Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

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Reinhard Heydrich und die Wannsee-Konferenz

Reinhard Heydrich (links) in der Prager Burg

Der Sachse Reinhard Heydrich wurde in Halle an der Saale am 7. März 1904 als Sohn einer Beamtentochter und eines Komponisten und Opernsängers geboren. Er zeigte sich sehr sportlich und tat sich, aus einer nationalkonservativen Familie stammend, 1919/20 in Freikorps und rechtsradikalen Jugendbewegungen um.

Am 30. März 1922 trat der Abiturient eines modernen Gymnasiums in die Reichsmarine ein, wo er eine eher durchschnittliche Karriere begann, aber schon 1923 während seines Dienstes auf dem Kreuzer “Berlin” den späteren Admiral (und Chef der Deutschen Abwehr) Wilhelm Canaris kennenlernte.

Die Karriere verlief so-so, aber 1930 gab es richtig Ärger:

Im Dezember 1930 lernte Heydrich seine spätere Ehefrau, die 19-jährige Lina Mathilde von Osten (1911–1985), kennen. Zwei Wochen später verlobten sich die beiden, nachdem Heydrich bei ihrem Vater um sie angehalten hatte.[13] Die Verlobte kam aus einer politisch rechtsextrem geprägten Familie. Ihr Bruder Hans von Osten gehörte seit 1928 der SA an, Lina von Osten selbst war, schon als sie Reinhard Heydrich kennenlernte, „überzeugte Nationalsozialistin und glühende Antisemitin“.[14]

Heydrich hatte jedoch zur Zeit der Verlobung mit Lina von Osten eine Beziehung zu einer anderen Frau, deren Identität bis heute nicht geklärt ist.[15] Diese Beziehung beendete er durch Zusendung der Anzeige seiner Verlobung. Der Vater der betroffenen Frau reichte beim Chef der Marineleitung, Admiral Erich Raeder, Beschwerde gegen Heydrich ein. Ein gebrochenes Heiratsversprechen galt als ehrenrührig, war aber kein schweres Vergehen und hätte ohne Strafe durch den Ehrenrat der Marine enden können. Die Angehörigen des Ehrenrats – Admiral Gustav Hansen, Heydrichs Ausbilder Gustav Kleikamp und Hubert von Wangenheim – wurden jedoch durch Heydrichs arrogantes Auftreten, der schlecht über die Frau sprach, sie belastete und bestritt, ihr die Ehe versprochen zu haben, dazu gebracht, kein Urteil zu fällen und das Verfahren in die alleinige Entscheidung Raeders zu legen. Raeder entschied, ebenfalls aufgrund Heydrichs offensichtlicher Unaufrichtigkeit im Verfahren und seiner Versuche, sich durch Belastung der Frau reinzuwaschen, dass Heydrich als Offizier „unwürdig“ und seine Entlassung zu verfügen sei, die am 30. April 1931 wirksam wurde.

https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Heydrich

Er war am Boden zerstört, fand aber bald, unter Mithilfe der Familie Osten, Kontakt zur NSDAP und speziell der SS, in die er am 14. Juli 1931 eintrat und eine steile Karriere hinlegte. Dies war in einer Phase als Himmler sich bemühte, seinen deutschlandweiten Überwachungsdienst aufzubauen, wobei ihm Heydrich sehr gelegen kam. Heydrich stieg zum 1. Dezember 1931 zum Hauptsturmführer der SS und schon im Juli 1932 zum SS-Standartenführer und „Chef des Sicherheitsdienstes beim Reichsführer SS“ auf. Zu seiner nachfolgenden Karriere (Übernahme der Polizeigewalt durch die SS, Entmachtung der SA und der Wehrmacht, Gründung des Reichssicherheitshauptamtes, Überfall auf den Sender Gleiwitz, Schaffung der SS-Einsatzgruppen) existieren leicht zugängliche Quellen wie Wikipedia, Britannica etc., sodass wir darauf hier nicht eingehen.

Irgendwann im Herbst 1941 fasste die Führung des Dritten Reiches den Beschluss zur “Endlösung der Judenfrage“, das heißt, zur Ermordung aller Juden, derer sie habhaft werden konnten (Holocaust). Aus naheliegenden Gründen wurde dies zuerst geheim gehalten, aber schon am 31. Juli 1941 beauftrage Herrmann Göring Heydrich, alle notwendigen Vorbereitungen für eine „Gesamtlösung der Judenfrage“ zu treffen – finanzieller, organisatorischer oder verwaltungsmäßiger Natur.

Heydrich war klar, dass eine zentrale Koordinierung der verschiedenen beteiligten Stellen dazu nötig wäre. Er berief zum 20. Januar 1942 die sogenannte Wannseekonferenz (nach dem Versammlungsort) ein, um die Mittel und Wege zur Umsetzung des Vorhabens zu koordinieren.Der Plan war:

„Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßen- bauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem unzweifelhaft um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist.“

Robert Gerwarth: Reinhard Heydrich. Biographie. Siedler, München 2011, S. 262

Dies ist die Genese des Begriffes “Sonderbehandlung”, der eine furchtbare Bedeutung bekommen sollte. In der sogenannten Wannseekonferenz kamen am 20. Januar 1942 in der Villa Nr. 56-58 am Großen Wannsee in Berlin fünfzehn hochrangige Vertreter der nationalsozialistischen Reichsregierung und SS-Behörden zusammen, um unter Heydrichs Vorsitz (in seiner Funktion als Chef der Sicherheitspolizei und des SD) den zu beginnenden Holocaust an den Juden im Detail zu organisieren und die reibungslose Zusammenarbeit aller beteiligten Instanzen sicherzustellen.

Protokoll Seite 1, bearbeitet (Bilder und Bezeichnungen)
Protokoll Seite 2 (bearbeitet)
Originalprotokoll Seite 1

Anfangspunkt der Konferenz war die Ermittlung des für die Ermordung vorgesehenen Personenkreises.

Die “Wannsee – Liste”

Heydrich berichtete über die erfolgte Auswanderung von rund 537.000 Juden aus dem „Altreich“, Österreich sowie Böhmen und Mähren, an deren Stelle nach „vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten“ treten solle. Für die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ kämen rund elf Millionen Juden in Betracht. In dieser Zahl waren auch „Glaubensjuden“ aus dem unbesetzten Teil Frankreichs, aus England, Spanien, Schweden, der Schweiz, der Türkei und weiteren neutralen oder gegnerischen Staaten außerhalb des deutschen Machtbereichs enthalten. …

Bei der Durchführung würde „Europa vom Westen nach Osten“ durchkämmt werden; dabei sollte wegen „sozial-politischer Notwendigkeiten“ und zum Freisetzen von Wohnraum im Reichsgebiet begonnen werden. Zunächst sollten die deutschen Juden in Durchgangsghettos und von dort aus weiter in den Osten transportiert werden. Juden im Alter von über 65 Jahren und Juden mit Kriegsversehrung oder Träger des Eisernen Kreuzes I würden in das Ghetto Theresienstadt kommen. Damit wären „mit einem Schlag die vielen Interventionen ausgeschaltet“.

Götz Aly: „Endlösung“. 3. Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 299 ff.

Nachdem über das grundlegende Procedere Klarheit herrschte, stellte sich die Frage nach Mischehen und Mischlingen, also die “rechtliche” bzw. verwaltungstechnische Grundlage der Auswahl, ausgehend von den Nürnberger Rassengesetzen von 1935

Schautafel der Nürnberger Gesetze

Nachdem mögliche Schwierigkeiten bei der „Evakuierungsaktion“ in den „besetzten oder beeinflussten europäischen Gebieten“ angesprochen und diskutiert worden waren, wendete man sich der Frage zu, wie mit „jüdischen Mischlingen“ und „Mischehen“ zu verfahren sei. Das Protokoll gibt an, die Nürnberger Gesetze sollten „gewissermaßen“ die Grundlage bilden. Doch tatsächlich gingen die von Heydrich eingebrachten Vorschläge weit darüber hinaus:

Im Regelfall sollten „Mischlinge 1. Grades“ („Halbjuden“) ungeachtet ihrer Glaubenszugehörigkeit wie „Volljuden“ behandelt werden. Ausnahmen waren nur für solche „Mischlinge“ vorgesehen, die mit einem „deutschblütigen“ Partner verheiratet und nicht kinderlos geblieben waren. Andere Ausnahmebewilligungen seien nur von höchsten Parteiinstanzen zu erteilen.

Jeder „Mischling 1. Grades“, der im Deutschen Reich verbleiben durfte, sollte sterilisiert werden.

„Mischlinge 2. Grades“ („Vierteljuden“) sollten im Regelfall den „Deutschblütigen“ gleichgestellt werden, sofern sie nicht durch auffälliges jüdisches Aussehen oder schlechte polizeiliche und politische Beurteilung als Juden einzustufen waren.

Bei bestehenden „Mischehen“ zwischen „Volljuden“ und „Deutschblütigen“ sollte der jüdische Teil entweder „evakuiert“ oder auch nach Theresienstadt geschickt werden, falls Widerstand durch die deutschen Verwandten zu erwarten sei.

Weitere Regelungen wurden für „Mischehen“ angesprochen, bei denen ein oder beide Ehepartner „Mischlinge“ waren.

Diese detaillierten Vorschläge wurden vom Staatssekretär Stuckart, der 1935 mit der Ausarbeitung der Nürnberger Gesetze befasst gewesen war, als unpraktikabel zurückgewiesen. Er schlug vor, die Zwangsscheidung von „Mischehen“ gesetzlich vorzuschreiben und alle „Mischlinge ersten Grades“ zu sterilisieren. Da in diesen Punkten keine Einigung herbeigeführt werden konnte, vertagte man diese Detailfragen auf die Folgekonferenzen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wannseekonferenz

Über die grundsätzliche Durchführung des Massenmordes bestand Einigkeit, die Details wurden zwei Nachfolgekonferenzen überlassen, von denen die erste am 6. März stattfand und die zweite am 27. Oktober 1942, beide in den Amtsräumen des Referat IV B 4 von Adolf Eichmann in der Berliner Kurfürstenstraße 115/116.

Einladung zur Folgekonferenz am 6. März
Aus dem Originalprotokoll der Teilnehmerliste der Nachfolgekonferenz am 6. März, Seite 1

Die nachgeordneten Befehlsstellen außerhalb Berlins wurden von Heydrich schriftlich unterrichtet, hier z.B. Hans Frank als Generalgouverneur Polen:

Die Hauptverbrecher trafen sich danach regelmäßig:

Franz Josef Huber, Arthur Nebe (Kripo), Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich und Heinrich Müller (Gestapo)
Himmler, Heydrich und Karl Wolf auf dem Berghof

Fortsetzung folgt … (© John Vincent Palatine 2020)

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Die Deutsche Armee 1914 – Teil I: Organisation


Das Deutsche Heer in der Julikrise 1914


And Caesar’s spirit, ranging for revenge,
With Ate by his side come hot from hell,
Shall in these confines with a monarch’s voice
Cry “Havoc!” and let slip the dogs of war,

William Shakespeare “Julius Caesar”, Act 3, Scene 1
Ulanen – Regiment No. 17, im Manöver 1912

Nach dem Sieg über Frankreich 1871 wurde das neu geschaffene Heer des zweiten Kaiserreiches als das weltweite Vorbild für alle modernen Massenarmeen akzeptiert. In der Vorstellung von Freund und Feind erschien es als monolithischer Block und das probate Mittel deutscher Eroberungsgelüste, und mehr als diese schlichte Zuordnung wird ihm nur in wenigen Büchern zuteil.

Preußische Offiziere

Aber stimmte das? Wie war die innere Struktur des deutschen Reichsheeres beschaffen – wer hatte wo und in welcher Weise das Sagen? War es in der Tat ein monolithischer Komplex, und verfolgte dieser – sofern er existierte – in der Julikrise 1914 eine bestimmte Politik, auch in Hinblick auf spätere Kriegsschuldzuweisungen? Um uns in diesen Fragen zu informieren, sollten wir uns an Anscar Jansen wenden, Autor der Studie “Der Weg in den Ersten Weltkrieg – Das deutsche Militär in der Julikrise 1914”. Dies ist bisher die einzige zu diesem Thema vorliegende Arbeit. [FN1]

[FN1] Biographische Angaben sobald verfügbar, Tectum Verlag Marburg 2005, ISBN 978-3-8288-8898-2, ex einer Dissertation bei Professor Dr. Peter Krüger, Universität Marburg 2003. Der Verlag wurde kontaktiert und um eine Verbindung zum Autor gebeten, hat aber bisher noch nicht geantwortet.

Der offene Husaren Angriff, wie hier im Manöver 1912, erwies sich 1914 als Massenselbstmord.

In Kapitel III entwirft Jansen das rechtliche und organisatorische Bild des Heeres in Zweiten Kaiserreich, das wesentlich komplizierter ist als im Allgemeinen angenommen:

III Das deutsche Militär in einem Zeitalter der Unsicherheit

… eine skizzenhafte Be­schreibung der Lage, in der sich die deutschen Streitkräfte 1914 befanden. Kennzeichen der Jahre ab 1900 war ein rapider Wandel, der alle Bereiche der Streitkräfte umfasste. Weder die Führung noch die Offiziere der mittleren Füh­rungsebene konnten sich den Veränderungen entziehen.

Das Bestreben in Preußen, das Militär dem Einfluss des Monarchen gegenüber dem Parlament zu erhalten, hatte zu einer Trennung von Kommandobereich, dem Bereich der Befehlsgewalt des Königs, und der Militärverwaltung geführt 213 Allerdings konnten die Ansprüche der Volksvertretung nicht ganz ab­gewehrt werden, gewisse Zugeständnisse, wie z. B. die Bestimmung des Mili­tärbudgets, mussten gemacht werden.214 Diese Trennung wurde nach der Reichs­gründung weitergeführt. Der Kommandobereich unterstand unmittelbar dem Kaiser; er erlaubte es dem Monarchen, über Fragen der Organisation, Ausbil­dung, Disziplin, Stellenbesetzung und Einsatz alleine zu entscheiden.215 Dem Ge­genüber stand die Militärverwaltung, die hauptsächlich in Fragen, die den Etat betrafen, noch der Gegenzeichnung durch Reichskanzler oder Kriegsminister und der Zustimmung des Parlaments bedurfte.216 Die Zustimmung oder Ableh­nung des Etats durch den Reichstag war die einzige Möglichkeit des Parlaments, Einfluss auf den militärischen Bereich zu nehmen.217 Neben der zivilen — vom Parlament abhängigen — Ebene gab es also eine zweite — vom Parlament unab­hängige — auf Befehl und Gehorsam aufgebaute militärische Ebene.218 Nach dem Zabern-Zwischenfall fasste Delbrück den Staatsaufbau des wilhelminischen Staatswesens in den „Preußischen Jahrbüchern” zusammen: „Die kriegerische Genossenschaft des Offizierskorps mit dem Kriegsherrn an der Spitze hier und die im Reichstag repräsentierten Massen des bürgerlichen Volkes dort sind die beiden Grundpfeiler des deutschen Staatswesens.”21 9

s.u.
Kaisermanöver im Odenwald 1888

Der Aufbau des Heers spiegelt diesen Dualismus. Da ein Reichskriegsminister nicht existierte, fiel es dem preußischen Minister zu, als Vertreter des stärksten Kontingents, den Militäretat zu verwalten und vor dem Reichstag zu vertre­ten.220 Damit war er teilweise dem Parlament verantwortlich. Aus dem Bestre­ben, die Einflussmöglichkeiten des Reichstages zu beschränken, ergab sich die Tendenz, dem preußischen Kriegsministerium möglichst viele Kompetenzen zu entziehen.221 Stattdessen wurden Stellen geschaffen, die über das Recht des unmittelbaren Zugangs zum Kaiser — das Immediatrecht — ihm unmittelbar un­terstellt waren. Wilhelm II. fand dieses Prinzip bereits vor und baute es während seiner Herrschaft weiter aus, sodass sich eine zunehmende Dezentralisierung im Aufbau des deutschen Heeres ergab.222

In diesem Aufbau nahm der Kaiser eine zentrale Stellung ein. Ihm oblag es, die Koordination zwischen der zivilen und der militärischen Spitze des Reiches durchzuführen.223 Daneben musste er aber auch die Arbeit der verschiedenen Immediatstellen miteinander verbinden.224

Die wichtigsten zentralen Stellen, die das Immediatrecht innehatten, waren der Generalstab, das Kriegsministerium und das Militärkabinett. Der Generalstab war für die Planung und Durchführung eines künftigen Krieges verantwortlich; das Kriegsministerium befasste sich mit allen Aspekten der militärischen Ver­waltung; das Militärkabinett schließlich war das Organ, über welches der Kaiser seine Befehle weiterleitete.

s.u.
Deutsche Korpsbereiche 1914

Neben diesen drei Zentralstellen gab es noch andere Stellen, die das Immediatrecht besaßen. Zur größten Gruppe zählten die Kommandierenden Generale der Armeekorps.225 Sie unterstanden direkt dem Kaiser.226 Sie wachten eifersüchtig über ihre Unabhängigkeit, besonders gegenüber dem Kriegsministerium.227 1914 umfasste das preußische Heer und die ihm angeschlossenen Kontingente 22 Armeekorps: 19 preußische, 2 sächsisches und 1 württembergisches.228 Jedes Armeekorps hatte seinen eigenen Bezirk, aus dem es normalerweise auch seinen Ersatz an Soldaten aushob.229 Zu weiteren Dienststellen, die das Vortragsrecht besaßen, gehörten die Armee-Inspekteure und der Generaladjutant.230 Auch die Generalinspektionen der einzelnen Waffengattungen waren vortragsberechtigt.231 Dazu kamen noch einige andere Stellen, wie z. B. der Präsident des Reichsmilitärgerichts.232 Insgesamt besaßen etwa 50 Dienststellen das Immediatrecht.233 Damit besaß die deutsche Armee den dezentralisiertesten Aufbau in Europa.234 Ein solcher Aufbau musste notwendigerweise zu Reibungen führen. Häufig waren Kompetenzbereiche nicht klar abgegrenzt; zur Entscheidung einer Angelegenheit war es notwendig, die verschiedensten Stellen zu hören und miteinander in Einklang zu bringen. Koordinator sollte der Kaiser sein — angesichts eines solchen Aufbaus wäre auch eine weit stärkere Persönlichkeit als Wilhelm II. es war, überfordert gewesen. Eine grundsätzliche Änderung wäre aber nur um den Preis der Einschränkung der Kommandogewalt möglich gewesen und damit ausgeschlossen.235 Denn einer der zugrundeliegenden Hintergedanken war ja, die Armee notfalls auch gegen das Parlament einsetzen zu können.236 Dieses Wirrwarr schuf allerdings für den einzelnen Offizier auch Freiräume, in denen er gefordert war, weil die oberen Stellen sich nur schwer einigen konnten. Dies scheint im Kontext der Julikrise der wichtigste Aspekt zu sein.

s.u.
Die Kaiserstandarte

War schon der Aufbau des preußischen Heeres kompliziert genug, so wurde der Aufbau der gesamten Streitkräfte des Deutschen Reiches durch die verschiedenen Bundeskontingente auch nicht gerade einfach gestaltet. Dem preußischen Teil hatten sich 22 Armeen der Bundesstaaten angeschlossen.237 Sie verzichteten dabei jedoch nicht vollständig auf ihre Rechte.238 Daneben gab es noch drei Armeen, die — im unterschiedlichen Ausmaß — ihre Eigenständigkeit bewahren konnten. Dies waren die sächsische, die württembergische und die bayerische Armee. Das Verhältnis zum preußischen Kontingent wurde durch Militärkonventionen geregelt, die die einzelnen Staaten mit Preußen geschlossen hatten.239 Die ersten beiden unterstanden schon im Frieden dem Kaiser.240 Das letztere unterlag der Befehlsgewalt des bayerischen Königs.241 Erst mit Ausspruch der Mobilmachung sollte sie unter den Befehl des Kaisers treten.242 Eine eigene Übereinkunft zwischen Bayern und Preußen sorgte auch in diesem Fall dafür, dass Bayern im Kriege entsprechend berücksichtigt wurde.243 Sowohl Württemberg und Sachsen als auch Bayern verfügten über ein eigenes Kriegsministerium.244 Diese drei Bundesstaaten hielten sich auch eine Militärverwaltung.245 Die Kontingentsarmeen unterhielten auch eigene Generalstäbe.246

Eine Sonderstellung nahm Elsaß-Lothringen ein. In dem Reichsland, das direkt vom Reich verwaltet wurde, dienten Truppen aller Kontingente.247 Dies machte eine komplizierte Regelung der Dienstverhältnisse bei den betreffenden Armeekorps notwendig, in denen versucht wurde, die Rechte der einzelnen Kontingente zu bewahren, ohne die Handlungsfähigkeit zu gefährden.248

s.u.
Die Hochseeflotte

Im Unterschied zum Heer war die Marine von Anfang an Reichssache.249 Damit entfiel eine Aufteilung in verschiedene Kontingente. Ein Grund für die Popularität, die die Flotte erringen konnte, war gerade ihr Nimbus als einigendes Symbol des Deutschen Reiches.250 Ähnlich wie beim Heer, war auch bei der Flotte die Monarchie bemüht, ihre Kommandogewalt zu erhalten.251 Dies führte ebenso wie bei der Armee zu einer wachsenden Dezentralisierung in der Organisation. So wurde 1898 das Oberkommando der Marine aufgelöst.252 Seine bisherigen Aufgaben wurden verschiedenen Immediatstellen zugeordnet. Dies waren der Staatssekretär des Reichsmarineamts, der Chef des Marinekabinetts, der Admiralstabschef, die Chefs der Nord- und Ostseestation, der Generalinspekteur der Marine, der Inspekteur des Bildungswesens, der Flottenchef, der Chef des Kreuzergeschwaders und die Kommandanten der außerhalb der heimischen Gewässer operierenden Schiffe.253

Der Staatssekretär des Reichsmarineamts (RMA) unterstand nominell als Teil der Reichsverwaltung dem Reichskanzler.254 Er zeichnete die Anordnungen des Kaisers gegen und war somit praktisch der Marineminister.255 Das RMA war für die Verwaltung und Rüstungsplanung der Marine zuständig.256 Den Marinehaushalt musste sein Chef vor dem Reichstag vertreten.257 Des Weiteren gehörte zum Zuständigkeitsbereich des RMA auch die Vorbereitung und Durchführung der Mobilmachung.258 Dabei bediente es sich der Mithilfe der Chefs der beiden Stationen.259 Durch die Besonderheit der Marine bedingt, hatte das RMA einen großen Einfluss auf alle Bereiche des Marinelebens. Da es für die Rüstung verantwortlich war, bestimmte das RMA somit schon über andere Dienststellen z. B. die Kriegsplanung, aber auch die Ausbildung. Denn diese mussten davon ab-hängen, welche Schiffe mit welchen Einsatzmöglichkeiten man zur Verfügung hatte. Somit war es die entscheidende Dienststelle im Aufbau der Marine.

