Historia Occidentalis

Ein Magazin zur Zentraleuropäischen Geschichte

Schlagwort: Edward Gibbon

Gibbon, Cole und das Römische Imperium

Thomas Cole – Der Traum des Architekten

Gemälde von Thomas Cole (The Course of Empire) und anderen …


Edward Gibbon

Nur wenige Historiker bleiben Gegenstand einer auch noch weit nach ihrem Tod anhaltenden Diskussion so wie Edward Gibbon.

Das Thema der Arbeit , die ihm zu ewigem Ruhm verhalf – “Der Verfall und Untergang des Römischen Imperiums” –  war unumstritten genug – hunderte von Bänden waren geschrieben worden über den Verfall von Rom (weniger über den von Konstantinopel …) aber die meisten der im Gedächtnis des Publikums befindlichen stammten aus der modernen, das heißt christlichen Zeit.

Die Meister der Antike mussten ohne den Vorteil – wie man glaubte – einer christlichen Erziehung oder Indoktrination schreiben und daher betrachtete das britische historische Establishment des 18. Jahrhunderts sie als zweitrangig – das herrliche Evangelium, welches der Herr des Universums, Jesus Christus, den Nachkommen des Adam überbracht hatte und die vielen noblen Errungenschaften des britischen Königtums waren ihnen notwendigerweise unbekannt.

Obwohl die allerchristlichsten Kirchen durch Luthers Kritik und Gutenbergs Druckerpresse einiges an Federn hatten lassen müssen, war das 18. Jahrhundert noch eine Zeit, in der zumindest die moralische Autorität der christlichen Kirchen und die Überlegenheit ihrer Lehre im Abendland weitgehend unbestritten war. Es war zwar festgestellt worden, dass “π” nicht gleich 3 war, wie das Alte Testament behauptete, und dass es einiges mehr an Planeten, Monden und Sternen gab, als der Bibel bekannt war, aber es herrschte im Allgemeinen doch die Überzeugung vor, dass der christliche Glaube letztendlich die Erlösung der Welt vermitteln würde.

Thomas Cole – Das wilde Zeitalter

So kam es als ein Schock, als die Veröffentlichung von Band I der „Geschichte“ 1776 und mehr noch Band II und III im Jahr 1781, klar und deutlich diese semitisch-abrahamitische Religion, das Christentum, als die dritte wesentliche Ursache in dem Zerfall der großen Reiches identifizierte. Zwar war der wichtigste Faktor, in Gibbons Analyse, die ständigen barbarischen Invasionen, die jedoch vor allem aufgrund eines allmählichen Verfalls der „bürgerlichen Tugenden“ gelungen seien (zur wichtigsten ‚Bürgertugend‘ erklärte Gibbon die Unterstützung der Regierung durch die kleinen Leute, die er gegenwärtig als eine Stärke Großbritanniens ansah):

Thomas Cole – Das pastorale Zeitalter

Die Gründe und die Geschichte des Verfalls sind einfach und offensichtlich. Anstatt zu fragen, warum das römische Reich zerstört wurde, sollten wir uns eher wundern, dass es so lange Bestand hatte. Die siegreichen Legionen, die bald durch weit entfernte Kriege mehr den Charakter von Fremdheit und Söldnertum annahmen, unterdrückten zuerst die Freiheit der Republik und verletzten danach die Majestät des Purpurs. Die Kaiser, die um ihre persönliche Sicherheit und den öffentlichen Frieden besorgt waren, wurden zu den niedrigsten Hilfsmitteln gezwungen, die nur dazu geeignet waren, die Disziplin zu korrumpieren, die sie für ihren Souverän und den Feind gleichermaßen bedrohlich machte. [d.h. das Militär mit Geld ruhig zu halten] Die Kraft der militärischen Verwaltung wurde durch die Reichsteilung Konstantins gemindert und schließlich aufgelöst; und die römische Welt wurde von einer Flut von Barbaren überwältigt. “[Untergang und Fall des römischen Reiches, Kapitel 38„ Allgemeine Beobachtungen über den Fall des römischen Reiches im Westen “]

Thomas Cole – Die Blüte des Imperiums

Dies alleine hätten viele Zeitgenossen eventuell noch geschluckt, aber der letzte Quart von Band I (Kapitel XV und XVI) enthielt eine sehr umstrittene Passage, die Gibbon den Vorwurf des „Heidentums“ einbrachte:

Da nun das Glück des Lebens nach dem Tod das große Ziel der Religion ist, müssen wir ohne Überraschung oder Skandal erkennen, dass die Einführung oder zumindest der Missbrauch des Christentums einen Einfluss auf den Untergang und den Fall des römischen Reiches haben musste. Der Klerus predigte erfolgreich die Lehren von Geduld und Verzagtheit; die aktiven Tugenden der Gesellschaft wurden entmutigt; und die letzten Überreste militärischen Geistes im Kloster begraben: ein Großteil des öffentlichen und privaten Reichtums wurde den trügerischen Blendungen der Nächstenliebe und christlicher Hingabe geweiht. und die Gehälter der Soldaten wurden an die nutzlosen Massen von Mönchen und Nonnen ausgeschüttet, die nur die Vorzüge von Enthaltsamkeit und Keuschheit geltend machen konnten. Glaube, Eifer, Neugierde und die irdischen Leidenschaften der Bosheit und des Ehrgeizes entfachten die Flammen theologischer Zwietracht; die Kirche und sogar der Staat wurden von den Auseinandersetzungen religiöser Gruppen abgelenkt, deren Konflikte manchmal blutig und immer unerbittlich waren. Die Aufmerksamkeit der Kaiser wurde vom Feldlager zu Synoden abgelenkt. Die römische Welt wurde von einer neuen Art von Tyrannei unterdrückt; und die verfolgten Sekten wurden die natürlichen und geheimen Feinde ihres eigenen Landes.

Aber Parteigeist, so verderblich oder absurd er auch sein mag, kann sowohl ein Prinzip der Einigkeit als auch der Uneinigkeit sein. Die Bischöfe zwangen aus ihren achtzehnhundert Kanzeln einem rechtmäßigen und orthodoxen Souverän Gehorsam auf; ihre häufigen Versammlungen und die ewige Korrespondenz stützten die enge Gemeinschaft weit entfernter Kirchen. Die wohlwollende Botschaft des Evangeliums wurde durch dieses geistige Bündnis der Katholiken gestärkt und bestätigt. Die heilige Trägheit der Mönche wurde von einem unterwürfigen und femininen Zeitgeist nur noch unterstützt; aber selbst wenn der allerchristlichste Aberglaube keinen bequemen Rückzug gewährt hätte, hätte dasselbe Laster der Faulheit die unwürdigen Römer genauso dazu verleitet, aus niederträchtigen und selbstsüchtigen Gründen die Ideen der Republik zu verraten. Nur zu leicht werden religiöse Gebote befolgt, die den natürlichen Neigungen ihrer Anhänger frönen und sie heiligen; und der reine und echte Einfluss des Christentums kann ebenso in seinen positiven, wenn auch unvollständigen Auswirkungen auf die barbarischen Proselyten des Nordens verfolgt werden. Als der Untergang des römischen Reiches durch die christliche Bekehrung Konstantins beschleunigt wurde, brach seine siegreiche Religion die Gewalt des Falles und milderte das grausame Temperament der Eroberer.

Das heißt, genauso wie die christliche Religion die Völker des Imperiums entmannt und korrumpiert hatte, tat sie das bald auch – “Gott sei Dank!” – bei den Barbaren.

Thomas Cole – Die Zerstörung des Imperiums

Schlimmer war es wohl noch für den devoten Christusjünger, dass Gibbon die Toleranz heidnischer Gesellschaften und die Weisheit ihrer Herrscher (d.h. auch der römischen Kaiser vor AD 300) positiv mit der Intoleranz und Inflexibilität der Christen (oder Muslime, was das betrifft) und ihrer Lehren verglich und ihre historische Vorliebe für Bruderkriege kritisierte (dies war ein Seitenhieb Gibbons an die Adresse einiger britischer Könige, zum Beispiel Edward VIII):

Die verschiedenen Formen der Götterverehrung, die in der römischen Welt herrschten, wurden von den Menschen alle als gleich wahrhaftig betrachtet; von den Philosophen als gleich falsch; und von den zivilen Verwaltungen als gleichermaßen nützlich.

Eine anderer, sehr unappetitlicher Schlag für die Heiligkeit und Spiritualität der Kirche wurde in der skandalösen Tatsache gefunden, dass Gibbon es wagte, die mannigfaltigen Berichte christlichen Martyriums als eigennützige Fälschungen zu entlarven – aus sekundären Quellen stammend, die unabhängiger Überprüfung nicht standhalten konnten. Sie seien, sagte er, nichts als christliche Propaganda – womöglich frei erfunden.

Schlimmer noch, für jenen Teil christlicher Verfolgung, deren tatsächliche geschichtliche Grundlage man vernünftigerweise annehmen könne, wies Gibbon darauf hin, dass eine solche nicht auf religiöser oder spiritueller Grundlage beruhte, sondern auf die Praxis der römischen Staatsreligion – dem römische Staat war es egal, was man glaubte – und der Bedeutung, die man der Durchführung der – eher symbolischen – Opfer durch die normalen Bürger zumaß.

Das Opfer an die Götter Roms war keine Frage der Religion oder der Weltanschauung – es war eine Demonstration der Loyalität gegenüber dem Reich – und die, die sich weigerten, waren nicht Ungläubige, sondern Illoyale – und des Verrats verdächtig.

Während Gibbon sich meistens (und vielleicht weise) allzu offensichtliche Kommentare zu verschiedenen biblischen Geschichten verkniff oder darauf verzichtete, die Launen jüdischer Propheten und christlicher Evangelikaler zu diskutieren, hielt er sich bei der – seiner Meinung nach – säkularen Herkunft und intellektuellen Diebstahls des Korans und seines heiligen irdischen Empfängers nicht zurück. In einer berühmten Passage erzählt er die Geschichte der Siebenschläfer (der Menschheit seit über zweitausend Jahren wohlbekannt) und kommentiert:

Die beliebte Geschichte, die Mahomet wohl gelernt hatte, als er seine Kamele zu den Märkten von Syrien trieb, fügte er als – eine göttliche Offenbarung – in den Koran ein.

Thomas Cole – Das Verlassene Reich

Gibbon‘s Beschreibung von Mohammeds Leben spiegelt einen sehr weltlichen heiligen Propheten und seine praktische Herangehensweise an das Leben wider, der …

” … in seinem privaten Verhalten … dem natürlichen Appetit eines Mannes frönte und den Anspruch eines Propheten missbrauchte. Eine spezielle Offenbarung entband ihn von den Gesetzen, die er seiner Nation auferlegt hatte: das weibliche Geschlecht, ohne Ausnahme, wurde seinen Wünschen unterstellt; und dieses einzigartige Vorrecht erregte Neid statt Skandal und Verehrung anstatt Entrüstung unter seinen frommen Muselmanen.

Gibbon hatte ein kleines Problem mit der Befreiung des Propheten von den allgemeinen Gesetzen und seiner Anhänger Achtung des weiblichen Geschlechts. Der Terror der muslimischen Hölle konnte ihn nicht völlig entmutigen, doch konnten die Freuden des muslimischen Paradieses ihn ebenfalls nicht ganz überzeugen:

Das Schicksal aller Ungläubigen ist gleich: das Maß ihrer Schuld und Strafe durch den Grad der Offensichtlichkeit der Offenbarungen bestimmt, die sie abgelehnt haben und von der Größe der Fehler, die sie begangen haben: die ewigen Gebäude der Christen, Juden, Sabäer, Magier und Anbeter von Bildern werden eins nach dem anderen in den Abgrund versenkt; und die tiefste Hölle ist für diejenigen treulosen Heuchler reserviert, die die Religion nur vorgespiegelt haben. Nachdem und obwohl der größte Teil der Menschheit für ihre Überzeugungen verurteilt worden ist, werden die wahren Gläubigen nur nach ihren Handlungen beurteilt werden.

Das Gute und Böse in jedem Muselmann wird genau, sowohl real als auch allegorisch gewogen werden; und eine einzigartige Art der Entschädigung für die Wiedergutmachung von Verletzungen und Sünden instituiert: der Schuldige wird dem Opfer äquivalent von seinen eigenen guten Taten abgeben; und sollte er moralisch mittellos sein, wird dem Gewicht seiner Sünden ein angemessener Anteil der Verfehlungen seines Opfers hinzugefügt. Je nachdem wie seine Schuld oder Tugend überwiegt, wird das Urteil gesprochen, und alle, ohne Unterschied, werden die scharfe und gefährliche Brücke des Abgrunds überqueren; aber die Unschuldigen, in den Fußstapfen von Mahomet schreiten, werden glorreich die Tore des Paradieses betreten, während die Schuldigen in die erste und mildeste der sieben Höllen fallen.

Die Dauer der Sühne wird zwischen 900 und 7000 Jahren betragen; aber der Prophet hat – vernünftigerweise – versprochen, dass alle seine Jünger, wie auch immer ihre Sünden, durch ihren eigenen Glauben und seine Fürsprache vor der ewigen Verdammnis gerettet werden können. Es ist nicht verwunderlich, dass Aberglaube sich am stärksten auf die Ängste seiner Anhänger auswirkt, da die menschliche Phantasie das Elend des zukünftigen Lebens sich mit mehr Energie vorstellen kann als eine eventuelle Seligkeit. Mit den beiden einfachen Elementen von Finsternis und Feuer schaffen wir so ein Gefühl von Verzweiflung, das von der Vorstellung einer endlosen Dauer unendlich verschlimmert wird.

