Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Schlagwort: Bayern

La Bohème – Adolf Hitler in München vor dem Krieg


Voriger Beitrag: Jeder für sich und Gott gegen alle – Adolf Hitler als Bettler in Wien


Aus THE LITTLE DRUMMER BOY, Kapitel 12


“Every night and every morn,
Some to misery are born,
Every morn and every night,
Some are born to sweet delight,
Some are born to sweet delight,
Some are born to endless night.

William Blake “Auguries of Innocence”


Damals wie heute ist die Stadt München die Hauptstadt von Bayern, einem der ältesten deutschen Staaten – zunächst als ein Herzogtum, dann als ein Kurfürstentum, ein Königreich und dann als ein Freistaat und Bundesland. Soweit es europäische Staaten betrifft, ist Bayern von mittlerer Größe, etwa 70.000 Quadratkilometer groß; etwas kleiner als das moderne Österreich oder South Carolina, aber größer als Belgien, die Schweiz oder West Virginia, und bildet den südöstlichen Teil des modernen Deutschland. Es teilt sich Grenzen mit der Tschechischen Republik, Österreich und der Schweiz und erreicht im Norden die Bundesländer Hessen, Sachsen und Thüringen. Im Süden beherbergt es einen Teil des großen mitteleuropäischen Gebirges, die Bayerischen Alpen, mit der Zugspitze mit 2962 Metern als ihrer höchsten Erhebung – wo, wie man sagt, nur Adler zu fliegen wagen. . . .

Die bis ins frühe 19. Jahrhundert etwas verschlafene Stadt unterzog sich ab den 1830er Jahren einem längeren Zeitraum der Modernisierung und Industrialisierung. Das Land veränderte sich innerhalb von nur zwei Generationen von dem früheren fast ausschließlich ländlichen Charakter in einen modernen Industriestaat. Die erste deutsche Eisenbahnlinie (Ludwigseisenbahn) wurde zwischen den bayerischen Städten Nürnberg und Fürth im Jahre 1835 eröffnet, und schon ein halbes Jahrhundert später arbeiteten Nicolaus OttoGottlieb Daimler und Carl Benz im benachbarten Württemberg und Baden an dem Bau von pferdelosen Kutschen. Das von den beiden letztgenannten gegründete Unternehmen, Daimler-Benz, ist immer noch einer der berühmtesten Namen in der Automobilwelt und Bayern ist die Heimat der schnellen Autos von Audi und BMW.

München um die Jahrhundertwende – Auf der Theresienwiese, dem Platz des jährlichen Oktoberfestes, weiden Schafe.

Die kulturelle Kreuzbefruchtung des Durchgangslandes und das starke künstlerische Erbe der italienischen Renaissance verlieh München im beginnenden 20. Jahrhundert einen fast italienischen Charme: Im Vergleich zu Preußen war Bayern fast eine Anarchie (die königliche Familie war Beweis genug, wie wir sehen werden), aber eine angenehme und Menschen aus nah und fern strömten, um sich dort niederzulassen. Die Bayern verfolgen nach wie vor eine fast südliche Tradition der Leichtigkeit des Lebens, ein sehr unpreußisches Flair des “Dolce far niente”. Das Land rühmt sich seiner Tradition als Inbegriff der Libertas Bavariae, einer spezifisch Bayerischen Liberalität gegenüber Andersdenkenden; obwohl zutiefst katholisch, nahm es mehr als zehntausend französische Hugenotten auf , d.h. evangelisch-calvinistische Familien, die Frankreich und dem Zorn Catharina de’ Medicis im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert entflohen waren, nachdem das Edikt von Nantes – das weitgehende Religionsfreiheit gewährt hatte – widerrufen worden war. Die fleißigen Neulinge waren ein großer Gewinn für Bayern im Allgemeinen und München im Besonderen; eine Reihe von Straßen in der Schwanthalerhöhe, benannt nach prominenten hugenottischen Familien, erinnert an die Vorteile , die sie der Stadt gebracht haben.

Westliche Neuhauser Straße, Karlstor und Karlsplatz (Stachus) ca. 1900

Ab dem vierten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, während der frühen Herrschaft von Ludwig I., begann die Stadt ihren provinziellen Charakter zu verlieren; bevor er Lola Montez getroffen hatte und in ihren Armen alles andere vergaß, hatte der König ein öffentliches Bauprogramm im neoklassizistischen Stil gefördert, dessen Ergebnisse nach wie vor auf des Boulevards der Ludwigstraße und Maximilianstraße gesehen werden können. Das Genie der Architekten Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner bleibt weithin sichtbar in der großen Anzahl ihrer Entwürfe, die die Stadt schmücken, praktisch alle nach dem Bombenschäden des Zweiten Weltkrieges den ursprünglichen Plänen folgend wiederaufgebaut .

Mit bayerischem Charme und einem viel geselligeren sozialen Klima als das steife Preußen, das provinzielle Berlin oder das merkantile Hamburg, wurde München bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu dem zweiten Zentrum der internationalen Kunst und Kultur, gleich nach Paris – die Kaiserbesoffenheit und den Zwist Wiens und die gekünstelte imperiale Pracht Londons leicht hinter sich zurücklassend …

An dieser zweiten Stelle nach Paris, zog München – damals etwa 600.000 Einwohner beherbergend – Künstler aus allen Ländern und Bereichen des Lebens an und wurde vor allem ein Zentrum für die Avantgarde. Soweit es die Malerei angeht, erlebte allein das Jahr 1909 die Gründung von vier neuen Künstlergruppen – von denen sich eine einfach die “Neue Künstlervereinigung” nannte und Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky zu ihren Mitgliedern zählte. Im Café Stephanie in der Amalienstraße konnte man zu jeder Tages- oder Nachtzeit radikale Intellektuelle wie Kurt EisnerErich Mühsam oder Ernst Toller treffen, die alle nach dem Krieg berühmt wurden. Während diese Künstler und Philosophen für Hitlers bürgerlichen Geschmack jedoch viel zu fortschrittlich waren, brachten sie künstlerischem Flair und Inbrunst nach München – unübertroffen, bis zwanzig Jahre später Berlin die Goldenen Zwanzigern erlebte. Aber im Jahre 1910 war Berlin ein kultureller Friedhof.  Ian Kershaw [Hitler 1889-1936: Hybris (London, 1998), ISBN 0-393-32035-9] schrieb:

Schwabing, das pulsierende Zentrum des Münchner künstlerischen Lebens und seiner Bohème, zog Künstler, Maler und Schriftsteller aus ganz Deutschland und aus anderen Teilen Europas an. Schwabings Cafés, Kneipen und Kabaretts verwandelten sich in experimentelle Gewächshäuser der Moderne. „In keiner Stadt in Deutschland stieß Altes und Neues kräftiger zusammen als in München“, kommentierte Lovis Corinth, ein berühmter Künstler, der die dortige Atmosphäre zur Wende des Jahrhunderts erlebte.

IAN KERSHAW, s.u.
Lovis Corinth – Die drei Grazien

Die Themen des Verfalls und der Erneuerung, des Abwerfens des sterilen, abklingenden Ordnung, Verachtung für bürgerliche Konventionen, für die alten, abgestandenen und traditionellen Sichtweisen, die Suche nach neuem Ausdruck und ästhetischen Werten, die Evokation des Gefühls über die Vernunft, die Verherrlichung von Jugend und Begeisterung, verband viele der unterschiedlichen Stränge der Münchner modernen Kulturszene.

IAN KERSHAW, s.u.
Fasching (Karneval) in Schwabing um 1900

Der Kreis um Stefan George; die Geißel der bürgerlichen Moral, Dramatiker, Liedermacher und Kabarettist Frank Wedekind; der große Lyriker Rainer Maria Rilke; und die Gebrüder Mann – Thomas, berühmt seit der Veröffentlichung im Jahre 1901 seines epischen Romans über bürgerlichen Niedergang “Buddenbrooks“,  dessen Vignette homosexueller Versuchung “Der Tod in Venedig”  im gleichen Jahr veröffentlicht wurde, in dem Hitler nach München kam (1913), und sein älterer, politisch radikalerer Bruder Heinrich – waren nur einige in der Galaxie von literarischen Koryphäen in Vorkriegs-München.

Auch in der Malerei bestimmte die Herausforderung der „Moderne“ die Ära. Rund um die Zeit, in der Hitler in München lebte, revolutionierten Wassily Kandinsky, Franz MarcPaul Klee, Alexej von Jawlensky, Gabriele Münter und August Macke – die Koryphäen der Gruppe “Der Blaue Reiter” – das Wesen künstlerischer Komposition in brillanten und spannenden neuen Formen expressionistischer Malerei. Die visuellen Künste würden nie mehr das gleiche bleiben.

Ian Kershaw [“Hitler 1889–1936: Hubris” (London, 1998), ISBN 0-393-32035-9, Seiten 81-82
Postkarte des Café Stefanie – Besucher waren, u.a. Johannes R. Becher , Hanns Bolz , Hans Carossa , Theodor Däubler , Kurt Eisner , Hanns Heinz Ewers , Leonhard Frank , Otto Gross , Emmy Hennings , Arthur Holitscher , Eduard von Keyserling , Paul Klee , Alfred Kubin , Gustav Landauer , Heinrich Mann , Gustav Meyrink , Erich Mühsam , Erwin Piscator ,Alexander Roda Roda , Ernst Toller , B. Traven und Frank Wedekind.
München – Zentrum und Marienplatz

In Schwabing priesen Revolutionäre von jeder Sorte und Kaliber ihre Lehren an der Ludwig-Maximilians-Universität – nach München im Jahr 1826 von Landshut aus umgezogen (dorthin verlegt worden aus Ingolstadt, wo sie im Jahr 1472 gegründet worden war) – wurde das komplette Spektrum der politischen Ideenlehre gleichermaßen der Aufmerksamkeit der Studenten als auch der Bürger anheimgelegt. Der Hauptcampus war in Schwabing und bot den Studenten – immer auf der Suche nach neuen und exotischen Empfindungen und Eingebungen – eine Bühne für jede denkbare und einige eher unwahrscheinliche Formen künstlerischer Expression. Der unbeschwerte Geist, in dem selbst die wildesten oder lächerlichsten Lehren der Kunst oder Politik ein aufmerksames Publikum fanden, wurde die moderne Artikulation der Libertas Bavariae. In der Juxtaposition William Blakes oben zitierten Verses wurde Schwabing klar zu süßer Freude geboren und unkonventionelle Seelen aus der ganzen Welt strömten nach München.

Eine solche unkonventionelle Seele war Herr Wladimir Iljitsch Uljanow, der Recht und Politik an der Universität hörte, wo er sich als Herr Meyer eingeschrieben hatte. Herr Meyer wohnte in der Schleißheimer Straße 106, nur ein paar Blocks westlich des Campus, und war in seiner Heimat Russland und besonders der dortigen Geheimpolizei besser bekannt unter seinem revolutionären Pseudonym “Lenin”.

Eine weitere, eher unkonventionelle Seele, ein junger Mann namens Adolf Hitler, frequentierte bald die gleichen Cafés, Kneipen und Biergärten in Schwabing; Zeitung lesend, während er langsam eine Tasse Kaffee schlürfte, oder seine Bilder in Kunstgeschäften oder einfach auf der Straße hausierend. Etwas nördlich des Hauptgebäudes der Universität, hundert Meter hinter dem Siegestor, diente (und dient noch) die erste Viertelmeile der Leopoldstraße als Outdoor-Galerie der Künstler, und bis zum heutigen Tag verkaufen die ansässigen Maler ihre Werke dort. Adolf war, wie wir herausfinden werden, selbst ein bisschen revolutionär, aber das Jahr 1913 sah ihn halb erschrocken und halb berauscht von dem schieren Ansturm der künstlerischen Szene auf seine Sinne . . .

Münchner Hauptbahnhof um 1900

Adolf Hitler und sein Freund Rudolf Häusler kamen am Münchner Hauptbahnhof am Sonntag, 25. Mai 1913 aus Wien an, und begannen sofort eine Unterkunft zu suchen. Sie gingen die Schleißheimer Straße entlang, im Nordwesten des Bahnhofs, und im Fenster einer kleinen Schneiderei, bei Nummer 34, bemerkten sie ein kleines Schild “Zimmer zu vermieten”. Sie gingen hinein und wurden sich schnell mit des Schneiders Frau, Anna Popp, einig, eine winzige Mansarde im dritten Stock zu mieten. Am 26. Mai registrierten sie sich bei der Münchner Polizei, bei der Hitler die Dauer seines Besuches mit zwei Jahren angab. In Wien hatte Hitler sich bei der Polizei anlässlich seines Weggangs abgemeldet,wie vorgeschrieben, hatte aber keine Nachsendeadresse hinterlassen; in der Polizeiakte heißt es nur „mit unbekanntem Ziel“, was darauf hinweist, dass Hitler nichts über seinen zukünftigen Aufenthaltsort verlauten wollte. Dies würde mit der Tatsache übereinstimmen, dass sein früheres “Verschwinden” im Herbst 1909 auf geradezu magische Weise mit der genauen Zeit zusammenfällt, in der er sich zur Musterung in der österreichischen Armee hätte melden müssen. Er verließ die Sechshauserstrasse 56, Wien, c/o Frau Antonie Oberlechner, am 16. September 1909, ohne eine Weiterleitungsadresse zu hinterlassen, und ließ sich erst wieder am 8. Februar 1910 bei der Wiener Polizei registrieren – dem Tag, als er wieder auftauchte und in das Männerheim in der Meldemannstraße zogt. . . .

Schleißheimer Straße 34 während der NS-Zeit, mit Erinnerungstafel (Hitlers Raumfenster markiert)

Adolf Hitler war jetzt in der Stadt angekommen, die sein Hauptwohnsitz für die nächsten 20 Jahre werden würde – die Stadt, die er später die “Hauptstadt der Bewegung”taufte. Für eine Weile wurden die Popps seine Familie. Robert Payne beschreibt uns eine mise en scène des menschlichen Lebens in der Schleißheimer Straße 34:

Viele Jahre später, als die Nationalsozialisten an der Macht waren, wurde Frau Popp gefragt, an was sie sich über ihren Mieter erinnern könne. Natürlich erinnerte sie sich an viele Dinge, die zu seinem Vorteil gereichten: Er war freundlich zu den Kindern, Peppi und Liesel und war bescheiden, gut erzogen und selbstgenügsam. Er verbrachte den ganzen Tag mit Malerei und Zeichnen, und er studierte jeden Abend und jede Nacht. …

Sie war eine dieser neugierigen Vermieterinnen, die die Besitztümer ihrer Mieter prüfen, und sie erinnerte sich, dass seine Bücher „alles politischen Sachen und wie man ins Parlament kommt.“ Sie erinnerte sich auch an etwas, dass andere ebenfalls beobachtet hatten: seine Einsamkeit.

Er schien keine Freunde zu haben, lebte vollständig allein [nachdem Häusler ausgezogen war – wie oben erwähnt, niemand erwähnte Rudolf Häusler bevor Thomas Orr die Nachbarschaft im Jahre 1952 untersuchte, aus unbekannten Gründen,¶] lehnte alle Einladungen der Popps ab, ihr Abendessen zu teilen, wies alle ihre Annäherungsversuche zurück, und verbrachte ganze Tage in seinem Zimmer, ohne sich nach außen hin zu rühren. Er lebte von Brot und Wurst; nur manchmal klopfte er höflich an ihre Küchentür, um nach heißem Wasser für seinen Tee zu fragen.

„Er lebte in seinem Zimmer wie ein Einsiedler, mit seiner Nase immer in diesen dicken, schweren Büchern“, sagte sie. Es verwunderte sie, dass er sowohl ein Maler sein sollte als auch ein unersättlicher Leser, und eines Tages fragte sie ihn, was all das Lesen mit seiner Malerei zu tun habe. Er lächelte, nahm sie am Arm und sagte: „Liebe Frau Popp, weiß jemand wirklich, was ihm später im Leben wirklich von Nutzen sein wird und was nicht?“ (4)

THE LITTLE DRUMMER BOY, Seiten 279 – 280

Die Popps mochten ihn. Er wusste sich zu verhalten, was sie beeindruckte, denn für sie schien es zu bedeuten, dass er in Wirklichkeit – jenseits der Maske, die er trug – jemand anderes, jemand besseres war als wer er zu sein vorgab. Er lebte auf seinem eigenen Planeten, nicht unbedingt im bekannten Universum, und hatte keine Kontakte, die wir kennen, außer dass ein ehemaliger Bewohner des Männerheims behauptete, ihn einmal in einer zufälligen Begegnung am Bahnhof in München getroffen zu haben. [FN 1] Er malte derweil, und verkaufte seine Werke auch; wir haben eine gute Handvoll von Berichten seiner Kunden. Der Arzt Dr. Hans Schirmer erinnerte sich:

[FN 1]: Der Name dieses Mannes war Josef Greiner, der ein Betrüger und Erpresser gewesen zu sein scheint. 1939 und 1947 veröffentlichte er Bücher, welche seine angebliche Freundschaft mit Hitler in München und Wien beschrieben. Beide Bücher wurden verboten, das von 1939 von den Nazis selbst und das 1947 Opus von der Besatzungsbehörde. Vgl. Anton Joachimsthaler (8)

… Ich saß an einen Sommerabend im Garten des Hofbräuhauses, bei meinem Bier. Gegen 20.00 Uhr bemerkte ich einen sehr bescheiden und etwas grob gekleideten jungen Mann, der mir wie ein armer Student aussah. Der junge Mann ging von Tisch zu Tisch, ein kleines Ölgemälde zum Verkauf anbietend.

Die Zeit verstrich, und es war vielleicht 22.00 Uhr, als ich ihn wiedersah und erkannte, dass er nach wie vor das Bild noch nicht verkauft hatte. Als er in meine Nähe kam, fragte ich ihn, ob ich ihm helfen könne, da sein Schicksal mich etwas beunruhigte. Er antwortete: „Ja, bitte“, und als ich nach dem Preis fragte, legte er ihn auf fünf Mark.

Mein Vermögen damals … war nicht groß, und da ich in meinen Taschen nur das wenige Bargeld hatte, das benötigt war, um ein Bier zu kaufen, gab ich dem jungen Mann drei Mark und meine Adresse auf einer Rezeptform, und bat ihn, mit dem Gemälde am nächsten Tag in meine Praxis zu kommen , wo ich ihm den Rest geben würde.

Er übergab mir das Bild sofort und sagte mir, er würde mich morgen besuchen. Sofort, nachdem die Transaktion abgeschlossen war, ging er zum Buffet und kaufte sich zwei Wiener Würstchen und eine Semmel, aber kein Bier.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280
Münchner Straßenbahn, von Adolf Hitler

Ein Huthändler, Josef Würbser, wurde in seinem Laden aufgesucht.

„Es war im April 1914, ich die Kasse in dem Hutladen Zehme am Marienplatz und Dienerstraße betreute, als ein junger Mann hereinkam und mich fragte, ob ich am Kauf zwei seiner Gemälde interessiert wäre. Er müsse sie verkaufen, um Bücher für seine Studien erwerben zu können.

Da ich mich selbst ein bisschen mit Malerei beschäftigt hatte, war mein Interesse sofort geweckt, und ich studierte die beiden Bilder, von denen eines das „Alte Bürgermeisteramt“ zeigte und das andere den „Alten Hof“. Ich mochte die Bilder, die die schönen Motive in den hellsten Farben zeigten, und kaufte sie beide. Ich kann mich an den Preis nicht genau erinnern, aber es müssen jeweils zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Mark gewesen sein.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280
Das Siegestor, von A. Hitler

Der Juwelier Otto Paul Kerber erinnerte sich:

„Ein junger Mann kam in mein Geschäft an einem Tag im Jahre 1912 [es muss 1913 oder Anfang 1914 gewesen, ¶] und bot mir ein Aquarell von der Münchner Residenz an. Ich mochte das Bild und kaufte dieses und anschließend noch ein paar weitere Bilder von dem jungen Mann, der regelmäßig wiederkam. Soweit ich mich erinnere, bezahlte ich, je nach Größe und Qualität, zwischen 15 und 20 Mark pro Bild.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 280

Sie ahnten es nicht, aber die meisten seiner Kunden hatten das Geschäft ihres Lebens gemacht, denn im Dritten Reich wurden die Gemälde für bis zu 5.000 Reichsmark verkauft. Es blieb jedoch klar, dass ihre Anziehungskraft der Künstler war, nicht die Arbeit an sich. Joachim Fest bemerkte über Hitlers künstlerische Eingebungen und Idole:

Sein Geschmack war seit seinen Tagen in Wien unverändert geblieben, als er keine Rücksicht auf die künstlerischen und geistigen Umwälzungen der Zeit nahm. Kühle klassizistische Pracht auf der einen Seite und pompöse Dekadenz auf der anderen – Anselm Feuerbach, zum Beispiel, und Hans Makart – waren seine Idole. Mit den Ressentiments des durchgefallenen Kandidaten für die Akademie erhob er seinen eigenen Geschmack zu einer absoluten Richtschnur.

Er bewunderte auch die Kunst der italienischen Renaissance und des Frühbarock; die Mehrzahl der Bilder im Berghof gehörten zu diesen Epochen. Seine Favoriten waren ein halblanger Akt von Bordone, des Schülers von Tizian und eine große farbige Skizze von Tiepolo. Auf der anderen Seite verwies er den Maler der deutschen Renaissance wegen ihrer Strenge und Sparsamkeit.

Fest, S.U.
Paris Bordone, Venus und Amor – einer von Hitlers Favoriten

Die pedantische Treue seiner eigenen Aquarelle könnte darauf hindeuten, dass er handwerkliche Präzision immer favorisierte. Er mochte den frühen Lovis Corinth, aber reagierte auf dessen brillante spätere Arbeit, gemalt in einer Art Ekstase des Alters, mit ausgeprägter Reizung und entfernte sie aus den Museen. Bezeichnenderweise liebte er auch sentimentale Genrebilder, wie die weintrinkenden Mönche und fetten Gastwirte von Eduard von Grützner. In seiner Jugend, sagte er zu seinem Gefolge, war es sein Traum gewesen, eines Tages erfolgreich genug zu sein, sich einen echten Grützner zu leisten. Später hingen viele Werke des Malers in seiner Münchner Wohnung am Prinzregentenplatz 16.

Neben ihnen liebte er sanfte, volkstümliche Idyllen von Spitzweg, ein Porträt Bismarcks von Lenbach, eine Parkszene von Anselm Feuerbach, und eine der vielen Variationen der “Sünde” von Franz von Stuck. In seinem „Plan für eine deutsche Nationalgalerie“, auf der ersten Seite seines Skizzenbuchs von 1925, erscheinen diese gleichen Maler, zusammen mit Namen wie Overbeck, Moritz von Schwind, Hans von Marées, Defregger, Böcklin, Piloty, Leibl und schließlich Adolph von Menzel, dem er nicht weniger als fünf Räume in der Galerie zuwies.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 281

Sein Geschäft wuchs langsam, er gewann Stammkunden, von denen einige sogar im Voraus bestellten. Der Chemiker Dr. Schnell, der ein Geschäft in der Sendlinger Straße 42 nahe dem Stadtzentrum und eine kleine chemische Fabrik im nördlichen Stadtteil Milbertshofen besaß, erinnerte sich daran, dass eines Tages ein armer junger Maler in seinen Laden kam …

… dem offensichtlich von jemandem gesagt worden war, dass ich schon zuvor armen Künstlern geholfen hatte. Er bat mich um Unterstützung. „Ich bin Architekturmaler“, sagte der junge Mann und bot mir an, ein kleines Bild für mich zu malen. Auf Anfrage sagte er, sein Namen wäre Hitler, er wäre Österreicher und in der Stadt um Maler zu werden.