So zeigen die Verhältnisse in beiden Teilstreitkräften dasselbe Bild: eine Vielzahl von mehr oder weniger gleichberechtigten Stellen, die fast ohne jegliche Koordination nebeneinander wirtschafteten. Galt dies nun schon für die Verhältnisse innerhalb der Teilstreitkräfte, um wie viel mehr mussten sich diese Probleme dann bei der Koordination von Armee und Flotte bemerkbar machen. Der Kaiser war derjenige, in dessen Person alles zusammenlief Reichsleitung, Heer und Marine.260 Wie bereits im Zusammenhang mit dem Heer bemerkt: Diese Aufgabe war nicht zu lösen.

anscar jansen “Der Weg in den Ersten Weltkrieg – Das deutsche Militär in der Julikrise 1914”, S. 50 . 55
Der Ernstfall August 1914

Der komplizierte Aufbau des Militärs und der dadurch verschachtelte Prozess der Meinungsbildung lässt es a priori als unwahrscheinlich erachten, dass das Militär als ganzes in der Julikrise von 1914 – als die Kacke am Dampfen war – eine homogene Politik entwickeln würde. Wir werden den Kriegsvorbereitungen, der Mobilmachung und den wichtigsten Daten der Julikrise in weiteren Beiträgen folgen.


Relevante Beiträge zu diesem Thema:

Die Entwicklung der Rüstung und Kriegsvorbereitung

Genesis und Analyse des Schlieffen – Plans

Der Moltke – Plan 1914 – Neue Dokumente


[ PDF – Anmerkungen und Literatur zu Jansen, No. 213 bis 252]


© John Vincent Palatine 2019

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Mata Hari – Die Unverzeihlichkeit der Promiskuität

Margareta Zelle, besser bekannt als “Mata Hari

Video [Englisch]


“… Ich hasse meine kleinen Brüste. Sie sind das, was die Männer zuerst anschauen – nach einer Sekunde lang oder zwei, um mein Gesicht zu betrachten, wandert ihr Blick immer auf meine Brüste, als ob sie bewerten wollten, wie viel Milch sie von dieser eigentümlichen Kuh erwarten können. Sie sehen sich auch mein Gesäß an, aber meine Brüste scheinen meine Visitenkarte zu sein, und sie lassen viel zu wünschen übrig, denke ich. Deshalb trage ich immer diese vergoldeten Brustschilder wenn ich tanze – wie Du weißt – und ich fürchte immer den Moment wenn ich sie im Bett abnehme. Ich versuche, von diesem gefürchteten Moment abzulenken indem ich die Initiative ergreife – Männer sind ja so glücklich, berührt zu werden. Und ich habe es immer geliebt, sie zu berühren, denn Männer waren mein Glück – und jetzt sind sie mein Verderben.“ [*Brief von Mata Hari aus dem Gefängnis an ihre Schwester Léonide, die auch bei ihrer Hinrichtung dabei war.]

Mata Hari beim Tanz

Margareta Zelle (7. August 1876 – 15. Oktober 1917), die unter ihrem Künstlernamen Mata Hari [Javanisch, „Mata (Auge) Hari (des Tages) (= Sonne)“)] bekannt wurde, war ein Superstar des erotischen Tanzes und in diesem Bereich die weltweit führenden Künstlerin in den Jahren bis zum und in den Ersten Weltkrieg hinein – bevor Josephine Baker ihr die Krone nahm. Sie liebte die Männer, vor allem solche in Uniform – von denen es damals jede Menge gab.

Das Kostüm für den Schleiertanz … unten in Farbe …

„Ich liebe Offiziere und habe sie mein ganzes Leben lang geliebt. Ich ziehe es vor, die Geliebte eines armen Offiziers zu sein als die eines reichen Bankiers. Es ist meine größte Freude, mit ihnen zu schlafen, ohne an Geld zu denken. Und außerdem ziehe ich gerne Vergleiche zwischen den verschiedenen Nationalitäten “.

Wir müssen hier darauf hinweisen, dass unsere Zitate der Dame einigermaßen genau und historisch belegt sind, denn ihr Charakter war in ihren Worten immer evident. Sie hatte eine schöne Handschrift und verfasste ihre eigenen Werbetexte. Sie war höflich, kultiviert und überraschend gebildet, äußerst charmant und liebte es. die Scharen von Interviewern und Reportern zu täuschen, die ihrem Klatsch folgten. Sie liebte ironische und zweideutige Aussagen, hatte einen scharfen Verstand und eine Gabe für denkwürdige und zitierfähige Aperçus . Die Zeitungen fraßen ihr aus der Hand. [Quelle (Englisch)]

Sie wuchs in einer gutbürgerlichen Familie in Leeuwarden in den Niederlanden auf. Die Lage änderte sich, als ihr Vater in im Jahre 1889 in Konkurs ging, als sie 13 Jahre alt war, und ein paar Jahre der Verwirrung folgten. Nachdem sie einmal halbnackt auf dem Schoß ihres Schuldirektors angetroffen worden war, war die Schule beendet. [Viele Informationen über diese Jahre auf der deutschen Wiki – Seite] Sie wuchs zu einem großen Mädchen heran – jedenfalls für die Zeit, mit 178 Zentimetern Größe – was sicherlich dazu beitrug, Eindruck zu machen.

Im Jahre 1894 antwortete sie auf eine Annonce von Rudolf MacLeod (1. März 1856 – 9. Januar 1928), einem Kapitän der niederländischen Kolonialarmee in Indonesien, der eine Frau suchte. „Officier traf verlof uit Indië zoekt meisje met läuft karakter traf het doel een huwelijk aan te gaan“ [ “Offizier, im Urlaub aus Holländisch-Indien sucht eine junge Frau von liebenswürdigem Charakter zu heiraten”]. Je weniger über die Ehe gesagt wird, umso besser. Sie gebar zwar einen Sohn und eine Tochter, aber der Sohn starb früh, möglicherweise von einem Diener vergiftet. Das Paar kehrte nach Amsterdam zurück und ließ sich am 30. August, 1902 scheiden. Zwar setzte das Gericht ein Kindergeld für die Tochter in der Höhe von 100 Gulden pro Monat fest, aber Rudolf fühlte sich leider nie in der Lage, dieser finanziellen Verpflichtung nachzukommen.

Dem Pleitegeier flüchtend, ging Margareta nach Paris – von einer Karriere als Mannequin oder Modell träumend. Sie scheiterte zuerst und kehrte zurück – aber dann hatte sie die Idee. Wir wissen nicht wirklich, wie und warum, aber sie erfand die Legende, eine ausgebildete, mystische, indonesische Tänzerin zu sein, vielleicht um unter diesem Alias mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen als die Scharen der anderen attraktiven und entgegenkommenden Damen, die die erotisch geladene Atmosphäre von Paris bevölkerten. Sie erfand ihren eigenen Schleiertanz, in der Art, wie ihn die Pariser Öffentlichkeit vor kurzem in Richard Strauss‘ Oper “Salome” gesehen hatte und der jedermann noch als großer Skandal in Erinnerung war. Die Herren – und Damen – der Haute Volée, besorgt um die Erhaltung der öffentlichen Moral der Hauptstadt, hatten die Opernhäuser geradezu belagert, um die künstlerische Zulässigkeit des Gebotenen beurteilen zu können. Einige der Herren mussten die Vorführung mehr als nur einmal besuchen, um zu den korrekten moralischen Schlussfolgerungen zu kommen.

Das Problem war natürlich, dass der Schleiertanz als künstlerischer Ausdruck kein spezifischer Tanz war – er hatte keine Geschichte oder Tradition, keinen kulturellen Hintergrund. Er wurde gerade so zu dieser Zeit populär, vor allem durch die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller, die ein sensationelles Debüt im Dezember 1892 in der Folies Bergère feierte; mit Tänzen gehüllt in Lichtprojektionen und speziellen Kostümen, die sie ein Jahr später in Paris und London praktisch patentierte. Ein paar Jahre später folgte die kanadische Maud Allan in ihren Fußstapfen – alle von ihnen inspiriert von der großen Isadora Duncan .

Am Anfang hatte Margareta Schwierigkeiten; sie konnte sich keine Lichtprojektoren leisten, das Personal dazu oder spezielle Kostüme, und zunächst mussten ihre natürlichen Talente genügen. Solche Talente hatte sie zweifellos, und vielleicht half es, dass ihre Legende als indische bzw. indonesische Tempeltänzerin vom Publikum aufgrund eines Mangels an Wissen nicht wirklich überprüft werden konnte.

Aber sie war keck, flott, frech, und munter, ein echter Flirt und ihres Körpers, den sie nach Belieben zur Schau stellte, sehr bewusst. Ausgestattet mit solchen weiblichen Massenvernichtungswaffen, dauerte es nicht lange, bevor sie ein ausgelassenes Debüt im Musée Guimet am 13. März 1905 feierte, dessen Gründer und Hauptsponsor, der Industrielle und Millionär Émile Guimet sie auf der Stelle zur Geliebten nahm.

Der Wettbewerb in erotischem Tanz in Paris war geradezu mörderisch, und Margareta entwickelte ihren Akt weiter. Ihr Geliebter, M. Guimet, hatte einen Regierungsauftrag erhalten, die Religionen des Fernen Ostens für sein Museum zu studieren, und in ihrer “Verkleidung als javanischer Prinzessin aus einer priesterlichen Hindu-Familie fiel ihre Story, in der Kunst des heiligen indischen Tanzes seit ihrer Kindheit ausgebildet worden zu sein, somit auf fruchtbaren Boden. Sie wurde in dieser Zeit des Öfteren nackt oder fast nackt fotografiert. Einige dieser Bilder erreichten MacLeod und halfen seinem Antrag, das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter zu erhalten. Sie brachte einen sorglosen und provokativen Stil auf die Bühne, der breite Anerkennung fand. Das am meisten gefeierte Segment ihres Auftritts war das schrittweise Abstreifen ihrer Kleider, bis sie nur noch einen juwelenbesetzten Brustschild und einige Verzierungen an ihren Armen und auf dem Kopf trug. Sie wurde nie ohne BH gesehen, da sie sich als zu kleinbrüstig empfand. Sie trug bei ihren Auftritten einen Körperstrumpf ähnlich der Farbe ihrer Haut. “[ Quelle: Wiki]

In Amsterdam, 1915

Ihre Kommentare waren offen, frivol und unterhaltsam …

„Ich nahm den Zug nach Paris ohne Geld und ohne Kleider, wo ich, als letztes Mittel und dank meiner weiblichen Reize, in der Lage war zu überleben. Dass ich mit Männern schlief, ist wahr; dass ich für Skulpturen posierte, ist wahr; dass ich in der Oper in Monte Carlo tanzte, ist wahr. Es ist unter meiner Würde und wäre zu feige, mich gegen solche Handlungen zu verteidigen, die ich begannen habe. …

Mein Tanz ist ein Gedicht, von denen jedes Wort ein Satz ist. … In meinem Tanz vergisst man in mir die Frau, sodass, wenn ich alles und schließlich mich selbst Gott darbiete – was durch das Lösen meines Lendenschurzes symbolisiert wird, des letzten Stücks Kleidung das ich anhabe – und dann, wenn auch nur für einen Moment, ganz nackt dastehe, noch nie ein anderes Gefühl evozierte habe als das Interesse an der Stimmung, die durch diesen meinen Tanz zum Ausdruck kommt.

http://quodid.com/quotes/6885/mata-hari/the-dance-is-a-poem-of-which-each

Die Pariser waren hin und weg …

„Eine große dunkle Gestalt schwebt herein. Kräftig, braun, heißblütig. Ihr dunkler Teint, ihre vollen Lippen und glänzenden Augen zeugen von weit entfernten Landen, von sengender Sonne und tropischem Regen. Sie wiegt sich unter den Schleiern, die sie zugleich verhüllen und enthüllen. […] Das Schauspiel läßt sich mit nichts vergleichen, was wir je gesehen haben. Ihre Brüste heben sich schmachtend, die Augen glänzen feucht. Die Hände recken sich und sinken wieder herab, als seien sie erschlafft vor Sonne und Hitze. […] Ihr weltlicher Tanz ist ein Gebet; die Wollust wird zur Anbetung. Was sie erfleht, können wir nur ahnen […] Der schöne Leib fleht, windet sich und gibt sich hin: es ist gleichsam die Auflösung des Begehrens im Begehren.“

– Marcel Lami im „Courrier Français“ [Kupferman: Mata Hari: songes et mensonges. S. 23]

Ebenso die Wiener:

Isadora Duncan ist tot, es lebe Mata Hari! Die Barfußtänzerin ist vieux jeu, die Künstlerin up to date zeigt mehr […] Mata Haris Tänze seien ein Gebet … der Inder tanzt, wenn er die Götter ehrt. Mata Hari selbst tritt gemessenen Schrittes ein. Eine junonische Erscheinung. Große, feurige Augen verleihen ihrem edel geschnittenen Gesicht besonderen Ausdruck. Der dunkle Teint – offenbar Erbstück von Großpapa Regent – kleidet sie prächtig, eine exotische Schönheit ersten Ranges. Ein weißes faltiges Tuch hüllt sie ein, eine rote Rose schmückt das tiefschwarze Haar. Und Mata Hari tanzt […] Das heißt: sie tanzt nicht. Sie verrichtet ein Gebet vor dem Götzenbild, wie ein Priester den Gottesdienst. […] Unter dem Schleier trägt die schöne Tänzerin auf dem Oberkörper einen Brustschmuck und einen Goldgürtel … sonst nichts. Die Kühnheit des Kostüms bildet eine kleine Sensation. Doch nicht der leiseste Schein der Indezenz… Das, was die Künstlerin im Tanze verrät, ist reinste Kunst. Der Tanz schließt mit dem Sieg der Liebe über die Zurückhaltung […] der Schleier fällt. Mächtiger Beifall ertönt. Schon aber ist Mata Hari verschwunden.“

Neues Wiener Journal vom 15. Dezember 1906 [Kupferman: Mata Hari: songes et mensonges. S. 23]

Sie hat auch geholfen, die öffentliche Akzeptanz exotischer Tänzerinnen zu steigern. Sie war die erste ihres Berufes, die in der hohen Gesellschaft akzeptiert wurde, nicht so sehr aufgrund für ihre Tanzkünste (die nicht so überragend waren, sagten einige), aber wegen ihrer Person, ihrer Nutzung der Medien, einschließlich ihrer pikanten Fotos – in gewisser Weise war sie eine Vorläuferin mancher heutiger Prominenten, die aufgrund ihrer Prominenz berühmt sind, nicht aufgrund von Fähigkeiten oder Verdiensten.

Ihre Biographen liebten es, Äußerungen von vernarrten Reportern und/oder Liebhabern zu zitieren, die sie als “katzenartig, sehr feminin, majestätisch und tragisch, die Kurven und Bewegungen ihres Körpers in tausend Rhythmen zitternd“, beschrieben oder als „ schlank und groß , mit der flexiblen Gnade eines wildes Tieres, mit blauschwarzen Haaren“ und dass ihr Gesicht “einen seltsamen fremden Eindruck” mache … [Émile Guimet]

Doch bald traten ganze Legionen von Nachahmer auf und ihr Akt verlor langsam das Geheimnisvolle, das seine Stärke gewesen war. Apostel der öffentlichen Sittlichkeitswahrung klagten sie wegen billigen Exhibitionismus an – etwas unlogisch, obwohl ihr Exhibitionismus wahrhaft billig war im Vergleich zu den Ausgaben derjenigen Herren, denen es erlaubt wurde, ihren Arm oder vielleicht auch andere Teile ihrer Anatomie zu halten …

In jüngerer Zeit hat sich in Bezug auf ihre Sexualität eine Diskussion etabliert, die sich auf die weltbewegende Frage konzentriert, ob sie bisexuell war – was sie wahrscheinlich war – und warum auch nicht? Dass diese Diskussion nicht früher aufkam, ist vielleicht der zunehmenden Freiheit, in der solche Fragen heute diskutiert werden, geschuldet, oder unserem ewigen Interesse an Klatsch.

Alla Nazimova

Es ist bekannt , dass sie manchmal in Militäruniformen Cross-Dressing betrieb und wir haben einen etwas problematischen Artikel dazu gefunden (ein Mangel an Quellen). Also wie auch immer, hier ist er, von einer Fandom Seite [Link]:

„Mata Haris eigene Orientierung kann in der Kontroverse von einiger Bedeutung sein. Mata Hari hatte unzählige männliche Liebhaber, und sie scheint wohl überwiegend heterosexuell gewesen zu sein. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sie es nicht ausschließlich war. Viele von Mata Hari Geliebten waren Offiziere, und sie selbst genoss es manchmal, sich in Uniform aufzuputzen. Von Mata Hari und der russischen Schauspielerin Alla Nazimova wurde gesagt , dass sie ein Liebespaar waren, obwohl sie sich vielleicht niemals getroffen haben.

Genauso wie Männer, fanden sicherlich Frauen Mata Hari ebenfalls attraktiv und wurden von ihren nackten Tänzen stimuliert. Natalie Clifford Barney, eine reiche amerikanische Expatriatin, war eine bekannte Gastgeberin im Paris der Belle Epoque. Barney, bekannt als „Amazone“, war auch das Zentrum eines künstlerischen lesbischen/bisexuellen Kreises, der die Schriftsteller Colette (Sidonie-Gabrielle Colette) und Renee Vivien und die Schauspielerin und Prostituierte Liane de Pougy umfasste. Barney hatte ein Haus in Neuilly mit einem großen Garten, und sie und ihre Freunde veranstalteten auf der dortigen Bühne gerne Amateurtheater und Tänze mit lesbischen Themen. Als sie Mata Hari traf, war Barney sofort beeindruckt und engagierte sie, in ihrem Haus zu tanzen. Mata Hari gab dort mindestens drei nackte Aufführungen (einer davon zu Pferd als Lady Godiva) bei Barneys Gartenfesten. Bei einer dieser Vorführungen, bestand Mata Hari selbst darauf, dass nur Frauen eingeladen wurden. Colette, die damals um ihre eigene Karriere als Nackttänzerin kämpfte, war Mata Hari stark abgeneigt, und beneidete sie um ihren ihren Erfolg. Trotzdem stellte Colette große Bemühungen an, Mata Hari tanzen zu sehen, und war von ihren Beinen, Gesäß und Torso beeindruckt.

s.u.
Colette

Colette schrieb, dass bei einer von Mata Haris Aufführungen in Barneys Haus: “das männliche und einen guter Teil des weiblichen Publikums an die Grenze der anständigen Aufmerksamkeit geführt wurde“. Die amerikanische lesbische Schriftstellerin Janet Flanner wurde eine enger Freundin von Barney nach dem Krieg und sprach auch mit vielen von Barney Freundinnen, die Mata Haris Aufführungen erlebt hatten. Von ihren nackten Tänzen sagte Flanner, dass „Mata Hari die einzige Frau dieser Art von außergewöhnlichem Stil war. Sie war eine Frau, die allem gewachsen war“. Mata Hari blieb ein Teil von Barneys Kreis und traf sich häufig mit Barney und ihren Freundinnen zum Mittagessen. Barney trug „Amazonen”-Kleider in männlichem Stil und Mata Hari trug oft ähnliche Outfits während ihrer Ausritte. Flanner, zufolge bekam Mata Hari ein brandneues „Amazonen“ Kleid von Barney kurz vor ihrer Hinrichtung geschenkt und trug es, als sie erschossen wurde.

s.u.
Natalie Clifford Barney

Natalie Barney hatte einen legendären sexuellen Appetit, und sie genoss die Herausforderung der Verführung. Janet Flanner bestritt später, dass Barney und Mata Hari Liebhaber gewesen waren, obwohl Barney so viele Sexualpartner hatte, dass weder sie noch sonst jemand den Überblick behalten konnte, und sie bezeichnete die weniger wichtigen einfach als „Abenteuer“. In Anbetracht ihrer Verbindung mit Barney und ihren Freundinnen, und davon, was wir über Mata Haris abenteuerlicher und unkonventioneller Art wissen, ist es durchaus möglich, dass sie mit Frauen zumindest sexuell experimentierte. Viele sekundären Quellen führen sie mittlerweile als bisexuell, und sie eine beliebte lesbische Ikone worden sind. Wie in vielen solcher Fällen ist jedoch die wirkliche Beweislage weit von schlüssig entfernt.

s.u.

