Woodrow Wilson

Trotz der sich verschlechternden Lage an der Heimatfront – mehr als eine Million Arbeiter hatten bereits ab Januar 1918 an Streiks teilgenommen und Hunderte von Frauen und Kindern erlagen jeden Tag der Unterernährung – hatten die deutsche Armeen im Spätsommer des Jahres 1918 viel von ihrem Elan wiedergewonnen und die Ende September beginnenden  Alliierten Offensiven kamen, „zu Fochs Verärgerung“ (29) eher langsam voran. In der Mitte der Front überquerte eine kombinierte französisch-britische Offensive in der zweiten Woche des Oktobers zwar die Hindenburg-Linie, aber der Angriff in Flandern, bei Ypern, hatte große Schwierigkeiten gegen den Widerstand von Rupprechts Bayern und es dauerte drei Wochen, um Lille zu erobern , nur zehn Meilen hinter der Front. Die amerikanischen Offensiven bei Verdun und im Forst der Argonnen blieben für den Ausgang des Krieges praktisch folgenlos.

Aber was immer auch die defensiven Erfolge der deutsche Armee erreichten, sie konnten das Ende des Krieges nur verzögern, nicht verhindern. Die numerische Stärke der Verteidiger war im Oktober auf weniger als 2,5 Millionen Mann geschrumpft, und nur wenig Ersatz stand zur Verfügung, obwohl die deutsche Armee bis zum 6. November (30) frische Rekruten  einzog.  Am 28. September konnte sich sogar Ludendorff nicht mehr der Realität entziehen. Nach einer wütenden Philippika gegen den Kaiser, die Regierung, die Armee, die Marine und das Universum, die sich gegen ihn verschworen hatten, informierte er Hindenburg, dass der Krieg verloren war und unverzüglich ein Waffenstillstand abgeschlossen werden musste. Am nächsten Tag wurde eine zweite Konferenz in Spa abgehalten; anwesend waren Wilhelm II, Hindenburg, Ludendorff, Kanzler Hertling und der neue Außenminister Paul von Hintze.

Der Krieg tobte weiter …

Nach langwieriger Diskussion wurde eingesehen, dass, angesichts der praktisch unbegrenzten amerikanischen Ressourcen an Menschen und Material, der Krieg nicht gewonnen werden könne. Deutschlands Verbündete waren am Rande des Zerfalls – Bulgarien hatte bereits kapituliert und die österreichisch-ungarischen und türkischen Truppen weigerten sich zu kämpfen – keine Hoffnung blieb, die Niederlage zu vermeiden. Unter diesen Umständen beschloss die Konferenz, etwas im Trüben herumzufischen und die bestmöglichen Friedensbedingungen zu eruieren. Man erinnerte sich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson am 8. Januar 1918 seine Vorstellungen vom Frieden und einer zu schaffenden neuen Weltordnung in einer Rede an den US-Kongress und die Weltpresse dargestellt hatte – die berühmten „Vierzehn Punkte“.

Redetext des Präsidenten der Vereinigten Staaten bei der gemeinsamen Sitzung der beiden Häuser des Kongresses, am 8. Januar 1918.

Diese Punkte schlugen im Wesentlichen die Schaffung einer neuartigen internationale Ordnung vor, in der die Beziehungen zwischen den Nationen transparent sein sollten, Kolonialvölker selbst bestimmen sollten, wie und von wem sie regiert würden, die Seefahrt frei sein würde, freier Handel die Norm sein sollte, und eine Weltregierung, eine Liga der Nationen, gebildet werden sollte. Die vierzehn Punkte setzen auch den Preis fest, den Deutschland für den Frieden zahlen müsse. Es müsse jeden Zoll des in diesem Krieg eroberten Territoriums aufgeben, als auch Elsass-Lothringen, das es Frankreich vor fast einem halben Jahrhundert weggenommen hatte. (31)

Die Teilnehmer der Konferenz prüften bereitwillig Wilsons Worte in Bezug auf die entscheidende Frage; die der finanziellen Folgen und des Verlusts oder Gewinns von Territorien:

Laut Wilson solle es keine Annexionen, Schadensersatz oder Reparationen geben, … nationale Bestrebungen müssten respektiert werden, und Völker dürften nur mit ihrer eigenen Zustimmung regiert und beherrscht werden. „Selbstbestimmung“ sei … „das oberste Gebot künftiger politischer Aktionen, die Staatsmänner von nun an nur auf eigene Gefahr ignorieren könnten“. (32)

Wilsons Vorschläge wurden als durchaus akzeptabel erachtet, obwohl der Kaiser und die Generäle immer noch die Hoffnung hegten, dass Elsass-Lothringen und Polen dem Reich erhalten werden könnten. Doch als sofortige öffentliche Demonstration Deutschlands Friedensbereitschaft akzeptierte der Kaiser den Rücktritt des 75 Jahren alten Kanzlers Hertling und ernannte an dessen Statt am 3. Oktober seinen 51 Jahre alten Cousin, Prinz Max von Baden.  

