Österreichisches Außenministerium am Ballhausplatz
Österreichisches Außenministerium am Ballhausplatz

Dieser Beitrag entsprang ursprünglich einer Fußnote (Nr. 77, siehe da, in “The Origins of World War I” [Richard F. Hamilton und Holger H. Herwig (Ed.), Cambridge University Press 2003, ISBN 978–0-521-81735-6 (hc.), S. 145], und zwar in Graydon A. Tunstall, Jr’s Kapitel über Österreich-Ungarn, die da lautet:

Ein anderes Mitglied des Auswärtigen Amtes, das in einigen Berichten über die Entscheidungsfindung auftaucht, ist Baron Alexander von Musulin, Forgachs Vertrauter am Ballhausplatz. Er war Botschafter in Moskau gewesen; später in Belgrad und 1901 zurück in Moskau. Aber er war nicht direkt in die frühen Diskussionen involviert und diente später auch nur noch in instrumenteller Funktion: Als versierter Schriftsteller wurde er aufgefordert, das Ultimatum zu formulieren. Später wurde er gebeten, eine Antwort auf die serbischen Kommentare zum Ultimatum der Monarchie zu schreiben, die ebenfalls in den europäischen Hauptstädte verteilt werden sollte. Seine Memoiren, die 1924 veröffentlicht wurden, enthalten einen Bericht, der stark von dem hier im Text angegebenen Bericht abweicht. Die auffälligste Aussage: “Im Außenministerium glaubte man nicht, dass das Ultimatum zum Krieg führen würde.” (in Alexander Musulin, Das Haus am Ballplatz: Erinnerungen eines österreichisch-ungarischen Diplomaten (München, 1924), p. 227). Musulins Memoiren enthalten mehrere andere Kuriositäten: “Die führenden Staatsmänner der Monarchie glaubten, dass sich die Solidarität europäischer Konservativer und dynastischer Interessen auch im Jahr 1914 manifestieren würde, und dies glaubten sie insbesondere im Hinblick auf Russland.” (S.228).

In einer weiteren Fußnote, Nr. 78, ebenda, wird auch sein Vorgesetzter und Kollege János Forgách zitiert, mit einem Auszug aus seinem Brief vom 16. Juli an den k. u. k. Botschafter in Italien, in dem er schreibt: “Wenn überhaupt möglich, wollen wir alle natürlich einen Weltkrieg verhindern, auch wenn Deutschland wohl darauf vorbereitet ist, einen alleine zu führen.” Wie sind diese Äußerungen mit den späteren Geschehnissen zu vereinen? Wer also schwindelt hier, und warum?

Bei näherer Betrachtung ergeben sich jede Menge Ungereimtheiten. Ein Blick in die verfügbare englischsprachige Literatur erweist schnell, dass Musulins und Forgáchs Beiträge kaum erwähnt werden, obwohl Luigi Albertini (“The Bedrock of Discussion” in den Worten John Keegans) Musulin in seinem grundlegenden Werk [“The Origins of the War of 1914”, Original 1952 Oxford University Press, Enigma Books 2005, ISBN 1-292631-31-6, -32-4 und -33-2] neunzehnmal erwähnt bzw. zitiert, in dem für die Tage der Julikrise am meisten relevanten zweiten Band alleine vierzehnmal, und Forgách [u.a. Gesandter in Belgrad von 1907 bis 1911] auch vierzehnmal.

Wie aus seinen Kurzbiografien (hier und hier) zu entnehmen ist, war Musulin als Gesandtschaftsattaché sowohl in Moskau als auch in Belgrad tätig. 1908 wurde er zum außerordentlichen Gesandten befördert und leitete von 1910 bis 1916 die Kirchenpolitischen bzw. Ostasiatischen Referate. Nicht verzeichnet in diesen Abrissen sind die Tätigkeiten für Minister Alois Lexa von Aerenthal – der sein früher Förderer war – dem er schon im Verlauf der Bosnischen Annexionskrise 1908 zuarbeitete (Albertini I, p. 192) und mit ihm den Kaiser in Ischl traf (I, p.198) um die Reaktion der Slawen auf die Annexion zu besprechen (I, p.222). 1913 schrieb er, als gebürtiger Kroate, einen Bericht über das wachsende serbische Nationalbewusstsein,

Nun zu den o.a. Kernaussagen. Luigi Albertini schreibt:

Als der gegenwärtige Schriftsteller diese Frage Musulin, einem sehr hochrangigen ehemaligen Beamten am Ballplatz, stellte, antwortete er, Berchtold habe erstens bis zum 31. Juli nicht an einen Krieg geglaubt, und zweitens war er gemeinsam mit allen Anwesenden am Ballplatz fest davon überzeugt, dass Italien sich im Falle des Ausbruchs eines europäischen Krieges dem Dreibund anschließen würde. Daher widmete er seine Aufmerksamkeit nicht Italien, sondern Montenegro, dessen Neutralität Russland beeinflussen könnte, während in Wirklichkeit die italienische Haltung als ausschlaggebender Faktor angesehen werden musste. Die Wahrheit ist, dass, wie Musulin den gegenwärtigen Schriftsteller schrieb:

“… um das Kriegsglück zu unseren Gunsten wenden, hätte es für Italien genügt, auch ohne Kriegserklärung mehrere Armeekorps an die französische Grenze zu schicken.” (um Kräfte zu binden, Anm. d. Verf.)