John Martin – Pandemonium

Aber das gleiche Prinzip arbeitet mit entgegengesetztem Effekt, was die Kontinuität von Freude betrifft; und viel von unserer irdischen Freude kommt aus dem simplen Ausbleiben des Bösen. Es ist ganz natürlich, dass ein arabischer Prophet mit Entzücken die Haine, Brunnen und Flüsse des Paradieses preist; aber statt die gesegneten Bewohner mit einem liberalen Sinn für Harmonie und Wissenschaft, Unterhaltung und Freundschaft zu inspirieren, feiert er müßig Perlen und Diamanten, Roben aus Seide, Paläste aus Marmor, Geschirr aus Gold, reiche Weine, leckeres Essen, zahlreiche Diener, und das ganze Trara sinnlichen und kostspieligen Luxus, das dem Eigentümer, sogar in der kurzen Zeit eines sterblichen Lebens, bald fade wird.

Zweiundsiebzig Houris, schwarzäugige Mädchen, von prächtiger Schönheit, blühender Jugend, höchster Reinheit und exquisiter Sensibilität werden für die Nutzung eines jeden gemeinen Gläubigen geschaffen werden; der Moment der Freude wird auf tausend Jahre verlängert; und, um ihn seines Glückes würdig zu machen, werden seine Fähigkeiten hundertfach erhöht werden. Ungeachtet eines vulgären Vorurteils werden die Tore des Himmels für beide Geschlechter offen sein; aber Mahomet hat die männlichen Begleiter der weiblichen Auserwählten nicht spezifiziert, sodass er weder durch die Eifersucht ihrer früheren Gatten Alarm auslöse, noch deren Glückseligkeit durch den Verdacht auf eine ewige Dauer ihrer Ehe gemindert werde.

Dieses Bild eines sinnlichen Paradieses hat die Empörung – und vielleicht den Neid der Mönche – provoziert: sie wettern gegen die unreine Religion Mohammeds; und dessen bescheidenere Apologeten sehen sich zu schlechten Ausreden von Figuren und Allegorien gezwungen. Aber die vernünftige und konsistentere Fraktion hält sich ohne Scham an die wörtliche Auslegung des Korans: nutzlos wäre die Auferstehung des Körpers, es sei denn, er wäre im Besitz und zur Ausübung seiner würdigsten Fähigkeiten wiederhergestellt; und die Vereinigung von sinnlichem und intellektuellem Genuss ist erforderlich, um das Glück des Mannes zu vervollständigen. Doch die Freuden des mohammedanischen Paradieses sollen nicht auf den Genuss von Luxus und Appetit beschränkt sein; und der Prophet hat ausdrücklich erklärt, dass all dies gemeine Glück durch die Heiligen und Märtyrer vergessen und verachtet werden wird, die an der göttlichen Vision teilhaben.

Unerklärlicherweise übersieht es Gibbon, die architektonische Robustheit der ewigen Herberge zu loben, die, wie wir hören, aus zwölf gleich großen, übereinanderliegenden Etagen besteht, was die meisterhafte Beherrschung raumzeitlicher Geometrie des himmlischen Baumeisters bestätigt.

Man merkt, dass er Spaß an der Sache hat, aber der Prophet macht es ihm auch leicht. Natürlich machen sich diese Absätze sich auch als Gleichnis über die Naivität der christlichen Himmelsvorstellung lustig, worin die Belohnung des Gläubigen darin besteht, auf einer Wolke zu sitzen, Manna zu essen, die Harfe zu schlagen und Hosianna zu singen. Ewig.

Es war das Zeichen Gibbons, dass er sich in seinen Meinungen und Urteilen Freiheiten nahm, die frühere Historiker nicht gewagt hätten. Für einen Historiker, sagten viele, sei das ungehörig – er solle „fair“ sein … (?)

Den armen Juden erging es nicht viel besser – er nannte sie “ein Volk von Fanatikern, deren verderblicher Aberglaube aus ihnen nicht nur die unversöhnlichen Feinde der römischen Regierung zu machen schien, sondern auch die der ganzen Menschheit … .”

Nach unseren heutigen Maßstäben und politisch korrekten Standards gibt es in Gibbon viel zu kritisieren. Aber es gibt auch viel zu bewundern – und nicht zuletzt seine Kühnheit des Urteils. Aber in der englischen Geschichtsschreibung vielleicht unübertroffen ist seine schiere stilistische Geschicklichkeit, Genauigkeit der Diktion und – zur ewigen Belustigung des Lesers – sein unerschöpflicher Vorrat an Ironie, Satire und Sarkasmus. In Anbetracht der Unsumme an menschlichen Torheiten, für die unsere Zeitgenossen täglich Beweise liefern, kann und sollte Geschichte zu schreiben auch Spaß machen.

Und Spaß macht Edward Gibbon.

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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Wilhelm II und die Leichtigkeit des Seins

In vollem Ornat – Wilhelm II

Videos: I. Christina Croft und ihr Buch über Wilhelm II. Originalaufnahmen III. Truppenparaden IV: Kolorierte Fotos


In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts konnte sich das Deutsche Reich durchaus glücklich schätzen – die Industrialisierung schritt voran, erste Sozialgesetzgebung wurde initiiert und der Berliner Kongress von 1878 hatte die wesentlichen politischen Spannungen in Europa beigelegt. Deutsch war die Sprache der Wissenschaft weltweit und nach dem Sieg von 1870/71 war das Reich auch militärisch gesichert. Das große Problem lag in der Verfassungswirklichkeit, d.h. der Führung.

Die altmodischen, fast mittelalterlichen, auf die Person des Monarchen zentrierten Verfassungsbestimmungen, unter denen das Kaiserreich existierte, waren einem modernen Staat höchst abträglich.

Wilhelm im Alter von 21
Wilhelm im Alter von 21

Die Regierung der vor kurzem vereinten Nation hinke weit hinter der Modernisierung ihrer Wirtschaft her, schrieb Friedrich Stampfer, Chefredakteur der (noch heute existierenden) sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“. Das wilhelminische Deutschland wäre, seiner Meinung nach, das am meisten erfolgreich industrialisierte und am effektivsten verwaltete Land Europas war, aber leider auch die am schlechtesten regierte Nation in Vorkriegseuropa. Max Weber hatte das Gefühl, von einer Horde Irrer regiert zu werden. Der Fisch stank vom Kopf her und der Kopf war natürlich niemand anderes als der Kaiser selbst, Wilhelm II, König in Preußen und Deutscher Kaiser.

Er wurde am 27. Januar 1859 als erstes Kind des Kronprinzen und zukünftigen Kaisers Friedrich III und der Prinzessin Royal Victoria, der ältesten Tochter von Königin Victoria von England geboren. Zar Nikolaus II. von Russland und König Georg V. von England, zwei weitere Enkelkinder von Königin Victoria, waren seine Cousins, und er war blutsmäßig mit fast jedem anderen regierenden Haus des Kontinents verwandt.

Leider litt er an einem Geburtsfehler, der seine aufkeimende Persönlichkeit stark beeinflusste. John C.G. Röhl, der Wilhelm in seinem Bestseller “The Kaiser and His Court“ [Cambridge University Press 1996, ISBN 0-521-56504-9] untersucht, stellt uns Mutter und Kind vor:

Es ist bekannt, dass Wilhelm bei der Geburt einen organischen Schaden erlitten hatte, obwohl das Ausmaß des Schadens noch immer nicht voll geklärt ist. Abgesehen von seinem nutzlosen linken Arm, der letztendlich etwa fünfzehn Zentimeter zu kurz war, litt er auch unter Wucherungen und Entzündungen im rechten Innenohr. Aufgrund dieses Zustands wurde er 1896 einer schweren Operation unterzogen, die ihn auf dem rechten Ohr fast taub machte.

Die Möglichkeit, dass er zum Zeitpunkt seiner Geburt auch einen Hirnschaden erlitt, kann nicht ausgeschlossen werden. Im Jahr 1859, in dem Wilhelm geboren wurde, wurden in Deutschland fast 98 Prozent der Babys in der Steiß- bzw. Beckenendlage tot geboren. Die Gefahr war am größten bei jungen Müttern, die ihr erstes Kind bekamen, vor allem durch die Gefahr des Erstickens, falls der Kopf des Babys die neben ihm verlaufende Nabelschnur zudrückte. Wenn die Luftzufuhr länger als ungefähr acht Minuten unterbrochen war, würde das Baby sicher sterben.

Und in der Tat war das königliche Baby, mit dem wir uns befassen, “in hohem Maße scheinbar tot”, wie es der Bericht des Arztes ausdrückte, als Wilhelm am Nachmittag des 27. Januar 1859 in die Welt kam, mehr als zehn Stunden nachdem die Wasser gebrochen waren.

Welcher Schaden auch immer in diesen Stunden an Wilhelms Gehirn entstand, es ist sicher, dass sein linker Arm nicht lokal gelähmt war, wie die Ärzte es annahmen, sondern eher als Folge einer Schädigung des Plexus brachialis, also des Nervenstrangs, der die Innervation der Schulter-, Arm- und Handmuskulatur gewährleistete – diese wurden wohl während der Endphase der Geburt aus der Halswirbelsäule gerissen.

Die Geburt war für Vicky, die Prinzessin Royal, eine schreckliche Erfahrung. Trotz der Tatsache, dass sie vorher stundenlang Chloroform eingeatmet hatte, war die Geburt extrem schmerzhaft. Sie hatte nur ein Jahr zuvor geheiratet, im Alter von siebzehn Jahren. Während der langen, komplizierten Geburt ihres ersten Kindes musste “der arme Dr. Martin” unter ihrem langen Flanellrock arbeiten, sodass der königliche Anstand gewahrt bliebe.

Vickys Reaktion auf die Geburt eines verkrüppelten Jungen war, wie es scheint, ambivalent. Wäre sie ein Junge gewesen, das erste Kind von Königin Victoria, hätte sie sich in ihrem geliebten England aufhalten können und wäre zu gegebener Zeit des Landes Souverän geworden. Nach dem Stand der Dinge stand ihr jetzt jedoch nur ein Sohn zur Verfügung um durch ihn das zu tun, was sie konnte, um das Land umzubauen, in das sie im Interesse ihres Landes geheiratet hatte

Wilhelm und seine Mutter
Wilhelm und seine Mutter

Aber dieser Sohn hatte einen verkrüppelten Arm, er war nicht besonders talentiert und demonstrierte schon sehr früh ein stürmisches, hyperaktives Temperament, das durchaus Anlass zur Sorge gab. Sigmund Freud selbst diagnostizierte Vickys Gefühl einer narzisstischen Verletzung als eine der Hauptursachen Wilhelms späterer psychologischer Störungen. 1932 schrieb er:

“Es ist üblich für Mütter, denen das Schicksal ein krankes oder anderweitig benachteiligtes Kind gegeben hat, zu versuchen es für das unfaire Handicap durch ein Übermaß an Liebe zu entschädigen. Aber in dem Augenblick vor uns benahm sich die stolze Mutter anders; sie entzog dem Kind ihre Liebe aufgrund seiner Gebrechlichkeit. Als er (Wilhelm) dann zu einem Mann von großer Macht herangewachsen war, zeigte sich in seinen Handlungen eindeutig, dass er seiner Mutter nie vergeben hatte.”

Sobald Ärzte mit “Tierbädern” und Elektroschocks auf den jungen Wilhelm losgelassen worden waren, mit Metallapparaturen und Lederriemen zum Dehnen von Arm und Nacken, sobald seine Erziehung in die Hände des nie lächelnden, nie lobenden calvinistischen Hinzpeter gelegt worden war, lag die letzte, magere Hoffnung für seine emotionale und psychische Stabilität in den Händen seiner Mutter. Aber sie war unfähig, die Verbindung bedingungsloser Liebe und Vertrauen aufzubauen, die er so dringend brauchte.

Kein Wunder, dass er sich genau zu den Elementen hingezogen fühlte, die seine Mutter gewohnheitsmäßig abwerteten – zu Bismarck, die “netten jungen Männer” der Potsdamer Garderegimenter, an die Kamarilla des “Liebenberg-Kreises”; kein Wunder, dass er glaubte, nicht genügend Hass auf England aufbauen zu können. [Schloss Liebenberg war im Besitz von Philipp zu Eulenburg]

Als Wilhelm im Alter von 29 Jahren auf den Thron kam, konnte er den ganzen Apparat der Armee benutzen, der Marine und des Staats, die ganze Arena der Weltpolitik, um seinen Wert zu beweisen. (Röhl, S. 25-26)

Die Organisationsform der Bundesregierung konzentrierte sich zu einem beinahe mittelalterlichen Grad auf die Person des Monarchen. Der Kaiser hatte das Recht auf Ernennung und Entlassung aller Bundesbeamten, vom Kanzler bis zum niedrigsten Schreiber. Obwohl die Verfassung den Kanzler “verantwortlich” gegenüber dem Reichstag machte, konnte das Parlament ihn nicht sanktionieren, und so blieb diese Verantwortung eine Formalität, bloßer Rauch ohne Feuer. Der einzig wahre politische Einfluss des Parlament war es, von seinem Recht Gebrauch machen, den Haushalt anzunehmen oder abzulehnen, aber da es dies nur in vollem Umfang tun konnte, d. h. alles oder nichts, und eine solche Ablehnung durch eine kaiserliche Notstandsverordnung leicht umgangen werden konnte, war es für den Kanzler leicht, Haushalte nach der Zuckerbrot-und-Peitsche-Methode durchzubringen, deren Ablehnung sich das Parlament nicht wirklich leisten konnte.

