Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Schlagwort: Stefan Zweig

Stefan Zweig und die Welt von Gestern

Stefan Zweig im Garten seines Salzburger Hauses

In der postliterarischen und schnelllebigen Welt von heute ist es schwer, dem Publikum die Beliebtheit und Bedeutung sowohl der historischen als auch der belletristischen Werke ans Herz zu legen, die Stefan Zweig (* 28. November 1881 in Wien; † 23. Februar 1942 in Petrópolis, Brasilien) vor allem in den Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg weltweit genoss, und noch heute genießt.

Er war kein forschender Historiker – die Welt der Universitäten langweilte ihn und nachdem er, nolens volens, bei Friedrich Jodl in Wien seinen Doktor gemacht hatte – wie er in “Die Welt von Gestern” humorvoll erzählt – brach er in ein kosmopolitisches Leben auf. Not musste er nicht befürchten – er kam aus einer reichen internationalen Kaufmannsfamilie, die anfänglich seinen Schreibversuchen äußerst skeptisch gegenüberstand, aber sich von seinem Erfolg rasch überzeugen liess.

Zweig ist zu Recht heute noch für seinen ganz eigenen Stil berühmt, der behutsame psychologische Deutung des Menschen mit den Umständen seines Lebens in brillantem Stil und geschickter Erzählung verbindet. Es mag untypisch klingen, aber der mit Zweig unvertraute Leser möge sich bei dieser Gelegenheit vielleicht zuerst mit einem kurzen literarischen Werk vertraut machen, das der Autor hier präsentiert – der Kurzgeschichte “Brief einer Unbekannten” (Link zu Gutenberg, auch deutsche PDF hier) bzw. “Letter from an Unknown Woman” (Englische PDF hier). Ohne Zweigs Stil und Schreibweise kennengelernt zu haben, mag vieles in diesen Beitrag unverständlich bleiben.

Wie gesagt, Zweig war kein Historiker im disziplinären Sinne – er war ein Erforscher der menschlichen Seele, und da er ein ausgezeichneter Vertreter dieser Gattung Forscher war, wurden seine Betrachtungen historischer Personen weltberühmt. Wie wir berichten müssen, hatte er auch Grund, an sich selbst manche Abgründe der Seele zu beobachten, was sein Auge um so schärfer machte.

Der österreichische Germanist und Journalist Ulrich Weinzierl veröffentlichte 2015 das Buch “Stefan Zweigs brennendes Geheimnis“, in welchem er eine jugendliche Veranlagung Zweigs zum Exhibitionismus und Zuneigung zu jungen Prostituierten diagnostizierte [siehe Artikel von Jan Küveler in der WELT]. Beide Ehefrauen waren ja auch auffällig schlank und knabenhaft. Polizeibekannt wurde offenbar nie etwas und deshalb muss man in diesem Zusammenhang wohl auch nicht näher darauf eingehen. Wirklich wundern muss man sich in Bezug auf jüngere Mädchen vielleicht nicht – die Hälfte der hunderttausend Prostituierten in Wien war unter 12 Jahren alt.

Schon mit 16 Jahren erlebte er zuerst vereinzelte Veröffentlichungen seiner Gedichte in Wiener Zeitungen, mit 20 Jahren erschien sein erster Gedichtband “Silberne Saiten” und 1904 sein erster Roman. Sein Tagwerk verbrachte er als Feuilletonist der berühmten Wiener Zeitung “Neue Freie Presse” (heutzutage ‘Die Presse’), unter der Anleitung des berühmten damaligen Chefredakteurs und Begründer des Zionismus Theodor Herzl.

Dem Weltkrieg entkam er größtenteils als untauglich Gemusterter, arbeitete aber bis 1917 als Freiwilliger im österreichischen Kriegsarchiv mit, wo er sicher sein konnte, dass allfällige Schlachten nur mit Buchstaben ausgetragen wurden.

Die Welt von Gestern – The World of Yesterday

Als überzeugter Pazifist zog er nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst 1917 in die neutrale Schweiz über, wo er weiterhin als freier Schriftsteller und Korrespondent für seine Zeitung tätig war. Am 24. März 1919 reiste er wieder nach Österreich zurück, zufällig an dem gleichen Tag, als der letzte Kaiser Karl I am selben Bahnübergang das Land verließ, um ins Exil zu gehen – er beschrieb die zufällige Begegnung später in seiner berühmten Autobiographie “Die Welt von Gestern” [Link zu Gutenberg]. Er nahm seinen Wohnsitz in Salzburg, wo er schon während des Krieges das marode Paschinger Schlössl auf dem Kapuzinerberg gekauft hatte. 1920 heiratete er die Autorin Friederike Maria Burger, geschiedene von Winternitz, die die Töchter Alexia und Susanne mit in die Ehe brachte.

