, dem sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten im Beisein Josef Stalins und des deutschen Botschafters Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg unterzeichnet wurde.

“Für den Fall einer politisch-geographischen Umgestaltung Europas” sah das Protokoll die Aufteilung Osteuropas in deutsche und russische Interessensphären vor – im Falle des Baltikums inklusive Finnland sollten Lettland, Estland und Finnland in der sowjetischen Interessensphäre liegen, Litauen in der deutschen. Polen wurde ziemlich genau entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San zwischen Deutschland und der UdSSR halbiert und Bessarabien an Russland konzediert.

Originalkarte mit den Signaturen Ribbentrops und Stalins mit dem geplanten Grenzverlauf
Deutsche Ausfertigung des Zusatzprotokolls, mit den originalen Unterschriften
Letzte Seite der russischen Ausfertigung
Veröffentlichung im Reichsgesetzblatt am 25. September 1939

Die geplante “Umgestaltung” Europas begann am 1. September 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen – die Sowjets nahmen ab dem 17. September teil und rückten ihrerseits in Ostpolen ein. In der Realität ergaben sich später geringfügige Abweichungen von den vorher ausgemachten Grenzen, die die folgende Grafik zeigt:

Treffen deutscher und sowjetischer Truppen in Lublin (Polen) am 22. September 1939
Die Presse hatte ihren Spaß – Karikatur im britischen “Evening Standard”.

Obwohl der Pakt ein harter und unerwarteter Schock für die Weltpresse und Weltpolitik war, ist es immer noch weitgehend unbekannt, dass er vom Auswärtigen Amt viele Monate lang heimlich vorbereitet wurde. Während das AA – nach dem Krieg – die Legende aufrechterhalten wollten, dass sie nur ihren Job gemacht hätten und mit Sicherheit keine Nazis waren, sind ihre Bemühungen gut dokumentiert und der Autor hat die Unterlagen im Avalon-Projekt an der Yale Law School and University lokalisiert. Sie werden der Gegenstand eines späteren Beitrags sein.

Hier ein Auszug aus den Avalon-Akten – Ribbentrops Telegramm an den deutschen Botschafter Schulenburg in Moskau vom 14. August 1939, das Stalin über seinen Wunsch nach einem Treffen informierte [Übersetzung folgt].


(© John Vincent Palatine 2019)

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Das Ultimatum an Serbien


Einführender Post: Der letzte Tag Europas – Das Attentat von Sarajevo


Die hier angeführten Dokumente und Informationen verdanken wir dem Österreichischen Staatsarchiv.

Österreich-Ungarns Ultimatum an Serbien 1914

Nach der Ermordung des Thronfolgerehepaares am 28. Juni 1914 in Sarajevo verstrich fast ein Monat, bis am 23. Juli 1914 die offizielle Reaktion Österreich-Ungarns erfolgte: Das für den Anschlag auf Erzherzog Franz Ferdinand verantwortlich gemachte Königreich Serbien wurde mittels einer diplomatischen Note ultimativ dazu aufgefordert, binnen 48 Stunden nach Überreichung durch den k. u. k. Gesandten in Belgrad die ihm darin gestellten Bedingungen, insbesondere betreffend das Vorgehen gegen die Hintermänner des Attentates auf serbischem Territorium, uneingeschränkt anzunehmen; jeglicher Vorbehalt würde als Kriegsgrund betrachtet. Der vorliegende Text gibt die letzte, definitive Fassung der in französischer Sprache gehaltenen Note an Belgrad wieder, wie sie am 19. Juli in einer Sitzung des gemeinsamen Ministerrates beschlossen wurde und vom Gesandten Giesl am 23. Juli nachmittags übergeben werden sollte.
Die serbische Antwort erfolgte in letzter Minute und enthielt Einschränkungen, was die geforderte Mitwirkung österreichischer Amtsorgane an den Untersuchungen in Serbien betraf. Somit hatte Giesl weisungsgemäß die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten abzubrechen und aus Belgrad abzureisen. Die österreichisch-ungarische Kriegserklärung an Serbien erfolgte am 28. Juli 1914.

Das berühmte „Ultimatum“ hatte den Zweck, der internationalen Staatengemeinschaft vor Augen zu führen, dass die Schuld des Kriegsausbruchs bei Serbien läge. Die Bedingungen waren bewusst hart formuliert, sodass man in Wien gar nicht mit deren Annahme rechnete. Seit dem als letzte, besonders empörende Demütigung empfundenen Attentat glaubte man seitens der österreichisch-ungarischen Diplomatie, die Balkanfrage ein für alle Mal auf militärischem Wege, in einem isolierten Krieg gegen Serbien, lösen zu können. Freilich unterschätze man am Wiener Ballhausplatz dabei sträflich die Bereitschaft Russlands, aufseiten seines serbischen Verbündeten in den Krieg einzutreten, wodurch der Große Krieg tatsächlich unvermeidbar wurde.

Österreichisches Staatsarchiv, Quelle: http://wk1.staatsarchiv.at/diplomatie-zwischen-krieg-und-frieden/oesterreich-ungarns-ultimatum-an-serbien-1914/
Übergabe der Note durch Botschafter Giesl

Link zu dem Text des Ultimatums als PDF


(© John Vincent Palatine 2019)

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Karl May und Geometrie – Adolf Hitler in der Schule

Adolf Hitler als sechzehnjähriger Schüler 1905, gezeichnet von seinem Klassenkameraden Sturmlechner

Voriger Post: Die Kindheit eines Kleinbürgers


Nachdem Alois Jr. – das älteste Kind – dem anscheinend nicht sehr gemütlichen Haushalt der Familie Hitler entlaufen war, war die Freiheit, die der ältere Sohn jetzt genoss, für den jüngeren Sohn, Adolf, mit einem hohen Preis verbunden – er wurde zum wichtigsten Empfänger der pädagogischen Übungen seines Vaters, das heißt, der körperlichen Züchtigungen. Ungefähr zu dieser Zeit räumte Alois Sr. in seinen landwirtschaftlichen Bemühungen in Hafeld die Niederlage ein und verkaufte den ertragslosen Hof in der Hoffnung, in der kleinen Stadt Lambach, die etwa sechs Meilen oder zehn Kilometer entfernt lag, ein angenehmeres Leben zu finden. Die erste Residenz der Familie dort, der Gasthof Leingartner, befand sich just auf der gegenüberliegenden Seite des dominierenden architektonischen Merkmals der Stadt, dem alten Benediktinerkloster.

Gasthaus Leingartner

Das Kloster in Lambach beherbergte eine recht moderne Grundschule, in der Adolf zuerst gut abschnitt. Im Schuljahr 1897/98 erzielte er in einem Dutzend Fächern die Bestnote „1“. Er nahm auch am Knabenchor des Klosters teil, wo er wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben ein Hakenkreuz sah. Diese Darstellung war Teil des Wappens eines früheren Abts, von dem ein großes Exemplar am Steinbogen über dem Eingang der Abtei befestigt war, unter dem die Jungen auf dem Weg zur Chorübung hindurchgehen mussten. Das Kloster aus dem elften Jahrhundert war bekannt für gut erhaltene Fresken und Gemälde mittelalterlicher Meister. Das zweite architektonische Highlight der Stadt war die dreieckige Paura Kirche mit drei Altären, Toren und Türmen.

Stift Lambach heute

Die Schule befand sich direkt neben dem Kloster, und der belebte Kirchenkalender mit seinen vielen Feierlichkeiten sorgte für die Höhepunkte des Schuljahrs. Adolf war fasziniert von den Mönchen und Priestern, den Feierlichkeiten und der Präsidentschaft des Abtes über die Zeremoniengemeinschaft, deren Erinnerung ihn nie verlassen hat. In “Mein Kampf” erinnerte er sich:

Da ich in meiner freien Zeit im Chorherrenstift zu Lambach Gesangsunterricht erhielt, hatte ich beste Gelegenheit, mich oft und oft am feierlichen Prunke der äußerst glanzvollen kirchlichen Feste zu berauschen. Was war natürlicher, als dass, genau so wie einst dem Vater der kleine Herr Dorfpfarrer, nun mir der Herr Abt als höchst erstrebenswertes Ideal erschien. (10)

Ob Alois Hitler, der sich gewöhnlich für die sexuellen Emanzipation von Dienstmädchen und dem Studium der Wirkungen des Alkohols einsetzte, Priester noch immer als Ideale ansah, kann bezweifelt werden. Da er aber im Herzen der katholischen Kirche aufgewachsen war, zollte er zumindest teilweise seinen Respekt und besuchte die Gottesdienste an Ostern, Weihnachten und am 18. August, dem Geburtstag des Kaisers.

Das Wappen mit dem Hakenkreuz

Aber eine Sache, die sein Sohn klar im Kopf behielt, war das Hakenkreuz, das er auf dem Wappen des Abtes entdeckt hatte. Der ursprüngliche Träger des Wappens, Abt Theoderich von Hagen, war in der Mitte des vorigen Jahrhunderts Prior des Klosters gewesen, und das Hakenkreuzsymbol war nicht nur auf seinem Mantel abgebildet, sondern wurde an vielen Stellen im Bauwerk als Element der Dekoration verwendet. Das Hakenkreuz, auch als gleichseitiges Kreuz oder Crux Gammata bekannt, ist ein Attribut oder Symbol des Wohlstands und des Glücks, das von alten und modernen Kulturen verwendet wird. Das Wort “Swastika” stammt aus dem Sanskrit und bedeutet soviel wie „dem Wohlbefinden förderlich“. Es war ein beliebtes Symbol auf alten mesopotamischen Münzen und taucht häufig in der mittelalterlichen christlichen, insbesondere byzantinischen Kunst auf, wo es als Gammadion bekannt ist. Es kommt auch in Süd- und Mittelamerika vor – von den Maya verwendet – und in Nordamerika bei den Navajo und verwandten Stämmen. Im Falle des ehrwürdigen Abtes war es vielleicht ein Wortspiel mit seinem Namen, denn im Deutschen werden sein Name Hagen und der Haken fast gleich ausgesprochen.

Lambach war jedoch keine Stadt, die Alois’ Fernweh lange aufhalten konnte, und im späten Herbst 1898 kaufte er ein kleines Haus in der Stadt Leonding, einem südwestlichen Vorort von Linz. Das Haus stand gegenüber der Kirche, war nicht allzu groß, hatte aber einen schönen Garten von etwa einem halben Morgen Größe, der an die Friedhofsmauer grenzte. Leonding beherbergte vielleicht dreitausend Seelen, aber seine Nähe zu Linz machte es zu einem etwas lebendigeren Ort, als die Einwohnerzahl allein vermuten lässt.

Das Haus in Leonding

Ausführlicher Beitrag dazu im Blog von Dr. Mark Felton.

Adolf und Angela mussten nun also zum dritten Mal in vier Jahren wieder die Schule wechseln, aber Adolf machte es in der kleinen Schule in Leonding ganz gut. Doch die familiäre Atmosphäre änderte sich anscheinend wenig, und Paula berichtete, dass ihr Bruder das Hauptziel blieb, gegen das die Wutanfälle des Vaters gerichtet waren. Sie bemerkte:

Er war es, der meinen Vater zu extremer Härte herausforderte und jeden Tag Prügel bekam. Er war ein schäbiger kleiner Schurke, und alle Versuche meines Vaters, ihn für seine Renitenz zu bestrafen und ihn zu veranlassen, die Ausbildung zu einem Staatsbeamten zu erwägen, waren vergebens. Wie oft dagegen hat meine Mutter ihn liebkost und versucht, mit ihrer Güte etwas zu erreichen, was dem Vater mit Härte nicht gelingen konnte.“ (11)

Obzwar die Schwester hier die Gewalt des Vaters beschuldigte, bestätigte sie auch, dass es sich bei ihrem Bruder um einen “schäbigen kleinen Schurken” handelte.

Das bekannte Bild Adolf Hitlers aus der 4. Klasse der Volksschule Leonding von 1899 (oberste Reihe, Mitte)

Die ersten zwei Jahre in Leonding vergingen und Alois schien sich besser an den Lebensstil eines Rentners anzupassen. Er arbeitete ein oder zwei Stunden morgens im Garten, besuchte seine geliebten Bienen und besuchte dann die Wirtshäuser für ein oder zwei Gläser Wein. Am Nachmittag wiederholte sich das Prozedere; der Besuch des Gasthauses wurde jedoch pünktlich zum Abendessen zu Hause beendet.