Veränderungen in der Person des Kanzlers konnten sich somit nur aus Situationen ergeben, in denen die Mitarbeit des Parlaments notwendig war, sagen wir, z. B. bei den Militärbudgets. Die Verfassung beließ der Krone ausdrücklich die Kontrolle über Außenpolitik und die Frage von Krieg und Frieden, und die Bundesregierung war dem Monarchen verantwortlich, nicht dem Parlament oder den Menschen. (1) Dies war äußerst bedeutungsvoll und folgenreich im militärischen Bereich, wie Fritz Fischer ausführt:

Ein weiterer Faktor, der die Position der Krone stärkte und den Kanzler und damit die Regierung in ihrer Entscheidungsbefugnis einschränkte, war, dass die preußische Armee (in Kriegszeiten auch die Armeen des anderen Bundesstaaten) und die Marine der direkten Autorität des Monarchen unterstanden. Er übte diese Befugnisse durch seine Militär- und Marinekabinette (für Personalfragen) und durch die General- und Marinestäbe aus – Gremien in denen der Kanzler keine Stimme hatte, und es gab auch keine Koordinierungsmaschinerie (die Person des Monarchen ausgenommen), wodurch den politischen Aspekten militärischer Entscheidungen das richtige Gewicht verliehen werden konnte. (2)

Bei Wilhelm kamen nun diese Kehrseiten von Bismarcks monarchischer Verfassung voll zum Durchbruch: niemand konnte die imperiale Quasselstrippe einbremsen.

Die Eröffnung des deutschen Reichstages im Weißen Saal des Berliner Schlosses am 25. Juni 1888 (Ölgemälde von Anton von Werner, 1893
Die Eröffnung des deutschen Reichstages im Weißen Saal des Berliner Schlosses am 25. Juni 1888 (Ölgemälde von Anton von Werner, 1893

Er reiste durch die Welt und informierte alle, die ihn fragten, und alle, die dies nicht taten, über seine persönliche Macht und die seines Landes. Manchmal schien es, dass Deutschland sich zu einer hermaphroditischen Nation aus einer erstklassigen Industrie, einer relativ freien Presse und einem impotenten Parlament entwickelt habe; eine Mischung aus Don Juan und mittelalterlichem Räuber, wie aus „The Prisoner of Zenda“; es war so, merkte John Röhl an, als ob die „Entwicklung des Landes zu einem modernen einheitlichen Rechtsstaat zur Halbzeit stehengeblieben war“. (Röhl, S. 121 ) Die Wahrnehmung Deutschlands in der Welt hing sehr von den Meinungen ab, die Wilhelm ungebeten verkündete, und das Auswärtige Amt und der diplomatische Dienst konnten die ungünstigen Eindrücke, die der Kaiser hinterließ, wohin er auch reiste und mit wem er auch sprach, häufig kaum korrigieren.

Zusätzlich zu seiner kapriziösen Politik erregten seine privaten Plaisirs Verdacht und erregten jede Menge öffentliche Aufmerksamkeit – zum Beispiel in den saftigen Skandalen der Harden-Eulenburg-Affäre, auch “Liebenberg-Prozesse” genannt:

Schon vor seinem Amtsantritt hatte Wilhelm angekündigt, “gegen Laster, Glücksspiele, Wetten usw. ankämpfen zu wollen “, gegen “alle diese Taten unserer sogenannten ‚guten Gesellschaft.‘” Dieser Kampf war jedoch nicht besonders erfolgreich. Bald nachdem er auf den Thron gekommen war, begannen hunderte obszöner anonymer Briefe am Hof zu kursieren, und wiewohl dies jahrelang anhielt, wurde der Autor nie entdeckt – obwohl der Täter ein Mitglied des engsten Kreises um Wilhelm und die Kaiserin gewesen sein muss (oder vielleicht gerade deshalb?)

Ein Jahrzehnt später erlebte der wilhelminische Hof seinen größten Skandal, als Philipp Eulenburg (Wilhelms bester Freund) und sein “Liebenberg-Kreis” wegen ihrer Homosexualität (die technisch gesehen eine Straftat war) öffentlich angegriffen und schließlich des Hofes verwiesen wurden. Dutzende von Hofbediensteten und Verwaltungsbeamten erwiesen sich als in den Skandal verwickelt. Peinliche Fragen wurden gestellt – sogar über den Kaiser.

Das bereits ineffiziente deutsche Regierungssystem erlitt einen sofortigen Zusammenbruch, komplettes „Chaos an der Spitze”. Nationalistische Kreise neigten zu der Ansicht, dass sie entweder auf das Äußerste – Krieg – drängen müssten oder auf die Abdankung Wilhelms.

“Um uns von Scham und Spott zu befreien”, schrieb Maximilian Harden (Zeitungsredakteur und die treibende Kraft hinter der Staatsanwaltschaft) im November 1908, “müssten wir bald in den Krieg ziehen oder uns der traurigen Notwendigkeit stellen, einen Wechsel des kaiserlichen Personals auf eigene Rechnung vorzunehmen, auch wenn stärkster persönlicher Druck ausgeübt werden müsste.” Wie Maurice Baumont in seiner Studie der Eulenberg-Affäre zu Recht bemerkt hat, “la réalité pathologique des scandales Eulenburg doit prendre parmi les causes complexes de la guerre mondiale.” [‘… die pathologische Realität der Skandale bedeutet, dass man Eulenburg zu den komplexen Ursachen des Weltkriegs dazuzählen muss’.] (Röhl, S. 100)

Wilhelm II and King Edward VII
Wilhelm II und King Edward VII

Sicherlich besaßen viele andere Länder Monarchen in ihrer Geschichte, die Themen für Satire oder scherzhafte Witze geliefert hatten, aber diejenigen deutschen Schichten, die am meisten von Wilhelms Regierung profitiert hatten, preußische Junker und die hohen Zivil- und Militärbediensteten, allesamt adelig, zeigten nicht nur erstaunliche Fähigkeiten zu vergeben und zu vergessen, sondern übertrafen sich selbst, den mutmaßlichen Entwürfen des Kaisers in puncto Weltpolitik zu applaudieren. John Röhl erzählt die Geschichte eines preußischen Offiziers in Brasilien, der angesichts der wichtigen Nachricht des Kriegsausbruchs einem Freund schrieb, dass das deutsche Volk endlich sehen könne, dass der Kaiser in seiner Persönlichkeit “mehr als Bismarck und Moltke zusammen und ein höheres Schicksal als Napoleon I” verkörpere; dass Wilhelm in der Tat der “Gestalter der Welt” war. (Röhl, S. 9) Er schrieb:

Wer ist dieser Kaiser, dessen Friedenszeit so voller Ärger und ermüdender Kompromisse war, dessen Temperament so wild aufflammte, nur um wieder zu sterben? … Wer ist dieser Kaiser, der jetzt plötzlich alle Vorsicht in dem Wind wirft, der sein Visier aufreißt, um seinen titanischen Kopf zu entblößen und die Welt zu erobern?… Ich habe diesen Kaiser falsch verstanden; ich habe ihn für schwächer gehalten. Er ist ein Jupiter und steht auf dem Olymp seiner eisernen Kräfte, Blitze in seiner Hand. In diesem Moment ist er Gott und Herr der Welt.” (Röhl, S.9)

Lobpreisungen dieser Art standen in scharfem Kontrast zur Realität der Außenpolitik des Kaisers in der Zeit nach Bismarck, in der Krieg zu einer Möglichkeit wurde, die nicht ausgeschlossen werden konnte. 1890 feuerte Wilhelm den alten Kanzler und Bismarcks System der Verträge brach schnell auseinander. Luigi Albertini kommentiert die Bedeutung dieser Auseinandersetzung zwischen dem alten Praktiker und dem unerfahrenen Monarchen:

Die Position von Bismarck wurde kritisch, als am 9. März 1888 der neunzigjährige Kaiser Wilhelm I., dessen Unterstützung er immer genossen hatte, starb und, drei Monate nach dem verfrühten Tod Wilhelms Sohn Friedrich III., sein Enkel Wilhelm II. den Thron bestieg. Der Letztere hatte zuerst pro-russische und anti-britische Einstellungen gezeigt; aber unter dem Einfluss von General Waldersee war er für die Ansicht des Generalstabs gewonnen worden, dass Deutschland solide zu Österreich stehen und einen Präventivkrieg gegen Russland führen müsse.

Der Kanzler wollte ihn davon überzeugen, dass es im Gegenteil besser wäre, einen Vorwand für einen Krieg mit Frankreich zu suchen – in dem Russland neutral bleiben würde –  würde Deutschland dagegen Krieg gegen Russland führen, würde Frankreich die Gelegenheit benutzen, Deutschland anzugreifen. Er schien beinahe erfolgreich gewesen zu sein, als Wilhelm II nur wenige Tage nach seinem Thronantritt der Welt seine Absicht ankündigte, den Zaren vor jedem  anderen Souverän zu besuchen. Danach, auf Ersuchen von Giers [dem russischen Außenminister] und mit der Zustimmung des Zaren, stimmte er der Erneuerung des Rückversicherungsvertrags* mit Russland zu, die sonst im Juni 1880 enden würde.

Reinsurance Treaty [Englisch, PDF]

Aber als sich der russische Botschafter Shuvalov mit den erforderlichen Vollmachten zur Erneuerung des Vertrages für weitere sechs Jahre in Berlin vorstellte, war Bismarck schon zurückgetreten.

Der Kaiser hatte von Baron Holstein, einem hohen Beamten der Wilhelmstraße [des Außenministeriums] Berichte über angebliche feindliche Vorbereitungen Russlands erhalten, von denen er dachte, Bismarck hatte sie von ihm zurückgehalten. Er befahl dem Kanzler, Österreich zu warnen, und hatte Kopien dieser Berichte nach Wien geschickt – Bismarcks Erklärung, dass diese Berichte unerheblich waren, ignorierend. Dies überzeugte den Kanzler, dass ihre Differenzen unüberwindlich wären und am 18. März 1890 reichte er seinen Rücktritt ein.

Dropping the Pilot - Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine
Dropping the Pilot (Der Lotse geht von Bord) – Sir John Tenniel, 29.03.1890, Punch Magazine

Wilhelm II. akzeptierte den Rücktritt, worauf Shuvalov Zweifel äußerte, ob der Zar bereit sei, den Geheimvertrag mit einem anderen Kanzler zu erneuern. Beunruhigt schickte Wilhelm II. ihm noch des Nachts eine Nachricht und schrieb, er wäre gezwungen gewesen, Bismarck aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand zu versetzen, aber dass sich in der deutschen Außenpolitik nichts ändern würde, und dass er bereit wäre, den Vertrag zu erneuern. Aber Holstein manövrierte die Abläufe so geschickt, dass der neue Bundeskanzler Caprivi und der deutsche Botschafter in St. Petersburg den Kaiser zu einer Änderung seiner Meinung überredeten – mit der Behauptung, dass der Rückversicherungsvertrag mit Russland mit dem österreichischen Bündnis unvereinbar sei und dass, wenn St. Petersburg dies Wien verriete, der Dreibund gleichfalls erledigt und England sich von Deutschland entfremden würde.

Solchen Ratschlägen gegenüber gab Wilhelm seinen Widerstand schnell auf und der deutsche Botschafter wurde angewiesen, St. Petersburg darüber zu  informieren, dass der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert werden würde.

  • Der Rückversicherungsvertrag war ein heikles Stück Bismarckscher Diplomatie. Angesichts der Notwendigkeit, Russland um jeden Preis von Frankreich fernzuhalten, erkannte Bismarck, dass der Duale Bündnisvertrag von 1879 zwischen Deutschland und Österreich zu einem Szenario führen könnte, in dem Deutschland verpflichtet wäre, Österreich im Falle österreichisch-russischer Spannungen im Balkan zu unterstützen – die praktisch jederzeit auftreten könnten. Dies könnte zu einem Bruch in den russisch-deutschen Beziehungen führen und Russland wiederum in Richtung Frankreich lotsen, was unbedingt vermieden werden musste. Also musste eine Lösung gefunden werden, die sowohl Russland als auch Deutschland es ermöglichte, das Gesicht zu wahren, wenn Österreich auf dem Balkan Mist baute, aber weder Deutschland noch Russland es zum Krieg kommen lassen wollten. Was auch immer Österreichs Pläne in dieser Region beinhalteten, es war klar, dass sie es sich niemals leisten konnte, Russland ohne deutsche Hilfe anzugreifen. Bismarck und Shuvalov entwickelten daher “eine Formel, die beide Parteien [Deutschland und Russland] zu wohlwollender Neutralität in einem Krieg eines von ihnen gegen eine dritte Macht verpflichten würden, außer in dem Fall, dass eine der Vertragsparteien direkt Österreich oder Frankreich angriffe.” (Albertini, I, S.58) Das heißt, solange weder Deutschland noch Russland Österreich oder Frankreich einseitig angriffen, würde das gegenseitige Wohlwollen weiterhin bestehen, und da Österreich es sich nicht leisten konnte, Russland alleine anzugreifen, könne kein großer Krieg wegen eines slawischen oder türkischen Problems auf dem Balkan entstehen.

Bismarcks Politik orientierte sich an dem Grundsatz, Machtkoalitionen, die zu einem generellen europäischen Krieg führen könnten, unmöglich zu machen. Diese völlig rationale Politik, die den besonderen Anforderungen und individuellen Empfindlichkeiten von Russland und England entsprach, wurde durch eine Abfolge von vier Kanzlern, die nichts von Außenpolitik verstanden und sich im Allgemeinen nicht viel darum kümmerten, zu einer Katastrophe, die durch die launische Persönlichkeit des Monarchen nur verschlimmert wurde.