Friederike
Das Paschinger Schlössl

In Salzburg entstand das hochgelobte Buch “Sternstunden der Menschheit” [Link zu Gutenberg], in dem Zweig begann, sich mit den entscheidenden Momenten historischer Persönlichkeiten in romanhaft zugespitzten Erzählungen zu beschäftigen. Er schreibt im Vorwort: „Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte. […] Ich habe sie so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen.“

Stefan Zweig vor seiner Salzburger Villa

Zweig war ein klassischer Liberaler, Denkzwängen und Autorität abhold, und daher ein natürlicher Feind des in Österreich an Boden gewinnenden Nationalsozialismus. An Forschung und Entwicklung interessiert, war er einer der frühesten Unterstützer Sigmund Freuds. Er war “Jude aus Zufall”, wie er selbst sagte, absolut unreligiös, aber er sah die aus Deutschland nahenden Zeichen der Zeit voraus. Hitlers Domizil auf dem Obersalzberg lag ja in Sichtweite seines Hauses. Verlegerisch war Zweig schon früh mit dem bis heute bestehenden Insel-Verlag verbunden, der all seine Werke veröffentlichte. 1933 verfasste er in Salzburg auch das Libretto für die Oper Die schweigsame Frau von Richard Strauss.

Die Familie im Garten

Nachdem die österreichischen Nationalisten Demokratie und Parlament abgeschafft und durch einen austrofaschistischen Ständestaat ersetzt hatten, ließen sie am 18. Februar 1934 im Haus des dezidierten Antifaschisten Zweig eine Hausdurchsuchung nach angeblich versteckten republikanischen Waffen durchführen, die natürlich nichts einbrachte, aber den Hausherrn so erboste, dass er sich zwei Tage später in den Zug nach London setzte und ins Exil ging.

In den Salzburger Jahren entstanden seine drei wohl bis dahin berühmtesten Werke – 1929 erschien seine Biographie von Joseph Fouché – Polizeiminister in der Französischen Republik, während des Direktoriums, unter Napoleon und im Königreich, genannt das “Bildnis eines politischen Menschen.” Es wurde ein Welterfolg trotz des sperrigen Sujets und wurde ob der politischen Rücksichtslosigkeit des Titelhelden auch von Nazis gerne gelesen. 1933 erschien “Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters” [Link zu Gutenberg], das ebenfalls großen Anklang fand und 1935 “Maria Stuart” [Link zu Gutenberg]. In Nazi-Deutschland war der Verkauf seiner Bücher ab 1935 verboten, aber der österreichische Herbert Reichner Verlag Wien verlegte und verkaufte sie weiter – die österreichischen Nazis zeigten sich weniger empfindlich gegenüber jüdischen Autoren, die jede Menge Geld ins Land brachten.

Da er bis 1938 in Österreich weiter verkaufen konnte und seine Werke danach im neutralen Schweden weitergedruckt wurden und weltweit – mit Ausnahme Deutschlands – beliebt blieben, konnte er finanziell gut überleben. Er schrieb weiter, u.a. den Roman “Ungeduld der Herzens” [Link zu Gutenberg], der dreimal (1946, 1970, 1979) verfilmt wurde. Privat jedoch würde sich in London einiges ändern.

Er hatte sich in London auf eine Liaison mit seiner neuen Sekretärin Charlotte Altmann eingelassen, die er 1939 heiratete, nachdem seine Ehe mit Friederike im November 1938 geschieden worden war. Im Juli des Jahres zog er nach Bath und begann an einer Biographie von Honoré de Balzac zu arbeiten. Er hatte die britische Staatsbürgerschaft angenommen, aber zog es vor, 1940 den Atlantik in Richtung Amerika zu überqueren, besorgt, dass die Engländer nach dem Anschluss Österreichs ihn im Kriegsfall als “Enemy Alien” behandeln und inhaftieren würden (was sie dann auch praktizierten).

Datum zweifelhaft, evtl. 1940
Ankunft in Brasilien

Über New York, Argentinien und Paraguay kam er im Jahr 1940 endlich nach Brasilien, wo er aufgrund seiner Popularität eine unbegrenzte Einreiseerlaubnis besaß. Er versprach, im Gegenzug für die bevorzugte Behandlung ein Buch über Brasilien zu verfassen (“Brasilien”, Link zu Gutenberg]. In Brasilien schrieb er außer einigen nicht fertig gewordenen Werken und Romanen die “Schachnovelle” [Link zu Gutenberg] und schließlich “Die Welt von Gestern” (s.o.)

