"La Meditazione" von Luigi Sechhi
“La Meditazione” von Luigi Sechhi

In vielerlei Hinsicht scheint es überraschend, dass die Unterhaltungsindustrie noch nicht die Geschichte von Julia (30. Oktober 39 v. Chr. – AD 14, im Allgemeinen Julia die Ältere genannt, um sie von den anderen Julias der weitverzweigten Julisch-Claudischen Dynastie und auch von Caesars Tochter Julia zu unterscheiden, die Pompeius heiratete), des einzigen Kindes von Augustus, als Sujet identifiziert hat und sie gemeinsam mit der ganzen höchst skandalträchtigen Sippe als Endlosschleife auf die Bildschirme und in die Buchläden gebracht hat.

Ihre Familienverbindungen alleine waren höchst mannigfaltig und ziemlich inzestuös: sie war nicht nur, erstens, das einzige Kind und Tochter des Kaisers Augustus, sondern auch, zweitens, die Stiefschwester und, in der Tat, auch zweite Frau des Kaisers Tiberius, als auch die Großmutter mütterlicherseits von Kaiser Caligula und Kaiserin Agrippina der Jüngeren; und ebenfalls die Großschwiegermutter von Kaiser Claudius und nicht zuletzt die mütterliche Urgroßmutter von Nero.

Wie bei vielen anderen berühmte Frauen der Antike, so Kleopatra oder Theodora, schwankt das Licht, in dem sie von zeitgenössischen Historikern gemalt wurde, zwischen Lob und Beschimpfung. Wir müssen jedoch bedenken, dass Verunglimpfungen, insbesondere sexueller Natur, in der antiken politischen Geschichtsschreibung ein völlig normales Mittel politischer Gegner waren – vor allem im Römischen Reich, das öffentlich, vor allem unter Augustus, nicht mit Ermahnungen zu Tugend und Keuschheit geizte, um die öffentliche Moral zu stärken; Augustus selbst erließ ein solches Gesetz im Jahre 18 v. Chr., die “Lex Iulia de adulteriis coercendis” gegen Ehebruch – wobei aber Stadt und Land in Wirklichkeit ein großes Bordell waren – worin so ziemlich alle zeitgenössischen Quellen übereinstimmen. Prostitution war immer legal in Rom und Sex mit Sklaven kein Thema für Gesetze.

Ihre Mutter war Augustus’ zweite Frau Scribonia, aber da der Kaiser sich von ihr hatte scheiden lassen (schlimmer noch, am gleichen Tag, als Julia geboren wurde ), wuchs sie bei ihrer damaligen Stiefmutter Livia auf.

Ihr Vater sorgte für eine gute, wenn auch strenge Erziehung und solide Bildung, und alle Quellen sind sich über Julias Kenntnisse von Literatur und Kunst einig. Im Alter von 14, im Jahre 25 vor Christus, wurde sie mit Marcus Claudius Marcellus,  dem derzeitigen Favoriten unter Augustus’  politischen Assistenten, verheiratet, der aber, ach, zwei Jahre später von einer Epidemie jählings dahingerafft wurde.

In keiner Hinsicht unwillkommen kam sein Tod für Marcellus’ großen Rivalen um Augustus’ Gunst, Marcus Vipsanius Agrippa, der Julia nur zwei Jahre später erbte. Und hier wird es von Anfang an kompliziert. Obwohl die Ehe zu fünf Kindern führte, begannen sofort Gerüchte über Julias laxe Interpretation der heiligen Gelübde. Nicht nur begann sie eine offenbar langjährige Affäre mit einem gewissen Sempronius Gracchus (aus der berühmten Familie der Gracchi, der später für diese Affäre von Augustus verbannt und, wie es scheint, von Tiberius ermordet wurde, nachdem dieser in AD 14 Kaiser geworden war), aber, so wurde es gemunkelt, auch eine Leidenschaft für den selbigen Tiberius entwickelte, der auch ihr adoptierter Stiefbruder war.

Doch Agrippa starb ebenso plötzlich im Jahre 12 v. Chr. und nach dem Verlust des zweiten Thronfolgers verheiratete Augustus seine Tochter schnell weiter- nach einer Trauerzeit, die in ihrer Kürze an pure Oberflächlichkeit erinnerte – an den nächsten in der Reihe, Tiberius,
nur ein Jahr später.

