"Dropping the Pilot" Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine
“Dropping the Pilot” Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine

Titel, von links nach rechts: Deutsche Außenminister nach Otto von BismarckHerbert von Bismarck, sein Sohn (im Amt vom 24. Oktober 1885 bis 26. März 1890), Bernhard von Bülow, später Reichskanzler (vom 20. Oktober 1897 bis 23. Oktober 1900), Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff (24. Januar 1906 bis 25. Oktober 1907), Wilhelm von Schoen (26. Oktober 1907 bis 27. Juni 1910), Alfred von Kiderlen-Wächter (J27. Juni 1910 bis 30. Dezember 1912) und Gottlieb von Jagow (11. Januar 1913 bis 22. November 1916).


Der Eiserne Kanzler war am 18. März 1890 – sehr gegen seinen Willen – in den Ruhestand getreten. Er hatte sich stets zur Aufgabe gemacht, nach Möglichkeit freundschaftliche Beziehungen zu allen umliegenden Ländern zu gewährleisten. Dass Frankreich – wütend über die Niederlage von 1871, aber vorübergehend ohnmächtig – der Erbfeind bleiben würde, war klar. Unter allen Umständen musste verhindert werden, dass sie Verbündete auf dem Kontinent fand, insbesondere im Osten, d. h. Russland, um die “Grande Nation” bei der Durchführung eines Vergeltungskrieges zu unterstützen. Bismarcks Gegenmittel für diese besondere Bedrohung bestand darin, nur die allerbesten diplomatischen Beziehungen zu den beiden anderen reaktionären Monarchien, Russland und Österreich, aufzubauen. Diese beiden Nationen und Deutschland unterzeichneten einen Vertrag genannt den „Dreikaiserbund“, eine Liga der drei Kaiser, in der die Monarchen sich gegenseitige Neutralität zusicherten, sollte einer von ihnen von Frankreich oder dem Osmanischen Reich angegriffen werden.

Bismarck war sich der Tatsache bewusst, dass sich – praktisch unausweichliche – Spannungen zwischen Russland und Österreich auf dem Balkan möglicherweise negativ auf diesen Vertrag auswirken können, und schloss mit dem Zaren daher einen zusätzlichen Pakt, den so genannten „Rückversicherungsvertrag“, der Russland im Falle eines neuen deutsch-französischen Krieges unabhängig von seinem Grund zu Neutralität verpflichtete und damit das Gespenst eines Zweifrontenkrieg bannte. Bismarcks fundamentale Doktrin war offensichtlich genug – Frankreich diplomatisch so weit wie möglich isoliert zu halten.

Um eine solche Neutralisierung der französischen Diplomatie zu gewährleisten, stützte man sich im Zweiten Kaiserreich auf das Auswärtige Amt, dessen Mitarbeiter – man ist versucht “natürlich” zu sagen – hauptsächlich aus dem Adel rekrutiert und nicht dem Parlament gegenüber verantwortlich waren.

Keine statistische Charakteristik des diplomatischen Korps im Kaiserreich ist so auffällig wie der Anteil der Adeligen. Von den 548 Diplomaten, die zwischen 1871 und 1914 im Dienst waren, waren nicht weniger als 377, das heißt 69 Prozent, adeliger Herkunft. Der Prozentsatz der Adligen war sogar noch höher, wenn wir nur das Personal der Auslandsbotschaften und nicht das Auswärtige Amt als Ganzes zählen. Alle Botschafter des Kaiserreichs waren adeliger Abkunft. Die wichtigste Abteilung im Auswärtigen Amt, die Politische Abteilung I A, war in der Zeit von 1871 bis 1914 zu 61 Prozent mit Adeligen besetzt.

Es ist wahr, dass der Anteil der bürgerlichen Mitglieder des diplomatischen Dienstes in dieser Zeit und darüber hinaus stetig zunahm. Während des Kaiserreichs wurden die Bürgerlichen jedoch fast ausschließlich entweder in den weniger wichtigen Abteilungen des Auswärtigen Amtes eingesetzt, also in den Handels-, Rechts- oder Kolonialabteilungen oder im konsularischen Dienst. Wenn Bürger aus der Mittelschicht überhaupt in den diplomatischen Vertretungen im Ausland  eingesetzt wurden, dann wurden sie während der wilhelminischen Zeit (1888-1918) hauptsächlich nach Südafrika oder in den Nahen oder Fernen Osten geschickt; Gebiete, die zwar in kommerzieller Hinsicht wichtig waren, in denen zu dienen Aristokraten jedoch nicht bereit waren.

Nicht nur befand sich die Ausführung der Außenpolitik des Reiches in den Händen des Adels, es war mit wenigen Ausnahmen die nördliche, protestantische, das heißt „preußische“ Aristokratie, die den Löwenanteil der verfügbaren Posten besetzte; Katholiken waren weit weniger vertreten.

Der exklusive Korpsgeist des deutschen diplomatischen Dienstes wurde also auch durch diese konfessionelle Diskriminierung genährt. Bis 1945 war der Anteil der Katholiken unter den Diplomaten um ein deutliches niedriger als der nationale Anteil. Diese Situation lässt sich nur teilweise dadurch erklären, dass die katholischen deutschen Mittelstaaten bis 1918 ihre eigenen diplomatischen Dienste unterhielten.