Nachdem sie sicher tot war, kritisierten Barney, Colette und Pougy Mata Hari alle hart. Sie sagten auch, sie hätten sie nie attraktiv gefunden. Das war eine merkwürdige Behauptung angesichts des Umstandes, dass Mata Hari dreimal für sie nackt getanzt hatte. Unattraktivität hätte ihr wohl kaum zwei Rückeinladungen in Barneys Haus eingebracht.“

https://readordie.fandom.com/wiki/Mata_Hari
Renee Vivien

Wie dem auch sei, aufgrund des ansteigenden Wettbewerbs und des langsamen Verblühens der Jugend (ein paar Pfund hatte sie auch zugelegt), tanzte sie immer weniger – das letzte Mal am 13. März, 1915, soweit wir wissen – sondern konzentrierte sich auf ihre internationale Karriere als Kurtisane. Sie wurde mit jeder Menge von hochrangigen Militärs gesehen – immer noch ihre Lieblingsbegleiter, sondern auch mit Politikern, Industriellen und dergleichen.

Sie selbst hatte sich trotzdem nicht sehr verändert, aber mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs veränderte sich die Welt um sie herum. Wir wissen, dass die Wahrheit immer das erste Opfer des Krieges ist, und eine fast universelle Angst vor ausländischen Spione kam über Europa. Eine Frau, die Liebhaber in vielen Ländern hatte und frei – als niederländischen Staatsbürgerin war sie neutral – in Länder reisen konnte, deren Einwohnern man sicherlich alle Arten von bösartigen Absichten gegen friedliebende Franzosen unterstellen konnte – wurde von vielen als Sicherheitsrisiko betrachtet.

Die Spionagebesessenheit des großen Krieges ist eigentlich fast einen eigenen Beitrag wert. Jedes Land – ob im Krieg oder nicht – verhaftete pausenlos vermutete feindliche Spione, von denen viele so geschickt getarnt waren, dass sie entweder Analphabeten waren, nicht die Sprache ihrer Auftraggeber beherrschten und keinen Kontakt mit dem Militär hatten.

Vadim Maslov

Im Frühjahr 1916 hatte Russland ein 50.000 Mann starken Expeditionskorps zur Unterstützung der Alliierten an die Westfront geschickt, und einer ihrer Piloten, ein 23-jähriger Kapitän, errang die Aufmerksamkeit – und das Herz – unserer Heldin. Sein Name war Vadim Maslov, und er war über der Westfront im Frühjahr 1916 abgeschossen und verwundet worden. Mata nannte ihn „die Liebe ihres Lebens“. In dem Absturz hatte Maslov seine Sehkraft in beiden Augen verloren, und Mata Hari bat um die Erlaubnis, ihren verwundeten Liebhaber in seinem Krankenhaus in der Nähe der Front zu besuchen. Die Erlaubnis wurde schließlich gewährt, und sie besuchte ihn, nur um mit Agenten des französischen Deuxième Bureaus, des militärischen Nachrichtendienstes, konfrontiert zu werden, die ihre Erlaubnis des Besuchs von Madames zukünftiger Mitarbeit als Militärspion für Frankreich abhängig machten.

Mata Hari und Maslov

Es war allgemein bekannt, und absolut kein Geheimnis, militärische oder sonst wie, dass Mata Hari mehrmals in Friedenszeiten vor dem deutschen Kronprinz Wilhelm getanzt hatte, dem ältesten Sohn von Kaiser Wilhelm II, der nominell Kommandant der Heeresgruppe Kronprinz war und speziell der Befehlshaber der 5. Armee . Für einen militärischen Nachrichtendienst war jedoch das Deuxième Bureau auf tragische Weise uninformiert dass der gute Kronprinz nur ein Aushängeschild für die deutsche Kriegspropaganda war, ein Säufer und Schürzenjäger, der minimalen Einfluss auf den Krieg hatte, geschweige denn militärische Geheimnisse hütete. Völlig ahnungslos von der Wirklichkeit bot das Bureau Frau Zelle eine Million Francs an, wenn sie ihn verführen konnte, um sein Gehirn zu melken. Halten wir hier fest: Es waren die Franzosen, die zuerst auf diese völlig blödsinnige Idee kamen.

Die Tatsache, dass der Kronprinz vor 1914 nie eine Einheit größer als ein Regiment befohlen hatte, und nun angeblich gleichzeitig sowohl eine Armee und als eine ganze Armeegruppe befehligte, sollte den Franzosen Hinweis genug gewesen sein, dass seine Rolle in der deutschen Entscheidungsfindung lediglich nominal war.

Zelles Kontakt mit dem Deuxième Bureau war Kapitän Georges Ladoux, der sich später als einer ihrer Hauptankläger entpuppte. Im November 1916 reiste sie mit einem Dampfer von Spanien aus, der an dem britischen Hafen von Falmouth anlegte.

Dort wurde sie verhaftet und nach London gebracht, wo sie von Sir Basil Thomson, Assistant Commissioner bei New Scotland Yard, verantwortlich für Gegenspionage, verhört wurde. Er berichtete darüber in seinem Buch “Queer People” von 1922, dass sie zugab, für das Deuxième Bureau zu arbeiten. Zunächst in der Cannon Street Polizeistation eingesperrt, wurde sie dann im Hotel Savoy untergebracht und blieb dort. Eine vollständige Abschrift des Interviews befindet sich in den britischen National Archives und wurde – Mata Hari gespielt von Eleanor Bron – von der unabhängigen Station LBC im Jahre 1980 gesendet.

Es ist unklar, ob sie bei dieser Gelegenheit log, vielleicht um ihre Geschichte faszinierender klingen zu lassen, oder ob die Franzosen sie tatsächlich angeheuert hatten, dies aber aus Verlegenheit, Peinlichkeit oder aus Furcht vor internationalen Schwierigkeiten nicht zugeben wollten.

https://en.wikipedia.org/wiki/Mata_Hari

Es schaut eher so aus, dass das Deuxième Bureau sie der Leine hatte, ihre Beziehung zu Maslov ausnutzend. Sie wurde Ende 1916 in das neutrale Madrid geschickt, angeblich um sich mit dem lokalen deutschen Militärattaché, einem Hauptmann Arnold Kalle zu treffen, und ihn um ein Treffen mit dem Kronprinzen zu bitten – vielleicht um ihm eventuelle militärische Geheimnisse über Frankreich anbieten (die sie sicherlich nicht besaß). Während die Franzosen vielleicht noch Illusionen über ihre möglichen Fähigkeiten als Spionin gehegt haben mochten, hatten die Deutschen sicherlich keine.

Im Januar 1917, übermittelte Hauptmann Kalle Funkmeldungen nach Berlin und beschrieb darin die hilfreichen Aktivitäten einer deutschen Spionin mit dem Codenamen H-21, deren Biographie so eng auf Zelle abgestimmt war, dass es ganz offensichtlich war, dass Agent-H-21 nur Mata Hari sein könne. Die Deuxième Bureau fingen die Nachrichten ab, und aus den darin enthaltenen Informationen, identifizierten sie H-21 als Mata Hari.

Diese Nachrichten waren in einem Code, von dem die deutsche Aufklärung bereits wusste, dass er schon von den Franzosen entschlüsselt worden war, was darauf hindeutet, dass diese Nachrichten das Ziel hatten, Zelle von den Franzosen verhaften zu lassen. General Walter Nicolai , der Chef des Nachrichtendienstes der Armee war sehr verärgert, dass Mata Hari den Deutschen keine brauchbaren Informationen geliefert hatte – Geheimnisse, die diesen Namen verdienten – sondern lediglich Pariser Klatsch über das Sexualleben von französischen Politikern und Generälen und beschlossen, ihre Tätigkeit zu beenden, indem sie den Franzosen gegenüber als deutschen Spion aufdeckten.

Im Dezember 1916 überließ das Deuxième Bureau des Französischen Kriegsministeriums Mata Hari die Namen von sechs belgischen Agenten. Fünf davon standen bereits unter Verdacht, gefälschtes Material zu liefern und für die Deutschen zu arbeiten , während der sechste ein Doppelagent zu sein schien, der wohl für Deutschland und Frankreich tätig war. Zwei Wochen nachdem Mata Hari Paris für die Reise nach Madrid verlassen hatte, wurde der Doppelagent von den Deutschen hingerichtet, während die fünf anderen ihre Operationen fortsetzten. Diese Ereignisse dienten dem Deuxième Bureau als Beweis, dass Mata Hari die Namen der sechs Spione waren den Deutschen mitgeteilt hatte.

HTTPS://EN.WIKIPEDIA.ORG/WIKI/MATA_HARI

Technisch gesehen verbrannten die Deutschen sie aufgrund ihrer Nutzlosigkeit, aber die Franzosen waren nicht in der Lage, diese offensichtliche Schlussfolgerung nachzuvollziehen – oder wollten sie nicht? Welche französischen militärischen Geheimnisse könnte Frau Zelle in Spanien von einem rangniederen deutschen Major erfahren haben (denn hätte sie solche vorher besessen, hätte man sie ja gar nicht aus Frankreich herauslassen dürfen), und hätte der Major nicht Berlin von diesen großen Geheimnissen informiert? Der Fall von Frau Zelle war ganz offensichtlich nicht von tieferer Bedeutung für die Sicherheit der französischen Armee, aber in der psychologisch verzweifelten Situation von 1917 könnte er vielleicht einem anderen, patriotischen Zweck dienen.

In vielerlei Hinsicht war die Mitte von 1917 der tiefste Punkt des Krieges für das Land; nach dem Scheitern der Nivelle-Offensive erfolgten im Frühjahr 1917 die großen Meutereien der Französischen Armee und eine Welle von Streiks lähmte das Land. Für die neue Regierung unter Georges Clemenceau – im Amt seit Juli – schien der Fall von Mata Hari eine große Gelegenheit aufzutun, vieles von den Problemen, die das Land beutelten, Verrat in die Schuhe zu schieben, und solch ein verruchter deutscher Spion war ein von Gott gesandter Sündenbock. Der Fall wurde in der Presse maximal aufgeblasen.

Am 13. Februar 1917 wurde sie in ihrem Zimmer im Hotel Elysée Palace auf den Champs Elysées in Paris verhaftet. Elf Tage später wurde sie wegen Spionage für Deutschland vor Gericht gestellt und angeklagt, dadurch den Tod von 50.000 oder mehr französischen Soldaten verursacht zu haben.

Anfangs gab es ein paar Problemchen. Es gab kein einziges Dokument, dessen Verrat die Anklage unterstützen konnte. Nicht ein einziges Dokument, geheim oder nicht, wurde eingebracht, dessen Verrat Fräulein Zelle nachgewiesen werden konnte. Eine Flasche einer fremdartigen Flüssigkeit war in ihrem Hotelzimmer, gefunden und vom Staatsanwalt als Geheimtinte bezeichnet worden, aber Frau Zelle bezeichnete es als Teil ihres Make-ups und das Gegenteil konnte nicht bewiesen werden. Es war richtig, dass die Anklage viele der geheimen kleinen Lügen aufdeckte, sie in ihrer Erfindung der Legende von Mata Hari benutzt hatte, die Tänze, Kulte, Religion, etc., aber das war nicht illegal und niemand war davon überrascht – außer dass es sehr nützlich für den detaillierten Rufmord war, mit dem sich die Staatsanwaltschaft mangels Beweismaterial beschäftigte. Sie gab zu, dass sie einmal 20.000 Francs von einem deutschen Offizier angenommen hatte, zwecks Spionage gegen Frankreich; aber sie hatte weder Geheimnisse besessen noch ausgeforscht, und nichts davon konnte die Staatsanwaltschaft beweisen und Geld für Nicht-Spionieren anzunehmen war auch nicht illegal.

Staatsanwaltschaft und Gericht änderten die Taktik:

Ihr Verteidiger, der erfahrene internationale Verteidiger Édouard Clunet, wurde mit schier unlösbaren Beschränkungen konfrontiert; er erhielt weder die Erlaubnis, die Zeugen der Anklage ins Kreuzverhör nehmen noch seine eigenen Zeugen direkt zu befragen. Bouchardons [der Staatsanwalt, FN1] benutzte die Tatsache, dass Zelle eine Frau war, als Beweis für ihre Schuld; er sagte: „Ohne Skrupel, und daran gewöhnt Männern auszunutzen, ist sie genau die Art von Frau, die dazu geboren ist, eine Spionin zu sein.“

Mata Hari selbst gab im Verhör zu, Geld für die Arbeit als deutschen Spionin genommen zu haben. Es wird von einigen Historikern behauptet [und scheint so, in Anbetracht der dünnen Beweislage (Anmerkung des Verfassers)], dass Mata Hari lediglich das Geld der Deutschen genommen habe, ohne tatsächlich irgendwelche Spionage auszuführen. Bei ihren Verhören bestand Zelle vehement auf ihren Sympathien mit den Alliierten und erklärte ihre leidenschaftliche Liebe zu Frankreich, ihrem adoptierten Heimatland. 

Im Oktober 2001 veröffentlichte Dokumente aus den Archiven des MI5 (Britische Spionageabwehr) wurden von einer holländischen Gruppe, der Mata-Hari Stiftung, verwendet, um die französische Regierung zu bitten, Zelle im Nachhinein freizusprechen, indem sie argumentierten, dass die MI5-Dateien schlüssig bewiesen dass sie nicht schuldig im Sinne der Anklage war. Ein Sprecher von der Mata Hari Stiftung argumentierte, dass Zelle allerhöchstens ein Spion des untersten Levels gewesen sein konnte, der auf beiden Seiten weder Geheimnisse besessen noch verraten hatte: „Wir glauben, dass es genügend Zweifel an den Unterlagen gibt, die verwendet wurden, sie zu verurteilen, dass es gerechtfertigt wäre, das Verfahren wiederaufzunehmen. Vielleicht war sie nicht komplett unschuldig, aber es scheint klar, dass sie nicht der Meister-Spion war, der Tausende von Soldaten in den Tod schickte, wie es behauptet wurde.“

HTTPS://EN.WIKIPEDIA.ORG/WIKI/MATA_HARI

[FN1] Pierre Bouchardon war ein berüchtigter Staatsanwalt und Richter, der die Identifizierung und Verfolgung von deutschen Spionen – die er überall vermutete – zu seiner patriotischen Pflicht gemacht hatte.

In der erhitzten Atmosphäre des Krieges waren ihr Schuldspruch und die anschließende Verhängung der Todesstrafe eine ausgemachte Sache, und sie wurde kurz vor der Dämmerung des 15. Oktober 1917 im Alter von 41 Jahren von einem Erschießungskommando aus zwölf französischen Soldaten hingerichtet. Sie trug keine Handschellen, verweigerte die Augenbinde, und, wie es erzählt wird, warf ihren Mördern im Augenblick ihres Todes eine Kusshand zu.

Die Hinrichtung
Nachgestellte Szene aus einem Film

Es bleibt sehr fraglich, ob sie in irgendeiner Art überhaupt jemals spionierte. Ihr ganzes Leben lang erhielt sie Geld von Bewunderern, und ob die 20.000 Francs von einem Deutschen irgendeine Differenz ausgemacht hätten, bleibt mehr als fraglich. „Während des gesamten Verfahrens bestand Zelle vehement darauf, dass ihre Sympathien den Alliierten gehörten und erklärte ihre leidenschaftliche Liebe zu Frankreich, ihrer angenommenen Heimat.“ (Wiki, siehe oben)

Als ungeübte Anfängerin wäre sie nie an Informationen von wirklichem Wert gekommen. Stattdessen, wie die Aufzeichnungen, die nun ans Licht gekommen sind, zeigen, war Mata Hari ein Sündenbock, gezielt ausgewählt wegen ihrer ewigen Promiskuität, ihres exotischen Reizes und ihres Trotzes gegenüber den gesellschaftlichen Normen des Tages.

HTTPS://WWW.SMITHSONIANMAG.COM/SMART-NEWS/REVISITING-MYTH-MATA-HARI-SULTRY-SPY-GOVERNMENT-SCAPEGOAT-180967013/

Am Ende wurde sie das Opfer der Männer, die sie so liebte. Ihre Unterlagen sollen 2017 freigegeben worden sein – Updates folgen also eventuell.


Galerie


(© John Vincent Palatine 2019) * Der Brief aus dem Gefängnis ist fiktiv. Der deutsche Wikipedia-Artikel ist sehr zu empfehlen!

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August und September 1914 im Westen

Situation am 5. September 1914

Die folgende GIF – Datei zeigt den Verlauf der deutschen Offensive an der Westfront vom 4. August bis zum 20. September, die Marneschlacht und den folgenden Rückzug zur Aisne. Original bei giphy.com.


(© John Vincent Palatine 2019)

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Der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt

Abdruck in der Iswestija am 18.09.1939

Im Moskauer Kreml wird am 23.8.1939 ein Nichtangriffsvertrag zwischen dem deutschen Reich und der UdSSR unterzeichnet. Nach der Unterzeichnung im Gespräch, Joseph Stalin und der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop.

Die unten abgebildete Originalkarte ist die geographische Umsetzung des geheimen Zusatzprotokolls des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes, auch Molotow-Ribbentrop-Pakt bzw. Hitler-Stalin-Pakt genannt, der in der Nacht vom 23. zum 24. August 1939 in Moskau von dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow, dem sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten im Beisein Josef Stalins und des deutschen Botschafters Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg unterzeichnet wurde.

Treffen Molotov und Ribbentrop

“Für den Fall einer politisch-geographischen Umgestaltung Europas” sah das Protokoll die Aufteilung Osteuropas in deutsche und russische Interessensphären vor – im Falle des Baltikums inklusive Finnland sollten Lettland, Estland und Finnland in der sowjetischen Interessensphäre liegen, Litauen in der deutschen. Polen wurde ziemlich genau entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San zwischen Deutschland und der UdSSR halbiert und Bessarabien an Russland konzediert.

Originalkarte mit den Signaturen Ribbentrops und Stalins mit dem geplanten Grenzverlauf
Deutsche Ausfertigung des Zusatzprotokolls, mit den originalen Unterschriften
Letzte Seite der russischen Ausfertigung
Veröffentlichung im Reichsgesetzblatt am 25. September 1939

Die geplante “Umgestaltung” Europas begann am 1. September 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen – die Sowjets nahmen ab dem 17. September teil und rückten ihrerseits in Ostpolen ein. In der Realität ergaben sich später geringfügige Abweichungen von den vorher ausgemachten Grenzen, die die folgende Grafik zeigt:

In der praktischen Durchführung ergaben sich einige Abweichungen
Treffen deutscher und sowjetischer Truppen in Lublin (Polen) am 22. September 1939
Die Presse hatte ihren Spaß – Karikatur im britischen “Evening Standard”.

Obwohl der Pakt ein harter und unerwarteter Schock für die Weltpresse und Weltpolitik war, ist es immer noch weitgehend unbekannt, dass er vom Auswärtigen Amt viele Monate lang heimlich vorbereitet wurde. Während das AA – nach dem Krieg – die Legende aufrechterhalten wollten, dass sie nur ihren Job gemacht hätten und mit Sicherheit keine Nazis waren, sind ihre Bemühungen gut dokumentiert und der Autor hat die Unterlagen im Avalon-Projekt an der Yale Law School and University lokalisiert. Sie werden der Gegenstand eines späteren Beitrags sein.

Hier ein Auszug aus den Avalon-Akten – Ribbentrops Telegramm an den deutschen Botschafter Schulenburg in Moskau vom 14. August 1939, das Stalin über seinen Wunsch nach einem Treffen informierte [Übersetzung folgt].