 Was genau waren die Einzelheiten von Wilhelms Charakter, die zu den außenpolitischen Wahnsinnstaten führten, die Europa ab 1890 so sehr destabilisierten? In seinem Essay “Kaiser Wilhelm II: a suitable case for treatment?“ [Kaiser Wilhelm II: Ein geeigneter Fall für eine Behandlung?] stellt John Röhl seine Beobachtungen vor:

Jede Skizze seines Charakters muss mit der Tatsache beginnen, dass er nie gereift ist. Bis zum Ende seiner dreißigjährigen Regierungszeit blieb er der “junge” Kaiser mit dem “kindlichen Genie”. “Er ist ein Kind und wird immer eins bleiben” seufzte im Dezember 1908 ein weiser Gerichtsbeamter.

Wilhelm schien nicht in der Lage zu sein, aus Erfahrung zu lernen. Philip Eulenburg, der ihn besser kannte als jeder andere, schrieb in einem Brief an Bülow um die Jahrhundertwende, dass Wilhelm, in den elf Jahren seit seiner Thronbesteigung “in Bezug auf sein äußeres Wesen sehr viel ruhiger geworden ist. … Spirituell, dagegen, hat sich jedoch nicht die geringste Entwicklung gezeigt. In seiner explosiven Art ist er unverändert. In der Tat, sogar härter und plötzlicher, da sein Selbstwertgefühl mit der Erfahrung gewachsen ist – was für ihn aber keine Erfahrung ist. Denn seine ‚Individualität‘ ist stärker als der Effekt von Erfahrung.”

Mehr als dreißig Jahre später, als sowohl Eulenburg als auch Bülow tot und der Kaiser zweiundsiebzig Jahre alt und schon lange in Verbannung, schrieb sein Adjutant Sigurd von Ilsemann in sein Tagebuch in Doorn:

“Ich habe den zweiten Band der Bülow-Memoiren jetzt fast fertig gelesen und bin immer wieder begeistert darüber, wie wenig sich der Kaiser sich seit dieser Zeit verändert hat. Fast alles was damals passierte, passiert immer noch, nur mit dem einzigen Unterschied, dass seine Handlungen, die damals von schwerwiegender Bedeutung waren und praktische Konsequenzen hatten, richten sie jetzt keinen Schaden mehr an. Auch die vielen guten Eigenschaften dieser seltsamen, eigentümlichen Person, des Kaisers so sehr komplizierter Charakter, werden von Bülow immer wieder betont.” (Röhl, S. 11-12)

Wir werden – fast unheimlich – viele andere Merkmale Wilhelms wiederentdecken: ununterbrochenes Reisen, die Unfähigkeit zuzuhören, eine Vorliebe für Monologe über halb verstandene Themen und das ständige Bedürfnis nach Gesellschaft und Unterhaltung – ganz wie in dem Charakter und den Gewohnheiten des jungen österreichischen Malers, der in gewissem Sinn sein Erbe wurde. Sie drücken eine Mischung aus Unreife, Egozentrismus und Größenwahn aus –  verständlich, vielleicht, in einem jungen Mann, aber gefährlich für den Anführer der Welt zweitgrößten Industriemacht, der dazu noch ein mittelalterliches Verständnis von den Rechten und Pflichten eines Monarchen hatte.

Kaiser Wilhelm und das Europäische Gleichgewicht
Kaiser Wilhelm und das Europäische Gleichgewicht

Eine andere von Wilhelms Charaktereigenschaften, die notorische Überschätzung seiner eigenen Fähigkeiten, von Zeitgenossen als “Caesaromania” oder „folie d’empereur“ verspottet, hemmte in ähnlicher Weise seine Reaktion auf konstruktive Kritik.

Wie konnte der Monarch aus Erfahrung lernen, wenn er seine Minister verachtete, sie selten empfing und noch weniger zuhörte, was sie zu sagen hatten; wenn er überzeugt war, dass alle seine Diplomaten so “ihre Hosen voll” hätten, dass “die gesamte Wilhelmstraße zum Himmel stank”; wenn er sogar den Kriegsminister und den Chef des Militärkabinetts mit den Worten “Ihr alte Esel” anredete; und eine Gruppe von Admiralen beschied: “Alle von euch wissen nichts; Ich alleine weiß etwas, ich alleine entscheide.”

Schon bevor er zum Thron kam, hatte er gewarnt: “Hütet Euch vor der Zeit, in der ich die Befehle gebe.” Schon vorher, nach Bismarcks Entlassung, drohte er, jeden Widerstand gegen seinen Willen zu zerschlagen. Er alleine sei der Meister im Reich, sagte er in einer Rede im Mai 1891, und er würde keinen anderen tolerieren.

Den Prinzen von Wales informierte er um die Jahrhundertwende: “Ich bin der einzige Herr deutscher Politik und mein Land muss mir überallhin folgen.“ Zehn Jahre später erklärte er einer jungen Engländerin in einem Brief: “Meine Ideen und Gefühle den Geboten der Leute anzupassen, ist eine Sache, die in der preußischen Geschichte oder den Traditionen meines Hauses völlig unbekannt ist! Was der Deutsche Kaiser und König von Preußen für richtig und am besten hält, das tut er.”

Im September 1912 ernannte er Prinz Lichnowsky gegen den Rat des Kanzlers Bethmann Hollweg und des Auswärtigen Amtes zum Botschafter in London – mit den Worten: “Ich werde nur einen Botschafter nach London schicken der Mein Vertrauen hat, Meinem Willen gehorcht und Meine Befehle ausführt.” Und während des Ersten Weltkrieges rief er aus: “Was die Öffentlichkeit denkt, ist für mich völlig unerheblich.” [Hervorhebungen hinzugefügt] (Röhl, S. 12-13)

Der “eiserne Wille”, der Herr der Nation oder vielleicht der Welt zu sein, wurde durch seine Fähigkeit gesteigert, die Realität durch die Brille seiner Einbildung zu betrachten. Noch in seinen siebzigern – schon längst in die Niederlande geflüchtet – gelang ihm eine höchst überraschende Schlussfolgerung bezüglich der rassischen Identität seiner Feinde:

Endlich erkenne ich, was die Zukunft für das deutsche Volk bedeutet, was wir noch erreichen müssen. Wir werden die Führer des Orients gegen das Abendland sein! Ich werde mein Gemälde ‘Völker Europas’ ändern müssen. Wir gehören auf die andere Seite! Sobald wir den Deutschen bewiesen haben werden, dass die Franzosen und Engländer gar keine Weißen sind, sondern Schwarze, dann werden sie sich auf diesen Pöbel stürzen!” (Röhl, S. 13)

So hatte Wilhelm also die erstaunliche Entdeckung gemacht, dass Franzosen und Engländer Neger sind. Ein weiterer Grund für den anhaltenden Verfall der Menschheit, so der pensionierte Kaiser, sei mangelnder Respekt vor den Behörden, besonders in Bezug auf sich selbst. Die Nachricht von der Boxer-Rebellion in China fasste er als persönliche Beleidigung auf und befahl Peking “dem Boden gleichzumachen”. In seiner Angst vor der bevorstehenden sozialistischen Revolution lebte er in Fantasien, wie Hunderte von Demonstranten in den Berliner Straßen “niedergeschossen” würden und empfahl gelegentlich als geeignete Behandlung für Kriegsgefangene, sie zu Tode verhungern zu lassen.

Nicht nur sehnte er sich danach, noch während seines eigenen Lebens Rache für Beleidigungen seiner Person zu nehmen; in dem Verlangen, die Geschichte selbst buchstäblich auszulöschen, träumte er davon die zweite – vielleicht sogar die erste – Französische Revolution rückgängig zu machen – er dürstete nach “Rache für 1848 – Rache!!!” (Röhl, S. 14)

 Auch sein Sinn für Humor war eigenartig.

Während sein linker Arm aufgrund der Geburtsschäden schwach war, war seine rechte Hand im Vergleich dazu stark, und er fand es amüsant, wenn er seine Ringe nach innen drehte und dann die Hände besuchender Würdenträger so stark zusammendrückte, dass Tränen in ihre Augen traten. König Ferdinand von Bulgarien verließ einst Berlin in „glühend heißem Hass“, nachdem der Kaiser ihn in der Öffentlichkeit hart auf den Hintern geklatscht hatte. Der Großherzog Wladimir von Russland [Bruder von Zar Nicholas II.] wurde von Wilhelm mit einem Feldmarschallstab auf die Rückseite geschlagen. (Röhl, S. 15)

Seine Freunde waren sich des Humors seiner Majestät bewusst und übten ihre kreative Fantasie. Anlässlich einer Jagdexpedition in Liebenberg schlug Generalintendant Georg von Hülsen 1892 dem Grafen Görtz [“der auf der dicken Seite war”] (Röhl, S.16) vor:

Du musst von mir als Zirkuspudel vorgeführt werden! – Das wird ein Hit wie kein anderer. Denk nur dran: hinten rasiert (mit Strumpfhose), vorne ein langer Pony aus schwarzer oder weißer Wolle, hinten, unter einem echten Pudelschwanz,  eine markierte rektale Öffnung und, wenn Du bettelst, vorne dran ein Feigenblatt. Denke nur daran, wie wunderbar es wäre, wenn Du bellst, zu Musik heulst, eine Pistole abschießt oder andere Tricks machst. Das wäre einfach großartig!! “[Hervorhebungen im Original] (Röhl, S. 16)

Höflinge und Bürokraten stellten bald fest, dass solch exquisite Unterhaltung anzubieten ein bewährter Weg war, um sich die Gnade des Monarchen zu sichern, aber auf der anderen Seite trugen sie zur Verbreitung von Gerüchten bei. Was können wir nun über Wilhelms Liebesleben sagen? Wie es schon Edward Gibbon in Bezug auf Karl den Großen feststellte, hatten die beiden Kaiser gemeinsam, dass Keuschheit nicht ihre augenfälligste Tugend war. Offiziell konnte Wilhelm die Hofreporter mit den Ergebnissen seiner ehelichen Treue überzeugen, in deren Förderung die Kaiserin in regelmäßigen Abständen Söhne zur Welt brachte, insgesamt sechs Stück. Doch Wilhelm hatte auch eine gewisse Neigung, indiskrete Briefe zu verfassen – einige davon an eine wohlbekannte Wiener Madame, und wegen seiner Bereitschaft, die Angebote in eigener Person zu prüfen, wurde die weitere Aufrechterhaltung seiner öffentlichen Tugend der Sorge seiner Privatsekretäre anvertraut, die die Diskretion der Damen kauften, vertraulich für die königliche Unterhaltung sorgten oder vielleicht auch Abtreibungen arrangierten.

Wilhelm II mit seiner Frau Auguste Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augstenburg, und seinen sieben Kindern
Wilhelm II mit seiner Frau Auguste Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augstenburg und seinen sieben Kindern

Es scheint jedoch, dass solche außerehelichen Aktivitäten sozusagen rein biologischer Natur waren; Sympathie, Komfort und Entspannung fand der Monarch bei seinen männlichen Freunden, obwohl er dem Anschein nach an intimeren Ausdrucksformen dieser Freundschaften nicht teilnahm.

“In Berlin fühle ich mich nie glücklich, wirklich glücklich”, schrieb er in seinem eigenwilligen Englisch. “Nur Potsdam [die Station seines Garde-Regiments], das ist mein “El Dorado” … wo man sich frei fühlt, mit der schönen Natur um sich herum,  und so vielen Soldaten wie man will, denn ich liebe mein Regiment sehr, lauter freundliche junge Männer.” In seinem Regiment, wie er sich Eulenburg gegenüber anvertraute, fand er seine Familie, seine Freunde, seine Interessen – alles was er zuvor vermisst hatte. Vorbei waren die “schrecklichen Jahre, in denen niemand meine Individualität verstand”, wie er schrieb.

Die umfangreiche politische Korrespondenz von Philipp Eulenburg lässt keinen Zweifel daran, dass er (Eulenburg) und die anderen Mitglieder des einflussreichen “Liebenberg – Kreises”, die in den 1890er – Jahren im Zentrum der politische Bühne im Kaiserreich Deutschland standen, in der Tat homosexuell waren, wie ihr Zerstörer Maximilian Harden es glaubte.

Harden, Eulenburg und Kuno v. Moltke, Eulenburgs Liebhaber

Dies wirft natürlich die Frage auf, wo wir den Kaiser in einem imaginären “heterosexuell-homosexuellen Kontinuum” einordnen. Falls er jemals etwas hatte, das einer homosexuellen Erfahrung gleichkam,  dann in den 1880er Jahren, in derselben Zeit also wie seine zahlreichen außerehelichen Affären mit anderen Frauen. Nach einem Interview mit Jakob Ernst, dem Starnberger Fischer, dessen Aussage 1908 Eulenburgs Fall irreparabel beschädigt hatte, war Maximilian Harden überzeugt, dass er über Beweise verfüge, die, wenn sie dem Kaiser vorgelegt worden wären, genügen würden, um ihn zur Abdankung zu zwingen.