„Na dann bitte malen Sie mir die Asamkirche nebenan“, sagte ich. „Nach acht bis zehn Tagen brachte Hitler mir ein kleines Bild der Asamkirche, das überraschend gut gemacht war. Ich zahlte ihm die vereinbarten zwanzig Mark und habe später ein paar weitere seiner Bilder gekauft, die er immer pünktlich ablieferte. Ich konnte ihm auch auf weitere Aufträge vermitteln, die ich von Bekannten erhielt, die das Bild der Asamkirche sahen. … Dann begann der Erste Weltkrieg, und Hitler und seine Bilder waren vergessen. …

Als Hitler in die politische Szene nach dem Ersten Weltkrieg eintrat, wollte ich herausfinden, ob der Politiker Adolf Hitler und der Malereistudent der Vorkriegszeit in der Tat identisch waren. Also ging ich kurz ins Hofbräuhaus, wo Hitler eine Kundgebung abhielt und stellte fest, dass er tatsächlich der gleiche Mann war, dessen Bilder ich gekauft hatte. …

Viel später, nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, wurde ich einmal von Hitler ins Hotel “Vier Jahreszeiten” eingeladen. Er fragte, wie es mir und den Bildern ging, und ob er mir einen Gefallen tun könne. Kurze Zeit später, zwischen 1934 und 1936, besuchte mich ein Mann aus dem Stab des „Stellvertreters des Führers“ Rudolf Heß im Büro des Ladens, in dem Hitlers Gemälde hingen, und fragte, ob Heß, der an den Bildern interessiert war, kommen und sie besichtigen könne. Heß tauchte dann auf, mit zwei oder drei anderen Herren, und betrachtete die Bilder. … Später fragten einige Parteibüros nach meiner Erlaubnis, Kopien der Bilder für die Parteiarchive zu machen, welche ich gewährte.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 281

Basierend auf den Aussagen von Hitlers Kunden und von Frau Popp, die sagte, dass er ein alle zwei oder drei Tage ein Bild malte, berechnete Anton Joachimsthaler, dass, wenn er, sagen wir, zehn Gemälde im Monat verkaufte, er recht gut davon leben konnte. In seine kommunale Verkaufslizenz, die er brauchte, um seine Gemälde legal zu verkaufen und die auch als Steuerformular diente, trug er einen Umsatz von rund hundert Mark pro Monat ein – wahrscheinlich das niedrigste, mit dem er davonkommen konnte. Auch wenn er anfangs vielleicht weniger als die fünfzehn oder zwanzig Mark verdiente, die nach einigen Monaten die Norm geworden zu sein schienen, muss er bald zwischen 150 und 200 Mark pro Monat verdient haben. Das war ziemlich anständig im Vergleich zu dem Lohn eines normalen Arbeiters, der in München zu diesem Zeitpunkt zwischen 96 und 116 Mark verdiente, aber auch für seine Familie zu sorgen hatte.

Wie in Wien, scheint es, dass Hitler auch in München mehr Geld hatte als er zugab, und die Beteuerungen seiner Armut in „Mein Kampf“ müssen mit einem großen Löffel Salz genommen werden. Selbst wenn es wahr ist, dass er, wie er später behauptete, oft nur eine Mark für sein Mittag- oder Abendessen hatte, muss dieser Betrag in Bezug auf die Preise der Zeit gesehen werden, die sehr niedrig waren. Ein Liter Bier kostete 30 Pfennige, ein Ei 7 Pfennige, ein Pfund Brot 16 Pfennige und ein Liter Milch 22 Pfennige. Eine Mark langte für so einiges.

Soweit wir wissen, wich seine Lebensweise nicht viel von der in Wien ab, was uns Vorsicht lehrt über die Geschichten, die Hitler später von seinem Studium der Politik, Philosophie und Geschichte in der Münchner Vorkriegszeit gesponnen hat. In einem der Tafelmonologe während des Zweiten Weltkrieges gab er Kunst an, nicht Politik, als seinen Grund, nach München zu gehen.

„[Ich wollte weitermachen] … als Autodidakt zu arbeiten und einen gewissen Zeitraum lang praktische Arbeit hinzufügen, sobald ich im Reich war. Ich war glücklich in München: Ich hatte mir das Ziel gesetzt, weitere drei Jahre zu lernen und dann mit 28 Jahren, als Architekt bei Heilmann & Littmann [eine Münchner Baufirma, ¶] einzutreten.

Ich hätte bei deren erstem Wettbewerb mitgemacht, und ich glaubte, sie würden mein Talent und meine Fähigkeiten anerkennen. Ich hatte mich, privat, an allen aktuellen Architekturwettbewerben beteiligt, und als die Entwürfe für das neue Opernhaus in Berlin veröffentlicht wurden, begann mein Herz zu schlagen, und ich sagte mir, dass sie viel schlechter waren als das, was ich geliefert hatte. Ich hatte mich auf Bühnenbilder spezialisiert.

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 282

Leider finden wir in keinem der ordentlichen und vollständigen Archive dieser Wettbewerbe die Entwürfe, die Hitler – privat – beitrug, sodass wir uns leider eines Urteils über ihren künstlerischen Wert enthalten müssen.

Maximilianstraße um 1900

Seine Zurückgezogenheit in München verschaffte ihm auch einen eher unauffälligen Vorteil: dass er, wie er glaubte, es dadurch vermied, in die österreichische Armee eingezogen zu werden. Es war Standard in Österreich, wie in allen anderen europäischen Ländern, dass die jungen Männer eines
bestimmten Alters (in Österreich mit zwanzig) zum Militär einberufen wurden, wo sie, nach zwei oder drei Jahren aktiven Dienstes, für die nächsten zwanzig Jahre oder so den Reserveeinheiten unterstellt blieben. Hitler hätte sich im Herbst 1909 registrieren und mustern lassen müssen – genau zu dem Zeitpunkt als er verschwand. Selbst wenn er eine gültige Ausrede gehabt hätte, sagen wir Krankheit, hätte er sich einer Neuregistrierung im Jahr 1910 oder 1911 unterziehen müssen. Da wir Hitlers ablehnende Haltung gegenüber dem Habsburgerstaat kennen, kann es uns nicht überraschen, dass er keinerlei Drang verspürte, ihm zu dienen.

Am 11. August 1913 erließ die Linzer Polizei einen Haftbefehl für Hitler, aufgrund Umgehung der Stellungspflicht. Von Hitlers Verwandten, vielleicht den Schmidts, fanden sie heraus, dass er in dem Männerheim in Wien lebte. Auf ihre Anfrage berichtete Wien nach Linz zurück, dass Hitler Wien verlassen hätte, ohne eine Weiterleitungsadresse zu hinterlassen, aber dass einige Bewohner der Herberge sich erinnerten, dass Hitler erwähnt hatte, nach München zu gehen.

Linz fragte also in München nach, und erfuhr am 8. Januar 1914, dass Hitler in der Tat in München registriert war, bei Popp, Schneider, Schleißheimer Straße 34/III. Am Nachmittag des 18. Januar 1914 wurde ein Trupp der Münchner Polizei zu Hitler losgeschickt, mit einem österreichischen Haftbefehl und einer Vorladung zur Musterung.

„Herr Adolf Hitler, geboren 1889, wohnhaft in Linz an der Donau, derzeit in München bei Popp, Schleißheimer Straße 34/III, wird hiermit einbestellt, sich des 20. Januars 1914 am Kaiserin-Elisabeth-Kai 30 in Linz zur militärischen Musterung zu präsentieren. Im Falle des Scheiterns, dieser Aufforderung nachzukommen, wird er der Strafverfolgung nach den §§ 64 und 66 des Gesetzes über Militärdienst aus dem Jahre 1912 unterliegen.”

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 282

Das war kein Scherz. Dem österreichisch-bayerischen Auslieferungsvertrag von 1831 zufolge, konnte er verhaftet, in eiserne Ketten gelegt, ausgeliefert und den Behörden in Linz zwangsweise vorgeführt werden, wenn er dem Befehl nicht folgte. Hitler sprach also mit dem Offizier des Kommandos, Wachtmeister Herle, der eine Unterschrift für den Erhalt der Vorladung verlangte. Zur Erbauung des Wachtmeisters und seiner Truppe formulierte Hitler aus dem Stand eine improvisierte Entschuldigung:

„Ich hatte es verpasst, mich im Herbst 1909 zu registrieren, aber ich korrigierte dieses Versehen im Februar 1910. Zu dieser Zeit meldete ich mich im Amt des Bürgermeisters beim Wehrpflichtamt IB, die mich an meinen Wiener Heimatbezirk zurückverwiesen, den XX. Ich beantragte dort, mich der Musterung in Wien statt in Linz unterziehen zu dürfen, unterschrieb ein Protokoll oder Affidavit, bezahlte eine Krone und habe nie wieder von der Sache gehört. Ich habe weder daran gedacht, mich der Registrierung zu entziehen, noch ist dies der Grund für meinen Umzug nach München. Ich war immer bei der Polizei in Wien registriert, [FN 2] , genauso wie jetzt hier in München.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 283

[FN 2] Das war eine glatte Lüge; wir wissen, dass er vom 16, September 1909 bis zum 8. Februar 1910 nicht registriert war; eine Lüge, die er in dem Schreiben an die österreichischen Behörden (siehe unten) wiederholte – aber zum Glück überprüfte niemand die falsche Behauptung.

Die Österreicher müssen ihn schlichtweg vergessen haben, behauptete er, denn er war eindeutig kein Deserteur. Wir wissen nicht, was Wachtmeister Herle von der Geschichte hielt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach war es nicht das erste Mal in seiner Karriere, dass ein Verdächtigen einen Fehler bei den Behörden behauptete. Die Geschichte, die Hitler ausgeheckt hatte, war klar faul in sich selbst, und vielleicht zählte er auf des bayerischen Offiziers Unkenntnis der österreichischen Militärgesetze; die europäischen Nationen dieser Zeit verfolgten die Lebensumstände ihrer potenziellen Rekruten sehr sorgfältig und “vergaßen” sie nicht einfach; die Erfordernis, dass jede Adressänderung registriert werden musste, war in der Tat genau für diesen militärischen Zweck erlassen worden.

Herle jedenfalls verhaftete Hitler und brachte ihn in die Münchner Polizeizentrale an der Löwengrube. Am nächsten Morgen wurde der Gefangene dann dem österreichischen Generalkonsulat präsentiert. Es scheint, dass er dort von einem Konsularbeamten oder vielleicht einen Rechtsassistenten unterstützt wurde, denn er durfte seinen Fall in einer schriftlichen Erklärung präsentieren. Dies war nicht das ganz normale Verfahren; vielleicht begann Hitlers Kaltblütigkeit zu wirken.

In der Zwischenzeit hatte er seine Geschichte überdacht. Zuerst behauptete er – wahrheitswidrig – dass er die Vorladung zu spät erhalten hatte; dann behauptete er, dass das Problem ein Fehler des Österreichers war, die ihn irrtümlich in Linz gesucht hatten, als er tatsächlich in Wien war, oder umgekehrt. Eloquent in seiner Entschuldigung und seltsam weinerlich im Ton, erinnert der Aufsatz, indem er sein mühseliges Leben in München beschreibt, den Leser an den schmeichlerischen Stils seines Vaters Brief an den Bischof von Linz in der Sache der geplanten Hochzeit mit seiner Nichte Klara. Ein glücklicher Zufall hat uns Hitlers Dokument erhalten, das einen Blick in dieses jungen Menschen Beunruhigung und Verdrusses erlaubt:

… In der Vorladung werde ich als Künstler bezeichnet. Ich trage diesen Titel zurecht, aber er ist nur relativ zutreffend. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als unabhängiger Maler, da ich völlig eines Einkommens beraubt bin (mein Vater war Beamter), und ich arbeite lediglich, um meine Ausbildung zu fördern. Nur ein kleiner Teil meiner Zeit kann für meinen Lebensunterhalt aufgewendet werden, denn ich strebe immer noch danach, meine Ausbildung zu einem architektonischer Maler zu vollenden.

Mein Einkommen ist daher sehr bescheiden, gerade genug um meine Kosten zu decken. Als Zeugnis dafür verweise ich Sie auf meine eingeschlossene Einkommensteuererklärung, und ich wäre dankbar, wenn sie mir zurückgegeben werden könnte. Man sieht, dass mein Einkommen um die 1200 Mark beträgt – eher mehr als ich wirklich verdiene – und dies bedeutet nicht, dass ich tatsächlich 100 Mark im Monat mache. Oh nein. …

Im Hinblick auf mein angebliches Versagen zur Meldung für den Militärdienst im Herbst 1909, muss ich bemerken, dass dies für mich eine unendlich bittere Zeit war. Ich war damals ein junger Mann ohne Erfahrung, ohne finanzielle Unterstützung von irgendjemand zu empfangen und zu stolz, um finanzielle Unterstützung von anderen zu akzeptieren, geschweige denn darum zu bitten. Ohne Unterstützung war ich auf meine eigenen Anstrengungen angewiesen, verdiente ich nur ein paar Kronen und oft nur ein paar Pfennige durch meine Arbeit, und das war oft zu wenig, um für ein Nachtlager zu bezahlen. Zwei Jahre lang kannte ich keine andere Herrin als Leid und Not, keinen anderen Begleiter als ewig nagenden Hunger. Ich kannte nie das schöne Wort Jugend.

Noch heute, fünf Jahre später, erinnere ich mich immer wieder an diese Erfahrungen, und trage deren Überreste in Form von Frostblasen an Fingern, Händen und Füßen. Und doch kann ich nicht jener Tage gedenken, ohne eine gewisse Freude darüber zu empfinden, dass ich diese Schikanen letztendlich überwunden habe. Trotz großen Mangels, in oft zweifelhafter Umgebung, hielt ich doch meinen Namen sauber, hatte ein untadeliges Verhältnis zum Gesetz, und besaß ein reines Gewissen – außer dass ich mich immer wieder daran erinnerte, dass meine Erfassung für den Militärdienst fehlgeschlagen war. Dies ist die eine Sache, für die ich mich verantwortlich fühle. Es scheint mir, dass ein moderates Bußgeld eine reichliche Strafe wäre, und natürlich werde ich diese gerne bezahlen.

Ich sende diesen Brief unabhängig von der Aussage, die ich heute im Konsulat unterzeichnet habe. Ich bitte, dass mir weitere Anweisungen durch das Konsulat übermittelt werden sollten und bitte Sie mir zu glauben, dass ich diese sofort erfüllen werde.

Alle meine Erklärungen in diesem Fall wurden von den konsularischen Behörden überprüft. Sie haben sich als sehr großzügig erwiesen und haben mir die Hoffnung vermittelt, dass ich in der Lage sein könnte, meine militärischen Verpflichtungen in Salzburg zu erfüllen. Obwohl ich es nicht wagen kann, dies zu hoffen, bitte ich, dass diese Angelegenheit für mich nicht übermäßig erschwert werde.

Ich beantrage, dass Sie dieses Schreiben zur Berücksichtigung annehmen und unterzeichne, respektvoll,

ADOLF HITLER

Künstler

München

Schleißheimer Straße 34/III

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 283 – 284

Dieser Brief ist ein früher und recht guter Einblick in den Geist einer Person, der einst ein professioneller Betrüger werden würde. Es ist nicht nur die schiere Verbiegung von Tatsachen die überrascht – es ist auch der Stil des Briefes; er zeigt, dass Hitler sehr genau wusste, was er zu schreiben hatte, und wie.

Der Brief verströmt das spezifische Aroma des Zeitalters, der servilen Weinerlichkeit, die einsetzt, wenn man ein Problem mit den Behörden hat. Der devote, manchmal arschkriecherische und manchmal schwatzhafte Ton ist, nach unseren heutigen Maßstäben, ein allzu offensichtlicher Versuch, Sympathie für seinen Antrag zu erwerben, im Angesicht eines Bürokraten, der die Macht hat, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Es mag wohl wahr sein, dass Bürokraten damals im allgemeinen byzantinische Schmeichelei und vorausschauenden Gehorsam erwarteten von der Öffentlichkeit, der sie angeblich dienen (und die ihre Gehälter bezahlt), aber Hitlers Brief klingt fast so, als ob er versuchte den Adressaten zu veräppeln. Der Stil ist einerseits umständlich und andererseits vertraulich, manchmal auf unheimliche Weise intim – als ob er sich von einem selten gesehenen Onkel Geld leihen wolle.

Herausstechend jedoch ist seine Argumentation: schon bevor das Urteil gesprochen wird, appelliert er an ein höheres Gericht, dem flüchtigen Charakter der österreichischen Militärjustiz übergeordnet. Sein Verbrechen ist nicht Desertion, behauptet er, sein Verderben war Armut. Er wird eine sehr ähnliche Taktik des Bekenntnisses zu einem inexistenten Vorwurf elf Jahre später wiederum verwenden, in der Verhandlung über den “Beer Hall Putsch“. Genauso wie dann verkündet er jetzt seine Schuldlosigkeit; in den Worten von Robert Payne:

,„Ein höheres Gericht wird ihn für unschuldig erklären, denn sein einziges Verbrechen ist Armut; sein Name ist sauber, sein Betragen schuldlos, sein Gewissen frei. Er behauptet, dass es sein einziger Ehrgeiz im Leben ist, der österreichisch-ungarischen Monarchie zu dienen; aber wenn wir diesen Brief lesen, wissen wir bereits, dass er diese Monarchie und alle ihre Werke verachtet und nicht die geringste Absicht hat, ihren Aufträgen zu folgen.“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 284

Seine Versuche , die Sympathien des konsularischen Personals zu gewinnen, waren offensichtlich erfolgreich: Der Konsul selbst sandte Hitlers Brief nach Linz, zusammen mit einem von ihm selbst verfassten, in dem er erklärte, dass sowohl er persönlich als auch die Münchner Polizei davon ausgehen, dass Hitler ehrlich war und die Registrierung durch einen Fehler verpasst hatte, nicht durch kriminelle Absicht. Darüber hinaus empfahl der Herr Konsul , dass man Hitler erlauben solle, sich dem militärische Prüfungsausschuss in der Grenzstadt Salzburg zu stellen , anstatt ihn zu verpflichten, den ganzen Weg nach Linz zu reisen. In seltener Großzügigkeit bezahlte das Konsulat sogar Hitlers Zugfahrkarte.

Das Militärkommando in Linz pflichtete bei, und am 5. Februar 1914 fuhr Hitler mit dem Zug nach Salzburg. In einer kurzen Untersuchung fanden die Ärzte Hitler sowohl für den Kampf als auch den Hilfsdienst untauglich und entließen ihn ohne weitere Verpflichtungen. Das war genau das, worauf Hitler gehofft hatte, und er kehrte mit leichterem Herzen zurück nach Schwabing und seinen Büchern und Gemälden. In „Mein Kampf“, behauptete er später, dass die lebhaften politischen Diskussionen in den Cafés und Biergärten seinen Verstand trainiert und seine Argumentationsweise verbessert hätten. Von größter Bedeutung, schrieb er, war sein gründliches Studium des Marxismus.

„Ich habe mich dann wiederum mit der theoretischen Literatur dieser neuen Welt befasst und versucht, Klarheit über ihre möglichen Auswirkungen zu erlangen, und diese dann mit den tatsächlichen Erscheinungen und Ereignissen verglichen, die es etwa im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben hervorbringt. Jetzt wandte ich zum ersten Mal meine Aufmerksamkeit darauf, dieser Weltplage Herr zu werden .“

THE LITTLE DRUMMER BOY, SEITE 285

Es sind drei Überlegungen, die uns dazu bringen, die Richtigkeit dieser Aussage zu zweifeln. Da Hitler nie dem im Sinne „angestellt“ war, so wie ein Fabrikarbeiter angestellt ist, kann man bezweifeln, wie viel wirklich er von den Realitäten der Tarifverhandlungen verstand oder wusste, von der Unfallversicherung, den Entschädigungen für Unfälle, dem betrieblichen Gesundheitswesen oder Rentenplänen, diesen Brot- und Butter Aufgaben der Gewerkschaften. Zweitens: Zu dem Zeitpunkt, an dem er angeblich in der Studie des Marxismus “eintauchte”, lag die russische Oktoberrevolution oder jede andere kommunistische Revolution noch Jahre in der Zukunft, und kein Land in der Welt besaß eine sozialistische Regierung. So kann man sich fragen, wie genau Hitler sich seine Meinung über die „Welt-Plage“ gebildet hatte und wo die „tatsächlichen Phänomene und Ereignisse“ aufgetreten waren, die er, wie er sagte, beobachtet hatte. Es scheint viel wahrscheinlicher, dass diese Teile von „Mein Kampf“- nicht vor 1924 geschrieben – Übungen im Nachhinein darstellen und dass er die vorausschauende Hellsichtigkeit der Übel des Marxismus als Beweis seines politischen Genies verkaufte. Drittens ist es fraglich, wie viel freie Zeit, Malerei und Verkauf der Bilder ihm ließen und es liegen keine Bibliotheksausweise von ihm vor.

Aber er liebte München so sehr wie er Wien verachtete. Die Bürger hatten eine leichte Art des Lebens, er mochte den bayerischen Dialekt, den er als Kind in Passau gelernt hatte, und das rassische und lingualen Sammelsurium, das er in
Wien zu verabscheuen gelernt hatte, war völlig abwesend. Auch in dem sehr kalten Winter 1913/14, als er weniger Kunden als üblich auf den schneebedeckten Straßen und leeren Biergärten finden konnte, war er immer noch guter Dinge;
München leuchtete für ihn weiterhin. [„München leuchtet!“ war der Titel eines beliebten Kabarettprogramms.] Doch es ist klar, dass er nicht an dem sozialen oder politischen Leben der Stadt teilnahm; nicht ein einziges Dokument, keine Zeitung erwähnt seinen Namen. Mit Ausnahme von Rudolf Häusler kennen wir auch keine anderen Bekannten. In den letzten sechzig Jahren wurden alle Archive durchsucht: Wir haben zum Beispiel einen Brief von seinem Bekannten Fritz Seidl, den Hitler während des einen Jahres in der Pension von Frau Sekira in Linz getroffen hatte, in der ersten Klasse der Unterrealschule; aber nichts aus München – nicht einmal ein Foto. (19) In einem bekannten Absatz von „Mein Kampf“ lobte Hitler die Stadt:

Daß ich heute an dieser Stadt hänge, mehr als
an irgendeinem anderen Flecken Erde auf dieser Welt,
liegt wohl mitbegründet in der Tatsache, daß sie mit der
Entwicklung meines eigenen Lebens unzertrennlich ver-
bunden ist und bleibt; daß ich aber damals schon das Glück
einer wahrhaft inneren Zufriedenheit erhielt, war nur
dem Zauber zuzuschreiben, den die wunderbare Wittels-
bacherresidenz wohl auf jeden nicht nur mit einem rechneri-
schen Verstande, sondern auch mit gefühlvollem Gemüte ge-
segneten Menschen ausübt.

