Die "Queen Mary" explodiert in der Schlacht am Skagerrak
Die “Queen Mary” explodiert in der Schlacht am Skagerrak

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Die Flottenprogramme des Reichs hatten erst Befremdung und anschließend die Feindschaft der englischen Admiralität nach sich gezogen und die Suche nach der passenden Antwort beschäftigte die britische Politik zwischen 1890 und 1914 konstant, an zweiter Stelle nach der irischen Frage. Großbritanniens Politik des Überlebens war es, nie eine einzelne Macht den Kontinent beherrschen zu lassen; die Kanalhäfen im Besonderen und im weiteren Sinne die Vorherrschaft der Royal Navy auf den Ozeanen durften nicht gefährdet werden. Daher war es Britannia gewohnt, immer den jeweils mächtigsten Kräften des Kontinent entgegenzutreten und Sache mit den kleineren Nationen zu machen –  „Underdogs“ zu unterstützen bedeutete auch immer exzellente politische Propaganda.

Großbritannien war eine Seemacht und die strategische Sicht ihrer Admiralität in Hinsicht auf mögliche Konflikte mit europäischen Landmächten hing von der Entwicklung des Seekriegs während der Belle Époque ab. Seit Nelsons Sieg über die Französischen und Spanischen Flotten bei Trafalgar im Jahre 1805 hatte die Royal Navy die Meere dominiert. Das British Empire, im Gegensatz zu, sagen wir, Russland, hing in Bezug auf sein wirtschaftliches und politisches Überleben von der Aufrechterhaltung der Überseeverbindungen ab: Macht über die Ozeane sorgte für billigen Transport, schützte die Handels- und Kommunikationsverbindungen und garantierte die Verteidigungsfähigkeit sowohl der Kolonien als auch der heimischen Gewässer. Dies waren die klassischen Aufgaben der Schiffe unter dem White Ensign.

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts überzeugte eine Clique von Nationalisten, Geschichtsprofessoren und verschiedenen anderen Wahnsinnigen Kaiser Wilhelm II die „Hochseeflotte“ zu bauen, eine gigantische deutsche Armada zur See, die sich mit der Macht der Royal Navy vergleichen konnte, ja, sie zu übertreffen suchte. Da einfach kein sinnvoller strategischer Grund für das exzentrische Unternehmen existierte, konnte Großbritannien dies nicht anders als eine maritime Herausforderung interpretieren, als Beweis für feindliche Absichten. Diese war nur allzu real, wenn man des Kaisers Wilhelm Hass für seine englische Mutter, Kaiserin Victoria, bedenkt.

Das Gleichgewicht der globalen Schlachtflotten oder „Schiffe der Linie“, wie sie genannt wurden, war im Jahre 1906 von der Royal Navy durch die Präsentation des neuen Schlachtschiffs Dreadnought“ komplett auf den Kopf gestellt worden. Ihr Design machte sofort alle bisherigen Schlachtschiffe zu Alteisen. Ihre Erbauer hatten das Durcheinander aus kleinen, mittleren und großkalibrigen Geschützen, welche traditionell von Großkampfschiffen getragen worden waren,  abgeschafft, zugunsten eines einzigen Kalibers von Artillerie, und zwar des größten verfügbaren. „Dreadnoughts“ Armierung bestand aus zehn 12-Zoll [305 mm, ¶] Geschützen, in fünf Doppeltürmen.

Die Bedeutung des Kalibers, der Durchmesser der Bohrung des Geschützes, liegt darin, dass – bei gleichen Treibmitteln – der effektive Aktionsradius der Artillerie in erster Ordnung von seinem Kaliber abhängt; je größer das Kaliber – wenn alle anderen Dinge gleich sind – um so weiter fliegt das Projektil und damit wird der Radius größer, in dem das Schiff sein Feuer zur Wirkung bringen kann. Mit anderen Worten, die Geschosse eines 12-Zoll-Geschützes fliegen weiter als die einer 10-Zoll-Kanone, und das Schiff mit den größeren Waffen kann seine Gegner aus sicherer Entfernung versenken, ohne Gegenfeuer ausgesetzt zu sein.