Welche Informationen genau Harden von Jakob Ernst erhalten hat, können wir nur vermuten. In mehreren Briefen aus dieser Zeit brachte Harden Wilhelm II. nicht nur mit Jakob Ernst in Zusammenhang, sondern auch mit Eulenburgs Privatsekretär Karl Kistler. Dies sind aber nur Strohhalme im Wind, keine Beweise. Aufgrund des uns derzeit vorliegenden Beweismaterials ist es wahrscheinlich klüger anzunehmen, wie Isabel Hull es formuliert hat, dass Wilhelm der homoerotischen Grundlage seiner Freundschaft mit Eulenburg nicht bewusst war und damit unfähig, die eigenen homosexuellen Aspekte seines Charakters zu erkennen. (Röhl, S. 19 – 20)

Neben diesen privaten Ablenkungen gaben die ärztlichen Beschwerden des Kaisers Anlass zur Sorge.  Aus rein medizinischer Sichtweise bedrohten die häufigen Infektionen des rechten Ohrs und der Nebenhöhlen das Gehirn und Komplikationen hinsichtlich der Stimmungen und Denkfähigkeit des Monarchen konnte nicht ausgeschlossen werden. Im Jahr 1895 schrieb der britische Diplomat M. Gosselin, der in der britischen Botschaft in Berlin beschäftigt war, an Lord Salisbury [Robert Gascoyne-Cecil, 3. Marquess of Salisbury und Premierminister], dass „wenn ein Souverän, der in der Außenpolitik des Deutschen Reiches die beherrschende Stimme besitzt, Halluzinationen und Einflüssen unterworfen ist, die sein Urteil auf lange Sicht verzerren und ihn jeden Moment zu plötzlichen Meinungsänderungen veranlassen können, die niemand vorhersehen oder sich dagegen wappnen kann“, die Folgen für den Frieden der Welt enorm sein könnten. (Röhl, S. 21)

Darin herrschte allgemeine Übereinstimmung. Lord Salisbury selbst hielt den Kaiser für “nicht ganz normal“; Premierminister Herbert Asquith sah ein “gestörtes Gehirn” bei der Arbeit; Sir Edward Grey, Britischer Außenminister, hielt Wilhelm für “nicht ganz gesund und sehr oberflächlich“; Großherzog Sergius von Russland hielt den Kaiser für” psychisch krank “und der Doyen von Berlins Diplomatischem Korps, der österreichische Militärattaché Freiherr von Klepsch-Kloth, stellte fest, dass Wilhelm “nicht wirklich gesund” sei und, wie man so sagt, „eine Schraube locker hatte“. (Röhl, S. 21 – 22) John Röhl sammelte einige weitere Zeugenaussagen:

Im Jahr 1895 beklagte sich Friedrich von Holstein, dass der “Glühwürmchen” – Charakter des Kaisers die Deutschen ständig an König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und König Ludwig II. von Bayern erinnere, die beide verrückt geworden waren.

Nach einem heftigen Streit mit dem Kaiser Anfang 1896, sagte der preußische Kriegsminister, General Bronsart von Schellendorf “dass H. M. nicht ganz normal zu sein schien und er [Schellendorf] tief besorgt über die Zukunft war.” Im folgenden Jahr schrieb Holstein, die konservative Partei denke, der Kaiser wäre “nicht ganz normal”, dass der König von Sachsen ihn für “nicht ganz stabil” erklärt habe und dass der Großherzog von Baden “auf besorgniserregende Weise über die psychologische Seite der Sache gesprochen habe, den Kontaktverlust mit der Realität.” Auch fragte Reichskanzler Fürst Hohenlohe einmal ernsthaft Bernhard von Bülow, seinen eventuellen Nachfolger, ob er “wirklich glaube, dass der Kaiser geistig normal sei?”

Solche Ansichten verbreiteten sich allgemein nach der berüchtigten Rede des Kaisers vom Februar 1897, in der er Bismarck und Moltke als “Lakaien und Pygmäen” bezeichnete. Graf Anton Monts, der preußische Gesandte in Bayern, schrieb aus München aus, dass der Kaiser eindeutig nicht mehr von normalem Geisteszustand war: “Ich entnehme den Andeutungen der Ärzte, das der Kaiser noch geheilt werden könnte, aber die Chancen dazu werden mit jedem Tag schwächer.” (Röhl, S. 22)

Wilhelm II und seine Söhne
Wilhelm II und seine Söhne

Nun wirkte sich das völlige Fehlen sinnvoller „Checks and Balances“ in der Bundesverfassung verhängnisvoll aus. Darin waren keine Verfahren für eine Machtübertragung außer dem Tod oder die freiwillige Abdankung des Monarchen vorgesehen – eine Tat die Wilhelm offensichtlich nicht in Betracht ziehen würde. So äußerte er weiterhin und ungebremst die abstrusen Meinungen, die die Weltpresse inzwischen von ihm erwartete und es war leicht genug für die Gegner Deutschlands, von der ununterbrochenen Kette der öffentlichen Fettnäpfchen und Peinlichkeiten zu profitieren, die der Kaiser zielsicher hinterließ. Bald entwickelte sich eine populäre Anschauungsweise, die Wilhelms Rücksichtslosigkeit als das Ergebnis einer spezifisch deutschen Neigung zu autoritärer Regierung, Militarismus und allgemeiner Unfreundlichkeit erklärte.

Die nicht wirklich herausragende Leistung des jungen Kaisers spaltete schließlich die nationalistische Rechte: eine Fraktion dem Monarchen verpflichtet und eine andere, die, wie bei Spaltungen üblich, nur ihre eigenen patriotischen Forderungen eskalierte, und eine Politik maximaler “deutscher Macht und Größe durch Expansion und Unterwerfung minderwertiger Menschen” forderte. (Kershaw, p. 78)

In der Praxis schmälerte diese supernationalistische Kabale die politischen Optionen einer Regierung nur, die gleichzeitig hysterisch bemüht war, antipreußische Sozialisten und Katholiken so weit wie möglich aus der Politik auszuschließen.

Die demografische Basis der Unterstützung für die Regierung drohte zu schrumpfen und Teile der “alten Ordnung” fingen an, über Krieg als probates Mittel nachzudenken – „um an ihrer Macht festzuhalten und die Bedrohung durch den Sozialismus abzuwehren.“ (Kershaw, S. 74) Der Kaiser schien nicht abgeneigt.

Für diejenigen, die zuhörten, war es ab den 1890er Jahren klar, dass für den Kaiser Krieg eher ein normales Ereignis zwischen Nationen war – er glaubte und gab dies öffentlich zu -, dass “Krieg” ein “königlicher Sport war, den erbliche Monarchen  nach ihrem Willen führen und beenden mögen.” (Röhl, S. 207) Im Zeitalter von Maschinengewehren war dies eine recht atavistische Haltung. Und hier wirkte sich des Kaisers unbeschränkte Autorität bei Ernennungen und Entlassungen so verhängnisvoll aus: bald wurden keine anderen Ratschläge mehr präsentiert, als solche, die der Zustimmung seiner Majestät sicher waren; niemand wagte es, sich ihm und den speichelleckenden Arschkriechern zu widersetzen, die die oberen Ränge der zivilen und militärischen Führung stellten und sich daran gewöhnt hatten, die Wünsche des Monarchen vorwegzunehmen.

Füsiliere in der Schlacht von Loigny 1870 – alte Schule

Auch Willis militärisches Denken war eher von den siegreichen Schlachten der Vereinigungskriege 1864 bis 1871 beeinflusst als von der modernen Realität – in den jährlichen Kaisermanövern ließ er offene Kavallerieattacken üben, die sich im Ernstfall von 1914, in einem Zeitalter der Maschinengewehre und Schnellfeuerkanonen, als purer Massenselbstmord entpuppten.

Kaisermanöver 1913 – Selbstmord 1914

Wie also hätte irgendetwas schiefgehen können im Juli 1914, als das Imperiale Irrlicht mit der Frage des Weltfriedens an sich konfrontiert war? Dies wird das Thema eines separaten Beitrags.

(© John Vincent Palatine 2019)

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Die Gotenkriege

[Weiterführende Links zu diesem Artikel: THEODORA / PROCOPIUS – THE SECRET HISTORY / THE END OF THE LEGIONS und CLOVIS – THE RISE OF THE FRANKS (englische Versionen auf “History of the West“]


Chlodwig war der erste Mann, den man vernünftigerweise “König der Franken” (Rex Francorum) nennen konnte. Da er in seinem Wunsch nach geografischer Expansion seines Reiches nie zögerte, kann Chris Wickham berichten (in “The Inheritance of Rome”, Viking Books 2009, ISBN 978-0-670-02098-0, S. 92), dass er, im Jahre 507, “die Westgoten angriff und besiegte, ihren König Alarich II in der Schlacht von Vouillé tötete und sie praktisch aus Gallien vertrieb (sie konnten nur die Provinz Languedoc an der Mittelmeerküste halten). Die Burgunder konnten sich noch eine Zeitlang behaupten, aber die Söhne Chlodwigs griffen sie 520 ebenfalls an und übernahmen ihr Königreich 534.“ Es dauert nicht lange, bis Chlodwig von Kaiser Anastasius die Ehre des römischen Konsuls annahm  – als des Kaisers Zeichen der Unterstützung seiner katholischen Verbündeten. Aber Clovis starb nur vier Jahre nach Vouillé [AD 511] und Italien blieb für die Franken unerreichbar.

Chlodwig – von François Louis Dejuinne

Diese besondere Trophäe ging an einem zunächst eher unbekannten Krieger, der über die Ostgoten herrschte, einem Volk von vielleicht hunderttausend Seelen, welches an der mittleren Donau lebte. Dieser Herzog namens Theoderich erhielt eines Tages eine Botschaft aus Konstantinopel, von Kaiser Zeno, des Nachfolgers von Anastasius, der sich endlich des aufmüpfigen Emporkömmlings Odoaker in Italien entledigen wollte. In der Nachricht lud Zeno die Ostgoten ein, Italien in seinem Namen wieder für das Reich zu gewinnen und Odoakers Regime zu beenden. Theoderich akzeptierte und der größte Teil der Nation machte sich daran, aus ihren pannonischen Weiden und illyrischen Wiesen in Richtung des sagenumwobenen Italia zu ziehen.
Zeno jedoch bekam jedoch mehr als er erwartet hatte; viel zu spät erkannte er, dass die kostbaren italienischen Provinzen jetzt in Händen waren, welche die Aufgaben des Regierens viel besser wahrnahmen als die des vergleichsweise einfachen Soldaten Odoaker – oder seine eigenen.

Theoderich von Fabrizio Castello

Theoderichs Gaben waren weniger intellektueller Art, sondern ein fast untrügliches Gespür für politische Machbarkeit, Gerechtigkeit, Fairness, Ehre und Ehrlichkeit. In den mörderischen Jahrhunderten der Völkerwanderung ist sein Name einer der wenigen, für die die Benennung „der Große“ vielleicht gerechtfertigt ist. Seine Goten rückten schnell auf Odoaker zu, dem keine andere Wahl blieb, als Sicherheit in Ravenna zu suchen, wo er einer gotischen Belagerung fast drei Jahre lang widerstehen konnte. Doch in der Ausübung seiner Pflicht begang Theoderich, mit seiner eigenen Hand (so wird es gesagt), das einzige Verbrechen seines Lebens. Als, im März 493, die Situation für beide Parteien unerträglich wurde, formulierte eine diplomatische Mission den Vorschlag, dass Odoaker und Theoderich Italien und einige Nachbarprovinzen [Sizilien, Dalmatien, Noricum und Bayern] gemeinsam regieren sollten, wie einst die Konsuln die frühe Republica Romana regiert hatten. Edward Gibbon berichtet uns nun, was aus der famosen Idee wurde:

Ein Friedensvertrag wurde vom Bischof von Ravenna ausgehandelt; die Ostgoten wurden in die Stadt gelassen und die verfeindeten Könige stimmten zu – unter der Sanktion eines Eides – mit gleichberechtigter Autorität über die Provinzen Italiens zu regieren. Den Ausgang einer solchen Vereinbarung kann man sich leicht denken. Nach einigen Tagen, die dem Anschein von Frieden und Freundschaft gewidmet waren, wurde Odoaker, in der Mitte eines feierlichen Banketts, durch die Hand, oder zumindest auf Befehl seines Rivalen, ermordet.
Geheime Aufträge waren vorher erteilt worden; die treulosen und habgierigen Söldner Odoakers wurden im selben Moment und ohne Widerstand allgemein massakriert; und die Übernahme des königlichen Titels durch Theoderich wurden von den Goten ausgerufen, mit der säumig erteilten, zurückhaltenden, und mehrdeutigen Zustimmung des Kaisers des Ostens. Die Reputation Theoderichs stieg bald rapide an, im Vertrauen auf dem sichtbaren Frieden und den Wohlstand einer Regierungszeit von 33 Jahren, der einhelligen Wertschätzung seiner eigenen Zeit und der Erinnerung an seine Weisheit, seinen Mut, seine Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die sich tief in den Köpfen der Goten und Italiener manifestierte. [Theoderich I, 5. März AD 493 bis 30. August AD 526].”

Liebig Tradecard S824 - Invasion of the Ostrogoths (Liebig's Beef Extract The Migration of People Belgian issue, 1905 Theodoric, leader of the Ostrogoths
Liebigs Fleischextrakt Tradecard S824 – Invasion der Ostgoten (Liebig’s Beef Extract – The Migration of People) Belgische Ausgabe, 1905 (Theoderich, Anführer der Ostgoten)

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“Zenos wachsende Ängste erwiesen sich als völlig gerechtfertigt, als nach dem Tod Alarichs des Zweiten in Vouillé, Theoderich mit der Regentschaft über das Reich der Westgoten in Spanien betraut wurde – als Vormund von Eurich, Alarichs ältestem Sohn [hier scheint Gibbon einiger Verwirrung zu unterliegen, für Alarichs Söhne siehe Amalarich]. Sollte es Theoderich gelingen die Goten wieder zu vereinen und sie gegen Konstantinopel zu führen, wäre der Fortbestand des Oströmischen Reiches ernsthaft in Gefahr. Doch Theoderich strebte nicht nach weiteren Eroberungen, die, wie er glaubte, nicht sinnvoll mit der begrenzten Anzahl von Truppen, die ihm zur Verfügung standen, kontrolliert werden könnten. Stattdessen betonte er in den Botschaften, die er an seine germanischen Nachbarn richtete, die Notwendigkeit der Einheit gegen ihre Feinde; das heißt, gegen Byzanz.”