Mit Charlotte in Brasilien

Das Leben in Brasilien war nicht so schön, wie es das Paar sich zuerst ausgemalt hatte. Lotte litt unter Asthma und das feucht-schwüle Klima in Petrópolis, wo sie sich niederließen, peinigte sie sehr.

Das Haus in Petropolis

Auch Zweig selbst ging es psychisch immer schlechter. Der Aufstieg von Faschismus, Nationalsozialismus und schließlich der Krieg hatten eine bei ihm wohl latent vorliegende Neigung zu Depressionen stark verschlimmert. Das Paar beschloss, dem Leben zu entfliehen.

Wohl am Vormittag des 22. Februar 1942 verfasste Zweig einen Abschiedsbrief, in welchem er schrieb, er werde „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“ aus dem Leben scheiden. Die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ hatte ihn seinem Empfinden nach entwurzelt, seine Kräfte seien „durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“. [Link zum Text]

Am Nachmittag des folgenden Tages wurde das Paar auf ihrem Bett gefunden, aneinander gelehnt. Der Totenschein stellte eine Vergiftung durch Veronal fest – eine leere Flasche wurde auf dem Beistelltisch gefunden. Die Beerdigung fand in Petrópolis statt, wo sich auch das Grab bis heute befindet.

Beerdigung
Grabmal

Stefan Zweig wird nicht nur als einzigartiger historischer Schriftsteller in der Erinnerung der Menschheit weiterleben, sondern auch als großer Europäer und Pazifist. In einem großen Artikel im TAZ-Blog schreiben Matthias Matussek, Christa Zöchling und Joachim Lottmann über ihre Gedanken zu dem großen und gequälten Stefan Zweig – [Link].


(© John Vincent Palatine 2019)

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Kein Land für alte Männer …

Alexander von Kluck mit dem Stab der Ersten Armee
Alexander von Kluck mit dem Stab der Ersten Armee

Aus “The Little Drummer Boy“, Kapitel XVIII, ‘De Bello Gallico

Die Eröffnungsschlachten des Großen Krieges hatten deutlich gemacht, dass dieser Konflikt der Industrienationen keine Ähnlichkeit hatte mit dem kurzen, siegreichen und ehrenvollen Krieg, den Patrioten bejubeln wollten und die Generäle versprochen hatten. Nicht nur hatten die letzteren, in jedem Land, die Ausgaben des modernen Krieges in Bezug auf Munition, Ausrüstung und Proviant ernsthaft unterschätzt, es wurde bald erschreckend klar, dass im Zeitalter des mechanisierten Kriegs Angriffe von Infanterie über weit offene Felder direkt in die Läufe von Maschinengewehren und Artillerie Verluste in Zahlen produzieren würden, die nie zuvor gesehen worden waren. Giftgas wurde bald zu einer weiteren schrecklichen Option um Leid zu produzieren.
Einer der großen Kontraste, die dieser Krieg produzieren würde, war der von Jung und Alt. Während die Industrieländer Europas ihre junge Männer im Alter von zwanzig Jahren oder weniger ins Feld schickten, waren die befehlshabenden Generäle des großen Krieges in geradezu biblischem Alter.

Im Jahre 1914 waren auf der deutschen Seite Moltke 66 Jahre alt, Hindenburg 67 und Kluck und Bülow beide 68. Auf der Seite der Alliierten, Joffre und Sir John French 62 und Gallieni 68. Ihr fortgeschrittenes Alter war nicht ein Resultat des Zufalls, sondern der Ausdruck des Vorkriegsglaubens an die “Erfahrung” als den herausragenden Wert in dem, was Stefan Zweig vor dem Krieg die “Welt der Sicherheit‘ nannte.