Rechts Wilsons wichtigster Berater, Colonel House

Die meisten Darstellungen bezeichnen den neuen Kanzler als „liberal“, weil Ludendorff ihn so nannte; aber „liberal“ war Prinz Max nur in dem Sinne, dass Nero und Caligula Liberale waren – im Vergleich zu Attila dem Hunnen. Er war natürlich ein überzeugter Monarchist und hatte null Sympathien für liberale oder, schlimmer noch, sozialistische Reformen, aber er war nicht, wie sein Schwager Wilhelm, komplett der Wirklichkeit entfremdet. (33) Es ist wahr, dass er einst im Komitee des Deutschen Roten Kreuzes gearbeitet und im Jahre 1917 öffentlich die Möglichkeit eines Verhandlungsfriedens erwähnt hatte, und damit war er bei Kontakten zu Wilson weit weniger kompromittiert als, sagen wir, Ludendorff oder Wilhelm selbst es gewesen wären.

Prinz Max verstand die Dringlichkeit. die deutsche Regierung möglichst schnell mit einigen demokratischen Gesichtern zu dekorieren. Er kontaktierte die großen Parteien des Reichstags und sicherte sich, ihren Patriotismus ansprechend, die Unterstützung der Liberalen, des katholischen Zentrums und zum ersten Mal in der Geschichte auch die Hilfe der SPD, zwei derer Abgeordneten der Baden-Regierung beitraten. (34) Die neue Regierung machte sich an kleinere demokratische Änderungen der alten Reichsverfassung und am 5. Oktober teilte von Baden der amerikanische Regierung – über die Schweiz – mit, dass Deutschland um einen Waffenstillstand auf Grundlage der Vierzehn Punkte nachsuche.

Die Vierzehn Punkte als PDF

Eine erste Antwort wurde am 8. Oktober erhalten –  von Außenminister Robert Lansing – der, im Namen seines Präsidenten, den sofortigen Abzug der deutschen Truppen aus den besetzten Teilen Belgiens und Frankreichs als Grundbedingung für einen noch zu verhandelnden Waffenstillstand forderte. In seiner Antwort vom 12. Oktober versprach Baden, die Forderung zu erfüllen, und die deutschen Evakuierungen begannen schon am folgenden Tag.

Am 14. Oktober verlangte eine zweite Note, diesmal von Wilson selbst, das Ende der „illegalen und unmenschlichen Praktiken “ (35) des deutschen U – Bootkriegs und Baden gelang es bis zum 20. Oktober, die U-Boote nach Hause zu schicken, gegen den erbitterten Widerstand der Admiralität. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass weder Wilson noch andere US-Vertreter jemals forderten, die – offenbar rechtmäßige und humane – Kontinentalsperre der Royal Navy zu beenden.

Eine dritte Note wurde am 16. Oktober empfangen und diese brachte den neuen Kanzler wirklich in Verlegenheit, da sie seinen Vetter Wilhelm direkt zu implizieren schien. Das Memorandum verlangte , dass die „willkürlichen Kräfte“, die den „Frieden der Welt“ bedrohten, zu entfernen waren, bevor formelle Friedensverhandlungen eingeleitet werden konnten. Von Baden und sein Kabinett interpretierten dies mindestens als eine unverhüllte Forderung nach der Abdankung Kaiser Wilhelms, vielleicht sogar nach Abschaffung der Monarchie und der Errichtung einer deutschen Republik. Diese Ansicht wurde von einem weiteren Schreiben unterstützt, welches Berlin am 23. Oktober erreichte, und klarstellte, dass, wenn die Vereinigten Staaten sich „ mit den militärischen Meistern und monarchischen Autokraten Deutschland beschäftigen müsse, sie nicht Friedensverhandlungen, sondern die Kapitulation verlangen müssten.“ (36)