ADOLF HITLER “Mein Kampf”, 851 – 855 Auflage 1943, Seite 139
Oktoberfest um 1900

Aber als er in den Cafés saß und die Zeitungen las, kam er nicht umhin, über die neuesten internationalen Spannungen informiert zu werden. Der Balkan hielt die Schlagzeilen wiederum besetzt, wie damals 1912 und 1913, als es dort Krieg gab. In eines der literarisch eher ansprechenden Passagen von “Mein Kampf” beschreibt Hitler die besondere Atmosphäre Jahres 1914:

Schon während meiner Wiener Zeit lag über dem Balkan jene fahle Schwüle, die den Orkan anzuzeigen pflegt, und schon zuckte manchmal auch ein hellerer Lichtschein auf, um jedoch rasch in das unheimliche Dunkel sich wieder zuzückzuverlieren. Dann aber kam der Balkankrieg, und mit ihm fegte der erste Windstoß über
das nervös gewordene Europa hinweg. Die nun kommende
Zeit lag wie ein schwerer Alpdruck auf den Menschen, brütend wie fiebrige Tropenglut, so dass das Gefühl der herannahenden Katastrophe infolge der ewigen Sorge endlich zur Sehnsucht wurde: der Himmel möge endlich dem Schicksal, das nicht mehr zu hemmen war, den freien Lauf gewähren. Da fuhr denn auch schon der erste gewaltige Blitzstrahl auf die Erde nieder: das Wetter brach los, und in den Donner des Himmels mengte sich das Dröhnen der Batterien des Weltkrieges.

ADOLF HITLER “MEIN KAMPF”, 851 – 855 AUFLAGE 1943, SEITE 173

Die stetige Verschlechterung Europas internationaler Beziehungen seit etwa 1906 wird Gegenstand der folgenden Kapitel sein. Aber alle Berichte, die wir vom Juni und Juli 1914 besitzen, sind sich einig – in einer seltsamen Art und Weise – im Hinblick auf das perfekte Wetter, das so krass mit dem kontrastierte, was folgen sollte. In diesen langen Sommernächten verkaufte Hitler noch die Früchte von Pinsel und Bleistift in den Biergärten – es sei denn er war beschäftigt damit, das Glühen der Sonnenuntergänge zu malen. Aber er war allein in seiner Mansarde, in ein Buch vertieft, am Nachmittag des 28. Juni 1914, als seine Vermieterin die Treppe heraufgestürmt kam und sein Zimmer betrat, ohne an der Tür zu klopfen.

Weinend informierte Frau Popp ihren Mieter, dass früher an diesem Tag der Thronfolger des österreichischen Throns, Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg und seine Frau Sophie, von einem jungen Mann in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien, ermordet worden waren. Der Täter war Gavrilo Princip, ein Anarchist mit mutmaßlichen Verbindungen zu Serbien.

Der Erzherzog, ein Neffe von Kaiser Franz Joseph, war drei Tage zuvor in Bosnien eingetroffen, um die jährlichen Militärmanöver zu inspizieren. Nach dem Abschluss der Übungen bestand der Prinz auf einem Besuch der bosnischen Hauptstadt, obwohl die lokale Verwaltung Warnungen vor einem Anschlag erhalten hatte. Ein halbes Dutzend Verschwörer, verteilt über die Hauptverkehrsstraßen der Stadt, hatte auf das Königspaar gewartet, aber es war nur pures Glück – bzw. Pech – dass Princip den offenen königlichen Wagen langsam rückwärts aus dem falschen Ende einer Einbahnstraße fahrend antraf. Er feuerte seine Pistole zweimal und tötete sowohl die Erzherzog als auch seine Frau.

Hitler lief die Treppe hinunter und gesellte sich zu den Massen, die sich auf den Straßen versammelten. In Wien belagerte ein Mob bereits die serbische Botschaft. Die Nachricht aus Sarajevo war die Sensation des Jahres.

Vorschau

Zum nächsten geplanten Beitrag über Hitlers Einrücken zur bayerischen Armee und seinen Dienst an der Westfront (ca. Februar 2020) haben wir einen ganz kurzen Filmausschnitt gefunden von der Vereidigung des Reserve-Infanterieregiments XVI (Regiment List) im Beisein des bayerischen Königs Ludwig III, den wir schon hier präsentieren:

Vereidigung des Regiments List

Chronologisch folgender Beitrag: Sarajevo, 28. Juni 1914 – Der letzte Tag Europas


© John Vincent Palatine 2015/19

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Die Deutsche Revolution von 1918

Der Gipfel menschlicher Entwicklung …

Videos mit Originalaufnahmen: Kurt Eisner / Doku Revolution


Schon Anfang Januar 1918 hatten Industriearbeiter in Berlin begonnen, für ein Ende des Krieges zu streiken und ihr Protest brachte die SPD dazu, ihre Position zu überdenken. In der anfänglichen Begeisterung des Augusts 1914 hatte die Partei Kaiser Wilhelms Aufruf zu nationaler Einheit in Zeiten der Gefahr akzeptiert und für die Kriegskredite gestimmt, aber die Entbehrungen der Lebensmittelrationierung, die Anstrengungen der Kriegsproduktion und die wachsende Inflation belastete die Treue ihrer Anhänger schwer. In vielen Fabriken waren Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden die Norm – an sieben Tage der Woche. Wären die Löhne angemessen gewesen, oder vielmehr, hätte es Waren zum Erwerb gegeben, hätten die Arbeiter den Härten mit mehr Toleranz begegnen können, aber unter dem Trauma des vierten Kriegswinters fühlten sogar gemäßigte Sozialisten Handlungsbedarf. Ihr Unmut über die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen, die weitgehend die Folge von Hindenburgs und Ludendorffs Vernachlässigung des Agrarsektors waren, wurde von den liberalen bürgerlichen Parteien geteilt, die auch die Arroganz kritisierten, mit der die Generäle das Land regierten. Eine Stimmung des Protestes erhob sich langsam in den Schützengräben von Frankreich und Belgien, die sich bald …

Streik der Munitionsarbeiterinnen, Berlin, Januar 1918

… nach Deutschland selbst weiterverbreitete, das viele Monate lang unter einer virtuellen Militärdiktatur gelitten hatte, und am Montag, den 28. Januar 1918, begannen Arbeiter in ganz Deutschland zu streiken. Ihre Hauptforderung war Frieden, aber auch ein Mitspracherecht der Arbeitnehmervertretungen bei den Verhandlungen mit den Alliierten, erhöhte Lebensmittelrationen, die Abschaffung des Kriegsrechts und die Schaffung einer demokratischen Regierung für ganz Deutschland. In München und Nürnberg marschierten zwar nur ein paar tausend Arbeiter durch die Straßen und forderten sofortigen Frieden ohne Annexionen, aber in Berlin verließen 400.000 Arbeiter ihre Arbeitsplätze, um ein Streikkomitee zu organisieren.

Berliner Streikposten

Sie wurden zwar innerhalb einer Woche zurück an die Arbeit gezwungen, aber der Geist der Rebellion blieb in der Hauptstadt lebendig und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis eine ausgewachsene Revolution ausbrechen würde. Die Nachricht von dem Generalstreik wurde an der Front mit gemischten Gefühlen empfangen. Viele der Soldaten waren zwar kriegsmüde und genauso angewidert wie die Bevölkerung, aber fast genauso viele fühlten sie sich durch die Zivilisten betrogen.

Für Hitler war es „die größte Schikane des ganzen Kriegs“ und er erzürnte sich über die „ roten Faulenzer.“  Wofür kämpfte die Armee, wenn die Heimat selbst nicht mehr den Sieg wollte? Für wen dann die immensen Opfer und Entbehrungen? „Von den Soldaten wird erwartet für den Sieg zu kämpfen und dann fängt die Heimat an, gegen sie zu streiken.“ [John TolandAdolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6, S. 69]

Hitlers erster Fronturlaub in Berlin hatte ein paar Wochen vor dem Streik stattgefunden und als er zum zweiten Mal durch die Hauptstadt spazierte, um den 19. November 1918 herum, war die Aufregung der vergangenen Wochen bereits abgeklungen.

Die Massaker des 6. Dezember waren noch mehr als zwei Wochen in der Zukunft. Bei diesem Vorfall fand sich eine Demonstration von Spartakisten, die um eine Straßenecke bogen, plötzlich einer Reihe von Maschinengewehren gegenüber, besetzt von Soldaten aus dem wegen ihrer Abzeichen  „Maikäfer“ genannten Garde-Füsilier-Regiments des Gardekorps, die fünf Minuten lang auf alles feuerten, was sich bewegte, bevor sie sich auf den Rückzug in die Sicherheit und Anonymität ihrer Kaserne machten und die Toten und Verwundeten ihrem Schicksal überließen. Es wurde nie herausgefunden, wer die Mörder waren. 

Hitler jedoch war kurz vorher sicher nach München zurückgekehrt, musste aber zu seinem Erstaunen erkennen, dass sich seit dem 7. Dezember vieles verändert hatte.

Während des Krieges hatte sich die bayerische sozialistische Bewegung aufgespalten, wie in den meisten anderen Bundesländern, und zwar in einen großen gemäßigten Flügel, der den Namen SPD beibehielt, und eine kleinere radikale Gruppe, die USPD ( „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“). In Bayern war diese Spaltung durch einen bayerischen Delegierten des SPD-Parteitags von Gotha im April 1917, Kurt Eisner, organisiert worden. Bei jenem Parteitag hatten grundsätzliche Streitigkeiten über die Unterstützung des Krieges zu Spaltung geführt, und als Eisner nach München zurückkehrte, wurde er zum Vorsitzenden der bayerischen USPD gewählt. Beide Parteien waren in der Bayerischen Abgeordnetenkammer vertreten, der seit 1819 existierte; der es aber an wirksamer gesetzgebender Gewalt fehlte – welche dem König vorbehalten blieb. Bayern war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein meist ländliches Gebiet, aber durch das Aufblühen der deutschen Industrie in den nächsten 60 Jahren, und vor allem, als sich Munitions-, Fahrzeug- und Eisenwaren-Fabriken während des Krieges multiplizierten, wuchs der Einfluss der sozialistischen Parteien. 

Die bayerischen Sozialisten waren weitaus mutiger als ihre Genossen in Berlin und brachten im September 1917 ein Reformgesetz mit weitreichenden Anliegen ein, das die Abschaffung des Senats (der parlamentarischen Spielwiese des Adels) und des Adels selbst forderte, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, die Übertragung der legislativen Befugnisse auf einen Landtag und die Trennung von Kirche und Staat.

Kurt Eisner

Diese Gesetzesvorlage starb natürlich schnell durch königliches Veto, aber in den landesweiten Streiks vom Januar 1918 gelang es der bayerischen USPD, die Straßen in einem Grad zu mobilisieren, den die Regierung für viel zu gefährlich hielt. Die führenden Persönlichkeiten der USPD wurden daher kurzerhand verhaftet, darunter der unbeugsame  Kurt Eisner.

Stadtzentrum – Neuhauser Straße

Die meiste Zeit seines Berufslebens war Eisner ein Theaterkritiker gewesen. Während des Krieges gründete er die Unabhängige Sozialistische Partei in Bayern und im Januar 1918 übernahm er eine führende Rolle bei den Streiks, die München plagten. Verhaftet und ins Gefängnis geworfen, wurde er in den letzten Tagen des Krieges freigelassen. Sein Freund Ernst Toller [der Dramatiker, ¶] beschrieb ihn als einen Mann, der sein Leben lang arm, selbstgenügsam und zurückhaltend gewesen war. Er war klein und schmächtig; graue Haare, die einst blond gewesen waren fielen unordentlich über seinen Mantelkragen und ein ungepflegter Bart wucherte über seine Brust; kurzsichtige Augen schauten ruhig aus seinem tief gefurchten Gesicht. Er hatte einen Sinn für Dramatik, ätzenden Witz und war völlig ohne Arroganz. [Robert Payne, The Life and Death of Adolf Hitler, Praeger Publishers 1973, Lib. Con. 72-92891, S. 122]

Kurt Eisner privat in seinem Garten in der Haderner Lindenallee 8 – v.l.n.r. Josef Belli, Freia Eisner, Ilse Eisner (Tochter aus Eisners erster Ehe), Kurt und Else Eisner, Thekla Belli

Er wurde beschuldigt, ein Bolschewik zu sein, was er schon mal gar nicht war. Er war, was sein Parteiausweis angab – ein unabhängiger Sozialist: weniger ein Anhänger strenger marxistischer Lehre als ein Mann der die inkompetente Herrschaft des Adels und des Systems, das unter seiner sozialen Ungerechtigkeit und den Entbehrungen von vier Jahren Krieg auseinander zu brechen drohte, durchschaute. Als die rechtsextreme Presse ihn als einen bolschewistischen Aktivisten hinstellte, der zehn Millionen Goldrubel von Lenin persönlich zur Förderung der deutschen Revolution erhalten hatte, nahm er die Reporter mit zu seiner Bank und zeigte ihnen eine Kopie seines Spesenkontos: seine Unkosten für die „Bayerische Revolution“ belief sich auf siebzehn Reichsmark. Die Annalen der Menschheit kennen keine billigere Revolution.

König Ludwig III war sich der Vorboten des Aufruhrs in den letzten Tagen des Krieges wohl bewusst. In einem verspäteten Versuch, die Monarchie zu retten, stimmte der König einem reformerischen Gesetzentwurf zu, der ein paar liberale aber weitgehend kosmetische Veränderungen mit sich brachte. Fünf Tage später, am Vormittag des 7. November 1918, traten Vertreter der SPD, der katholischen Bauernpartei und der Demokratischen Partei zum ersten Mal der Königlich Bayerischen Regierung bei.

Das Hofbräuhaus – Zentrum des bekannten Universums

Obwohl die bayerische Polizei vor revolutionären Verschwörungen gewarnt hatte, erlaubte die Münchner Justiz am selben Nachmittag eine gemeinsame Demonstration von SPD und USPD auf der Theresienwiese, der großen Fläche, wo das jährliche Oktoberfest stattfindet. Die Truppen der Münchner Garnison wurden als zuverlässig monarchistisch und patriotisch genug eingeschätzt, sodass die öffentliche Sicherheit gewährleistet schien. Die Veranstaltung begann um 15.00 Uhr und bald füllten mehr als 80.000 Zuhörer das große Oval. Am Schluss der Veranstaltung, zwei Stunden später, verließen die Gemäßigten das Gelände, um in die Innenstadt zu marschieren, während die extremeren Elemente, insbesondere Kurt Eisners USPD, verharrten, zusammen mit vielen radikalen Soldaten und Matrosen, die bereits ihre imperiale Kokarden abgenommen hatten.

Auf der Theresienwiese, 7. Dezember 1918, nachmittags

Eisner erkannte seine Chance. Seine Anhänger befanden sich am nördlichen Ende des Veranstaltungsortes, nahe den Kasernen der Münchner Garnison in Nordwesten der Stadt, wohin er sich, von vielleicht 2000 Mann gefolgt, in Bewegung setzte. Bald wuchs die Menge zu einem revolutionären Lindwurm an, als sich mehr und mehr Soldaten auf dem Weg zu den Kasernen anschlossen. Es gab eine Minute Verwirrung und eine kleine Schießerei an der großen Kaserne Türkenstraße, aber als sich die Mehrheit der dort stationierten Truppen für die Revolution erklärte, hatte Eisner gewonnen. Die Menge, die er jetzt in Richtung Innenstadt zurückführte, war jetzt ungefähr 5000 Mann stark.

Der Kronprinz, Königin Marie Therese und Ludwig III

Bei seinem täglichen Nachmittagsspaziergang im Englischen Garten hatte ein Passant dem König von bedenklichen Vorfällen berichtet, was ihn zur Rückkehr veranlasste. Gegen 7 Uhr abends erschienen revolutionär gestimmte Soldaten auf dem Platz der Residenz, des Wittelsbacher Stadtpalastes, und die besorgte Königsfamilie wurde durch den Kriegsminister Philipp von Hellingrath informiert, dass, da eine große Mehrheit, vielleicht sogar alle der Münchner Garnisonstruppen, sich für die Rebellion erklärt hatten, keine loyalen Einheiten zur Verfügung stünden, um den Thron zu schützen. Die Palastwache war in den frühen Abendstunden auf mysteriöse Weise verschwunden, und der Königs eigenes Garde-Regiment verblieb passiv in den Kasernen, obwohl es dringend alarmiert worden war. Um etwa 22 Uhr verließen der König, seine Familie und die Bediensteten die Hauptstadt, auf Anraten des Hofministers Ritter von Dandl, um Zuflucht auf dem Familienschloss Burg Wildenwart am Chiemsee zu suchen. Ein paar Meilen südlich der Stadt, so die Sage, rutschte des Königs Auto von der Straße ab und endete mit gebrochener Achse in einem Kartoffelfeld. Es war ein, den Umständen entsprechend, durchaus angemessenes Ende der Herrschaft des Hauses Wittelsbach in Bayern.

Inzwischen gingen Delegationen revolutionärer Soldaten daran, die wichtigsten strategische Punkte der Stadt zu besetzen, ohne auf Widerstand zu stoßen: bis zum späten Abend waren der Hauptbahnhof, das Telegrafenamt, das Bayerische Armeekommando und andere wichtige militärische und kommunale Gebäude sowie das Parlament und die Büros der Zeitungen in roten Händen. Die Einheiten von Armee und die Polizei, die nicht zu den Rebellen übergegangen waren, verhielten sich passiv und ließen die Revolution sich selbst in den späten Stunden des Tages mithilfe von Massenveranstaltungen organisieren. Eine vorläufige Versammlung der Rebellen wurde im Franziskaner Bierkeller abgehalten, aber das zweite, entscheidende Treffen fand genau im Herzen der Stadt, im gigantischen Mathäserbräu, einem riesigen Gasthaus, statt, in dem leicht fünftausend Personen Platz fanden –  aber in dieser Nacht waren dort bestimmt doppelt so viele.

Soldaten vor dem Mathäserbräu

Soldaten und Matrosen trafen sich im ersten Stock und wählten einen Rat, während sich die Arbeiter im Erdgeschoss trafen und ihre eigenen Vertreter erkoren. Die Delegierten beider Räte verschmolzen dann und bildeten einen allgemeinen „Arbeiter-, Soldaten- und Bauern Rat“, anfangs geleitet von Franz Schmitt von der SPD. Um etwa 22 Uhr zogen Eisner, Schmitt und die Räte plus eine kleine bewaffnete Wache über die Isar zum Parlamentsgebäude. Den Vorsitz beanspruchend, in dem improvisierten Treffen, und ohne formale Umschweife, nahm Eisner das Amt des Ministerpräsidenten von Bayern auf sich, und ließ, in den frühen Morgenstunden des 8. November 1918, die Freie Bayerische Sozialistische Sowjetrepublik verkünden. Ein paar Stunden später erwachten  die Bürger von München, die in einem Königreich zu Bett gegangen waren, in einer Republik, und dazu noch in einer sozialistischen.

Proclamation of the Free State of Bavaria

Am Nachmittag des gleichen Tages, 8. Dezember, veranstaltete man im Parlamentsgebäude die erste Sitzung des temporären Nationalrates, um eine provisorische Regierung zu etablieren. Der Versammlung gehörten die Stadträte und die ehemaligen  Parlamentsmitglieder der SPD, der bayerischen Bauernpartei und die drei ehemaligen liberalen Abgeordneten an. Das Plenum wurde anfänglich mit Einwänden von den Delegierten der SPD konfrontiert. Die Sozialdemokraten zeigten sich, zu einem gewissen Grad, dem Ancien Régime treu und favorisierten Reformen, nicht Revolution; eine langwierige Debatte war notwendig, um ihre Mitglieder zu überzeugen, der provisorische Regierung beizutreten und diese zu unterstützen. Am nächsten Tag übernahmen Ministerpräsident Eisner und seine frisch gebackenen Minister die Exekutivgewalt in Bayern. Kein einziger Akt der Insubordination wurde bekannt: alle Staatsdiener, Regierungsangestellten, Polizei und Militär befolgten die Anordnungen der neuen Regierung.

München setzte den Standard für das Land.

Die Flammen der – ordentlichen –  Revolution zündeten spontan in ganz Deutschland. In Friedrichshafen bildeten die Arbeiter der Zeppelin-Werke einen Rat. Die Fabrikarbeiter in der Region Stuttgart, darunter die des großen Motorenwerks von Daimler, streikten und erhoben ähnliche Forderungen, angeführt von Sozialisten mit Ansichten, die Eisners ähnelten. Matrosen organisierten einen Aufstand in Frankfurt am Main. In Kassel revoltierte die gesamte Garnison einschließlich des Kommandanten, jedoch völlig gewaltlos.

Es gab ein paar Schüsse in Köln, als die 45000-köpfige Garnison zu den Roten überging, aber schnell setzte wieder Ruhe ein. Ein ziviler Aufstand in Hannover gelang, obwohl Behörden den Truppen befohlen, Gewalt anzuwenden; die Soldaten schlossen sich den Rebellen an. Das gleiche geschah in Düsseldorf, Leipzig und Magdeburg. In ganz Deutschland brach eine Regierung nach der anderen brach zusammen, als Arbeiter- und Soldatenräte die Kontrolle übernahmen. [Toland, p. 72]

Truppenansammlungen auch in den Straßen Nürnbergs während der Novemberrevolution 1918

Schließlich wandten sich die Augen der Nation nach Berlin, in der Erwartung, dass der Erfolg oder Misserfolg einer deutschen sozialistischen Republik dort entschieden werden würde. Anders als in Russland, wo Menschewiki und Bolschewiki sich über die Frage von Reform oder Revolution schon weit vor dem Krieg aufgespalten hatten, hatten sich die deutschen Sozialisten nicht vor 1917 getrennt, als sich der revolutionäre Flügel als USPD etablierte. Doch selbst zusammen mit ihren Gesinnungsgenossen vom Spartakusbund vertraten sie wohl weniger als zehn Prozent des sozialistischen Spektrums, aber ihre schrille Propaganda schien eine Spaltung der sozialistischen Regierung in Berlin anzukündigen. Potenziell schlimmer für die Radikalen waren die für den 19. Januar geplanten landesweiten Wahlen zu einer neuen Nationalversammlung, die den Frauen der Nation zum ersten Mal das volle Wahlrecht gaben – der revolutionäre Flügel hatte keine Illusionen über das mögliche Ergebnis. Nein – wenn sie die Macht erlangen wollten, blieb nur ein Staatsstreich.

