Obwohl seit dem Zweiten Weltkrieg fast siebzig Jahre vergangen sind, behalten Missverständnisse, Falschinformationen und Ungenauigkeiten – beabsichtigt oder nicht – weltweit eine seltsame Popularität. Norman Davies („No Simple Victory“, Penguin Books 2006 – ISBN 978-0-14-311409-3) hat über die vorsätzlichen Missverständnisse geschrieben, die die Folgen politischer Korrektheit und nationaler Mythenbildung sind – also von Propaganda. Er stellt fest:

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind über 60 Jahre vergangen. Und die meisten Leute gehen davon aus, dass die Grundzüge dieses schrecklichen Konflikts längst etabliert wären. Unzählige Bücher wurden zu diesem Thema veröffentlicht und Tausende von Filmen gezeigt, die jeden Aspekt militärischer Ereignisse und ziviler Opfer darstellen. Unzählige Memoiren von bedeutenden und weniger bedeuteten Teilnehmern wurden veröffentlicht. Hunderte von bedeutenden Monumenten und zahlreiche Museen wurden erbaut, um die Erinnerung an den Krieg lebendig zu halten. Man könnte meinen, es gäbe nichts Neues hinzuzufügen. Zumindest ist man versucht, so zu denken, bis man zu prüfen beginnt, was eigentlich gesagt wird und was nicht gesagt wird. [Hervorhebungen im Original]

Als Professor Davis die verschiedenen Galas, Feiern und Feierlichkeiten zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes im Jahr 2005 besuchte, hatte er Grund, sich über mysteriöse Vorkommnisse zu wundern:

… Das neue Denkmal der Vereinigten Staaten für den Zweiten Weltkrieg in Washington, DC, trug als Hauptinschrift: „Zweiter Weltkrieg 1941 – 1945“. Das Monument vergaß, den Besucher darüber informieren, dass die Vereinigten Staaten Verbündete hatten, und scheint zu dem Schluss zu kommen, dass die Vereinigten Staaten den Krieg alleine gekämpft und gewonnen haben, und das in fünf statt sieben Jahren …

… Die britischen Feiern vergaßen seltsamerweise, Delegationen aus den vielen anderen ehemaligen kolonialen Verbündeten Kanada, Südafrika, Indien, Neuseeland oder Australien einzuladen, die alle an Seite der Briten am Kriege teilgenommen hatten…

… Bei der russischen Feier auf dem Roten Platz in Moskau wurde unter anderem vergessen, zu erwähnen, dass die Sowjetunion in den sechs Jahren zwischen 1940 und 1945 die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen nicht nur einmal, sondern zweimal angegriffen, erobert und besetzt hatte, was jedes Mal mit der Verbannung und/oder Ermordung von Landbesitzern und Intelligentsia einherging. Niemand hielt es für nötig, daran zu erinnern, dass die 1939 mit Deutschland – dem Feind – verbündete Sowjetunion nur wenige Wochen später als Deutschland in Polen und Finnland einmarschiert war –  ebensolche Aggressionskriege wie sie den Nazi-Kriegsverbrechern in Nürnberg vorgeworfen wurden …

… und dass keine dieser Feierlichkeiten an die Leiden der jüdischen und nichtjüdischen Opfer der faschistischen, nationalsozialistischen und kommunistischen Regimes erinnerte, noch an das Schicksal der Millionen, die durch den Krieg zur Flucht gezwungen oder gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben wurden  –  über zehn Millionen Deutsche, fünf Millionen Ukrainer und ungefähr ebenso viele Polen, Weißrussen und kaukasische Minderheiten. Insbesondere die Sowjetunion …

… hatte in großem Stil nationale Gruppen umgesiedelt und dabei Millionen von Menschen entwurzelt. In der unmittelbaren Vorkriegszeit hatten sie rund 500.000 Polen gewaltsam aus den westlichen Bezirken entfernt und in geschlossene Bezirke an der chinesischen Grenze in Kasachstan umgesiedelt.

In den Jahren 1939 bis 1941 fanden massive Deportationen aus allen von der UdSSR annektierten Ländern statt; mit Beginn des „Großen Vaterländischen Krieges“ begannen die strategischen Deportationen mit der Anordnung, alle Finnen aus der Nähe von Leningrad zu entfernen. Später im Jahr 1941 wurde ein langjähriger Plan (der zuerst schon 1915 zu den Akten gelegt worden war) aktiviert, die gesamte Bevölkerung der Autonomen Deutschen Republik Wolga zu deportieren. Rund 2,5 Millionen Deutsche wurden entweder in die Arbeitslager oder nach Kasachstan geschickt, um sich den dorthin verbannten Polen anzuschließen. Innerhalb eines Jahrzehnts war über die Hälfte von ihnen tot. Besonders brutal war die Zwangsabschiebung und Neuansiedlung von sieben muslimischen Völkern in den Jahren 1943/44.