Ein wichtiger Zeuge für diese Zeit ist der Bürgermeister von Leonding, Josef Mayrhofer. Er porträtierte Klara als eine sehr freundliche und hübsch gekleidete Frau und erklärte ausdrücklich, dass er nie gesehen oder gehört habe, wie Alois die Kinder geschlagen habe, obwohl er ihnen oft genug mit der Peitsche gedroht habe. Die Wahrheit mag, wie so oft, irgendwo in der Mitte liegen, denn körperliche Bestrafung wurde in dieser Zeit weithin akzeptiert.

Aus heiterem Himmel starb der sechsjährige Edmund am 2. Februar 1900 plötzlich an den Masern. Es gibt Hinweise darauf, dass der plötzliche Tod seines kleinen Bruders Adolf zutiefst schockierte und möglicherweise zu den bald darauf einsetzenden Schulproblemen beitrug. Es scheint, dass kein anderes Ereignis in seinem jungen Leben einen vergleichbaren Einfluss auf Adolf hatte. Sein schulischer Erfolg sank dramatisch ab und seine Disziplinlosigkeit eskalierte.

In der Schule 1900

Unser Foto rechts, aufgenommen im Herbst 1900 in der ersten Klasse der Unterrealschule in Linz, zeigt ein seltsam mutiertes Kind: Der Junge schaut mürrisch und gelangweilt in die Kamera, als ob in ihm eine Flamme erloschen war. Während der Grundschule war er immer nah der Spitze der Klasse gewesen, aber jetzt gingen seine schulischen Bemühungen und folglich auch seine Leistungen rapide zurück. Nach eigenen Angaben wurde seine Bemühungen nach akademischen Lorbeeren durch die plötzliche Entdeckung eines Talents gemindert, das ihm vorher unbekannt gewesen war: das des Zeichnens.

Doch nach der Schule blieb er der lebhafte Anführer des Rudels. Da seine Familie in den ersten Jahren seines Lebens an vier verschiedene Orte gezogen war und ihm so ein tiefes Wissen über ferne Stätten vermittelt hatte, wurde er zur unverzichtbaren Autorität in allen Auslandsangelegenheiten. Wir können uns vorstellen, dass er seine Kumpels stundenlang bequatschte, so wie er es später mit seinen Abendessensgästen tat.

Er fand immer Themen zum Reden. Alle Beschreibungen bestätigen, dass er sein ganzes Leben lang in Büchern vergraben war und diese Gewohnheit früh begonnen hatte. Er las die ganze Zeit und wenn der letzte Band, den er sich angetan hatte, einer von James Fenimore Cooper war, fühlte er sich wie Natty Bumppo, alias Hawk-Eye oder Lederstrumpf; wenn der letzte Band ein Abenteuer von Karl May gewesen war, war er Old Shatterhand oder Winnetou, der Häuptling der Apachen. Buben lesen seit jeher Abenteuerbücher und bauen Festungen im Wald, und der junge Adolf war durchaus keine Ausnahme. Alle Jungen durchleben das heroische Alter, aber im Fall des jungen Adolf kam es zu einer Abweichung von der Norm. Juvenile Obsessionen verschwinden leicht in dem Hintergrund halb vergessener Kindheitserinnerungen, wenn der Aufstieg in die Pubertät die Prioritäten verschiebt. wenn Mädchen, Autos und Bier die Helden der Vergangenheit ersetzen. Für Adolf blieben jedoch einige Kindheitsträume sein ganzes Leben lang bestehen, wie seine Verehrung für die Bücher von Karl May.

Karl May

Karl May, außerhalb des deutschsprachigen Raums so gut wie unbekannt, war der Sohn einer armen Familie aus dem Erzgebirge, dem Mittelgebirgskamm zwischen Sachsen und Böhmen. Als Sohn eines Webers wurde er Grundschullehrer, bevor ihn ein Konflikt mit dem Gesetz – eine Verurteilung wegen (geringfügigen) Diebstahls – für sieben Jahre ins Gefängnis schickte. Nach seiner Freilassung im Jahr 1874 begann er eine Karriere als Schriftsteller. Er begann mit Kurzgeschichten, die schließlich länger und dann serialisiert wurden; so wie Alexandre Dumas ‘mit “Der Graf von Monte Christo” in Frankreich Erfolg gefunden hatte. Bald verfasste Mai Romane in voller Länge, hauptsächlich fiktive Reiseberichte.

Während er letztendlich über fast jeden Winkel der Welt schrieb, konzentrieren sich die meisten Geschichten auf die fiktiven Abenteuer seiner selbst und verschiedener treuer Kumpels im Wilden Westen der USA und Mexiko der 1860er und 1870er Jahre bzw. auf den Balkan und das Osmanische Reich. Sein Alter Ego war im Fall des Wilden Westens “Old Shatterhand”, ein Trapper, Landvermesser und fürchterlicher Besserwisser, und im Osten “Kara Ben Nemsi”, eine Mischung aus Sir Henry Morton Stanley und Hansdampf in allen Gassen. In den 1960er Jahren wurden einige seiner Bücher verfilmt, in denen zweitrangige Hollywoodstars wie Stewart Grainger oder Lex Barker in urkomischen deutsch-italienischen Koproduktionen die Helden spielten und jugoslawische Statisten die assortierten Indianer.

Im deutschsprachigen Raum wurde Karl May um die Jahrhundertwende zu einem unwahrscheinlichen Erfolg und zu einem Begriff in jedem Haushalt. Eine ganze Druckerei wurde ausschließlich seinem Schaffen gewidmet, gefolgt von einem Museum. Ein Freilufttheater wurde gebaut, um seine Geschichten zu dramatisieren, und die Filme sind Klassiker der Ruhigstellung von Kindern am Nachmittag oder Wochenende. Die Gesamtauflage seiner Werke liegt bei über 100 Millionen Exemplaren.

Die meisten seiner siebzig Romane und Geschichten folgen eher bescheidenen Rezepten. Mr May begegnet als Trapper Old Shatterhand in Begleitung seines Freundes und Blutsbruders Winnetou, dem Häuptling der Apachen, einer Gruppe von Fremden irgendwo in der Prärie, die aus dem einen oder anderen Grund seinen Verdacht erregen. Nachdem sie sich von der Gesellschaft getrennt haben, kehren die Helden heimlich nachts zurück und lauschen den Plänen der kriminellen Charaktere, indem sie sich in den Büschen verstecken, die hinter dem Lagerfeuer der Verdächtigen wachsen. Die Übeltäter diskutieren sodann ausführlich über ihr kriminelles Unternehmen, aber durch die erlauschte Kenntnis des heimtückischen Plans sind unsere Freunde in der Lage, die abscheuliche Verschwörung – wie es die Gesetze der Spannung vorschreiben – in letzter Minute zu vereiteln. Sie bewahren die potenziellen Opfer vor körperlichen und/oder finanziellen Schäden und reiten am Ende der Geschichte gemeinsam dem Sonnenuntergang entgegen. Abspann.

Aus Gründen der Abwechslung können böse Indianerstämme durch arabische Kriminelle oder türkische Gangster ersetzt werden. Bücher wie die von Karl May haben über Jahrhunderte hinweg die jugendliche Fantasie beflügelt; in literarischen Gesellschaften sind sie ein unverzichtbarer Bestandteil des männlichen Erwachsenwerdens. In Hitlers Fall blieben Karl Mays Romane jedoch zeitlebens einen Teil seiner Realität, er war nicht in der Lage, aus ihnen herauszuwachsen. Seinen eigenen Worten und den Berichten seiner Mitarbeiter nach las er mindestens viermal in seinem Leben die gesamten siebzig Romane. Sogar in seinem ersten Jahr als Reichskanzler fand er 1933 die Zeit, sie alle noch einmal zu lesen. Seine Vorstellungen von Taktik und insbesondere vom militärischen Nachrichtenwesen blieben zum Teil durch seine Lieblingsliteratur geprägt; tatsächlich ermutigte er seine Generäle mehr als einmal, Karl May zu lesen. Man kann nur hoffen, dass sie genügend Büsche um die Lagerfeuer ihrer Gegner gefunden haben, um sich darin zu verstecken.

Ein ziemlich gerader Weg führte den jungen Adolfs Sinn für Abenteuer vom Wilden Westen zum Militär. Er gab an, dass er, als er zufällig auf dem Dachboden einige illustrierte Zeitschriften fand, die den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 schilderten, sofort ein Anhänger dieses patriotischen Kampfes wurde. Zu dieser Zeit war es offizielle österreichische Politik, die Ereignisse dieser Jahre zu ignorieren: erstens, weil die Niederlage ihrer Armee bei Königgrätz im Jahr 1866 durch die Preußen immer noch schmerzte, zweitens, weil Österreich am Erfolg von 1870/71 keine Rolle gespielt hatte und drittens, weil die österreichische Regierung nicht bereit war, Loblieder auf die deutsche Effizienz zuzulassen, umso mehr, als diese sich so ungünstig von ihrer eigenen Schlamperei unterschieden. Adolf selbst gab zu, dass:

Beim Durchstöbern der väterlichen Bibliothek war ich über verschiedene Bücher militärischen Inhalts gekommen, darunter eine Volksausgabe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Es waren zwei Bände einer illustrierten Zeitschrift aus diesen Jahren, die nun meine Lieblingslektüre
wurden. Nicht lange dauerte es, und der große Heldenkampf war mir zum größten inneren Erlebnis geworden. Von nun an schwärmte ich mehr und mehr für alles, was irgendwie mit Krieg oder doch mit Soldatentum zusammenhing.
” (13)

Die Faszination für alles Militärische, die ihm sein ganzes Leben bleiben sollte, hatte begonnen. Die Nachbarn in Leonding waren es gewohnt, Adolf und seine Gefährten den ganzen Tag und die Nacht Krieg spielen zu sehen, den Jungen mit der charakteristischen Haarlocke als Anführer.

Dieses Jahr, das mit Edmunds Tod so verhängnisvoll begonnen hatte, brachte Adolf im Herbst noch weitaus mehr Schwierigkeiten. Im September 1900 war er an die Unterrealschule in Linz gewechselt. Vergleichbar mit einer technischen Realschule, war es eine vierjährige Schule mit Nachdruck auf Naturwissenschaften, Mathematik und moderne Sprachen, die ihre Schüler auf Karrieren in modernen Industriebereichen wie dem Ingenieurwesen, Design oder Produktion vorbereitete. Es war eine Zubringerschule für Industrie und Handel, nichts für angehende Studenten. Für solche Schüler gab es in Österreich wie in Deutschland das Gymnasium, an dem die angehenden Akademiker in einem klassischen Lehrplan ausgebildet wurden, der auch Latein und Griechisch umfasste. Die Realschule bot keine alten Sprachen oder Kurse in Philosophie an; sie unterrichtete die Kinder der Kleinbürger in praktischen Fächern.

Wie es sich so im Allgemeinen anfühlte, Schüler einer zeitgenössischen österreichischen Schule zu sein, erzählt uns Stefan Zweig, der sich an seine Tage in einem Gymnasium in Wien erinnert.

Nicht, dass unsere österreichischen Schulen an sich schlecht gewesen wären. Im Gegenteil, der sogenannte ›Lehrplan‹ war nach hundertjähriger Erfahrung sorgsam ausgearbeitet und hätte, wenn anregend übermittelt, eine fruchtbare und ziemlich universale Bildung fundieren können. Aber eben durch die akkurate Planhaftigkeit und ihre trockene Schematisierung wurden unsere Schulstunden grauenhaft dürr und unlebendig, ein kalter Lernapparat, der sich nie an dem Individuum regulierte und nur wie ein Automat mit Ziffern ›gut, genügend, ungenügend‹ aufzeigte, wie weit man den ›Anforderungen‹ des Lehrplans entsprochen hatte. Gerade aber diese menschliche Lieblosigkeit, diese nüchterne Unpersönlichkeit und das Kasernenhafte des Umgangs war es, was uns unbewusst erbitterte. Wir hatten unser Pensum zu lernen und wurden geprüft, was wir gelernt hatten; kein Lehrer fragte ein einziges Mal in acht Jahren, was wir persönlich zu lernen begehrten, und just jener fördernde Aufschwung, nach dem jeder junge Mensch sich doch heimlich sehnt, blieb vollkommen aus. (14)

Es war das übliche Verfahren in der damaligen Zeit, dass der Vater des Schülers die Art der Einrichtung auswählte, in der er seinen Nachwuchs nach Abschluss der Grundschule einschrieb, und es überrascht nicht, dass Alois sich für die praxisorientiertere Realschule anstelle des klassischen Gymnasiums entschied; vielleicht in der Hoffnung, dass dessen zweckmäßigere Ausbildung die Bereitschaft des Jungen, die Karriere eines Beamten zu verfolgen, positiv verändern würde.