“Vorwärts” vom 9. November 1918

Aber so weit waren die Dinge noch nicht geraten. In diesen Tagen des Novembers und Dezembers interessierten sich weitaus die meisten Arbeiter, Soldaten und Matrosen weniger für dogmatischen Streit als für ein Ende des Krieges und des Hungers; sie erwarteten die Wiedervereinigung mit Familien und Angehörigen und mussten Arbeit finden. Da die bisherige Reichsregierung zusammengebrochen war, war Selbsthilfe das Motto des Augenblicks, und so kam es, dass …

… Berlin in einem Zustand der Verwirrung verharrte … verschiedene Gruppen beanspruchten die Regierungsgewalt: der Rat der Volksbeauftragten unter Friedrich Ebert im Kanzleramt (die von den Alliierten anerkannte Regierung), der Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte im Reichstag, die Berliner Arbeiter- und Soldatenräte im preußischen Landtag, Emil Eichhorn (USPD) als selbst ernannter Polizeikommissar von Berlin mit seinem 3.000 Mann starken aber unwilligen (weil kaisertreuem) “Sicherheitsdienst” im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, die „Revolutionären Obleute“ und natürlich die alternative spartakistische Regierung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Königspalast, die von einer freiwilligen Truppe von rund 2.000 roten Matrosen unterstützt wurde, die in den königlichen Stallungen kaserniert war und sich selbst als die Volksmarinedivision bezeichnete.

Es gab tägliche Straßendemonstrationen, Massenversammlungen und vereinzelte Schießereien, und praktisch jeden Tag bis Weihnachten marschierte jeweils eine andere aus dem Krieg heimkehrende  Division der regulären Armee durch das Brandenburger Tor und Unter den Linden hinauf, bevor sie sich in der Menge auflöste. [Anthony Read, The World on Fire, Norton Books 2008, ISBN 978-0-393-06124-6, p. 47]

Revolution am Brandenburger Tor

Unabhängig von der politischen Ungewissheit der Zeit setzte die Mehrheit dieser Gremien diejenigen sozialistischen Bestrebungen um, die sie vergeblich von den deutschen Fürsten gefordert hatten. Der Arbeitstag wurde auf acht Stunden begrenzt, die Gewerkschaften erhielten uneingeschränkte Organisations- und Verhandlungsrechte, es wurde eine Arbeitsunfallversicherung eingeführt, die Altersvorsorge erweitert, Kranken- und Arbeitslosenversicherungsprämien entweder gesenkt oder die Leistungen erhöht. Viele dieser Programme befanden sich noch im Entwicklungsstadium, wurden jedoch zu Sprungbrettern proletarischer Emanzipation. Politische Gefangene wurden freigelassen und die Zensur von Presse und Theater aufgehoben. Entgegen der Warnungen kapitalistischer Cassandras, von denen es etliche gab, stellte sich heraus, dass all dies bezahlt werden konnte, sobald eine gewisse Normalität eingeführt war; das heißt, dass die vorgeschriebenen Steuern auch kassiert und die Steuervergünstigungen der Junker und des Adels aufgehoben wurden. Die deutsche Sozialgesetzgebung wurde das Vorbild für Arbeiter weltweit.

Hitler gestand später, dass er diese sozialen Reformen respektierte, die er auf lange Sicht für unvermeidlich hielt, und einige seiner folgenden Aussagen hinterlassen den starken Verdacht, dass er in diesen Tagen einiges Mitgefühl mit den Sozialdemokraten hatte. “Wofür ich den Sozialdemokraten dankbar bin“, sagte er, “ist, dass sie diese Interessen von Hof und Adel entmachtet haben.” [Anton Joachimsthaler, Korrektur einer Biographie, Langen Müller 1989, ISBN 3-7766-1575-3 p. 181]

Die manchmal wirren, aber weitgehend harmlosen Entwürfe der verschiedenen zukünftigen sozialistischen Regierungen und ihrer Ausschüsse und Räte konnten jedoch nur gedeihen, solange echte revolutionäre Gruppen in Schach gehalten werden konnten. Ebert verstand, dass die Exekutivgewalt seiner Regierung ohne bewaffnete Unterstützung fragwürdig blieb, und er kannte seine ehemaligen Kameraden, die zu den Spartakisten gewechselt waren, gut genug um nicht zu glauben, dass sie die revolutionäre Option aufgeben würden – da sie ja nicht hoffen konnten, die Wahl zu gewinnen. Aber sie hatten Gewehre und wenn sie einen Staatsstreich gegen unbewaffnete Gegner versuchten, wer könnte sie aufhalten? Die einzige offensichtliche Alternative war, die Unterstützung der regulären Armee zu erlangen.

Die Sozialdemokraten hatten immer kritischen Abstand zum Militär bewahrt, welches ja oft genug zur Unterdrückung eingesetzt worden war. Nun, da der Krieg verloren gegangen war, anstatt mit dem erwarteten Triumph zu enden, konnte nicht erwartet werden, dass sich die Stimmung der Armee verbessert oder ihre Sympathie für Sozialisten vergrößert habe. Am 10. Dezember kamen die ersten zurückkehrenden Einheiten der Armee in Berlin an; von Ebert begrüßt, der die schwierige Aufgabe hatte, den Soldaten die zwischenzeitlich eingetretenen Veränderungen zu erklären. Die Demobilisierung in Berlin war die gleiche ungeordnete Angelegenheit wie überall sonst, vielleicht schlampiger: Viele Soldaten “vergaßen”, ihre Waffen abzugeben, manche Einheiten vergaßen sogar, ihre Maschinengewehre auszuhändigen – oder sogar ihre Kanonen – oder behaupteten, sie seien auf der Durchreise verloren gegangen. An Waffen fehlte es nirgendwo in der neuen Republik, aber das Angebot in der Hauptstadt war bei weitem das reichste und die Spartakisten hatten große Vorräte angesammelt: Ebert war waffentechnisch unterlegen.

Barrikade an der Friedrichstraße

Am zweiten Tag seiner Kanzlerschaft, am 10. November, erhielt er auf direktem Wege einen Anruf aus dem Generalstabsgebäude. Sein Gesprächspartner war Wilhelm Groener, der neue Generalquartiermeister und Nachfolger von Ludendorff: de facto das militärische Oberhaupt der nur einen Tag alten Republik. Der General wusste genau, worum es ging, und bot Ebert an, dass sich “die Armee seinem Regime zur Verfügung stellen würde, als Gegenleistung für die Unterstützung des Feldmarschalls [Hindenburg] und des Offizierskorps durch das Regime und die Wiederherstellung von Ordnung und Disziplin in der Armee.“ (Read, S. 43) Im bürgerlichen Sprachgebrauch bedeutete dies, dass die Armee Ebert und die Republik – völlig unerwartet – unterstützen würde; um den Preis, die Armee in der preußischen Tradition außerhalb der Politik zu halten und sie sich selbst verwalten zu lassen. Es gab noch eine weitere Bedingung: “Das Offizierskorps fordert vom Regime eine Schlacht gegen den Bolschewismus und ist zu dieser Verpflichtung bereit.” (Read, S. 43)

Ebert befand sich in der Zwickmühle zwischen der spartakistischen Linken und der reaktionären militärischen Rechten – wie Odysseus zwischen Scylla und Charybdis. Am Ende stimmte er Groener zu, vielleicht ein wenig hinters Licht geführt durch einen schlauen Trick des Generals, der seinen eigenen Plan hatte, um mit den Räten fertig zu werden. Groener wusste, dass von der Front zurückkehrende, loyale Truppen und Offiziere ab der zweiten Dezemberwoche eintreffen würden, und deshalb musste er die Ratsherrschaft nur etwa einen Monat überleben. Sein Plan sah also vor, den Räten gerade so viel Freiraum zu geben, um sich selbst aufzuhängen. Er ordnete jeder Einheit an, einen Rat wählen: jeder Zug, jede Kompanie, jedes Bataillon, Regiment und so weiter, ein Verfahren, das ein sofortiges Chaos verursachte, welches Groener die nötige Zeit verschaffte. Bald würde der Großteil der Armee zurückkehren und während die meisten Einheiten sich von selbst demobilisieren würden, würden manche das nicht tun. Groener wusste, dass manche Männer nicht in das bürgerliche Leben zurückkehren konnten, denn die Erfahrung des Krieges hatte ihre Seelen für immer deformiert. Solche Männer bildeten die “Freikorps“.

Vor dem Krieg hatten die kaiserlichen Wehrbehörden vorzugsweise Bauernjungen eingezogen, da sie weniger von Sozialismus durchdrungen waren als die Söhne der städtischen Arbeiter. Daher repräsentierten die Wehrpflichtigen im Gegensatz zu den eher städtischen Hintergründen vieler Unteroffiziere und Regimentsoffiziere hauptsächlich das pastorale Element der deutschen Gesellschaft. Die Städter dagegen waren im Großen und Ganzen bürgerlich oder kleinbürgerlich geprägt, besser ausgebildet und hoffnungslos romantisch. Sie bildeten das Reservoir, aus dem die Freikorps ihre Wölfe bezogen.

Das plötzliche Ende des Krieges löste bei ihnen Entzugserscheinungen aus – das zivile Leben wirkte trostlos, matt und trivial. Darüber hinaus hatte nichts diese zutiefst romantische und leidenschaftlich patriotische Bruderschaft darauf vorbereitet, das Vaterland in der Gefahr einer bolschewistischen Revolution vorzufinden. Sie waren zu ewigen Kriegern geworden, auf der Suche nach einer Pflicht, die sie erfüllen konnten, und keine Aufgabe konnte glorreicher oder wichtiger sein, als diese so seltsam veränderte Heimat von einem kommunistischen Abgrund zu bewahren.

Die Freikorps von 1918 und 1919 waren … freibeuterische Privatarmeen erbitterter ehemaliger Militärs, hauptsächlich zusammengesetzt aus ehemaligen Offizieren und Unteroffizieren, die sich ihrer Auflösung widersetzten, und entschlossen waren, militärische Disziplin und Organisation angesichts der “Unordnung” der Soldatenräte aufrechtzuerhalten. Eingebettet in die harten Traditionen der preußischen Armee, waren sie außerordentlich nationalistisch und gewalttätig antibolschewistisch.

Ihre Bildung war zwar nicht von Groener initiiert, aber ermutigt worden, sowohl als Mittel, um den Ethos des Offizierskorps in diesen unsicheren Zeiten am Leben zu erhalten, als auch um robuste, trainierte Einheiten loyaler Truppen zu schaffen, auf die man sich verlassen konnte die revolutionären Kräfte linker Truppen zu bekämpfen. Ihre genaue Beziehung zur Armee wurde absichtlich vage belassen, aber sie wurden von ihr mit Maschinengewehren, Mörsern und sogar Kanonen wie auch mit Gewehren und Pistolen ausgestattet, und es besteht kaum Zweifel, dass ihre Bezahlung aus Armeemitteln stammte. Viele ihrer Kommandeure waren Offiziere im Regeldienst.

Die erste Aufgabe der Freikorps bestand darin, Deutschlands Ostgrenzen zu den neuen baltischen Staaten und dem neuen unabhängigen und zutiefst feindseligen Polen zu sichern, das nach Jahrhunderten deutscher, russischer und österreichischer Unterdrückung voraussichtlich versuchen würde, so viel Territorium wie möglich für sich zu erobern.

Der Schutz gegen den sich aus dem Osten ausbreitenden Bolschewismus war in diesem Bereich eine sekundäre aber dennoch reale Überlegung, vor allem als Russland 1919 gegen Polen in den Krieg zog. In Berlin und dem übrigen Deutschland war der Kampf gegen dem Bolschewismus in all seinen Formen jedoch die eigentliche, selbsterklärte Daseinsberechtigung der Freikorps. [Read, S. 45 – 46]

Groener hatte bei seinem Deal mit Ebert empfohlen, die politische Überwachung der Streitkräfte dem ehemaligen SPD-Abgeordneten Gustav Noske zu übertragen, dem Mann, der während des Matrosenaufstandes in Kiel gezeigt hatte, dass er mit einem Mob fertig werden konnte. Es war höchste Zeit, Truppen zu organisieren, die dem Ebert’schen Rat der Volkskommissare gegenüber loyal waren, denn die Spartakisten mobilisierten bereits ihre eigenen Truppen in Erwartung der ersten Sitzung des Reichsrätekongresses der Arbeiter- und Soldatenräte. Dieses Gremium, dem Vertreter aus allen Teilen des Landes angehörten, sollte sich ab Montag, dem 16. Dezember, im Gebäude des preußischen Abgeordnetenhauses treffen. Zur Unterstützung der mit Sicherheit erwarteten sozialistischen Revolution organisierten Liebknecht und Luxemburg jede Menge Demonstrationen am selben Tag auf dem Platz vor dem Gebäude und als dies die Delegierten (in denen die Revolutionäre deutlich in der Minderheit waren) nicht sonderlich beeindruckte, schickte er drei Tage später ein Sturmkommando mit der Anweisung, das Gebäude zu besetzen und die Abgeordneten als Geiseln zu nehmen; ein Plan, der gerade noch von einer lokalen Wachtruppe Noskes vereitelt wurde.

Die Beschlüsse des Kongresses, der möglichst bald Ordnung schaffen wollte, enttäuschten die radikale Linke sehr; denn nicht nur weigerten sich die Delegierten, “alle Macht den Sowjets” zu übertragen, wie es die Spartakisten forderten, sondern bestätigten auch die Legitimität der Regierung von Ebert und beschlossen, die Ratsherrschaft langsam abzubauen, um alle weiteren Legislative- und Exekutivbefugnisse der neuen Nationalversammlung zu übertragen, deren Wahl für den 19. Januar 1919, vier Wochen in der Zukunft, festgelegt wurde. [Read, S. 47]

Diese Rückschläge setzten den Spartakisten zumindest einen Stichtag, denn sie mussten wenn, dann vor dem Wahltag die Macht ergreifen – die Wahl gewinnen konnten sie nicht. Am 23. Dezember stürmte die Volksmarinedivision, unter dem Vorwand, sich einen Weihnachtsbonus sichern zu wollen, das Arsenal (das militärische Hauptquartier) und das Kanzleramt, wo sie das Kabinett verhafteten. In dieser Situation „entschied Ebert, dass es an der Zeit war, Groeners Versprechen einzufordern.“ [Read, S. 48]

Das Hauptquartier der Armee in Potsdam schickte, wie vereinbart, ein Bataillon Truppen, und am Morgen des 24. Dezember entwickelte sich eine seltsame Mischung aus militärischem Kampf und Propagandawettbewerben um den Königspalast und die Ställe herum. Die Kämpfe waren hart, aber nur sporadisch und häufig unterbrochen durch Verhandlungen oder von Liebknechts revolutionäre Ermunterungen, die sich an die Tausende von Zuschauern richteten, die, nachdem sie ein bisschen das Gemenge beobachtet hatten, zum Weihnachtsmarkt oder zum nahegelegenen Einkaufsviertel weitergingen, wo das Geschäft wie üblich lief. Es war vielleicht dieser Mangel an Aufmerksamkeit, der dazu führte, dass die Schlacht am frühen Nachmittag durch das Verschwinden der Truppen beider Seiten in den Weihnachtsmassen endete. Ein wütender Groener entschied jedoch, dass er beim nächsten Mal verlässlichere Truppen brauchte, und benachrichtigte die Anführer der aufstrebenden Freikorps. [Read, S. 48]

Der Weihnachtstag brachte die regelmäßige Demonstration der Spartakisten, deren Aktivisten das Gebäude besetzten, in dem die SPD-eigene Zeitung „Vorwärts“ gedruckt wurde, und ihre eigene Weihnachtsausgabe erstellten – natürlich auf rotem Papier. Nach dem Eintreffen der Polizei und der Vertreibung der Besatzer gab die Zeitung alle sozialistische Solidarität auf, die sie bis zu diesem Tag gezeigt hatte, und orientierte sich ab jetzt entschlossen anti-spartakistisch.

Davon unbeeindruckt beendete Liebknecht das Jahr mit einer Einladung von rund hundert Spartakisten zu einer am 29. Dezember beginnenden Konferenz im Festsaal des preußischen Abgeordnetenhauses. Nach zwei Tagen voll zänkischer Auseinandersetzungen stimmten sie für einen vollständigen Bruch mit der Sozialdemokratie und dafür, sich eindeutig an Sowjetrussland auszurichten, indem sie sich in Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) umbenannten.

Unter den Gästen befand sich auch Karl Radek, der nach Deutschland geschmuggelt worden war, um den Bürgerkrieg zu schüren, der ein so wesentlicher Bestandteil einer bolschewistischen Revolution war. In einer langen Rede bestritt er, dass das Regime in Russland ein Terrorregime sei, und behauptete, der Bürgerkrieg sei nicht so schlimm, wie manchmal gedacht wurde: ein ganzes Jahr Bürgerkrieg in Russland habe weniger Menschen getötet und weniger Eigentum zerstört als ein einzelner Tag des internationalen (kapitalistischen) Krieges.

Was wir jetzt in Russland in die Tat umsetzen“, erklärte er, “ist nichts anderes als die große, unverfälschte Lehre des deutschen Kommunismus. Einst wird der Rat der Volkskommissare Europas in Berlin tagen. Spartakus wird siegen. Er ist dazu bestimmt, die Macht in Deutschland zu ergreifen.“ Liebknecht antwortete begeistert mit einem Aufruf zu den Waffen:„ Wir wollen keine Limonadenrevolution. Wir müssen die Internationalisierung des Bürgerkriegs beschleunigen.“ [Read, S.49]

Die Spione Groeners und Eberts berichteten ihren Meistern umgehend über die Ergebnisse und über den Jahreswechsel bereiteten sich beide Seiten auf den großen Zusammenprall vor, den sie noch vor dem Wahltag am 19. Januar erwarteten.

Die anhaltende Feindschaft zwischen sozialdemokratischen, d.h. reformistischen und kommunistischen Parteien auf der ganzen Welt in den siebzig Jahren zwischen 1919 und 1989, war das Resultat dieser Spaltungen in Berlin 1918 und den Ereignissen, die kurz danach folgten. Von 1914 bis 1918 hatte die SPD das Ancien Régime unterstützt, mit Ausnahme von Liebknecht, indem sie Wilhelms Kriegskredite im Reichstag genehmigten, während sich eine außerparlamentarische Oppositionsbewegung von Pazifisten in der Mutterpartei formte, wuchs und sich schließlich 1917 lossagte. Dieser Ableger, die USPD, appellierte an die internationale Solidarität der Arbeiterklasse, die Krieg unmöglich machen konnte, wenn sie sich weigerte, Rüstungsgüter herzustellen, und sie war die einzige politische Fraktion in Deutschland, die sich öffentlich gegen den Krieg aussprach.

Sie beschuldigten die Moderaten des Verrats; dass sie durch kapitalistische Interessen korrumpiert worden waren und als Ebert die reaktionären Freikorps zu Hilfe rief, wurde er des Brudermordes angeklagt und des Verrats am Erbe von Karl Marx und Friedrich Engels. Von diesem Tag an betrachteten kommunistische Parteien die Sozialdemokraten als ihren schlimmsten Feind: während der Widerstand der Kapitalisten zu erwarten war und verstanden werden konnte, hatte das Gift der Mäßigung die Solidarität der Bruderschaft der Arbeiter zerstört. In Erinnerung an die Praktiken der Jakobiner konnte es für die  Verräter an der Revolution keine Gnade geben.

Währenddessen festigte die Regierung der Bayerischen Sozialistischen Republik ihre lokale Macht und begann, die bayerische Nachkriegsökonomie zu organisieren. Es war vielleicht die größte Überraschung für Ministerpräsident Eisner, dass die reguläre bayerische Armee ohne großen Aufstand kooperierte; während das Militär das Chaos der Räteherrschaft offensichtlich ablehnte, erkannte die Truppe, dass Ordnung die Forderung des Tages war, und der ranghöchste Offizier, General Max Freiherr von Speidel, appellierte an die Truppen, “dem Volksstaat zu dienen.” (Joachimsthaler, S. 183) Am 13. November traf König Ludwigs schriftliche Abdankungserklärung im Rat ein und am selben Tag wurde Albert Rosshaupter (SPD) als erster ziviler Verteidigungsminister in der Geschichte des Landes vereidigt.

Die Bavaria auf der Theresienwiese

So entwickelte sich die bayerische Sowjetrepublik weit weniger revolutionär, als sie begonnen hatte. Zu einem gewissen Grad sah sich Eisners Regierung nur als provisorische Verwaltung an und verzögerte entscheidende Reformen für die Zeit nach den Wahlen vom 12. Januar, durch die sie hofften, eine parlamentarische Mehrheit und damit ein unstrittiges Mandat für die Schaffung eines echten sozialistischen Staates zu bekommen. In seiner öffentlichen Ansprache vom 15. Dezember konnte Eisner revolutionäre Rhetorik weitgehend vermeiden und die wesentliche Forderung nach Sozialisierung der Industrie wurde auf später verschoben. Zwar wurde die Arbeitslosenhilfe verbessert und der achtstündige Arbeitstag eingeführt, aber es wurde nichts unternommen, um die Angestellten und Funktionäre des Staates zu ersetzen, die das Land weiterhin auf altmodische, monarchistische Weise verwalteten. Noch wurde die Wirtschaft reformiert: Industrie, Banken und Versicherungen funktionierten weiter wie gewohnt. Die einzige bemerkenswerte Änderung war die Säkularisierung der Schulen durch die Abschaffung der Aufsichtsrechte der katholischen Kirche.

In einem waren sich alle Münchner einig …

Die Wahl endete in einer Katastrophe für die radikalen Sozialisten. Gewinner wurden die Bayerische Volkspartei, die Nachfolgerin der katholischen Zentrumspartei (BVP, 35 %, 66 Sitze) und die SPD (33 %, 61 Sitze). Ergebnisse mehr oder weniger im erwarteten Bereich erzielten die Liberalen der DVP (DPP in der Pfalz) mit 14 % und 25 Sitzen und die rechte Deutsche Volkspartei [DNVP, als Mittelpartei in der Pfalz] mit 6 % der Stimmen und 9 Sitzen.

Die Verlierer waren die Parteien der Revolution. Der bayerische Bauernbund, der den Sozialrevolutionären Russlands ähnelte, erhielt 9 % der Stimmen und 16 Sitze, aber die Ergebnisse der USPD waren erbärmlich: nur 2,5 % und drei Sitze. Eisner war jedoch nicht leicht zu überzeugen, seine Regierungsverantwortung aufzugeben, da er, wie er sagte, immer noch Präsident des Soldaten-, Arbeiter- und Bauernrates war, den er als die wahre Regierung des sozialistischen Bayern betrachtete. Leider hatte er seine Popularität in den letzten Wochen nicht gerade gesteigert.