Diese plumpe Erpressung, beispiellos im diplomatischen Procedere, wurde zu einer politischen Bombe von größtem Ausmaß und führte zu größeren Auswirkungen als vielleicht jedes andere diplomatische Dokument des 20. Jahrhunderts. Zu der Zeit, als Wilson seine Notiz verfasste, betrachtete die diplomatische Konvention innere Angelegenheiten eines souveränen Landes als Tabu, die, vielleicht, in privatem Geflüster von Botschafter zu Botschafter bei informellen Funktionen kommentiert werden konnten, aber nicht zum Gegenstand einer offiziellen Note an eine Regierung werden konnten. Für jeden deutschen Monarchisten oder Nationalisten, und davon gab es immer noch genug, war Wilsons Note eine Beleidigung von epischen Proportionen, ein Affront gegen die Souveränität des Landes und eine Verächtlichmachung aller, die geliebte Menschen im Krieg verloren hatte. Es war buchstäblich unerhört.

Die katastrophalen Folgen dieser Note können kaum überbewertet werden. Ob Präsident Wilson die Botschaft in seliger amerikanischer Naivität oder in simpler Arroganz verfasst hatte, vielleicht nur in der Absicht, die liberalen und demokratischen Elemente in Deutschland zu stärken, kann im Nachhinein nicht festgestellt werden, aber als Ergebnis lieferte seine Note, wie wir sehen werden, den Schuldigen einen fantastischen Vorwand und eine leichte Absolution, während die künftige deutsche Republik von ihrer Gründung an schicksalsvoll die Bürde eines verlorenen Krieges tragen musste, für den sie nicht im geringsten verantwortlich war.

Das Ergebnis der Note Wilsons, ohne die die Republik nicht in der gleichen konfusen Weise geboren worden wäre, war die Entstehung der beiden stabilsten Phantome der späteren nationalistischen, rechtsgerichteten und schließlich Nazi-Propaganda, die „Dolchstoßlegende“ und die Legende der „Novemberverbrecher“. Sobald der Waffenstillstand unterzeichnet war, setzten sich die Männer, die für die Katastrophe verantwortlich waren, ab: Wilhelm floh  ins Exil in den Niederlanden, Ludendorff nach Dänemark – in Zivil und mit einem falschen Bart – und Hindenburg und die anderen prominenten Generäle gingen auf Tauchstation. Die unschuldigen Vertreter der neuen Republik, die den Waffenstillstand und schließlich den Friedensvertrag unterzeichnen mussten, wurden als Verräter diffamiert und etliche von ihnen anschließend ermordet.

Die fatalen Folgen von Wilsons Note bewiesen nicht nur, dass die USA „nicht ganz so großmütig waren, wie sie versprochen hatten“, (37) sie erschufen Argumentationen, die aus dem Ersten direkt in den Zweiten Krieg führen würden. Es war einfach unerhört für einen Staat, einem anderen Politik zu diktieren: Wir haben gesehen, wie sehr die Bagatelle, ob es oder nicht ein paar österreichischen Detektiven zu gestatten wäre, die Hintergründe der Ermordung Franz Ferdinands in Serbien zu untersuchen, zum Kriegsgrund ausgerufen worden war. Noch schlimmer, Wilsons Vorgehensweise war irreführend und eigentlich schlichte Erpressung – kaum ein vielversprechender Start in sein goldenes Zeitalter des Friedens, der Liebe und des gegenseitigen Verständnisses. Seine Verhandlungstaktik war mala fide von Anfang an: entwickelt, um die wichtigsten Zugeständnisse des Gegners billig und ohne Gegenleistungen zu bekommen, was sonst mit hohen Kosten erkämpft werden müsste: der Abzug der deutschen Armeen aus Frankreich und Belgien und die Einstellung der U-Boot-Kampagne.

Das Problem war, dass Wilsons Forderungen Nationalisten, Monarchisten und Militaristen später erlaubten zu behaupten, dass der Krieg nicht wirklich verloren gegangen war: dass die deutsche Armee „nie im Feld geschlagen worden“ war, da, mit Ausnahme von Rennenkampfs und Samsonows Russen in Ostpreußen 1914, ausländische Soldaten niemals einen Fuß auf den Boden des Vaterlands gesetzt hatten. Daher war der Waffenstillstand unnötig und verräterisch, und ebenso wie der nachfolgende Vertrag von Versailles, durch die „Novemberverbrecher“ unterzeichnet, d.h. von der Regierung der neuen deutschen Republik, die erst entstanden war, nachdem Wilhelm und seine Kumpane sich dünne gemacht hatten. Somit hatte die Republik die Ehre der Nation verraten, lärmten die Rechten.