Die Tugenden des öffentlichen Dienstes waren im Hitlerhaushalt geradezu sprichwörtlich. Es erschien notwendig und sinnvoll, ein Kind auf die Bürokratie vorzubereiten, fast so wie einst edle Söhne für Armee und Kirche bestimmt waren. Doch als die eigentliche Entscheidung getroffen werden musste, stieß der alte Mann auf unerwarteten Widerstand. Ein schwerer Konflikt zwischen Vater und Sohn brach aus, weil sich der Junge weigerte, an Alois’ Plänen mitzuwirken. Er behauptete, er habe kein Interesse am Leben eines Beamten und nichts, was sein Vater durch Befehle oder Schmeicheleien zu vermitteln suchte, änderte des Jungen Standpunkt. Der Kampf zwischen Vater und Sohn wurde immer ernster. Alois wurde immer bitterer und unnachgiebiger. Und Adolfs ganze Lebensweise änderte sich grundlegend.

Während der Jahre in der Realschule (1900-1905) erwies er sich als einsamer, ärgerlicher und unkooperativer Jugendlicher, der seine häuslichen Pflichten nur mürrisch erfüllte und in der Schule scheiterte. Nachdem er noch in der Volksschule ein hervorragendes Zeugnis erzielt hatte, rutschte er von einem mittelmäßigen Semester zum nächsten, entweder scheiterte er komplett (1900-1901) oder schaffte das Jahr nur mit Mühe. Die ganze Erfahrung beeinflusste seine spätere Entwicklung sehr. Sie versperrte ihm den Weg zur Hochschulbildung und hinterließ ein gerüttelt Maß an unglücklicher Verwirrung und Ressentiments über sich selbst, seine Familie und seine Zukunft. (15)

Die meisten seiner Schulzeugnisse dieser Jahre sind erhalten geblieben. Sie sind für den Außenstehenden manchmal verwirrend, daher hier ein Link zu einer Zusammenfassung in Englisch.

Fortsetzung folgt …


(10) (13) Adolf Hitler, Mein Kampf, online verfügbar, S. 3 – 4, S. 4

(11) Toland, John, Adolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6 (pbk)., S. 12

(14) Zweig, Stefan, The World of Yesterday, T & L Constable, Edinburgh, 4th Ed., 1947 (pbk.), S. 34

(15) Smith, Bradley, F., Adolf Hitler – Family, Childhood and Youth, Hoover Institution Press 1979, ISBN 0-8179-1622-9 (pbk.), S. 70 – 71


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Die Kindheit eines Kleinbürgers

Adolf Hitler als Schuljunge 1899

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Gnothi Seauton

(Erkenne Dich Selbst)

Das Orakel von Delphi


Die Kindheit Adolf Hitlers

Hiermit betritt unser Protagonist die Bühne und einige einführende Bemerkungen sind angebracht. In den verfügbaren Quellen zu Hitlers Kindheit und Jugend gibt es wenig, was nicht im Laufe der Zeit interpretativen Bemühungen zur Förderung der einen oder anderen psychologischen oder politischen Theorie unterworfen wurde. Ian Kershaw stellte fest, dass…

Die historischen Aufzeichnungen aus Adolfs frühen Jahren sind sehr spärlich. Sein eigener Bericht in “Mein Kampf” ist in Details höchst ungenau und in der Interpretation zweifelhaft. Nachkriegserinnerungen von Familienangehörigen und Bekannten sind mit Vorsicht zu genießen und bisweilen so zweifelhaft wie die Versuche des Dritten Reiches selbst, die Kindheit des künftigen Führers zu verherrlichen. In der Behandlung der für Psychologen und „Psychohistoriker“ so wichtigen jugendlichen Prägezeit muss man sich der Tatsache stellen, dass es nur wenig gibt, was nicht durch nachträgliche Interpretationen möglicherweise verfälscht wurde. (1)

Dass das früh vertraute Umfeld der Kindheit und die Erfahrungen von Jugend und Adoleszenz für die Ausformung des erwachsenen Geistes von größter Bedeutung sind, ist eine Selbstverständlichkeit, doch auch im Hinblick auf die Grundlagen des Familienlebens von Adolf Hitler muss vieles der Spekulation überlassen bleiben. Ian Kershaw zum Beispiel kommt zu einer wesentlich kritischeren Beurteilung des Vaters Alois Hitler als viele frühere Biographen – die Frage ist natürlich, was er wohl von einem österreichischen Zollbeamten in einem Zeitalter des autoritativen Nationalismus erwartete?

Klara und Alois Hitler, die Eltern

Das Familienleben verlief jedoch alles andere als harmonisch und glücklich. Alois war ein archetypischer Provinzbeamter – pompös, stolz auf seinen Status, streng, humorlos, sparsam, pedantisch pünktlich und pflichtbewusst. Er wurde von der örtlichen Gemeinde zwar mit Respekt betrachtet, aber sowohl bei der Arbeit als auch zu Hause hatte er oft schlechte Laune und sein Zorn konnte unvorhersehbar aufflammen. … Er interessierte sich wenig für die Erziehung seiner Familie und war im Allgemeinen außerhalb des Hauses glücklicher als innerhalb. (2)

Unser Wissen über die frühe Angelegenheiten der Familie Hitler erfuhr eine umfangreiche und unerwartete Verbesserung, als Anton Joachimsthaler 1989 in München sein Werk “Korrektur einer Biographie – Adolf Hitler 1908-1920” veröffentlichte. [FN1] Er präsentierte viele bisher unbekannte oder schwer zu findende Dokumente, ausgegrabene Polizeiakten, persönliche Briefe, Gemälde und Zeichnungen, Fotografien von Hitlers Kriegs- und Nachkriegsfreunden, Berichte über ihre Aktivitäten und vieles mehr. Von besonderer Bedeutung sind militärische und zivile Dokumente aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die darauf hindeuten, dass Hitler seine politischen Überzeugungen eben nicht, wie er in „Mein Kampf“ behauptete und einige Historiker unachtsamerweise ohne Nachprüfung übernommen haben, vor dem Krieg in Wien, sondern erst in der Münchner Nachkriegszeit entwickelt hat, und zweitens, dass seine anfänglichen politischen Sympathien in dieser Ära möglicherweise den Sozialdemokraten gehört hatten. Diese interessanten Entdeckungen werden in ihrem jeweiligen Kontext diskutiert.

[FN1] Im Jahr 2000 präsentierte er eine erweiterte Version, “Hitlers Weg begann in München“, die zusätzliche Dokumentationen lieferte. Siehe Bibliographie für Details.

Die meisten Funde von Joachimsthaler beziehen sich zwar auf Hitlers Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg in München, aber einige sind sehr relevant für sein früheres Leben. Anton Joachimsthaler veröffentlichte beispielsweise das im vorigen Kapitel behandelte “Legalisirungs-Protokoll” von Alois Hitler, und es wird noch einige Hinweise auf seine Arbeit geben, bevor wir Adolf Hitler nach München folgen.

Baby Adolf

An diesem Punkt unseres Berichts wird Baby Adolf zwei Tage nach seinem Eintritt in diese Welt von Pater Ignaz Probst in der katholischen Kirche von Braunau getauft. Sein Name wurde als Adolfus Hitler angegeben und ist so auf der Geburtsurkunde vermerkt. Die Familie hat, soweit wir wissen, ihr recht bequemes Leben im Gasthaus Pommer wieder aufgenommen. Es scheint, dass Klara, die vom Zimmermädchen zur Krankenschwester, von der Krankenschwester zur Geliebten und von der Geliebten zur Frau befördert wurde, sich den neuen Umständen gut anpasste. Anfangs hatte sie ihren Ehemann weiterhin als „Onkel“ angesprochen und blieb eine Zeit lang schüchtern. Aber schließlich fand sie Zufriedenheit in ihren häuslichen Pflichten, in ihrer Hingabe an die älteren Stiefkinder Alois Jr. und Angela und in der Sorge um die jüngeren, die in regelmäßigen Abständen eintrafen. Der frühe Tod ihrer ersten Kinder Gustav und Ida verursachte jedoch eine Krise im Haushalt, und Klara brauchte einige Zeit, um die aufeinanderfolgenden Tragödien zu überwinden. Sie wurde zwei Jahre lang nicht schwanger, bis in den Herbst 1888.

Alois’ Arbeitsplatz, an der Zollstation der Braunauer Innbrücke

Alois’ Leben drehte sich sehr um die üblichen Plätze: die Zollstation am Flussufer, die Gasthäuser und die Bienenstöcke, die sein Hobby seit seiner Kindheit waren. Er setzte seine Arbeit mit gutem Erfolg fort und wurde 1892, als Adolf drei Jahre alt war, wiederum befördert. Die Familie zog zu seinem nächsten Dienstort, Passau, fünfzig Meilen flussabwärts.

Passau im Jahre 1892

Der Wohnortwechsel sollte einen tiefgreifenden Einfluss auf den jungen Adolf ausüben. Braunau war eine verschlafene Grenzstadt in der Provinz, die der deutschen Geschichte nur eine winzige Fußnote geschenkt hatte. Während der Napoleonischen Kriege wurde der Buchhändler Johannes Palm in Braunau von französischen Truppen hingerichtet, weil er eine kritische Abhandlung über den französischen Kaiser geschrieben hatte. Das Traktat trug den Titel “Deutschland in der Stunde seiner tiefsten Demütigung“; Napoleon nahm Anstoß und der Autor wurde füsiliert. Die Hinrichtung blieb ein Fixpunkt deutschnationaler Beschwerlichkeiten und wurde bis 1870/71 mit Gusto in Erinnerung behalten.

Die ehemalige Reichsstadt und Bischofssitz Passau dagegen hatte ein anderes Kaliber. Im Mittelalter hatte ein Fürstbischof von Passau am Zusammenfluss von Inn und Donau über den wichtigen Markt, das Bistum und den Landkreis geherrscht; prächtige Kirchen, Burgen und Schlösser zeugten von den ruhmreichen Tagen der Stadt. Obwohl Passau am deutschen Ufer des Flusses und der Grenze lag, befand sich die österreichische Zollinspektion nach übereinstimmender Disposition der beiden Regierungen auf deutschem Gebiet – wo die Gasthöfe durch einen günstigen Zufall nachts eine Stunde länger offen hatten.

Für die Familie im Allgemeinen und für Alois im Besonderen schien die Versetzung nach Passau jedoch nicht nur vorteilhaft gewesen zu sein. Alois hatte siebzehn Jahre in Braunau gelebt, wo er zwei Frauen beerdigt und eine Zuneigung für die Kleinstadt entwickelt hatte. Hinzu kam, dass er im kleinen Braunau notwendigerweise ein größerer Fisch war als im viel größeren Zollamt in Passau, und dass die Position in Passau nur eine vorläufige Ernennung war, abhängig von der zukünftigen Bestätigung seiner Vorgesetzten.

Nur für das jüngste Familienmitglied, den dreieinhalbjährigen Adolf, war die neue Stadt wohl ein voller Erfolg. Er befand sich in jenem beeinflussbaren Alter, in dem ein Kind zum ersten Mal sein Zuhause verlässt und sich durch die ersten Eindrücke der neuen Umgebung, den Anblick der Gebäude und den Klang der Sprache unweigerlich verändert. Adolf Hitler würde für den Rest seines Lebens den in Passau gesprochenen niederbayerischen Dialekt sprechen. Später bestand er darauf, dass er sich seit seiner Zeit in Passau immer mehr als Deutscher statt als Österreicher fühlte und der kulturelle und historische Stammbaum der Altstadt bei ihm sicherlich einen stärkeren Eindruck hinterließ als das verschlafene Braunau. Wahrscheinlich verbrachte er zwei unbeschwerte Jahre in Passau.

Als er fast fünf Jahre alt war, brachte seine Mutter einen weiteren Sohn zur Welt, Edmund. Nur eine Woche später wurde der Vater, der die Erwartungen seiner Vorgesetzten offensichtlich erfüllt hatte, wiederum befördert und erneut versetzt: von der vorläufigen Stelle an der deutschen Grenze zu einem neuen ständigen Posten in der Landeshauptstadt Linz. Wegen des kleinen Edmund blieb der Rest der Familie ein weiteres Jahr in Passau, was Adolf, von väterlicher Aufsicht befreit, viele Möglichkeiten gab, in der Stadt herumzutollen. Er genoss zwölf Monate Freiheit, und vielleicht war es diese malerischen Stadt, beherrscht von Gebäuden im gotischen, barocken und Renaissancestil, die sein lebenslanges Interesse an Architektur weckte. Da er noch nicht in der Schule war, war die Zeit sein Freund.