Doch in dieser Ehe schien von Anfang an der Wurm drin zu sein. Trotz Julias früheren Anhimmelns hatte Tiberius inzwischen Vipsania Agrippina, eine Tochter von Marcus Agrippa, geheiratet und, so wurde es berichtet, hatte sie sehr gern. Doch per Befehl von oben konnte Tiberius eine Scheidung und anschließende Wiederverheiratung mit Julia nicht umgehen. Die Ehe brachte jedoch keine Nachkommen hervor, mit Ausnahme eines männlichen Babys, das schon im Kindbett starb. Als Tiberius um 6 v. Chr. vorübergehend Rom verließ, um einen frühen Ruhestand auf der Insel Rhodos zu genießen, hatten sich die Nichtliebhaber – offenbar in gegenseitiger Übereinkunft – bereits getrennt.

Die Gründe für Tiberius‘ Schritt sind unklar – er war nicht in Ungnade gefallen. Historiker haben spekuliert, dass – da Augustus seine Enkel Gaius Caesar und Lucius Caesar (von Julia und Agrippa) adoptiert hatte – Tiberius erkannt hatte, dass diese in der Rangfolge vor ihm stehen würden und er nicht mehr auf die Nachfolge von Augustus spekulierte. Jedoch starben die Brüder in den Jahren AD 2 und AD 4 – beide an schnell verlaufenden, mysteriösen Krankheiten, die jede Menge Klatsch bei Hof verursachten – und sind daher für die weitere Entwicklung irrelevant. Velleius Paterculus und Cassius Dio schreiben jedoch, dass Julias “promiskuitives und sehr öffentliches Verhalten” möglicherweise ebenfalls eine Rolle bei Tiberius‘ freiwilligem Exil gespielt hat.

Jetzt kommen wir zu dem Teil, wo die Geschichte geheimnisvoll wird, denn die wirklichen Beweggründe für das, was dann passierte, sind nie herausgekommen. Trotz der Gerüchte über ihre früheren Untreue (über die das ganze Reich klatschte und ihrem Vater von Anfang bis Ende bewusst gewesen sein mussten), berichtet Plinius der Ältere, dass sie (erst?) in AD 2 tatsächlich, auf Augustus ‘Anordnung,  wegen Ehebruchs und Hochverrats festgenommen wurde – sie hätte mit ungenannten Verschwörern der Mord an ihrem Vater und/oder ihrem Ehemann Tiberius geplant. Wie bereits erwähnt, ist die Motivation von Augustus‘ Aktion unklar – selbst Tiberius schrieb angeblich aus Rhodos zugunsten von Julia. Es fand keine Untersuchung statt, kein Procès-verbal, es gab keine Erklärungen.

Sie hätte wohl ein gutes Modell für Diego Velázquez' Venus abgegeben ...
Sie hätte wohl ein gutes Modell für Diego Velázquez’ Venus abgegeben …

Nun musste Augustus sein Vorgehen planen. Die vorerwähnte „ Lex Iulia“ war sein eigenes Werk gewesen. Es bestrafte nicht nur Ehebruch mit Verbannung der beiden Täter auf zwei verschiedene Inseln und erlaubte den teilweisen Einzug ihres Eigentums, sondern erlaubte Vätern auch, ihre schuldigen Töchter und deren Liebhaber zu töten, falls sie sie in flagrante delicto erwischten, und Ehemännern, je nach den Umständen des Verbrechens, die Schuldigen zu töten oder sich von den Ehefrauen scheiden zu lassen. Die Verantwortung für die Bestrafung eine Tochter lag bei dem Pater familias, daher, im vorliegenden Fall, bei Augustus selbst.

Nun hatte der Kaiser die eigene Tochter zu verfolgen, was er auch tat. In der Abwesenheit Tiberius´aus der Hauptstadt schickte Augustus einen Brief in dessen Namen, in dem er behauptete, dass Julia zusätzlich zu ihren sexuellen Verbrechen gegen sein Leben intrigiert habe und erklärte die Ehe für null und nichtig. Julia wurde in die Verbannung geschickt, auf die kleine Insel Pandateria (heute Ventotene), damals ein mann- und weinloser Felsen im Tyrrhenischen Meer (Julia war dem Weine zugetan). Es wurde ihr verboten, Besuch zu empfangen und sie verbrachte ihre letzten Jahre nur in Gegenwart der Mutter, die ihr Exil teilte. Später wurden zwei ihrer Kinder ebenfalls verbannt, für diverse andere Vergehen, darunter – natürlich – Hochverrat.