Die zweite Besonderheit des revolutionären Designs der „Dreadnought“  war die Dicke und die Verteilung ihres Panzers: durch den Verzicht darauf,  unwesentliche Systeme des Schiffs zu panzern konnten die Konstrukteure in den wesentlichen Bereichen bis zu elf Zoll dicke Platten verwenden, eine Anordnung, die als „alles-oder-nichts“ Panzerung bekannt wurde. Die Nachteile dieser massiven Metallverkleidungen und der kolossalen Geschütze waren natürlich ihr enormes Gewicht und die daraus resultierende Verminderung der Geschwindigkeit.
Für moderne Großkampfschiffe waren die Dreadnoughts ziemlich langsam, ihre Höchstgeschwindigkeit lag so um die Zwanzig-Knoten-Marke. Das ganze Konzept der Dreadnought-Klasse machte sie äußerst fit für Artillerieduelle gegen andere Linienschiffe; ihre niedrige Geschwindigkeit verbannte sie jedoch von Einsätzen in der anderen Hälfte des Seekriegs, dem Kreuzer-Krieg.

Der Begriff „Kreuzer“ wurde im 18. Jahrhundert geprägt und bezeichnete ursprünglich ein Kriegsschiff, das selbständig als Handelsstörer im Einsatz war. Nach Verbesserungen in Dampfmaschinenbau und der Waffentechnik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen Kreuzer gepanzert zu werden: wenn das Schiff  ein gepanzertes Deck hatte, aber keine Seitenpanzerung, wurde es „geschützter“ Kreuzer genannt, wenn es beides hatte, „gepanzerten“ Kreuzer. Die Bedeutung des Kreuzerkriegs liegt, natürlich, in der Behinderung des Handels und Nachschub des Gegners; der Kreuzer bevorzugte Beute waren dicke Frachter, Kohlenschiffe oder Tanker. Doch die unverzichtbare Notwendigkeit nach der notwendigen Geschwindigkeit einerseits die Beute zu jagen aber andererseits überlegenen Schiffen zu entkommen, begrenzte das Gewicht des Panzers und die Größe der Geschütze im Kreuzer-Design.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts konzipierten Ingenieure der Royal Navy einen Kompromiss des Kreuzerdesigns, der à la longue “Schlachtkreuzer” genannt wurde. Ein Schlachtkreuzer, so die Idee, würde die Waffen eines Dreadnoughts, wenn auch aus Gewichtsgründen eine geringere Anzahl von ihnen, mit so viel Panzerung wie möglich kombinieren, um dennoch hohe Geschwindigkeiten beibehalten zu können. Der erste britische Schlachtkreuzer wurde 1907, nur ein Jahr nach der Dreadnought, in Auftrag gegeben, und, ganz bescheiden, “Invincible” getauft.

Menschliches Genie hat oft versucht, die Vorteile zweier Typen von Waffen zu kombinieren, während gleichzeitig ihre Nachteile zu vermeiden. Die Konstruktion von Schlachtkreuzern war ein solches genial geplantes Unternehmen. Robert Massie erzählt uns die Geschichte in “Dreadnought” (Ballantine Books 1992, ISBN 978-0-345-37556-8, S. 491 ff.):

Frankreich – immer noch der potenzielle Widersacher vor1890  – hatte bei der britischen Admiralität durch den Bau einer Reihe großer Kreuzer, die in der Lage waren, 21 Knoten zu laufen, Bedenken hervorgerufen. Diese Schiffe waren Ausdruck der Idee einer Schule französischer Admiräle, die daran verzweifelten, dass Frankreich nie in der Lage wäre, mit Großbritannien Schiff für Schiff gleichzuziehen, und es daher der beste Weg wäre, um den maritimen Koloss zu Fall zu bringen, eine Flotte schneller, tödlicher Kreuzer und Torpedo-Boote zu entfesseln, die Großbritanniens gefährdeten Überseehandel angreifen und lahmlegen könnten. Britische Admirale reagierten zunächst damit, Anti-Kreuzer-Kreuzer in Auftrag zu geben; Schiffe, die noch schneller, stärker und genug bewaffnet wären, um alles zu jagen und versenken, was die Franzosen aussenden könnten.