Außerdem hatte er seine Mutter für sich, als die älteren Geschwister in die Schule mussten. Nicht nur die Freudsche Fraktion der Psychologen hat sich ausführlich zu Hitlers Hingabe an seine Mutter und Feindseligkeit gegenüber seinem Vater geäußert. Hitler war sich seiner Gefühle bewusst und dachte nie daran, sie zu verbergen. Alle Quellen stimmen darin überein, dass er bis in die letzten Tage seines Lebens stets Fotos seiner Mutter bei sich trug. Im Kessel des letzten russischen Angriffs auf Berlin im April 1945, mehr als fünfzig Jahre später, blieb ein gerahmtes Foto seiner Mutter die einzige Dekoration des Schlafzimmers in seinem Bunker. Von seinem Vater sprach er mit Wut oder Verachtung.

Wie es zu erwarten war, wurde von verschiedenen Seiten argumentiert, dass die Fixierung auf seine Mutter als unerreichbares Ideal der Weiblichkeit seine zukünftigen Beziehungen zu Frauen zerstöre; dass er unbewusst jede andere Frau mit seiner Mutter verglich und sie folglich alle als mangelhaft empfand. Eine verwandte Theorie besagte, dass er, unfähig diese Frustration zu überwinden, homosexuelle Tendenzen entwickeln würde. Diese Theorie verwechselt vielleicht seine Freundschaft mit Erich Röhm und dessen Vorliebe für junge und schlanke SA-Männer mit faktischer Authentizität. Jedenfalls stützen keine Tatsachen die Theorie. Hitlers erwachsenes Liebesleben war, soweit es in diesem Bericht zum Ausdruck kommen wird, weniger von seinen tatsächlichen Gefühlen für die jungen Damen selbst bestimmt, sondern von seinen Funktionen als Revolutionär, Parteiführer, Kanzler und Kriegsherr, die den Großteil seiner Zeit in Anspruch nahmen. Hitler lernte viele Frauen kennen, und einige waren wohl seine Geliebten, von denen er zuletzt eine heiratete. Die meisten werden jedoch am besten als seine „Fans“ beschrieben, leidenschaftliche Unterstützer seiner Sache und Person, Prominente wie Winifred Wagner, Unity Mitford oder Helene Hanfstängl, die ihm viele Gefälligkeiten erwiesen und ihn in die Salons der „besseren Gesellschaft“ einführten. Später in seinem Leben durchlief er eine etwas tragische Liebesbeziehung, die an der relevanten Stelle besprochen wird. Offensichtlich stimmt die Beobachtung, dass er deutsche Frauen in einem Maße zu seiner Unterstützung mobilisieren konnte, wie sie keinen anderen Politiker vor ihm unterstützt hatten, aber andererseits wissen wir nicht, wie viel dieser Unterstützung auf erotischen oder mütterlichen Instinkten beruhte. Die Stimmen der Frauen waren jedoch eine der Säulen seines späteren Erfolgs.

Als die Familie 1895 dem Vater nach Linz folgte, ging Adolfs unbeschwertes Leben zu Ende. Sein Vater übte Kindeserziehung nach den Maßstäben des autoritätsgläubigen Österreichs aus und orientierte sich in seiner Pädagogik am Rohrstock – wie es der Sitte der Zeit entsprach. Sein strenger Charakter kollidierte leicht und regelmäßig mit den Unvollkommenheiten, die er im Verhalten seiner beiden Söhne zu beobachten glaubte. Ab dem Frühjahr 1895 hatte Alois, nachdem er beschlossen hatte, sich vom Zoll seiner Majestät zurückzuziehen und die meiste Zeit im Haus der Familie zu verbringen, noch wesentlich mehr Gelegenheit, das Verhalten seiner Kinder pädagogisch zu verbessern. Vater und Söhne kollidierten also noch häufiger. Alois kaufte sodann einen Bauernhof, das Rauschergut, etwa fünfzig Kilometer südwestlich von Linz in dem kleinen Dorf Hafeld in der Gemeinde Fischlham bei Lambach in Oberösterreich. (3)

Rauscherhof

Hafeld war ein winziger Weiler mit etwa zwei Dutzend Häusern und beherbergte vielleicht hundert Seelen. Wenn man sich an die hügeligen Schauplätze von „The Sound of Music“ erinnert, hat man einen guten Eindruck davon, wie die Siedlung ausgesehen haben muss. Das subalpine Dorf hoch oben auf einem Bergkamm, zwischen Bäumen, Obstgärten und Wiesen, beherbergte auf einem sanften Aufstieg die neun Hektar große Farm von Alois. Das Haus, das als “Rauschergut” bezeichnet wurde, war hübsch und massiv und leicht abfallend angelegt – Kalifornier würden es wohl Split-Level nennen – und besaß einen kleinen Apfelgarten, Ställe für Kühe und Pferde und auch diese großartige Voraussetzung für eine Kindheit auf dem Bauernhof, einen Heuboden. Ein munteres Bächlein rundete das Bild ab.

Fischlham – Kirche

Dennoch, es gab es ein Problem. Alois war wohl von seinem Wesen her ein Bauer; er war ein leidenschaftlicher Imker, liebte die physische Seite der Landwirtschaft und die Haltung von Tieren. Aber ihm fehlte der grüne Daumen, oder vielleicht taugte der Boden nichts. Eine Theorie hat behauptet, dass sein Rücktritt aus dem öffentlichen Dienst weniger als freiwillig war, aber nichts in den Akten stützt dies. Er trat mit vollem Rentenanspruch in den Ruhestand ein, und nichts lässt darauf schließen, dass er alles andere als ein angesehener Mann war – kein Hinweis darauf, dass der Umzug nach Hafeld Hintergedanken gehabt haben könnte. Aber bald gefährdete ein weiterer Faktor außerhalb der väterlichen Erziehungsmethoden die Idylle seines jüngeren Sohnes: Die Einschulung, in seinem sechsten Lebensjahr, stellte Adolf vor eine neue Herausforderung.

Volksschule Fischlham

Ab September 1895 mussten Adolf und Angela die winzige Volksschule im fünf Kilometer entfernten Fischlham besuchen. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde Adolf dadurch von seiner Mutter und den Dorfkindern, die seine Spielkameraden waren, getrennt. Adolf und Angela mussten jeden Tag zur Schule und zurück laufen – etwa eine Stunde lang bei schönem Wetter, aber viel länger im Winter. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahl war die Schule in Fischlham in nur zwei Klassen unterteilt, eine für die Jungen und eine für die Mädchen.

Einer der Lehrer, Herr Mittermaier, erinnerte sich an die Kinder im Allgemeinen als Schüler der Schule und an Adolf im Besonderen, weil er einer seiner Klassenschüler war. Er könne sich viele Jahrzehnte später noch gut daran erinnern, dass beide den Inhalt ihrer Rucksäcke in „vorbildlicher Ordnung“ bewahrten und dass Adolf „mental sehr wachsam, gehorsam, aber lebhaft“ gewesen sei. (4)

Im ersten Jahr erhielt Adolf die besten Noten für sein “Betragen“, etwas, wofür er später nicht wirklich bekannt war. In „Mein Kampf“ erinnerte er sich:

In dieser Zeit bildeten sich mir wohl die ersten Ideale. Das viele Herumtollen im Freien, der weite Weg zur Schule, sowie ein besonders die Mutter manchmal mit bitterer Sorge erfüllender Umgang mit äußerst robusten Jungen, ließ mich zu allem anderen eher werden als zu einem Stubenhocker. Wenn ich mir also auch damals kaum ernstliche Gedanken über meinen einstigen Lebensberuf machte, so lag doch von vornherein meine Sympathie auf keinen Fall in der Linie des Lebenslaufes meines Vaters. Ich glaube, dass schon damals mein rednerisches Talent sich in Form mehr oder minder eindringlicher Auseinandersetzungen mit meinen Kameraden schulte. Ich war ein kleiner Rädelsführer geworden, der in der Schule leicht und damals auch sehr gut lernte, sonst aber ziemlich schwierig zu behandeln war. (5)

In der Tat scheint diese Passage direkt von Herzen geschrieben worden zu sein. Wenn sie zutrifft, könne dies beweisen, dass er bereits als Junge in der Lage war, seine eigenen Ideen zu beschreiben und zu verteidigen. Die Quellen sind sich einig, dass er ein Rädelsführer war, egal ob es sich um Cowboys und Indianer oder Buren gegen Engländer handelte, ein Junge, der mit seinem Mundwerk schieren Terror verbreitete und nichts als Unfug im Kopf hatte. Für den älteren Sohn, Alois Jr., war Hafeld ein raues Umfeld. Die Nähe des dörflichen Lebens führte zu häufigen Auseinandersetzungen mit seinem Vater. Alois Sr. arbeitete jeden Tag viele Stunden lang, aber der karge Boden belohnte seine Arbeit nicht und verursachte ihm Frustrationen, die sich nur allzu schnell in Ärger verwandelten. Außerdem hatte Klara im Herbst 1898 die kleine Paula zur Welt gebracht, und der Haushalt bestand jetzt aus fünf Kindern. Die finanzielle Schieflage der Farm verbesserte die Geduld des Vaters keineswegs.

Seitdem er seinen Beruf aufgegeben hatte, war Alois auf dem Bauernhof und im Dorf höchst präsent und führte seine Familie mit strenger und unnachsichtiger Autorität. In Bezug auf körperliche Bestrafungen stimmen die Quellen jedoch nicht überein. Die beiden Söhne beklagten sich über die Schläge, die der Vater angeblich “mit einer Nilpferdpeitsche” verübte, wie Adolf sagte. (6) Auf der anderen Seite behauptete Josef Mayrhofer, der die Familie gut kannte, dass Alois Bellen schlimmer war als sein Beißen. Wir müssen uns hier vor Augen halten, dass damals Schläge – in liberalen Mengen und mit häufigen Wiederholungen – als disziplinarisches Allheilmittel galten und im Empfänger Moral, Gehorsam und Charakter verbessern sollten.

Alois Jr. behauptete, dass die Bestrafungen unabhängig von Ursache und Wirkung in unregelmäßigen Abständen erfolgten, was darauf hindeuten würde, dass Alkohol eine Rolle spielte. Manchmal, sagte er, habe es auch Schläge für Adolf oder den Hund gegeben, und er behauptete, dass auch Klara gelegentlich dem Grimm ihres Mannes zum Opfer gefallen sei. Wenn solche Szenen wirklich passiert sind, hatten sie möglicherweise starke psychologische Auswirkungen auf den jungen Adolf. Alois Jr. charakterisierte seinen Vater wie folgt:

Er war von Kindheit an herrisch und wütend und hörte auf niemanden. Meine Stiefmutter unterstützte ihn immer. Er hatte die verrücktesten Ideen und setzte sie durch. Wenn ihm jemand widersprach, wurde er sehr wütend. … Er hatte keine Freunde, traute niemanden und konnte sehr herzlos sein. Er konnte über jede Kleinigkeit in Wut geraten.“ (7)

Der ältere Sohn behielt jedoch seinen eigenen Kopf und pflegte seine Meinung zu verteidigen. „Nach heftigen Kämpfen mit seinem Vater verließ der vierzehnjährige Alois Jr. das Haus in Hafeld und wurde enterbt.“ (8) Das Haus der Familie blieb jedoch nicht der einzige Ort, an dem Alois Jr. Schwierigkeiten hatte. Vier Jahre später, im Jahr 1900, wurde er verhaftet, wegen Diebstahls verurteilt und zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Ein weiteres solches Urteil erhielt er später nochmals, diesmal für acht Monate. Wie sein Großvater Johann Georg Hiedler wurde er zum Landstreicher und verdiente sich magere Löhne als Kellner in verschiedenen Ländern: von Österreich nach Deutschland, von Deutschland nach Frankreich und von Frankreich 1909 nach Irland. Dublin konnte ihn jedoch auch nicht länger halten als andere Städte, und im folgenden Jahr, 1910, finden wir ihn in Liverpool, wo er Inhaber eines kleinen Restaurants wurde.

In dieser Stadt heiratete er das dralle irische Mädchen Elizabeth Dowling, die ihm einen Sohn gebar, den er William Patrick nannte. Anfang 1924 kehrte Alois Jr. nach Deutschland zurück, allerdings ohne seine Familie, die er möglicherweise als eine unnötige Bürde ansah. Er ließ sich in Hamburg nieder, doch die alte Hansestadt ließ nicht mit sich spaßen: eine zweite Ehe, die ohne vorherige Scheidung von Elizabeth geschlossen wurde, brachte ihn erneut ins Gefängnis, diesmal wegen Bigamie, sechs Monate lang.