Ribbentrop bei der Unterschrift

Über den Zweck und die Ziele der Konferenz bestand bereits vor ihrer Einberufung Einigkeit, wie das Telegramm Nr. 199 des deutschen Botschafters in Moskau, Schulenburgs, vom 21. August bestätigt: Telegramm 199

Die schriftliche Zusammenfassung der Konferenz, von Botschaftsrat Henke:

Memorandum of a Conversation Held on the Night of August 23d to 24th, Between the Reich Foreign Minister, on the One Hand, and Herr Stalin and the Chairman of the Council of People’s Commissars Molotov, on the Other Hand

VERY SECRET!
STATE SECRET

The following problems were discussed:

1) Japan:

The REICH FOREIGN MINISTER stated that the German-Japanese friendship was in no wise directed against the Soviet Union. We were, rather, in a position, owing to our good relations with Japan, to make an effective contribution to an adjustment of the differences between the Soviet Union and Japan. Should Herr Stalin and the Soviet Government desire it, the Reich Foreign Minister was prepared to work in this direction. He would use his influence with the Japanese Government accordingly and keep in touch with the Soviet representative in Berlin in this matter.

HERR STALIN replied that the Soviet Union indeed desired an improvement in its relations with Japan, but that there were limits to its patience with regard to Japanese provocations. If Japan desired war, it could have it. The Soviet Union was not afraid of it and was prepared for it. If Japan desired peace-so much the better! Herr Stalin considered the assistance of Germany in bringing about an improvement in Soviet-Japanese relations as useful, but he did not want the Japanese to get the impression that the initiative in this direction had been taken by the Soviet Union.

The REICH FOREIGN MINISTER assented to this and stressed the fact that his cooperation would mean merely the continuation of talks that he had for months been holding with the Japanese Ambassador in Berlin in the sense of an improvement in Soviet-Japanese relations. Accordingly, there would be no new initiative on the German side in this matter.

2) Italy:

HERR STALIN inquired of the Reich Foreign Minister as to Italian aims. Did not Italy have aspirations beyond the annexation of Albania-perhaps for Greek territory? Small, mountainous, and thinly populated Albania was, in his estimation, of no particular use to Italy.

The REICH FOREIGN MINISTER replied that Albania was important to Italy for strategic reasons. Moreover, Mussolini was a strong man who could not be intimidated.

This he had demonstrated in the Abyssinian conflict, in which Italy had asserted its aims by its own strength against a hostile coalition. Even Germany was not yet in a position at that time to give Italy appreciable support.

Mussolini welcomed warmly the restoration of friendly relations between Germany and the Soviet Union. He had expressed himself as gratified with the conclusion of the Non-aggression Pact.

3) Turkey:

HERR STALIN asked the Reich Foreign Minister what Germany thought about Turkey.

The REICH FOREIGN MINISTER expressed himself as follows in this matter: he had months ago declared to the Turkish Government that Germany desired friendly relations with Turkey. The Reich Foreign Minister had himself done everything to achieve this goal. The answer had been that Turkey became one of the first countries to join the encirclement pact against Germany and had not even considered it necessary to notify the Reich Government of the fact.

HERREN STALIN and MOLOTOV hereupon observed that the Soviet Union had also had a similar experience with the vacillating policy of the Turks.

The REICH FOREIGN MINISTER mentioned further that England had spent five million pounds in Turkey in order to disseminate propaganda against Germany.

HERR STALIN said that according to his information the amount which England had spent in buying Turkish politicians was considerably more than five million pounds.

4) England:

HERREN STALIN and MOLOTOV commented adversely on the British Military Mission in Moscow, which had never told the Soviet Government what it really wanted.

The REICH FOREIGN MINISTER stated in this connection that England had always been trying and was still trying to disrupt the development of good relations between Germany and the Soviet Union. England was weak and wanted to let others fight for its presumptuous claim to world domination.

HERR STALIN eagerly concurred and observed as follows: the British Army was weak; the British Navy no longer deserved its previous reputation. England’s air arm was being increased, to be sure, but there was a lack of pilots. If England dominates the world in spite of this, this was due to the stupidity of the other countries that always let themselves be bluffed. It was ridiculous, for example, that a few hundred British should dominate India.

The REICH FOREIGN MINISTER concurred and informed Herr Stalin confidentially that England had recently put out a new feeler which was connected with certain allusions to 1914. It was a matter of a typically English, stupid manoeuvre. The Reich Foreign Minister had proposed to the Führer to inform the British that every hostile British act, in case of a German-Polish conflict, would be answered by a bombing attack on London.

HERR STALIN remarked that the feeler was evidently Chamberlain’s letter to the Führer, which Ambassador Henderson delivered on August 23 at the Obersalzberg. Stalin further expressed the opinion that England, despite its weakness, would wage war craftily and stubbornly.

5) France:

HERR STALIN expressed the opinion that France, nevertheless, had an army worthy of consideration.

The REICH FOREIGN MINISTER, on his part, pointed out to Herren Stalin and Molotov the numerical inferiority of France. While Germany had available an annual class of more than 300,000 soldiers, France could muster only 150,000 recruits annually. The West Wall was five times as strong as the Maginot Line. If France attempted to wage war with Germany, she would certainly be conquered.

6) Anti-Comintern Pact:

The REICH FOREIGN MINISTER observed that the Anti-Comintern Pact was basically directed not against the Soviet Union but against the Western democracies. He knew, and was able to infer from the tone of the Russian press, that the Soviet Government fully recognized this fact.

HERR STALIN interposed that the Anti-Comintern Pact had in fact frightened principally the City of London and the small British merchants.

The REICH FOREIGN MINISTER concurred and remarked jokingly that Herr Stalin was surely less frightened by the Anti-Comintern Pact than the City of London and the small British merchants. What the German people thought of this matter is evident from a joke which had originated with the Berliners, well known for their wit and humour, and which had been going the rounds for several months, namely, “Stalin will yet join the Anti-Comintern Pact.”

7) Attitude of the German people to the German-Russian Non-aggression Pact:

The REICH FOREIGN MINISTER stated that he had been able to determine that all strata of the German people, and especially the simple people, most warmly welcomed the understanding with the Soviet Union. The people felt instinctively that between Germany and the Soviet Union no natural conflicts of interests existed, and that the development of good relations had hitherto been disturbed only by foreign intrigue, in particular on the part of England.

HERR STALIN replied that he readily believed this. The Germans desired peace and therefore welcomed friendly relations between the Reich and the Soviet Union.

The REICH FOREIGN MINISTER interrupted here to say that it was certainly true that the German people desired peace, but, on the other hand, indignation against Poland was so great that every single man was ready to fight. The German people would no longer put up with Polish provocation.

8) Toasts:

In the course of the conversation, HERR STALIN spontaneously proposed a toast to the Führer, as follows:

“I know how much the German nation loves its Führer; I should therefore like to drink to his health.”

HERR MOLOTOV drank to the health of the Reich Foreign Minister and of the Ambassador, Count von der Schulenburg.

HERR MOLOTOV raised his glass to Stalin, remarking that it had been Stalin who – through his speech of March of this year, which had been well understood in Germany-had brought about the reversal in political relations.

HERREN MOLOTOV and STALIN drank repeatedly to the Non-aggression Pact, the new era of German-Russian relations, and to the German nation.

The REICH FOREIGN MINISTER in turn proposed a toast to Herr Stalin, toasts to the Soviet Government, and to a favourable development of relations between Germany and the Soviet Union.

9) When they took their leave, HERR STALIN addressed to the Reich Foreign Minister words to this effect:

The Soviet Government takes the new Pact very seriously. He could guarantee on his word of honour that the Soviet Union would not betray its partner.

HENCKE

Moscow, August 24, 1939.

https://avalon.law.yale.edu/20th_century/ns053.asp

(© John Vincent Palatine 2019)

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Der Deutsche Kriegsplan 1914

Planung 1905 und Verlauf 1914 (Plan of 1905 vs. Reality in 1914)

English Version here …


Einleitender Beitrag: Die Häresie des Schlieffen – Plans


In diesem Beitrag geht es im Wesentlichen, im Anschluss an den vorigen Artikel, um Dokumente aus der neuen Studie des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) von 2007, “Der Schlieffenplan: Analysen und Dokumente“, editiert von Michael Epkenhans, Hans Ehlert and Gerhard P. Groß. (Rezension 1, Rezension 2).

Der grundsätzliche Unterschied in der Konzeption der Pläne ist, dass Moltke wohl das im vorhergehenden Artikel besprochene Umfassungsmanöver um Paris aufgrund der damit verbundenen Ausdehnung der Kampffront um ca. 300 bis 400 Kilometer nicht mehr ernsthaft verfolgte. Die Achse des deutschen Heeresaufmarsches 1914 lag eindeutig östlich, nicht westlich von Paris.

Der Pfeil deutet direkt auf die Mitte der Marne, zwischen Paris und Troyes, wo es dann auch Anfang September 1914 zur Schlacht kam:

Alliierte Rücküberquerung der Marne am 9. September

Bestimmte Dokumente zum Plan Moltkes, der nie veröffentlicht wurde, liegen nun erstmals im Wortlaut vor. Es sei zuerst das primäre und wesentlichste dieser Dokumente vorgestellt, der nun vorliegende tatsächliche “Mobilisierungs – Termin – Kalender 1914/15“:


Dokument 1


Mob.-Termin-Kalender 1914/15.

Allgemeine Angaben über den Aufmarsch und die politischen Verhältnisse.

1. Deutschlands Kriegsvorbereitungen richten sich in erster Linie gegen Frankreich. Russland wird sich wahrscheinlich Frankreich in einem Krieg gegen Deutschland anschließen; auch ist mit Feindseligkeiten englischer Seite zu rechnen.

Auf einen Krieg Deutschlands mit Russland oder England allein ist mit Rücksicht auf sie französische Volksstimmung nicht zu rechnen. Erklärt Russland oder England den Krieg dennoch allein, so muss die deutsche Diplomatie Frankreich zur endgültigen Stellungnahme zwingen. Über Belgien, Holland, Luxemburg, Dänemark usw. vgl. I. Ziffer 13.

Für den Fall eines Krieges gegen Russland sind mit dem österreichisch-ungarischen Generalstab Vereinbarungen für eine Gesamtoffensive nach Russland getroffen.

Italien wird sich voraussichtlich Deutschland in einem Krieg gegen Frankreich anschließen. Der italienische Generalstab hat sich verpflichtet, in den ersten Mob.-Tagen 2 {?} Kav.-Divisionen und im Anschluss daran eine Armee von 3 Armeekorps mittels Eisenbahn über Österreich nach Süddeutschland zu führen. Im Übrigen ist auf das Eingreifen der italienischen Hauptkräfte an der französischen Alpengrenze zu rechnen.

Auch mit anderen Staaten sind Vereinbarungen getroffen, von denen der Chef des Generalstabs der Armee, Q.Q. I und der Chef der 2. {…} Kenntnis haben.

Deutschland kann nur sein gesamtes Heer mobil machen; teilweise Mobilmachungen sind bei dem Ineinandergreifen der Mobil.-Vorarbeiten aller Armeekorps ausgeschlossen.

Die deutsche Armee stellt bei einer Mobilmachung auf:

a) das Feldheer, bestehend aus 26 Armeekorps, 13 Reservekorps, 1 Reserve-Division (3. Reserve Division), 11 Kav.-Divisionen (Garde 1 – 9, bayrisch), 1 Landwehr-Korps, 24 1/2 gemischte Landwehr-Brigaden,

b) die Kriegsbesatzungen und Besatzungstruppen. Das Zusammenfassen der “zu etwaiger mobiler Verwendung bestimmten Ersatzformationen” zu einer Ersatzarmee (G. IV. VIII. X. XIX. bayerische Ersatzdivisionen, 55 gem. Ersatzbrigaden XIV) in Vorbereitung; vgl. Ziff.3.

Außerdem wird bei einer Mobilmachung der Landsturm aufgeboten. Der Grenz- und Küstenschutz treten im ganzen deutschen Reich in Kraft.

3. Es ist nur ein Aufmarsch vorbereitet, bei dem die deutschen Hauptkräfte an der Westgrenze gegen Frankreich aufmarschieren.

Der zur Ablenkung des Aufmarsches der südwestlich Metz aufmarschierende Heeresteil kann unter Umständen nötig werden. Für den Fall des frühzeitigen Einfalls überlegener französischer Kräfte nach Lothringen ist zu erwägen, ob Aufmarsch 6. Armee in Linie St. Av.-Saaralben-Pfalzburg zurückzuverlegen ist.

Im Osten bleibt die 8. Armee (4 Korps, 1 Reserve-Division, 1 KD-Landwehrkorps, 3 gemischte Landwehrbrigaden) zurück. Die 8. Armee marschiert entweder sofort gegen Russland oder bleibt unter planmäßiger Durchführung der Mobilmachung sowie des Grenz- und Küstenschutzes in den östlichen Korps-Bezirken zurück, bis über ihre weitere Verwendung Bestimmung getroffen werden kann.

Bleibt Russland dauernd neutral, so wird die 8. Armee evtl. gegen Frankreich eingesetzt. Ihr Abtransport ist vorbereitet.

In Schleswig-Holstein werden nach Beendigung der Mobilmachung, als “Nordaufmarsch” zusammengezogen das IX. K mit den 2 Landwehrkommandos 1 IX (33. 34. 37. 38. gemischte Landwehr-Brigaden). Tritt eine Bedrohung der deutschen Küste nicht ein, so wird das IX. K. und unter Umständen auch die Nordbrigade nach einem anderen Kriegsschauplatz beordert.

Die Ersatzarmee kann geschlossen oder geteilt auf dem westlichen, östlichen oder nördlichen Kriegsschauplatz verwendet werden. …

13. In einer Gesamtbesprechung der Chefs des Generalstabs der Armee mit dem Reichskanzler, dem Auswärtigen Amt, K.M., Militärkabinett und Chef des Admiralstabs sind die voraussichtlichen Gegner und die Haltung der verbündeten und neutralen Mächte in einem Kriegsfall festzustellen, evtl. festzustellen, ob mit der Überführung französischer Streitkräfte von Häfen der afrikanischen Mittelmeerküste nach Frankreich zu rechnen ist.

Mit dem Reichskanzler und Auswärtigen Amt muss mündlich vereinbart werden, dass sofort nach Ausspruch der Mobilmachung folgende Forderungen gestellt werden:

a) an Belgien

Die belgische Regierung hat sich bis zum 2. M.-Tag, 6 Uhr abends, zu entscheiden, ob Belgien Deutschlands Freund oder Feind sein will oder ob Belgien als neutraler Staat den Durchmarsch deutscher Truppen gestatten, die Festungen L. [Liège?], Huy und Namur sofort dem deutschen Heer öffnen, die Eisenbahnstrecken {…} uns zur Verfügung stellen und die belgische Armee nicht mobilisieren will. Tritt Belgien auf Deutschlands Seite, so muss es den Durchmarsch des deutschen Heeres mit allen Mitteln erlauben, Namur gegen etwaigen Handstreich der französischen Armee halten und englische Landungen verhindern. Ein Hinausschieben der Antwort der belgischen Regierung darf nicht zugelassen werden.

b) an Holland:

Englische Landungen müssen verhindert werden, Das deutsche Heer darf die holländische Neutralität beschränken {?}. (Über den Durchmarsch durch den holländischen Zipfel um Maastricht vergl. Ziffer 71 d). Wenn 2. Armee von einem Handstreich auf L. Abstand nimmt, sofortige Verhandlung mit Holland wegen ungehinderten Durchmarsches durch den Zipfel.

c) an Luxemburg:

Der Durchmarsch muss gestattet, die Eisenbahnen müssen geschützt und zur Verfügung gestellt werden.

d) an Dänemark:

Englische Landungen sind zu verhindern.

10. M.-Tag und folgende:

Über die Verwendung der italienischen Armee ist Entscheidung zu treffen. Es kommt wohl in Frage:

Vorgehen im unmittelbaren Anschluss an die 6. und 7. Armee

Vorgehen gegen die Sperrfort-Linie zwischen Epinal und Belfort

Für die Deckung der linken Flanke der italienischen Armee bei ihrem Vorgehen über die Vogesen nach Frankreich durch die Deckungstruppen am Oberrhein ist Sorge zu tragen.

Dem deutschen Aufmarsch gegen Frankreich liegt folgende Absicht zugrunde:

  1. Die Hauptkräfte des deutschen Heeres sollen durch Belgien und Luxemburg nach Frankreich vorgehen. Ihr Vormarsch ist – sofern die über den französischen Aufmarsch vorliegenden Nachrichten zutreffen – als Schwenkung unter Festhalten des Drehpunktes Diedenhofen-Metz gedacht. Maßgebend für das Fortschreiten der Schwenkung ist der rechte Heeresflügel. Die Bewegungen der inneren Armeen werden so geregelt werden, dass der Zusammenhang des Heeres und der Anschluss an Diedenhofen-Metz nicht verloren geht.
  2. Den Schutz der linken Flanke der Hauptkräfte des Heeres sollen – neben den Festungen Diedenhofen und Metz – die südöstlich Metz aufmarschierenden Heeresteile übernehmen.
  3. Für den Vormarsch der 1. und 2. Armee müssen die Marschstraßen durch Lüttich offen sein. Gestattet Belgien den Durchmarsch des deutsche Heeres, so wird der Kommandierende General X. A.K. mit frühzeitig marschbereiten und vorausbeförderten Truppen Lüttich besetzten. – Widersetzt sich Belgien, so kommen für die Wegnahme von Lüttich folgende Fälle in Betracht:

a: der Handstreich mit frühzeitig marschbereiten und vorausbeförderten Truppen unter dem Kommandierenden General X. A.K.

b: der Handstreich mit starken Kräften unter dem Oberkommando der 2. Armee

c: der belagerungsmäßige Angriff

Der 2. Armee stehen für die Unternehmungen gegen Lüttich alle Straßen südlich der holländischen Grenze zur Verfügung … . Sobald Lüttich genommen ist, wird die 2. Armee die für die 1. Armee bestimmten Marschstraßen räumen … . Gelingt es der 2. Armee bis zum 12. Mob.Tag nicht, die durch Lüttich gesperrten Vormarschstraßen zu öffnen, so wird sie den planmäßigen Angriff gegen diese Festung durch Reserve- und Belagerungsformationen einleiten und südlich Lüttich herum vormarschieren. Der Vormarsch der 1. Armee soll alsdann – aber erst auf ausdrücklichen Befehl der Obersten Heeresleitung – durch holländisches Gebiet erfolgen.

4. Der Beginn des allgemeinen Vormarsches der deutschen Hauptkräfte wird angeordnet werden, sobald die 1. und 2. Armee in Höhe von Lüttich bereitstehen.

Der Herr Kav.-Kommandeur 2 mit zugeteilten Jägerbataillonen tritt alsdann unmittelbar unter die Oberste Heeresleitung und wird Befehl erhalten, nördlich Namur vorbei gegen die Linie Antwerpen-Brüssel-Charleroi vorzugehen, um den Verbleib des belgischen Heeres, eine etwaige Landung englischer Truppen und ein etwaiges Auftreten französischer Kräfte im nördlichen Belgien festzustellen. Er wird ferner den Auftrag erhalten, nördlich an Namur vorbei Einblick in die Gegend westlich der Maas, Strecke Namur-Givet, zu gewinnen und den linken französischen Heeresflügel festzustellen. Der Herr Kav.-Kommandeur wird angewiesen werden, das Oberkommando der 2. und 1. Armee mit Nachrichten zu versehen; seine Meldungen an die Oberste Heeresleitung sind unverzüglich weiterzugeben.

Die 1. Armee wird Befehl erhalten, auf Brüssel zu marschieren und die rechte Flanke des Heeres zu decken. Ihr Vorgehen wird – neben dem der 2. Armee – für die Ausführung der Schwenkung des Heeres maßgebend sein.

Die 2. Armee wird Befehl erhalten, mit dem rechten Flügel auf Wawre, mit dem linken nördlich an Namur vorbei vorzugehen. Der Herr Kav.-Kommandeur I mit zugeteilten Jägerbattalionen tritt mit Beginn des allgemeinen Vormarsches ebenfalls unmittelbar unter die Oberste Heeresleitung. Er wird Befehl erhalten, vor der Front der 3. und dem rechten Flügel der 4. Armee gegen die Maas südlich Namur – mit der Maas in Richtung Dinant – vorzugehen. Er hat gegen die Maas Strecke Namur – Mézières aufzuklären und zunächst festzustellen, ob das I. und II. französische Armeekorps die Maas zwischen Namur und Givet besetzt hat oder ob französische Kräfte bereits östlich der Maas auftreten. Er ist angewiesen, das Oberkommando der 3. und 4. Armee mit Nachrichten zu versehen. Seine Meldungen an die Oberste Heeresleitung sind unverzüglich weiterzugeben.

