Ethnische Karte Europa 1914
Ethnische Karte Europa 1914
Deutsche Rekruten - Bundesarchiv
Deutsche Rekruten – Bundesarchiv

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Ethnisch betrachtet war Europa eine komplizierte Angelegenheit. Dies war im Mittelalter, im ursprünglichen Feudalsystem, kein primäres politisches Kriterium gewesen – vor allem in Mitteleuropa – da die Heterogenität nicht nur des Reiches, sondern auch italienischer Stadtstaaten und die Türkische Suzeränität über den zerstückelten Balkan das Aufkommen des Nationalismus antezedierte.

Kongress von Berlin, 13. Juli 1878, von Anton von Werner
Anton von Werner, Berliner Kongress (1881): Abschlusstreffen in der Reichskanzlei am 13. Juli 1878, Bismarck zwischen Gyula Andrássy und Pjotr ​​Schuwalow, auf der linken Seite Alajos Károlyi, Alexander Gortschakow (sitzend) und Benjamin Disraeli

Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach der Niederlage der liberalen Hoffnungen und den gescheiterten Revolutionen von 1848, bedrohte eine neue, tödliche Dreieinigkeit aus Nationalismus, Chauvinismus und Antisemitismus den Kontinent.

Nicht nur Deutsche realisierten nach 1848 und 1871, dass der politische Status quo sich nicht wirklich verändert hatte. Während die Fürsten die Kontrolle über das politische Europa fest in der Hand behielten, konzentrierte sich die Bourgeoisie auf wirtschaftlichen Fortschritt und die sich entwickelnde sozialistischen Bewegung suchte sich zu konsolidieren. Der Berliner Kongress von 1878 wurde einberufen um die nach 1871 noch ungeklärten Fragen und gegenseitigen Ansprüche der europäischen Staaten diplomatisch zu klären.

Nationalismus war ursprünglich eine Bewegung des Bürgertums gewesen – gegen die Fürsten – aber durch das Gespenst der drohenden Emanzipation der sich entwickelnden Arbeiterklasse wurde er als politisches Instrument geschickt gegen die Bürger gewendet und äußerst effektiv mit einem seltsamen neuem ideologischen Gebräu vermischt – dem Antisemitismus.

Minuten vor dem Attentat in Sarajevo
Minuten vor dem Attentat in Sarajevo

Fremdenfeindlichkeit ist ein scheinbar unausrottbarer Zeitvertreib der menschlichen Rasse und Verfolgung von Juden gab es in der Geschichte ebenso wie die Verfolgung jeder anderen vorstellbaren Minderheit – Antisemitismus jedoch scheint ein Konzept von ganz jungem Ursprung. Das Wort taucht seit den 1860er Jahren hier und da auf, vor allem in einem Essay das Richard Wagner 1850 anonym veröffentlichte (“Das Judenthum in der Musik“), fand aber erst allgemeine Aufmerksamkeit in den 1870ern, als der deutsche Agitator Wilhelm Marr den Artikel namens „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht confessionellen [Sic!] Standpunkt aus betrachtet“ veröffentlichte – und im Jahre 1879 die „Antisemiten-Liga“ gründete.

US Ausgabe 1934

Antisemitismus fand eine Reihe von prominenten Proselyten, darunter Kaiser Wilhelm II, den einflussreichen politischen Autoren Heinrich Claß und verschiedene Vertreter der Kirchen, war aber bei weitem nicht auf Deutschland beschränkt. Frankreich litt 15 Jahre unter der Dreyfus-Affäre und in zaristischem Russland gehörten Pogrome gegen Juden zu den Lieblingsunterhaltungen der Landbevölkerung.

Russische Omnibus-Ausgabe der Protokolle von Sergei Alexandrowitsch Nilus

Ganze Bücher wurden geschrieben über die „Protokolle der Weisen von Zion“ – einer lächerlichen Verschwörungstheorie über die geplante jüdische Weltherrschaft – einer geradezu saublöden Fibel, zusammengeschustert wohl von der zaristischen Geheimpolizei und zum ersten Mal im Jahre 1903 in Russland veröffentlicht. Das Machwerk wurde von so üblichen Verdächtigen wie Wilhelm II oder Henry Ford als heilige Schrift verehrt, wobei der letztere 500.000 Kopien drucken und verteilen ließ.

Nationalismus und Antisemitismus wurden die beiden großen Stützen der aristokratischen Herrschaft über Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bis sich mit dem Aufstieg der sozialistischen Bewegung ein noch geeigneteres Schreckgespenst in dem Katholikon bürgerlicher Ängste manifestierte. Die braven Bürger mussten also nicht nur den wirtschaftlichen Ruin durch jüdische Shylocks und Mord und Totschlag durch illoyale Grenzbewohner befürchten – in der Tat war nun ihre ganze physische Existenz bedroht durch die anstehende Revolution von Massen ungewaschener Arbeiter, die es in unerklärbarer Regelmäßigkeit vergaßen, ihre Dankbarkeit für die gezahlten Hungerlöhne öffentlich kundzugeben.