Paula Hitler

Nachdem die Karriere seines Halbbruders Adolf 1933 so richtig abgehoben hatte, materialisierte Alois in Berlin, wo er eine Bar mit Restaurant am Wittenbergplatz, in der Nähe des Nachtlebens der Stadt, eröffnete. Seine Kundschaft, die meisten von ihnen Nazis, SS- oder SA-Offiziere, war genauestens über seine familiären Beziehungen informiert. Ob diese hervorragenden Verbindungen nun halfen oder nicht, konnte zwar nicht genau festgestellt werden, aber die Kunden von Café Alois glaubten an sie und der Schuppen wurde ein Erfolg. Alois überlebte den Krieg und seinen Bruder, aber die Bekanntheit seines Familiennamens kam wohl ihm ungelegen, oder vielleicht waren einige seiner ehemaligen Ehefrauen hinter noch ausstehenden Unterhaltszahlungen her: jedenfalls änderte Alois Jr. seinen Namen in Hans Hiller und verschwand aus der Geschichte, obwohl er bis 1956 lebte. Adolfs jüngere Schwester Paula erwies sich als ein ruhiges und fügsames Mädchen. Sie stand nie im Rampenlicht, war nie verheiratet und lebte bis zu ihrem Tod 1960 völlig zurückgezogen.

Den Drang, seine Aufenthaltsorte und Wohnungen häufig zu wechseln, hatte Alois Jr. sicherlich von seinem Vater geerbt. Sein Freund August Kubizek erinnerte sich daran, was Adolf ihm einst über die Umzüge der Familie erzählt hatte:

Während seiner [Alois Sr.] Dienstzeit in Braunau wurden zwölf Adressänderungen verzeichnet; wahrscheinlich gab es sogar mehr. Während der zwei Jahre in Passau zog er zweimal um. Kurz nach seiner Pensionierung zog er von Linz nach Hafeld, von dort nach Lambach – zuerst im Leingarner Inn, dann in die Mühle der Schweigbacher Schmiede, also zwei Wechsel in einem Jahr – dann nach Leonding. Als ich Adolf kennenlernte, erinnerte er sich an sieben Umzüge und besuchte fünf verschiedene Schulen. (9)


Fortsetzung folgt …

(1) (2) Ian Kershaw, Hitler 1889 – 1936: Hubris, W.W. Norton & Company 2000, ISBN 0-393-32035-9 (pbk.), p. 11

(3) (8) Hamann, Brigitte, Hitler’s Vienna, 1st Ed. Oxford UP 1999, Tauris Parks 2010, ISBN 978-1-84885-277-8 (pbk.), p.8, 8

(4) (6) (7) Toland, John, Adolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6 (pbk.), p. 8,9,9

(5) Hitler, Adolf, Mein Kampf [German Edition], Eher Verlag, Munich 1924, p.3

(9) Kubizek, August, The Young Hitler I Knew, Arcade Books 2011, ISBN 978-1-61145-058-3 (pbk.), p. 54

Bibliographie:

Joachimsthaler, Anton, Korrektur einer Biographie, Langen Müller 1989, ISBN 3-7766-1575-3, und Hitler’s Weg begann in München 1913 – 1923, F.A. Herbig, München 2000, ISBN 3-7766-2155-9

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Eine Familie in Österreich …

… lebte, wohl respektiert, in Braunau am Inn …


The business of the Civil Service is the orderly management of decline.

William Armstrong


Im Jahr des Herrn 1889 feierte der österreichische Kaiser Franz Joseph seinen neunundfünfzigsten Geburtstag und den einundvierzigsten Jahrestag seiner Regierungszeit über das weite Reich von Österreich und Ungarn; als er 1916 starb, hatte er achtundsechzig Jahre lang über diesen Staat regiert. Sein Reich war riesig – es umfasste mehr als 180.000 Quadratmeilen oder etwa 450.000 Quadratkilometer. Die Domänen des Kaisers erstreckten sich in der Ost-West-Achse von Czernowitz an der Prut in der heutigen Ukraine bis nach Vorarlberg nahe der Schweizer Grenze und in der Nord-Süd-Achse von der Unterelbe bei Aussig bis nach Ragusa (Dubrovnik) in Südkroatien, zwei Drittel entlang der östlichen Adriaküste.

Ethnisch – und damit politisch – waren diese Gebiete jedoch hoffnungslos geteilt und zerstritten. Zur Rassenvielfalt der kaiserlichen Bevölkerung zählten Deutsche in Österreich, Ungarn und im Sudetenland; Tschechen in Böhmen und Mähren; Slowaken im Osten; Polen in Westgalizien und Ruthenen, also katholische Ukrainer, im östlichen Teil davon; Magyaren in Ungarn und Siebenbürgen mischten sich mit einigen weiteren Deutschen und Rumänen; Slowenen, Friaulern und Italienern südlich der Julischen Alpen; und schließlich Kroaten, Bosnier, Albaner, Montenegriner und Serben im und um das Balkangebirge.

Ethnolinguistische Karte ca. 1900

Alle diese Gruppen kämpften unaufhörlich, aber größtenteils ineffektiv und sich gegenseitig paralysierend, um Posten, Repräsentation und Einfluss im Reich und an seinem Hof, während eine bemühte Zivilverwaltung mit der tatsächlichen Regierung der Menge beschäftigt war. Die außergewöhnlich lange Regierungszeit von Franz Joseph trug wesentlich zur Verknöcherung der kaiserlichen Strukturen bei, die – angesichts der Ehrfurcht der Habsburger vor ihrer Tradition – gelinde gesagt konservativ waren und blieben, vormodern, geradezu reaktionär.

Doch äußerlich schienen die Dinge für die Ewigkeit gebaut zu sein. Stefan Zweig, einer der bekanntesten Söhne Wiens, beschrieb die besondere Atmosphäre von Stadt und Land:

Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt. Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wusste, wie viel er besaß oder wie viel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wie viel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verlässlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wusste, wie viel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wusste man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.

Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran; das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die künftige Mitgift. Schließlich organisierten sich sogar die Arbeiter, eroberten sich einen normalisierten Lohn und Krankenkassen, Dienstboten sparten sich eine Altersversicherung und zahlten im Voraus ein in die Sterbekasse für ihr eigenes Begräbnis. Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoss mit gutem Gefühl die Gegenwart.

In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telefons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr musste das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein. (1)

Dieser friedliche Zustand der Glückseligkeit umfasste jedoch nicht notwendigerweise alle Schichten und das gesamte Reich. Das neue Zeitalter hatte Anarchisten und Sozialisten hervorgebracht und über den Status der verarmten Landbevölkerung gab es nicht viel Gutes zu berichten. Recht und Ordnung wurden jedoch im Allgemeinen hochgeschätzt, um die Sicherheit und Kontinuität der Gesellschaft zu gewährleisten, die sie implizierten. In diese Welt der Ordnung wurde am Morgen des 7. Juni 1837 ein unehelicher Sohn, den sie Alois nannte, der Bäuerin Maria Anna Schicklgruber im Weiler Strones im österreichischen Waldviertel geboren.

Das Waldviertel war eines der Nebenschauplätze der österreichischen Monarchie, ein hügeliges Land der Bauerndörfer und kleinen Bauernhöfe, und obwohl es nur etwa fünfzig Meilen von Wien entfernt ist, liegt über ihm eine etwas abgelegene und verarmte Luft, als ob die Hauptströmungen des österreichischen Lebens daran vorbeigegangen wären.“ (2) Es liegt etwas nordöstlich von Linz bzw. nordwestlich von Wien; zwischen der Donau und der tschechischen Grenze in Richtung Brünn. Es ist ein Grenzgebiet und hat im Laufe der Jahrhunderte viele plündernde Armeen gesehen. Deutsche Stämme hatten das Land auf dem Weg zu den Schätzen und Versuchungen des Römischen Reiches durchquert, das die Römer „Noricum“ nannten, gefolgt von den Hunnen, verschiedenen Stämmen der Goten, den Ungarn und schließlich den Türken. Es hatte Armeen im Dreißigjährigen Krieg und in den Napoleonischen Kriegen gesehen; erst nach dem Wiener Kongress bedeckte ein Jahrhundert des Friedens seine sanften Hügel.

Waldviertler Bauern in ihrer typischen Tracht

Der Name “Hitler”, auch “Hidler”, “Hiedler”, “Hüttler”, “Hietler”, “Hytler” oder “Hittler” geschrieben, war einer der gebräuchlichsten Namen im Bezirk. Es ist bereits seit 1435 dokumentiert, als der Abt des Klosters Herzogenburg eine Urkunde ausarbeitete, die Hannsen Hydler und seiner Frau Eigentum in der Nähe von Raabs an der Thaya verlieh. (3) Die Etymologie des Namens weist auf eine mögliche Ableitung des deutschen Wortes „Heide“ hin, von der das Waldviertel voll war. Das gesamte Leben von Alois Hitler ereignete sich sodann in einem Umkreis von vielleicht 100 Meilen um Linz, der damaligen und jetzigen Landeshauptstadt von Oberösterreich.

Über Adolf Hitlers Großmutter väterlicherseits, Maria Schicklgruber, ist wenig bekannt. Das winzige Dorf Strones, in dem sie lebte, war viel zu klein, um eine eigene Gemeinde zu sein, und so musste Baby Alois in dem etwas größeren Dorf Döllersheim, ein paar Meilen nordwestlich, registriert werden. Es war allgemein bekannt, dass das Baby unehelich geboren wurde und daher streng genommen „illegitim“ war. Viele Theorien wurden später entwickelt und Erklärungen angeboten, in denen dieser Umstand angeblich die eine oder andere Rolle in Alois Hitlers Leben oder in dem seines Sohnes Adolf spielte, und sie sind alle Quatsch. Die Realität des Waldviertels diktierte, dass „Legitimität“ ein Konzept war, das sich die Bauern einfach nicht leisten konnten und das in ihrem täglichen Leben keine Auswirkungen hatte. „Illegitimität“ könnte wohl ein erhebliches Problem für einen Thronfolger oder den potenziellen Eigentümer eines Grundstücks oder Geschäfts gewesen sein, nicht aber für Landarbeiter und Erntehelfer. Es war ein weit verbreitetes Vorkommen, und es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Alois jemals unter einem echten oder eingebildeten Stigma litt, das damit verbunden wäre. Es gab kein Reich, das Alois erben konnte, und sein Sohn eroberte die seinigen, ohne Gerichte zu fragen.

Die Ruinen von Strones

Eine weitere politisch motivierte Theorie wurde in den frühen 1930er Jahren über Adolf Hitlers unbekannten Großvater väterlicherseits verbreitet. Gerüchten zufolge war Alois der uneheliche Sohn eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns aus Graz namens Frankenberger oder Frankenreither, der Maria verführt hatte, welche als Dienstmagd in seinem Haushalt arbeitete – in einer Variation des Themas war der Sohn des Kaufmanns der Übeltäter und sein Vater bezahlte für den Unterhalt von Magd und Kind.

Eine solche Geschichte wäre natürlich ein Fest für Hitlers politische Feinde gewesen. Nachdem im deutschen Reichstagswahlkampf 1930 einige österreichische Zeitungen solche Berichte veröffentlicht hatten, tauchten die Vorwürfe verstärkt auf, als Hitler 1932 für das Amt des deutschen Reichspräsidenten gegen Hindenburg kandidierte. Schließlich schickte Hitler seinen Rechtsberater Hans Frank zur Untersuchung. Dem Anwalt wurde mitgeteilt, dass der neunzehnjährige Sohn eines Grazer Herrn Frankenberger der Täter war, dessen Vater Fräulein Schicklgruber angeblich vierzehn Jahre lang Unterhalt gezahlt hatte; eine Abweichung der Geschichte identifizierte Herrn Frankenberger und seinen lustvollen Sohn als wohnhaft in Linz, nicht Graz. In beiden Städten gab es jedoch keine Spur von Beweisen oder von Zahlungen, und daher starb die Geschichte langsam. Nachforschungen in den österreichischen und jüdischen Aufzeichnungen von Graz und Linz, die nach 1945 durchgeführt wurden, ergaben schlüssig, dass sich vor den 1860er Jahren, 20 Jahre nach Alois’ Geburt, in keiner der beiden Städte jüdische Familien niederlassen durften. Es gab auch überhaupt keine Frankenberger oder Frankenreiter, und so geriet die Geschichte endgültig in Vergessenheit (Update: Artikel aus dem “Focus”, 12. 08. 2019).

Angeblich Alois’ Geburtshaus
Weitra

Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte Alois Schicklgruber in Strones mit seiner Mutter, die 1842 einen unregelmäßig beschäftigten Mühlenarbeiter namens Johann Georg Hiedler aus dem nahe gelegenen Weiler Spital bei Weitra heiratete. [FN1] Die Ehe scheint an ihrem Leben nicht viel geändert zu haben – das Ehepaar lebte in bitterer Armut, und nachdem Maria fünf Jahre später an Tuberkulose gestorben war und sich Johann Georg wieder der Landstreicherei widmete, ging das Kind in die Hände von Johann Georg Hiedlers Bruder Johann Nepomuk Hüttler aus Spital, Haus Nr. 36, über. In der Gemeinde gab es nachfolgend einiges an Klatsch: dem Tratsch zufolge war Johann Nepomuk, jetzt Vormund, der leibliche Vater des Jungen.