Der überzeugendste Teil der obigen Erklärung aber ist, dass Berchtold hoffte, dass es keinen europäischen Krieg geben würde und dass der Streit mit Serbien letztendlich behoben werden könne. (Albertini II, p.222)

Das Interessante an Musulins Darstellung ist, dass sie der gängigen Interpretation widerspricht, nach der, nachdem der anfängliche Widerstand des ungarischen Premierministers István Tisza gegen Krieg während der Kronkonferenz am 7. Juli eine Woche später durch hartnäckiges Argumentieren überwunden worden war, die gesamte Regierung Krieg wollte – die Frage ist, wer war die Regierung?

Österreich-Ungarn hatte keine gemeinsame Verfassung. Die sogenannte Dezemberverfassung, in Kraft gesetzt am 21. Dezember 1867 von Kaiser Franz Joseph, bestand aus fünf Staatsgrundgesetzen und einem Delegationsgesetz, das zusammen mit der Pragmatischen Sanktion von 1713 (welche die habsburgische Erbfolge regelte), die Grundlage für Österreich bildete, jedoch nur für diese cisleithanischen, d.h. nicht-ungarischen Landesteile galt. In Ungarn war die Verfassung von 1848 mit kleineren Abänderungen wiederhergestellt worden, doch die weitere Anbindung an Österreich erfolgte nur aufgrund von Vereinbarungen, die die Schaffung drei gemeinsamer Ministerien (Außenministerium, Kriegsministerium und Finanzministerium – dieses jedoch nur soweit Rüstungsausgaben betroffen waren) vorsahen, die im Ministerrat für Gemeinsame Angelegenheiten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zusammentraten. Es wurde von ungarischer Seite sehr viel Wert darauf gelegt, dieses Gremium nicht als eine gemeinsame Regierung anzusehen, und daher wurden diese Institutionen nur als “K & K”, ‘kaiserlich und königliche’ Ämter bezeichnet – denn einen persönlichen Treueid auf Franz Joseph als König Ungarns hatten die Ungarn abgelegt. Der Außenminister war Vorsitzender, einen Kanzler bzw. Regierungschef des Gesamtreiches gab es nicht.

Chaos pur - Österreich-Ungarn
Chaos pur – Österreich-Ungarn

Auch Christopher Clark, der in “The Sleepwalkers” [Allen Lane, 2012, ISBN 978-0-713-999-42-6, p. 170 ff.] auf die Frage eingeht “Wer regierte eigentlich in X, Y, Z …”, bleibt in Bezug auf Österreich-Ungarn merkwürdig zurückhaltend. “Austro-Hungarian foreign policy was shaped not by the executive fiats of the Emperor, but by the interaction of factions and lobbies within and around the ministry.” (p.183) Er meint hier das Außenministerium – im Kriegsministerium war man sich in der Befürwortung, nein, der Erwartung des Krieges unter den rabiaten Falken Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf und Kriegsminister Alexander von Krobatin längst einig. War das Außenministerium aber tatsächlich federführend?

Was dachte der Außenminister Leopold Berchtold? Von 1906 bis 1911 war er Botschafter in Moskau und spielte eine Rolle als Handlanger von Aerenthal 1908 in der Annexion von Bosnien-Herzegowina. Er hatte 1912 seinen Vorgänger abgelöst und verfolgte dessen anti-Russische und anti-Serbische Politik weiter. In den Balkankriegen 1912/13 musste er einiges an diplomatischen Niederlagen einstecken und galt – eigentlich schon immer – als Falke. Nach dem Kronrat vom 7. Juli arbeitete er eng – praktisch jeden Tag – mit dem deutschen Botschafter Heinrich von Tschirschky zusammen, der mit dem deutschen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Gottlieb von Jagow, in ständigem telegrafischen Kontakt blieb.