Diese Schiffe, nun entworfen um zu kämpfen, nicht mehr nur einfach zu beschatten und Bericht zu erstatten, wurden gepanzert und Panzerkreuzer genannt. Klasse nach Klasse wurde gebaut und in den Seedienst geschickt….. Insgesamt gab es fünfunddreißig solche britische Panzerkreuzer, einige von ihnen so groß, oder größer noch, als die Schlachtschiffe der Royal Sovereign- oder Majestic-Klasse. Doch egal wie groß sie haben oder wie beeindruckend sie aussahen, sie waren nie dazu bestimmt gegen Schlachtschiffe zu kämpfen. …

Das war auch Fishers Verständnis und Plan, zumindest am Anfang.  Admiral Fisher war der Vorsitzende des Design-Komitees der Royal Navy, das die Entwürfe der „Dreadnought“ und anderer Schiffe erstellte. Seine ersten Schlachtkreuzer-Entwürfe sollten die ultimativen Panzerkreuzer werden, so schnell und stark bewaffnet, dass sie alle anderen Kreuzer der Welt überholen und zerstören konnten. … Fisher schrieb im März 1902 an Lord Selbourne, * den First Sea Lord, dass er mit Gard, dem Chefkonstrukteur der Werft von Malta, an einem Entwurf für einen Panzerkreuzer arbeite, der alle bisher vorhandenen Panzerkreuzer obsolet machen würde. [Massie meint hier William Palmer, 2nd Earl of Selbourne]

Fisher nannte sein hypothetisches Schiff „HMS Perfection“, und an der Spitze der Liste ihrer Gestaltungsmerkmale schrieb er „Geschwindigkeit bei voller Kraft von 25 Knoten“, aber des Sea Lords Antwort war nicht alles, was Fisher sich erhofft hatte. Gebaut wurden die „Warrior“– und „Minotaur“-Klassen; große Schiffen mit 9,2-Zoll – Kanonen und einer Geschwindigkeit von 23 Knoten, zwei Knoten weniger als was Fisher für „Perfection“ gefordert hatte.

Inzwischen begannen andere Admiralitäten ebenfalls zu experimentieren. Gegen Ende des Jahres 1904 erreichte die Nachricht London, dass Japan zwei große, 21-Knoten schnelle Panzerkreuzer mit jeweils vier 12-Zoll – Geschützen und zwölf 6-Zoll-Kanonen auf Kiel gelegt hatte. In Italien waren vier von Cuniberti konstruierte Schiffe im Bau, die über zwei 12-Zoll und zwölf 8-Zoll–Geschütze verfügten und ebenfalls 21 Knoten liefen. Ausländer näherten sich dem Konzept der „Perfection“ an.

Im Februar 1905, nachdem Fishers Design-Komitee die Pläne für die „Dreadnought“ abgeschlossen hatte, erschien „Perfection“ auf dem Papier. Jetzt musste Fisher seine Projekte der Admiralität nicht mehr aufdrängen; er selbst war jetzt die Admiralität. [Er war im Jahre 1904 Erste Seelord geworden, ¶] Und in der Fisher-Ära, was er sofort klar machte, würde die britischer Handelsschifffahrt nicht nur durch ein paar auf der ganzen Welt verstreute Panzerkreuzer beschützt werden, sondern durch einige enorm schnelle, leistungsfähige Schiffe, die jeden feindlichen Kreuzer jagen und zerstören konnten, wohin immer er geflohen wäre – wenn nötig, „bis ans Ende der Welt.“

In der Zwischenzeit hatte die präsumptive Bedrohung ihre Nationalität gewechselt; es waren nicht mehr französische Kreuzer, die die Admiralität besorgten, sondern deutsche Ozeandampfer; die großen, schnellen, hochseetüchtigen Windhunde des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie, die dafür konstruiert waren, 6-Zoll-Kanonen zu tragen. Entwickelt um Passagiere in fünf oder sechs Tagen über den Nordatlantik zu befördern, konnten sie alle vorhandenen britischen Kreuzer leicht hinter sich lassen.

Geschwindigkeit war die herausragende Anforderung; Geschwindigkeit genug um den Feind zu überholen und auch für des Schiffes eigene Abwehr zu sorgen: es musste in der Lage sein, sich außerhalb der Reichweite von Schlachtschiffen zu halten. Fisher fixierte die minimale absolute Marge bei vier Knoten Unterschied, und da er die Dreadnought für 21 Knoten baute, musste HMS Perfection in der Lage sein, 25 Knoten zu dampfen. Fisher wollte auch maximale Feuerkraft. Die größten verfügbaren Geschütze waren 12 Zoll, wie bereits geschildert bereits auf neuen Panzerkreuzern und schnellen italienischen und japanischen Schlachtschiffen installiert. Nachdem er schon erfolgreich für die nur mit großkalibrigen Geschützen bewaffneten Schlachtschiffe argumentiert hatte, forderte Fisher nun einen eben solchen Panzerkreuzer.