[FN1] Der Name „Spital“ ist eine verbreiteter Name für österreichische Dörfer und Städte, und die niederösterreichische Gemeinde Spital, die hier eine Rolle spielt, darf nicht mit der Kärntner Stadt Spital verwechselt werden, wohin z. B. die Historikerin Marlis Steinert Johann Nepomuk Hüttler veranlagt.

Niemand weiß, wer Alois’ Großvater wirklich war, und es ist möglich, dass Maria es selbst nicht wusste. Zu dieser Zeit und an diesem Ort waren die sexuellen Beziehungen zwischen Landarbeitern im Wesentlichen ungeregelt, unehelich geborene Babys kamen zahlreich und galten als willkommene Ergänzung der Erwerbsbevölkerung, falls sie die frühe Kindheit überlebten.

Interessanter als müßige Spekulationen über die Identität von Adolf Hitlers Großvater ist die Frage, warum die ursprüngliche Geburtsurkunde von Alois Schicklgruber im Sommer 1876 – als er bereits 39 Jahre alt war – geändert, manipuliert und gefälscht wurde. Was war in der Zwischenzeit passiert, das eine solche Handlung erklären würde?

Im Jahr 1850, im Alter von dreizehn Jahren, lief Alois von zu Hause weg, eine Tatsache, die einige Rückschlüsse auf die Umstände oder das Glück seiner Kindheit erlaubt. Er floh nach Wien, wo er schnell eine Anstellung als Schusterlehrling fand. Er beendete, soweit wir wissen, die vierjährige Regellehre und wurde Schuhmacher, gab diesen Beruf jedoch bald wieder auf und trat in den österreichischen Staatsdienst ein. Er bestand die Aufnahmeprüfung, was eine ziemliche Errungenschaft war, da er zu Hause kaum die Schule besucht hatte und wurde in die Zollabteilung der österreichischen Finanzverwaltung aufgenommen. Sohn Adolf beschrieb in „Mein Kampf“ die Ankunft seines Vaters in der österreichischen Hauptstadt wie folgt:

Als Sohn eines armen, kleinen Häuslers hatte es ihn schon einst nicht zu Hause gelitten. Mit noch nicht einmal dreizehn Jahren schnürte der damalige kleine Junge sein Ränzlein und lief aus der Heimat, dem Waldviertel, fort. Trotz des Abratens „erfahrener“ Dorfinsassen war er nach Wien gewandert, um dort ein Handwerk zu lernen. Das war in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ein bitterer Entschluss, sich mit drei Gulden Wegzehrung so auf die Straße zu machen ins Ungewisse hinein. Als der Dreizehnjährige aber siebzehn alt geworden war, hatte er seine Gesellenprüfung abgelegt, jedoch nicht die Zufriedenheit gewonnen. Eher das Gegenteil. Die lange Zeit der damaligen Not, des ewigen Elends und Jammers festigte den Entschluss, das Handwerk nun doch wieder auf-zugeben, um etwas „Höheres“ zu werden. Wenn einst dem armen Jungen im Dorfe der Herr Pfarrer als Inbegriff aller menschlich erreichbaren Höhe erschien, so nun in der den Gesichtskreis mächtig erweiternden Großstadt die Würde eines Staatsbeamten. Mit der ganzen Zähigkeit eines durch Not und Harm schon in halber Kindheit „alt“ Gewordenen verbohrte sich der Siebzehnjährige in seinen neuen Entschluss – und wurde Beamter. Nach fast dreiundzwanzig Jahren, glaube ich, war das Ziel erreicht. Nun schien auch die Voraussetzung zu einem Gelübde erfüllt, das sich der arme Junge einst gelobt hatte, nämlich nicht eher in das liebe väterliche Dorf zurückzukehren, als bis er etwas geworden wäre. (4)

Diese Worte müssen mit dem Wissen gelesen werden, dass Adolf Hitler zu seinem Vater nachweislich mit Gefühlen näher am Hass als an der Liebe stand, aber hier versucht er, ein Bild des Erfolgs zu zeichnen, das sich scharf von den Meinungen abhebt, die er privat oder an den Esstischen seines Hauptquartiers im Zweiten Weltkrieg von sich gab. Mehr als aus der polierten Erzählung über seinen Vater in „Mein Kampf“ können wir in Bezug auf das Glück der Familie, in der Adolf aufgewachsen ist, aus der Tatsache schließen, dass Alois ‘erster Sohn Alois Jr., Adolfs Halbbruder, das Elternhaus im selben Alter von dreizehn Jahren wie sein Vater verließ, um nie wieder zurückzukehren.

Die Stationen von Alois Schicklgrubers Aufstieg zu einer respektablen Position im Zolldienst – der höchsten, die er aufgrund seiner begrenzten Ausbildung erreichen konnte – folgten den vorhersehbaren Karrieremustern im öffentlichen Dienst. das heißt, sich durch die Dienstränge und über das ganze Land zu bewegen. Ursprünglich eingestellt als jüngst möglicher Bediensteter des österreichischen Finanzministeriums im Jahr 1855, wurde er relativ schnell befördert. Im Jahr 1861 finden wir ihn schon als Vorgesetzten in Saalfelden, Tirol, und 1864 als Assistenten im den größeren Zollamt von Linz. 1870 wurde er erneut nach Mariahilf verlegt, was ihm durch eine Beförderung zum Inkassoassistenten versüßt wurde. Ein Jahr später kam er in der kleinen Grenzstadt Braunau am Inn an, als Oberassistent; er mochte die kleine Stadt und blieb fast zwei Jahrzehnte dort. 1875 wurde er zum Hilfszollinspektor befördert. Seine Karriere war an sich nicht spektakulär, aber es war ein anständiger Aufstieg für einen Mann seiner Herkunft, und anscheinend dachte seine Familie genauso, als sie sich ein Prozedere ausdachten, um seine Respektabilität zu erhöhen.

Braunau am Inn – Marktplatz

Am 6. Juni 1876 besuchten Alois Hitler und drei seiner Freunde – Josef Romeder, einer der Schwiegersöhne von Johann Nepomuk Hüttler, Johann Breiteneder und Engelbert Paukh – den Notar Josef Penkner in der Kleinstadt Weitra, unweit von Alois’ Geburtsort Strones. Der Notar wurde beauftragt, für Alois ein „Legalisierung-Protokoll“ zu erstellen, ein nachträgliches Legitimationsprotokoll seiner Geburt. Die drei Freunde bestätigten, dass Johann Georg Hiedler, der Landstreicher (den sie gut gekannt hatten, sagten sie), ihnen zu verschiedenen Zeiten bezeugt hatte, dass er tatsächlich der leibliche Vater von Alois Schicklgruber war, welchen er plante, eines Tages zu legitimieren. Das Dokument wurde verfasst, die Zeugen unterzeichneten, aber aus einem ungeklärten Grund enthielt das Papier den neuen Familiennamen von Alois in der Form „Hitler“, nicht als „Hiedler“ oder „Hüttler“. Mit diesem Dokument bewaffnet, machte sich die Truppe am nächsten Morgen auf den Weg in die kleine Stadt Döllersheim, wo sie dem örtlichen Priester, Pater Josef Zahnschirm, einen Besuch abstatteten und einen „listigen Bauerntrick“ spielten. (5)

Döllersheim – Kirche und Friedhof

Aufgrund des notariellen Dokuments und möglicherweise einer Spende zum Kirchenvermögen erklärte sich Pater Zahnschirm bereit, einige Änderungen an Alois Schicklgrubers Taufprotokoll vorzunehmen. Die ursprüngliche Geburtsurkunde enthielt Leerstellen für den Namen des Vaters und im Feld für Bemerkungen. Die Lücken wurden nun mit „Georg Hitler. Cat(holisch), wohnhaft in Spital “ als Vater gefüllt und unter „Anmerkungen“ eingefügt:

Die unterzeichneten Zeugen bestätigen hiermit, dass der ihnen bekannte Georg Hitler die Vaterschaft des Kindes Alois, Sohn von Anna Schicklgruber, anerkannt und die Eintragung seines Namens in das Taufregister beantragt hat. +++ Josef Romeder, Zeuge, +++ Johann Breiteneder, Zeuge, +++ Engelbert Paukh, Zeuge.“ (6)

Legalisierungs-Protocoll von Notar Josef Penkner (Joachimsthaler, Anton, “Hitlers Weg begann in München 1913 – 1923”, Herbig-Verlag, ISBN 3-7766-2155-9, p. 15

Spekulationen über dieses Unternehmen gibt es zuhauf. Einige private Familienangelegenheiten haben möglicherweise eine Rolle gespielt. Gerüchte banden Johann Nepomuk Hüttler, der in Weitra und Döllersheim so auffällig abwesend gewesen war, in das Drama ein; “Es gab Dorfklatsch, dass Alois sein leiblicher Sohn war.” (7)

Das Nettoresultat der Geheimoperation war, dass Alois Schicklgruber jetzt Alois Hitler hieß. Pater Zahnschirm war eindeutig belogen worden, als ihm gesagt wurde, dass Johann Georg Hiedler noch am Leben sei, aber der Kirchenmann mag von Anfang an seine eigenen Gedanken über das Vorgehen gehabt haben – der Priester „vergaß“, die Änderungen zu datieren und zu unterschreiben. Der Höhepunkt des Stückes war die Registrierung der verbesserten Geburtsurkunde bei der nächstgelegenen österreichischen Kanzlei in Mistelbach. [FN2]

[FN2] Marlis Steinert verfolgte die nachträgliche Bestätigung des Betrugs durch die österreichische Regierung wie folgt: „Ein Briefwechsel zwischen dem Priester, der Gemeindeverwaltung und dem Finanzamt in Braunau bestätigte die rechtliche Validierung des Dokuments per matrimonium subsequens [aufgrund von Georgs Heirat mit Maria Anna fünf Jahre nach Alois’ Geburt], unter Berufung auf ein Dekret des Wiener Innenministeriums vom 12. September 1868, nachdem solche Legitimationen so weit wie möglich gewährt werden sollten.“ (9)

Der ehemals uneheliche Alois Schicklgruber war jetzt Alois Hitler, Beamter und Besitzer einer Uniform mit Goldknöpfen, und als er ein halbes Jahr nach Johann Nepomuk Hüttlers Tod einen Bauernhof für die stolze Summe von fünftausend Gulden in bar kaufte, sah die örtliche Gerüchtekontrolle ihre Schlussfolgerungen bestätigt.

Alois hatte in seinem Leben eine Reihe romantischer Verstrickungen durchgemacht und auch schon Erfahrungen mit der heiligen Ehe gesammelt. Er hatte im Oktober 1873 im Alter von sechsunddreißig Jahren zum ersten Mal geheiratet, obwohl es den Anschein hat, als habe er zu diesem Zeitpunkt bereits ein Kind aus einer anderen Beziehung gezeugt. (8) Jedenfalls schien die Ehe auch auf Gründen zu beruhen, die über reine Liebe hinausgingen: die Braut, Anna Glassl-Hörer, war die Tochter eines hochrangigen Finanzbeamten, eines Inspektors in der Tabakabteilung des Ministeriums, vierzehn Jahre älter als ihr Ehemann und von angeschlagener Gesundheit. Niemand wäre groß überrascht gewesen, wenn Status und Finanzen eine Rolle gespielt hätten.

Aufgrund der häufigen Wohnortwechsel hatte Alois es sich zur Gewohnheit gemacht, den größten Teil seines Lebens in Gasthäusern zu wohnen, und solche Unterkünfte brachten ihn täglich in Kontakt mit Kellnerinnen, Zimmermädchen, Wäscherinnen und Tabakmädchen, ob er es wollte oder nicht. Anscheinend machte es ihm nichts aus, und er besaß natürlich die wichtigste Voraussetzung für weibliche Aufmerksamkeit, einen festen Arbeitsplatz und damit ein festes Einkommen. Als Anna 1880 die Scheidung beantragte – vielleicht seiner Untreue überdrüssig – hatte er schon einige Zeit lang offen eine Affäre mit der Kellnerin des Gasthauses Streif geführt, einem Mädchen namens Franziska (Fanny) Matzelsberger.