Theoderich hatte diese Feindschaft richtig diagnostiziert, was schließlich zu seinerseits unbeabsichtigten Folgen für das Ostreich führte. Deshalb werden wir einen detaillierteren Blick auf die Ereignisse des zweiten Quartals des sechsten Jahrhunderts werfen. Die wesentlichen Veränderungen der politischen Landkarte rund um das Mittelmeer in der Generation nach Zeno und Theoderich wurden in diesen Jahrzehnten von Kaiser Justinian provoziert, dessen kaiserliche Reconquista, könnte man argumentieren, gegen die eigentlichen Interessen des Reiches verstieß. Theoderich hatte den verbliebenen Kernprovinzen des Westens Stabilität gebracht; Stabilität, von der Justinian hätte profitieren können, anstatt sie zu gefährden. Chris Wickham erklärt:

“Theoderich regierte Italien von Ravenna, der westlichen Hauptstadt, aus, mit einer traditionellen Verwaltung – einer Mischung von römischen Senatoren und Karriere-Bürokraten; er respektierte (wie Odoaker) den römischen Senat, und unterzog sich einem feierlichen Besuch der Stadt im Jahre 500, mit formellen Besuchen in St. Peter, dem Senatsgebäude, und dem Kaiserpalast auf dem Palatin, wo er über Spiele gebot wie jeder andere Kaiser. … Das Verwaltungs- und Steuersystem hatte sich kaum verändert; dieselben traditionellen Landbesitzer dominierten die Politik, neben einer neuen (aber zum Teil romanisierten) gotischen bzw. oder ostgotischen militärischen Elite.”

Das Ostgotische Italien war das „römischte“ alle germanischen Königreiche im Westen und hätte leicht so bleiben können. Tom Holland (“In the Shadow of the Sword”, Doubleday Books 2012, ISBN 978-0-385-53135-1) beschreibt die Wirkung von Theoderichs langer Regierung folgendermaßen:

Ob gegenüber den Massen im Forum, beim Abschlachten von barbarischen Haufen jenseits der Alpen, oder durch den Bau von Schlössern, Aquädukten und Bädern, demonstrierte er glorreich, wie ‚römisch‘ ein König von ‚Foederati‘ (Verbündeten) wirklich sein könne. Zur Zeit seines Todes 526 hatte er länger als Meister Italiens regiert als jeden Caesar, mit Ausnahme von Augustus selbst. Deshalb scheint es den Köpfen der meisten Italiener kaum aufgefallen zu sein, dass sie nicht mehr zu einem römischen Reich gehörten.“

Ostgotische Fibula (Germanisches Nationalmuseum Nuremberg)
Ostgotische Fibula (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Doch das Erscheinen neuer Charaktere auf der Bühne von Byzanz änderte das politische Bild bald vollständig – im Jahr 527, ein Jahr nach Theoderichs Tod, fiel die Macht des Ostreiches dem neuen Kaiser Justinian zu, einem Neffen des früheren Kaisers Justin. Unterstützt wurde dessen Regierung bald von drei berühmten oder berüchtigten (sagt Prokop) Mitstreitern: der Kaiserin Theodora, des Generals Belisarius und des talentierten Eunuchen Narses.

Mosaik von Justinian in der Basilika San Vitale in Ravenna

Justinian, den die pflichtvollen Anpreisungen seiner Höflinge bald als „den Großen“ bezeichneten, war der Sohn eines bulgarischen Hirten, der seine Herde irgendwo in der Nähe der heutigen Sofia grasen ließ. Der Jungspund, noch unter der Vormundschaft seines Onkels Justin, fand schließlich nach Konstantinopel, cum Onkel und zwei weiteren Dorfbewohnern, die sich bei ihrer Ankunft in die Legionen eintrugen. Der Onkel erwies sich als fleißiger, wenn auch nicht außerordentlich begabter Soldat, aber in einer Zeit, in welcher durchschnittliche Leistung, gemessen an alten Standards, als Heldentum galt, wurde er stetig befördert: zum Tribun, dann zum Senator; und schließlich zum Befehlshaber der Palastwache. Er behielt nicht nur Leben und Glück anlässlich des heiklen Anlasses des Todes von Anastasius im Jahr 518, sondern ging aus der momentanen Verwirrung im Besitz des kaiserlichen Diadems und des Purpurs hervor – auf welche Anastasius in der vorigen Nacht verzichten musste.

Justins Alter, anlässlich dieser wichtigsten Beförderung seines Lebens, war schon achtundsechzig, und da er ein tapferer, aber nicht besonders gebildeter Mann war und regierte, ohne des Schreibens oder Lesens mächtig zu sein, hatte er sich in Angelegenheiten des Reiches immer auf dem Rat seines Quästors Proclus verlassen und seinen Neffen Justinian als Thronfolger herangezogen.

Ein paar Jahre vergingen ohne bemerkenswerte Ereignisse, bis eine alte Wunde, die beharrlich eiterte, trotz der Mobilisierung aller Ärzte der Hauptstadt Justin seines Lebens beraubte. Sein letzter Akt zur Festigung des Staates war, in Gegenwart der Senatoren und Exzellenzen des Reiches, das Diadem der Kaiserwürde auf den Kopf seines Neffen zu drücken, der zur Zeit dieses bewegenden und nützlichen Anlasses 45 Jahre alt war. Die anschließende Herrschaft des Kaiser Justinian wird ausführlich in den Werken des Historikers Prokop von Caesarea beschrieben, der als Patrizier und Senator während Justinians Regierungszeit in Konstantinopel lebte. Er hat uns mit umfassenden Beschreibungen der Tätigkeit seines Souveräns als Gesetzgeber, Baumeister (vor allem von Kirchen), Kriegsherr – im Zusammenhang mit den Feldzügen seiner Generäle – und Fluch der Menschheit versorgt.

Als letzteren besonders – in seiner berühmten Geheimgeschichte, den „Anekdota“ – beschrieb Prokop ausführlich den schändlichen und schädlichen Einfluss der berühmten Theodora, von Justinian von ihrer vorherigen Tätigkeit (beliebteste Stripperin und teuerste Dirne der Hauptstadt), zur First Lady befördert, zur Kaiserin und, post mortem, Heiligen. Die Geschichte ist einfach zu saftig um ignoriert zu werden und hier ist Tom Hollands Version:

“Sogar ihre erbittertsten Kritiker – von denen es viele gab – mussten zähneknirschend zugeben, dass Theodora, Gefährtin und Geliebte des Kaisers, eine Frau von außergewöhnlichen Fähigkeiten war. Gewitzt, weitsichtig und kühn, rangierte sie, nach Ansicht von Justinians boshaftesten Kritikern, als weitaus größerer Mann am Hofe als ihr Mann es jemals tat.
Man munkelte, dass sie, auf der Höhe der tödlichen Ausschreitungen von 532, des Nika-Aufstands, als Konstantinopel in Flammen aufging und Justinian nervös die Flucht erwog, das kaiserliche Rückgrat stärkte, indem sie in einer herrlichen Schau von Überheblichkeit erklärte, dass „Purpur das schönste Leichentuch“ wäre.

Stahl solcher Qualität in einer Frau war beunruhigend genug für die römische Elite; aber schlimmer noch waren die Ursprünge der Kaiserin. Wie eine exotische Blüte aus dem Dung emporwächst, so hatte die Kaiserin ihre Wurzeln, so wurde es dunkel geflüstert, tief im Dreck. Tänzerin, Schauspielerin und Komikerin wäre sie gewesen – sie hätte jedoch, so wurde gemunkelt – schon lange vor der Pubertät – mit Sklaven und Mittellosen viel anrüchigere Fertigkeiten geübt …

Ihre Vagina, so hieß es, könne genauso gut in ihrem Gesicht sitzen; und in der Tat so groß war die Verwendung, die sie für alle ihre drei Öffnungen hatte, dass „sie sich oft beschwerte, dass sie nicht auch in ihren Brustwarzen Öffnungen hatte.“ Den Gang-Bang, der sie ermüden würde, hat es nie gegeben. Das Skandalöseste, so wurde getuschelt, war ihr erotisches Markenzeichen – eine Boden-Show, die sie liegend auf ihrem Rücken sah, ihre Genitalien mit Getreide bestreut, und darauf wartend, dass Gänse die Krumen einen nach dem anderen mit ihren Schnäbeln herauspickten. Das waren die Talente, so höhnten ihre Kritiker, die für sie die vernarrte Hingabe des Herrn der Welt gewonnen hatte. Doch unterschätzte solcher Spott sowohl den Mann als auch die Frau.”

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Theodora by Edouard Frederic Wilhelm Richter
Theodora, von Edouard Frederic Wilhelm Richter

In unserem Zusammenhang ist jedoch die Außenpolitik – die Vorteile und Nachteile Justinians Eroberungspolitik – von größerem Interesse als des Kaisers private Vergnügungen. Er hatte das Glück – das Empire im Nachhinein vielleicht die Bürde – sowohl das militärische Genie als auch die zivile Unentschlossenheit des großen Generals Belisar unter seinem Befehl zu haben.

Es war Justinians Herzenswunsch, die verlorenen Provinzen des Westens unter römische Herrschaft zurückzubringenden: Britannia, Gallia und Hispania vielleicht später, aber so bald wie möglich Afrika, wegen seines Getreides und Italien, das ursprüngliche Kleinod des Imperiums. Aber andere Probleme, das heißt, die ewigen Perserkriege, hatten Vorrang. Die östliche Grenze des Reiches lag zwar seit Jahrhunderten fest am oberen Euphrat, aber die grenzenlosen Zugänge quer durch die arabische Wüste konnten unmöglich effektiv geschützt werden.

Könige der Parther und Perser und ihre Armeen hatten die Grenzen Roms regelmäßig überschritten – des Öfteren auch ungestraft. Ab dem vierten Jahrhundert hatten die Römer, in einer Zeit militärischen Verfalls, häufig Gegenangriffe durch finanziellen Unterstützung der friedliebenden persischen Könige ersetzt; im Jahr AD 532, beispielsweise, nach fünf Jahren Grenzkrieg, belief sich Justinians Zuwendung zum persischen Schatzamt auf 11.000 Pfund Gold – diese Beihilfe sollte, wie im zugrundeliegenden Vertrag angegeben, nichts weniger als einen ewigen Frieden zwischen den beiden Reichen bewirken.

Wie die Zukunft zeigte, hielt die Ewigkeit im Durchschnitt circa zehn Jahre, außer sie wurde durch regelmäßige extrakurrikuläre Zuwendungen verlängert. Aber der Frieden von 532 (der bis 540 hielt) erlaubte Justinian den ersten Schritt in den Westen. Sein Instrument war ein General, dessen militärischen Taten ihm Vergleiche mit Caesar und Alexander bescherten, dessen zivile Unsicherheit ihn aber zu den Schwachen und Zögerlichen dieser Erde zählen lässt.

Der Soldat Belisarius war – nicht weit von wo des Kaisers Vater seine Schafe geweidet hatte – auf den Ebenen von Thrakien geboren. Seine militärische Laufbahn verlief gleichmäßig und erfreulich und gipfelte in dem Befehl der privaten Wachen des Prinzen Justinian. Als der Prinz in die königliche Würde erhoben wurde, wurde der Soldat zum General befördert.

Belisarius - François André Vincen
Belisarius – François André Vincen

Als Justinian einen Kommandanten suchte, dem er den ersten Schritt zum Wiederaufbau der Herrlichkeit des Reiches anvertrauen konnte, war er zuerst nicht in der Lage, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Endlich, vielleicht aufgrund des intimen Umgangs den Belisars Frau Antonina mit der Kaiserin Theodora pflegte, wurde ihr Mann mit der Führung des glorreichen Unternehmens betraut. Aufgrund der mangelnden Bereitschaft seines Souveräns, beträchtliche Summen in die Sanierung des Reiches zu investieren, wurden Belisar nur eine kleine Flotte und ein paar Legionen gegeben, um Afrika den Vandalen zu entreißen.

Gegen alle Chancen und Widerstände gelang die ehrgeizige Mission: es war der erste Feldzug in dem Belisarius seine außergewöhnliche Führungskraft bewies. Aber um das Defizit in der Reichskasse zu ersetzen, das in die Ausrüstung von seiner Armee gegangen war, verfolgte ein „räuberischer Minister der Finanzen“ die Spuren Belisars und die unglückliche Provinz hatte nicht nur die regulären Steuern zu bezahlen, sondern dazu noch eine besondere „Befreiungsgebühr“.