Wieder einmal gab der treue und einfallsreiche Gard dem Admiral, was er wollte. „Perfektion“, woraus die „Invincible“-Klasse von Schlachtkreuzern werden würde, kam aus dem Zeichenbrett mit acht 12-Zoll-Geschütze in vier Doppeltürmen. Fisher war überglücklich. Mit 25 Knoten Geschwindigkeit und acht 12-Zoll-Kanonen, war hier ein Kriegsschiff, welches stark genug war, jedes Schiff, das es einholen konnte schnell genug zu zerstören, und schnell genug, um jedem Schiff zu entkommen, das es selbst bedrohen könnte. Sie konnte ein ganzes Geschwader feindlicher Kreuzer mit der größten Leichtigkeit „aufwischen“, mit ihrer Geschwindigkeit die richtige Position etablieren und mit ihren weitreichenden Waffen den Feind versenken, ohne sich selbst Gegenfeuer auszusetzen.

Sie hatte nur einen einzigen Fehler: ihre Panzerung war zu leicht. Wie Dornröschen, für die das Leben gefahrlos war, solange sie sich von Spindeln fernhielt, konnten „Invincible“ und ihre Schwestern eine glückliche Existenz führen solange sie sich von Schlachtschiffen fernhielten. Ihre Geschwindigkeit war ein kostbares Gut und um einen hohen Preis erworben.

Die drei wesentlichen Merkmale eines Kriegsschiffes – Geschütze, Geschwindigkeit und Panzerung – sind alle miteinander korreliert. Ein Designer kann nicht alles haben: wenn schwere Geschütze und dicke Panzerung erforderlich sind, leidet die Geschwindigkeit; dies war der Kompromiss, der auf alle Schlachtschiffe zutraf. Wird höhere Geschwindigkeit gefordert und schwere Geschütze beibehalten, muss Panzerung geopfert werden. Dies war der Fall bei der „Invincible“ und ihren Schwestern. Um vier kostbare Knoten Geschwindigkeit zu gewinnen, musste „Invincible“ auf einen Turm und damit zwei der zehn 12-Zoll-Geschütze der Dreadnought verzichten.

Das sparte zweitausend Tonnen, die in die Antriebsmaschinen gesteckt werden konnten. Ein gefährlicheres Opfer wurde in Bezug auf die Panzerung gemacht. Der Panzer der “Dreadnought”, dazu bestimmt durch eine Katastrophe explodierender Granaten zu schwimmen, war mittschiffs mit einem elf Zoll dicken Gürtelpanzer ausgestattet, genug um schwerste Einschläge zu überstehen. Um das Mittelschiff der Invincible herum war der Gürtel nur sieben Zoll dick. Wenn es die Mission des Schlachtkreuzers wäre,  auszukundschaften oder feindliche Kreuzer zu bekämpfen, wären sieben Zoll Panzer ausreichend. Aber würde sie sich absichtlich in die Reichweite feindlicher Schlachtschiffe begeben, wären sieben Zoll nicht genug. … Einige Experten sahen die potenzielle Gefahr durchaus. „Brassey‘s Naval Annual“ schrieb: „… Das Problem bei Schiffen dieser enormen Größe und Kosten ist, dass ein Admiral mit Invincibles in seiner Flotte versucht sein wird, sie in die Schlachtlinie zu beordern, wo ihr vergleichsweise leichter Schutz ein Nachteil sein wird, und ihre hohe Geschwindigkeit bedeutungslos.“ Kurz gesagt, weil sie wie ein Schlachtschiff aussah und eines Schlachtschiffes Kanonen besaß, würde früher oder später von Invincible erwartet werden, auch wie ein Schlachtschiff zu kämpfen.

Da bekanntlich keine gute Tat unbestraft bleibt, imitierten die Deutschen das zwittrige Konzept und bauten ihre eigenen Schlachtkreuzer.