Doch die Beziehung zu Fanny hinderte Alois anscheinend nicht daran, ein dringendes Bedürfnis nach einer zweiten Magd zu empfinden, und bald quartierte er ein weiteres junges Mädchen von sechzehn Jahren in seiner Mansarde unter dem Dach des Gasthauses ein; ein schlankes, attraktives Mädchen namens Klara Pölzl. Die Idee stieß auf die wütende Opposition von Franziska, die keinerlei Zweifel an den Arten von Dienstleistungen hatte, die Klara für Alois erbringen sollte, und es gelang ihr, die Konkurrenz schnell wegzuschicken. Zu gegebener Zeit gebar Franziska am 13. Januar 1882 einen Sohn von Alois Hitler, der Alois Junior getauft wurde. Als Anna, die inzwischen die Scheidungsurkunde erhalten hatte, im folgenden Jahr an Tuberkulose starb, stand es Alois frei, Franziska zu heiraten. Sie gebar Alois bald ein weiteres Kind, ein Mädchen namens Angela.

Alois’ Arbeitsplatz – die Zollstation an der Innbrücke

Zu dieser Zeit entschied sich Alois offiziell, die Vaterschaft der Kinder zu akzeptieren und ließ Alois Jr. und Angela legitimieren. Es war ein äußeres Zeichen seines Strebens nach Anerkennung und Respektabilität, was in dieser zutiefst autoritativen Gesellschaft zählte. Er hatte eine gute Karriere und Geld genug zum Ausgeben; er verdiente mehr als zum Beispiel der örtliche Schuldirektor. Er war in seinen „besten Jahren“ und liebte es, sich in Uniform fotografieren zu lassen. Was die Sympathien seiner Arbeitskollegen betrifft, bleiben Fragen offen. Eine Quelle beschreibt ihn als „starr und pedantisch“, doch wären dies Eigenschaften, die sein Arbeitgeber wohl forderte und die seinen Erfolg erklären könnten. In einem Brief an einen Cousin, der sich nach einem Job für seinen Sohn erkundigt hatte, zeichnete Alois das folgende Porträt von sich und seinem Beruf:

Lassen Sie ihn nicht glauben, dass der Finanzwach eine Art Spaß ist, denn dann wird er schnell desillusioniert werden.” Erstens muss er seinen Vorgesetzten auf allen Ebenen absoluten Gehorsam erweisen. Zweitens gibt es in diesem Beruf viel zu lernen, umso mehr, wenn er wenig Vorbildung hatte. Trinker, Schuldner, Kartenspieler und andere, die ein unmoralisches Leben führen, werden nicht berücksichtigt. Außerdem muss man bei jedem Wetter, Tag und Nacht, seinen Dienst versehen.“ (10)

Bezeichnenderweise umfasste Alois ‘Aufzählung „unmoralischer“ Lebensstile nicht zweifelhafte und möglicherweise illegale Kontakte zu Kellnerinnen und Zimmermädchen oder illegitime Babys. Bald jedoch erschien ein Schatten an seinem privaten Horizont. Kurz nach der Geburt von Angela entwickelte Franziska, genauso wie Anna, eine Tuberkulose und musste Braunau verlassen, um in der Bergluft Heilung zu suchen. Alois fand sich plötzlich mit zwei kleinen Kindern im obersten Stock des Gasthauses allein gelassen, und da ihn seine Laufbahn als Zollbeamter nicht auf die Betreuung von Kleinkindern vorbereitet hatte, reimportierte er Klara tout de suite, sobald Franziska die Stadt verlassen hatte. Klara Pölzl war eine die Enkelin von Johann Nepomuk Hüttler und damit auch eine Nichte von Alois, in welchem Zusammenhang die familiäre Nähe im Waldviertel wieder zu beobachten ist. Ein gutes Foto von Klara ist erhalten. Sie war groß und schlank, fast so groß wie ihr Ehemann, hatte sehr regelmäßige und attraktive Züge, die von braunem Haar eingerahmt waren; keine Schönheit, aber was in Frankreich als „Belle Laide“ bezeichnet wird, ein interessantes Mädchen. Der herausragende Aspekt ihres Gesichts waren sicherlich ihre voluminösen türkisfarbenen Augen. Nach allem das wir wissen, war sie ordentlich, einfach und liebevoll. Ihre Bildung war fast gleich Null, aber die Quellen stimmen auch darin überein, dass sie sich in der Öffentlichkeit korrekt benahm und keine Probleme mit der Rolle der Frau eines Zollbeamten hatte. Privat galt sie als effiziente Haushälterin, Köchin, Organisatorin und Krankenschwester für die Kinder.

Die Gemeinde in Braunau nahm sie ohne Bedenken auf, was doch etwas überraschend ist; es war schließlich eine dieser kleinen Städte, in denen sich die Nachbarn für alles interessieren, was sie absolut nichts angeht. Im Sommer 1884 starb Franziska wie schon Anna an Tuberkulose und Klara war bereits schwanger. Alois wollte sie heiraten, doch nun schlug die Manipulation der Geburtsurkunde zurück: Da der frühere Alois Schicklgruber nun Alois Hitler war, war er offiziell Klaras Onkel und nach den Gesetzen der österreichischen katholischen Kirche war eine Ehe nicht zulässig; es sei denn, ein Dispens werde erteilt. Mithilfe des örtlichen Priesters verfasste Alois einen Brief an den Linzer Bischof, der uns vorliegt:

“Hochwürdiges Episkopat!

Diejenigen, die mit demütigster Hingabe ihre Unterschriften untenstehend angehängt haben, haben sich für eine Ehe entschieden. Dem beiliegenden Stammbaum zufolge werden sie jedoch durch die kanonische Behinderung der Kollateralaffinität im dritten Grad, die den zweiten berührt, verhindert. Sie machen daher die bescheidene Bitte, dass das höchst verehrte Episkopat ihnen aus den folgenden Gründen gnädig eine Ausnahmegenehmigung zusichert:

Wie aus der beiliegenden Sterbeurkunde hervorgeht, ist der Bräutigam seit dem 10. August dieses Jahres Witwer. Er ist Vater von zwei Minderjährigen, einem zweieinhalbjährigen Jungen (Alois) und einem ein Jahr und zwei Monate alten Mädchen (Angela), und beide brauchen die Dienste eines Kindermädchens, zumal er als Zollbeamter den ganzen Tag und oft nachts unterwegs ist, und so nicht in der Lage ist, die Bildung und Erziehung seiner Kinder zu überwachen. Die Braut kümmert sich seit dem Tod ihrer Mutter um die Kinder und sie lieben sie sehr.

Man kann also zu Recht davon ausgehen, dass sie gut erzogen werden und die Ehe glücklich sein wird. Außerdem ist die Braut ohne Mittel und es ist unwahrscheinlich, dass sie jemals wieder die Gelegenheit haben wird, eine gute Ehe zu schließen. Aus diesen Gründen wiederholen die Unterzeichneten ihre bescheidene Bitte um eine gnädige Herbeiführung der Befreiung von der Behinderung der Affinität.

Braunau am Inn, 27. Oktober 1884

Alois Hitler – Bräutigam, Klara Pölzl – Braut

Beigelegt war eine Version des Stammbaums, die Alois Hitler als Sohn des Vagabunden Johann Georg Hiedler führte, dessen Bruder Johann Nepomuk Hüttler der Großvater der Braut Klara Pölzl war. Wir werden die Gelegenheit haben, in einem späteren Beitrag auf einen oder zwei Jugendbriefe des jungen Adolf, Alois’ Sohn, zu stoßen, die in ihrer Ausdrucksweise und ihrem Stil dem obigen Brief seltsam ähnlich klingen. Alois ‘Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung riecht nach der gleichen Art von nicht sehr erhabener Täuschung, die er bei der “Verbesserung” seiner ursprünglichen Geburtsurkunde angewandt hatte und den John Toland den „listigen Bauerntrick“ genannt hatte. Der Sohn sollte zu seiner Zeit ähnliche Taktiken anwenden.

Der Adressat, der Linzer Bischof, zögerte und entschloss sich, folgend dem üblichen bürokratischen Procedere, eine höhere Instanz in Anspruch zu nehmen. Eine kurze Zusammenfassung des Falls, einschließlich des Originalbriefs, des Stammbaums und eines „Testimonium paupertatis“, einem Armutsnachweis zur Befreiung von der Zahlung der üblichen Gebühren, wurde an die Sacra Rota, die für Ehefragen zuständige Abteilung des Heiligen Stuhls, weitergeleitet. Der Vatikan kümmerte sich anscheinend so viel oder wenig um ein bisschen Inzest in Braunau wie die Bauern des Waldviertels um die Legitimität, und der Dispens wurde drei Wochen später bewilligt.

Braunau – Kirche

Alois Hitler und Klara Pölzl heirateten am 7. Januar 1885. Die Zeremonie fand anscheinend eiligst am Vormittag statt: Klara beklagte sich, dass “mein Mann schon wieder Dienst hatte”. (12) Abends folgte ein kleines Bankett in Anwesenheit der Zollkollegen von Alois im Gasthaus Pommer.

Gasthaus Pommer in der Nazi-Zeit

Die Ehe änderte kaum etwas in ihrem Leben. Das Paar kannte sich seit Jahren und Klara war an ihre Pflichten im Haushalt gewohnt. Sie war eine einfache, aber ruhige, bescheidene und höfliche Frau, die niemals Anforderungen an ihren Ehemann, die Kinder oder die Gemeinschaft stellte. Sie war zutiefst religiös und besuchte regelmäßig die Gottesdienste. Die Familie lebte ohne jede Spur von Skandal, selbst Alois’ private Ermittlungen in die Leben der örtlichen Kellnerinnen und Zimmermädchen schienen nachzulassen. Das Geld reichte aus, um der Familie einen angemessenen Lebensstandard zu sichern, und sie spielten ihre Rolle in der Gemeinde ohne jedes Aufsehen.

Wenn wir uns Klaras Foto ansehen, das mit etwa 26 Jahren aufgenommen wurde, sehen wir einem einfachen, aber angenehmen Landmädchen ins Gesicht. Das beeindruckendste Merkmal sind in der Tat ihre leuchtenden, ausdrucksstarken Augen. Robert Payne bemerkte:

Auf dem Foto sieht sie verletzlich aus, aber nicht zu verletzlich. Sie war eine temperamentvolle Frau, die bei Bedarf ihrem Ehemann standhalten konnte. Sie war im herkömmlichen Sinne nicht schön, aber ihr Gesicht weist auf eine ungewöhnliche Sanftmut und Zärtlichkeit hin, auf die Güte ihres Wesens. Sie war eine dieser Frauen, die für ihre Ehemänner, ihre Kinder und ihren Glauben leben. (13)

Sie würde sechs Kinder für Alois zur Welt bringen, vier Söhne und zwei Töchter, von denen jeweils eines die Kindheit überlebte. Zu den älteren Kindern Alois Jr. und Angela gesellten sich im April 1889 Adolf und im Januar 1896 Paula. Vier Kinder starben früh an Diphtherie: Gustav im Alter von zwei Jahren; Ida im gleichen Alter; Otto starb in der Wiege und Edmund im sechsten Lebensjahr. [FN3]

[FN3] Es scheint, dass dieses Schicksal der Familie Hitler keine Ausnahme war. Ein Jugendfreund von Adolf, August Kubizek, beschrieb die frühen Prüfungen seiner frisch verheirateten Eltern folgendermaßen: „Das junge Paar lebte zunächst im Haus der Eltern meiner Mutter. Die Löhne meines Vaters waren niedrig, die Arbeit war hart und meine Mutter musste ihren Job aufgeben, als sie mich erwartete. So wurde ich unter ziemlich miserablen Umständen geboren. Ein Jahr später wurde meine Schwester Maria geboren, starb aber in einem zarten Alter. Im folgenden Jahr erschien Therese; sie starb im Alter von vier Jahren. Meine dritte Schwester, Karoline, wurde schwer krank, blieb so einige Jahre und starb, als sie acht Jahre alt war. Der Kummer meiner Mutter war grenzenlos. Während ihres ganzen Lebens litt sie unter der Angst, mich auch zu verlieren; denn ich war das einzige von ihren vier Kindern, das ihr geblieben war. “(14)

Zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort wurde eine solche Sterblichkeitsrate als nahezu normal angesehen. Kinder wurden zu Tausenden geboren und starben an Masern, Diphtherie, Lungenentzündung und anderen häufigen Kinderkrankheiten – tödlich in einer Zeit, die noch nicht Sulfonamide oder Penicillin kannte. Die Familie befand sich in der Obhut des Allgemeinarztes Dr. Eduard Bloch, aber die Wissenschaft der Mikrobiologie war noch nicht erfunden und die unsichtbaren Todesursachen gediehen ungehindert.

Im Allgemeinen war es jedoch eine seriöse und ordentliche Familie, die am Abend des 20. April 1889 um sechs Uhr ihr neuestes Mitglied, Adolfus, begrüßte.