Augustus ließ sie nach fünf Jahren zurück auf das Festland und gewährte ihr ein Taschengeld, aber diese Vergünstigungen wurden wieder gestrichen, als ihr Ex-Mann – Tiberius – im Jahre 14 n. Chr. Kaiser wurde. Sie starb noch im selben Jahr – wahrscheinlich ließ ihr ehemaliger Göttergatte sie verhungern – ein bevorzugtes Verfahren imperialer Rachsucht.

Oder vielleicht ein Modell für Leon Francois Comerre
Oder vielleicht ein Modell für Leon Francois Comerre?

Warum war Augustus so hart – härter, tatsächlich, als das Gesetz es vorschrieb? Er hatte das Recht zu tun, was immer er für richtig hielt – er hätte die ganze Angelegenheit einfach ignorieren können. Offensichtlich tat er es für die Staatsraison und sein eigenes Bild als selbsternannter moralischer Erneuerer des Reiches. Der Verdacht moderner Historiker ist jedoch, dass hier ein größerer Kontext zu beachten ist – eine Offensive gegen die Tendenz der römischen Frauen der späten Republik, sich von der strengen männlichen Herrschaft zu emanzipieren. Wie Sulla war Octavian ein Erzkonservativer und wie einige Historiker vermuten, mag kein geringeres Ziel verfolgt haben, als sich als moralischer Pater familias des ganzen Reiches zu etablieren – als absolute moralische Autorität. [Es gibt auch Hinweise darauf dass, ähnlich wie in den Jahren 403 und 131 BC, die Regierung den Nachwuchs an echten Römern – nicht Sklaven – fördern wollte, es gab Heiratspflichten und Kindergeld; vielleicht ein Thema für einen späteren Post …]

Vielleicht hatte Augustus tatsächlich eine Verschwörung gegen sich selbst und das Prinzipat gewittert – dass die angeblichen Liebhaber seiner Tochter geplant hätten, Tiberius als Erben durch Iullus Antonius (zuvor Prätor und Prokonsul für Asien), den jüngsten Sohn von Marcus Antonius, zu ersetzen. Dies ist insofern möglich, als wichtige Mitglieder traditionell republikanischer senatorischer Familien – und dadurch Gegner Augustus’ und des Prinzipats – nämlich der ehemalige Konsul Titus Quinctius Crispinus Sulpicianus, als auch einer der Scipios, der zuvor erwähnte Sempronius Gracchus und ein Appius Claudius in den Skandal verwickelt wurden und zum Suizid gezwungen oder verbannt wurden.

Reawakening by Giulio Aristide Sartorio

Der Nachteil der Theorie ist, dass Iullus Antonius‘ Nachfolge Julias eigene Söhne Gaius und Lucius Caesar benachteiligt hätte, die bereits von ihrem Großvater Augustus adoptiert worden waren (und zu dieser Zeit noch lebten) und damals noch vor Tiberius rangierten. Ein überzeugendes Motiv für so einen depperten Plan konnte allerdings auch kein Historiker vorschlagen.

Was ist überhaupt von den Anschuldigungen gegen Julia zu halten? Verschiedene alte Historiker haben sexuelle Ausschweifungen kritisiert. Aus Gründen der Bequemlichkeit zitiere ich hier einmal die entsprechende Wikipedia-Zusammenfassung (was ich höchst selten tue):

Marcus Velleius Paterculus beschreibt sie als „von Luxus und Lust verdorben“, und listet unter ihren Liebhabern Iullus Antonius, Quintius Crispinus, Appius Claudius, Gracchus, und Cornelius Scipio auf. Seneca der Jüngere schimpft, dass sie „Ehebrecher in Scharen zulasse“; Plinius der Ältere nennt sie ein „Beispiel vollständiger Zügellosigkeit“. Dio erwähnt „Parties und Trinkgelage nachts im Forum und sogar auf dem Rostrum “. Seneca schäumt, dass der Rostrum genau der Ort sei, wo „ihr Vater ein Gesetz gegen Ehebruch vorgeschlagen habe“, und nun habe sie den Platz für ihre „Ausschweifungen“ gewählt. Seneca [der Jüngere] erwähnt ausdrücklich Prostitution: „Nicht zufrieden mit Ehebruch alleine, sie verkaufte dort [im Forum] ihre Gunst, und suchte das Recht auf Freiheit mit jedem unbekannten Paramour.“ Moderne Historiker diskreditieren diese Darstellungen von Julias Verhalten als übertrieben – politische Schmähschriften, vielleicht um dem Kaiserhaus zu gefallen.