Da die beiden Nationen nun 15 Jahre lang und mit enormen Kosten
in hektischer Geschwindigkeit Großkampfschiffe gebaut hatten, erwartete jeder einen gewaltigen Zusammenstoß der Flotten innerhalb der ersten Monate des Krieges. Aber die ersten zwei Jahre des Konflikts brachten nur kleinere Auseinandersetzungen. Am 28. August 1914 trieb eine Squadron von Schlachtkreuzern unter dem Befehl von Admiral Sir David Beatty eine gemischte deutsche Flottille in der Deutschen Bucht bei Helgoland in die Enge und versenkte drei kleine Kreuzer und ein Torpedoboot. Im Januar 1915 führte eine Begegnung zwischen Beattys Flotte und einigen deutschen Schlachtkreuzern an der Doggerbank zum Verlust der deutschen “Blücher“ und schweren Schäden an der “Seydlitz“, während die britischen “Tiger“ und  “Lion“ geringere Beschädigungen erlitten.

Die Deutschen erzielten einen großen Erfolg im Oktober 1914, als eine einzige Mine das brandneue britische Schlachtschiff „Audacious“ versenkte. Etwas kleinere Erfolge wurden durch U-Boote erreicht. U 9 versenkte die drei alten britischen Kreuzer„ Abukir“, „Hogue‘“ und „Cressy“ an einem einzigen Tag im September 1914, und U 24 sank das ältere Schlachtschiff „Formidable“ am 1. Januar 1915.

Die weitgehende Flaute in der Nordsee endete, als der deutsche Admiral Reinhard Scheer mit dem Kommando der Hochseeflotte im Januar 1916 betraut wurde. Auf der Suche nach einer Lösung für die numerische Überlegenheit der Royal Navy konzentrierte er sich auf Beattys Schlachtkreuzer-Division, die mittlerweile in Rosyth bei Edinburgh vor Anker lag. Wenn er seine Karten gut spielte, hielt er es für möglich, Beattys Schiffe in eine Falle zu locken und zu zerstören, bevor die Home Fleet aus Scapa Flow auf den Orkneyinseln zu ihrer Rettung kommen könne. Scheers Plan berücksichtigte natürlich, dass die Grand Fleet etwa 40 % größer war als die Hochseeflotte, aber die Anzahl ihrer Aufgaben musste sie auch zum Teil über die Ozeane verstreuen. Wenn er für eine Zeitlang überlegene Kräfte gegen einen kleineren Teil der Grand Fleet vereinigen könne, könnte er das numerische Defizit zeitweise ausgleichen und der Sieg möge in Reichweite liegen.

Eine taktische Variable in seinem Plan war sowohl ihm als auch seinen Gegnern auf der britischen Seite unbekannt: die Unsicherheit, wie es den Schlachtkreuzern ergehen würde, wenn sie tatsächlich mit Schlachtschiffen konfrontiert wurden. In Bezug auf eine andere taktische Variable musste er auf sein Glück vertrauen, und zwar darauf, wie früh oder spät der britischen Marine-Geheimdienst sein Auslaufen entdecken würde. Im Mai 1916 konsolidierte er seine Gedanken in dem Plan, Beattys Geschwader, bestehend aus sechs Schlachtkreuzern und vier Schlachtschiffen, nach Süden zu locken, indem er Beatty einen Köder aus ein paar deutschen Schlachtkreuzern offerierte. Da diese Schiffe für die britische Dreadnoughts in Scapa Flow zu schnell waren, hatte nur Beattys Flottille eine Chance, sie zu fangen. Sobald Beatty über die deutsche Vorhut informiert wäre und sich aufmachte sie abzufangen, würden die deutschen Schlachtkreuzern Kurs nach Süden nehmen und Beattys Verband direkt in die Kanonen der deutschen Schlachtflotte führen.

In unserem Fall  bestand Scheers Vorhut aus fünf deutschen Schlachtkreuzern unter dem Kommando von Franz von Hipper sowie verschiedenen Begleitschiffen, die am Morgen des 31. Mai 1916 entlang der Westküste von Dänemark nach Norden fuhren. Scheer folgte etwa 50 Meilen weiter südlich, aber er hatte kein Glück. Der Britische Nachrichtendienst hatte Scheers Pläne für eine große Operation bereits ab Mitte Mai aufgefangen, die deutschen Funkübertragungen entschlüsselt und Admiral John Jellicoe, den Kommandeur der Grand Fleet, informiert. Scheer hatte kaum Helgoland passiert, als Beattys Schlachtkreuzer schon auf dem Weg nach Süden geschickt wurden, gefolgt, in einer Entfernung von etwa 70 Meilen, von den Schlachtschiffen aus Scapa Flow. Die Briten hatten die Rolle von Hund und Hase umgekehrt.