Hauptbahnhof mit Vorplatz, ca. 1905

Jeder hatte einen Grund, ihn zu hassen – man sagte, er sei ein galizischer Jude, ein Berliner, ein Kaffeehaus-Intellektueller, ein linker Sozialist, ein Verräter des wahren Sozialismus, zu radikal, nicht radikal genug, er war ineffektiv oder inkompetent –  die Liste schien endlos. Vor allem wurde er für den Zusammenbruch der Wirtschaft verantwortlich gemacht – Bayern war so gut wie bankrott und litt, wie viele andere Orte auch, an einem riesigen Arbeitsplatzverlust, da die Munitionsproduktion eingestellt worden war und die Soldaten auf der Straße standen. Trotzdem hatte Eisner die Ausgaben für die Arbeitslosenhilfe erheblich erhöht.

Als er an der ersten Nachkriegskonferenz der Zweiten Sozialistischen Internationale in Bern teilnahm, gelang es Eisner schließlich, praktisch jeden in Bayern zu verärgern. Als einziger amtierender Regierungschef wurde er mit großem Respekt und mit einiger Ehrfurcht behandelt, vor allem, als er die deutsche Verantwortung für den Ersten Weltkrieg öffentlich anerkannte und Wilhelm Hohenzollern, den früheren Kaiser, als den Mann benannte, der am meisten an dem viereinhalb Jahre lang dauernden Blutbad schuld war. Er kritisierte ruhig und bestimmt alle Aspekte des Preußentums, verurteilte die harte Behandlung Deutschlands von französischen Zivilisten und alliierten Kriegsgefangenen, und appellierte an deutsche Gefangene, beim Wiederaufbau der verwüsteten Regionen Frankreichs und Belgiens mitzuhelfen. All das wurde zwar von den Genossen in Bern gut aufgenommen, aber in München galt es als Verrat und er wurde als Verräter dargestellt. [Read, S. 113 – 114]

In Bayern weitete sich die Spaltung zwischen Revolutionären und Reformern aus, und SPD-Chef Erhard Auer nutzte seine Autorität als Eisners Stellvertreter und des Chefs Abwesenheit, um den bayerischen Landtag zu einer konstituierende Sitzung für den 21. Februar 1919 einzuberufen, in der eine neue Regierung mit parlamentarischer Mehrheit gewählt werden sollte.

In Erwartung einer Gegenreaktion des radikalen Flügels hatte Auer Max Levien, den Vorsitzenden der KPD in Schwabing, verhaften lassen und Verteidigungsminister Albert Roßhaupter aufgefordert, alles zu tun, um eine quasi-militärische Heimatverteidigung zu bilden, die der künftigen Regierung treu ergeben sein sollte – erwartet wurde die eine oder andere Koalition der SPD mit den Katholiken und Liberalen, welche leicht die Unterstützung von 70 % oder mehr der Landtagsabgeordneten genießen würde.

Die Linke schlug am 15. Februar mit der Ad-hoc-Gründung des “Revolutionären Arbeiterrates” zurück, einem exzentrischen Gremium aus den radikalsten Mitgliedern von USPD, Spartakisten und Bolschewiki unter der Führung der Anarchisten Gustav Landauer und Erich Mühsam. Die erste Resolution der ehrenwerten Körperschaft rief für den nächsten Tag zu einer Massendemonstration von Arbeitern und Soldaten auf der Theresienwiese auf und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass der Gefreite Adolf Hitler an diesem Tag in den Reihen der Sozialisten mitmarschierte. Die Order des Tages für sein 2. Infanterieregiment lautete:

Morgen, am 16. Februar 1919, findet eine Demonstration der gesamten Arbeiterschaft und aller Einheiten der Garnison statt. Das Regiment, einschließlich des Demobilisierungsbataillons, wird um 12.15 Uhr auf dem Kasernenplatz des 1. Bataillons auf dem Oberwiesenfeld antreten. Die Soldatenräte werden die Truppen kontrollieren, um Disziplin und Ordnung zu gewährleisten. Die Kompaniekommandeure werden sicherstellen, dass das gesamte dienstfreie Personal an der Versammlung teilnimmt.“ [Joachimsthaler, p. 197 – 198]

Pro-Eisner Demonstration am 16. Februar 1919

So marschierten am 16. Februar gegen Mittag etwa 10.000 Demonstranten durch die Straßen Münchens. Eisner (zurück aus Bern), Mühsam und Levien, der aus dem Gefängnis entlassen worden war, wandten sich an die Öffentlichkeit mit der Forderung, eine Sowjetrepublik, also Räterepublik, zu gründen. Es stellte sich heraus, dass nur wenige Münchner diesen Wunsch teilten, aber nur drei Tage später gab Eisner eine trotzige Geste ab. In der nächsten (und letzten) Sitzung des Bayerischen Rätekongresses forderte er die zweite Revolution.

Die zweite Revolution wird sich nicht in Plünderungen und Straßenkämpfen ergehen. Die neue Revolution wird eine Zusammenkunft der Massen aus Stadt und Land werden, um das zu vollenden, was die erste Revolution begonnen hat. … Die bürgerliche Mehrheit hat nun die Chance, bürgerliche Politik umzusetzen. Wir werden sehen, ob sie zur Regierung fähig sind. In der Zwischenzeit sollten die Räte ihre eigene Aufgabe erfüllen: die neue Demokratie aufzubauen. Dann wird vielleicht auch der neue Geist in Bayern ankommen. Morgen beginnt der Landtag – morgen sollten auch die Aktivitäten der Räte neu beginnen. Dann werden wir sehen, was die Kraft und Vitalität einer durch den Tod geweihten Gemeinschaft ausrichten kann.“ [Read, S. 115]

Eisner sicherte sich dann eine Erklärung der Versammlung zu, dass sie sich nicht auflösen oder ihre Autorität auf andere Weise abgeben würden, es sei denn, die künftige bayerische Verfassung hätte ihre Vorrechte ausdrücklich anerkannt. Dies war ein offensichtlicher Versuch, die Bildung der parlamentarischen Regierung zu blockieren, die der Landtag am nächsten Tag konstituieren sollte. Wegen seiner kryptischen Andeutungen bezüglich einer zweiten Revolution forderte das Kabinett später Eisners Rücktritt.

Die größten Schwierigkeiten hatte Eisner bei der Sicherstellung der fundamentalen Dienstleistungen und der Zusammenarbeit mit dem Land, insbesondere der regelmäßigen Versorgung mit Lebensmitteln. Er wurde von Mitgliedern seines eigenen Kabinetts wegen organisatorischer Mängel kritisiert – einer seiner Minister sagte zu ihm: “Sie sind ein Anarchist … Sie sind kein Staatsmann, Sie sind ein Dummkopf … Wir werden durch schlechtes Management ruiniert.” [Richard J. Evans, The Coming of the Third Reich, Penguin, New York, 2003, ISBN 0-14-303469-3, S. 158 ff.]

Nachdem Kurt Eisner klar wurde, dass er die Unterstützung des Parlaments verloren hatte, verfasste  er am Morgen des 21. Februar in seinem Büro eine Rücktrittserklärung und eine kurze begleitende Rede und ging zu Fuß Richtung Landtag, um dort seine Botschaft anlässlich der Eröffnungssitzung zu überbringen. Er entließ seine Adjutanten und die beiden bewaffneten Leibwächter und machte sich alleine auf den Weg.

Auf dem Weg zum Rücktritt

Typisch für ihn weigerte er sich, einen anderen Weg als seinen normalen zu gehen, und wies die Bedenken seiner Helfer wegen seiner Sicherheit mit einem Witz ab: “Sie können mich nur einmal totschießen.” Als er um eine Ecke in die Promenadenstraße bog, lief hinter ihm ein junger Mann in einem Trenchcoat hoch, zog eine Pistole heraus und schoss ihn aus nächster Nähe in Kopf und Rücken. Der erste Schuss zerschmetterte seinen Schädel, der zweite durchbohrte eine Lunge. Er fiel tot zu Boden, inmitten einer sich ausbreitenden Blutlache.

Der Attentäter war Graf Anton von Arco auf Valley, ein kleiner Aristokrat, der während des Krieges als Leutnant der bayerischen Kavallerie gedient hatte und der, wie die meisten zurückkehrenden Offiziere, die Erniedrigung erlitten hatte, dass Revolutionäre auf der Straße die Rangabzeichen von seiner Uniform gerissen hatten. Sein genauer Grund, Eisner zu töten, wurde nie klar: Er war voller Verbitterung, weil seine Mitgliedschaft in der ultrarechten Thule-Gesellschaft abgelehnt wurde, weil seine Mutter Jüdin war, seine Freundin ihn als Schwächling verhöhnt hatte und er die Revolution hasste. Warum er Eisner jedoch genau in dem Moment, in dem er zurücktreten wollte, hätte töten wollen, bleibt ein Rätsel. [Read, p. 115 – 116] (In den letzten Jahren wurden Hinweise darauf gefunden, dass möglicherweise eine Verschwörung am Werk war, siehe den deutschen Wiki-Eintrag.)

Das war nur der Anfang des Chaos. Arco wurde niedergeschossen, aber durch eine heroische Operation, ausgeführt von Professor Ferdinand Sauerbruch, dem zu dieser Zeit bedeutendsten Chirurgen der Welt, gerettet. Als die Nachricht den Landtag während seiner Eröffnungssitzung erreichte, wurde diese vertagt, und Erhard Auer, Leiter der bayerischen SPD, dessen einstige Freundschaft mit Eisner Jahrzehnte zurückging, begann eine improvisierte Laudatio. Er hatte nicht mehr als fünf Minuten gesprochen, als ein Mitglied des bereits oben genannten Revolutionären Arbeiterrates, der Metzger Alois Lindner, in das Plenum einbrach, ein Gewehr, das er unter seinem Mantel versteckt hatte, herausholte und Auer aus aller Nähe in die Brust schoss. Dann eröffnete er das Feuer auf die Delegierten der BVP und entkam ungehindert, nachdem er einen Wachmann, der ihn zu entwaffnen suchte, ebenfalls erschossen hatte. Er wurde von einem zweiten Schützen in der Galerie ersetzt, der auf die gleichen Abgeordneten zielte, einen Menschen tötete und ein paar andere verletzte. Die Aufregung war groß und ein Hauch von Südamerika hing über dem ehrwürdigen Gebäude des Landtags. [Read, p. 116]

Eisner – nur wenige Stunden vor seinem Tod noch äußerst unbeliebt – wurde sofort als Heiliger der Sozialisten kanonisiert und da der Landtag im Moment ausgeschaltet war, übernahmen die Räte rasch Legislative und Exekutive, verhängten das Kriegsrecht und erklärten einen dreitägigen Generalstreik, der – wie Anthony Read feststellte – „zweckmäßigerweise genau über das Wochenende fiel“, (40) sowie eine Ausgangssperre ab 19 Uhr. Am darauffolgenden Morgen wählte eine schnell einberufene Ratssitzung einen neuen obersten Ausschuss, den „Zentralrat“. Seine elf Mitglieder repräsentierten eine bunte Mischung verschiedener sozialistischer Überzeugungen, von reformistisch bis hin zu revolutionär. Er besaß auch ländliche, nicht nur städtische Vertreter, und sollte nicht nur München, sondern ganz Bayern regieren. Der Vorsitz der Kommission und damit das Amt des quasi-Ministerpräsidenten fiel dem 28-jährigen Lehrer Ernst Niekisch zu, der, als linkes SPD-Mitglied, ein guter Kompromisskandidat für die Position war.

Niekisch bemühte sich um Unterstützung, indem er an die sozialistische Einheit appellierte und die Einberufung eines Kongresses der Bayerischen Räte forderte, der die zukünftige Form der Regierung entscheiden sollte: entweder parlamentarisch oder durch Räte, d.h.  als eine Sowjetrepublik. Dieser Kongress wurde am 25. Februar eröffnet, musste sich aber schon am nächsten Tag anlässlich des Begräbnisses von Kurt Eisner unverrichteter Dinge vertagen.

Die Trauerfeier für den am 21.2.1919 von Graf Arco ermordeten Bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner gestaltete sich zu einer gewaltigen Demonstration der Münchener Arbeiterschaft.

Was auch immer die Münchner über den lebenden Eisner gedacht hatten, sein Begräbnis zog 100.000 Trauergäste an, die dem Sarg folgten, als dieser in einer ehemaligen königlichen Kutsche feierlich durch die Straßen der Stadt gefahren wurde. Am nächsten Tag nutzte die radikale Linke das öffentliche Interesse an Eisner, um den Kongress dazu aufzurufen, die „Zweite Revolution“ zu erklären und die Gründung einer Sowjetrepublik anzukündigen. Als der Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt wurde, verließen Spartakisten, USPD und Anarchisten den Zentralrat, um ihre segensreichen politischen Veränderungen alleine vorzubereiten. Seiner Führung beraubt, zerstreute sich der Kongress und ein paar Wochen lang beruhigte sich Bayern nach so viel Unruhe.

Die Erinnerung an Kurt Eisner lebt jedoch in dem von ihm gegründeten Freistaat weiter – drei Denkmäler für ihn befinden sich in der Münchner Innenstadt und sein Grab auf dem Ostfriedhof.

Denkmal in der Kardinal-Faulhaber-Straße, dem Ort Eisners Ermordung

Leider sollte es bald noch schlimmer kommen für München.

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Das Zweite Reich 1871 – 1918

Titelbild: Dieses Wandgemälde von Carl Steffeck von 1884 zeigt den französischen Generaladjutanten Reille bei der Überbringung der Kapitulation von Napoleon III bei der Schlacht von Sedan am 2. September 1870


Kurzes ZDF Video


Nachdem Österreich-Ungarn durch den Krieg von 1866 und die Niederlage von Königgrätz an den Rand innerdeutscher Politik gedrängt worden war, übernahm Preußen die Führung der deutschen Staaten, die noch immer mehr als ein Dutzend zählten. Auf der Karte waren die Änderungen geringfügig; die Geografie des “Deutschen Bundes” wurde durch das Verschwinden Österreichs unglücklicher Verbündeter kaum verändert. Wichtigere Änderungen traten im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der deutschen Staaten auf, insbesondere im kritischen Bereich der Zollunion. Trotz fortschreitender Industrialisierung, in der direkte Steuern immer wichtiger wurden, waren Zölle nach wie vor ein großer Teil der staatlichen Einkommen.

Linguistische Karte um 1870
Linguistische Karte um 1870 mit den Grenzflüssen des “Liedes der Deutschen” von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, geschrieben am 26. August 1841

Der Deutsche Zollverein war im 19. Jahrhundert stetig gewachsen, ausgehend von seinen profanen Ursprüngen als Gemeinsamer Preußischer Zolltarif von 1828; später umfasste er die süddeutschen Königreiche Bayern und Württemberg und das Großherzogtum Baden und nachdem Österreich 1867 aus dem Bild gefallen war, trat der Großteil des Restes der deutsche Staaten bei; die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Mecklenburg und das Königreich Hannover. Im Jahr 1869 waren die geografischen Grenzen von Zollverein und Deutschem Bund nahezu identisch. Durch ein kleines Update der politischen Struktur wurde der Deutsche Bund in “Norddeutscher Bund” umbenannt; der einzig bedeutsame Unterschied war die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer im Alter von über einundzwanzig Jahren.

Erstaunlicherweise deckten die ersten Wahlergebnisse unter den neuen Bedingungen eine seltene Fehleinschätzung Otto von Bismarcks auf: Er war davon ausgegangen, dass der Sieg über Österreich am meisten seinen konservativen parlamentarischen Verbündeten zugutekommen würde, aber im  Fall der Fälle ging die Mehrheit der Sitze an seine Gegner, die Liberalen, und einige sogar an seine Todfeinde, an die Sozialdemokraten und an das katholische Zentrum. Aufgrund dieser überraschenden Pflichtvergessenheit der deutschen Wähler wurden Bismarcks weitere Pläne nun mit einigen parlamentarischen Hemmnissen konfrontiert, aber der Eiserne Kanzler erwies sich als Meister darin, solch triviale Herausforderungen zu umgehen.

Seine Überlegungen im Hinblick auf eine mögliche deutsche Einigung gingen von der Ansicht aus, dass, durch die Leidenschaften eines Krieges, die Deutschen wiederum – wie 1866 – politische Hürden überwinden könnten. Falls die südlichen Staaten, insbesondere die ausgesprochen unabhängigen Königreiche Bayern und Württemberg, zögerten, seiner Führung zu folgen, könnten der Eifer eines erneuten Krieges den Ausschlag der Waage bewirken.

Ein geeigneter Gegner und Buhmann wurde leicht identifiziert in der Person von Napoleon III., Kaiser von Frankreich.

Seit 1815 hatten keine offenen Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Preußen stattgefunden hatten, aber Bismarck – aufgrund der Erfahrungen, die er in den 1850er Jahren als preußischer Botschafter in Paris gemacht hatte – hatte  klare Ideen, welche Knöpfe zu drücken waren, um Frankreich in patriotischer Kriegsbereitschaft zu entflammen.

Napoleon III., Neffe und Nachfolger des großen Korsen, der sich 1852 zum Kaiser von Frankreich ausgerufen hatte, brauchte dringend frischen militärischen – oder auch jeden anderen Ruhm. Sein Eingreifen in Mexiko zur Unterstützung von Kaiser Maximilian hatte in einer kompletten Katastrophe geendet [1861-1867] und der Glanz der französischen Waffen  war dringend restaurierungsbedürftig. Er hatte die Entstehung Preußens als neue deutsche Zentralmacht mit Abneigung betrachtet; nicht so sehr wegen seiner Prinzipien – solche hatte er nicht – sondern weil er den Erwerb des Herzogtums Luxemburg für Frankreich gerne als Preis für seine Neutralität im Prusso-Österreichischen Krieg von 1866 gesehen hätte. Er war wütend, als Bismarck nach dem Sieg erklärte, dass, da Luxemburg nicht zu Preußen gehöre, man es nicht an Frankreich abtreten könne.

Bismarck konferierte mit Graf Helmuth von Moltke, dem Chef des preußischen Generalstabs, über die Chancen eines Preußisch-Französischen Krieges. Moltke schätzte, dass ein Erfolg wahrscheinlich sei, und Bismarck begann nach einer günstigen Gelegenheit zum Krieg, nach einem Casus Belli, zu suchen. Er musste nicht lange warten.

Otto von Bismarck, Kriegsminster von Roon und Chef des Generalstabs Graf Helmuth von Moltke (der Ältere)
Otto von Bismarck, Kriegsminster Albrecht von Roon und Chef des Generalstabs Graf Helmuth von Moltke (der Ältere)

Im Jahr 1869 war der spanische Thron wieder einmal heftig umstritten und nach langer Diskussion beschloss der spanische Kronrat, die Krone einem Vetter Wilhelms, dem Prinzen  Leopold von Hohenzollern anzubieten, aus der schwäbischen, katholischen Seitenlinie der Hohenzollern. Als die Nachricht über das spanische Angebot und die Akzeptanz des Prinzen Paris erreichte, interpretierten sowohl Kaiser Napoleon als auch seine loyalen Untertanen die Botschaft aus Madrid als Beweis für eine erneute Verschwörung Deutschlands, Frankreich zu umzingeln. Wachsamkeit und natürlich die Ehre der französischen Nation geboten, sofort die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um das geplante Verbrechen im Keim zu ersticken.

Der französische Botschafter in Preußen, Vincent Benedetti, wurde also mit dringender Botschaft nach Bad Ems geschickt, wo Wilhelm zur Kur weilte. Benedettis Mission bestand darin, zwei Forderungen Napoleons zu überbringen. Erstens müsse Prinz Leopolds Zusage sofort widerrufen werden und zweitens müsse Wilhelm, in seiner Eigenschaft als Chef der Familie Hohenzollern, eine öffentliche Erklärung abgeben, dass auf keinen Fall ein Prinz des Hauses ein spanisches Angebot annehmen werde, sollte es erneuert werden.

Die Forderungen waren, um es gelinde auszudrücken, ziemlich starker Tobak, denn Napoleon III. hatte in dieser Sache weder Anlass noch Autorität. Wilhelm ließ bestellen, dass nichts den Kaiser von Frankreich daran hindere, das Thema mit Prinz Leopold selbst zu diskutieren – dieser sei ein erwachsener Mann, und er, Wilhelm, wäre nicht seine Mutter. In Bezug auf die zweite Forderung wies Wilhelm auf seinen Mangel an Autorität hin, für zukünftige Generationen von Hohenzollern Zusagen abgeben zu können. Benedetti kabelte nach Paris, berichtete Wilhelms Antworten, und es wurde ihm befohlen, um eine zweites Audienz zu bitten und Napoleons Anfragen zu wiederholen. Solch wiederholten Anfragen waren nicht gerade guter diplomatischer Stil. Wilhelms Sekretär Heinrich Abeken fasste das zweite Interview in einem Telegramm an Bismarck zusammen:

Seine Majestät, der König, hat mir geschrieben:

Graf Benedetti hat mich auf der Promenade abgefangen und von mir in einer sehr inopportunen Manier gefordert, dass ich ihn ermächtigen sollte, sofort zu telegrafieren, dass ich mich auf ewig gebunden hätte, nie wieder meine Zustimmung zu geben, falls die Hohenzollern ihre Kandidatur erneuerten.

Ich habe diese Forderung etwas streng abgelehnt, da es weder richtig noch möglich ist, Verpflichtungen solcher Art [für immer und ewig] einzugehen. Natürlich erzählte ich ihm, dass ich noch keine Nachrichten erhalten hatte und da er über Paris und Madrid besser informiert wäre als ich, müsse ihm klar sein, dass meine Regierung in diesem Falle nicht betroffen war.

[Auf Anraten eines seiner Minister] entschied sich der König – angesichts der oben genannten Forderungen – Graf Benedetti nicht mehr zu empfangen, aber er ließ ihn von einem Adjutanten ausrichten, dass Seine Majestät mittlerweile von Leopold eine Bestätigung seines Thronverzichts erhalten habe, was Benedetti bereits aus Paris wisse, und er dem Botschafter daher nichts weiter zu sagen hätte.

Seine Majestät legt Ihrer Exzellenz (dem Adressaten) nahe, dass Benedettis neue Forderungen und ihre Ablehnung sowohl an unsere Botschafter als auch an die Presse kommuniziert werden sollten. [29]

Bismarck redigierte den Text ein wenig und leitete ihn an das französische Pressebüro HAVAS weiter:

Nachdem die Nachricht vom Verzicht des Fürsten von Hohenzollern dem Kaiser von der Königlich Spanischen Regierung mitgeteilt worden war, stellte die französische Regierung, durch den französische Botschafter in Ems, eine weitere Forderung an Seine Majestät den König; dass er den Botschafter ermächtigen sollte, nach Paris zu senden, dass Seine Majestät der König sich zu jeder Zeit verpflichte, nie wieder seine Zustimmung zu erteilen, sollten die Hohenzollern ihre Kandidatur wiederaufgreifen.