Es war durchaus verständlich, dass so viel existentielle Gefahr die Bürger des Kontinents in Furcht und Schrecken hielt – die am besten durch bessere Selbstverteidigung gemildert werden könne. So suchten die Nationen Europas ihr Heil in dem lobenswerten und glorreichen Unternehmen, sich selbst so gut wie nur möglich zu bewaffnen. Welche Folgen, genau, resultierten daraus?

Panorama of the Battle of Trafalgar by William Lionel Wyllie
Die Schlacht von Trafalgar wurde zur Idée fixe britischer Flottenpolitik

Die folgenden Statistiken geben uns eine Vorstellung von Deutschlands industrieller und militärischer Situation im Vergleich zu ihren Konkurrenten, (aus Paul Kennedy, “The Rise and Fall of the Great Powers“, Vintage Books 1989, ISBN 0-679-72019-7, S. 200 ff).:

Es wird sofort ersichtlich, dass Frankreich das fünfte Rad am Wagen in Bezug auf Bevölkerungswachstum ist; während der Vereinigten Staaten ihre Bevölkerung um 56,5 %, Russland um 48,6 %, Deutschland um fast 36 % und Großbritannien um etwas bescheidenere 23 % erhöht haben, ist die französische Bevölkerung nahezu konstant geblieben, und ist nur um 3,5 % gewachsen, in diesen dreiundzwanzig Jahren zwischen 1890 und 1913. Ein weiterer wichtiger Indikator für die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung der Länder ist der Vergleich von städtischer zu Landbevölkerung:

Großbritannien, dessen Industrialisierung früher als die irgendeines anderen Landes begonnen hatte, führt die Welt, nicht überraschend, an; obwohl ihre Stadtbevölkerung prozentual nur um 15,7 % zwischen 1890 und 1914 wuchs, im Gegensatz zu Deutschlands 85,8 % und das der Vereinigte Staaten von 59,8 %. Frankreich sieht hier besser aus, mit 26,5 % Wachstum, während Japan seine städtische Bevölkerung verdoppelt. Italien, Österreich und Russland liegen dazwischen, so weit es um prozentuale Veränderungen geht, aber ihre geringen absoluten Anteile von um oder unter 10 % zeigen sie als noch als vergleichsweise unterindustrialisiert.

Die folgende Tabelle konzentriert sich auf die Sine-qua-non früher industrieller Entwicklung, der Produktion von Stahl:

Diese Zahlen zeigen den Zustand der Rohindustrialisierung des jeweiligen Landes recht genau, denn ohne Stahl konnten weder Konsumgüter noch Waffen gebaut werden. Wenn man Frankreichs kleines Bevölkerungswachstum in Betracht zieht, ist sein Anstieg der Stahlproduktion zwischen 1900 und 1913 prozentual beeindruckende 307 %, obwohl die Gesamtproduktion von 4,6 Millionen Tonnen im Jahr 1913 klar durch Deutschlands 17,6 Millionen Tonnen und die 31,8 Millionen der USA in den Schatten gestellt werden. Vom Trend her liegen sowohl Großbritannien als auch Frankreich in der industriellen Expansion hinter ihnen liegen, während die russische Stahlproduktion gerade zuzunehmen beginnt. Sie verdoppelt sich etwa – aus mageren Anfängen – zwischen 1890 und 1900 und wieder zwischen 1900 und 1913, obwohl in absoluten Zahlen die Ausbeute von 1913 (4,8 Millionen Tonnen) noch recht bescheiden war, wenn auf die Größe des Landes einrechnet. Wir werfen nun einen Blick auf den Gesamtenergieverbrauch:

Wenn wir die Daten zusammenfassen und einige andere Parameter hinzufügen, können wir die Veränderungen der relativen industrielle Stärke der Großmächte untereinander beschreiben:

Dieses Bild zeigt die relative Veränderung des Kräftepotentials, wobei man sowohl wirtschaftliche Faktoren – auf Größe und Bevölkerung bezogen – als auch den geostrategischen Kontext, das heißt, ihre Position einbeziehen muss. Italien und Japan haben Nachholbedarf, während Russland durch seinen Mangel an Infrastruktur und Österreich-Ungarn durch innere Spannungen behindert wird. Wenn man die prozentuale Änderung im Laufe der Zeit vergleicht, erweiterten die USA ihre Kapazität um 635 %, Deutschland um 501 % und Frankreich um 228 %, während Großbritanniens industrielle Macht nur um 173 % wuchs, ein Hinweis darauf, dass Albions imperiale Pracht schon vor 1914 zu verblassen begann. Vergleichen wir nun die Veränderungen der absoluten Anteile an der industriellen Produktionskapazität weltweit:

Diese Tabelle verdeutlicht auffallend die relative Schwächung Westeuropas, also Großbritanniens und Frankreichs, im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, jenseits des Atlantiks, und Deutschland, in der Mitte des Kontinents. Englands Anteil im Jahre 1913 ist nur noch 59 % des Standes im Jahr 1880, das bedeutet einen Rückgang von 41 %. Frankreichs Zahlen sind ein bisschen besser, aber dennoch steht ein Verlust von 27 % ihres Weltmarktanteils von 1880 zu Buche, währenddessen die USA ihren Anteil im Verhältnis um 117,6 % erhöhen und Deutschland immerhin um 74,1 %. Die Quoten von Russland, Österreich und Italien bleibt weitgehend unverändert. Wenn ein europäischer Krieg in den Karten wäre, sähen sich Deutschlands kontinentale Feinde am besten beraten, ihn zu beginnen bevor sich ihr Rückstand weiter erhöhte. Da wir nun bei dem Thema Krieg angekommen sind, werden wir nun unsere Aufmerksamkeit dem Militär zuwenden:

Militärparade Unter den Linden 1914
Militärparade Unter den Linden 1914

Schon eine oberflächliche Betrachtung dieser Tabelle läutet die Glocken für die Bestattung von ein paar lange gehegten Vorurteilen. Nicht nur ist die deutsche Armee, die vermutliche Bedrohung des Kontinents, viel kleiner als die russische – was man angesichts Russlands Größe für selbstverständlich halten könnte – sie ist auch kleiner als Frankreichs. Im Falle von Österreich-Ungarn, deren Männer eine feindliche Grenze von etwa 1500 Meilen Länge besetzen müssen, zählen sie nur 100.000 Mann mehr als die Italienischen Kräfte, die nach ihrem Eintritt in den Krieg im Jahre 1915 sich auf Verteidigung oder Angriff längs einer Grenze von weniger als hundert Meilen einstellen mussten; im Wesentlichen das Gebiet einiger Alpenpässe. Wenn wir die feindlichen Koalitionen von 1914 durchzählen, hat die Entente 2794 Millionen Mann unter Waffen, mehr als die doppelte Anzahl der 1.335 Millionen Männer der Mittelmächte.

Armeen 1914
Armeen 1914

 Ein Vergleich vis-à-vis des gesamten militärischen Personals der Großmächte zwischen 1890 und 1914 zeigt uns, dass in weniger als einem Vierteljahrhundert die Zahl der Soldaten von 2,9 Mio. auf fast 5 Millionen, um mehr als zwei Drittel, angestiegen ist. Wir vergleichen dies nun mit dem oft betrachteten Flottenwettrüsten:

Die Hochseeflotte in Kiel
Die Hochseeflotte in Kiel

Das Resultat erscheint fast unglaublich, aber die Marine-Tonnage der Großmächte hatte sich von 1.533.000 Tonnen im Jahr 1880 auf 8.153.000 Tonnen im Jahr 1914 mehr als verfünffacht – um 532 %. Fische müssen Klaustrophobie entwickelt haben. Wie die Zahlen für Japan und die USA deutlich zu machen, war das Marinewettrüsten nicht hauptsächlich auf den Nordatlantik und das Mittelmeer begrenzt; die letzteren fanden es notwendig, die Größe ihrer Marine in den vierzehn Jahren zwischen 1900 und 1914 von 333.000 Tonnen auf 985.000 fast zu verdreifachen; das heißt, nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und der Annexion der Philippinen, Kubas und Hawaiis, nicht vorher.

Dreadnought
Dreadnought

Wie es nicht anders zu erwarten war, entschieden die unterschiedlichen geostrategischen Positionen der Länder, welche Truppengattungen der jeweils wesentliche Nutznießer der steigenden Budgets werden sollte: die Seemacht Großbritannien hatte wenig Verwendung für Infanterie; ihre – vorübergehende – höchste Stärke erreichte sie im Jahr 1900 mit 624.000 Männern unter Waffen, jedoch als Folge des anhaltenden Burenkrieges, nicht aufgrund einer nachhaltigen rüstungspolitischen Steigerung der Armeeausgaben. Ihr Senior Service, die Royal Navy, die das hauptsächliche Instrument und conditio-sine-qua-non ihrer imperialen Dominanz blieb, begann ein langwieriges Bauprogramm gegen die deutschen und amerikanischen Marinen (1812 war keineswegs vergessen), die eine Vervierfachung ihrer Größe zwischen 1880 und 1914 zur Folge hatte.

Französische Reservisten
Französische Reservisten

Es gibt eine Faustregel in der Geschichte, welche besagt, dass je mehr Waffen übereinander gestapelt werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit wird, dass sie eines Tag benutzt werden. Es ist wahr, dass sich diese Regel während des Kalten Krieges nicht bewahrheitet hat, und unser aller Überleben ermöglichte, aber das war mehr das Ergebnis der Undurchführbarkeit eines Atomkriegs als eine plötzliche Zunahme der Summe menschlicher Weisheit. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert, das im Mittelpunkt unserer Untersuchung steht,  forderte jedes neue Schlachtschiff und jedes neue Armeekorps das Gleichgewicht der Macht in prekärem Ausmaß heraus – und eines Tages trat die Faustregel in Kraft.

In der Erwartung eines kurzen und siegreichen Krieges …

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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