In Bezug auf Tonnage und Waffenkraft wurde das bevorstehende Ereignis das größte der Seekriegsgeschichte. Die Hochseeflotte hatte sechzehn Dreadnoughts mobilisiert, sechs ältere Schlachtschiffe, fünf Schlachtkreuzer, elf leichte Kreuzer und einundsechzig Zerstörer (99 Kampfschiffe). Jellicoes vereinigte Flotte umfasste achtundzwanzig Dreadnoughts, neun Schlachtkreuzer, acht gepanzerte Kreuzer, sechsundzwanzig leichte Kreuzer, achtundsiebzig Zerstörer, einen Wasserflugzeugträger und einen Minensucher (151 Kampfschiffe).

Der erste Kontakt erfolgte um gegen 14 Uhr, als beide Zerstörerschirme das gleiche neutrale Handelsschiff untersuchen wollten und so ineinander liefen. Ihre Radios alarmierten die Schlachtkreuzerflotten von Hipper und Beatty, die nun auf Kollisionskurs drehten. Beattys fünf Schlachtkreuzer, die vor den Schlachtschiffen fuhren, sichteten Hippers Flottille um etwa 16.00 Uhr und eröffneten das Feuer. Im Duell der Schlachtkreuzer wurden die Mängel des Konzepts unbarmherzig aufgedeckt. Beatty eigenes Flaggschiff, die “Lion”, wurde schwer durch Treffer von der “Lützow“, Hippers Flaggschiff, beschädigt, aber die Dinge kamen noch schlimmer:

Indefatigable“ – im Duell mit der deutschen „Von der Tann“, erlitt eine innere Explosion, die sie buchstäblich auseinander riss; nur wenige Minuten später explodierte „Queen Mary“ und sank, nach einer Salve von  „Derfflinger“. Nur acht Männer überlebten. Deutsche Schiffe zeigten viel weniger Anfälligkeit für die Auswirkungen britischer Granaten – ob es sich dabei um das Resultat besserer Panzerung oder ein Problem mit den englischen Zündern wird immer noch diskutiert.

Nachträgliche Untersuchungen ergaben, dass deutsche Granaten die schwache Panzerung um die Treibmittellagerräume durchbrochen hatten, wo die instabilen Ladungen offen aufbewahrt wurden, um sie schnell an die Geschütztürme weiterleiten zu können. Die Explosion der Granaten verursachte anschließend die Detonation des Hauptmagazins. Beattys erste Linie war so schnell reduziert, aber die Begeisterung an Bord von Hippers Schiffen war von kurzer Dauer. Als die vier britischen Schlachtschiffe aus den Wolken von Rauch und Regenschauern auftauchten entstanden, war es Hippers Zeit umzukehren, mit Beatty in der Verfolgung.

Eine halbe Stunde später konnte die britische Vorhut ihrerseits Scheers Schlachtschiffe am Horizont auftauchen sehen – wie erwartet – und jetzt war es an ihnen, wiederum nach Norden umzukehren, um Scheer in Richtung des Hinterhalts von Jellicoes Grand Fleet, die schnell aufgeschlossen hatte, zu führen. Der Schlagabtausch setzte sich durch all diese unterhaltsamen Verfolgungsjagden fort und begünstigte nun die Briten, die jetzt das Feuer der neuen 15-Zoll-Kanonen ihrer Schlachtschiffe zur Geltung bringen konnten. Mehrere Treffer beschädigten „Seydlitz“ erneut schwer – nach ihrer unglücklichen Erfahrung bei der Doggerbank – und erwies zumindest, dass deutsche Schlachtkreuzer gegenüber gut gezielten Schüssen genauso anfällig waren wie die britischen. Die Probleme der„Seydlitz“ ‘ verursachten Unordnung in Scheers Schlachtlinie in genau in dem Moment, als während einer verworrenen Situation, eine deutsche Salve „Invincible“ fand. Sie explodierte und ihre Bruchteile verbanden sich mit denen ihrer jüngeren Schwestern im feuchten Grab der Nordsee. Das war jedoch der letzte Glücksfall für Scheer, der sich mit einem zunehmenden Vorhang aus 15-Zoll Granaten konfrontiert sah. Um etwa sechs Uhr abends, überlegenen Kräften gegenüber, entschied er sich, das Spiel zu beenden.