 Seine Majestät der König lehnte es daraufhin ab, den Botschafter erneut zu empfangen, und ließ ihm vom diensthabenden Adjutanten ausrichten, dass Seine Majestät keine weitere Mitteilung mehr an den Botschafter zu richten habe. [30]

Bismarcks Entwurf der Emser Depesche
Bismarcks Entwurf der Emser Depesche

Dadurch bekam die Botschaft einen neuen Twist:

Er (Bismarck) schnitt Wilhelms versöhnliche Phrasen aus und betonte die eigentliche Frage. Die Franzosen hatten Forderungen unter Androhung von Krieg gestellt und Wilhelm hatte sie abgelehnt. Dies war keine Fälschung; es war die klare Wiedergabe der Fakten. Sicherlich erweckte die Bearbeitung des Telegramms, das am Abend desselben Tages (13. Juli) an die Medien und die ausländischen Botschaften veröffentlicht wurde, den Eindruck, dass Benedetti etwas zu fordernd war und der König äußerst abrupt. Sie sollte den Franzosen den Eindruck vermitteln,  König Wilhelm I. habe Graf Benedetti beleidigt – andersherum interpretierten die Deutschen das modifizierte Telegramm so, dass der Graf ihren König beleidigt habe. …

Die französische Übersetzung der Agentur Havas änderte die Forderung des Botschafters („il a exigé“ – ‘er hat gefordert’) in eine Frage um. Das deutsche “Adjutant”, was auf einen hochrangigen Mitarbeiter des Königs  (Aide-de-camp) verweist, wurde nicht übersetzt, sondern auf Französisch belassen, wo es nur einen Unteroffizier (Adjudant) bedeutet – was darauf hindeuten sollte, dass der König den Botschafter absichtlich beleidigt hatte, indem er einen Soldaten mit niedrigem Rang auswählte, um ihm die Nachricht zu übermitteln. Dies war die Version die die meisten Zeitungen am folgenden Tag, der auch noch zufällig der 14. Juli (Feiertag der Erstürmung der Bastille) war, veröffentlichten, und damit die Franzosen glauben ließen, dass der König ihren Botschafter absichtlich beleidigt hatte noch bevor der Botschafter seine Geschichte erzählen konnte. …

Die falsche Einschätzung Frankreichs in Bezug auf seine eigene Position in der Sache entflammte die Dinge weit über das Notwendige heraus und Frankreich begann zu mobilisieren. Nach weiteren unsachgemäßen Übersetzungen und Fehlinterpretationen des Telegramms in der Presse, verlangten aufgeregte Massen in Paris den Krieg, genau wie Bismarck es erwartet hatte. Die Emser Depesche hatte nun auch in Deutschland die nationalen Gefühle aufgeputscht. Es ging jetzt nicht mehr nur um Preußen alleine; aller süddeutsche Partikularismus wurde verworfen.

Benedetti, der Beauftragte des französischen Außenministers Herzog Antoine Alfred Agénors de Gramont  für dessen sinnlose Forderungen (die Hohenzollern-Sigmaringer hatten die Kandidatur von Prinz Leopold schon am 11. Juli 1870 mit Wilhelms „voller und uneingeschränkte Zustimmung“  zurückgezogen), wurde zu einem unsichtbaren Nebendarsteller; seine eigenen Schreiben an Paris spielten keine Rolle mehr. Mit überwältigender Mehrheit stimmten Parlament und Regierung für Kriegskredite und Frankreich erklärte Preußen den Krieg am 19. Juli 1870. [31]

Genau das hatte Bismarck erwartet. In einer Reihe von geheimen Verträgen mit den süd- und mitteldeutschen Staaten seit 1866 hatte er den Grundstein für den nun eingetretenen Fall gelegt – Krieg mit Frankreich. Für den Fall, dass Frankreich Preußen den Krieg erklärte, hatten die übrigen deutschen Staaten Preußen militärische Unterstützung zugesagt. Zwei weitere Vereinbarungen, die Bismarck mit Russland und Österreich sub-rosa verhandelt hatte, sicherten deren Neutralität bei den Ereignissen, die sich nun entfalteten. Napoleon konnte keinen einzigen Verbündeten finden und die deutschen Länder, die er ursprünglich für sich hatte gewinnen wollen, marschierten nun an der Seite von Preußen, um den dritten Bonaparte zu besiegen, so wie sie den ersten besiegt hatten.

Zum ersten Mal seit der Niederlage der Türken in Wien im 17. Jahrhundert erschien eine gemeinsame deutsche Armee auf dem Feld. Der Feldzug von 1870 wurde daraufhin zur Apotheose moderner militärischer Planung, weil er weitgehend so lief wie geplant. Zum ersten Mal in einem bedeutenden europäischen Krieg wurden die Eisenbahnlinien zum Hauptmittel des Truppentransports und Koordination der Zugbewegungen der entscheidende Faktor für die richtige Anlieferung und den späteren Einsatz der Kräfte. Die Eröffnungsgefechte an den Grenzen wurden größtenteils gewonnen, so wie Moltke es erwartet hatte, und gefolgt von einem groß angelegten Stoß nach Lothringen. Die Hauptachse des Angriffs zielte auf die Maas, von deren Überquerung die Franzosen den Feind um jeden Preis abhalten mussten, denn sie war die letzte natürliche Verteidigungslinie auf dem Weg nach Paris.

Schlacht bei Sedan, 1. und 2. September 1870
Schlacht bei Sedan, 1. und 2. September 1870

Napoleon III. war selbst nach Sedan gereist, wo die französischen Truppen konzentriert waren. Moltkes Plan war es, durch die gleichzeitige Vorwärtsbewegung zweier Zangen nördlich und südlich ihrer Defensivposition die französische Armee einzuschließen und den Fluss zu verwenden, um ihren eventuellen Rückzug zu blockieren. Die Operation war erfolgreich und am 2. September 1870 mussten sich Napoleon III und die französische Armee ergeben. Zahlenmäßig wurde die Schlacht von Sedan zum größten Sieg in modernen Zeiten, der in einer einzigen Begegnung erreicht wurde; über 100.000 französische Soldaten mussten in Gefangenschaft marschieren. Die Kapitulation des Kaisers besiegelte den endgültigen Erfolg, selbst wenn die deutschen Soldaten durch Aufräumarbeiten und die langwierige Belagerung von Paris noch ein paar Monate beschäftigt blieben.

Bismarck und Napoleon nach der Schlacht von Sedan
Bismarck und Napoleon nach der Schlacht von Sedan
Der Spiegelsaal von Versailles
Der Spiegelsaal von Versailles

Am 18. Januar 1871 versammelten sich die deutschen Fürsten im großen Spiegelsaal des Schlosses von Versailles und erklärten die Gründung eines neuen “Deutschen Reiches“. Sie wählten einstimmig Wilhelm I., König in Preußen, zur neuen Würde des „Deutschen Kaisers“ [nicht ‚Kaiser von Deutschland‘]. Da das neue Staatswesen technisch gesehen nur eine „ewige“ Föderation von souveränen Fürsten war, die in verschiedener Hinsicht unabhängig blieben – wie der Vertrag es bestimmte – war und wurde das Zweite Reich nie ein zentralisierter Staat wie Frankreich oder Russland.

Das berühmte Bild Anton von Werners - Kaiserproklamation am 18. Januar 1871
Das berühmte Bild Anton von Werners – Kaiserproklamation am 18. Januar 1871
Siegesparade durch Paris am 1. März 1871
Siegesparade durch Paris am 1. März 1871
Siegesfeier in Berlin
Siegesfeier in Berlin

Doch schon bald traten Mängel in Bismarcks großem Entwurf auf, der treffend als “Revolution von oben” bezeichnet wird. Die Vereinigung war nicht auf den Willen des deutschen Volkes zurückzuführen, sondern auf einen Bund von 36 deutschen Fürsten, die sich zwar einig waren, einen von ihnen zum Kaiser zu erheben, aber sonst in wenig anderem. Die deutsche Bourgeoisie hatte nicht erreichen können, was den Bürger der Vereinigten Staaten, Englands oder Frankreichs zugesichert worden war, nämlich politische Emanzipation: nicht aus Mangel an Versuchen, sondern durch die blutige Niederschlagung der Reformbewegung von 1848. Die Bemühungen der deutschen Bevölkerung waren zusammengebrochen in den Horrorbildern von Soldaten, die auf ihre eigenen Familien schossen und erstickt durch den Terror politischer Polizei. Diese schrecklichen Erfahrungen dürfen keinesfalls unterschätzt werden: zusammen mit den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, die noch tief im volkstümlichen Unterbewusstsein lebten, erklären sie vieles von der politischen Apathie, die vor 1871 in Deutschland herrschte. Für die Bourgeoisie verstärkte Bismarcks “Revolution von oben” nur das Gefühl, von politischen Entscheidungen ausgeschlossen zu sein. Peter Watson erklärt:

In einem echten Sinn und wie es Gordon Craig betont hat, haben die einfachen Menschen in Deutschland keine Rolle bei der Gründung des Reiches gespielt. “Der neue Staat war ein ‚Geschenk‘ an die Nation, zu der der Empfänger nicht befragt worden war.”  Seine Verfassung war nicht verdient oder erkämpft worden; sie war nur ein Vertrag zwischen den Fürsten der bestehenden deutschen Staaten, die ihre Kronen bis 1918 behielten.

Für unser modernes Denken hatte dies einige außergewöhnliche Konsequenzen. Ein Ergebnis war, dass das Reich ein Parlament ohne Macht, hatte, politische Parteien ohne Zugang zu Regierungsverantwortung und Wahlen, deren Ergebnis nicht die Zusammensetzung der Regierung bestimmte. Dies war alles ganz anders – und noch viel weiter rückwärtsgewandt – als was es unter den deutschen Konkurrenten im Westen gab. Die Angelegenheiten des Staates verblieben in den Händen des Landadels, obwohl Deutschland zu einer Industriemacht geworden war. Um so mehr und mehr Menschen zu den industriellen, wissenschaftlichen und intellektuellen Erfolgen Deutschlands beitrugen, desto mehr fiel es auf, dass das Land von einer sehr kleinen Gruppe traditioneller Figuren regiert wurde – ländliche Aristokraten und militärische Befehlshaber –  an deren Spitze der Kaiser selbst. Dieses Missverhältnis wurde für das politische Bewusstsein des “Deutschtums” im Vorfeld des Ersten Weltkrieges von grundlegender Bedeutung.

Es war einer der größten Anachronismen der Geschichte und hatte zwei Auswirkungen, die uns hier direkt beschäftigen. Die Mittelklasse, politisch ausgeschlossen und dennoch bestrebt, ein gewisses Maß an Gleichheit zu erreichen, griff auf Bildung und Kultur zurück, also Schlüsselbereiche, in denen Erfolge erzielt werden konnte – Gleichheit mit der Aristokratie und Überlegenheit im Vergleich zu vielen Ausländern in einer wettbewerbsfähigen, nationalistischen Welt. “Hochkultur” war daher im Kaiserreich immer wichtiger als anderswo und das ist ein Grund, warum … sie in der Zeit von 1871 bis 1933 so gut gedieh. Aber dies gab der deutschen Kultur einen eigentümlich schizoiden Ton: Freiheit, Gleichheit und persönliche Unterscheidungskraft verblieben tendenziell im “Inneren” Heiligtum” des Individuums, während die Gesellschaft oft als eine ” willkürliche, oberflächliche und häufig feindliche Welt dargestellt wurde.”

Wilhelm II

Der zweite Effekt, der sich mit dem ersten überschneidet, war ein Rückzug in den Nationalismus, jedoch  in einen klassenbasierten Nationalismus, der sich gegen die neu geschaffene industrielle Arbeiterklasse (und den erwachenden Sozialismus) richtete, gegen Juden und nichtdeutsche Minderheiten. “Nationalismus wurde als eine Möglichkeit sozialen Fortschritt mit utopischen Möglichkeiten gesehen.”

Vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Massengesellschaft betrachtete die gebildete Mittelschicht Kultur als ein Netz stabiler Werte, die ihr Leben verbesserten, sie vom “Pöbel” (Freuds Wort) abhoben und insbesondere ihre nationalistische Orientierung verstärkte. Das “Volk”, ein semi-mystisches, nostalgisches Ideal wie ganz normale Deutsche einmal gewesen wären – ein zufriedenes, talentiertes, unpolitisches, “reines” Volk – war zu einem populären Stereotyp in Deutschland geworden. [32]

Es ist wohl fast unnötig zu erwähnen, dass solche “zufriedenen, unpolitischen und reinen” Menschen” niemals außerhalb der Vorstellung von übereifrigen Geschichtsprofessoren und rassistischen Journalisten existierten. Aber der Stereotyp “Volk” funktionierte und führte zu einer Art gegen Sozialdemokratie und Katholiken gerichteten Nationalismus, der nicht wirklich gegen andere Nationen gerichtet war, sondern gegen den “inneren Feind” – Liberale, Demokraten, Sozialisten, Katholiken, Juden und so weiter – gegen deren “Internationalismus” die preußischen säkularen und protestantischen kirchlichen Behörden nie müde wurden zu warnen. Es war im Wesentlichen ein Nationalismus der oberen Gesellschaftsschichten, der versuchte, die Unterstützung der bürgerlichen Mittelschicht gegen die verschiedenen Feinde der “Kultur“zu schüren, erhalten und einzubinden. Dieser Nationalismus des Zweiten Reiches lief fast auf eine Negation der Auswirkungen der Industrialisierung hinaus, der Moderne, in gewisser Weise sogar der Aufklärung. Sein Charakter blieb mittelalterlich.

Berlin, Unter den Linden, ca. 1900

Der Kern dieses “inneren” Nationalismus formte in den Jahren nach der Reichsgründung des Nukleus der “Völkischen Bewegung“, der wir – und die Welt – mehr oder weniger den Ersten und Zweiten Weltkrieg verdanken. Sie absorbierte die “blutige Romantik” der napoleonischen Zeit [siehe dazu einen Artikel von Elke Schäfer] und wurde von der Elite später als nützliche Idioten wahrgenommen und benutzt. Nicht umsonst hatten die idealisierten Darstellungen der “Germania”, unten zwei von Philip Veit, immer Schwerter in der Hand.

Als zum Beispiel eine „Deutsche Arbeiterpartei“ in Böhmen (d. h. technisch gesehen Österreich) vor dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde, war es nicht das Ziel dieser Partei, die Sache der Arbeiterklasse voranzutreiben, wie man naiverweise annehmen könnte, sondern den Schutz und Vorrang der Interessen deutscher Arbeiter gegenüber tschechischen oder mährischen Arbeitern sicherzustellen. Das deutsche Volk blieb indes ein politisches Mündel der alten Eliten, die absolut nicht gewillt waren, die kostbare Autorität aufzugeben, die sie nach den Schocks der Revolutionen von 1789 und 1848 und der napoleonischen Kriege gerade mal so wiedergewonnen hatten. Die Verfassung, die der Adel nach seinen Bedürfnissen und Ängsten 1871 maßschneiderte, konnte man in ihrer offensichtlichen Furcht vor Demokratie und Liberalismus mit gutem Grund anachronistisch nennen.

Denn den “zufriedenen, unpolitischen und reinen” Deutschen, die das offizielle Kaiserreich beschwor, ging es nicht gut, falls sie nicht gerade als Adelige geboren waren. Die deutsche Industrialisierung ging über Leichen – Bismarcks spätere Sozialgesetzgebung entstand nicht aus seinem Herzblut für die Leiden der Arbeiterklasse, sondern waren seine minimalen Zugeständnisse, die sozialistische Revolution zu verhindern. Es gab inoffizielle Sklaverei – die Schwabenkinder – und die Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnisse in den Großstädten waren unbeschreiblich schlecht. Zwischen 1870 und 1919 wanderten alleine 3.279.021 Deutsche nach den USA aus.

Kinderarbeit
Kinderarbeit

Der verfassungsrechtliche Rahmen des Deutschen Reiches … unterschied sich in wichtigen Punkten stark von dem Großbritanniens oder Frankreich, deren unterschiedlich strukturierte, aber relativ flexible parlamentarische Demokratien ein besseres Potenzial boten, den sozialen und politischen Anforderungen gerecht zu werden, die sich aus dem raschen wirtschaftlichen Wandel ergeben.

In Deutschland wurde das Wachstum des parteipolitischen Pluralismus, der sich im Reichstag manifestierte, nicht in parlamentarische Demokratie übertragen. Mächtige Interessen – große Grundbesitzer, … das Offizierskorps der Armee, die obersten Ebene der Staatsbürokratie, selbst die meisten Reichstagsparteien setzten ihre Blockade fort.

Der Reichskanzler blieb ein Angestellter des Kaisers, der ihn jederzeit ernennen oder entlassen konnte, unabhängig von den Kräfteverhältnissen im Reichstag. Die Regierung selbst stand über dem Reichstag, unabhängig von der Parteipolitik – zumindest in der Theorie. Wichtige politische Bereiche, insbesondere die außenpolitischen und militärischen Angelegenheiten, lagen außerhalb parlamentarischer Kontrolle.

Die Macht wurde – angesichts des zunehmenden Drucks nach radikalen Veränderungen – von den bedrängten Kräften der alten Ordnung eifersüchtig bewacht. Einige von ihnen, die zunehmend Angst vor der Revolution hatten, waren sogar bereit, über Krieg nachzudenken – als eine Möglichkeit, an der Macht festzuhalten und die Bedrohung durch den Sozialismus abzuwehren. [33]

Diese Bereitschaft war jedoch nicht auf Deutschland beschränkt: die meisten reaktionäreren Monarchien des Kontinents, insbesondere Russland, aber auch Italien, Spanien und einige Balkanländer, fürchteten die Sozialisten viel mehr als die Armeen der anderen Fürsten, mit denen man sich immer arrangieren konnte. Die Gründung der Sozialistischen Internationale (SI) erwies sich als Schreckgespenst der Monarchien. Aber was auch immer die wirkliche Bedrohung durch den Sozialismus oder irgend einer anderen modernen Entwicklung bedeuten mochte, das Zweite Reich personifizierte in gewissen Hinsichten, vor allem in seinen inneren Beziehungen, einen deutlich vormodernen Charakter – als hätte sich seit 1806 nichts verändert. Man sieht es am deutlichsten in …

… der föderalen Struktur des Reiches, die den Rechten und Befindlichkeiten insbesondere der süddeutschen Bundesländer Rechnung zu tragen versuchte. Die Gründung einer badischen Gesandtschaft in Berlin und einer preußischen in Karlsruhe (der Hauptstadt von Baden) ist ein Hinweis auf den bemerkenswert “unfertigen” Charakter der Struktur des Reiches – es ist, als wäre die Entwicklung hin zu einer modernen, einheitlichen Verfassungsstruktur auf halbem Weg stehengeblieben.

Aber das föderale System des Kaiserreichs ging noch weiter: 1894 wurden auch in München und Stuttgart badische Gesandtschaften eröffnet und etwas später schlug Russland sogar vor, einen russischen Militärattaché in Bayern zu stationieren. Diese Botschaften waren nicht bloß Institutionen aus Höflichkeit, sondern repräsentierten einen wichtiger Bestandteil der politischen Struktur des Reiches, und sie waren ein Hinweis darauf, dass das kleinere Deutsche Reich (ohne Österreich), durch Krieg und Diplomatie geschmiedet, in vielerlei Hinsicht sogar nach seiner sogenannten Vereinigung mit außenpolitischen Methoden regiert wurde.

Deutsches Reich 1871 - 1918
Deutsches Reich 1871 – 1918

Ein verwandtes Problem, über das sich die badischen Gesandten häufig beschwerten, war der Fortbestand und das konstante Wachstum des Partikularismus, insbesondere in Bayern. Der aufmerksame badische Gesandte in München, Baron Ferdinand von Bodman, berichtete im Dezember 1895 aus der bayerischen Landeshauptstadt, dass “unter dem Einfluss des alles beherrschenden Hofes und der österreichisch-klerikalen (Katholischen) Partei, alle Maßnahmen … auf den Aufbau Bayerns als autarkem Staat … gerichtet sind.“ Vor allem in den beiden bayerischen Armeekorps, so Bodman, „werden das Reich und der Kaiser, sein Kopf, so weit wie möglich eliminiert.”

Graf Anton Monts, der preußische Gesandte in München, war überzeugt, dass “ein Prozess der Distanzierung von dem Reich stattfände”, so berichtete Bodman weiter. Ebenso beobachtete der kluge Arthur von Brauer, der  viele Jahre unter Bismarck gedient hatte, im Mai 1893, dass der bayerische Partikularismus enorme Fortschritte mache. Er schrieb an den Großherzog: ” … dass unter dem Einfluss der altbayerischen Partei die monströse Idee immer mehr an Boden gewinnt, dass Süddeutschland unter die besondere Hegemonie Bayerns gestellt werden sollte, so wie Norddeutschland unter die von Preußen. ” 1898 fühlte sich der Großherzog von Baden selbst gezwungen, die Reichsregierung vor einer Annäherung an die katholische Zentrumspartei zu warnen, da es das Ziel dieser Partei war “das heutige Reich zu zerstören, um eine neue Bundesverfassung mit einem katholischen Kopf an der Spitze zu schaffen.“

Ob sie nun auf einer nüchternen Einschätzung objektiver Umstände beruhten oder letztendlich nur in psychologischer Hinsicht erklärbar sind, sind solche Angstkomplexe doch von allergrößter Bedeutung für die Beurteilung der politischen Kultur des wilhelminischen Deutschland. [34]

Der Kaiser und seine Söhne

Diese Analyse von John Röhl identifiziert den einen psychologischen Faktor in der Politik des neuen Imperiums, aber es gab noch eine andere, unausgesprochene, psychologische Implikation. Das Reich, das Bismarck eine letztendlich “über eine stark fragmentierte Gesellschaft gelegte” Konstruktion genannt hatte, war eine Formel geboren aus der Notwendigkeit, der spezifischen deutschen Situation, vor allem ihrem politischen Partikularismus, Rechnung zu tragen; somit musste Nationalismus und Zusammenhalt von außen her beigebracht bzw. geschaffen werden, und zwar von oben nach unten statt von unten nach oben und durch die Menschen selber. Ausschlaggebend war für Bismarck jedoch, dass das Ergebnis akzeptabel für seinen König sein würde, anders als die Krone von 1849. Im Wesentlichen jedoch wurden einfach die neuen Kleider des Kaisers über das gleiche, alte und autoritäre preußische Regime gehängt.