Diese alte Welt, alle ihre Gedanken nur auf den Fetisch der Sicherheit gerichtet, liebte die Jugend nicht; sie misstraute ihr ständig. … Österreich war ein altes Land, von einem alten Kaiser beherrscht, von alten Ministern regiert; ein Staat ohne Ehrgeiz, der sich alleine durch Gegnerschaft zu allen radikalen Veränderungen unversehrt im europäischen Rahmen zu erhalten hoffte. …
Es entstand also die Situation, unverständlich heute, dass Jugend ein Hindernis in jeder Karriere war und Alter alleine von Vorteil. Während heute, in unserer veränderten Situation, die vierzigjährigen suchen wie dreißig auszusehen, und die Sechzigjährigen vom Wunsch beseelt sind wie vierzig zu erscheinen, und Jugend, Energie, Entschlossenheit und Selbstvertrauen einen Mann empfehlen und hervorheben, war in diesem Zeitalter der Sicherheit jeder gezwungen, sich durch alle denkbaren Methoden zu tarnen; zu versuchen, älter zu erscheinen.
Die Zeitungen empfohlen Zubereitungen, die das Wachstum des Bartes beschleunigen sollten, und vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alte Ärzte, die gerade mit ihren Prüfungen fertig waren, trugen mächtige Bärte und goldene Brillen, auch wenn ihre Augen sie keineswegs brauchten, sodass sie den Eindruck von „Erfahrung“ auf ihre ersten Patienten machen konnten. Die Männer trugen lange schwarze Gehröcke, gingen in gemächlichem Tempo, und demonstrierten, so immer möglich, einen leichten Embonpoint; erworben, um die gewünschte Gesetztheit zu verkörpern; und die ehrgeizigen suchten, zumindest nach außen hin, ihrer Jugend Lügen zu strafen, da alle jungen Menschen der Instabilität verdächtigt wurden.

Wie zu erwarten, kam es niemand in den Sinn, dass dies der erste mechanisierte Weltkrieg für jeden war, sowohl Gefreite als auch Generäle.
Aber solange die Generäle auf beiden Seiten darauf bestanden, ungeschützte Männer über offene Felder zum Angriff auf andere Männer zu hetzen, die in geschützten und durch Stacheldraht und Schnellfeuerwaffen verteidigten Stellungen saßen, würden sich Opfer anhäufen. Dies war „die einfache Wahrheit der Grabenkämpfe von 1914 bis 1918.“ Was die Soldaten besonders wurmte, war die olympische Unnahbarkeit, die von einigen der wichtigsten Kommandeure demonstriert wurde.

Paul von Hindenburg und Erich von Ludendorff
Paul von Hindenburg und Erich von Ludendorff

Die teilnahmslosen Ausdrücke der Generäle, die von zeitgenössischen Fotografien auf uns zurückblicken, sprechen nicht von Gewissensbissen angesichts des Abschlachtens, über das sie den Vorsitz führten, noch von gespieltem Bedauern über die Umstände, in denen sie zu leben pflegten: das von der Front weit entfernte Schloss, die polierten Ordonnanzen, die glitzernden Kraftfahrzeuge, Begleitkavallerie; regelmäßige Routine, schwere Abendessen, die ununterbrochenen Stunden des Schlafes; Joffres zweistündige Mittagessen, Hindenburgs Zehn-Stunden-Nächte, Haigs therapeutische Tagesritte entlang gesandeter Straßen – auf dass sein Pferd nicht fehltrete – STAVKAs Diät aus Champagner und Hofklatsch, all dies schien, und war tatsächlich eine ganze Welt weit weg von den kalten Rationen, nassen Stiefeln, dreckigen Uniformen, überfluteten Gräben, verrotteten Unterkünften und der Läuseplage – Umständen unter denen, zumindest im Winter, ihre Untergebenen leben mussten.

Es ist unvermeidlich – früher oder später sucht der Soldat diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die für die Bedingungen, denen er nicht nur durch den Feind, sondern auch durch seinen eigenen Vorgesetzten ausgesetzt ist, verantwortlich sind. Alle drei der frühen C-in-Cs der Westfront 1914 wurden eventuell abgelöst, Moltke schon im September 1914 [sein Nachfolger Falkenhayn am Ende des Jahres 1916, ¶], Sir John French im Dezember 1915, und Joseph Joffre wurde im Dezember 1916 wegbefördert, auf die ehrenvolle aber hohle Position eines „Marechal de France“.

Hindenburgs letzte Sünde

Leider neigten auch ihre Nachfolger nicht dazu, sich altersmäßig oder hinsichtlich geistiger Frische besonders hervorzuheben. Die britische Presse nannte das Britischen Expeditionskorps „Löwen, angeführt von Eseln“, und niemand hielt die Generäle für die Löwen. Krieg, so hatte Yeats paraphrasiert, ist „kein Land für alte Männer“, aber der Erste Weltkrieg war es, über den größten Teil seiner Dauer.

(© John Vincent Palatine 2015/19, Zitate etc. siehe The Little Drummer Boy, Kapitel XVIII und Anhänge)

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