Wichtiger war es vielleicht, dass die Mehrheit der süddeutschen Adelsfamilien die Idee, Staatsdienst unter den verachteten Hohenzollern abzuleisten, verabscheute und bis zur Jahrhundertwende den tatsächlichen Schwerpunkt ihrer sozialen Bestrebungen in der Wiener Hofburg sah und nicht in Potsdam oder Berlin. Wer die umfangreiche private Korrespondenz preußischer Diplomaten der Kaiserzeit liest, wird in Erstaunen versetzt von der fast pathologischen Angst vor dem sogenannten “Ultramontanismus” (die Vorstellung, dass deutsche Katholiken und die Zentrumspartei vom Papst irgendwie ferngesteuert seien), die selbst unter den höchsten und scheinbar aufgeschlossensten Diplomaten und Staatsmännern in Berlin vorherrschte.

Es herrschte die weit verbreitete Überzeugung vor, dass jedes Nachgeben gegenüber dem “Ultramontanismus” als logische Folge die Auflösung des Reiches zur Folge hätte. Katholiken konnten daher nur in den Dienst des Reiches aufgenommen werden, wenn sie sich entschieden und eindeutig gegen Rom und gegen die Zentrumspartei ausgesprochen hatten. [36]

Ganz im Gegensatz zu dem Eindruck von Stärke und Einheit, den die Reichsregierung nach außen hin zu demonstrieren suchte, verlangte die Formulierung und Durchführung seiner Außenpolitik von dem Kanzler ein tiefes Verständnis der Dinge und die Fähigkeit und Willenskraft, diese auch gegen die Ideen des Monarchen durchzusetzen. Bismarck besaß die erforderlichen Fähigkeiten und konnte gut mit Wilhelm I umgehen – der zeitweise stur sein konnte. Nachdem jedoch Wilhelms Nachfolger Kaiser Friedrich Wilhelm III. nach weniger als hundert Tagen Regentschaft im Jahr 1888 an Halskrebs gestorben war, übernahm Wilhelm III. als dritter Kaiser des Jahres die Regierungsgeschäfte.

Die Dinge im Auswärtigen Amt begannen sich bald danach zu ändern. Der junge Kaiser vertraute Bismarck nicht unbedingt so wie sein Großvater, vielleicht weil er sich selbst für ein Naturtalent in der Außenpolitik hielt. 1890 wurde Bismarck gegen seinen Willen in den Ruhestand versetzt und durch Baron Marschall von Bieberstein ersetzt, den der alte Kanzler verspottete, indem er ihn “ministre étrange aux affairs” nannte, (FN 1) und der neue Kanzler Graf Leo Caprivi, der weder über Kenntnisse noch über Erfahrung in fremden Angelegenheiten verfügte, gab offen zu, dass er solche nicht begehre. Allem Anschein nach verstanden die neuen Mitarbeiter des Büros Bismarcks Sicherheitssystem nicht – oder hielten es für entbehrlich. Die deutsche Außenpolitik befreite sich von den Fesseln der Realität.

FN 1: Es war ein Wortspiel über „fremd“ und „entfremdet“: ein „ministre aux affairs étranges“ ist ein Außenminister, ein „ministre étrangè aux affairs“ ist ein Minister, der „entfremdet“ ist, d.h. „ahnungslos“ ” von allen auswärtigen Angelegenheiten.

Den Rückversicherungsvertrag Bismarcks, das Kernstück seiner Außenpolitik, ließ man einfach auslaufen. Der neue Außenminister erkundigte sich nicht einmal in St. Petersburg, ob der Zar eine Verlängerung des Paktes wünsche. Der verblüffte Hof des Zaren konnte Berlins Schweigen nur als ein Zeichen unerklärlicher und unvermittelter deutscher Feindseligkeit interpretieren und suchte nach einem neuen Verbündeten im Westen. Frankreich war bereit und willens.

Die nächste diplomatische Katastrophe betraf die Beziehungen zu Großbritannien. Seit dem Siebenjährigen Krieg, aus dem die Alliierten als Sieger hervorgegangen waren, waren die anglo-preußischen Beziehungen größtenteils freundschaftlich gewesen, und der gemeinsame Sieg über Napoleon bei Waterloo hatte eine besondere Verbindung geschaffen. Ab den 1890er Jahren begann das wilhelminische Deutschland jedoch einen unnötigen und ziemlich hirnrissigen Rüstungswettlauf zur See mit England, das die Abhängigkeit des Britischen Reiches von offenen Seeverkehrslinien für Handel, Kommunikation und die Verwaltung seiner Besitztümer unmittelbar bedrohte.