Die 3. Armee hat trotz des frühzeitigen Antretens der 2. Armee ihren Aufmarsch zu beenden und erst auf Befehl der Obersten Heeresleitung den Vormarsch gegen die Maas zwischen Namur und Givet anzutreten. Da bei weiterem Vormarsch die Einschließung von Namur auf der Südfront und die Wegnahme des Forts Charlemont bei Givet von der 3. Armee gefordert werden kann, sind Vorbereitungen zu treffen, dass die hierfür in Aussicht genommenen Truppen bald durch rückwärtige Formationen abgelöst werden können.

Die 4. Armee wird Befehl erhalten, links gestaffelt mit dem rechten Flügel auf Fumay südlich Givet, mit dem linken über Attert nördlich Arlon auf Neufchateau vorzugehen. Der linke Flügel der 4. und der rechte Flügel der 5. Armee müssen in Übereinstimmung handeln. Im Verlaufe des Vormarsches muss die 4. Armee jederzeit bereit sein, zur Entsetzung der einem feindlichen Angriff zunächst ausgesetzten 5. Armee nach Süden – gegen die Semois – einzuschwenken. Die 4. Armee kann späterhin beim Vordringen über die Maas auch in die Lage kommen, in einem Kampf bei der 3. Armee eingreifen zu müssen.

Das von der 4. Armee zu durchschreitende, wegen ihrem Waldgelände im belgisch-französischem Grenzgebiet mit dem schwierigen Ufergelände an der Maas und der unteren Semois, fordert entschlossenes Handeln der einzelnen Marschkolonnen, um sich gegenseitig die Wege zu öffnen und beim Austritt aus der Waldzone zu unterstützen.

Der Herr Kav.-Kommandeur 4 mit zugeteiltem Jägerbataillon tritt unmittelbar unter die Oberste Heeresleitung und wird Befehl erhalten, unter Fortsetzung der Aufklärung gegen die Maasstrecke Mézières — Mouzon — Stenay — Verdun — St. Mihiel auf Cargnau {…} und Damvillers vorzugehen. Er hat festzustellen, ob die Maas unterhalb Verdun stark besetzt ist oder ob von dort über Verdun oder zwischen Verdun und Metz hindurch französische Kräfte gegen die 4. und 5. Armee vorgehen. Der Heer Kav.-Kom­mandeur 4 ist angewiesen, das Oberkommando der 5. Armee mit Meldungen zu versehen. Seine Meldungen an die Oberste Heeresleitung sind unverzüg­lich weiterzugeben.

Die 5. Armee hat bei dem allgemeinen Vormarsch der deutschen Haupt­kräfte die Aufgabe, den Drehpunkt Diedenhofen — Metz im Anschluss an die 4. Armee festzuhalten. Die 5. Armee hat sich dazu zunächst unter Bei­behaltung der Tiefenstaffelung mit Anfang in Linie Bettenburg — Diedenho­fen zum Vormarsch bereitzuhalten … Der weitere Vormarsch der 5. Armee hat alsdann stark links gestaffelt mit dem rechten Flügel von Bettenburg über Mamer — Arlon auf Florinville südlich Cliny zu erfolgen, während der linke Flügel Anschluss an Diedenhofen hält.

Um einen mit starken Kräften aus Richtung Verdun unternommenen französischen Gegenangriff abzuwehren, kann das Einschwenken der 5. Armee in eine Stellung mit der Front nach Südwesten oder Süden jederzeit notwendig werden. Hierfür sind frühzeitige Gelände-Erkundungen und vorsorgliche Bereitstellung aller Hilfsmittel erforderlich, die Metz und Diedenhofen für Ausbau und Verteidigung einer befestigten Vorderstellung bieten … Über die Heranziehung der Hauptreserve Metz müssen die Verhältnisse entscheiden.
Im weiteren Verlauf des Vormarsches wird der 5. Armee voraussichtlich die Einnahme von Longwy und Montmedy zufallen.

Die in den Reichslanden südöstlich Metz aufmarschierenden Heeresteile: H.K.K. 3, die 6. Armee [und] die 7. Armee, werden unter den Gesamtoberbefehl des ältesten der beiden Oberbefehlshaber gestellt werden. Die Aufgabe des Gesamtoberbefehlshabers ist es, gegen die Mosel unterhalb Frouard und die Meurthe — unter Wegnahme des Fort Manoviller — vorzugehen, um die hier versammelten französischen Kräfte festzuhalten und ihren Abtransport nach dem linken französischen Heeresflügel zu verhindern. Diese Aufgabe kann dadurch hinfällig werden, dass die Franzosen ihrerseits zwischen Metz und den Vogesen mit überlegenen Kräften zum Angriff vorgehen. Werden die Heeresteile in den Reichslanden dadurch zum Ausweichen genötigt, so sind die Bewegungen so einzurichten, dass eine Bedrohung der linken Flügel der deutschen Hauptkräfte — durch Umfassen der Niedstellung seitens der Franzosen verhindert wird. Die 6. Armee hat daher auch im Bedarfsfall Kräfte zur Verstärkung der Besatzung der Niedstellung abzugeben. Treffen die 6. und 7. Armee nicht auf überlegene französische Kräfte, so kann das Eingreifen von Teilen der 6. Armee und des H.K.K. 3 über Metz oder südlich in Kämpfe auf dem linken Moselufer in Frage kommen. Inwieweit diese Möglichkeit bei der Haltung zum Vormarsch gegen Mosel und Meurthe berücksichtigt werden kann, muss der Gesamtoberbefehlshaber entscheiden. Das Oberkommando der 5. Armee ist fortgesetzt mit Nachrichten zu versehen.

Dehnt sich eine französische Offensive in das Oberelsass aus, so ist das für die gesamte Operation nicht ungünstig, solange der Gegner nicht über die Linie Feste Kaiser-Wilhelm II.—Breusch-Stellung—Straßburg i.E. vordringt. Diese Linie zu verhindern, ist vornehmlich Aufgabe des Gouver­neurs von Straßburg i.E.

Die Grenze des Oberelsass und des südlichen Baden ist während der Aufmarschbewegung Sache des Oberbefehlshabers der 7. Armee. Von den ihm unterstellten Truppen stehen zunächst die Hauptkräfte der 29. I.D. des XV. A.K. an den Vogesen. zwischen Weileifel und Münstereifel (einschließ­lich), Teile der 29. I.D. des XIV. Armeekorps bei Mülhausen i.E., der Rest des XV. Armeekorps marschiert nordwestlich Straßburg i.E., das XIV. ­Armeekorps und das XIV. R.K. am Oberrhein auf. Dem Oberkommando der 7. Armee unterstehen ferner für den Schutz des Oberelsass und des südli­chen Baden die Deckungstruppen am Oberrhein sowie der stellvertretende Kommandierende General XV. und XIV. Armeekorps.

Die Aufgabe des Oberbefehlshabers der 7. Armee im Oberelsass und im südlichen Baden ist nur eine vorübergehende. Der Gesamtoberbefehlshaber in den Reichslanden hat dafür Bedacht zu nehmen, möglichst starke Teile der 7. Armee zu einem unmittelbaren Zusammenwirken mit der 6. Armee zu bringen. Die 29. I.D., [zu]deren Ablösung im Grenzschutz auch die 1. und 2. gemischte bayerische Landwehrbrigade in Betracht kommen kann, ist möglichst bald mit dem XV. Armeekorps bei Straßburg zu vereinigen. Gewünschte Eisenbahntransporte sind rechtzeitig beim Chef des Feldeisenbahnwesens zu beantragen …

Die Deckung des Elsass darf nicht dazu führen, die 7. Armee oder Teile derselben einer feindlichen Übermacht, deren frühzeitiger Vormarsch von Belfort her in Verbindung mit einer französischen Offensive zwischen Metz und Vogesen möglich ist, zu opfern und damit den Franzosen Gele­genheit zu billigen Erfolgen zu geben. Es kommt vielmehr darauf an, einen frühzeitigen Vorstoß schwacher französischer Kräfte zurückzuwerfen, da­mit das Land nicht schutzlos jeder feindlichen Unternehmung preisgegeben wird. Das Oberkommando der 7. Armee hat demnach für seine Anordnun­gen zu unterscheiden, ob es sich gegebenenfalls um einen Teilvorstoß un­terlegener französischer Kräfte oder um das planmäßige Vorgehen starker französischer Kräfte von Belfort her und nördlich handelt.

Wird der Vormarsch überlegener feindlicher Kräfte in das Oberelsass er­kannt, so sind dem Feind alle Hilfsmittel des Landes (rollendes Bahnmate­rial, öffentliche Kassen usw.) zu entziehen. Die Truppen der 7. Armee sind auf Straßburg i.E. (XV. A.K.) und auf das rechte Rheinufer (XIV. A.K.) zu­rückzuführen. Die Rheinbrücken und die Eisenbahnen auf dem linken Rheinufer sind nachhaltig zu zerstören …

Spätestens jetzt ist die 7. Armee mit möglichst starken Teilen für ein unmittelbares Zusammenwirken mit der 6. Armee freizumachen. In welcher Richtung dieses zu geschehen hat, ob mit Fußmarsch oder Eisenbahntrans­port, müssen die Verhältnisse bei der 6. Armee entscheiden.

Nach Räumung des Oberelsass ist der Schutz des südlichen Badens er­forderlich. Ob die hierfür in erster Linie bestimmten Landwehrformationen ausreichen oder ob ihre Stärkung durch Besetzungstruppen aus dem Be­reich des XV. Armeekorps oder schließlich durch Teile des XIV. R.K. nötig ist, muss anheimgestellt bleiben. Im Bedarfsfall kann das Oberkommando der 7. Armee über sämtliche Besetzungstruppen des XIV. A.K. verfügen Die Befehlsverhältnisse am Oberrhein sind zu ermitteln. Der stellvertreten­de Kommandierende General des XIV. Armeekorps kann für den Oberbe­fehl am Oberrhein besonders in Betracht kommen. Er ist daher über die Ereignisse dauernd zu unterrichten.


Dokumente 2 bis 10 (Die Aufmarschpläne West 1899 bis 1914)


Die Karten der Aufmarschpläne, so wie sie uns hier vorliegen, zeigen dass eigentlich kaum wesentliche Änderungen in den Westaufmärschen in den Vorkriegsjahren stattfanden. Der Westaufmarsch 1899/1900 zeigt noch (rot markiert) Platz für 12 italienische Divisionen, an der Südflanke des Rheins, zwischen Rust und Efringen, mit deren Erscheinen man zu diesem Zeitpunkt noch rechnete, und eine schwache Deckung Ostpreußens mit 3 AK und 4 Reservekorps …

Westaufmarsch 1899 – 1900

Unsere nächste Karte ist insofern interessant, als sie von 1906/1907 stammt, also gerade aus der Übergangszeit von Schlieffen zu Molke. Es ist einige an Korrekturen, Umbenennungen und Umverteilungen zu sehen, was strategische Änderungsgedanken im Oberkommando schließen lässt. Die südliche Rheinflanke ist ungedeckt – eventuell waren hier immer noch Italiener vorgesehen, aber nicht eingezeichnet …

Übersichtskarte Westfront 1906/07

Die Karten von 1907/08 und 1908/09 zeigen lediglich kleinere Änderungen, mit der Ausnahme dass in 1908/09 eine mit Fragezeichen versehene kleine rote “7?” auftaucht … was auf eine Neueinschätzung der italienischen Waffenhilfe hindeuten könnte …

1907/08
1908/09

Die Gedanken des Oberkommandos scheinen sich in der Tat um die Situation an der Lorrainegrenze. i.E., die italienische Frage, zu drehen. Während sich in den Karten West I – 1910 und West II – 1910 die Erste bis Sechste Armee weitgehend in ihren schon früher zugewiesenen Positionen halten, zeigt West I Überlegungen, die Siebte Armee zwischen Straßburg und der Schweizer Grenze zu positionieren, was sich in West II insofern bestätigt, als dass die nördlichen Armeen gar nicht mehr eingezeichnet sind – bezüglich derer Positionen muss Einigkeit bestanden haben.

West I, 1909/10
West II, 1909/10

Dieser grundlegende. von der geographischen Lage bestimmte Aufmarsch ändert sich danach wenig. Die Vogesen beschränken französische Angriffe in der Lorraine im Norden auf die Gegend um Straßburg und im Süden auf Weil/Basel. Mit Ausnahme der Deckung von Freiburg kann die 7. Armee daher zweigeteilt werden.

1910/11
1912/13

Unsere letzte Karte zeigt weitgehend den Plan von 1913/14, der kaum verändert wurde, und mit den o.a. Operationsplanungen Moltkes in Übereinstimmung steht.

West I, 1913/14

Dokumente 11 bis 23: Die detaillierten Lagekarten des OKH

In Erstellung – ca. Anfang März 2020

Wird fortgesetzt …


Einleitender Beitrag: Die Häresie des Schlieffen – Plans


(© John Vincent Palatine 2019)

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Kriegsende und Revolution in Deutschland 1918 – 1923

In Berlin beginnt am Morgen des 9. November 1918 der Generalstreik und der bewaffnete Kampf. Die Soldaten verbrüdern sich mit dem revolutionären Proletariat. Die Monarchie und die kaiserliche Regierung wird gestürzt. Bild vom 9.11. in Berlin, Unter den Linden, in Höhe der Universität,

Dies ist eine Übersichtsseite zu der Artikelreihe Deutschland 1918 – 1923.

I. WOODROW WILSON UND DIE VIERZEHN PUNKTE

Der ehemalige Dekan der Universität Princeton und jetzige Präsident der USA hatte 1918 vierzehn hervorragende Ideen für die Beendigung des Weltkriegs und eine nachfolgende bessere Welt …

II. DAS MASSAKER DES JOHN J. PERSHING

Die Matrosen hatten gemeutert, der Kaiser war zurückgetreten, und der Waffenstillstand bereits unterzeichnet. Doch „Black Jack“ Pershing schlachtete weitere elftausend Menschen hin …

III. DIE REVOLUTION

Beginnend in Kiel am Ende Oktober und in Bayern am 7. November 1918, streiften die Deutschen die Fesseln des Adels ab …

Philipp Scheidemann verkündet am 9. November 1918 die Deutsche Republik

IV: ALLE MANN ZURÜCK …

Kaum ein Jahr später, im März 1920, versuchte das Militär die Konterrevolution …

V. AUF EIN NEUES …

… und zwei Jahre später versucht ein ehemaliger Gefreiter mit ein paar Kumpanen, das Ruder der Geschichte zurückzudrehen …

Hitlerputsch – Fotomontage von Heinrich Hoffmann

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Der Größte Kanzler Aller Zeiten

Dr. Wolfgang Kapp

Video Deutsch / Video Englisch


Das Ende der Freikorps war gekommen. Am 10. Januar 1920 traten die militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrags in Kraft, darunter die Herabsetzung der Armee von ungefähr 400.000 auf 100.000 Mann und die Entwaffnung und Auflösung der paramilitärischen Verbände, vor allem der Freikorps.

Dies war in der Tat eine bittere Pille für die Militaristen, und viele weigerten sich, diese zu schlucken. Einige Freikorps wurden in die neue Reichswehr oder in die Staatspolizei eingegliedert, andere in Sportvereine, Schützenvereine, Detektivagenturen und Agrararbeiter-Vereinigungen umgewandelt – alle nahmen jedoch ihre “Werkzeuge” mit. (46)

Kapitän Hermann Ehrhardt

Die Regierung hatte keine andere Wahl, als die Auflösung der Korps anzuordnen, aber der Versuch, diejenigen Korps strafrechtlich zu verfolgen, für deren Missetaten Beweise erbracht worden waren und Zeugen zur Verfügung standen, kosteten sie den wenigen Respekt, den das Militär für ihre Autorität übrig hatte. Dann gab die Alliierte Kontrollkommission in Berlin den direkten Befehl, zwei weitere Verbände zu demobilisieren, und zwar die beiden wildesten Einheiten, die Ehrhardt-Brigade des Marinekapitäns Hermann Ehrhardt und die Baltische Brigade unter General Graf von der Goltz, denn die Anwesenheit derart volatiler Truppen in der Nähe der Hauptstadt stufte die Kommission als zu hohes Risiko ein.

Die Befürchtungen erwiesen sich als allzu begründet. Als der Oberbefehlshaber der Vorläufigen Reichswehr in Berlin, der die Niederschlagung des Spartakusaufstandes geleitet hatte, Walther von Lüttwitz, sich weigerte, die Freikorps aufzulösen, von Wehrminister Gustav Noske aufgrund von Beweisen einer nationalistischen Verschwörung entlassen wurde und sich dadurch zum Handeln gezwungen fühlte, versuchte er den Staatsstreich. Auf seinen Befehl hin marschierte die Brigade Ehrhardt am Morgen des 13. März 1920 kampfbereit in Berlin ein und übernahm die Kontrolle über die Hauptstadt. Die legitime Regierung floh zuerst nach Dresden und dann nach Stuttgart, während Lüttwitz und Ludendorff, der rein zufällig in der Nähe war, die Regierung für abgesetzt erklärten und die ratlose und erstaunte Öffentlichkeit darüber informierten, dass Deutschland künftig von einem neuen Kanzler mit diktatorischen Befugnissen regiert werde. Ihr Erlass besagte: “Die volle Staatsgewalt als Reichskanzler und Ministerpräsident von Preußen ist auf Kommissar Dr. Kapp aus Königsberg übergegangen.” (47)

Der neue Reichskanzler

Der gute Dr. Wolfgang Kapp – sich auf die Gewehre der Gangster stützend – übernahm die Ämter des Staats- und Regierungschefs, empfing Besucher und erteilte Befehle. Es werde künftig keine parlamentarische Kontrolle mehr geben und keine demokratische Laschheit, sondern preußische Effektivität, Gehorsam und Disziplin. Das Problem war, dass noch kaum jemand im Reich von dem guten Doktor gehört hatte: am Anfang des Krieges war er zwar als Verfechter komplett unrealistischer deutscher Kriegsziele in die Öffentlichkeit getreten, aber das war lange her, und seine größten nachmaligen Erfolge hatte er, vor seiner Beförderung zum obersten Herrscher der Deutschen durch Lüttwitz, Ehrhardt und von der Goltz, in der Leitung der Ostpreußischen Generallandschaftsdirektion in Königsberg gefeiert.

Das Echo auf seine Proklamationen blieb daher schwach: sowohl die Alliierte Kommission als auch die Stadtregierung von Berlin weigerten sich, seine Autorität anzuerkennen und ignorierten ihn mehr oder weniger. Um seinen politischen Einfluss zu vergrößern, bat Dr. Kapp seine Tochter, ein politisches Manifest zu verfassen, das die Reichspost – wahrscheinlich als Telegramm – über die Sender ihrer Abteilung „Telegraphen- und Fernsprechwesen“ ausstrahlen sollte. Die wichtige Nachricht wurde jedoch leider nie ausgestrahlt, weil seine Tochter nicht in der Lage war, jemanden zu finden, der ihr eine Schreibmaschine lieh, und die Reichspost die Ausstrahlung verweigerte. Eigentlich kümmerten sich Lüttwitz, Ludendorff und die Kommandeure der Freikorps auch nicht wirklich darum, ob jemand den Anordnungen des neuen Regierungschefs folgte oder nicht, weil sie ihre eigenen Vorstellungen hatten. Bald würde die Nation durch die Macht ihrer Waffen regiert werden.

Anti-Putschplakat der Reichsregierung

Reichspräsident Friedrich Ebert und Kanzler Gustav Bauer hatten zunächst beim neuen Chef des (seit 10. Januar illegalen) Generalstabs, General Hans von Seeckt, um die Unterdrückung der Freikorps durch reguläre Truppen nachgesucht, welcher aber den Antrag aufgrund potenziell widersprüchlicher Loyalitäten, von denen er befürchtete, sie würden die Truppen auseinanderreißen, ablehnte. Ebert und Bauer benutzten nun die einzige Waffe, die ihnen noch verblieben war und rief den Generalstreik aus. Dieser wurde von der SPD, der USPD, den Gewerkschaften und sogar einigen Liberalen unterstützt.

Obwohl sich Berlin am 13. März dem Freikorps ergeben hatte, ohne dass ein Schuss gefallen war, war es lediglich ein hohler Sieg. Niemand von Rang wollte Positionen in Kapps Kabinett annehmen. Von Anfang war der hastig geplante Putsch ein Fiasko, und was ihn letztlich niederschlug, war kein Gegenangriff oder Akt der Sabotage.

Die Berliner, die sich dem Rest der Nation in einer Welle antimilitaristischer Gefühle anschlossen, waren offenbar zu dem Schluss gekommen, dass noch eine Revolution viel zu viel war, und als die Ebert-Bauer-Regierung den Generalstreik ausrief, nahmen die Arbeiter derart und von ganzem Herzen daran teil, dass das Kapp-Regime nicht funktionieren konnte.