Prinz Baden erkannte, dass die Entlassung Ludendorffs, der trotz seines irreführenden Rangs als Generalquartiermeister der eigentliche Militärdiktator des Landes war, die Priorität Nummer eins war, zumal der General seine Befugnisse dreist überschritten hatte. Am Tag, nachdem von Baden Wilsons unheilvolle Nachricht empfangen hatte, verspürte Ludendorff die Gelegenheit, den Krieg – und damit seine eigene Autorität – zu verlängern. Da die deutsche Front entgegen den Erwartungen nicht nach dem „Schwarzen Tag“ bei Amiens zusammengebrochen war und die militärische Lage sich in der Zwischenzeit etwas verbessert hatte, nahm Ludendorff die Gelegenheit wahr, seine Truppen in einem Tagesbefehl zu adressieren. Sein Bulletin bezeichnete die vierzehn Punkte und von Badens Antrag auf einen darauf basierenden Waffenstillstand als versteckte „Forderung nach bedingungsloser Kapitulation. Es ist daher für uns Soldaten nicht akzeptabel. Es beweist , dass des Feindes Wunsch nach unserer Zerstörung, die den Krieg im Jahre 1914 verursachte, noch unvermindert existiert. Es kann dies also für uns Soldaten nur eine Herausforderung sein, unseren Widerstand mit aller Kraft fortzusetzen.“ (38)

Ein unbekannter Stabsoffizier versuchte den Befehl zu unterdrücken, aber eine Kopie entkam der Zerstörung und erreichte OBEROST, das östliche Hauptquartier, wo der diensthabende Offizier, ein Sozialdemokrat, das Signal abfing und es an die Parteizentrale der SPD in Berlin weiterleitete, von wo aus es seinen Weg in die Presse fand. 

Ludendorffs nicht autorisierter Befehl war zumindest grobes Foulspiel, vielleicht sogar Hochverrat und von Baden erkannte, dass jede Grundlage für Friedensverhandlungen so lange unmöglich war, solange der quasi-Diktator im Amt blieb. Aufgrund der breiten Unterstützung, die von Baden im Reichstag genoss, konnte er dem Kaiser deutlich machen, dass es sich entweder um Ludendorff oder ihn selbst handelte. Am 26. Oktober wurden Ludendorff und Hindenburg ins Schloss Bellevue in Berlin bestellt, wo Ludendorff gezwungen wurde, seinen Rücktritt einzureichen, den der Kaiser ohne Dankesworte akzeptierte. Baden, der einen Welscher erkannte, wenn er ihn sah, hatte schon vor der Sitzung Ludendorffs schriftliche Erklärung erzwungen, dass keine Chance blieb, den Krieg mit militärischen Mitteln zu gewinnen und konnte damit die gleichzeitige Entlassung der beiden führenden Generäle vermeiden. Als Hindenburg seinen eigenen Rücktritt anbot, befahl Wilhelm ihm zu bleiben. (39) Die Geschichte geht um, vielleicht apokryph, dass, als Ludendorff am Abend in sein Hotelzimmer zurückkehrte, er zu seiner Frau sagte: „ Du wirst sehen, In vierzehn Tagen werden wir kein Reich und keinen Kaiser mehr haben .“ (40)

Er hatte recht. Es dauerte genau vierzehn Tage.


(29) (38) (40) Keegan, John, The First World War, Vintage Books 2000, ISBN 0-375-40052-4361, S. 413, 414, 414

(30) (32) (34) (37) Weitz, Eric, Weimar Germany, Princeton University Press, ISBN 978-0-691-01695-5, S. 16, 15, 15, 16

(31) Persico, Joseph, 11th Month, 11th Day, 11th Hour, Random House 2004, ISBN 0-375-50825-2, S. 290

(33) Read, Anthony, The World on Fire, Norton Books 2008, ISBN 978-0-393-06124-6, S. 26

(35) (36) (39) Massie,Robert K., Castles of Steel, Ballantine Books 2003 ISBN 0-345-40878-0, S. 772, 772, 773

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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