Die Vandalen hatten die alten Steuerregister zerstört und als neue geschaffen wurden, vergaßen die Quästoren nicht, eine zusätzliche Gebühr hinzuzufügen, um sich eine gerechte Entschädigung ihrer eigenen Arbeit zu sichern. Entvölkerung folgte dem finanziellen Ruin und Edward Gibbon zitiert Prokop, der auf seiner ersten Landung in Afrika mit Belisar in AD 534 „die Bevölkerungsdichte der Städte und Landes bewunderte, welche bewandert waren in allen Arbeiten des Handels und der Landwirtschaft. In weniger als zwanzig Jahren hatte sich die geschäftige Szene in eine stille Einsamkeit gewandelt; die reichen Bürger waren nach Sizilien und Konstantinopel geflüchtet; und der geheime Historiker [Prokop] schildert als Tatsache, dass fünf Millionen Afrikaner Opfer der Kriege und der nachfolgenden Regierung des Kaisers Justinian wurden.

Obwohl Prokop nicht über die allgemeine Tendenz der Historiker der Antike erhaben war, ihre Zahlen zu übertreiben, bleibt als Tatsache, dass der Reichtum von Afrika Provincia von nun an ständig zurückging und das Gebiet seinen früheren Status als Kornkammer des Reiches verlor. Belisar war kein Politiker und es darf bezweifelt werden, ob er sich der gefährlichen Nebenwirkungen seiner Eroberung bewusst war. Er musste sich einer anderen Ablenkung zuwenden.

Dass ein Sieg in der Ferne, insbesondere wenn nicht unbedingt erwartet, ein gewisses Maß an Misstrauen am Hofe eines zweifelnden Monarchen auslösen kann, ist vielleicht ein recht häufiges Vorkommnis. Kaum war die Nachricht von dem Sieg über die Vandalen in Byzanz eingetroffen, als die subalternen Offiziere, die es bevorzugt hatten, in der Sicherheit der Hauptstadt zu bleiben anstatt die Gefahr oder die Herrlichkeit des Schlachtfeldes zu umwerben, begannen den Kaiser über das zuverlässige Gerücht aufzuklären, dass Belisarius die Absicht hegte sich zum König von Afrika zu erklären.

Als der misstrauischen Monarch bei seinem General anfragen ließ, ob er bald nach Konstantinopel zurückkehren würde oder durch dringende Geschäfte in Afrika aufgehalten sei, verstand Belisar die Stimme seines Herrn und erkannte Vorboten von Justinians Rachsucht. Er erschien tout de suite in Konstantinopel, wo ein dankbarer und freudig erregter Justinian ihm einen Triumphzug spendierte, den ersten für einen Nicht-Kaiser seit den Tagen des Tiberius.

Ein optimistischer Justinian plante sodann den nächsten Schlag und eine etwas größere Flotte und Armee wurde für Belisars anschließende Aufgabe präpariert: Italien und Dalmatien aus den Händen der Arianer zu befreien, das heißt, aus den Händen der ostgotischen Ketzer. Dass sein Vorgänger Zeno die Goten persönlich nach Italien eingeladen hatte, wohl wissend ihres Glaubens, entschied sich Justinian zu übersehen.

Die Gotenkriege standen immer, was oft übersehen wird, in direktem Zusammenhang mit der Lage an der persischen Front, wo der Krieg nie aufhörte. Weder Belisar noch Justinian waren in ihren Entscheidungen völlig frei – die verfügbaren militärischen Mittel gegen die Goten hingen immer von der Situation am Euphrat ab

Tatsächlich ist es schwer zu sagen und die Meinungen der Historiker gehen darüber auseinander, ob die Wiederherstellung des Weströmischen Reiches Justinians Ziel per se war oder die Vernichtung der Ketzer, oder ob beide Motive sich ergänzten. Er hatte theologische Probleme in seinem eigenen Haus, denn Theodora war eine glühende Monophysitin, und um des häuslichen Friedens willen musste der Kaiser dies – und damit auch ihre religiöse Gemeinschaft – tolerieren; ein Zugeständnis welches seinem ausgeprägten Katholizismus wohl nicht leichtfiel. Einen Blick in die damaligen Verwirrungen der allerchristlichsten Lehre stellt uns hier Tom Holland zur Verfügung:

Im Jahre 451, ein Jahr nach dem Tod von Theodosius II, wurde in Chalcedon, direkt gegenüber dem Kaiserpalast auf der anderen Seite der Meerenge, das bisher größte ökumenischen Konzil der Kirche aufgerufen, welches von nicht weniger als sechshundert Bischöfen besucht wurde. Das Ziel der Konferenz war es – ganz bewusst – die Tendenz zu zügeln, dass lokale christliche Gemeinden ihre eigene theologische Unabhängigkeit entwickelten; identisch mit den Zielen der Regierung (welche die gleichen waren wie Konstantins Absichten anlässlich des Konzils von Nicäa) – eine Zügelung der Vorliebe für lokales Gezänk; diejenigen mundtot zu machen, die nach Ansicht der Autoritäten nicht nur die Einigkeit der Kirche, sondern auch die Sicherheit des römischen Volkes bedrohten.

Auf dem Spiel stand für die Teilnehmer jedoch nicht mehr die Beziehung des Sohns zum Vater – ein Problem das Nicäa längst triumphierend gelöst hatte – aber ein nicht minder großes Mysterium: die Identität des Sohnes selbst. Wie, wollten Christen wissen, hatten seine göttliche und menschliche Natur koexistiert? Waren sie vermischt, wie Wasser und Wein in einem Becher, um eine „mone physis“ zu bilden –einen ‚einzigen Körper‘? Oder hatten die beiden Naturen Christi tatsächlich in seinem irdischen Körper wie ganz verschiedene Einheiten getrennt gelebt, wie Wasser und Öl? Hatten beide – sein menschliches als auch sein göttliches Wesen Geburt, Leiden und Tod erlebt, oder war es die widerlichste Gotteslästerung zu erklären, wie es einige Bischöfe taten, dass Gott selbst – in personam – „für uns gekreuzigt“ wurde?
Knorrige Fragen – nicht leicht zu lösen. Das Konzil von Chalcedon tat jedoch sein Bestes und ein entschlossener Mittelweg wurde proklamiert. Das gleiche Gewicht wurde sowohl den göttlichen als auch den menschlichen Elementen Christi zuerkannt, welcher „zugleich wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch war.“ Diese Formel, von einem Bischof aus Rom entwickelt und mit freudiger Zustimmung des Kaisers publiziert, schien die Christen sowohl des Westens als auch denen Konstantinopels eminent vernünftig – so sehr, dass nie wieder versuchen würden sie zu ändern oder aufzuhebe
n.

In der Praxis jedoch wirkte das Ergebnis des Rates gegen die Monophysiten und zugunsten einer katholischen Kirche die – mit Unterstützung des Kaisers – die Verfolgung Andersgläubiger intensivierte. Während die Privatsphäre seines Palastes Justinian religiöse Toleranz erlaubte und ihn zur Mäßigung in der Frage der monophysitischen Abweichler drängte, forderte das öffentliche Bekenntnis der Goten und Vandalen zum Arianismus nicht nur seinen katholischen Glauben heraus, sondern indirekt auch seine weltliche Autorität. Belisar wurde herbeigerufen und erhielt seinen zweiten Befehl: nicht nur wieder Italia, die Herrlichkeit des Reiches, und Rom, sein Kleinod, wieder dem Kaiser zuzuführen, sondern auch Millionen von Seelen aus der religiösen Unterdrückung durch ihre verirrten gotischen Meister zu befreien.

Das Ziel der neuen Offensive, das ostgotische Italien sowie seine Anhängsel, hatte sehr unter dynastischen Komplikationen nach des großen Königs Tod gelitten, und „Machtkämpfe zwischen Theoderichs Erben zwischen 526 und 536 führten zu einer schweren Entfremdung zwischen der Regierung und Teilen der aristokratischen Elite, von denen viele in Konstantinopel Zuflucht suchten. Belisars zweite westliche Kampagne, begonnen im Jahre 536, wurde ein weiterer Erfolg, so schien es – er schlug gotische Armeen bei drei verschiedenen Gelegenheiten und deren Macht verminderte sich rapide, obwohl sie im Besitz einiger weniger Stützpunkte blieben.

Die Nachricht von Belisars Rückeroberung Italiens verbreitete sich rasend schnell durch das Reich – und fütterte wiederum Justinians Misstrauen. Der Held wurde ein zweites Mal nach Hause gerufen, aber brachte bei seiner prompten Rückkehr das königliche Paar der Ostgoten mit (Witichis, einen Mann des Militärs und seine Frau Matasuntha, Theoderichs Enkelin – als seine Gefangenen oder Gäste), die einen umfassenden Vertrag unterzeichneten. Die Vereinbarung verpflichtete die Goten in Zukunft zu unbedingtem Gehorsam gegenüber dem Kaiser und führte eine große Anzahl ihrer Jugendlichen den Legionen zu. Eine Lieferung von Geiseln substantiierte, wie es Brauch war, die Gültigkeit des Abkommens.

Aber da „die Eifersucht des byzantinischen Hofes Belisar nicht die vollständige Eroberung Italien erlaubt hatte … belebte seine plötzliche Abreise den Mut der Goten aufs neue [AD 540].“ Was als nächstes passierte, musste Justinians aufs Höchste verdrießen. Ungefähr eintausend gotische Krieger in der Stadt Pavia erhielten Nachrichten aus einer anderen kleinen Garnison, die noch Verona hielt und von einer weiteren, die noch Tirol kontrollierte. Die byzantinische Armee war, nach der Abfahrt Belisars, dem Befehl von elf gleichrangigen Generälen unterstellt worden und die Katastrophe, die eine solche Politik bald verursachen würde, kann man sich unschwer vorstellen.

Boten aus den verbliebenen gotischen Garnisonen in Italien trafen sich inzwischen ungestört mit ihren Kameraden, die noch die nördlichen Grenzen der Donau und die Alpen bewachten, und es dauerte nicht lange den Krieg, den Byzanz gewonnen glaubte, neu zu entfachen. Das Banner der gotischen Monarchie wurde von dem jungen Baduila, genannt Totila, wiederbelebt, der im Frühjahr 542 das vereinigte (überlegene) Heer der römischen Feldherren Constantianus und Alexander in der Schlacht von Faventia vernichtend schlug (Prokop spricht von 5000 Goten gegen 12000 Römer). Seine Sache profitierte danach stark von der Habsucht und den unerhörten Methoden des kaiserlichen Fiskus. Edward Gibbon vergleicht gotische Tapferkeit und byzantinische Korruption in der Tradition von Tacitus:

Saint Benedict receiving Totila, King of the Ostrogoths
Sankt Benedikt empfängt Totila, den neuen König des Ostgoten

Der schnelle Erfolg von Totila kann zum Teil auf den Abscheu zurückgeführt werden, den drei Jahre der Erfahrung oströmischer Verwaltung in den Gefühlen der Italiener ausgelöst hatte. Am Befehl oder zumindest im Namen eines katholischen Kaisers war der Papst Silverius, ihr geistiger Vater, seiner römischen Kirche entrissen worden und auf einer verlassenen Insel verhungert – oder ermordet worden.

Die Tugend und Mäßigung Belisars wurden von den – verschiedenen oder einheitlichen – Lastern von elf Generälen abgelöst, die in Rom, Ravenna, Florenz, Perugia, Spoleto, usw. ihre Autorität zum Genuss von Lust und Habsucht missbrauchten. Zur Verbesserung ihrer finanziellen Situation wurde Alexander verpflichtet, ein subtiler Schreiber, der lange den Betrug und die Unterdrückung, welche in byzantinische Schulen gelehrt wurden, praktiziert hatte, und dessen Spitznamen „Psalliction“ (die Schere), ihm aufgrund des Geschickes verliehen worden war, mit dem er die Größe der Goldmünzen reduzierte, ohne ihre Form zu sehr zu verunstalten. Anstelle die Wiederherstellung des Friedens und der Wirtschaft zu fördern, erhob er schwere zusätzliche Abgaben auf die verbliebenen finanziellen Mittel der italienischen Bevölkerung.

Diejenigen Neubürger Justinians, die dem Steuereintreiber entkamen, wurden Opfer der unregelmäßigen Besoldung der Soldaten, die, von Alexander betrogen und verachtet, ihr Heil in hastigen Expeditionen nach Reichtum oder Lebensmitteln suchten, und so die Bewohner des Landes dazu brachten, ihre Befreiung durch die Tugenden eines Barbaren zu erwarten oder zu erflehen.

Totila war keusch und gemäßigt; und niemand wurde getäuscht – weder Freund noch Feind – der auf seinen Glauben und seine Gnade baute. Den Weingärtnern und Bauern Italiens gab der Gotenkönig die willkommene Zusicherung, dass, sollten sie ihre wichtigen Arbeiten weiterhin verrichten, sich darauf verlassen könnten (gegen die Zahlung der üblichen Steuern), durch seine Tapferkeit und Umsicht von den Verheerungen des Krieges bewahrt würden. … Römische Gefangene und Deserteure wurden durch den Dienst an einem liberalen und höflichen Gegner angelockt; Sklaven wurden durch das feste Versprechen angezogen, dass sie niemals ihren ehemaligen Herren ausgeliefert würden; und aus den tausend Kriegern von Pavia wurde, unter der gleichbleibenden Bezeichnung Goten, unmerklich ein neues Volk im Lager Totilas.