Der Strom wurde abgeschaltet; Straßenbahnen und U-Bahnen stellten den Betrieb ein. Es gab kein fließendes Wasser; der Müll verfaulte in den Straßen, Geschäfte und Büros waren geschlossen. Nur das Berliner Nachtleben ging ungehindert weiter, sei es bei Dunkelheit oder Kerzenschein.

Es gab Szenen wie aus übertriebenen Filmen, in denen elfjährige Prostituierte mit Peitschen schwingenden Amazonen in lackierten Stiefeln konkurrierten. Es gab Cafés für jeden Geschmack und jede Abweichung – für Schwule, Lesben, Exhibitionisten, Sadisten und Masochisten. Nacktheit allein war langweilig geworden und die Künste loteten die Tiefpunkte von Obszönität, Desillusion und Zynismus aus.

Berlin war das Zentrum der dadaistischen Bewegung und einer seiner Dichter, Walter Mehring, gab den Berlinern ungewollte, erschreckende Blicke in die Zukunft in der Form seiner satirischen Verse. [“Berlin Simultan, PDF] (48)

Die Nachricht vom Kapp-Putsch traf in München ein wie eine Bombe. Das bayerische Militär hatte längst mit der Idee gespielt, die verhasste sozialistische Regierung abzusetzen und ihre eigene, autoritäre und patriotische Verwaltung zu installieren, und die scheinbare Leichtigkeit, mit der die Hauptstadt besetzt worden war, beeindruckte und verführte die Münchner Offiziere. Daher …

…  beschloss das Militär, in München die Macht zu übernehmen, und in der Nacht des 13. März wurde der Sozialdemokratischen Regierung von Johannes Hoffmann ein Ultimatum gestellt. Die neue Regierung, getragen von dem Militär, wurde von Ritter Gustav von Kahr geleitet, einem reaktionären Monarchisten aus einer Familie von Protestanten, die seit Generationen den katholischen Königen Bayerns gedient hatten. Kahr trug immer einen hohen Kragen und schwarzen Anzug, und er bewegte sich und sprach mit der Abruptheit eines Mannes, der es gewohnt ist, die Befehle von Königen weiterzugeben.

Wie Dr. Kapp war Kahr lediglich eine Galionsfigur der Armee, die sich darüber freute, dass Berlin und München nun in festen Händen der Armee waren. Das Militär beschloss, einen Verbindungsoffizier nach Berlin zu entsenden, um die beiden militärischen Aufstände zu koordinieren. Die Wahl fiel überraschenderweise auf Hitler. Mit Dietrich Eckart als Begleiter flog er in einem Militärflugzeug nach Berlin zu einer Besprechung mit Dr. Kapp. (49)

In einer anderslautenden Version erkannte Hitler selbst, von Eckart getrieben, das Koordinierungspotential der militärischen Aktionen und volontierte,  oder vielmehr bat darum, in die Hauptstadt geschickt zu werden. Wer nun genau geschoben und wer geschubst hat, ist wahrscheinlich in den Nebeln der Geschichte verloren gegangen: am Ende jedenfalls stiegen sie in das Flugzeug und flogen los, am 17. März 1920.

Kapitän Röhm hatte mit seinem typischen Situationsbewußtsein die Mission bereits mit seinen Vorgesetzten geklärt und ein Flugzeug “organisiert”, komplett mit Pilot, welches sie in die Hauptstadt bringen würde. Es war Hitlers allererster Flug. Das Flugzeug war ein offenes Sportflugzeug, pilotiert vom jungen Jagdfliegerleutnant Robert Ritter von Greim, einem Träger des höchsten deutschen Militärordens, des Pour Le Mérite, der aufgrund seiner unverwechselbaren Form und Farbe als “Blauer Max” bekannt war. 25 Jahre später würde der Passagier Adolf Hitler den Piloten von Greim als Nachfolger von Hermann Göring zum letzten Kommandeur der Luftwaffe befördern.

Nach ein paar meteorologischen Schwierigkeiten und einem außerplanmäßigen Zwischenstopp kamen Hitler, Eckart und Greim am Nachmittag des 17. März in Berlin am Flughafen Tempelhof an, am fünften Tag der Regierung von Doktor Kapp. Mit etwas Glück konnten sie ein Taxi anhalten, das die distinguierten Botschafter Bayerns in die Reichskanzlei brachte.

Dort angekommen, wurden sie in das Büro des Kanzlers begleitet, wo sie jedoch nicht vom Amtsinhaber empfangen wurden, sondern dem “merkwürdigen Abenteurer” Trebitsch-Lincoln. (50) Dieses seltsame und durchaus skurrile Wundertier, als ungarischer Jude von Hitler und Eckart nicht unbedingt wohlgelitten, war zum Pressesprecher ernannt worden oder hatte sich, wie einige sagten, selbst zum Pressesprecher des deutschen Reichskanzlers Dr. Wolfgang Kapp ernannt.

Lincoln – ein faszinierendes Unikat, der in seinem Leben Abgeordneter im britischen Unterhaus, Hochstapler, Spion für Deutschland und Großbritannien, für die US-Abwehr tätig und zuletzt in China buddhistischer Mönch war – teilte der Verstärkung aus Bayern düster mit, dass Seine Exzellenz der Kanzler leider nicht zur Verfügung stand. Erschöpft von den Strapazen seiner Amtsgeschäfte, war der Kanzler gerade zum Flughafen Tempelhof aufgebrochen, um ein Flugzeug nach Schweden zu nehmen, wo er dem verdienten Ruhestand zu verbringen beabsichtigte. (An dieser Darstellung gab es später gelinde Zweifel – Kapp war wohl zu dieser Zeit noch in Deutschland untergetaucht.)

Aber der Kapp-Putsch war gescheitert.

Der ehemalige Reichskanzler kehrte freiwillig 1922 aus Schweden nach Deutschland zurück, um sich einem Prozess zu stellen, starb aber am 12. Juni 1922 vor dessen Beginn an einem Krebsleiden.


[46] [47] Read, Anthony, The World on Fire, Norton Books 2008, ISBN 978-0-393-06124-6, S. 319, 320

[48] [50] Toland, John, Adolf Hitler, Anchor Books 1992, ISBN 0-385-42053-6, S. 100, 101

[49] Payne, Robert, The Life and Death of Adolf Hitler, Praeger Publishers 1973. Lib. Con. 72-92891, S. 150

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Das Massaker des John J. Pershing

US Infanterie im Angriff …

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Zwar gelang es der deutschen Armee noch, den Fortschritt der Alliierten Offensiven Ende Oktober zu verlangsamen, aber es war klar, dass dieser Widerstand den nächsten und letzten Akt des Dramas nur verzögerte: irgendwann wäre der Knackpunkt erreicht. Im Fall der Fälle war es des Kaisers Lieblingsspielzeug, die Hochseeflotte.

In diesem Todeskampf des Deutschen Reiches nahmen zwei Gruppen in der deutschen Marine die Sache in ihre eigenen Hände, zuerst die Admirale und danach die Matrosen. Die U – Boot Waffe war auf Anker gelegt worden, aber die Hochseeflotte blieb eine potenziell starke Macht. Erbost über die U-Boot – Entscheidung, beschlossen Scheer und die Seekriegsleitung, die Überwasserschiffe in einer letzten Offensive zu verwenden, und planten eine neue Variante der früheren erfolglosen Versuche , die Grand Fleet über einen U-Boot – Hinterhalt zu locken. Der Unterschied war diesmal, dass die Deutschen beabsichtigten, diese Schlacht auch durchzuziehen , sobald die U-Boote es geschafft hatten, die numerische Überlegenheit der Grand Fleet zu reduzieren.

Ob die Hochseeflotte die geplante Schlacht nun gewinnen oder verlieren werde, war nicht die große Sorge der deutschen Admirale; sie wollten der Grand Fleet zumindest schwere Schäden zufügen. Hipper stimmte mit Scheer überein, dass „ein ehrenvoller Kampf – auch wenn es ein Kampf auf Leben und Tod sein sollte – die Saat für eine neue, zukünftige deutsche Flotte legen würde.“ Neben der Bewahrung dieser [offensichtlich kostbaren] Ehre, könnte eine Schlacht, die der Grand Fleet schwere Schäden zufüge, auch einen günstigen Einfluss auf die Friedensverhandlungen mit Deutschland haben. (42)

Geheimgehalten vor der Reichsregierung, wollte der Plan alles, was schwamm, in den Einsatz gegen die Royal Navy zu schicken: achtzehn Schlachtschiffe vom  Dreadnought-Typ, fünf Schlachtkreuzer, zwölf leichte Kreuzer und zweiundsiebzig Zerstörer. Der taktische Plan war es, den Grand Fleet dazu zu verlocken, die Hochseeflotte über eine Barrikade von Minen und U-Booten hinweg zu verfolgen, welche die britische Übermacht genug verringern würden, den Deutschen zu ermöglichen, die Schlacht zu gewinnen oder glorios unterzugehen. Um die Aufmerksamkeit der britischen Admiralität zu fesseln, hatte Hipper, mittlerweile zum Flottenadmiral befördert, lokale Angriffe auf Häfen und Bombardements von Küstenstädten ins Auge gefasst. Eine spezielle Gruppe von Kreuzern und Zerstörern sollte die Briten aufschrecken, indem sie in die Themse-Mündung segelten und die örtliche Schifffahrt angriffen. Wenn die Grand Fleet nach Süden aufbräche, um die Belästigung zu beenden, stünden die Deutschen bereit. Scheer, jetzt oberster Marinebefehlshaber und Hipper hofften beide, dass „ ein taktischer Erfolg die militärische Position umkehren könne und die Kapitulation abwenden“. (43)

Der Plan

Dies war entweder bemerkenswerter Optimismus oder kompletter Irrsinn. Scheer genehmigte Hippers Plan am 27. Oktober und zweiundzwanzig U-Boote liefen aus, um eine Falle zu stellen. Der Rest der Flotte wurde im Jadebusen gesammelt, wo ihre unerwartete Anwesenheit Aufregung in Hülle und Fülle verursachte. Einige Fälle von Fahnenflucht waren bereits in Cuxhaven aufgetreten, und setzten sich unter den Besatzungen der Schlacht fort, die am 29. Oktober im Jadebusen ankamen. Dass die Konzentration aller großen Schiffe in einem Hafen nichts anderes als eine geplante Operation bedeuten konnte, war klar, und die Gerüchteküche bestätigte bald, dass der nächste Morgen den Befehl zum Ankerlichten bringen würde. Kein Seemann hatte Zweifel, warum. Die Besatzungen der Schlachtschiffe „König“, „Kronprinz Wilhelm“, „Markgraf“, „Kaiserin“‚ „Thüringen“ und „Helgoland“ hissten rote Fahnen und erklärten damit ihre Meuterei. „Die Seeleute auf den Schiffen hatten kein Interesse an einem ehrenvollen Tod für den Ruhm der Flotte; sie wollten ein Ende des Kampfes, Entlassung und die Erlaubnis, nach Hause zu gehen.“ (44)

SMS Thüringen war eines der ersten meuternden Schiffe

Gegen 22.00 Uhr am 29. Oktober fand Hipper die meisten Schiffe seiner Flotte außer Betrieb und als sich die Meuterei am nächsten Morgen auf den Schlachtschiffen „Friedrich der Große“ und „König Albert“ ausbreitete, musste das Auslaufen abgebrochen werden. Um weitere Unbotmäßigkeiten zu verhindern, ordnete Hipper an, die drei Schlachtgeschwader zu trennen und wieder in ihre Heimathäfen Wilhelmshaven , Cuxhaven und Kiel zurückzubeordern . „Thüringen“ und „Helgoland“ bewegten sich jedoch keinen Zoll weit, und Hipper rief ein Bataillon loyaler Marineinfanterie zu Hilfe, das die Besatzungen verhaftete, fesselte und einsperrte. (45)

Soldatenrat des Linienschiffes “Prinzregent Luitpold”.

Hippers Versuche zur Durchsetzung von Disziplin schürten das Feuer nur weiter und durch die Verschickung der Schlachtgeschwader in drei verschiedene Häfen war ihm eigentlich nur eine Weiterverbreitung der Meuterei gelungen. Als das dritte Geschwader am 1. November in Kiel ankam, wurden die Hunderte angeketteter Seeleute von viertausend rebellierenden Seemännern und Werftarbeitern begrüßt, die sich ihrerseits zu Waffen verholfen hatten, indem sie die gut sortierten Arsenale plünderten und die Freilassung der Gefangenen verlangten. Der nächste Tag sah die Errichtung von provisorischen Soldaten- und Arbeiterräten, einen Aufruf der Gewerkschaften zu einem Generalstreik, und 4. November die komplette Übernahme von Hafen und Stadt. Eine Bande von Meuterern versuchte, den kommandierenden Admiral, Prinz Heinrich von Preußen, Wilhelms Bruder, zu verhaften, der …

Matrosen in Kiel demonstrieren nach dem Aufstand 1918.

…  zur Flucht um sein Leben gezwungen wurde und sich hinter einem falschen Bart und einer roten Fahne auf seinem Auto versteckte. Trotzdem wurde das Auto verschiedentlich beschossen, der Fahrer schwer verletzt, und der Prinz gezwungen, das Steuer selbst zu übernehmen und sich schnellstens zur dänischen Grenze bei Flensburg abzusetzen. (46)

Auch die kleineren Schiffe wurden besetzt …

Bald entwickelten sich aus der zuerst lokalen Meuterei offene Aufforderungen zur Revolution, und so wie Küstenschiffe die Nachricht an die kleineren Hafenstädte weiterleiteten, breitete sich der Keim der Empörung per Eisenbahn über das ganze Land aus. Matrosen- und Soldatenräte übermittelten ihre Forderungen an die Bürger jeder Stadt , die sie betraten: einen sofortigen Waffenstillstand, die Abdankung des Kaisers und der Bildung einer neuen, demokratischen und republikanischen Regierung. Dennoch blieben die Nachrichten an vielen Stellen lückenhaft, und in dem Versuch, genau herauszufinden was in Kiel geschehen war, schickte Reichskanzler Prinz Max von Baden eine Delegation aus zwei Reichstagsabgeordneten dorthin: seinen Freund Conrad Haußmann und den ehemaligen Metzger und Journalisten Gustav Noske , einen Vertreter der Sozialdemokraten. Als die Abgesandten im Bahnhof der Stadt ankamen, wurden sie von einer großen Menge begrüßt, deren scheinbar revolutionäre Stimmung Noske überzeugte, eine improvisierte Rede zu halten, in der er im Wesentlichen den Zuhörern versprach, dass ihre Forderungen bald erfüllt werden sollten. Am selbigen Abend konnte er Berlin über die Details des Aufstandes informieren, hinzufügend, dass die Menge ihn zum revolutionären Gouverneur Schleswig-Holsteins gewählt habe. (47)

Die Revolution in Kiel

In der Zwischenzeit verschlimmerte sich das menschliche Leiden an der Westfront wesentlich durch die Rückkehr der sogenannten  Spanischen Grippe, die, trotz ihres Namens, ihren Ursprung wohl in Fort Riley, Kansas, zu haben schien. (48) [FN 1] Es war schon im Sommer zu einem frühen Ausbruch der Seuche gekommen, der die bereits geschwächten deutschen Linien etwa 400.000 Soldaten kostete und eine vergleichbare Zahl der Alliierten, aber der zweite Ausbruch erwies sich als weitaus ansteckender und tödlicher. Die Ankunft amerikanischer Truppentransporter brachte die Epidemie zu den großen Ausschiffungshäfen; die ankommenden Soldaten infizierten die Franzosen, die wiederum die Briten infizierten, und deren beide Kriegsgefangenen wiederum die Deutschen.

Soldaten aus Fort Riley in Camp Funston

[FN 1] Die Influenza – Epidemie von 1918/19 verdient zweifellos einen eigenen Blog – Eintrag. Bitte beachten Sie hier den Artikel in der Wikipedia.

Merkwürdigerweise schlug die Krankheit am schlimmsten bei den Stärksten zu, vor allem bei jungen Männern in ihren besten Jahren. Truppentransporter, beladen mit eng zusammen gepackten Männern, wurden zu schwimmenden Todesfallen. Ein amerikanischer Konvoi hatte bei seiner Ankunft in Brest am 8. Oktober, in der Mitte der Maas-Argonne-Offensive, 4.000 Menschen durch die Grippe verloren, wovon 200 bereits auf See bestattet worden waren. Zweihundert weitere Kranke von der USS Leviathan [der beschlagnahmten deutschen ‘Vaterland‘] starben innerhalb weniger Tage. …

Die Epidemie stellte ein Dilemma für Präsident Wilson dar. Da Militärlager für die Verbreitung der Infektion wie Gewächshäuser wirkten, wurde der Auftrag für die Einberufung von 142.000 Menschen im September abgesagt. Sollte er, fragte sich Wilson, auch die Einschiffung weiterer Truppen abbrechen?

Am 8. Oktober traf er sich mit dem ziemlich ruppigen Stabschef der Armee, General Peyton March , um ihn um seine Ansicht zu bitten. Beiden Männern war klar, dass Soldaten in die überfüllten Schiffe zu stopfen ein Todesurteil für Tausende von ihnen bedeutete. Aber Pershing forderte verzweifelt Ersatz an, zumal 150.000 seiner Männer mit Grippe ausgefallen waren. Nur zwei Tage vor dem Treffen Wilsons und Marchs hatte Prinz Max seinen Friedensappell an den Präsidenten gemacht. Wilson und March wussten, dass weitere Verschiffungen, die im Moment auf durchschnittlich 50.000 wöchentlich angeschwollen waren, der sicherste Weg waren, Deutschland zu besiegen. Wie würden die Deutschen reagieren, wenn sie eine Verminderung dieses Drucks erkannten, falls die amerikanische Arbeitskraft-Pipeline geschlossen wurde? March sagte Wilson „Jeder Soldat, der [an der Influenza] stirbt, hat sicherlich genauso seinen Teil zum Krieg beigetragen wie sein Kamerad, der in Frankreich gestorben ist. Der Versand der Truppen darf auf keinen Fall gestoppt werden.“ Die Truppentransporter fuhren weiter. (49)

Am 27. Oktober teilte Prinz Max Präsident Wilson mit, dass alle seine Forderungen erfüllt werden würden. Technisch gesehen war es natürlich nicht seine eigene Entscheidung , sondern die seines Vetters Wilhelm, aber Max hatte vorsichtigerweise unterlassen, den Kaiser von der Klausel in Wilsons Demarche vom 23. Oktober zu informieren, die die Abschaffung der Monarchie zu fordern schien. Diese – besondere – Brücke würde er überqueren, wenn es der Moment erforderte. Als die Türkei am 30. Oktober um einen Waffenstillstand bat und Österreich am 4. November, fand sich Deutschland im Krieg allein. Die Front hielt noch, wie durch ein Wunder, aber in der Luft hing der Geruch nach Revolution. Am 29. Oktober verließ Wilhelm Berlin in Richtung des Oberkommandos in Spa, in dem fragwürdigen Glauben, dass seine Präsenz in der Nähe der Front den Mut der Soldaten heben würde. Aber es war die Abwesenheit, nicht die Gegenwart, der Person des Kaisers, die eine Art rebellischer Entelechie in der Hauptstadt freisetzte, und die endgültige, entscheidende und irreparable Auflösung des Ancien Régime nach sich zog.

„Die Roten strömen mit jedem Zug aus Hamburg nach Berlin hinein“, schrieb Graf Harry Kessler, eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, Diplomat und Sozialdemokrat, in sein Tagebuch am 6. November. „Ein Aufstand wird hier für heute Abend erwartet. Heute morgen wurde die russische Botschaft überfallen wie eine anrüchige Kneipe und Joffe [der Botschafter] hat sich mit seinen Mitarbeitern abgesetzt. Jetzt sind wir quitt mit diesem bolschewistischen Zentrum in Berlin. Aber vielleicht müssen wir diese Leute doch noch zurückrufen.“ (50)

In der ersten Woche des Novembers wurde die Meuterei der Matrosen von der Unbotmäßigkeit vielen Garnisonen gefolgt, deren mangelnde Bereitschaft, den ungeliebten preußischen Staat zu unterstützen, öffentliche Aufstände erleichterte. Lokale Anarchisten, Spartakisten und Unabhängige Sozialdemokraten stritten sich über verschiedene Formen der Revolution, und Räte übernahmen die Verwaltung der meisten großen Städte. In der ersten Woche im November wurden Rote Fahnen durch die Straßen von Hamburg, Bremen, Köln, DuisburgFrankfurt und München getragen. Aber es war eine merkwürdig stille Rebellion, die durch die Straßen zog – alle Berichte stimmen darin überein; Gewalt, ja sogar leidenschaftliche Diskussionen waren seltsam abwesend. Das jedoch änderte sich schnell genug. Der Spartakusbund,  deutsche Bolschewisten in Verkleidung, hatten unauffällig während der ersten Woche im November ihre Anhänger in der Hauptstadt konzentriert, während ihre Führer, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die deutsche Revolution vorbereiteten.