Als Seemacht hatte Deutschland mit Ausnahme der mittelalterlichen Hanse keine weitreichende Geschichte, denn seine geografische Lage in der Mitte des Kontinents machte eine solche Notwendigkeit zumeist überflüssig. Die Ausdehnung der französischen und britischen Kolonialreiche im 19. Jahrhundert löste in manchen deutschen Kreisen jedoch einen Wunsch nach Konkurrenz aus. Das neue Reich begann daraufhin mit der Kolonialisierung der verbliebenen Reste der Welt; jener Gebiete, die andere Mächte als zu arm empfanden hatten, um sie zu begehren. Schließlich wurden vier unbesetzte afrikanische Territorien identifiziert, erobert und mit Trommelwirbeln und Fanfaren in Besitz genommen: das heutige Togo, Kamerun, Namibia und Tansania. Darüber hinaus wurden ein Teil von Neuguinea, Samoa, Tsing-Tao in China und einige Inselarchipel im Pazifik erworben.

Diese Neuerwerbungen waren leider kein fruchtbares Land, das die Mengen zu Hause ernähren konnte; um ehrlich zu sein, waren sie überhaupt nicht sehr nützlich, es sei denn, man wolle exotische Bakterien in dem von Fiebern befallenen Kamerun züchten. Es gibt jedoch Fälle, in denen Schönheit an den Kosten oder dem Aufwand gemessen wird, um ihr Ziel zu erreichen, und dies war beim jungen deutschen Kolonialreich der Fall. Geschichtslehrer versorgten ihre Schüler mit einem fortlaufenden Strom von Vorlesungen und Predigten über das Reich von Karl V. im sechzehnten Jahrhundert, in dem die Sonne sprichwörtlich nie unterging und viele gehorsame deutsche Schüler – und ihre Eltern – entwickelten den Wunsch, den “Platz in der Sonne” zu behalten, den ihr Kaiser um jeden Preis öffentlich für das Land gefordert hatte. Logischerweise mussten diese neu erworbenen deutschen Gebiete gegen diebische Hände verteidigt werden. Dazu gehörten womöglich alle ausländischen Seefahrer, die jeden Moment in der Nähe der Küste sich vor Anker legen könnten, um Deutschland um den Nordosten Neuguineas und seiner Kannibalendörfer zu berauben – wer könne dies verhindern?

Mit der ausdrücklichen Zustimmung des Kaisers brachte der deutsche Marineminister Tirpitz ein riesiges Flottengesetz durch den Reichstag, welches es ermöglichte, in fieberhaftem Tempo immer mehr Schlachtschiffe und jede Menge kleinerer Schiffe zum Schutz der Kolonien zu bauen. Um das Programm zu verwirklichen, mussten sogar neue Werften gebaut werden, zur Verwirrung der Briten, die sich um alles in der Welt keinen Grund vorstellen konnten, warum Deutschland eine Flotte von Schlachtschiffen bräuchte – außer um die Royal Navy herauszufordern. Großbritannien suchte daraufhin Hilfe gegen diese deutsche Bedrohung und 1912, zwei Jahrzehnte später, waren Frankreich, Russland und Großbritannien in der Triple Entente zumindest defensiv verbündet, einem Bündnis gegen das wilhelminische Deutschland und seine tapferen Alliierten Österreich-Ungarn und Italien (der “Dreibund“).

Das Auswärtige Amt in Berlin hatte die Realitäten, die es schuf, offensichtlich nicht verstanden, und ermöglichte es durch seiner kaltschnäuzige Rücksichtslosigkeit Frankreich die Karte “Deutsche Dominanz Europas!” gegen die germanische Bedrohung mit großem Erfolg zu spielen. Obwohl Deutschland Industrieproduktion und Konsum schneller vergrößert hatte als jedes andere kontinentale Land und nach dem britischen Empire, aber vor den USA, die zweitgrößte Industrienation der Welt geworden war, war seine politische Kultur im Wesentlichen vormodern, fast mittelalterlich geblieben, was durch die jugendliche Unbesonnenheit des Kaisers noch verschlimmert wurde.

Wilhelm II. war mit einem verkrüppelten linken Arm geboren worden und entwickelte ein verkrüppeltes Selbstwertgefühl; sein Cousin Nikolaus II., der russische Zar, nannte ihn einst einen “schamlosen Exhibitionisten”. Der junge Monarch hatte das Talent, an jedem Ort an dem er auftrat die unglücklichsten Eindrücke hervorzurufen; seine ständigen Forderungen nach größerer Macht für Deutschland machten ihn wirklich nirgendwo populär, und, was noch schlimmer war, wurden diese Ermahnungen zu oft mit einem wesentlichen Mangel an Charme und einem völligen Mangel an diplomatischer Sensibilität erteilt.

So hatten die Bemühungen der noblen Diplomaten Wilhelms bis 1914 zur Feindschaft Großbritanniens, Frankreichs und Russlands geführt, zu größter Unpopularität in der Welt – vielleicht mit Ausnahme der Osmanen – und zu einem Wettrüsten, wie es der Globus noch nie gesehen hatte.

Wie allgemein bekannt, gibt es in der Geschichte eine Faustregel, die besagt, dass je mehr Waffen aufeinander gestapelt werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit wird, dass sie eines Tages losgehen. Sie taten es am 1. August 1914.

[36] Röhl, John C.G., The Kaiser and his Court, Cambridge University Press, ISBN 0-521-56504-9, S. 153 – 154

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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