Odalisque. von Jules Joseph Lefebvre
Odalisque. von Jules Joseph Lefebvre

Macrobius liefert wertvolle Details ihrer Bonmots und Persönlichkeit … über ihren Charakter, schreibt er, dass Julia trotz ihrer angeblichen Liederlichkeit sehr für ihre liebenswürdige, einfühlsame Art und Gelehrsamkeit gelobt wurde; “Sie missbrauchte zwar ihre Stellung als Liebling ihres Vaters, wenn sie auch in anderer Hinsicht viel Anerkennung für ihre Liebe zur Literatur und umfangreicher Bildung erntete … und für ihre Güte, Mitgefühl, und Mangel an Grausamkeit.”

Wir müssen hier das ganze Bild im Hintergrund der unaufhörlichen Nachfolgekämpfe im Auge behalten, die in der Julisch-Claudischen Dynastie gang und gäbe waren. Das frühe Reich unterschied sich von späteren Formen der dynastischen Erbfolge dadurch, dass das Konzept der Primogenitur nicht existierte und Adoption eine normale, legale und völlig akzeptierte Alternative in Nachfolgefragen war. In Rom existierte keine gesetzlich vorgeschriebene Formel der kaiserlichen Nachfolge. Da weder Augustus, Caligula noch Nero einen legitimen Sohn gezeugt hatten, wurde Adoption der probate Weg für den jeweiligen Kaiser, seine Nachfolge in der gewünschten Weise zu verwalten.

Daher konkurrierten positive Selektion – in der Regel durch Adoption – und negative Selektion – Mord durch Gift oder Hinrichtung wegen Verrats – in einem gewissen Gleichgewicht, dessen sich jedes Mitglied des Hofes nur zu genau bewusst war. Weil so wenige Möglichkeiten zu herkömmlicher Nachfolge auftraten – normale Vater-Sohn- oder Großvater-Enkel-Beziehungen gab es praktisch nicht – wurde es zum fast normalen Verhalten von Familienmitgliedern, die Ermordung der offensichtlichen Erben zu betreiben, um die Chancen des eigenen Nachwuchses, von Liebhabern oder Favoriten zu fördern.

Darüber hinaus gab es das Problem, dass die Rückkehr zur Republik nie rechtlich ausgeschlossen war – und immer wie eine drohende Wolke über den kaiserlichen Geschicken hing – daher die sich sukzessiv steigernde Kraft der Magistri militum, die vom fünften Jahrhundert an die wahre Herrschaft unter Verwendung zahmer Puppenkaiser an sich rissen.

Odalisque by Henri Pierre Picou

Ob Julia selber aktiv am Nachfolgespiel teilnahm oder einfach das Opfer eines Schachzugs ihres Vaters wurde, wissen wir nicht. Deshalb bleiben die wahren Gründe für Julias Schicksal unklar – Augustus war sicherlich ein fürchterlicher Griesgram – aber ein schlauer Politiker.

Sie war witzig und schlagfertig. Macrobius hat uns einige Episoden überliefert.

Bei einem Besuch der Gladiatorenkämpfe fiel den Besuchern die Verschiedenartigkeit der Begleiter ihrer Stiefmutter Livia und Julia selbst auf: Livia war von respektablen Männern umgeben, Julia dagegen von jugendlichen und eher extravaganten. Ihr Vater schrieb ihr ermahnend, dass sie bitte den Unterschied zwischen den beiden Damen bemerken möge, doch Julia schrieb einfach zurück: “Diese Männer werden alt sein, wenn ich alt bin”.

Eines Tages trat sie in einem etwas gewagten Kostüm in seine Gegenwart, und obwohl er nichts sagte, war er beleidigt. Am nächsten Tag änderte sie ihren Stil und umarmte ihren Vater in der neuen, seriösere Gewandung. Augustus, der am Vortag seinen Kummer verschwiegen hatte, war nun nicht mehr in der Lage, sein Vergnügen zu verbergen. “Wie viel besser geeignet”, bemerkte er, “für eine Tochter des Augustus ist dieses Kleid!” “Heute”, erwiderte die Tochter, “habe ich mich angezogen, um meinem Vater zu gefallen, gestern meinem Mann.” *

[* Macrobius, Saturnalia 2.5.1 – 10. ca. AD 400, Tr. H. Lloyd-Jones. L]

Genüsslich zitiert Macrobius die Erklärung, die sie gab, warum alle ihre Kinder Agrippa, ihrem damaligen Mann – so sehr ähnelten – trotz ihrer angeblichen Promiskuität:

„Ich nehme nur dann einem Passagier auf, wenn der Laderaum voll ist.“ [Macrobius, Saturnalia, Buch II, 5: 9]


(© John Vincent Palatine 2019)

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