Karl Liebknecht predigt die Revolution …

Liebknechts Vater Wilhelm war ein persönlicher Freund von Karl Marx gewesen und erreichte sozialistische Heiligsprechung als Mitbegründer der SPD und Herausgeber der Parteizeitung „Vorwärts“. Sein Sohn studierte Jura und Wirtschaft in Leipzig und Berlin, bevor er im Wesentlichen als Anwalt für die sozialistische Bewegung tätig wurde. Er wurde 1912 für die SPD in den Reichstag gewählt und war das einzige Mitglied des sozialistischen Lagers, das im August 1914 gegen die Kriegskredite stimmte. Als ihm klar wurde, dass der Rest der Partei zumindest vorübergehend die Regierung und damit den Krieg unterstützen würde, begann Liebknecht nach Sympathisanten außerhalb der Partei zu suchen.

Zu diesem Ziel gründete er den „Spartakusbund“, die Liga des Spartakus, benannt, natürlich, nach dem thrakischen Sklaven Spartacus, der den Aufstand gegen Rom von 72 bis 70 BC angeführt hatte. Die „Spartakusbriefe“, die Antikriegszeitung der Liga, wurden ziemlich bald verboten, und ihr Gründer und Herausgeber fand sich an der russischen Front wieder, wo er sich zu kämpfen weigerte und schließlich einem Beerdigungskommando zugeteilt wurde. Gesundheitlicher Gründe halber aus dem Dienst entlassen, ging er wieder direkt zur Antikriegspropaganda zurück und leitete die sozialistische Friedensdemonstration am Maifeiertag 1916 durch die Straßen Berlins. Dieses Mal wurde er für vier Jahre wegen Hochverrats ins Gefängnis geworfen, aber bald aufgrund Prinz von Badens Amnestie für politisch Gefangene im Oktober 1918 begnadigt. Sobald er zurück auf den Straßen war, nahm er „seine Führung des Spartakus, in Partnerschaft mit den polnischen Aktivistin Rosa Luxemburg“ wieder auf. (51)

Rosa Luxemburg

Frau Luxemburg war schon früh als Lehrling in das Geschäft der Anzettelung von  Aufständen eingetreten; sie war in den illegalen sozialistischen und anti-zaristischen Bewegungen Vorkriegs-Russlands aktiv gewesen, seitdem sie eine Schülerin war. (52) Rechtzeitig der Aufmerksamkeit der Ochrana entronnen, fand sie sich in der Schweiz wieder, wo ein wohlhabenden Liebhaber ihr ein Studium an der Züricher Universität ermöglichte und half, die illegalen sozialistischen Parteien in Polen und Litauen zu unterstützen. Sie war vielleicht die extremste sozialistische Aktivistin außerhalb Russlands in diesen Jahren und befürwortete die globale und rücksichtslose Revolution. Sie wurde Deutsche per Heirat im Jahre 1903, trat der SPD bei, und fing an, ihr politisches Gewicht hinter den radikalen Flügel zu stellen. Schließlich wurde sie als Faktotum der Weltrevolution bekannt und regelmäßig ins Gefängnis geworfen, von ihrer alten Schweizer Flamme gerettet und wieder eingesperrt. Sie tat sich mit Liebknecht unmittelbar nach ihrer Freilassung durch von Badens Amnestie zusammen und begann die revolutionäre Bürokratie des Spartakusbunds zu organisieren.

Dieses giftige Pärchen, wie Lenin und Trotzki in Russland, sah die gemäßigten Sozialisten der SPD als ihre Hauptfeinde. „Die Partei muss durch die Rebellion der Massen von unten wieder neu aufgebaut werden“, schrieb Luxemburg. Ihre Verbündeten war die pazifistische Linke, die sich von der SPD im Jahr 1917 abgespalten und eine eigene Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD gebildet hatte –  nur geringfügig weniger extrem als der Spartakusbund. Die gemäßigten Sozialisten reagierten, indem sie in „Vorwärts“ höhnisch die „pathologische Instabilität“ des Spartakusbunds mit ihrem eigenen „klaren Kopf und vernünftiger Ruhe“ verglichen. Aber während die gemäßigten Sozialisten sich vernünftig ruhig verhielten, fingen Abordnungen der Spartakisten die aus dem Krieg zurückkehrenden Truppen an den Bahnhöfen ab, um Gewehre, Pistolen und Maschinengewehre zu erbetteln oder zu kaufen. (53)

Inzwischen sah sich Prinz Max mit dem Problem konfrontiert, wie der Krieg und die Monarchie zu beenden wäre, ohne dabei unfreiwillig eine Revolution zu verursachen. Er konzentrierte seine Anstrengungen auf drei entscheidende Fragen: den Ersatz von Kriegsdiktator Ludendorff, die Bildung einer Regierung die in der Lage wäre, das Land friedlich durch die vielen absehbaren Veränderungen zu führen, und, als Voraussetzung für das letztere, die Abdankung seines Vetters Wilhelm. Am 9. November beförderte er General Wilhelm Groener, den Sohn eines württembergischen Unteroffiziers und Transport- und Versorgungsspezialisten, auf Ludendorffs ehemaligen Posten als Generalstabschef und übertrug– völlig illegal – sein eigenes Amt und Autorität als Reichskanzler auf den siebenundvierzig Jahre alten ehemaliger Sattler und Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert . Die noch verbleibende Aufgabe war die schwerste. Keine bürgerliche, und noch viel weniger eine von Sozialisten geführte Regierung, könne ihre Autorität ausüben, solange der diskreditierte Kaiser noch im Amt verblieb.

Zu dieser Zeit hielt sich Wilhelm noch in Spa auf, den kaiserlichen Kopf voller törichter Phantasien, wie er, sobald der Waffenstillstand unterzeichnet war, seine treuen Armeen zurück nach Deutschland führen würde, um die Ordnung wiederherzustellen. Wie Prinz Max in Berlin zu Recht erkannte, war eine Rückkehr Wilhelms weit davon entfernt, eine Lösung sein – sie war eher das Problem. Berichten zufolge hatten in Metz, dem nächste Ziel der alliierten Offensive, bereits 10.000 deutsche Soldaten gemeutert, einen Soldatenrat gebildet, und die Stadt übernommen. Ähnliche Umstürze der alten Ordnung brachen in ganz Deutschland aus. … Den Frieden ersehnenden Deutschen war klar, dass die einzige Handlung, die die Massen vom Überlaufen in das radikale Lager abhalten würde, die Entfernung des in Verruf geratenen Monarchen war. (54)

In den letzten zehn Tagen seit seiner Ankunft in Spa hatte Wilhelm erfolgreich jeden Bezug zu den Realitäten vermieden und darauf bestanden, dass eine Abdankung indiskutabel war. Nicht an Widerspruch gewohnt, weigerte der Kaiser sich, den Erklärungen des Boten von Prinz Max, dem preußischen Innenminister Drews zuzuhören. Er habe „nicht die Absicht, wegen einiger hundert Juden und tausend Arbeitern dem Thron zu entsagen. Sagen Sie das Ihrem Meister in Berlin.“ (55)

Baden erkannte , dass er persönlich mit seinem Vetter sprechen musste. Am Abend des 8. November rief er Wilhelm am Telefon an und versuchte, durch des Kaisers Starrsinn zu dringen, indem er klarstellte, dass ohne Wilhelms Abdankung ein Bürgerkrieg das Land verwüsten würde. Der Kaiser glaubte ihm kein Wort. Es war undenkbar, erwiderte er, dass die Armee sich weigern würde, ihm zu folgen. Da es, darüber hinaus, Prinz Max gewesen war, der Wilson um einen Waffenstillstand gebeten hatte, nicht Wilhelm selbst, fühlte sich der Kaiser gänzlich unbeteiligt. „Sie haben um den Waffenstillstand gebeten“, sagte er, „also werden auch Sie die Bedingungen akzeptieren müssen.“ (56) Am nächsten Morgen, am 9. November, erschien die Führung der Armee, Hindenburg und Groener, im Hotel Britannique in Spa, um ihrem Souverän einen letzten und notwendigen Besuch abzustatten.

Am 9. November, traf der Kaiser in Spa die Führer seiner Armee, der Institution, durch die die Hohenzollern-Dynastie an die Macht gekommen war, und die deren Würde und Autorität immer aufrechterhalten hatte. Wilhelm II glaubte immer noch , dass, welche Akte der Untreue auch immer von den zivilen Politikern in Berlin begangen würden, welche Angriffe auf Ruhe und Ordnung auch immer die Straßen störten, seine Untertanen in Feldgrau würden ihrem Eid des militärischen Gehorsams treu bleiben. Auch an diesem 9. November fuhr er fort sich einzureden, dass er die Armee gegen das Volk einsetzen könne und damit das Königshaus retten; wenn er nur Deutschen befahl gegen andere Deutsche zu kämpfen.

Seine Generäle wussten es besser. Hindenburg, der hölzerne Riese, hörte ihn in aller  Stille an. Groener, der praktisch denkende Transportoffizier, Sohn eines Sergeants, der nun Ludendorff ersetzt hatte, fand den Mut zu sprechen. Er wusste, aus Umfragen unter fünfzig Regimentskommandeuren, dass die Soldaten jetzt „nur noch eins wollten – einen Waffenstillstand zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ Der Preis dafür, für das Haus Hohenzollern, war die Abdankung des Kaisers. Der Kaiser hörte ihm mit steigender Ungläubigkeit zu. Was ist, fragte er, mit dem Fahneneid, dem Eid auf die Farben des Regiment, der jeden deutschen Soldaten band, eher zu sterben, als nicht zu gehorchen? Groener sprach das Unaussprechliche aus. „Heutzutage“, sagte er, „besteht der Fahneneid nur aus bedeutungslosen Worten. “(57)

In der Reichskanzlei in Berlin, nicht in der Lage, den Ereignissen in entfernten Spa zu folgen, konferierte von Baden mit Ebert über die Situation auf der Straße. Ebert warnte, dass, wenn die Abdankung sich weiter verzögere, ein Staatsstreich von Spartakus und USPD in jeder Stunde wahrscheinlicher werde. Da Prinz Max sich im Klaren darüber war, dass die Monarchie wohl oder übel nicht mehr zu halten war, diktierte er, der Wirklichkeit vorgreifend, einem Mitarbeiter der Wolff-Telegraphen-Agentur in Berlin die Meldung, „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, auf den Thron zu verzichten.“ ( 58)

Feuerwerk der deutschen Hochseeflotte in Wilhelmshaven nach der Abdankung des Kaisers
“Der Kaiser hat abgedankt!” – 2. Extra-Ausgabe des “Vorwârts” vom 9. November 1918.

Als das sensationelle Telegramm binnen weniger Minuten zur Aufmerksamkeit der Konferenz in Spa gebracht wurde, explodierte Wilhelm in einer Philippika gegen alle Verräter, zivile und militärische, aber war schließlich gezwungen zu erkennen, dass das Spiel aus war. Um 3:30 Uhr am Samstag, den 9. November 1918, gab er den Thron auf, und das Ende des Zweiten Kaiserreichs war gekommen; 47 Jahre und 10 Monate nach seiner Gründung im Spiegelsaal von Versailles. Auf Hindenburgs Rat verließ Wilhelm Spa in den frühen Morgenstunden des 10. November, und ging ins Exil auf Schloss Amerongen in den Niederlanden, den Sitz des Grafen Godard Bentinck, der für die nächsten 23 Jahre sein Gastgeber sein würde. (59)

Wilhelm II an der holländischen Grenze auf dem Weg ins Exil

Inzwischen entwickelten sich die Ereignisse in der Hauptstadt Hals über Kopf. Philip Scheidemann, der stellvertretende Vorsitzende der SPD, war von der Reichskanzlei in den Reichstag gestürmt, um seine Kollegen über Eberts Termine zu informieren. Während eines wohlverdienten Mittagessens in der Cafeteria wurde ihm mitgeteilt, dass Spartakus und USPD ihre Anhänger zum Stadtpalast des Kaisers zusammengerufen hatten, angeblich zur Verkündigung der Revolution und Proklamation einer deutschen Sozialistischen Sowjetrepublik. Geschwindigkeit war nun von fundamentaler Wichtigkeit.

Philipp Scheidemann am Fenster der Reichskanzlei in Berlin bei der Proklamation der Deutschen Republik.

Scheidemann stürmte auf die Terrasse vor der Reichstagsbibliothek, wo er von einer zwischen Hoffnung und Furcht schwankenden Menge bejubelt wurde. Improvisierend informierte Scheidemann die Menschen über die Ernennung Eberts zum Kanzler und die Schaffung einer neuen, republikanischen und demokratischen Regierungsform und beendete seine kurze Ansprache mit den Worten: „Die verfaulte alte Monarchie ist zusammengebrochen. Lang lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!“(60) In der Zwischenzeit waren Delegationen der Spartakisten in Fabriken, Kasernen und Kasernen erschienen und hatten eine Menge von Tausenden von Anhängern mobilisiert, die zum Königlichen Schloss marschierten. Liebknecht begrüßte die revolutionäre Versammlung vom Balkon des Gebäudes herab, von wo der Kaiser früher seine Untertanen adressiert hatte:

„ Kameraden!“, rief er. „Die rote Fahne fliegt über Berlin! Das Proletariat marschiert. Die Herrschaft des Kapitalismus , die Europa in einen Friedhof verwandelt hat , ist vorbei. Wir müssen unsere Stärke sammeln, um eine neue Regierung der Arbeiter und Bauern zu bilden, und eine neue Ordnung des Friedens und die Freude und Freiheit nicht nur für unsere Brüder in Deutschland, sondern für die ganze Welt zu erschaffen. Wer entschlossen ist, den Kampf nicht einzustellen, bis die freie sozialistische Republik und die Weltrevolution verwirklicht ist, soll seine Hand heben und schwören!“ Die Menge brüllte zurück ‘Wir schwören’“. Aber Liebknecht kam zwei Stunden zu spät. (61)

Ebert hatte schnell gehandelt und bereits die USPD, Liebknechts einzig mögliche Unterstützer, davon überzeugt, in eine Koalition mit der SPD einzutreten, indem er der kleineren Partei einen gleichen Anteil bot, drei von sechs Sitzen in der provisorischen Regierung. Die neue Exekutive nannte sich „Rat der Volksbeauftragten“  und es wurde erwartet, dass sie sich die Verwaltung mit dem Arbeiter- und Soldatenrat der Hauptstadt teile, bis eine Nationalversammlung eine Verfassung erlassen und anschließend eine legitime Regierung beauftragen konnte. Ebert vorsichtiges Manövrieren überzeugte auch die liberalen und katholischen Interessen in der Hauptstadt und in weiten Teilen des Landes, die früher gefürchtete SPD als tragende Säule der neuen Republik zu unterstützen und damit hatte die neue Regierung zumindest die Legitimität populärer Unterstützung.

Dies alles unter der Voraussetzung, dass die Revolution in Schach gehalten werden könne. Dies schien in der Tat der Fall zu sein: außer ein paar Scharmützeln am Samstagabend und Sonntag, dem 10. November, blieb Berlin ruhig, und nachdem die Frage einer deutschen Republik jetzt aus dem Bereich der Möglichkeit zur Wirklichkeit geworden war, richteten sich die Augen der Nation zurück an die Westfront. Der Krieg war noch im Gange, und das Alliierte Oberkommando hatte bereits die nächste Offensive geplant; gegen Metz, am 14. November, und weitere Angriffe waren bis weit in das Jahr 1915 vorgesehen.

Der amerikanische Oberbefehlshaber John J. „Black Jack“ Pershing, der jetzt fast zwei Millionen „Doughboys“ unter seinem Kommando hatte, ersehnte sich eine baldige Vermehrung seines militärischen Prestiges durch die Eroberung von Sedan, das bei weitem die attraktivste Ziel in dem südöstlichen Teil der Front war. Es war die Stadt, wo die deutsche Armee die Franzosen im Jahr 1870 geschlagen und Napoleon III und 100.000 Poilus zu Kriegsgefangenen gemacht hatte.

Matthias Erzberger

Inzwischen hatte Prinz Max am 7. November eine Delegation für die Aushandlung des Waffenstillstands zu den französischen Gräben in der Nähe von Haudroy entsandt. Die Abordnung wurde von Matthias Erzberger geleitet, dem Vorsitzenden der deutschen katholischen Zentrumspartei, die von Badens informelle Regierung unterstützte. Er war ein bekannter Pazifist und das einzige bekannte Gesicht in der deutschen Gesandtschaft, die, mit Ausnahme von ihm selbst, aus Funktionären der mittleren Ebene aus dem Auswärtigen Dienst, Armee und Marine bestand. (62) Die Botschaft wurde mit dem Zug zu einem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne transportiert, fünfundsechzig Kilometer nordöstlich von Paris, und mit einer erwartet schroffen Behandlung durch Foch und General Weygand konfrontiert. Die Waffenstillstandsbedingungen waren wie folgt:

Marschall [Ferdinand] Foch vor seinem Salonwagen im Walde von Compiégne, Der zweite von links ist [Maxime] Weygand.

Alle besetzten Gebiete in Belgien, Luxemburg und Frankreich sowie Elsaß-Lothringen, seit 1870 von Deutschland besetzt, müssen innerhalb von vierzehn Tagen evakuiert werden; die Alliierten würden Deutschland westlich des Rheins und Brückenköpfe am Ostufer des Flusses in dreißig Kilometer Tiefe besetzen; alle deutschen Truppen müssen aus Österreich-Ungarn, Rumänien und der Türkei zurückgezogen werden und Deutschland hat 10 Schlachtschiffe, 6 Schlachtkreuzer, 8 Kreuzer und 160 U – Boote an alliierte oder neutrale Häfen auszuliefern. Sie muss alle schweren Waffen abliefern, darunter 5.000 Artilleriegeschütze, 25.000 Maschinengewehre und 2.000 Flugzeuge.

Die nächste Forderung versetzte die deutsche Delegation in tiefste Verzweiflung. Obwohl die Hungersnot im Lande wütete, beabsichtigten die Alliierten die Transportkapazitäten des Landes durch die Fortsetzung der Seeblockade und Konfiszierung von 5.000 Lokomotiven, 150.000 Eisenbahnwaggons und 5.000 Lastwagen zu lähmen. Weygand leierte vierunddreißig Bedingungen herunter, von denen die letzte Deutschland für den Krieg verantwortlich machte und Reparationen für alle Schäden forderte. (63)

Frühe französische Pläne für eine Teilung Deutschlands

Der deutschen Delegation wurde eine 72-Stunden-Frist gewährt und die Gelegenheit eingeräumt, die alliierten Forderungen per Funk an Berlin zu vermitteln. Erzberger war sich bewusst, dass die auferlegten Bedingungen viel zu scharf waren, um dem Radio anvertraut zu werden, welches abgehört werden könnte, und liess Prinz Max lediglich ausrichten, dass ein Kurier auf dem Weg sei. Dann bat er um eine vorläufige Einstellung des Kampfes, bis die Antwort empfangen werden könne, und wies darauf hin, dass damit viertausend Leben oder mehr pro Tag gerettet werden können. Um Pershing einen Gefallen zu tun, der wütend war, dass seine großer Entwurf der Eroberung Deutschland nun vereitelt schien und zur höheren Ehre der amerikanischen Expeditionary Forces und seiner eigenen auf Kampf bis zur letzten Minute bestand, weigerte sich Foch, das Gemetzel einzustellen.

Die Erzberger-Mission übernachtete im Wald von Compiègne in der Nähe von Fochs Eisenbahnwaggon und entwarfen Protestbriefe, die, wie sie hofften. vielleicht einen mäßigenden Einfluss auf die alliierten Bedingungen zeitigen würden. Um 8 Uhr abends am 10. November erhielten sie einen französischen Bericht über eine abgefangene Nachricht aus Berlin, die Erzbergers Vollmachten bestätigte und ihn ermächtigte, das Instrument des Waffenstillstandes zu unterzeichnen.

Danach wurde eine zweite Nachricht Hindenburgs empfangen, die die Echtheit des ersten Signals bestätigte und Erzberger anwies zu versuchen, im Interesse der hungernden Frauen und Kinder um die Aufhebung der Seeblockade nachzusuchen. Um 2 Uhr am nächsten Morgen, den 11. November, wurde die deutsche Delegation zurück in den Eisenbahnwaggon zu einer zweiten Runde Gespräche geführt.

Foch blieb jedoch unnachgiebig, und die einzige Mäßigung der Konditionen. die Erzberger erreichte, war, dass die Alliierten „die Versorgung Deutschlands während des Waffenstillstands in Erwägung zögen, sollte diese als erforderlich eingestuft werden.“ (64) Der Waffenstillstand wurde kurz nach 5.00 Uhr morgens unterzeichnet, mit Wirkung von 11.00 Uhr des gleichen Tages, also in sechs Stunden, und die Sitzung wurde unterbrochen. Alles was die Soldaten auf beiden Seiten des Drahtes nun tun mussten, war noch sechs Stunden in ihren Gräben zu verweilen und das Abschlachten wäre vorbei.