In Anbetracht dieses Phänomens selektiver Gedächtnisse verspürte Professor Davies später die Notwendigkeit, gewisse Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, bevor er in seinen Vorträgen den Krieg besprach:

Als Auftakt zu verschiedenen Vorträgen und Vorträgen über den Zweiten Weltkrieg habe ich mich deshalb oft dazu entschieden, einige dieser Probleme anzusprechen, indem ich dem Publikum vier oder fünf einfache Fragen stellte:

  1. Können Sie die fünf größten Schlachten des Krieges in Europa aufzählen? Oder, noch besser, die zehn größten Schlachten?
  2. Können Sie die vier wichtigsten politischen Ideologien mit Namen benennen, die während des Krieges in Europa um die Vorherrschaft kämpften?
  3. Können Sie mir das größte Konzentrationslager nennen, das in den Jahren 1939 bis 1945 in Europa in Betrieb war?
  4. Können Sie mir die europäische Nationalität (oder ethnische Gruppe) nennen, die während des Krieges die meisten Zivilisten verloren hat?
  5. Können Sie mir das Schiff nennen, das bei der größten Seekatastrophe des Krieges mit Rekordverlusten an Menschen versenkt wurde?

Darauf folgte in der Regel eine tödliche Stille und dann großer Trubel mit wilden Vermutungen und Fragen. Den Trubel beendend, sage ich dann meinem Publikum: “Bis wir die richtigen Antworten auf so grundlegende Tatsachenfragen gefunden haben”, sage ich, “sind wir gar nicht in der Lage, weiterführende Fragen oder Probleme zu beurteilen.”

Dass  Nationen an den Chimären vergangener Verdienste festhalten und Versagen zu vergessen neigen, ist in deren Fehlbarkeit durchaus menschlich. In derselben Liga steht die ewige Unterschätzung des Menschen, wie viel Wissen erforderlich ist, um ein Thema beurteilen kann [siehe Dunning-Kruger-Effekt). Vielleicht schafft Unwissenheit Glücksgefühle, wie in Orwells 1984. Paul Fussell, Historiker und Veteran des Zweiten Weltkriegs, der 1945 in Frankreich verwundet wurde, fand zahlreiche Gründe, den polierten Plattitüden der Sieger zu misstrauen und beobachtete bei der Darstellung vieler Gegebenheiten absichtlicher Falschdarstellungen. Die Darstellung des Zweiten Weltkrieg in den amerikanischen Medien betrachtend, fühlte er sich gezwungen zu folgern, dass “der alliierte Kriegsanteil der Jahre 1939/45 von Sentimentalisten, verrückten Patrioten, Unwissenden und Blutdürstigen bis zur Unkenntlichkeit saniert und romantisiert wurde“.

Natürlich gewinnen solche Gruppen ihre redaktionelle Freiheit aus der Tatsache, dass ihre Seite den Krieg gewonnen hat und sich somit moralischen Zweideutigkeiten leicht entziehen kann. Alle sind sich einig, dass die industrielle Tötung von Juden oder Zigeunern mit Zyanid ein Verbrechen war, das in der Geschichte fast ohne Beispiel war. Dies gilt jedoch auch für andere Erfindungen des zwanzigsten Jahrhunderts: Städtevernichtungen mit konventionellen Sprengstoffen wie etwa in Dresden oder Tokio, oder mit Atombomben wie in Hiroshima und Nagasaki. Wäre der Krieg verloren gegangen, wer hätte die moralische Ordnungsmäßigkeit solcher Ereignisse erklären können oder wollen?

Daher hier die Antworten auf die oben gestellten Fragen:

Fünf Schlachten – Verluste: [1] Operation Typhoon, die Schlacht um Moskau 1941/1942 (1.582.000) [2] Fall Blau, die Schlacht um Stalingrad 1942-1943 (973.000) [3] die Belagerung von Leningrad 1941-1944 ( 900.000) (4) Operation Barbarossa, die Offensive Juni 1941 (657.000) [5] Operation Bagration, Sowjetische Offensive 1944 (450.000)

Ideologien: Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus, Liberale Demokratie

Größtes Konzentrationslager: Vorkuta, UdSSR

Verluste nach Nation bzw. Ethnizität: Siehe unteres Diagramm

Seekatastrophe: Deutsche Schiff „Wilhelm Gustloff“, torpediert durch Russisches U-Boot im März 1945, ca. 8000 Tote

[Quellen: Davies, Id., S.25 ff.; Diagramm S.366]

Um Diskussionen vorzubeugen: Dieser Post beschreibt lediglich die alliierte Rezeption der Weltkriegsgeschichte wie von Professor Davies erlebt – Diskussionen um die Zahlen usw. sind also irrelevant.


(© John Vincent Palatine 2019)

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