Es ist offensichtlich, wo Gibbons Sympathien liegen, sondern, in der Tat, „die meisten der nichtgotischen Italiener betrachteten die Armeen Justinians bestenfalls neutral.“ Die Pro-Belisar Fraktion des Hofes konfrontierte nun den Kaiser mit dem Argument, dass nur der Rückruf des Helden den erneuten gotischen Aufstand ermöglicht hatte. Es gab nicht wirklich eine Ausrede dafür und irgendwann hatte Justinian keine andere Wahl mehr, als Belisar zurück nach Italien zu schicken. Die kaiserliche Frugalität jedoch beschränkte Belisar auf Truppen, die er mit seinen eigenen Mitteln ausstatten konnte. So kam Belisar in Ravenna mit seinen persönlichen Wachen an, aber sonst wenig anderem Personal oder Mitteln. Prokop zitiert einen Brief, den der gefesselte Held deshalb an seinen kaiserlichen Meister schrieb:

„Exzellenter Fürst, wir sind zwar in Italien angekommen, aber mittellos aller notwendigen Werkzeuge des Krieges, Menschen, Pferden, Waffen und Geld. Bei unserem Zug durch die Dörfer Thrakiens und Illyriens haben wir mit extremen Schwierigkeiten etwa viertausend Rekruten einsammeln können, nackt und ungelernt in der Verwendung von Waffen und den Anforderungen des Lagers.

Die Soldaten, die bereits hier in der Provinz Italia stationiert sind, sind unzufrieden, ängstlich und unmutig; schon bei dem Geräusch eines Feindes lassen sie ihre Pferde im Stich und werfen sich auf den Boden. Da Italien in den Händen der Barbaren ist, können wir keine Steuern erheben; der Mangel an Einkünften hat uns das Recht genommen zu befehlen oder gar zu ermahnen. Seien Sie versichert, Sir, dass der größere Teil unserer Truppen bereits zu den Goten übergelaufen ist.


Könnte der Krieg allein durch die Anwesenheit von Belisarius gewonnen werden, so sind Ihre Wünsche erfüllt; Belisarius ist in der Mitte Italiens. Aber wenn Sie es zu erobern wünschen, so sind ganz andere Mittel erforderlich: ohne militärische Gewalt ist der Titel General nur eine leere Hülle. Es wäre zweckmäßig, mich des Dienstes meiner eigenen Veteranen und Hauswachen zu versichern [welche noch in der Heimat stehen]. Bevor ich das Feld betreten kann, benötige ich ausreichend leichte und schwere Truppen; und nur mit Bargeld können Sie uns die unverzichtbare Hilfe einer mächtigen Abteilung hunnischer Kavallerie beschaffen.“

Belisars eigene Worte verdeutlichen, dass fast neunzig Jahre nach dem allgemeinen Rückzug der Hunnen, der auf Attilas Tod im Jahre 453 folgte, große Teile ihrer Söldner immer noch den Kontinent überfielen. Endlich gelang es dem Helden, einiges an Truppen und Nachschub an der gegenüberliegenden Küste der Adria in Dalmatien zu versammeln und die zweite Expedition zu beginnen, die Italia von den Goten befreien sollte. Rom und Ravenna waren die letzten beiden Plätze, die noch von Justinians Truppen gehalten wurden und daher jahrelang blockiert und belagert worden waren. Die byzantinische Flotte landete im Hafen von Ostia, fünf Meilen von Rom, aber die Nachricht von Belisars Wiedererscheinen erreichte die Stadt zu spät, um die Übergabe der Stadt an den König der Goten durch die ausgehungerte Besatzung zu verhindern. [17. Dezember AD 546]

Francesco Salviati - Portrait von Totila
Francesco Salviati – Portrait von Totila

Wie es Brauch war, baten Totilas Soldaten ihren König um die Erlaubnis, die Wände und Häuser der sündigen Stadt dem Erdboden gleichzumachen, aber der König zögerte – aufgrund einer Nachricht Belisars auf Ratschlag von Procopius – die um Gnade des Königs für die Ewige Stadt bat. Totila verschonte daraufhin Rom, unter den Bedingungen zukünftiger Neutralität der Stadt im Krieg und Gehorsams gegenüber ihm und seinen Nachfolgern – Richtlinien des erträumten neuen Romano-Gotenreichs, sozusagen. Der König verzichtete auch auf die Einrichtung einer ständigen Garnison in der Stadt; ein einziges Regiment Wachen wurde in einem vielleicht fünf Meilen entfernten Lager stationiert, für den Schutz der Stadt gegen Piraten oder Söldner, aber nicht gegen eine reguläre Armee.

Die Milde des Königs wurde schwer bestraft und Totilas Großzügigkeit wurde die Ursache seines Sturzes. Die gotische Armee hatte kaum Latium verlassen, als Belisar die gotische Wache angriff und vernichtete und zum zweiten Mal in Rom einzog [Februar AD 547]. Totila kehrte postwendend zurück, aber drei aufeinanderfolgende Versuche die Stadt im Sturm zu nehmen scheiterten und die neu gebildete Gotisch-Italienische Armee verlor die Blüte ihrer Männer. Bald lähmte schiere Erschöpfung beide Seiten, bis Belisar wieder einmal nach Byzanz berufen wurde und Totila Rom erneut eroberte [AD 549]. Während der gotischen Kriege wechselte die Stadt fünfmal den Besitzer [AD 536, 546, 547,549 und 552].

Es war die Politik Justinians, die Goten einen formellen Frieden zu verwehren, aber das Schatzamt nicht mit den Kosten dieser Kriege zu belasten, und ließ den Gotenkrieg deshalb jahrelang auf kleiner Flamme schmoren. Aber seine Entschlossenheit schwand als gotische Raubzüge in die Provinzen Epirus und Macedonia eindrangen und Konstantinopel selbst in der Reichweite der Barbaren zu liegen schien. Justinian erkannte die Dringlichkeit der Situation und die Schatzkammer wurde verspätet geöffnet – aber nicht für Belisar.

Der Kaiser war nie Vater gewesen, aber er hatte eine Nichte, die den jungen Prinzen Germanus geheiratet hatte, einen Adeligen, von dem die öffentliche Meinung behauptete, dass diese Ehe seine einzige Leistung war.

(Dies ist die Art und Weise wie die Geschichte oft erzählt wird, so etwas wie ein Klischee – und ich wiederholte es um Edward Gibbons willen – in Wirklichkeit jedoch war Germanus ein Neffe von Justin I und somit Justinians Cousin und war mit unterschiedlichem Erfolg Magister militum in verschiedenen Feldzügen gewesen. Vor seinem Aufbruch nach Italien hatte er die sowohl erotisch als auch politisch exzellente Idee, die sagenumwobene Schönheit Matasuntha, Enkelin Theoderichs und Witwe von Totila’s Vorgänger Witichis, zur zweiten Frau zu nehmen – mit Justinians Segen – ein Manöver, das Goten wie Italiker gleichermaßen verlocken sollte die Seiten zu wechseln.)

Der junge Mann wurde nun zum Oberkommandanten der gotischen Expedition ernannt und auf ein Schiff nach Sizilien geschickt, um die Truppen für das glorreichen Unternehmen der Bändigung Italiens und der Goten zu mustern. Die feierliche Inspektion musste jedoch verschoben werden, als der Jungspund plötzlich starb.

Das ganze Reich erwartete nun natürlich die Rückübertragung des gotischen Kommandos auf Belisar, als “die Völker des Reiches durch eine seltsame Nachricht zu einem Lächeln animiert wurden – welche besagte, dass der Befehl über die römischen Armeen einem Eunuchen übertragen worden war”, – dem Domestiken Narses – der „wahrscheinlich der einzige Vertreter seines eigentümlichen Geschlechtes in den Annalen der Militärgeschichte“ wurde. Narses war das komplette Gegenteil von Belisarius: von schwachem Körperbau und unerfahren im Gebrauch von Waffen, war er wohl der einzige Mann – sozusagen – am Hofe Konstantinopels, der es wagte seine Meinung zu sagen.

Er lehnte das Kommando ab, ohne die Mittel, den Erfolg zu erzwingen, und „Justinian gewährte seinem Favoriten, was er dem Helden verweigert hatte: der gotische Krieg wurde aus seiner Asche erweckt, und die Vorbereitungen waren der alten Majestät des Reiches nicht unwürdig. Der Schlüssel des Schatzamts wurde in Narses‘ Hände gelegt, um Vorräte zu beschaffen, Soldaten zu erheben, Waffen und Pferde zu kaufen, den rückständigen Sold zu begleichen, und die Treue von Flüchtlingen und Deserteuren zu versuchen.

Die Expedition von Narses [AD 552-554] war die letzte militärische Anstrengung des Reiches, die den Vergleich mit der glorreichen Vergangenheit aushielt. Es wird berichtet, dass die Römer 80.000 oder mehr Soldaten, meist Söldner, gegen Totila aufbrachten, der, nach den blutigen Verlusten in Rom zwischen AD 546 und 549, wahrscheinlich weniger als zwanzigtausend Mann ins Feld führen könne.  

Battle on Mons Lactarius by Alexander Zick
Die Schlacht am Mons Lactarius, von Alexander Zick

Mit solcher Macht wurden die gotischen Waffen letztendlich geschlagen: Totila starb auf dem Schlachtfeld von Taginae (Busta Gallorum) im Juli 552 und sein Nachfolger Teja führte den Rest der Truppen in eine letzte Schlacht, in einer Schlucht des Mons Lactarius in der Nähe von Mons Vesuvius. Der Rest der Goten, stationiert in den nördlichen Garnisonen, den Alpen und an der Donau, organisierten sich neu und versuchten, mit der Hilfe von fränkischen und alemannischen Söldnern, die Rückkehr nach Italien [AD 533]. Sie wurden ein zweites Mal besiegt, wieder durch Narses in der Schlacht am Casilinus, der – nach einem Anstandsbesuch in Konstantinopel – nach Italien zurückgeschickt wurde, um es, als Exarch oder Leutnant des Kaisers, für die nächsten etwa 15 Jahre [AD 554-568] zu regieren.

Doch etwas viel Schlimmeres als die Vandalen- und gotischen Kriege wartete nun auf die Menschen rund um die Ufer des Mittelmeers. Ein schrecklicher Ausbruch von Beulenpest wurde aus Alexandria im Herbst AD 541 gemeldet und die Handelsschiffe, die von ihren Häfen aus im Frühjahr AD 542 ihr Korn in die ganze Welt lieferten, sorgten für die nahezu weltweite Ausbreitung der Seuche. Konstantinopel wurde ebenfalls von der Epidemie verwüstet, durch die, wie Prokop schrieb, „die ganze Menschheit der Vernichtung nahe kam.“

Auch der Kaiser litt an Yersinia pestis, überlebte aber. Die Krankheit breitete sich über Konstantinopel, über den Bosporus, nach Kleinasien aus und von dort nach Syrien und Palästina. Sie drehte ihre Richtung und verbreitete sich ab AD 543 in den Provinzen des Westens, Afrika, Italien, Gallien und Spanien. Zwei Jahre später schlug sie im Fernen Osten zu und zerstörte das persische Reich nahezu vollständig: große Teile von Mesopotamien, Medien und Persien fanden sich entvölkert. *

Die Pest von Nicolas Poussin
Die Pest von Nicolas Poussin

Insgesamt erwiesen sich die Ergebnisse von Justinians anachronistischen und kurzsichtigen Bemühungen, das Reich wieder aufzubauen, nicht nur als kurzlebig, sondern bewirkten eine finanzielle Katastrophe von der sich das Reich nie erholte.

Die Zerstörung der afrikanischen und italienischen Grundlagen der Steuerbemessung im Zuge der militärischen Besetzungen bewirkte, dass die Monarchie nicht einmal ihre Unkosten zurückgewann. Und da das östliche Reich nie den Schritt machte, die durch öffentliche Steuern bezahlte Armee durch eine vom Landadel gestellte zu ersetzen, implizierten die Steuerverluste direkte Verluste an militärischer Macht. Justinians Eskapaden hatten dem Reich schon fast den Bankrott gebracht und das Nettoergebnis von Kaiser Heraklius‘ [r.AD 610-641] Krieg gegen die Perser zwischen AD 610 und 628 war, dass er, ein Jahrzehnt später, mehr verloren hatte als gewonnen, und noch viel mehr bei den folgenden Angriffen des islamischen Kalifats verlor. Das Kalifat, ironischerweise, „wurde selbst auf römischen Fundamenten wie auch auf persisch-sassanidischen gebaut“, und bewahrte „die Parameter der imperialen römischen Gesellschaft vollständiger als jeder andere Teil der post-römischen Welt, zumindest in dem Zeitraum bis zum Jahre 750.“

Bald nach des Narses’ Tod wurde Italien von den Langobarden besetzt, die sich an der unteren Elbe, in der Nähe der heutigen Hamburg, aufgehalten hatten, bevor sie sich der südlichen Migration der germanischen Stämme anschlossen. Sie waren schon vorher als Söldner verwendet worden, so von Narses gegen die Goten, aber nach dem Gotenkrieg eroberten sie die meisten ländlichen Gebiete Italiens zwischen AD 568 und 570, ohne viel Widerstand der erschöpften Einheimischen zu begegnen.

Aber die Gotenkriege waren vorbei.


* Es waren die Auswirkungen der Pest nach 540 und ihr erneutes Auftreten in Syrien, Palästina und dem oberen Mesopotamien nach AD 600 auf, als auch die ewigen römisch-persischen Grenzkriege, die die Bevölkerung rund um das östliche Mittelmeer und den Fruchtbaren Halbmond in einem Ausmaß reduzierten  – und damit auch die Verfügbarkeit von Soldaten –  welches den Aufstieg  des arabischen Kalifats im siebten Jahrhundert erst möglich machte.

[Weiterführende Links zu diesem Artikel: THEODORA / PROCOPIUS – THE SECRET HISTORY / THE END OF THE LEGIONS und CLOVIS – THE RISE OF THE FRANKS (englische Versionen auf “History of the West“]

(© John Vincent Palatine 2015/19)

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