Fußnoten: [29] [30] [31] Heinrich Abeken, Otto von Bismarck – Emser Depesche siehe Wikipedia

[32] Watson, Peter, The German Genius, Harper Collins 2010, ISBN 978-0-06-076022-9, S. 112 – 113

[33] [34] Röhl, John C.G., The Kaiser and his Court, Cambridge University Press, ISBN 0-521-56504-9, S. 112 – 113 und 153 – 154

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Die Gotenkriege

[Weiterführende Links zu diesem Artikel: THEODORA / PROCOPIUS – THE SECRET HISTORY / THE END OF THE LEGIONS und CLOVIS – THE RISE OF THE FRANKS (englische Versionen auf “History of the West“]


Chlodwig war der erste Mann, den man vernünftigerweise “König der Franken” (Rex Francorum) nennen konnte. Da er in seinem Wunsch nach geografischer Expansion seines Reiches nie zögerte, kann Chris Wickham berichten (in “The Inheritance of Rome”, Viking Books 2009, ISBN 978-0-670-02098-0, S. 92), dass er, im Jahre 507, “die Westgoten angriff und besiegte, ihren König Alarich II in der Schlacht von Vouillé tötete und sie praktisch aus Gallien vertrieb (sie konnten nur die Provinz Languedoc an der Mittelmeerküste halten). Die Burgunder konnten sich noch eine Zeitlang behaupten, aber die Söhne Chlodwigs griffen sie 520 ebenfalls an und übernahmen ihr Königreich 534.“ Es dauert nicht lange, bis Chlodwig von Kaiser Anastasius die Ehre des römischen Konsuls annahm  – als des Kaisers Zeichen der Unterstützung seiner katholischen Verbündeten. Aber Clovis starb nur vier Jahre nach Vouillé [AD 511] und Italien blieb für die Franken unerreichbar.

Chlodwig – von François Louis Dejuinne

Diese besondere Trophäe ging an einem zunächst eher unbekannten Krieger, der über die Ostgoten herrschte, einem Volk von vielleicht hunderttausend Seelen, welches an der mittleren Donau lebte. Dieser Herzog namens Theoderich erhielt eines Tages eine Botschaft aus Konstantinopel, von Kaiser Zeno, des Nachfolgers von Anastasius, der sich endlich des aufmüpfigen Emporkömmlings Odoaker in Italien entledigen wollte. In der Nachricht lud Zeno die Ostgoten ein, Italien in seinem Namen wieder für das Reich zu gewinnen und Odoakers Regime zu beenden. Theoderich akzeptierte und der größte Teil der Nation machte sich daran, aus ihren pannonischen Weiden und illyrischen Wiesen in Richtung des sagenumwobenen Italia zu ziehen.
Zeno jedoch bekam jedoch mehr als er erwartet hatte; viel zu spät erkannte er, dass die kostbaren italienischen Provinzen jetzt in Händen waren, welche die Aufgaben des Regierens viel besser wahrnahmen als die des vergleichsweise einfachen Soldaten Odoaker – oder seine eigenen.

Theoderich von Fabrizio Castello

Theoderichs Gaben waren weniger intellektueller Art, sondern ein fast untrügliches Gespür für politische Machbarkeit, Gerechtigkeit, Fairness, Ehre und Ehrlichkeit. In den mörderischen Jahrhunderten der Völkerwanderung ist sein Name einer der wenigen, für die die Benennung „der Große“ vielleicht gerechtfertigt ist. Seine Goten rückten schnell auf Odoaker zu, dem keine andere Wahl blieb, als Sicherheit in Ravenna zu suchen, wo er einer gotischen Belagerung fast drei Jahre lang widerstehen konnte. Doch in der Ausübung seiner Pflicht begang Theoderich, mit seiner eigenen Hand (so wird es gesagt), das einzige Verbrechen seines Lebens. Als, im März 493, die Situation für beide Parteien unerträglich wurde, formulierte eine diplomatische Mission den Vorschlag, dass Odoaker und Theoderich Italien und einige Nachbarprovinzen [Sizilien, Dalmatien, Noricum und Bayern] gemeinsam regieren sollten, wie einst die Konsuln die frühe Republica Romana regiert hatten. Edward Gibbon berichtet uns nun, was aus der famosen Idee wurde:

Ein Friedensvertrag wurde vom Bischof von Ravenna ausgehandelt; die Ostgoten wurden in die Stadt gelassen und die verfeindeten Könige stimmten zu – unter der Sanktion eines Eides – mit gleichberechtigter Autorität über die Provinzen Italiens zu regieren. Den Ausgang einer solchen Vereinbarung kann man sich leicht denken. Nach einigen Tagen, die dem Anschein von Frieden und Freundschaft gewidmet waren, wurde Odoaker, in der Mitte eines feierlichen Banketts, durch die Hand, oder zumindest auf Befehl seines Rivalen, ermordet.
Geheime Aufträge waren vorher erteilt worden; die treulosen und habgierigen Söldner Odoakers wurden im selben Moment und ohne Widerstand allgemein massakriert; und die Übernahme des königlichen Titels durch Theoderich wurden von den Goten ausgerufen, mit der säumig erteilten, zurückhaltenden, und mehrdeutigen Zustimmung des Kaisers des Ostens. Die Reputation Theoderichs stieg bald rapide an, im Vertrauen auf dem sichtbaren Frieden und den Wohlstand einer Regierungszeit von 33 Jahren, der einhelligen Wertschätzung seiner eigenen Zeit und der Erinnerung an seine Weisheit, seinen Mut, seine Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die sich tief in den Köpfen der Goten und Italiener manifestierte. [Theoderich I, 5. März AD 493 bis 30. August AD 526].”

Liebig Tradecard S824 - Invasion of the Ostrogoths (Liebig's Beef Extract The Migration of People Belgian issue, 1905 Theodoric, leader of the Ostrogoths
Liebigs Fleischextrakt Tradecard S824 – Invasion der Ostgoten (Liebig’s Beef Extract – The Migration of People) Belgische Ausgabe, 1905 (Theoderich, Anführer der Ostgoten)

[Weiterführende Links zu diesem Artikel: THEODORA / PROCOPIUS – THE SECRET HISTORY / THE END OF THE LEGIONS und CLOVIS – THE RISE OF THE FRANKS (englische Versionen auf “History of the West“]

“Zenos wachsende Ängste erwiesen sich als völlig gerechtfertigt, als nach dem Tod Alarichs des Zweiten in Vouillé, Theoderich mit der Regentschaft über das Reich der Westgoten in Spanien betraut wurde – als Vormund von Eurich, Alarichs ältestem Sohn [hier scheint Gibbon einiger Verwirrung zu unterliegen, für Alarichs Söhne siehe Amalarich]. Sollte es Theoderich gelingen die Goten wieder zu vereinen und sie gegen Konstantinopel zu führen, wäre der Fortbestand des Oströmischen Reiches ernsthaft in Gefahr. Doch Theoderich strebte nicht nach weiteren Eroberungen, die, wie er glaubte, nicht sinnvoll mit der begrenzten Anzahl von Truppen, die ihm zur Verfügung standen, kontrolliert werden könnten. Stattdessen betonte er in den Botschaften, die er an seine germanischen Nachbarn richtete, die Notwendigkeit der Einheit gegen ihre Feinde; das heißt, gegen Byzanz.”

Theoderich hatte diese Feindschaft richtig diagnostiziert, was schließlich zu seinerseits unbeabsichtigten Folgen für das Ostreich führte. Deshalb werden wir einen detaillierteren Blick auf die Ereignisse des zweiten Quartals des sechsten Jahrhunderts werfen. Die wesentlichen Veränderungen der politischen Landkarte rund um das Mittelmeer in der Generation nach Zeno und Theoderich wurden in diesen Jahrzehnten von Kaiser Justinian provoziert, dessen kaiserliche Reconquista, könnte man argumentieren, gegen die eigentlichen Interessen des Reiches verstieß. Theoderich hatte den verbliebenen Kernprovinzen des Westens Stabilität gebracht; Stabilität, von der Justinian hätte profitieren können, anstatt sie zu gefährden. Chris Wickham erklärt:

“Theoderich regierte Italien von Ravenna, der westlichen Hauptstadt, aus, mit einer traditionellen Verwaltung – einer Mischung von römischen Senatoren und Karriere-Bürokraten; er respektierte (wie Odoaker) den römischen Senat, und unterzog sich einem feierlichen Besuch der Stadt im Jahre 500, mit formellen Besuchen in St. Peter, dem Senatsgebäude, und dem Kaiserpalast auf dem Palatin, wo er über Spiele gebot wie jeder andere Kaiser. … Das Verwaltungs- und Steuersystem hatte sich kaum verändert; dieselben traditionellen Landbesitzer dominierten die Politik, neben einer neuen (aber zum Teil romanisierten) gotischen bzw. oder ostgotischen militärischen Elite.”

Das Ostgotische Italien war das „römischte“ alle germanischen Königreiche im Westen und hätte leicht so bleiben können. Tom Holland (“In the Shadow of the Sword”, Doubleday Books 2012, ISBN 978-0-385-53135-1) beschreibt die Wirkung von Theoderichs langer Regierung folgendermaßen:

Ob gegenüber den Massen im Forum, beim Abschlachten von barbarischen Haufen jenseits der Alpen, oder durch den Bau von Schlössern, Aquädukten und Bädern, demonstrierte er glorreich, wie ‚römisch‘ ein König von ‚Foederati‘ (Verbündeten) wirklich sein könne. Zur Zeit seines Todes 526 hatte er länger als Meister Italiens regiert als jeden Caesar, mit Ausnahme von Augustus selbst. Deshalb scheint es den Köpfen der meisten Italiener kaum aufgefallen zu sein, dass sie nicht mehr zu einem römischen Reich gehörten.“

Ostgotische Fibula (Germanisches Nationalmuseum Nuremberg)
Ostgotische Fibula (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Doch das Erscheinen neuer Charaktere auf der Bühne von Byzanz änderte das politische Bild bald vollständig – im Jahr 527, ein Jahr nach Theoderichs Tod, fiel die Macht des Ostreiches dem neuen Kaiser Justinian zu, einem Neffen des früheren Kaisers Justin. Unterstützt wurde dessen Regierung bald von drei berühmten oder berüchtigten (sagt Prokop) Mitstreitern: der Kaiserin Theodora, des Generals Belisarius und des talentierten Eunuchen Narses.

Mosaik von Justinian in der Basilika San Vitale in Ravenna

Justinian, den die pflichtvollen Anpreisungen seiner Höflinge bald als „den Großen“ bezeichneten, war der Sohn eines bulgarischen Hirten, der seine Herde irgendwo in der Nähe der heutigen Sofia grasen ließ. Der Jungspund, noch unter der Vormundschaft seines Onkels Justin, fand schließlich nach Konstantinopel, cum Onkel und zwei weiteren Dorfbewohnern, die sich bei ihrer Ankunft in die Legionen eintrugen. Der Onkel erwies sich als fleißiger, wenn auch nicht außerordentlich begabter Soldat, aber in einer Zeit, in welcher durchschnittliche Leistung, gemessen an alten Standards, als Heldentum galt, wurde er stetig befördert: zum Tribun, dann zum Senator; und schließlich zum Befehlshaber der Palastwache. Er behielt nicht nur Leben und Glück anlässlich des heiklen Anlasses des Todes von Anastasius im Jahr 518, sondern ging aus der momentanen Verwirrung im Besitz des kaiserlichen Diadems und des Purpurs hervor – auf welche Anastasius in der vorigen Nacht verzichten musste.

Justins Alter, anlässlich dieser wichtigsten Beförderung seines Lebens, war schon achtundsechzig, und da er ein tapferer, aber nicht besonders gebildeter Mann war und regierte, ohne des Schreibens oder Lesens mächtig zu sein, hatte er sich in Angelegenheiten des Reiches immer auf dem Rat seines Quästors Proclus verlassen und seinen Neffen Justinian als Thronfolger herangezogen.

Ein paar Jahre vergingen ohne bemerkenswerte Ereignisse, bis eine alte Wunde, die beharrlich eiterte, trotz der Mobilisierung aller Ärzte der Hauptstadt Justin seines Lebens beraubte. Sein letzter Akt zur Festigung des Staates war, in Gegenwart der Senatoren und Exzellenzen des Reiches, das Diadem der Kaiserwürde auf den Kopf seines Neffen zu drücken, der zur Zeit dieses bewegenden und nützlichen Anlasses 45 Jahre alt war. Die anschließende Herrschaft des Kaiser Justinian wird ausführlich in den Werken des Historikers Prokop von Caesarea beschrieben, der als Patrizier und Senator während Justinians Regierungszeit in Konstantinopel lebte. Er hat uns mit umfassenden Beschreibungen der Tätigkeit seines Souveräns als Gesetzgeber, Baumeister (vor allem von Kirchen), Kriegsherr – im Zusammenhang mit den Feldzügen seiner Generäle – und Fluch der Menschheit versorgt.

Als letzteren besonders – in seiner berühmten Geheimgeschichte, den „Anekdota“ – beschrieb Prokop ausführlich den schändlichen und schädlichen Einfluss der berühmten Theodora, von Justinian von ihrer vorherigen Tätigkeit (beliebteste Stripperin und teuerste Dirne der Hauptstadt), zur First Lady befördert, zur Kaiserin und, post mortem, Heiligen. Die Geschichte ist einfach zu saftig um ignoriert zu werden und hier ist Tom Hollands Version:

“Sogar ihre erbittertsten Kritiker – von denen es viele gab – mussten zähneknirschend zugeben, dass Theodora, Gefährtin und Geliebte des Kaisers, eine Frau von außergewöhnlichen Fähigkeiten war. Gewitzt, weitsichtig und kühn, rangierte sie, nach Ansicht von Justinians boshaftesten Kritikern, als weitaus größerer Mann am Hofe als ihr Mann es jemals tat.
Man munkelte, dass sie, auf der Höhe der tödlichen Ausschreitungen von 532, des Nika-Aufstands, als Konstantinopel in Flammen aufging und Justinian nervös die Flucht erwog, das kaiserliche Rückgrat stärkte, indem sie in einer herrlichen Schau von Überheblichkeit erklärte, dass „Purpur das schönste Leichentuch“ wäre.

Stahl solcher Qualität in einer Frau war beunruhigend genug für die römische Elite; aber schlimmer noch waren die Ursprünge der Kaiserin. Wie eine exotische Blüte aus dem Dung emporwächst, so hatte die Kaiserin ihre Wurzeln, so wurde es dunkel geflüstert, tief im Dreck. Tänzerin, Schauspielerin und Komikerin wäre sie gewesen – sie hätte jedoch, so wurde gemunkelt – schon lange vor der Pubertät – mit Sklaven und Mittellosen viel anrüchigere Fertigkeiten geübt …

Ihre Vagina, so hieß es, könne genauso gut in ihrem Gesicht sitzen; und in der Tat so groß war die Verwendung, die sie für alle ihre drei Öffnungen hatte, dass „sie sich oft beschwerte, dass sie nicht auch in ihren Brustwarzen Öffnungen hatte.“ Den Gang-Bang, der sie ermüden würde, hat es nie gegeben. Das Skandalöseste, so wurde getuschelt, war ihr erotisches Markenzeichen – eine Boden-Show, die sie liegend auf ihrem Rücken sah, ihre Genitalien mit Getreide bestreut, und darauf wartend, dass Gänse die Krumen einen nach dem anderen mit ihren Schnäbeln herauspickten. Das waren die Talente, so höhnten ihre Kritiker, die für sie die vernarrte Hingabe des Herrn der Welt gewonnen hatte. Doch unterschätzte solcher Spott sowohl den Mann als auch die Frau.”

[Weiterführende Links zu diesem Artikel: THEODORA und PROCOPIUS – THE SECRET HISTORY (englische Versionen auf “History of the West“]

Theodora by Edouard Frederic Wilhelm Richter
Theodora, von Edouard Frederic Wilhelm Richter

In unserem Zusammenhang ist jedoch die Außenpolitik – die Vorteile und Nachteile Justinians Eroberungspolitik – von größerem Interesse als des Kaisers private Vergnügungen. Er hatte das Glück – das Empire im Nachhinein vielleicht die Bürde – sowohl das militärische Genie als auch die zivile Unentschlossenheit des großen Generals Belisar unter seinem Befehl zu haben.

Es war Justinians Herzenswunsch, die verlorenen Provinzen des Westens unter römische Herrschaft zurückzubringenden: Britannia, Gallia und Hispania vielleicht später, aber so bald wie möglich Afrika, wegen seines Getreides und Italien, das ursprüngliche Kleinod des Imperiums. Aber andere Probleme, das heißt, die ewigen Perserkriege, hatten Vorrang. Die östliche Grenze des Reiches lag zwar seit Jahrhunderten fest am oberen Euphrat, aber die grenzenlosen Zugänge quer durch die arabische Wüste konnten unmöglich effektiv geschützt werden.

Könige der Parther und Perser und ihre Armeen hatten die Grenzen Roms regelmäßig überschritten – des Öfteren auch ungestraft. Ab dem vierten Jahrhundert hatten die Römer, in einer Zeit militärischen Verfalls, häufig Gegenangriffe durch finanziellen Unterstützung der friedliebenden persischen Könige ersetzt; im Jahr AD 532, beispielsweise, nach fünf Jahren Grenzkrieg, belief sich Justinians Zuwendung zum persischen Schatzamt auf 11.000 Pfund Gold – diese Beihilfe sollte, wie im zugrundeliegenden Vertrag angegeben, nichts weniger als einen ewigen Frieden zwischen den beiden Reichen bewirken.

Wie die Zukunft zeigte, hielt die Ewigkeit im Durchschnitt circa zehn Jahre, außer sie wurde durch regelmäßige extrakurrikuläre Zuwendungen verlängert. Aber der Frieden von 532 (der bis 540 hielt) erlaubte Justinian den ersten Schritt in den Westen. Sein Instrument war ein General, dessen militärischen Taten ihm Vergleiche mit Caesar und Alexander bescherten, dessen zivile Unsicherheit ihn aber zu den Schwachen und Zögerlichen dieser Erde zählen lässt.

Der Soldat Belisarius war – nicht weit von wo des Kaisers Vater seine Schafe geweidet hatte – auf den Ebenen von Thrakien geboren. Seine militärische Laufbahn verlief gleichmäßig und erfreulich und gipfelte in dem Befehl der privaten Wachen des Prinzen Justinian. Als der Prinz in die königliche Würde erhoben wurde, wurde der Soldat zum General befördert.

Belisarius - François André Vincen
Belisarius – François André Vincen

Als Justinian einen Kommandanten suchte, dem er den ersten Schritt zum Wiederaufbau der Herrlichkeit des Reiches anvertrauen konnte, war er zuerst nicht in der Lage, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Endlich, vielleicht aufgrund des intimen Umgangs den Belisars Frau Antonina mit der Kaiserin Theodora pflegte, wurde ihr Mann mit der Führung des glorreichen Unternehmens betraut. Aufgrund der mangelnden Bereitschaft seines Souveräns, beträchtliche Summen in die Sanierung des Reiches zu investieren, wurden Belisar nur eine kleine Flotte und ein paar Legionen gegeben, um Afrika den Vandalen zu entreißen.

Gegen alle Chancen und Widerstände gelang die ehrgeizige Mission: es war der erste Feldzug in dem Belisarius seine außergewöhnliche Führungskraft bewies. Aber um das Defizit in der Reichskasse zu ersetzen, das in die Ausrüstung von seiner Armee gegangen war, verfolgte ein „räuberischer Minister der Finanzen“ die Spuren Belisars und die unglückliche Provinz hatte nicht nur die regulären Steuern zu bezahlen, sondern dazu noch eine besondere „Befreiungsgebühr“.

Die Vandalen hatten die alten Steuerregister zerstört und als neue geschaffen wurden, vergaßen die Quästoren nicht, eine zusätzliche Gebühr hinzuzufügen, um sich eine gerechte Entschädigung ihrer eigenen Arbeit zu sichern. Entvölkerung folgte dem finanziellen Ruin und Edward Gibbon zitiert Prokop, der auf seiner ersten Landung in Afrika mit Belisar in AD 534 „die Bevölkerungsdichte der Städte und Landes bewunderte, welche bewandert waren in allen Arbeiten des Handels und der Landwirtschaft. In weniger als zwanzig Jahren hatte sich die geschäftige Szene in eine stille Einsamkeit gewandelt; die reichen Bürger waren nach Sizilien und Konstantinopel geflüchtet; und der geheime Historiker [Prokop] schildert als Tatsache, dass fünf Millionen Afrikaner Opfer der Kriege und der nachfolgenden Regierung des Kaisers Justinian wurden.

Obwohl Prokop nicht über die allgemeine Tendenz der Historiker der Antike erhaben war, ihre Zahlen zu übertreiben, bleibt als Tatsache, dass der Reichtum von Afrika Provincia von nun an ständig zurückging und das Gebiet seinen früheren Status als Kornkammer des Reiches verlor. Belisar war kein Politiker und es darf bezweifelt werden, ob er sich der gefährlichen Nebenwirkungen seiner Eroberung bewusst war. Er musste sich einer anderen Ablenkung zuwenden.

Dass ein Sieg in der Ferne, insbesondere wenn nicht unbedingt erwartet, ein gewisses Maß an Misstrauen am Hofe eines zweifelnden Monarchen auslösen kann, ist vielleicht ein recht häufiges Vorkommnis. Kaum war die Nachricht von dem Sieg über die Vandalen in Byzanz eingetroffen, als die subalternen Offiziere, die es bevorzugt hatten, in der Sicherheit der Hauptstadt zu bleiben anstatt die Gefahr oder die Herrlichkeit des Schlachtfeldes zu umwerben, begannen den Kaiser über das zuverlässige Gerücht aufzuklären, dass Belisarius die Absicht hegte sich zum König von Afrika zu erklären.

Als der misstrauischen Monarch bei seinem General anfragen ließ, ob er bald nach Konstantinopel zurückkehren würde oder durch dringende Geschäfte in Afrika aufgehalten sei, verstand Belisar die Stimme seines Herrn und erkannte Vorboten von Justinians Rachsucht. Er erschien tout de suite in Konstantinopel, wo ein dankbarer und freudig erregter Justinian ihm einen Triumphzug spendierte, den ersten für einen Nicht-Kaiser seit den Tagen des Tiberius.

Ein optimistischer Justinian plante sodann den nächsten Schlag und eine etwas größere Flotte und Armee wurde für Belisars anschließende Aufgabe präpariert: Italien und Dalmatien aus den Händen der Arianer zu befreien, das heißt, aus den Händen der ostgotischen Ketzer. Dass sein Vorgänger Zeno die Goten persönlich nach Italien eingeladen hatte, wohl wissend ihres Glaubens, entschied sich Justinian zu übersehen.

Die Gotenkriege standen immer, was oft übersehen wird, in direktem Zusammenhang mit der Lage an der persischen Front, wo der Krieg nie aufhörte. Weder Belisar noch Justinian waren in ihren Entscheidungen völlig frei – die verfügbaren militärischen Mittel gegen die Goten hingen immer von der Situation am Euphrat ab

Tatsächlich ist es schwer zu sagen und die Meinungen der Historiker gehen darüber auseinander, ob die Wiederherstellung des Weströmischen Reiches Justinians Ziel per se war oder die Vernichtung der Ketzer, oder ob beide Motive sich ergänzten. Er hatte theologische Probleme in seinem eigenen Haus, denn Theodora war eine glühende Monophysitin, und um des häuslichen Friedens willen musste der Kaiser dies – und damit auch ihre religiöse Gemeinschaft – tolerieren; ein Zugeständnis welches seinem ausgeprägten Katholizismus wohl nicht leichtfiel. Einen Blick in die damaligen Verwirrungen der allerchristlichsten Lehre stellt uns hier Tom Holland zur Verfügung:

Im Jahre 451, ein Jahr nach dem Tod von Theodosius II, wurde in Chalcedon, direkt gegenüber dem Kaiserpalast auf der anderen Seite der Meerenge, das bisher größte ökumenischen Konzil der Kirche aufgerufen, welches von nicht weniger als sechshundert Bischöfen besucht wurde. Das Ziel der Konferenz war es – ganz bewusst – die Tendenz zu zügeln, dass lokale christliche Gemeinden ihre eigene theologische Unabhängigkeit entwickelten; identisch mit den Zielen der Regierung (welche die gleichen waren wie Konstantins Absichten anlässlich des Konzils von Nicäa) – eine Zügelung der Vorliebe für lokales Gezänk; diejenigen mundtot zu machen, die nach Ansicht der Autoritäten nicht nur die Einigkeit der Kirche, sondern auch die Sicherheit des römischen Volkes bedrohten.