Taufschein
Baby Adolf
Geburtsanzeige
Am Grab der Eltern 1938

(1) Zweig, Stefan Die Welt von Gestern, Gutenberg, Kap.3

(2) Shirer, William, The Rise and Fall of the Third Reich, Simon & Schuster 1960, ISBN 978-1-4516-4259-9 (hc.), S. 7

(3) (6) (10) (11) (13) Payne, Robert, The Life and Death of Adolf Hitler, Praeger Publishers 1973, Lib. Con. 72- 92891 (hc.), S. 5, S. 6-7, S. 10, S. 12, S. 14

(4) Hitler, Adolf, Mein Kampf, 851.–855. Auflage 1943, Alle Rechte vorbehalten Copyright Band I 1925, Band II 1927 by Verlag Franz Eher Nachf., G.m.b.H., München, S. 2-3, Online Link

(5) (7) (12) Toland, John, Adolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6 (pbk.), S. 4, S. 4, S. 6

(8) (9) Steinert, Marlis, Hitler, C.H. Beck, Munich 1994, ISBN 3-406-37640-1 (hc.), S. 17, S. 18

(14) Kubizek, August, The Young Hitler I Knew, Arcade Books 2011, ISBN 978-1-61145-058-3 (pbk.), S. 23


(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Der Deutsche Kriegsplan 1914

Planung 1905 und Verlauf 1914

Einleitender Beitrag: Die Häresie des Schlieffen – Plans


In diesem Beitrag geht es im Wesentlichen, im Anschluss an den vorigen Artikel, um Dokumente aus der neuen Studie des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) von 2007, “Der Schlieffenplan: Analysen und Dokumente“, editiert von Michael Epkenhans, Hans Ehlert and Gerhard P. Groß. (Rezension 1, Rezension 2).

Alliierte Rücküberquerung der Marne am 9. September

Bestimmte Dokumente liegen nun erstmals im Wortlaut vor. Es sei zuerst das primäre und wesentlichste dieser Dokumente vorgestellt, der nun vorliegende tatsächliche “Mobilisierungs – Termin – Kalender 1914/15“:


Mob.-Termin-Kalender 1914/15.

Allgemeine Angaben über den Aufmarsch und die politischen Verhältnisse.

1. Deutschlands Kriegsvorbereitungen richten sich in erster Linie gegen Frankreich. Russland wird sich wahrscheinlich Frankreich in einem Krieg gegen Deutschland anschließen; auch ist mit Feindseligkeiten englischer Seite zu rechnen.

Auf einen Krieg Deutschlands mit Russland oder England allein ist mit Rücksicht auf sie französische Volksstimmung nicht zu rechnen. Erklärt Russland oder England den Krieg dennoch allein, so muss die deutsche Diplomatie Frankreich zur endgültigen Stellungnahme zwingen. Über Belgien, Holland, Luxemburg, Dänemark usw. vgl. I. Ziffer 13.

Für den Fall eines Krieges gegen Russland sind mit dem österreichisch-ungarischen Generalstab Vereinbarungen für eine Gesamtoffensive nach Russland getroffen.

Italien wird sich voraussichtlich Deutschland in einem Krieg gegen Frankreich anschließen. Der italienische Generalstab hat sich verpflichtet, in den ersten Mob.-Tagen 2 {?} Kav.-Divisionen und im Anschluss daran eine Armee von 3 Armeekorps mittels Eisenbahn über Österreich nach Süddeutschland zu führen. Im Übrigen ist auf das Eingreifen der italienischen Hauptkräfte an der französischen Alpengrenze zu rechnen.

Auch mit anderen Staaten sind Vereinbarungen getroffen, von denen der Chef des Generalstabs der Armee, Q.Q. I und der Chef der 2. {…} Kenntnis haben.

Deutschland kann nur sein gesamtes Heer mobil machen; teilweise Mobilmachungen sind bei dem Ineinandergreifen der Mobil.-Vorarbeiten aller Armeekorps ausgeschlossen.

Die deutsche Armee stellt bei einer Mobilmachung auf:

a) das Feldheer, bestehend aus 26 Armeekorps, 13 Reservekorps, 1 Reserve-Division (3. Reserve Division), 11 Kav.-Divisionen (Garde 1 – 9, bayrisch), 1 Landwehr-Korps, 24 1/2 gemischte Landwehr-Brigaden,

b) die Kriegsbesatzungen und Besatzungstruppen. Das Zusammenfassen der “zu etwaiger mobiler Verwendung bestimmten Ersatzformationen” zu einer Ersatzarmee (G. IV. VIII. X. XIX. bayerische Ersatzdivisionen, 55 gem. Ersatzbrigaden XIV) in Vorbereitung; vgl. Ziff.3.

Außerdem wird bei einer Mobilmachung der Landsturm aufgeboten. Der Grenz- und Küstenschutz treten im ganzen deutschen Reich in Kraft.

3. Es ist nur ein Aufmarsch vorbereitet, bei dem die deutschen Hauptkräfte an der Westgrenze gegen Frankreich aufmarschieren.

Der zur Ablenkung des Aufmarsches der südwestlich Metz aufmarschierende Heeresteil kann unter Umständen nötig werden. Für den Fall des frühzeitigen Einfalls überlegener französischer Kräfte nach Lothringen ist zu erwägen, ob Aufmarsch 6. Armee in Linie St. Av.-Saaralben-Pfalzburg zurückzuverlegen ist.

Im Osten bleibt die 8. Armee (4 Korps, 1 Reserve-Division, 1 KD-Landwehrkorps, 3 gemischte Landwehrbrigaden) zurück. Die 8. Armee marschiert entweder sofort gegen Russland oder bleibt unter planmäßiger Durchführung der Mobilmachung sowie des Grenz- und Küstenschutzes in den östlichen Korps-Bezirken zurück, bis über ihre weitere Verwendung Bestimmung getroffen werden kann.

Bleibt Russland dauernd neutral, so wird die 8. Armee evtl. gegen Frankreich eingesetzt. Ihr Abtransport ist vorbereitet.

In Schleswig-Holstein werden nach Beendigung der Mobilmachung, als “Nordaufmarsch” zusammengezogen das IX. K mit den 2 Landwehrkommandos 1 IX (33. 34. 37. 38. gemischte Landwehr-Brigaden). Tritt eine Bedrohung der deutschen Küste nicht ein, so wird das IX. K. und unter Umständen auch die Nordbrigade nach einem anderen Kriegsschauplatz beordert.

Die Ersatzarmee kann geschlossen oder geteilt auf dem westlichen, östlichen oder nördlichen Kriegsschauplatz verwendet werden. …

13. In einer Gesamtbesprechung der Chefs des Generalstabs der Armee mit dem Reichskanzler, dem Auswärtigen Amt, K.M., Militärkabinett und Chef des Admiralstabs sind die voraussichtlichen Gegner und die Haltung der verbündeten und neutralen Mächte in einem Kriegsfall festzustellen, evtl. festzustellen, ob mit der Überführung französischer Streitkräfte von Häfen der afrikanischen Mittelmeerküste nach Frankreich zu rechnen ist.

Mit dem Reichskanzler und Auswärtigen Amt muss mündlich vereinbart werden, dass sofort nach Ausspruch der Mobilmachung folgende Forderungen gestellt werden:

a) an Belgien

Die belgische Regierung hat sich bis zum 2. M.-Tag, 6 Uhr abends, zu entscheiden, ob Belgien Deutschlands Freund oder Feind sein will oder ob Belgien als neutraler Staat den Durchmarsch deutscher Truppen gestatten, die Festungen L. [Liège?], Huy und Namur sofort dem deutschen Heer öffnen, die Eisenbahnstrecken {…} uns zur Verfügung stellen und die belgische Armee nicht mobilisieren will. Tritt Belgien auf Deutschlands Seite, so muss es den Durchmarsch des deutschen Heeres mit allen Mitteln erlauben, Namur gegen etwaigen Handstreich der französischen Armee halten und englische Landungen verhindern. Ein Hinausschieben der Antwort der belgischen Regierung darf nicht zugelassen werden.

b) an Holland:

Englische Landungen müssen verhindert werden, Das deutsche Heer darf die holländische Neutralität beschränken {?}. (Über den Durchmarsch durch den holländischen Zipfel um Maastricht vergl. Ziffer 71 d). Wenn 2. Armee von einem Handstreich auf L. Abstand nimmt, sofortige Verhandlung mit Holland wegen ungehinderten Durchmarsches durch den Zipfel.

c) an Luxemburg:

Der Durchmarsch muss gestattet, die Eisenbahnen müssen geschützt und zur Verfügung gestellt werden.

d) an Dänemark:

Englische Landungen sind zu verhindern.

10. M.-Tag und folgende:

Über die Verwendung der italienischen Armee ist Entscheidung zu treffen. Es kommt wohl in Frage:

Vorgehen im unmittelbaren Anschluss an die 6. und 7. Armee

Vorgehen gegen die Sperrfort-Linie zwischen Epinal und Belfort

Für die Deckung der linken Flanke der italienischen Armee bei ihrem Vorgehen über die Vogesen nach Frankreich durch die Deckungstruppen am Oberrhein ist Sorge zu tragen.

Dem deutschen Aufmarsch gegen Frankreich liegt folgende Absicht zugrunde:

  1. Die Hauptkräfte des deutschen Heeres sollen durch Belgien und Luxemburg nach Frankreich vorgehen. Ihr Vormarsch ist – sofern die über den französischen Aufmarsch vorliegenden Nachrichten zutreffen – als Schwenkung unter Festhalten des Drehpunktes Diedenhofen-Metz gedacht. Maßgebend für das Fortschreiten der Schwenkung ist der rechte Heeresflügel. Die Bewegungen der inneren Armeen werden so geregelt werden, dass der Zusammenhang des Heeres und der Anschluss an Diedenhofen-Metz nicht verloren geht.
  2. Den Schutz der linken Flanke der Hauptkräfte des Heeres sollen – neben den Festungen Diedenhofen und Metz – die südöstlich Metz aufmarschierenden Heeresteile übernehmen.
  3. Für den Vormarsch der 1. und 2. Armee müssen die Marschstraßen durch Lüttich offen sein. Gestattet Belgien den Durchmarsch des deutsche Heeres, so wird der Kommandierende General X. A.K. mit frühzeitig marschbereiten und vorausbeförderten Truppen Lüttich besetzten. – Widersetzt sich Belgien, so kommen für die Wegnahme von Lüttich folgende Fälle in Betracht:

a: der Handstreich mit frühzeitig marschbereiten und vorausbeförderten Truppen unter dem Kommandierenden General X. A.K.

b: der Handstreich mit starken Kräften unter dem Oberkommando der 2. Armee

c: der belagerungsmäßige Angriff

Der 2. Armee stehen für die Unternehmungen gegen Lüttich alle Straßen südlich der holländischen Grenze zur Verfügung … . Sobald Lüttich genommen ist, wird die 2. Armee die für die 1. Armee bestimmten Marschstraßen räumen … . Gelingt es der 2. Armee bis zum 12. Mob.Tag nicht, die durch Lüttich gesperrten Vormarschstraßen zu öffnen, so wird sie den planmäßigen Angriff gegen diese Festung durch Reserve- und Belagerungsformationen einleiten und südlich Lüttich herum vormarschieren. Der Vormarsch der 1. Armee soll alsdann – aber erst auf ausdrücklichen Befehl der Obersten Heeresleitung – durch holländisches Gebiet erfolgen.

4. Der Beginn des allgemeinen Vormarsches der deutschen Hauptkräfte wird angeordnet werden, sobald die 1. und 2. Armee in Höhe von Lüttich bereitstehen.

Der Herr Kav.-Kommandeur 2 mit zugeteilten Jägerbataillonen tritt alsdann unmittelbar unter die Oberste Heeresleitung und wird Befehl erhalten, nördlich Namur vorbei gegen die Linie Antwerpen-Brüssel-Charleroi vorzugehen, um den Verbleib des belgischen Heeres, eine etwaige Landung englischer Truppen und ein etwaiges Auftreten französischer Kräfte im nördlichen Belgien festzustellen. Er wird ferner den Auftrag erhalten, nördlich an Namur vorbei Einblick in die Gegend westlich der Maas, Strecke Namur-Givet, zu gewinnen und den linken französischen Heeresflügel festzustellen. Der Herr Kav.-Kommandeur wird angewiesen werden, das Oberkommando der 2. und 1. Armee mit Nachrichten zu versehen; seine Meldungen an die Oberste Heeresleitung sind unverzüglich weiterzugeben.


Wird fortgesetzt …

Einleitender Beitrag: Die Häresie des Schlieffen – Plans

(© John Vincent Palatine 2019)

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