In allen Dokumenten – außer den internen seines Ministeriums – erscheint er als Kriegstreiber. Die Diskrepanz zu Musulins Aussage ließe sich dadurch erklären, dass er die – zur Vorsicht neigenden – Diplomaten seines Hauses absichtlich im Dunkeln hielt – anders ließe sich schlichtweg nicht erklären wie Musulin, ein äußerst erfahrener Mann mit Verbindungen nach Russland und Serbien, als außerordentlicher Botschafter und dazu noch Verfasser des Ultimatums plus dazugehöriger Kommentare notwendigerweise mit allen Einzelheiten vertraut – soweit sie diplomatischer Natur waren – zu seiner Meinung kommen kann.

Zu den österreichischen Forderungen in der Note (dem “Ultimatum”) vom 22. Juni 1914 ist durchaus einiges zu korrigieren. Manfried Rauchensteiners Standardwerk “Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger – Monarchie” (Böhlau Verlag 2013, ISBN 978-3-205-78283-4) führt hierzu aus:

Im ersten Entwurf … lasen sich die Forderungen an Serbien noch vergleichsweise harmlos. Zunächst wurde gesagt, dass die k. u. k. Regierung davon ausgehe, dass die serbische Regierung den Mord am Thronfolger und seiner Gemahlin genauso verurteile wie die ganze Kulturwelt. Um aber den guten Willen zu demonstrieren, wäre eine Reihe von Maßnahmen notwendig. Die Note schloss mit dem Ersuchen um gefällige Rückäußerung.

Graf Forgách verlangte eine weit schärfere Formulierung, und Musulin fügte vor allem den Punkt 6 ein, der dann lautete:

“Die königlich serbische Regierung verpflichtet sich, eine Untersuchung gegen jene Teilnehmer des Komplottes vom 28. Juni einzuleiten, die sich auf serbischem Territorium befinden; von der k.u. k. Regierung hierzu delegierte Organe werden an den diesbezüglichen Erhebungen teilnehmen.”

Es ging also nicht darum, österreichische Organe an der serbischen Rechtsprechung teilnehmen zu lassen, wie das dann die Serben in ihrer Antwortnote anklingen ließen, sondern um die Teilnahme an der Untersuchung. Dabei wäre sogar ein Präzedenzfall anzuführen gewesen, denn Österreich-Ungarn hatte es 1868 nach dem Mord am serbischen Fürsten Mihailo serbischen Funktionären ermöglicht, auch auf dem Gebiet der Donaumonarchie Erhebungen zu pflegen.

Dennoch: Die Forderungen waren erheblich verschärft worden, und aus der “gefälligen Rückäußerung” wurde eine 48-Stunden-Frist. Wie schrieb doch Emanuel Urbas Jahrzehnte später so bildhaft:

“Ein Dokument sollte geschaffen werden, das durch die unerhörte Wucht und Knappheit seiner Sprache die Welt bezwingen musste. Wir waren doch Zeitgenossen des Karl Kraus … So hatten wir gelernt, an die autonome Magie des Wortes als des Schoßes des Gedankens und der Tat zu glauben.”

Forgách hatte Sorge gehabt, sein Minister könnte womöglich nachgeben wollen. Doch Berchtold bewegte ganz anderes, da er dem Kaiser gegenüber mutmaßte, dass eine “schwächliche Haltung unsere Stellung Deutschland gegenüber diskreditieren könnte” und dass es im Grunde genommen darauf ankäme, die praktische Kontrolle über Serbien ausüben zu können. Jeder fürchtete, der andere könnte nachgeben und “weich werden” wollen. Weiterhin wurde nur an Krieg gedacht, und auch das Deutsche Reich drängte unentwegt. Botschafter von Tschirschky wurde nunmehr zum stetigen Mahner und Übermittler von Botschaften Berlins (des deutschen Außenministeriums, Anm.), die in zahllosen Varianten von Wien nur eines forderten: Krieg, so schnell wie möglich!

S. 108-109

Der dritte gemeinsame Minister, Finanzminister Leon Ritter von Biliński, war zumindest Anfangs eine Taube und warnte den Kaiser eindringlich, das Ultimatum werde zu einem Krieg führen. Ziehen wir dazu noch in Betracht dass, entgegen allen Usancen, Franz Joseph vor seiner endgültigen Entscheidung weder den Kronrat noch den Reichsrat zusammenrief, noch einen informellen “Kriegsrat” abhielt, und auch keine letzten Rücksprachen mit den engsten Mitarbeitern hielt, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Entscheidung auf das Anraten Berchtolds zurückzuführen ist, der ja auch als Vorsitzender des Ministerrates der Chef der Exekutive war. Die Militärs waren sowieso dafür.

Die Diplomaten mussten wohl die Morgenzeitungen lesen.


Das Ultimatum im Wortlaut


Der Verfasser steht in Kontakt mit dem österreichischen Staatsarchiv, um eine Kopie der Erinnerungen Musulins zu beschaffen. (© John Vincent Palatine 2019)

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