Auf dem Spiel stand für die Teilnehmer jedoch nicht mehr die Beziehung des Sohns zum Vater – ein Problem das Nicäa längst triumphierend gelöst hatte – aber ein nicht minder großes Mysterium: die Identität des Sohnes selbst. Wie, wollten Christen wissen, hatten seine göttliche und menschliche Natur koexistiert? Waren sie vermischt, wie Wasser und Wein in einem Becher, um eine „mone physis“ zu bilden –einen ‚einzigen Körper‘? Oder hatten die beiden Naturen Christi tatsächlich in seinem irdischen Körper wie ganz verschiedene Einheiten getrennt gelebt, wie Wasser und Öl? Hatten beide – sein menschliches als auch sein göttliches Wesen Geburt, Leiden und Tod erlebt, oder war es die widerlichste Gotteslästerung zu erklären, wie es einige Bischöfe taten, dass Gott selbst – in personam – „für uns gekreuzigt“ wurde?
Knorrige Fragen – nicht leicht zu lösen. Das Konzil von Chalcedon tat jedoch sein Bestes und ein entschlossener Mittelweg wurde proklamiert. Das gleiche Gewicht wurde sowohl den göttlichen als auch den menschlichen Elementen Christi zuerkannt, welcher „zugleich wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch war.“ Diese Formel, von einem Bischof aus Rom entwickelt und mit freudiger Zustimmung des Kaisers publiziert, schien die Christen sowohl des Westens als auch denen Konstantinopels eminent vernünftig – so sehr, dass nie wieder versuchen würden sie zu ändern oder aufzuhebe
n.

In der Praxis jedoch wirkte das Ergebnis des Rates gegen die Monophysiten und zugunsten einer katholischen Kirche die – mit Unterstützung des Kaisers – die Verfolgung Andersgläubiger intensivierte. Während die Privatsphäre seines Palastes Justinian religiöse Toleranz erlaubte und ihn zur Mäßigung in der Frage der monophysitischen Abweichler drängte, forderte das öffentliche Bekenntnis der Goten und Vandalen zum Arianismus nicht nur seinen katholischen Glauben heraus, sondern indirekt auch seine weltliche Autorität. Belisar wurde herbeigerufen und erhielt seinen zweiten Befehl: nicht nur wieder Italia, die Herrlichkeit des Reiches, und Rom, sein Kleinod, wieder dem Kaiser zuzuführen, sondern auch Millionen von Seelen aus der religiösen Unterdrückung durch ihre verirrten gotischen Meister zu befreien.

Das Ziel der neuen Offensive, das ostgotische Italien sowie seine Anhängsel, hatte sehr unter dynastischen Komplikationen nach des großen Königs Tod gelitten, und „Machtkämpfe zwischen Theoderichs Erben zwischen 526 und 536 führten zu einer schweren Entfremdung zwischen der Regierung und Teilen der aristokratischen Elite, von denen viele in Konstantinopel Zuflucht suchten. Belisars zweite westliche Kampagne, begonnen im Jahre 536, wurde ein weiterer Erfolg, so schien es – er schlug gotische Armeen bei drei verschiedenen Gelegenheiten und deren Macht verminderte sich rapide, obwohl sie im Besitz einiger weniger Stützpunkte blieben.

Die Nachricht von Belisars Rückeroberung Italiens verbreitete sich rasend schnell durch das Reich – und fütterte wiederum Justinians Misstrauen. Der Held wurde ein zweites Mal nach Hause gerufen, aber brachte bei seiner prompten Rückkehr das königliche Paar der Ostgoten mit (Witichis, einen Mann des Militärs und seine Frau Matasuntha, Theoderichs Enkelin – als seine Gefangenen oder Gäste), die einen umfassenden Vertrag unterzeichneten. Die Vereinbarung verpflichtete die Goten in Zukunft zu unbedingtem Gehorsam gegenüber dem Kaiser und führte eine große Anzahl ihrer Jugendlichen den Legionen zu. Eine Lieferung von Geiseln substantiierte, wie es Brauch war, die Gültigkeit des Abkommens.

Aber da „die Eifersucht des byzantinischen Hofes Belisar nicht die vollständige Eroberung Italien erlaubt hatte … belebte seine plötzliche Abreise den Mut der Goten aufs neue [AD 540].“ Was als nächstes passierte, musste Justinians aufs Höchste verdrießen. Ungefähr eintausend gotische Krieger in der Stadt Pavia erhielten Nachrichten aus einer anderen kleinen Garnison, die noch Verona hielt und von einer weiteren, die noch Tirol kontrollierte. Die byzantinische Armee war, nach der Abfahrt Belisars, dem Befehl von elf gleichrangigen Generälen unterstellt worden und die Katastrophe, die eine solche Politik bald verursachen würde, kann man sich unschwer vorstellen.

Boten aus den verbliebenen gotischen Garnisonen in Italien trafen sich inzwischen ungestört mit ihren Kameraden, die noch die nördlichen Grenzen der Donau und die Alpen bewachten, und es dauerte nicht lange den Krieg, den Byzanz gewonnen glaubte, neu zu entfachen. Das Banner der gotischen Monarchie wurde von dem jungen Baduila, genannt Totila, wiederbelebt, der im Frühjahr 542 das vereinigte (überlegene) Heer der römischen Feldherren Constantianus und Alexander in der Schlacht von Faventia vernichtend schlug (Prokop spricht von 5000 Goten gegen 12000 Römer). Seine Sache profitierte danach stark von der Habsucht und den unerhörten Methoden des kaiserlichen Fiskus. Edward Gibbon vergleicht gotische Tapferkeit und byzantinische Korruption in der Tradition von Tacitus:

Saint Benedict receiving Totila, King of the Ostrogoths
Sankt Benedikt empfängt Totila, den neuen König des Ostgoten

Der schnelle Erfolg von Totila kann zum Teil auf den Abscheu zurückgeführt werden, den drei Jahre der Erfahrung oströmischer Verwaltung in den Gefühlen der Italiener ausgelöst hatte. Am Befehl oder zumindest im Namen eines katholischen Kaisers war der Papst Silverius, ihr geistiger Vater, seiner römischen Kirche entrissen worden und auf einer verlassenen Insel verhungert – oder ermordet worden.

Die Tugend und Mäßigung Belisars wurden von den – verschiedenen oder einheitlichen – Lastern von elf Generälen abgelöst, die in Rom, Ravenna, Florenz, Perugia, Spoleto, usw. ihre Autorität zum Genuss von Lust und Habsucht missbrauchten. Zur Verbesserung ihrer finanziellen Situation wurde Alexander verpflichtet, ein subtiler Schreiber, der lange den Betrug und die Unterdrückung, welche in byzantinische Schulen gelehrt wurden, praktiziert hatte, und dessen Spitznamen „Psalliction“ (die Schere), ihm aufgrund des Geschickes verliehen worden war, mit dem er die Größe der Goldmünzen reduzierte, ohne ihre Form zu sehr zu verunstalten. Anstelle die Wiederherstellung des Friedens und der Wirtschaft zu fördern, erhob er schwere zusätzliche Abgaben auf die verbliebenen finanziellen Mittel der italienischen Bevölkerung.

Diejenigen Neubürger Justinians, die dem Steuereintreiber entkamen, wurden Opfer der unregelmäßigen Besoldung der Soldaten, die, von Alexander betrogen und verachtet, ihr Heil in hastigen Expeditionen nach Reichtum oder Lebensmitteln suchten, und so die Bewohner des Landes dazu brachten, ihre Befreiung durch die Tugenden eines Barbaren zu erwarten oder zu erflehen.

Totila war keusch und gemäßigt; und niemand wurde getäuscht – weder Freund noch Feind – der auf seinen Glauben und seine Gnade baute. Den Weingärtnern und Bauern Italiens gab der Gotenkönig die willkommene Zusicherung, dass, sollten sie ihre wichtigen Arbeiten weiterhin verrichten, sich darauf verlassen könnten (gegen die Zahlung der üblichen Steuern), durch seine Tapferkeit und Umsicht von den Verheerungen des Krieges bewahrt würden. … Römische Gefangene und Deserteure wurden durch den Dienst an einem liberalen und höflichen Gegner angelockt; Sklaven wurden durch das feste Versprechen angezogen, dass sie niemals ihren ehemaligen Herren ausgeliefert würden; und aus den tausend Kriegern von Pavia wurde, unter der gleichbleibenden Bezeichnung Goten, unmerklich ein neues Volk im Lager Totilas.

Es ist offensichtlich, wo Gibbons Sympathien liegen, sondern, in der Tat, „die meisten der nichtgotischen Italiener betrachteten die Armeen Justinians bestenfalls neutral.“ Die Pro-Belisar Fraktion des Hofes konfrontierte nun den Kaiser mit dem Argument, dass nur der Rückruf des Helden den erneuten gotischen Aufstand ermöglicht hatte. Es gab nicht wirklich eine Ausrede dafür und irgendwann hatte Justinian keine andere Wahl mehr, als Belisar zurück nach Italien zu schicken. Die kaiserliche Frugalität jedoch beschränkte Belisar auf Truppen, die er mit seinen eigenen Mitteln ausstatten konnte. So kam Belisar in Ravenna mit seinen persönlichen Wachen an, aber sonst wenig anderem Personal oder Mitteln. Prokop zitiert einen Brief, den der gefesselte Held deshalb an seinen kaiserlichen Meister schrieb:

„Exzellenter Fürst, wir sind zwar in Italien angekommen, aber mittellos aller notwendigen Werkzeuge des Krieges, Menschen, Pferden, Waffen und Geld. Bei unserem Zug durch die Dörfer Thrakiens und Illyriens haben wir mit extremen Schwierigkeiten etwa viertausend Rekruten einsammeln können, nackt und ungelernt in der Verwendung von Waffen und den Anforderungen des Lagers.

Die Soldaten, die bereits hier in der Provinz Italia stationiert sind, sind unzufrieden, ängstlich und unmutig; schon bei dem Geräusch eines Feindes lassen sie ihre Pferde im Stich und werfen sich auf den Boden. Da Italien in den Händen der Barbaren ist, können wir keine Steuern erheben; der Mangel an Einkünften hat uns das Recht genommen zu befehlen oder gar zu ermahnen. Seien Sie versichert, Sir, dass der größere Teil unserer Truppen bereits zu den Goten übergelaufen ist.


Könnte der Krieg allein durch die Anwesenheit von Belisarius gewonnen werden, so sind Ihre Wünsche erfüllt; Belisarius ist in der Mitte Italiens. Aber wenn Sie es zu erobern wünschen, so sind ganz andere Mittel erforderlich: ohne militärische Gewalt ist der Titel General nur eine leere Hülle. Es wäre zweckmäßig, mich des Dienstes meiner eigenen Veteranen und Hauswachen zu versichern [welche noch in der Heimat stehen]. Bevor ich das Feld betreten kann, benötige ich ausreichend leichte und schwere Truppen; und nur mit Bargeld können Sie uns die unverzichtbare Hilfe einer mächtigen Abteilung hunnischer Kavallerie beschaffen.“

Belisars eigene Worte verdeutlichen, dass fast neunzig Jahre nach dem allgemeinen Rückzug der Hunnen, der auf Attilas Tod im Jahre 453 folgte, große Teile ihrer Söldner immer noch den Kontinent überfielen. Endlich gelang es dem Helden, einiges an Truppen und Nachschub an der gegenüberliegenden Küste der Adria in Dalmatien zu versammeln und die zweite Expedition zu beginnen, die Italia von den Goten befreien sollte. Rom und Ravenna waren die letzten beiden Plätze, die noch von Justinians Truppen gehalten wurden und daher jahrelang blockiert und belagert worden waren. Die byzantinische Flotte landete im Hafen von Ostia, fünf Meilen von Rom, aber die Nachricht von Belisars Wiedererscheinen erreichte die Stadt zu spät, um die Übergabe der Stadt an den König der Goten durch die ausgehungerte Besatzung zu verhindern. [17. Dezember AD 546]

Francesco Salviati - Portrait von Totila
Francesco Salviati – Portrait von Totila

Wie es Brauch war, baten Totilas Soldaten ihren König um die Erlaubnis, die Wände und Häuser der sündigen Stadt dem Erdboden gleichzumachen, aber der König zögerte – aufgrund einer Nachricht Belisars auf Ratschlag von Procopius – die um Gnade des Königs für die Ewige Stadt bat. Totila verschonte daraufhin Rom, unter den Bedingungen zukünftiger Neutralität der Stadt im Krieg und Gehorsams gegenüber ihm und seinen Nachfolgern – Richtlinien des erträumten neuen Romano-Gotenreichs, sozusagen. Der König verzichtete auch auf die Einrichtung einer ständigen Garnison in der Stadt; ein einziges Regiment Wachen wurde in einem vielleicht fünf Meilen entfernten Lager stationiert, für den Schutz der Stadt gegen Piraten oder Söldner, aber nicht gegen eine reguläre Armee.

Die Milde des Königs wurde schwer bestraft und Totilas Großzügigkeit wurde die Ursache seines Sturzes. Die gotische Armee hatte kaum Latium verlassen, als Belisar die gotische Wache angriff und vernichtete und zum zweiten Mal in Rom einzog [Februar AD 547]. Totila kehrte postwendend zurück, aber drei aufeinanderfolgende Versuche die Stadt im Sturm zu nehmen scheiterten und die neu gebildete Gotisch-Italienische Armee verlor die Blüte ihrer Männer. Bald lähmte schiere Erschöpfung beide Seiten, bis Belisar wieder einmal nach Byzanz berufen wurde und Totila Rom erneut eroberte [AD 549]. Während der gotischen Kriege wechselte die Stadt fünfmal den Besitzer [AD 536, 546, 547,549 und 552].

Es war die Politik Justinians, die Goten einen formellen Frieden zu verwehren, aber das Schatzamt nicht mit den Kosten dieser Kriege zu belasten, und ließ den Gotenkrieg deshalb jahrelang auf kleiner Flamme schmoren. Aber seine Entschlossenheit schwand als gotische Raubzüge in die Provinzen Epirus und Macedonia eindrangen und Konstantinopel selbst in der Reichweite der Barbaren zu liegen schien. Justinian erkannte die Dringlichkeit der Situation und die Schatzkammer wurde verspätet geöffnet – aber nicht für Belisar.

Der Kaiser war nie Vater gewesen, aber er hatte eine Nichte, die den jungen Prinzen Germanus geheiratet hatte, einen Adeligen, von dem die öffentliche Meinung behauptete, dass diese Ehe seine einzige Leistung war.

(Dies ist die Art und Weise wie die Geschichte oft erzählt wird, so etwas wie ein Klischee – und ich wiederholte es um Edward Gibbons willen – in Wirklichkeit jedoch war Germanus ein Neffe von Justin I und somit Justinians Cousin und war mit unterschiedlichem Erfolg Magister militum in verschiedenen Feldzügen gewesen. Vor seinem Aufbruch nach Italien hatte er die sowohl erotisch als auch politisch exzellente Idee, die sagenumwobene Schönheit Matasuntha, Enkelin Theoderichs und Witwe von Totila’s Vorgänger Witichis, zur zweiten Frau zu nehmen – mit Justinians Segen – ein Manöver, das Goten wie Italiker gleichermaßen verlocken sollte die Seiten zu wechseln.)

Der junge Mann wurde nun zum Oberkommandanten der gotischen Expedition ernannt und auf ein Schiff nach Sizilien geschickt, um die Truppen für das glorreichen Unternehmen der Bändigung Italiens und der Goten zu mustern. Die feierliche Inspektion musste jedoch verschoben werden, als der Jungspund plötzlich starb.

Das ganze Reich erwartete nun natürlich die Rückübertragung des gotischen Kommandos auf Belisar, als “die Völker des Reiches durch eine seltsame Nachricht zu einem Lächeln animiert wurden – welche besagte, dass der Befehl über die römischen Armeen einem Eunuchen übertragen worden war”, – dem Domestiken Narses – der „wahrscheinlich der einzige Vertreter seines eigentümlichen Geschlechtes in den Annalen der Militärgeschichte“ wurde. Narses war das komplette Gegenteil von Belisarius: von schwachem Körperbau und unerfahren im Gebrauch von Waffen, war er wohl der einzige Mann – sozusagen – am Hofe Konstantinopels, der es wagte seine Meinung zu sagen.

Er lehnte das Kommando ab, ohne die Mittel, den Erfolg zu erzwingen, und „Justinian gewährte seinem Favoriten, was er dem Helden verweigert hatte: der gotische Krieg wurde aus seiner Asche erweckt, und die Vorbereitungen waren der alten Majestät des Reiches nicht unwürdig. Der Schlüssel des Schatzamts wurde in Narses‘ Hände gelegt, um Vorräte zu beschaffen, Soldaten zu erheben, Waffen und Pferde zu kaufen, den rückständigen Sold zu begleichen, und die Treue von Flüchtlingen und Deserteuren zu versuchen.

Die Expedition von Narses [AD 552-554] war die letzte militärische Anstrengung des Reiches, die den Vergleich mit der glorreichen Vergangenheit aushielt. Es wird berichtet, dass die Römer 80.000 oder mehr Soldaten, meist Söldner, gegen Totila aufbrachten, der, nach den blutigen Verlusten in Rom zwischen AD 546 und 549, wahrscheinlich weniger als zwanzigtausend Mann ins Feld führen könne.  

Battle on Mons Lactarius by Alexander Zick
Die Schlacht am Mons Lactarius, von Alexander Zick

Mit solcher Macht wurden die gotischen Waffen letztendlich geschlagen: Totila starb auf dem Schlachtfeld von Taginae (Busta Gallorum) im Juli 552 und sein Nachfolger Teja führte den Rest der Truppen in eine letzte Schlacht, in einer Schlucht des Mons Lactarius in der Nähe von Mons Vesuvius. Der Rest der Goten, stationiert in den nördlichen Garnisonen, den Alpen und an der Donau, organisierten sich neu und versuchten, mit der Hilfe von fränkischen und alemannischen Söldnern, die Rückkehr nach Italien [AD 533]. Sie wurden ein zweites Mal besiegt, wieder durch Narses in der Schlacht am Casilinus, der – nach einem Anstandsbesuch in Konstantinopel – nach Italien zurückgeschickt wurde, um es, als Exarch oder Leutnant des Kaisers, für die nächsten etwa 15 Jahre [AD 554-568] zu regieren.

Doch etwas viel Schlimmeres als die Vandalen- und gotischen Kriege wartete nun auf die Menschen rund um die Ufer des Mittelmeers. Ein schrecklicher Ausbruch von Beulenpest wurde aus Alexandria im Herbst AD 541 gemeldet und die Handelsschiffe, die von ihren Häfen aus im Frühjahr AD 542 ihr Korn in die ganze Welt lieferten, sorgten für die nahezu weltweite Ausbreitung der Seuche. Konstantinopel wurde ebenfalls von der Epidemie verwüstet, durch die, wie Prokop schrieb, „die ganze Menschheit der Vernichtung nahe kam.“

Auch der Kaiser litt an Yersinia pestis, überlebte aber. Die Krankheit breitete sich über Konstantinopel, über den Bosporus, nach Kleinasien aus und von dort nach Syrien und Palästina. Sie drehte ihre Richtung und verbreitete sich ab AD 543 in den Provinzen des Westens, Afrika, Italien, Gallien und Spanien. Zwei Jahre später schlug sie im Fernen Osten zu und zerstörte das persische Reich nahezu vollständig: große Teile von Mesopotamien, Medien und Persien fanden sich entvölkert. *

Die Pest von Nicolas Poussin
Die Pest von Nicolas Poussin

Insgesamt erwiesen sich die Ergebnisse von Justinians anachronistischen und kurzsichtigen Bemühungen, das Reich wieder aufzubauen, nicht nur als kurzlebig, sondern bewirkten eine finanzielle Katastrophe von der sich das Reich nie erholte.

Die Zerstörung der afrikanischen und italienischen Grundlagen der Steuerbemessung im Zuge der militärischen Besetzungen bewirkte, dass die Monarchie nicht einmal ihre Unkosten zurückgewann. Und da das östliche Reich nie den Schritt machte, die durch öffentliche Steuern bezahlte Armee durch eine vom Landadel gestellte zu ersetzen, implizierten die Steuerverluste direkte Verluste an militärischer Macht. Justinians Eskapaden hatten dem Reich schon fast den Bankrott gebracht und das Nettoergebnis von Kaiser Heraklius‘ [r.AD 610-641] Krieg gegen die Perser zwischen AD 610 und 628 war, dass er, ein Jahrzehnt später, mehr verloren hatte als gewonnen, und noch viel mehr bei den folgenden Angriffen des islamischen Kalifats verlor. Das Kalifat, ironischerweise, „wurde selbst auf römischen Fundamenten wie auch auf persisch-sassanidischen gebaut“, und bewahrte „die Parameter der imperialen römischen Gesellschaft vollständiger als jeder andere Teil der post-römischen Welt, zumindest in dem Zeitraum bis zum Jahre 750.“

Bald nach des Narses’ Tod wurde Italien von den Langobarden besetzt, die sich an der unteren Elbe, in der Nähe der heutigen Hamburg, aufgehalten hatten, bevor sie sich der südlichen Migration der germanischen Stämme anschlossen. Sie waren schon vorher als Söldner verwendet worden, so von Narses gegen die Goten, aber nach dem Gotenkrieg eroberten sie die meisten ländlichen Gebiete Italiens zwischen AD 568 und 570, ohne viel Widerstand der erschöpften Einheimischen zu begegnen.

Aber die Gotenkriege waren vorbei.


* Es waren die Auswirkungen der Pest nach 540 und ihr erneutes Auftreten in Syrien, Palästina und dem oberen Mesopotamien nach AD 600 auf, als auch die ewigen römisch-persischen Grenzkriege, die die Bevölkerung rund um das östliche Mittelmeer und den Fruchtbaren Halbmond in einem Ausmaß reduzierten  – und damit auch die Verfügbarkeit von Soldaten –  welches den Aufstieg  des arabischen Kalifats im siebten Jahrhundert erst möglich machte.

[Weiterführende Links zu diesem Artikel: THEODORA / PROCOPIUS – THE SECRET HISTORY / THE END OF THE LEGIONS und CLOVIS – THE RISE OF THE FRANKS (englische Versionen auf “History of the West“]

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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