So hätte eine bereits unbefriedigende Begegnung – von der britischen Sicht aus –  ergebnislos enden können, Scheer jedoch entschied sich dann umzudrehen, vielleicht um dem beschädigten Leichten Kreuzer „Wiesbaden“, der zurückgelassen worden war, zu Hilfe zu kommen, vielleicht, weil er dachte, dass er achteraus Jellicoes Flotte passieren könne, die ihren Vormarsch in Richtung Helgolands fortsetzte, um so durch den Skagerrak in die Ostsee zu flüchten. Jellicoe jedoch verminderte seine Geschwindigkeit wieder, mit dem Ergebnis, dass die deutschen Dreadnoughts – in Richtung Nordosten fahrend – den britischen Schiffen auf südöstlichem Kurs begegneten – und die Briten ihre Rückseite passieren konnten, um sie von Flucht und Sicherheit abzuschneiden.

Darüber hinaus waren – im Treffmoment der Begegnung – die Briten in Linie nebeneinander, die Deutschen aber in Linie voraus, eine relative Position, die als das “Crossing the T” bekannt ist und stark die britische Flotte begünstigte. Alle ihre Breitseiten konnten gegen das jeweils erste Schiff in der deutschen Linie gleichzeitig eingesetzt werden, das damit auch ein leichtes Ziel darstellte. In zehn Minuten Kreuzfeuer erhielten die Deutschen siebenundzwanzig Treffer großkalibriger Granaten, die Briten nur zwei. Dies überzeugte Scheer wieder in den dunklen östlichen Horizont hineinzudrehen und seine Schlachtkreuzer und leichteren Schiffe als Deckung seines Rückzug in einer „Todesfahrt“ zurückzulassen.

Die Bedrohung durch Torpedos, die Scheer dadurch schuf, veranlasste Jellicoe ebenfalls abzudrehen – wofür er später Vorwürfe erhielt – und bis er wieder zurückdrehte, hatte Scheer 10 Meilen zwischen seine Dreadnoughts und die Verfolger gebracht. Viele deutsche Schiffe blieben zurück, um  Scheer Flucht zu decken, einschließlich seiner Staffel von gefährdeten, alten Pre-Dreadnoughts, die in einer Reihe von Dämmerungs- und Nachtaktionen Verluste erlitten. So geschah es auch den britischen Kreuzer und Zerstörer, die Kontakt hielten. Am Morgen des 1. Juni, als Scheer seine Flotte Zuhause hatte, hatte er einen Schlachtkreuzer verloren, ein Pre-Dreadnought, vier leichte Kreuzer und fünf Zerstörer. Jellicoe – der das Kommando über die Nordsee allerdings behielt – hatte drei Schlachtkreuzer verloren, vier Panzerkreuzer und acht Zerstörer; 6094 britische Seeleute waren gestorben, 2551 Deutsche.

Soweit es taktische Fragen anging, war die „Battle of Jutland“, wie die Royal Navy sie nennt, oder „Skagerrakschlacht“, wie sie in Deutschland heißt, ein großer Erfolg für die junge Hochseeflotte: deutsche Panzerung und Munition hatten sich britischer Rüstung als überlegen erwiesen. Strategisch jedoch blieb die Kontrolle über die Nordsee und damit die Zugänge zum Atlantik bei Großbritannien; für den Rest des Krieges blieb die deutsche Flotte vor Anker und war keine Bedrohung für das Empire mehr. Die internationale Presse beschrieb die Begegnung in Jütland als „Angriff auf den Wärter mit anschließender Rückkehr ins Gefängnis.“ Das folgende friedliche Dahinrosten der deutschen Flotte im Hafen wurde erst wieder im Jahre 1919 gestört, als eine Klausel des Waffenstillstandes die Internierung der Flotte in Scapa Flow anordnete. Die Crews segelten die Schiffe wie gefordert zu den Orkneyinseln, aber versenkten sie bald selbst nach ihrer Ankunft.

Doch für die Schlachtkreuzer war es der einige und letzte Auftritt – sie verschwanden aus den Flottenregistern der Welt so schnell wie sie erschienen waren.

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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