Erzberger bei der Unterzeichnung

Das heißt, für alle mit Ausnahme der AEF, die von Pershing angewiesen wurden, die für diesen Tag geplanten Angriffe ohne Berücksichtigung des Waffenstillstandes um 11:00 Uhr wie geplant fortzusetzen. Da Foch die Bedingungen des Waffenstillstands allen alliierten Kommandanten mitgeteilt hatte – darunter natürlich auch Pershing – war schon im Vorfeld klar, dass aller Boden, der den Deutschen in so einer Last-Minute-Offensive abgerungen werden könne, von den Deutschen ohnehin innerhalb zweier Wochen aufgeben werden musste.

Pershing hatte seine Regiments- und Divisionskommandeure darüber informiert, dass ein Waffenstillstand mit Wirkung 11.00 Uhr in Kraft treten würde, aber befahl seinem Stabschef, dass von 5.00 bis 11.00 Uhr, die AEF „ jeden Vorteil aus der Situation“ ziehen sollte. (65) Neun der sechzehn US Divisionskommandeure an der Westfront interpretierten das Fehlen spezifischer Befehle als Anreiz, die geplanten Angriffe zu starten; sieben verzichteten darauf, um nicht sinnlos ihrer Männer Leib und Leben zu gefährden.

Also griffen neun US-Divisionen den Feind am Morgen des 11. November an und da die Deutschen gezwungen waren, sich zu verteidigen, ob sie wollten oder nicht, wurden fast 11.000 Opfer der Gesamtheit der Kriegsverluste unnötig hinzugefügt. Mit mehr als 2700 Toten am Ende dieser wenigen Stunden übertraf dieser letzte halbe Tag die durchschnittliche tägliche Verlustrate von 2.000 Toten bei weitem.

Betrachtet man diese Verluste in der richtigen Perspektive, so wurden während der  D-Day-Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944, fast 26 Jahre später, Gesamtverluste um die 10.000 (für alle Seiten) berichtet. Also waren die Gesamtverluste des (halben) Waffenstillstandstags fast 10 Prozent höher als die am D-Day. Es gab jedoch einen großen Unterschied. Die Männer, die die Strände der Normandie erstürmten, kämpften um den Sieg. Die Männer des Waffenstillstandstags starben in einem Krieg, der bereits entschieden war. (66)

Um 11:00 Uhr am 11. November 1918 beendeten die Kanonen das Feuer entlang der Westfront. Aber es war erst in der Zeit nach dem großen Konflikt, dass die Mitglieder der alten Kaiserhäuser realisierten, für wie lange schon – in Wahrheit –  sich ihre Relevanz und Autorität vermindert hatte, ohne dass sie es bemerkten. Denn es hatte sich herausgestellt, dass die Macht der Hohenzollern, Habsburg und Romanov-Dynastien nicht erst im Februar 1917 oder November 1918 beendet war, sondern in Wirklichkeit bereits im Sommer 1914 oder sogar noch früher – in ihrem Betreiben, den alten Kontinent in unnötigen Krieg und Pestilenz zu treiben, hatten sie, ach, die Schatten des Nationalismus und Sozialismus übersehen, die sich in ihrem Rückspiegel zusammenbrauten – eifrig darauf aus, das imperiale Erbe zu übernehmen.


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[42] [43] [44] [45] Massie, Robert K., Castles of Steel, Ballantine Books 2003, ISBN 0-345-40878-0, S. 773, 775, 775, 776

[57] Keegan, John, The First World War, Vintage Books 2000, ISBN 0-375-40052-4361, S. 418-419

[48] [49] [54] [55] [56] [58] [59] [62] [63] [64] [65] [66] Persico, Joseph, 11th Month, 11th Day, 11th Hour, Random House 2004, ISBN 0-375-50825-2, S. 303, 304-5, 315-16, 316, 317, 318, 318, 306, 307-8, 323, 325, 378-9

[46] [47] [50] [51] 52] [53] [60] [61] Read, Anthony, The World on Fire, Norton Books 2008, ISBN 978-0-393-06124-6, S. 26, 27, 28, 29, 29, 30, 32, 32

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Der Zaubertrank des Woodrow Wilson

Rechts Wilsons wichtigster Berater, Colonel House

Trotz der sich verschlechternden Lage an der Heimatfront – mehr als eine Million Arbeiter hatten bereits ab Januar 1918 an Streiks teilgenommen und Hunderte von Frauen und Kindern erlagen jeden Tag der Unterernährung – hatten die deutsche Armeen im Spätsommer des Jahres 1918 viel von ihrem Elan wiedergewonnen und die Ende September beginnenden  Alliierten Offensiven kamen, „zu Fochs Verärgerung“ (29) eher langsam voran. In der Mitte der Front überquerte eine kombinierte französisch-britische Offensive in der zweiten Woche des Oktobers zwar die Hindenburg-Linie, aber der Angriff in Flandern, bei Ypern, hatte große Schwierigkeiten gegen den Widerstand von Rupprechts Bayern und es dauerte drei Wochen, um Lille zu erobern , nur zehn Meilen hinter der Front. Die amerikanischen Offensiven bei Verdun und im Forst der Argonnen blieben für den Ausgang des Krieges praktisch folgenlos.

Aber was immer auch die defensiven Erfolge der deutsche Armee erreichten, sie konnten das Ende des Krieges nur verzögern, nicht verhindern. Die numerische Stärke der Verteidiger war im Oktober auf weniger als 2,5 Millionen Mann geschrumpft, und nur wenig Ersatz stand zur Verfügung, obwohl die deutsche Armee bis zum 6. November (30) frische Rekruten  einzog.  Am 28. September konnte sich sogar Ludendorff nicht mehr der Realität entziehen. Nach einer wütenden Philippika gegen den Kaiser, die Regierung, die Armee, die Marine und das Universum, die sich gegen ihn verschworen hatten, informierte er Hindenburg, dass der Krieg verloren war und unverzüglich ein Waffenstillstand abgeschlossen werden musste. Am nächsten Tag wurde eine zweite Konferenz in Spa abgehalten; anwesend waren Wilhelm II, Hindenburg, Ludendorff, Kanzler Hertling und der neue Außenminister Paul von Hintze.

Der Krieg tobte weiter …

Nach langwieriger Diskussion wurde eingesehen, dass, angesichts der praktisch unbegrenzten amerikanischen Ressourcen an Menschen und Material, der Krieg nicht gewonnen werden könne. Deutschlands Verbündete waren am Rande des Zerfalls – Bulgarien hatte bereits kapituliert und die österreichisch-ungarischen und türkischen Truppen weigerten sich zu kämpfen – keine Hoffnung blieb, die Niederlage zu vermeiden. Unter diesen Umständen beschloss die Konferenz, etwas im Trüben herumzufischen und die bestmöglichen Friedensbedingungen zu eruieren. Man erinnerte sich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson am 8. Januar 1918 seine Vorstellungen vom Frieden und einer zu schaffenden neuen Weltordnung in einer Rede an den US-Kongress und die Weltpresse dargestellt hatte – die berühmten „Vierzehn Punkte“.

Redetext des Präsidenten der Vereinigten Staaten bei der gemeinsamen Sitzung der beiden Häuser des Kongresses, am 8. Januar 1918.

Diese Punkte schlugen im Wesentlichen die Schaffung einer neuartigen internationale Ordnung vor, in der die Beziehungen zwischen den Nationen transparent sein sollten, Kolonialvölker selbst bestimmen sollten, wie und von wem sie regiert würden, die Seefahrt frei sein würde, freier Handel die Norm sein sollte, und eine Weltregierung, eine Liga der Nationen, gebildet werden sollte. Die vierzehn Punkte setzen auch den Preis fest, den Deutschland für den Frieden zahlen müsse. Es müsse jeden Zoll des in diesem Krieg eroberten Territoriums aufgeben, als auch Elsass-Lothringen, das es Frankreich vor fast einem halben Jahrhundert weggenommen hatte. (31)

Die Teilnehmer der Konferenz prüften bereitwillig Wilsons Worte in Bezug auf die entscheidende Frage; die der finanziellen Folgen und des Verlusts oder Gewinns von Territorien:

Laut Wilson solle es keine Annexionen, Schadensersatz oder Reparationen geben, … nationale Bestrebungen müssten respektiert werden, und Völker dürften nur mit ihrer eigenen Zustimmung regiert und beherrscht werden. „Selbstbestimmung“ sei … „das oberste Gebot künftiger politischer Aktionen, die Staatsmänner von nun an nur auf eigene Gefahr ignorieren könnten“. (32)

Wilsons Vorschläge wurden als durchaus akzeptabel erachtet, obwohl der Kaiser und die Generäle immer noch die Hoffnung hegten, dass Elsass-Lothringen und Polen dem Reich erhalten werden könnten. Doch als sofortige öffentliche Demonstration Deutschlands Friedensbereitschaft akzeptierte der Kaiser den Rücktritt des 75 Jahren alten Kanzlers Hertling und ernannte an dessen Statt am 3. Oktober seinen 51 Jahre alten Cousin, Prinz Max von Baden.  

Woodrow Wilson

Die meisten Darstellungen bezeichnen den neuen Kanzler als „liberal“, weil Ludendorff ihn so nannte; aber „liberal“ war Prinz Max nur in dem Sinne, dass Nero und Caligula Liberale waren – im Vergleich zu Attila dem Hunnen. Er war natürlich ein überzeugter Monarchist und hatte null Sympathien für liberale oder, schlimmer noch, sozialistische Reformen, aber er war nicht, wie sein Schwager Wilhelm, komplett der Wirklichkeit entfremdet. (33) Es ist wahr, dass er einst im Komitee des Deutschen Roten Kreuzes gearbeitet und im Jahre 1917 öffentlich die Möglichkeit eines Verhandlungsfriedens erwähnt hatte, und damit war er bei Kontakten zu Wilson weit weniger kompromittiert als, sagen wir, Ludendorff oder Wilhelm selbst es gewesen wären.

Prinz Max verstand die Dringlichkeit. die deutsche Regierung möglichst schnell mit einigen demokratischen Gesichtern zu dekorieren. Er kontaktierte die großen Parteien des Reichstags und sicherte sich, ihren Patriotismus ansprechend, die Unterstützung der Liberalen, des katholischen Zentrums und zum ersten Mal in der Geschichte auch die Hilfe der SPD, zwei derer Abgeordneten der Baden-Regierung beitraten. (34) Die neue Regierung machte sich an kleinere demokratische Änderungen der alten Reichsverfassung und am 5. Oktober teilte von Baden der amerikanische Regierung – über die Schweiz – mit, dass Deutschland um einen Waffenstillstand auf Grundlage der Vierzehn Punkte nachsuche.

Die Vierzehn Punkte als PDF

Eine erste Antwort wurde am 8. Oktober erhalten –  von Außenminister Robert Lansing – der, im Namen seines Präsidenten, den sofortigen Abzug der deutschen Truppen aus den besetzten Teilen Belgiens und Frankreichs als Grundbedingung für einen noch zu verhandelnden Waffenstillstand forderte. In seiner Antwort vom 12. Oktober versprach Baden, die Forderung zu erfüllen, und die deutschen Evakuierungen begannen schon am folgenden Tag.

Am 14. Oktober verlangte eine zweite Note, diesmal von Wilson selbst, das Ende der „illegalen und unmenschlichen Praktiken “ (35) des deutschen U – Bootkriegs und Baden gelang es bis zum 20. Oktober, die U-Boote nach Hause zu schicken, gegen den erbitterten Widerstand der Admiralität. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass weder Wilson noch andere US-Vertreter jemals forderten, die – offenbar rechtmäßige und humane – Kontinentalsperre der Royal Navy zu beenden.

Eine dritte Note wurde am 16. Oktober empfangen und diese brachte den neuen Kanzler wirklich in Verlegenheit, da sie seinen Vetter Wilhelm direkt zu implizieren schien. Das Memorandum verlangte , dass die „willkürlichen Kräfte“, die den „Frieden der Welt“ bedrohten, zu entfernen waren, bevor formelle Friedensverhandlungen eingeleitet werden konnten. Von Baden und sein Kabinett interpretierten dies mindestens als eine unverhüllte Forderung nach der Abdankung Kaiser Wilhelms, vielleicht sogar nach Abschaffung der Monarchie und der Errichtung einer deutschen Republik. Diese Ansicht wurde von einem weiteren Schreiben unterstützt, welches Berlin am 23. Oktober erreichte, und klarstellte, dass, wenn die Vereinigten Staaten sich „ mit den militärischen Meistern und monarchischen Autokraten Deutschland beschäftigen müsse, sie nicht Friedensverhandlungen, sondern die Kapitulation verlangen müssten.“ (36)

Diese plumpe Erpressung, beispiellos im diplomatischen Procedere, wurde zu einer politischen Bombe von größtem Ausmaß und führte zu größeren Auswirkungen als vielleicht jedes andere diplomatische Dokument des 20. Jahrhunderts. Zu der Zeit, als Wilson seine Notiz verfasste, betrachtete die diplomatische Konvention innere Angelegenheiten eines souveränen Landes als Tabu, die, vielleicht, in privatem Geflüster von Botschafter zu Botschafter bei informellen Funktionen kommentiert werden konnten, aber nicht zum Gegenstand einer offiziellen Note an eine Regierung werden konnten. Für jeden deutschen Monarchisten oder Nationalisten, und davon gab es immer noch genug, war Wilsons Note eine Beleidigung von epischen Proportionen, ein Affront gegen die Souveränität des Landes und eine Verächtlichmachung aller, die geliebte Menschen im Krieg verloren hatte. Es war buchstäblich unerhört.

Die katastrophalen Folgen dieser Note können kaum überbewertet werden. Ob Präsident Wilson die Botschaft in seliger amerikanischer Naivität oder in simpler Arroganz verfasst hatte, vielleicht nur in der Absicht, die liberalen und demokratischen Elemente in Deutschland zu stärken, kann im Nachhinein nicht festgestellt werden, aber als Ergebnis lieferte seine Note, wie wir sehen werden, den Schuldigen einen fantastischen Vorwand und eine leichte Absolution, während die künftige deutsche Republik von ihrer Gründung an schicksalsvoll die Bürde eines verlorenen Krieges tragen musste, für den sie nicht im geringsten verantwortlich war.

Das Ergebnis der Note Wilsons, ohne die die Republik nicht in der gleichen konfusen Weise geboren worden wäre, war die Entstehung der beiden stabilsten Phantome der späteren nationalistischen, rechtsgerichteten und schließlich Nazi-Propaganda, die „Dolchstoßlegende“ und die Legende der „Novemberverbrecher“. Sobald der Waffenstillstand unterzeichnet war, setzten sich die Männer, die für die Katastrophe verantwortlich waren, ab: Wilhelm floh  ins Exil in den Niederlanden, Ludendorff nach Dänemark – in Zivil und mit einem falschen Bart – und Hindenburg und die anderen prominenten Generäle gingen auf Tauchstation. Die unschuldigen Vertreter der neuen Republik, die den Waffenstillstand und schließlich den Friedensvertrag unterzeichnen mussten, wurden als Verräter diffamiert und etliche von ihnen anschließend ermordet.

Die fatalen Folgen von Wilsons Note bewiesen nicht nur, dass die USA „nicht ganz so großmütig waren, wie sie versprochen hatten“, (37) sie erschufen Argumentationen, die aus dem Ersten direkt in den Zweiten Krieg führen würden. Es war einfach unerhört für einen Staat, einem anderen Politik zu diktieren: Wir haben gesehen, wie sehr die Bagatelle, ob es oder nicht ein paar österreichischen Detektiven zu gestatten wäre, die Hintergründe der Ermordung Franz Ferdinands in Serbien zu untersuchen, zum Kriegsgrund ausgerufen worden war. Noch schlimmer, Wilsons Vorgehensweise war irreführend und eigentlich schlichte Erpressung – kaum ein vielversprechender Start in sein goldenes Zeitalter des Friedens, der Liebe und des gegenseitigen Verständnisses. Seine Verhandlungstaktik war mala fide von Anfang an: entwickelt, um die wichtigsten Zugeständnisse des Gegners billig und ohne Gegenleistungen zu bekommen, was sonst mit hohen Kosten erkämpft werden müsste: der Abzug der deutschen Armeen aus Frankreich und Belgien und die Einstellung der U-Boot-Kampagne.

Das Problem war, dass Wilsons Forderungen Nationalisten, Monarchisten und Militaristen später erlaubten zu behaupten, dass der Krieg nicht wirklich verloren gegangen war: dass die deutsche Armee „nie im Feld geschlagen worden“ war, da, mit Ausnahme von Rennenkampfs und Samsonows Russen in Ostpreußen 1914, ausländische Soldaten niemals einen Fuß auf den Boden des Vaterlands gesetzt hatten. Daher war der Waffenstillstand unnötig und verräterisch, und ebenso wie der nachfolgende Vertrag von Versailles, durch die „Novemberverbrecher“ unterzeichnet, d.h. von der Regierung der neuen deutschen Republik, die erst entstanden war, nachdem Wilhelm und seine Kumpane sich dünne gemacht hatten. Somit hatte die Republik die Ehre der Nation verraten, lärmten die Rechten.

Prinz Baden erkannte, dass die Entlassung Ludendorffs, der trotz seines irreführenden Rangs als Generalquartiermeister der eigentliche Militärdiktator des Landes war, die Priorität Nummer eins war, zumal der General seine Befugnisse dreist überschritten hatte. Am Tag, nachdem von Baden Wilsons unheilvolle Nachricht empfangen hatte, verspürte Ludendorff die Gelegenheit, den Krieg – und damit seine eigene Autorität – zu verlängern. Da die deutsche Front entgegen den Erwartungen nicht nach dem „Schwarzen Tag“ bei Amiens zusammengebrochen war und die militärische Lage sich in der Zwischenzeit etwas verbessert hatte, nahm Ludendorff die Gelegenheit wahr, seine Truppen in einem Tagesbefehl zu adressieren. Sein Bulletin bezeichnete die vierzehn Punkte und von Badens Antrag auf einen darauf basierenden Waffenstillstand als versteckte „Forderung nach bedingungsloser Kapitulation. Es ist daher für uns Soldaten nicht akzeptabel. Es beweist , dass des Feindes Wunsch nach unserer Zerstörung, die den Krieg im Jahre 1914 verursachte, noch unvermindert existiert. Es kann dies also für uns Soldaten nur eine Herausforderung sein, unseren Widerstand mit aller Kraft fortzusetzen.“ (38)

Ein unbekannter Stabsoffizier versuchte den Befehl zu unterdrücken, aber eine Kopie entkam der Zerstörung und erreichte OBEROST, das östliche Hauptquartier, wo der diensthabende Offizier, ein Sozialdemokrat, das Signal abfing und es an die Parteizentrale der SPD in Berlin weiterleitete, von wo aus es seinen Weg in die Presse fand. 

Ludendorffs nicht autorisierter Befehl war zumindest grobes Foulspiel, vielleicht sogar Hochverrat und von Baden erkannte, dass jede Grundlage für Friedensverhandlungen so lange unmöglich war, solange der quasi-Diktator im Amt blieb. Aufgrund der breiten Unterstützung, die von Baden im Reichstag genoss, konnte er dem Kaiser deutlich machen, dass es sich entweder um Ludendorff oder ihn selbst handelte. Am 26. Oktober wurden Ludendorff und Hindenburg ins Schloss Bellevue in Berlin bestellt, wo Ludendorff gezwungen wurde, seinen Rücktritt einzureichen, den der Kaiser ohne Dankesworte akzeptierte. Baden, der einen Welscher erkannte, wenn er ihn sah, hatte schon vor der Sitzung Ludendorffs schriftliche Erklärung erzwungen, dass keine Chance blieb, den Krieg mit militärischen Mitteln zu gewinnen und konnte damit die gleichzeitige Entlassung der beiden führenden Generäle vermeiden. Als Hindenburg seinen eigenen Rücktritt anbot, befahl Wilhelm ihm zu bleiben. (39) Die Geschichte geht um, vielleicht apokryph, dass, als Ludendorff am Abend in sein Hotelzimmer zurückkehrte, er zu seiner Frau sagte: „ Du wirst sehen, In vierzehn Tagen werden wir kein Reich und keinen Kaiser mehr haben .“ (40)

Er hatte recht. Es dauerte genau vierzehn Tage.


(29) (38) (40) Keegan, John, The First World War, Vintage Books 2000, ISBN 0-375-40052-4361, S. 413, 414, 414

(30) (32) (34) (37) Weitz, Eric, Weimar Germany, Princeton University Press, ISBN 978-0-691-01695-5, S. 16, 15, 15, 16

(31) Persico, Joseph, 11th Month, 11th Day, 11th Hour, Random House 2004, ISBN 0-375-50825-2, S. 290

(33) Read, Anthony, The World on Fire, Norton Books 2008, ISBN 978-0-393-06124-6, S. 26

(35) (36) (39) Massie,Robert K., Castles of Steel, Ballantine Books 2003 ISBN 0-345-40878-0, S. 772, 772, 773

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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